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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)

Kriegerdenkmal-Weihe in Großen-Buseck

ii. G r o ß en-Du s e ck , 27. Oft. Die Ein­weihung unseresGefallenen-Ehren- males am vorigen Sonntag gestaltete sich zu einer erhebenden Feier, die durch ihre betonte Einmütigkeit einen besonders wohltuenden Ein­druck machte. Im überfüllten Gotteshause fand vormittags ein

Gedächtnisgotlesdienst statt, zu dem der Kriegerverein und der Gesang­vereinHeiterkeit" mit ihren Fahnen geschlossen erschienen waren. Der Posaunenchor und der Ge­sangvereinHeiterkeit" versetzten durch ihre Musik- und Liedervorträge in die rechte Stimmung. 3n ergreifender Weise gedachte Pfarrer Schmidt des Kriegsausbruches, der Taten, des Leidens und Sterbens unserer Helden und des Ringens der Daheimgebliebenen, besonders der Frauen und Alten, die voll festen Willens die Hand an ben Pflug legten. Mit immer wieder aufrichtenden Worten wies er auf die Tröstungen wahren Glau­bens hin und lenkte den Mick von der Vergangen­heit auf die Zukunft.

Um 13.30 Uhr begaben sich der Ortsvorstand, sämtliche Vereine und die Schulkinder in einem ansehnlichen Zuge unter Glockengeläute von der Schule an der Oberpforte zur Kirche, vor der das Ehrenmal errichtet ist. Dort hatte sich bereits eine tausendköpfige Menge eingefunden. Von nah und fern waren Verwandte und Freunde der Ge­fallenen herbeigeeilt, um an ihrer Ehrung teil­zunehmen.

Die Enthüllung.

Der Posaunenchor spielteWir treten zum Beten", die beiden Oberklassen sangen das Lied vom sterbenden Reiter und trugen, wie noch öfter während der Feier, stimmungsvolle Gedichte vor. Dann sprach Regierungsbaurat Kuhlmann (Gießen). Er führte aus, daß auch in der heutigen Rotzeit die Frage, ob man den Gefallenen Ehren­mäler errichten solle, bejaht werden müsse. Sie soll­ten ja nicht nur ein Beweis des Dankes an die Opfer, sondern auch ein ewig mahnendes Zeichen für die Lebenden sein. Hierauf erläuterte er den Gedanken, der dem Entwurf des Denkmals zu­grunde liegt: Wie der auf dem Altar liegende mächtige Eichenast im Sturmwinde vom Baume ge­rissen wurde, so opferten sich die Söhne der hie­sigen Gemeinde auf dem Altäre des Vaterlandes. Die Blätter welken, aber wenn der Frühling ein­zieht, wird der Baum von neuem anheben zu grünen. So wird auch das deutsche Volk nach überstandener Rotzeit wieder seine Kräfte ent­falten. Darauf fiel die Hülle unter Präsentieren der Gewehre des Kriegervereins und Senkens der Fahnen. Leise spielte der Posaunenchor das Lied vom guten Kameraden. Rach der Enthüllung folgte als zweiter Teil der Feier

die Weihe.

Diese wurde eingeleitet durch den von den vier Gesangvereinen unter Stabführung des Musik­

lehrers Ricolai gesungenen MassenchorEs rauschten die Sensen durchs Aehrenmeer hin". Das Lied ist gedichtet von einem Sohn unserer Ge­meinde, Lehrer Kimmel in Allendorf. Es er­zählt von dem Auszug, dem Kämpfen und der Heimkehr der Krieger des Dusecker Tales und dem Dank der Heimat andie Kämpfer der Ehre, die Helden im Streit". Dann hielt Pfarrer Schmidt die Weiherede. Seinen von tiefem Ernst getragenen Ausführungen lag die Forde­rung:Pflicht, Recht, Liebe, Wahrhaftigkeit, seiet dankbar den Gefallenen, zeigt euch ihrer würdig!" zugrunde. 3n der Gedächtnishandlung verlas der Geistliche die Ramen der auf vier Bronzetafeln ausgezeichneten 51 Gefallenen. Darauf setzte Trauergeläute ein, während die Anwesenden still ihrer auf dem Felde der Ehre gebliebenen Ange­hörigen gedachten. Ein weiterer SchülerchorTrö­stet mein Volk', das von dem Posaunenchor vor­getragene Largo von Händel und Gebet des Geist­lichen schlossen den zweiten Teil ab. Rach dem Ehrengruh des Kriegervereins folgte

die llebernahme des Denkmals

in den Schuh der Gemeinde. Bürgermeister Gans sprach mit markigen Worten von dem Dank, den die Gemeinde den Gefallenen zolle, und der Pflicht aller, es ihnen nachzutun in Gewissenhaftigkeit und Treue. Er werde es als seine besondere Aufgabe ansehen, das Denkmal in pflegende Obhut zu nehmen. Darauf sprach er allen, die an der Er­bauung des Ehrenmals beteiligt waren, und zur Ausgestaltung der Feier beigetcagen hatten, Dank aus. Eine kernige Ansprache hielt auch der Pro­vinzialrabbiner 5>r. Sander, der, wie der evan­gelische Geistliche, zur Einmütigkeit und zu festem Zusammenstehen zur Ueberwindung der Rotzeit aufforderte. Mit tiefempfundenen Dankesworten legten Bürgermeister Gans für die Gemeinde, K. Rink für die Kriegsbeschädigten, K. B o n a - r i u s für sämtliche Vereine und Rektor Inder- t h a l für die Schule wundervolle, ganz in Grün gehaltene, mit großen Weißen Schleifen und ent­sprechender Aufschrift versehene Kränze nieder. Rektor I n d e r t Hal führte noch aus, daß das deutsche Volk den Krieg nicht so heldenhaft hätte durchführen können, wenn nicht neben dem Eltern­haus dje Schule Gehorsam und Pflichtbewußtsein tief in die Seele des Volkes gepflanzt hätte. Rach einem Sprechchor der Oberklassen, dem gemein­samen LiedEin feste Burg ist unser Gott" und dem Segen durch den Geistlichen schloß die bei allen Teilnehmern in immerwährender Erinnerung bleibende erhebende Feier.

Der Herbstwind wehte das welke Laub von den vor dem Ehrenmal stehenden alten Akazien und Linden, und verheißungsvoll grünte das junge Gras der neuen gärtnerischen Änlagen im letzten Sonnenscheine.

Ur. 255 Zweites Blatt

ZwischeMlantikundpazifik.

Von Otto Corbach.

Jedes Schulkind weiß, daß die Erde eine Kugel ist, aber im politischen Leben der Völker Europas beginnen erst heute sich die Begriffe im Sinne der Kugelgestalt der Erde zu wandeln. Die Entdeckung überseeischer Länder durch euro­päische Seefahrer hatte jahrhundertelang für europäische Staatsmänner nur die Bedeutung einer immer größeren Ausweitung ihres Macht­spielraums; ihre traditionelle europäozentrische Einstellung zu den Vorgängen auf unserem Planeten blieb unerschüttert. Auch der amerika­nische Unabhängigkeitskrieg änderte daran bis in die jüngste Zeit wenig. Die freien Völker der Reuen Welt" zogen sich auf sich selbst zurück und selbst die nordamerikanische Union ent­wickelte viele Jahrzehnte hindurch keinerlei Ehr­geiz, die Kreise ehrgeiziger europäischerWelt­politik" zu stören. Erst durch den Weltkrieg ver­schob sich der Schwerpunkt des atlantischen Kultur­kreises von London nach Washington. Seitdem entwickelte sich Moskau als ein von Westeuropa unabhängiges eurasisches Energie­zentrum, und jetzt scheint Tokio auf einer dramatischen Tagung des Genfer Völkerbundes mit Erfolg seine Geltung als Mittelpunkt eines unabhängigen pazifischen Kulturkreises durch­gedrückt zu haben.

Man muh eine ungefähre Vorstellung davon gewinnen, wie sich auf solche Weise ein politi­scher Globus gestaltet, um zu verstehen, um was es sich eigentlich bei allen neuerlichen welt­politischen Konferenzen handelte und im be- sondern jetzt wieder bei dem Besuch des fran­zösischen Ministerpräsidenten L a v a l in Washing­ton handelt. Die auffallende Unentschlossenheit, die sowohl britische wie amerikanische Staats­männer seit dem großen Kriege gegenüber Frankreich als der kontinentaleuropäischen Vormacht an den Tag legen, findet ihre Er-v klärung in der gemeinsamen Sorge angelsächsi­scher politischer Kreise um die Zukunft ihrer pazifischen Macht st ellungen. Das Entstehen und Werden des französischen Kolonialreiches war nie in irgendwie beträcht­lichem Maße eine Angelegenheit der Ausbreitung der Völker weißer Rasse. In französischen Ko­lonien spielen Siedlungen von hellhäutigen Men­schen noch heute nur eine geringe Rolle, und es handelt sich dabei zudem vorwiegend u m afrikanische Länder, wo die traditionelle Vorherrschaft europäischer Kolonialmächte vor­erst wenig erschüttert ist. Hingegen sind die angelsächsischen Mächte verantwortlich für das künftige Schicksal jener überseeischen Gemein­wesen, die sich aus einer europäischen Massenauswanderung entwickelten, und diese sind von den politischen Entfaltungsmög­lichkeiten erwachender asiatischer Völker, allen voran der Japaner, unmittelbar bedroht.

Die französische Diplomatie hat aus dem un­schlüssigen Pendeln der Wachsamkeit britischer und amerikanischer Staatsmänner zwischen Vor­gängen im atlantischen und solchen im pazifi­schen Kulturkreise seit dem großen Kriege den größten Vorteil zu ziehen gewußt. Sie konnte durch eine zuverlässige Haltung die britische See­macht hindern, sich zur Wahrung überseeischer Interessen zu zerstreuen, sie konnte nicht minder die Kreise amerikanischer Dollar-Diplomatie auf dem europäischen Kontinent stören, und sie konnte durch Quertreibereien gegenüber angelsächsischen Flottenverständigungsbemühungen sogar die Aus­breitung der japanischen Machtsphäre begünstigen.

Run hat sich Japan in Genf zum erstenmal einer wirklichen Einheitsfront der abend­ländischen Mächte gegenübergesehen, und wenn es trotzdem vorläufig nicht gelungen ist, es von dem Standpunkte abzubringen, daß es in der Zone der südmandschurischen Bahn auch militärpolitisch ebenso frei schalten und walten dürfe, wie die nordamerikanische Union in der Panama-Kanal-Zone, so soll doch gerade die französische Anregung, die Union für einen K o n s u l t a t i v p a k t" zu gewinnen, dazu dienen, ein zureichendes Druckmittel gegen Japan zur Preisgabe seiner ostasiatischenMonroe-

Die pontinischen Gefilde.

Don Or. Gustav W. Eberlein, Rom.

Rur ein.Genie, so hieß es seit Jahrzehnten, könne die römische Frage lösen. Wer aber der Pontinischen Sümpfe Meister werde, der müsse mächtiger sein, so sagte man seit Jahrhunderten, als Kaiser und Päpste.

Man rast die Via Appia hinunter, die Königin der Straßen, der ihr Erbauer, jener blinde Zensor, den Ramen gab. Ein für Fußgänger tagelanger Damm, schneidet sie schnurgerade durch die Sümpfe. Und es war der gleiche Appius Claudius, dem mitten im Kriege der Gedanke kam, etwas Ordnung in das Durcheinander fau­lender Wasser und Wälder, ersaufender Städte und Kulturen zu bringen. Damals schrieb man, wenn der alte Witz erlaubt ist, weil man sich in den alten Kalendern so schwer zurechtfindet, das Jahr 312 vor Christus. Appius Claudius schei­terte an der Größe seiner Aufgabe.

Als man ein bißchen später, so gegen zehn Menschenalter etwa, Cäsar auf die liegengeblie­bene Arbeit aufmerksam machte und ihm sagte, unter den Volskern seien hier Rekordernten ver­zeichnet worden, wollte natürlich auch er wieder Kornkammern aus den Sümpfen machen. Dann versuchte sich Augustus daran. Rerva. Trajan. Theoderich, der König der Goten. Alle, alle lockte das Titanenhafte, mehr der Ruhm als der wirtschaftliche C.winn.

Es war nichts damit. Denn sie alle stellten das Technische über das Menschliche, wußten nicht oder wollten nicht wissen, daß es der freie Bauernstand gewesen war, der durch seiner Hände Arbeit die zerstörenden Dergwasser gebannt und damit die Sumpfbildung verhindert hatte. Mit seiner Freiheit ging auch der natürliche Schuh­wall unter. Die Wälder hätten vielleicht noch länger Widerstand geleistet, aber unter den Päpsten wurden sie obgeholzt, weil das Volk mit besonderer Zähigkeit an seinen Waldgöttern hing. Run konnte sich die Ratur zurückbilden bis in die Schöpfungslandschaft hinein, als nur Wasser und Etj)e war.

Wohl griffen auch die Päpste zu, wo ihren Dorherrschern der gelbe Tod den Spaten aus der Faust geschlagen hatte. Roch heute läuft die Linea Pia", ein Hauptkanal Pius VI., neben der

Doktrin" zu schaffen. Der Sinn eines solches Paktes würde darin bestehen, daß Amerika FrankreichsSicherheitspolitik" in Europa irgendwie, sei es auch nur durch wohlwollende Reutralität" im Falle einer Völ­kerbundsaktion gegen einen Störer der durch den Versailler Frieden festgesetzten heiligenOrd­nung", verbürgen hülfe, während Frankreich da­für sorgte, daß der Völkerbund sich von der Union zugunsten einer aktiven und nachdrück­licheren politischen Betätigung im Fernen Osten ins Schlepptau nehmen ließe.

Borahs temperamentvolle Offenherzigkeiten haben bewiesen, daß man in den Vereinigten Staaten nach wie vor wenig Verständnis für den französischen Sicherheits-Komplex hat, und es ist noch sehr fraglich, ob sich in diesem Punkte amerikanische und französische Mentalität je auf einen Renner bringen läßt. Es scheint auch, als habe man auf französischer Seite die Be­deutung überschätzt, die man in Washing­ton heute noch einer Mitwirkung europäischer Mächte an einer endgültigen Regelung politi­scher Machtverhältnisse im Fernen Osten beimißt.

Via Appia her, aber größere Erfolge mußten aus­bleiben, weil man sich mangels präziser Mes­sungsmethoden niemals über die Gefällunter- schiede des inzwischen völlig verwüsteten Ge­ländes klar wurde. Die Sümpfe lagen jetzt in einer flachen Wanne zwischen den kahlen Dolsker- bergen und den Dünen, es wimmelte von unter­irdischen Quellen und das Meerwasser drang unterirdisch in die unter seinem Spiegel liegen­den Becken. Auch die mächtigsten Kanäle muhten infolgedessen in Regenzeiten versagen, ja, man war gezwungen, sie wieder anzuschneiden, um den Ueberschuh der urplötzlich herabschießenden Wassermengen abzuleiten, mochte er hinlaufen, wohin er wollte. Wie ein Fluch lag es über dem verfemten Lande, wie ein biblischer Fluch. Da ließen auch die Päpste die Arme sinken.

Und der gelbe Tod herrschte unumschränkt.

Weh dem, der leben mußte in seinem Bereich! Man ahnte ja noch nichts von der keimtragenden Stechmücke, der Anopheles, man führte die furcht­bare Krankheit, wie noch heute ihr Name besagt, einfach auf die mal aria, die schlechte Luft zurück, wurde geboren und siechte dahin.

Einmal habe ich mich in den mörderischen Sümpfen verfahren. Die Sonne stand schon tief, die Anopheles, fingen an zu schwärmen, ich hatte kein Chinin bei mir, und das Benzin ging, er­bleichend mußte ich's feststellen, zur Reige. Un­geheuerlich gehörnte Büffel bliesen mir, als der Wagen steckenblieb, ihren feuchten Atem ins Ge­sicht, daß ich nicht wußte, ob meine Stirne davon naß war oder vor Angst, aus der Oede nicht mehr zurückzufinden. Die paar Menschen, die hier Hausen, sind unberechenbar, die Wildnis steckt ihnen im Blut; ich dachte an den Hirten, der ein Mädchen, das ihn verschmähte, samt ihrer ganzen Familie in ihrer Strohhütte einschloß, Feuer daranlegte und in das Prasseln des grausigen Scheiterhaufens ein Liebeslied hinein­sang. D'Annunzio ließ sich von diesem lodernden Mal einer vermeintlich urgewaltigen Liebe hin­reißen, sie zu verherrlichen, aber als man den Mörder dreißig Jahre später entdeckte, glaubten die Richter nicht viel Federlesens machen zu sollen. Dreißig Jahre tausend Jahre Zeit und Leben gelten hier nicht viel.

Endlich tauchte ein Reiter auf, kam heran, starrte uns schweigend an, ritt schweigend davon. Sein langer Stachelstab stand wie eine Lanze

In der öffentlichen Meinung des Volkes der Vereinigten Staaten wächst seit Jahren eine Strömung, die die amerikanischen Interessen in Ostafien durch eine unmittelbare Ver­ständigung mit Japan, China und unter Umständen Rußland gesichert wissen und da­für um so freiere Hand für eine solche Ordnung europäischer Verhältnisse gewinnen möchte, die ein dauerhafteres Gleichgewicht verbürgte, als es das gegenwärtige Uebermah französischer Macht zuläßt.

Man darf sich durch den Lärm um das mili­tärische Vorgehen der Japaner in der Man­dschurei nicht darüber Hinwegtäuschen, daß es unter den chinesischen Rationalisten eine starke japanfreundliche Partei gibt, die sich mit einer politischen Kontrolle Japans in Rordchina abfinden würde, wenn sie dafür um so ungestörter in Mittel- und Süd­china ein unabhängiges chinesisches Staatswesen aufbauen könnte. Dazu gehören die Kantoner Sezessionisten, und wenn es wie gemeldet wirklich zu einer friedlichen Verständigung zwi­schen diesen und der Rankinger Regierung kom-

gegen den messinggelben Himmel. Wieder eine Stunde fruchtloser Anstrengungen, da trottete im letzten Dämmer ein Düffelgespann heran, ein quittengelbes Mädchen, sechzehn oder dreißig Jahre, wer will das bei diesen Malariagesichtern sagen, schirrte schweigend an, immer die Augen voll fassungslosem Staunen auf die fremde weihe Frau geheftet, die Peitsche klatschte, der Schlamm spritzte ...

Dieselbe Straße, die wir dann in einem Sturm der Gefühle nach Rom hineinjagten, im ersten Sonnenglast eines dieser überirdisch schönen Ok­tobertage zurück in die pontinischen Gefilde. Ge­filde, ja, ich habe mich nicht versprochen. Allen voran jagte der Mann, der die römische Frage lösen konnte, Mussolini.

Da steht er auf dem Belvedere des Schlosses von Sezze und schaut hinunter. Die Ebene blendet, die Ebene ist braun und grünlich, von Geraden und Parallelen durchzogen, man denkt unwillfürlich an die sagenhaften Marskanäle. In der Ferne schimmert das Meer, in einer perlmutterhaften, opalisierenden Unbestimmtheit wie in den Lagunen Venedigs. Zur Linken, schemenhaft aufsteigend aus milchiger Weite, der Berg der Circe, der Tochter der Sonne. Zur Rechten, wie ein aufs Wasser geworfener schwim­mender Würfel der Torre Astura, die berüchtigte Burg der Frangipane. Tausendjährige Geschichte sieht uns an.

Ich weiß nicht, was in diesen Minuten in der Brust Mussolinis vor sich ging, aber ich ver­stand die Cäsarengebärde, mit der er nun hart und stolz durch die Morgenluft schnitt: Hinunter!

Hinein ins Land, über die behelfsmäßigen Brücken, über die zementfeuchten Kanäle. Einer heißt Canale Mussolini, der ist vierzigtausend Meter lang, mißt dreißig Meter im Durch­messer am Anfang, sechzig bei der Mündung am Meer.

Weitere Hunderte von Kilometern müssen folgen. Man schätzt die Gesamtkosten des Werkes auf 600 Millionen Lire, was übrigens nicht einmal so viel erscheint, wenn man bedenkt, daß die vor einigen Jahren fertiggestellte, die Sümpfe durchziehende Schnellbahn nach Reapel, die wir eben kreuzten. 1600 Millionen verschlang. Sie führt in die ob ihrer Fruchtbarkeit und zumal ihres Weines wegen, des Falerners, seit dem Altertum besungenen Phlegräischen Gefilde

Donnerstag, 29. Oktober (951

men sollte, so würde es sich dabei eher um ein Abflauen des amerikanischen Windes handeln, der bisher die Segel der Rankinger allchinesi- schen Einheitspolitik schwellte, als um eine Ein­heitsfront zu entschlossener Bekämpfung japani­scher imperialistischer Bestrebungen. Darauf deu­tet ja auch das Abblasen der Boykottbewegung gegen japanische Waren durch die Rankinger Regierung hin, was ja sonst im Augenblick der Versöhnung mit den südlichenRebellen" un­verständlich wäre.

In diesem Zusammenhänge verdient auch auf die wachsende Bewegung zugunsten einer An­erkennung der Unabhängigkeit der Phi­lipp in os im Volke der Vereinigten Staaten hingewiesen zu werden. Der Senator Hawes (Missouri) hat sich sogar in diesem Sommer sechs Wochen auf den Philippinen aufgehalten, um den führenden Kreisen der einheimischen Be­völkerung Mut zuzusprechen, ihre Unabhängig­keit zu fordern; er stellte ihnen in Aussicht, daß er daraufhin einen entsprechenden Antrag im Senat einbringen und durchbringen werde. So etwas wäre gar nicht denkbar, wenn man sich in maßgebenden amerikanischen Kreisen nicht tatsächlich mit dem Gedanken trüge, sich von fernöstlichen Machtpositionen zurückzuziehen, um in um so größerer Unabhängigkeit das Gesicht dem Atlantik und Europa zuzuwenden.

Roch ist eine solche Reuorientierung bei weitem nicht bis zum Weißen Hause vorgedrungen, und wenn Hoover und Stimson dem Senator Borah gestatteten, den französischen Gästen seine Mei­nung über die Versailler Friedensordnung frei­mütig zu sagen, so brauchte das nur als eine Warnung für die französischen Staatsmänner aufgefaht zu werden, ja nicht zu denken, als bleibe der Washingtoner Regierung ebensowenig wie der Londoner Regierung schon etwas anderes übrig, als sich mit einer Art französischer Dikta­tur über Mitteleuropa als unumstößlicher Tat­sache abzufinden. Auch der französische Imperia­lismus wird nicht wenige Stufen von der Höhe, die er erklommen hat, herabsteigen müssen, wenn er die angelsächsischen Mächte, vor allem die Union, nicht zu dem Entschluß herausfordern will, die Reue Welt des Fernen Ostens sich selber zu überlassen, um diealte" Welt Euro­pas wiederins Gleichgewicht" zu sehen und damit im Weltmaßstäbe eine Taktik zu wieder­holen, die den britischen Staatsmann Canning einst derMonroe-Doktrin" freien Spielraum gewähren lieh, um der Reaktion derHeiligen Allianz" die Stirn bieten zu können.

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

D Lollar, 29.Okt. Der Tum- und Ge­sangverein Lollar konnte in diesem Jahre auf fein 70jähriges Bestehen zurückblicken. Der Verein sah von der Veranstaltung einer größe­ren Festlichkeit ab und hatte lediglich zu einem Liederabend eingeladen. Frauen-, Männer­und Gemischter Chor brachten einzeln und gemein­sam einige Lieder zum Vortrag. Die Darbietungen unter der Leitung des bewährten Dirigenten, Be­rufsschullehrer Eberle- Lollar, legten Zeugnis von dem ernsten Streben aller Mitglieder in der Pflege des deutschen Liedes ab. Die Gesangsoor­träge fanden reichen Beifall. Besonders gefiel das Sopransolo von Fräulein Heda Müller-Lollar (Wiegenlied von Brahms) mit Chorbegleitung. Das Lied mußte wiederholt werden. Herr Herbert Kruger- Bad-Nauheim trug, begleitet von Chor­leiter Eberle, einige sehr ansprechende Lieder vor. Das Konzert dürfte bei allen Zuhörern einen sehr guten Eindruck hinterlassen haben. Der Reichsbahn-Assistent Philipp Harb u sch aus Lol­lar, bedienstet bei der Bahnmeisterei 2 in Gießen, kann heute auf eine 2 5jährige Dienstzeit bei der Reichsbahngesellschaft zurückblicken.

r. Hungen, 28. Okt. In der jüngsten G e meinderatssitzung wurde u. a. beschlossen, daß die noch rückständigen Gemeinde­steuern nunmehr in monatlichen Raten eingezogen werden sollen. Für diese Rück­stände werden zugleich Zuschläge erhoben. Der Gemeinderat entschloß sich weiter zur Anschaf-

Was denn ober eigentlich hier geschieht? Was wir hier tun? Run, Mussolini läßt die Pontinischen Sümpfe oustrocknen. So etwas scheint ihm wichtiger als die Trockenlegung eines Landes nach amerikanischem Muster. Das gehört zu dem Titanenwerk dergänzlichen Bonifizie- rung Italiens". Jetzt will er sich überzeugen, wie die Arbeit vorwärtsgeht. Er klettert auf Krane hinauf, er läuft querfeldein, bald steht er zwischen Loren, bald verschwindet er zwischen Arbeitsgruppen, er kommt, wenn man ihn bei Den Autoritäten sucht, aus einem Ziegenstall heraus. Dazwischen geht die tolle Wagenjagd weiter. Das Gebiet ist ja nicht klein, 151000 Hektar, sagt er. Italien gewinne eine Kolonie ohne Schwertstreich im eigenen Lande.

Die Volkswirtschaftler werden ausrechnen, daß sich die ganze Geschichte so wenig lohne wie die Trockenlegung der Zuidersee, weil es ja doch bereits viel zu viel Getreide gebe. So etwas darf man aber dem Duce nicht vorhalten. Er deutet nur auf die quittengelben Gesichter der eingeborenen Hirten: der Würgengel der Mala­ria muß verjagt werden.

Wie soll es gelingen, Exzellenz, dieses fast phantastische Werk zu Ende zu führen?

Er sieht dem fremden Pressemann scharf ins Gesicht:Roch einmal fünf Jahre, sechstausend Arbeiter, fünftausend neue Häuser und dreißig­tausend Siedler so ist das zweitausendjährige Problem zu lösen!"

Zeitschriften.

Verlorene Erfindungen" betitelt sich ein Bei­trag von Professor S. Harvey in der neuesten Num­mer der 91 lüft ritten Zeitung (9.9- Weber, Leipzig), in dem der Verfasser einige tragische Er­finderschicksale schildert, Fälle, in denen nach lang­jähriger mühseliger Forscherarbeit die Erfinder ein Opfer ihrer Wissenschaft wurden, und das Werk mit dem Meister unterging. Einen Einblick in den Betrieb einer Großbank zu Ultimo gewährt ein reich mit Bildern ausgestatteter Beitrag. Das Leben und Treiben auf den Philippinen wird auf einer doppelseitigen Bildertafel zur Darstellung gebracht und in einem begleitenden Artikel von Erwin Drin- neberg eingehend geschildert. Die moderne Archi- tcktur und ihre Bestrebungen behandelt ein illu­strierter Artikel von Rolf Spörhase:Das Treppen­haus im neuen Bau".