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Gietzener AnzeigerfGeneral-Anzeiger für Gberhessen)

Dienstag, 29. September 1931

Nr. 227 Zweites Blatt

Spanien hält Scherbengericht.

Don unserem v. Oss.-Derichterstatter.

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten 1 Madrid. September 1931

DiespanischeDattonalderfammlung hat vom ersten Lag ihre- Leftehens an den mert- würdigen Drang empfunden, so ein bißchen sran- zösischen Konvent zu spielen, um damit nicht nur den Schreiern aus der Strafte, die zwar nicht über die Äunft deS Lesen- und Schreiben- verfügen, dagegen aber mit ungeheurer L'ungenfraft aus­gerüstet find, willfährig au fein, sondern auch um die Erledigung der dringend st en Fragen mit plausiblen Gründen immer weiter hinauSzuschieben. Der Austen- Handel ist zwar um die Hälfte zurückgegangen, große Industriebetriebe liegen still, im ganzen Land wird gestreikt, in Andulusien brennen die Ernten und in Katalonien krachen die Schüsse der Syndikalisten, die Autorität des Staate- liegt in den letzten Zügen und die Währung stebert - aber. waS ist da- schon, diese Probleme werden auch noch einmal behandelt, zunächst müssen die .Verantwortlichkeiten" erledigt werden, da gibt 6 Sensation, da ist waS gefällig! - Die- ungefähr must der Jdeengang der Kammermehr­heit sein, sonst wäre da- Schauspiel, dessen erster Akt soeben begonnen hat, nicht möglich. Das Par­lament hat also einen Derantwortltchkeitsausschuh gebildet und ihn mit weitestgehenden Dollmachten ausgerüstet. Dieser Ausschuß darf Derhastun- g e n vornehmen. Gott und die Welt belästigen und die Dolle deS Untersuchungsrichters spielen DaS allmächtige Parlament aber wird nach Ab­schluß der Untersuchung beschließen, ob es selbst höchstes Gericht sein will oder lieber einen ordent­lichen Gerichtshof zur Aburteilung derDerbre- cher" heranzieht. Zunächst gilt eS solgende .Der- antwortlichkeiten" zu klären und zu sühnen: Ma­rokkokriege. Katalanische Sozialpolitil, Staats­streich vom 13 September 1923, politische Verant­wortlichkeiten während der Dauer der Diktatur und schließlich der Kriegsgericht-Prozeß vonJaca, in dessen Verfolg zwei aufrührerische Offiziere füsiliert worden sind.

Der Bequemlichkeit halber hat sich der Ausschuß zunächst zur Behandlung des dritten und letzten Punktes entschlossen, und während der letzten Tage so quasi als Ouvertüre sämtliche erreichbaren Generäle und Minister der Diktaturperiode hin­ter Schloß und Riegel gesetzt F ine, mar­kante Gesichter, energische Soldatenschädel, auf­richtige Männer mit weißem Haar, fast alle über sechzig Jahre alt, so sitzen sie im Gefängnis und harren ihres Schicksals. Sie sind angellagt, die Herbeisührung des Staats st r ei chs Prtrno de RiveroS unterstützt und er­möglicht zu haben Mm die ganze Faden­scheinigkeit einer derartigenAnklage" zu vegrei- sen, muß man sich die Mühe machen und die Presse jener Septembertage des Jahres 1923 durchblättern. Mit Verwunderung wird man da feststellen können, daß die Blätter aller Rich­tungen von rechts bis links, einschließlich der sich später als urrevolutionär gebärdenden Zeitungen, die herzlich st e Sympathie mit dem Staatsstreich Primos zum Ausdruck brachten. Wer diese Tage hier erlebt hat, kann ohne Mebertrei- bung behaupten, daß damals das ganze Land wie von einem fürchterlichen Albdruck befreit auf­atmete, als die Generäle die verseuchten Berufs­politiker und Totengräber der spanischen Zukunst zum Teusel jagten. Mnd heute stehen diese Männer

vor einem MntersuchungsauSschuß. dessen Präsi­dent ausgerechnet - der erste Polizeipräsident der Diktatur ist' Sine furchtbare Tragik liegt in dieser Komödie Generäle und Min ster d e e verstanden haben, das ewige Problem Marokko zu lösen die die spanischen Finanzen in Ordnung brachten, Straßen, Brücken ynb Schulen bauten, daS An­sehen deS Landes im europäischen Konzert aus eine biS dahin nie gesehene Höhe brachten, unter deren Herrschaft eS keinen Streik gab und keine Arbeitslosen, die sieben Jahre regierten, ohne auch nur einen Blutstropfen zu vergießen, unter deren Herrschaft kein einziger Toter oder Ver­wundeter auS sozialen Kämpfen zu verzeichnen war, werden zur Rechenschaft gezogen von einem System, dessen Autoritätsmangel die Wirtschast des Landes auf die Hälfte reduziert hat, die Wäh­rung um fünfzig Prozent verschlechterten und in sechs Monaten über hundert Tote und dreihundert Verwundete auf den Straßen und Plätzen der Städte in ihrem Blut liegen ließ. Wenn man diese Groteske sich richtig vor Augen sührt, dann glaubt man, hier stünde die Welt aus dem Kops.

Oder der andere Fall: Im Dezember 1930 re­belliert d i e Garnison von Jaca unter der Führung zweier jugendlicher Ofsiziere, man beschießt die Regierungstruppen, es gibt Tote und Verwundete auf beiden Seiten, Artillerie greift ein - ein richtiges Gefecht, das die Mcbermacht der Regierung entscheidet. Kriegsgericht unter dem Vorsitz eines Generals Urteil: Rach dem Kriegsrecht Tod durch Erschießen. - Dieser Ge­neral wird heute des - Mordes ange­klagt! Ein anderes Bild: Rach den Aufstän­den in Malaga. Sevilla. Eordoba und Zaragoza - alle während der letzten sechs Wochen - haben die Syndikalisten in den letzten Tagen zur Ab­wechslung wieder einmal die sür Revolten klassisch gewordene Stadt Barcelona zum Schauplatz ihrer vernichtenden'Tätigkeit erwählt. Fast drei Tage hindurch Generalstreik. Terrorakte an allen Ecken und Enden, Ucberfälle aus Polizei und Mi­litär. die Millionenstadt ohne Licht und Wasser, ohne Verkehrsmittel und ohne Leben - Schieße­reien. die zwanzig Tote, sechzig Schwerverwun­dete und Hunderte von Leichtverwundeten kosteten. Zur gleichen Zeit aber erscheint ein Dekret der Regierung, das gerade Öen Mann, der vor der Diktatur Primos den Syndikalismus derart nie- verschlug, daß er sich während acht Jahren ruhig verhielt 'Martinez Anido - ouS der Armee ausstößt und aller Rechte und Wür­den für verlustig erklärt, weil er dem Ruf, nach Madrid zu kommen und sich von den parlamen­tarischen Freunden der Syndikalisten aushängen zu lassen, keine Folge leistete. Man will von Frankreich seine Auslieferung verlangen vielleicht fordert man auch die Auslieferung deS Königs, dem vor wenigen Tagen der Prozeßin Abwesenheit" gemacht worden ist.

Das Volk will Sensationen haben, wobei unterVolk" der Grohstadtpöbel au verstehen ist, und man schämt sich nicht, aller spanischen Tra­dition und Ritterlichkeit ins Gesicht zu schlagen, nur um die schreienden Mäuler zu befriedigen. Ja, man ging so weit, den allerharmlosesten aller spanischen Minister, den Justizminister Primos. G a l o Ponte, drei Monate lang einzusper­ren, wochenlang davon mit gewöhnlichen Ver­brechern, ohne ihm den Prozeß zu machen, ohne Reklamation durch irgendein Gericht, lediglich aus

DerwaltungSanordnung hin. Dieser Mann hat ein neues Strafgesetzbuch eingesührt. daS war sein .Verbrechen". AuS Tav hat er seinem Dichter­amt, alS er Minister wurde, entsagt. Die Repu­blik strich ihm seine Pension und heute hat er keinen Eentuno. AIS die pompöse .Mnter- suchungSkommission" ihn endlich vernahm, tat so­gar ihr dieser Mann, der körperlich und seelisch völlig gebrochen ist, so leib, daß sie ihn sosort

auf freien Fuß hetzte! Mnd all die-, dleses unwürdige Theater für die Straße wird geführt im Rainen der Freiheit, im Damen der Republik. - Mnd draußen gärt eS. dunkl« Wolken verhängen den politischen Horizont. Blitz« entladen sich. Tote und Verwundete liegen aus dem Pflaster, da- Land fiebert und sehnt sich nach dem Arzt.

Forscherschicksale in Grönland.

3ur Heimkehr der deutschen Srönlandforscher. - Professor Wegeners und Or. Krügers Vorgänger und Wegbereiter.

Don Erich Oolezol, Archiv für Polarforschung, Kiel.

Der folgende Bericht vomGrünen Lande", der größten, im Rordpolargebiet liegenden Insel der Erde, dürfte anläßlich der Rückkehr von Prof. WegenerS Ge­währten, Georgi und Torge, und nach _>cn letzten Mittellungen über da- unge­wisse Schicksal der hessischen Grönland-Ex- pedition von Dr. Krueger, Darmstadt, besonderem Interesse begegnen.

Schon seit undenklichen Zeiten ist Grönland von Menschen bewohnt. In der ältesten isländi­schen Quelle, die von der Entdeckung und Besiede­lung Grönlands durch die Rorweger berichtet, in Are FrodeSJflendigabok" (um 1130) wird bereits von einer Mrbevölkerung Grönlands er­zählt- Es heißt darin:Sie sanden, nämlich Erik der Rote und seine Leute, dort menschliche Wohnstätten, sowohl im Osten wie im Westen des Landes und Bruchstücke von Booten und Stein- gerätschasten, so daß man daraus erkennen kann, daß die Art Leute dort gefahren waren, welche

Finnland besiedelt haben und welche die Grön- länder Skrälinger nennen."

Die Skrälinger, deren Spuren Erll der Rot« fand, als er alS erster Europäer um daS Jahr 980 Grönland besiedelte, waren SSkimoS, blt damals bereits aus Grönland ihren Wohnsitz hatten Obwohl aber Grönland nun bereit- eine fast tausendjährige Geschichte schriftlicher Meber- licfcrungcn zählt, war da- Innere deS LandeS biS vor etwa 50 Jahren so gut wie unbefannnt Rur der Küstensaum, der von zahlreichen, tief eingeschnittenen Fjorden zerklüftet ist, bleibt eis­frei Im Hintergründe der Fjorde, wo mächtig« Gletscherzungen bi- inS Meer herabfließen, brei­tet sich aber in der Höhe eine endlose weiß« Fläche auS, daS BinneneiS, eine schauer­liche weiße Oede, die lange Zeit kein Mensch zu betreten wagte Die EskimoS hatten vor dem Inlandeis eine abergläubische Scheu und waren nicht zu bewegen, eine Expedition dorthin au begleiten Sie meinten, dort oben hausten dl«

Dr. Sobge und Dr. Georgi, die Gefährten des im Grönlandeise ums Leben gekommenen deutschen Forschers Professor Wegener, sind jetzt nach unendlichen Entbehrungen und Strapazen zurückgekehrt und wurden in Kopenhagen von ihren Frauen erwartet.

Das bißchen Erde.

Vornan von Richard Skowronnek.

Copyright by I. Engelhorns Nächst, Stuttgart.

44 Fortsetzung Nachdruck verboten

Die Menge löste sich langsam aus, die Män­ner gingen wieder zur Arbeit zurück. Meber die Dammallee kam ein Wagen gelabten, vier schlank trabende Braune davor, die ein Kutscher in weißer Livree und rotem Kragen vom Sattel aus lenkte. Der Herr Erblandmarschall schien es gar eilig zu haben, das dem Reffen gegebene Wort einzulösen! .. . Reben ihm sah sein Rechtsbeistand mit dem Hohenrömnitzer Oberinspektor, ein Land- reitcr auf dem Bocke. Der Vertreter der Po­lizeigewalt jedoch fah sorgenvoll drein trotz des schweren Säbels zwischen seinen Knien. Sein Vor­gesetzter hatte ihm besohlen, Seine Erzellenz bei Der Besitzergreifung des LehnguteS Vellahn zu unterstützen, etwa sich regendem Widerstande des bisherigen Insassen kräftig zu begegnen. Das aber war leichter gesagt als getan er kannte den jungen Grafen Malte! Wo der hinschlug mit seiner groben Faust, wuchs kein Gras. Mnd der Kellner im Strelitzer Hos hatte ja bei der Der- nehmung erzählt, wie unglimpflich er mit zwei starken Herren zugleich umgesprungen wäre, dem Herrn Oberleutnant von Bredow und dem Baron von Lewenitz. der sechs Fuß hoch in seinen Stie­feln stand. Da würde er mit einem kleinen Po­lizeibeamten wohl noch viel weniger Federlesens machen ...

Dem Herrn Erblandmarschall fiel es auf, daß vom Schlosse her so viel Leute kamen. Er ließ den Wagen halten und sprach einen der Tage­löhner an:Was ist denn da drüben los? Hat's da vielleicht eine Volksversammlung gegeben T

Der Angeredete riß die Mütze vom Kopse, nahm die Hacken zusammen.

Halten zu Gnaden, Exzellenz. nein! Vorhin haben sie den Herrn Graf Malte auf einer Bahre gebracht, er lag da wie tot und rührte sich nicht. Da sind wir mitgegangen, aber der Lentz tagte eben, es wär' noch ein bütchen Leben in ihm. wir sollten für ihn beten. Mnd gehen wir jetzt wieder nach Haus" ...

Der Kutscher wollte weiterfahren, ein Zuruf lieh ihn wieder halten. Der Herr Erbland- marfdjall fchloh ein paar Sekunden lang die Augen ... Der Herr da oben, der die Menschen- schicksale lenkte, meinte es gut mit ihm, stand er­sichtlich auf feiner Seite. Rach dem unermefo- lichen Gnadengeschenke von gestern nahm er ihm heute die einzige Sorge vom Herzen, die ihn noch drückte ... Von einem Sterbenden brauchte er keine Feindseligkeiten mehr zu befürchten für sich und feinen Heinen Sohn! ... Dur hätte es jich natürlich vor den Leuten übel ausgenom­

men, wenn er in einem solchen Augenblicke rück- I sichtslos von seinem Rechte Gebrauch gemacht hätte Da lieh er den Herrn Rechtsanwalt und | die beiden Beamten aus dem Wagen steigen, fuhr allein zum Schlosse. Der Landreiter aber mit seinem langen Säbel sprang so hurtig vom Docke, dah er saft hingelallen wäre. Auch ihm war erheblich leichter zumute als noch vor we­nigen Minuten. Er hatte eine Frau und sech- kleine Kinder zu Haus. Da dankte man seinem Schöpfer, wenn er einen vor der Ausführung ge­fährlicher Amtshandlungen bewahrte ...

Der Rittmeister von den Friedeberger Dra­goner, der als Mnparteiischer fungiert hatte, empfing den Herrn Erblandmarschall auf der Diele, erstattete ihm kurzen Bericht über den Verlauf des Zweikampfes und seine Veran­lassung: fügte hinzu, er hätte mit den andern Herren sein möglichstes getan, den Verletzten ohne Erschütterungen ins Schloß zurücHuschaffen, der Ausgang aber natürlich stände in Gottes Hand ... /

Der Herr Erblandmarschall hatte mit schmerz- bewegtem Gesichte zugehört.

Die Wege des Höchsten sind unerforschlich , sagte er,uns geziemt nur, in Demut daS Haupt zu beugen" ...

Bei jedem einzelnen der Herren bedankte er sich für die seinem Reffen geleistete Hilfe, ging ins Rebenzimmer, in dem der Regimentsarzt um den Todwunden bemüht war. Ein hagerer Heiner Mensch sah am Kopfende des Bettes, hielt eine mit blutigem Wasser gefüllte Schrillest die alte Miken stand jedoch unnütz dabei. Sie hätte gerne geholfen, aber vor Tränen konnte sie nichts sehen, und die dummen alten Hände versagten ihr den Dienst ...

Der Arzt war mit seiner Arbeit zu Ende. Aus einen fragenden Blick des Herrn Erblandmar- schalls zuckte er mit den Achseln.

..Ich glaube kaum, Exzellenz", sagte er flü­sternd.Oder vielmehr, ich halte es leider für gänzlich ausgeschlossen Aus der Literatur sind mir ja einige günstig verlaufene Fälle bekannt, aus dem russisch-japanischen Feldzuge. Da wurde verschiedentlich berichtet, daß Lungenschüsse wie­der ausheilten. Bei denen aber handelte es sich um glatte Schuhkanäle mit einer Breite von etwa ächt Millimetern. Hier jedoch es tut mir leid, daß Exzellenz nicht etwas früher gekommen sind, sonst hätten Eie sich persönlich davon überzeugen können ja, hier also ist der Ausschuß unge­fähr wie ein Zweimarkstück so groß! Ich habe mich darauf beschränkt, das Loch zu verschließen, wundere mich aber, offen gestanden, daß der Patient noch immer ... ja, er muh über eine selten widerstandsfähige Ratur verfügen!"

Der Herr Erblandmarfchall bedankte sich auch bei dem Herrn Regimentsarzte, bat ihn, seine schätzenswerte Kunst und Erfahrung dem Patien­ten bis zuletzt zu widmen. Dann trat er an das Lager seines Reffen, sah lange auf das wachs­

bleiche Gesicht hinab und bewegte die Lippen in stillem Gebet Verzieh dem Sterbenden und emp­fahl seine Seele der Obhut des Höchsten .. Als er wieder aufblickte, glaubte er zu bemerken, daß der hagere kleine Mensch am Kopfende des Bet­tes ihn mit seltsam höhnischen Augen ansah Aber das war wohl nur eine Täuschung gewesen. Der Kleine erhob sich, machte eine respektvolle Verneigung.

Peter Rägelein ist mein Harne, Exzellenz, ich war mit Ihrem Herrn Reffen in Afrika. Mnd ich glaube, ich kann Sie beruhigen. Ich bin zwar nur Laie, aber ich habe gesehen, wie da drüben noch ganz andre Löcher zuheilten, trotz Schmutz, Insekten und nicht zu knapp wahrscheinlich Bazillen. Mnd wer zwei Jahre Afrika ausgehal­ten hat ... ja also, ich hoffe es wird schon wer­den, Exzellenz!" ...

Da bedankte der Herr Erblandmarschall sich auch bei Herrn Rägelein für den trostreichen Zuspruch, fuhr nach gemessener Frist wieder nach Hohenrömnitz zurück. Mnd er war höchlichst zufrieden, dah es ihm vergönnt gewesen war, statt unnachsichtiger Strenge verzeihende Milde walten zu lassen. Im übrigen aber verstand ein Arzt wohl mehr als ein Laie, er brauchte den bisherigen Inhaber des Lehngutes Vellahn nicht austreiben zu lassen, dem wies ein Höherer den Weg ... Mnd nur rein menschlich erschien es ihm, wenn er sich jetzt einer dankbaren und ge­rechten Freude hingab Da drüben hinter dem dunklen Saume des Waldes, wo die weih-rote Fahne im Winde flatterte, schlief sein kleiner Sohn. Gar winzig waren noch seine Glieder, aber der Herr, Der ihm so weit geholfen hatte, würde sie groß werden lassen und stark ... auch ihm selbst noch etliche Jahre schenken in Rüstig­keit und Gesundheit, damll er über den ersten Schritten des Werdenden wachen könnte ... Das Vergehen einer dunkeln Stunde war ihm ver­ziehen. hell schien die Sonne der Gnade über ihm und seinem Haus ...

Auf dem Heimwege überholte er die Vellahner Förstersfrau, die ein kleines Wägelchen selbst kutschierte, einen speckfetten Gaul mit der Peitsche vorwärts trieb in den tiefen Geleisen.

Wohin denn so eilig, Frau Schwarztn?" fragte er leutselig. , Ä _

Bloh nach Moltzahn, Exzellenz, em paar Einkäufe besorgen" ...

Die elegante Equipage mit den vier Braunen davor flog vorüber, die rundliche Frau Förster sah ihr ingrimmig nach.

Dat war eck di grab up de Räs hängen, wat eck" in Molyahn to dohn hebb", sagte sie feind­selig zog ihrem Röhlein eins über den speckigen Rücken, dah es für ein paar hundert Schritte in eine beschleunigte Gangart fiel Erne lange Depefche trug sie in der Tasche, die nach Wies­baden gehen sollte. Mngefähr drei Taler würde sie wohl kosten, war eigentlich schon em Brief, aber es stand alles drin. 2luch dah dieser Friede-

berger Soldatendoktor anscheinend einen Quark verstände und dah die Frau Baronin daher einen ordentlichen Arzt mitbringen sollte. Die Kosten würden gedeckt werden, denn es läge noch eine Menge Weizen und Roggen auf dem Spei­cher

Die Flagge über dem Durgfried der Hohen­römnitz wehte halbmast seit vier Tagen schon, die blanke Zahnenspitze war in schwarzen Flor gehüllt. Es war ander- gekommen, al- der Herr Erblandmarschall es sich gedacht hatte ... Ein kleines Menschenlichtlein, das vom ersten Augen­blicke an nur mühsam geflackert, war erloschen, wie von einem Windhauche ausgeweht ... Keiner der berühmten Aerzte. die um bie eichengeschnitzte Wiege standen, hatte Helsen können einer, der ein Herr hatte werden sollen über tausend Men­schen und eine weite Strecke Land, lag als ein verwesendes Klümpchen Fleisch zwischen starrer Weiher Seide und Blumen gebettet ... In der weiten, schwarz ausgefchlagenen Halle stand der kleine Katafalk, sechs Lichter brannten zu Häupten und Fühen ... schweigend sahen die Herren und Damen aus dem Geschlechte der Römnihe von den Wänden herab Mnd sie spürten kein Milleid mit dem Greis, der seit ^Soeben sich weder Haar noch Bart geschoren hatte, mit tränenlosen Augen neben seinem toten Heinen Sohne sah ... Dort unten hatten sie auch einmal gelegen, die Welt ging weiter ihren Gang ... ein neue- Bild fügte sich an die schon fast endlose Reihe ... Aber es gehörte nicht zwischen sie, der Kleine da unten war ein Eindringling gewesen au- fremdem Blut ... ein Eid war gebrochen wor­den, ehe er zur Welt kam ... Mnd deshalb schlug ihn Gott, der Herr, ihn und den Vater ...

Allerhand Gerüchte gingen durch das Land, von denen niemand wußte, ob sie wahr oder falsch waren ... Zwei Tage und Rächte hatte der Herr Erblandmarschall die Leiche seine­kleinen Sohnes in den Armen getragen, ge­schrien und gebetet, bis der Schlohpsarrer ihn mit sanftem Zuspruche zur Vernunft zurück­gebracht. Danach aber hätte eine Austreibung begonnen, all das welsche Volk hätte dos Schloß verlassen müssen. Von fürchterlichen Szenen er­zählte man sich zwischen dem Erblandmarschall und seiner Gemahlin ... Den alten Kammerdiener Paalzow hätte das Gewissen getrieben, seinem Herrn zu offenbaren, was er erspäht hätte in argwöhnischem Sinn ... Dah man mit einem vertrauensseligen Greis ein freventliches Spiel getrieben ... Der angebliche Bruder der jungen Schlohherrin wäre einer gewesen, der ihr näher stand ... eine ganze Gesellschaft von fremdländischen Abenteurern hätte sich zusam­mengetan, um einen frechen Raubzug zu unter­nehmen. einen Raubzug, der nun, im letzten Augenblicke sozusagen glücklich vereitelt worden war ...

(Fortsetzung folgt)