Ausgabe 
29.6.1931
 
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nr. 149 Erstes vlatt

181. Jahrgang

Montag, 29. Juni 1931

(End)'in I glich, außer Sonntags and Feiertag»

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Gießener Famllienblütto Heimat im Bild

Die Scholl« !Ronats>Be}ug$preti;

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Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr Wilh. Cang«; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen

Mellon verhandelt heute weiter in Paris.

Frankreich erstrebt politische Ziele. Deutschland läßt sich in den Kampf nicht hineinziehen. Rom wünscht deutschen Mmisterbesuch. Reichskanzler und Reichsbankprasident sprechen.

P ar i s, 27. 3unt (WTD.) Heute um 15.15 Mr haben die angekündigten französisch-ame­rikanischen Besprechungen im französischen Innenministerium begonnen, wo der amerikanische Schatzsetretär Mellon und der amerikanische Botschafter E d g e vom Ministerpräsidenten La­val, von Außenminister B r i a n d, von Fi­

den in ihrem ganzen Umfange erst am Montag wieder ausgenommen. Ministerpräsident Laval und Außenminister Driand, die die ganze Rächt zum Samstag in der Kammer zugebracht hatten, zeigten sich am Samstagabend so ermüdet, daß sie es vorzogen, den Sonntag über auf ihren Sommersitzen auszuruhen. Schahkanzler Mellon nahm die Gelegenheit wahr, um Hoover tele­

Don links nach rcujts: Pietri (als französischer Budgetminister ausschlaggebend für die Moratoriums­verhandlungen), Ministerpräsident Laval Schatzsekretär Mellon, Außenminister B r i a n d, ameri­kanischer Botschafter in Paris Edge, französischer Finanzminister F land in.

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nanzminister Flandin und dem gerade von den Sitzungen des Getreidekomitees aus Genf zurück- gekehrten Llnterstaatssekretär für wirtschaftliche Fragen, Francois Poncet, erwartet wurden.

Ministerpräsident Laval hatte vorher eine Unterredung mit Senator Caillaux, der im Jahre 1925 die Verhandlungen über die Rege­lung der französischen Schulden bei den Bereinig­ten Staaten in Washington geführt hat.

Die Derhandlungen mit Mellon dauerten bis gegen 18 Uhr. Eine neue Zusammenkunft wird am Montagvormittag stattfinden.

Der deutsche Botschafter bet Laval

Paris, 27. 3uni. (DTR.) wie havas berichlet, empfing Ministerpräsident Laval heule abend im Beisein von Außenminister Br land und Staats- fekcetür für Volkswirtschaft Francois poncet den deutschen Botschafter v. h o e s ch. Die Unterredung galt dem Moratoriumsvorschlag des ameri- kanischen Präsidenten Hoover und den damit zu­sammenhängenden Fragen.

Der französische Ministerpräsident hat dem deutschen Botschafter offiziell mitge­teilt, daß die französische Regierung den Besuch der deutschen Mini st er in Paris auf­richtig begrüß cn würde. Der Zeitpunkt des Besuchs bleibt späterer Vereinbarung vorbehalten.

Frankreichs Ziele.

Paris, 28. Juni. (TU.) Die französisch- amerikanischen Verhandlungen wer-

phonisch über die erste amtliche Besprechung zu unterrichten.

Bisher haben sich zwischen der amerikairischen und der französischen Auffassung drei Haupt­punkte herausgeschält, über die noch Mei­nungsverschiedenheiten bestehen. Ame­rika wünscht einmal, daß der gesamte Be­trag des ungeschützten Teiles der Tri­bute lediglich Deutschland und zwar zinslos wieder zur Verfügung gestellt wird, während Frankreich auch die kleinen mit­teleuropäischen Staaten daran teilhaben lassen will. Die französische Regierung wünscht außerdem, daß die DIZ. die Garantie für die Anleihe übernimmt, die sie mit dem un­geschützten Teil der Tribute an Deutschland er­öffnet. Wie in amerikanischen Kreisen verlautet, soll sich Mellon jedoch nachdrücklichst da­gegen gewehrt Haden. Schließlich steht die fran­zösische Regierung noch auf dem Standpunkt, daß es unmöglich sei, Deutschland so weitgehende finanzielle Erleichterung zu gewähren, ohne dafür sehr ernste politische und wirtschaft­liche Garantien zu erhalten.

Ls liegt in der Absicht Frankreichs, eine genaue Kontrolle über die Anwendung der freiwerden­den Tributgelder auszuüben.

Am Sonntagmittag war der amerikanische Sch ah kanzle r Gast des französischen Ministers Flandin. An dem Frühstück nahmen außerdem der amerikanische Botschafter, der Gouverneur und der Llntergouverneur der Bank von Frank­reich, der Gouverneur der Dank von Paris und eine große Reihe leitender Beamter des Finanz­ministeriums teil. Reben den rein technischen Fragen wurde insbesondere die Finanz- und Wirtschaftslage Frankreichs erörtert. Die offiziel­len Verhandlungen werden am Montagmorgen wieder beginnen.

Deutschland bleibt reserviert.

Sranfreicf) möchte politische Zugeständnisse - Die Reichsregierung wird von Mussolini in Rom erwartet.

Berlin, 28.Juni. (G:W) In ben Kampf um d i e Durchführung des Hoover- Planes ist eine Pause eingelegt; am heutigen Sonntag hat sich nichts ereignet, was d-.e Verhand­lungen vorwärts getrieben hätte. Die von einem Teil der Presse für Sonntagabend erwartete K a - binettssitzung hat nicht stattgefunden Zwar sind die besonders beteiligten Minister des Reichs- kabinetts dauernd in Fühlung; eine Kabinettssitzung wird aber erst abgehalten werden, wenn die Ver­handlungen zwischen Mellon und der französischen Regierung, die am Montag zu Ende gehen sollen, zu einem Ergebnis geführt haben.

In Berliner politischen Kreisen wird nach wie vor der Standpunkt vertreten, daß es sich

immer noch um eine amerikanische Aktion handelt, in die die Reichsregierung nicht ein­greifen kann.

Unter diesem Gesichtspunkt dürste Botschafter von h o e s ch am Samstagabend den Versuch der französischen Regierung beantwortet ha­ben, Deutschland in die Verhandlungen hineinzuziehen. Die Zurückhaltung der Reichs­regierung in diesem Stadium ist um so angbradjter, als eine Reihe von Anzeichen daraus schließen las­sen, daß Frankreich zwar bereit ist, finan­ziell den Wünschen der Amerikaner stark ent­gegenzukommen, daß es aber dafür be­stimmte politische Zugeständnisse ein­

tauschen möchte, wobei in erster Linie wieder an die Zollunion gedacht ist. Da bei der festen Haltung des Präsidenten Hoover solche poli­tische Handelsgeschäfte scheitern dürsten und der französischen Regierung auch wohl bekannt gewor­den ist, daß die Verhandlungsvollmacht Mellons sich in engem Rahmen hält, wird

französischersells der versuch gemacht, Deutsch­land in die pariser Verhandlungen hineinzu­ziehen, um auf diesem Wege mehr zu erreichen. 3n Kreisen der Reichsregierung besteht jedoch nicht die Absicht, die bisher verfolgten Ziele der Zurückhaltung aufzugeben, ehe zwischen den beiden in diesem Stadium hauptbeteiligten

Mächten Klarheit geschaffen ist.

Dieser Grundsatz gilt auch weiter für die Frage des deutschen Besuches in Paris. Die offizielle Einladung der französischen Regierung liegt zwar vor, ein Termin für die Zusammenkunft ist aber auch bis jetzt noch nicht vereinbart worden, da die Reichsregierung daran festhält, daß die Durch­führung des hooverplanes zunächst sichergestellt sein muß. Don unterrichteter Seite wird hierzu betont, daß der Kanzler und der Außenminister nicht die Absicht haben, sich bei der Pariser Begegnung in ein Feilschen um dieses oder jenes politische Einzelproblem einzulassen, son­dern daß es darauf ankommt, dem Sinne der An­regung entsprechend, in vertraulicher Aussprache über die große Linie der deutsch-französischen Politik

die Basis für eine Wiederannäherung der beiden Völker zu schaffen.

Der große Rahmen dieser Aussprache kommt auch in der Haltung der italienischen Regie­rung zum Ausdruck. Zwar liegt noch keine italieni­

sche Einladung vor, doch hat Mussolini anfra­gen lassen, ob die Reichsregierung bereit wäre, einer solchen Folge zu leisten. Daß darauf mit herzlicher Zustimmung geantwortet worden ist, ist selbstverständlich, und man kann nun darauf rechnen, daß die Einladung in den nächsten Tagen ergehen wird. Die Geste Musso­linis wird in Berliner politischen Kreisen besonders deshalb begrüßt, weil sie geeignet ist, den Weg der Aussprache zwischen den deutschen und den Ministern der anderen Hauptmächte darzutun, der in der großzügigen Anbahnung einer allgemei­nen Verständigung und Zusammenarbeit liegt.

Oer deutsche Botschafter in Rom bei Graudi.

Rom, 27. Juni. (WTB.) DieAgenzia Stefan!" meldet: Gestern um 17 Uhr hat Außenminister G r a n d i den deutschen Botschafter Dr. o. Schu - bert empfangen. Die Unterredung zwischen Grandi und von Schubert dauerte eine Stunde. Der italie­nische Außenminister begab sich hierauf in den Pa­lazzo Venezia um dem Chef der Regierung Bericht zu erstatten. Der deutsche Botschafter hat sich heute vormittag wieder in den Palazzo Chigi begeben, wo er vom Außenminister empfangen worden ist.

Otto Wels bei Henderson.

Berlin, 28. Suni. (ERD.) Wie der Sozial­demokratische Pressedienst meldet, ist der sozial­demokratische Parteivorsihende Otto Wels die­ser Sage in London gewesen. Er hatte Be­sprechungen mit dem englischen Außenminister Arthur Henderson und anderen maßgebenden Persönlichkeiten der Labvur-Parth.

Der Reichskanzler Über Mrkschaslsresormen.

Eine Rede vor den deutschen Bankiers.

Berlin, 27. 3unt (TLl.) Sn der Erweiterten Ausschuhsihung des Zentralverbandes für das deutsche Bank- und Bankier- g e w e r b e nahm heute vormittag Reichskanzler Dr. Brüning das Wort zu einer Ansprache, in der er u. a. ausführte: Rremand hat sich der Erkenntnis entziehen können, daß wir in den letzten Wochen in ungeheuren Ge­fahren geschwebt haben, weil dutch die außer­ordentliche Kapitalknappheit in Deutschland der starke Abzug von ausländischen Geldern sich zu einer besonderen Gefahr entwickelte.

Das Eingreifen des Präsidenten der vereinigten Staaten von Amerika vor acht Tagen war eine weltgeschichtliche Tat. Die Wirtschaft aller Kuk- turstaaten erhofft von ihr den Anstoß zu einer neuen wirtschaftlichen Belebung.

Der Vorschlag ist auch das offene Be­kenntnis zur Solidarität der Welt­wirtschaft. Wohl nie wieder wird dagegen der Irrtum äuskommen formen, daß die Be­drückung und Rot eines großen Landes und seiner schaffenden und verbrauchenden Be­völkerung anderenLändern zum Vorteil ge­reichen könne. Der Vorschlag des Präsidenten der Vereinigten Staaten bedeutet schließlich auch eine erfreuliche Kundgebung des Ver­trauens darirr, daß Deutschland von den Erleichterungen, die ihm gewährt werden sollen, den richtigen Gebrauch machen wird. Die­ses Vertrauen der Welt ist notwendig, weil nur dadurch der Umschwung in der öffentlichen Mei­nung jenseits der Grenzen zur vollen Auswirkung kommen kann. Daß dieser Umschwung sich über­all durchsetzen möge, ist unser aller besonderer und sehnlicher Wunsch.

Für uns in Deutschland ist es von entscheidender Bedeutung, von den in Aussicht stehenden Er­leichterungen den absolut richtigen Gebrauch zu machen und diese Erleichterungen dazu zu be­nutzen, um zu einer inneren Erstarkung unserer Wirtschaft zu kommen.

An der Spitze der Maßnahmen muß immer mehr stehen eine gesunde und sichere Fi­nanzpolitik der öffentlichen Kör­perschaften. So sollen und müssen auch die in der Rotverordnung getroffenen Maßnahmen verstanden werden. Wir wissen selbst, daß H ä r - ten in der Rotverordnung enthalten sind. Aber wie der Reichsarveitsminister kürzlich er­klärt hat, ist eine gesunde Sozialpolitik nur möglich auf dem sicheren Boden stabiler wirtschaftlicher und finanzieller Bedingun­gen. Solange das Ausland durch Abzug kurzfristiger Gelder jederzeit die öffent­liche und private Finanzwirtschaft aufs schwerste gefährden kann, entbehren auch alle sozialpoliti­schen Maßnahmen der notwendigen Sicherheit.

Aeußersle Sparsamkeit wird die oberste Richt­schnur für die öffentliche und private Wirtschaft bleiben müssen.

Der Reichskanzler verwies dann auf die wäh­rend der Kriegs-, Inslations- und Rachkriegszeit

durch die öffentliche Hand und das private Unter­nehmertum vielfach gemachten Fehler. Das Beispiel der Vereinigten Staaten verdiene Rach- ahmung, indem rückhaltlos die Fehler der pri­vaten Wirtschaftsführung eingestanden wer­den und in Verbindung mit der Regierung nach Mitteln und Wegen gesucht wird, sie in Zukunft xu vermeiden. Wenn, so fuhr der Reichskanzler fort, in der nächsten Zeit auch bei uns eine solche Initiative erfolgen wird, so möge die Wirt­schaft sie in gleichem Geiste der Selbstkritik und des guten Willens zur Besserung der Verhältnisse aufnahmen, wie es jenseits des Meeres bereits geschehen ist. Die Kritik an der öffentlichen Hand allein kann die Zustände nicht bessern. Der Staat für sich allein ist überhaupt nicht in der Lage, die Dinge einer guten Lösung zuzuführen.

Die einfache Formel, die Produktivität unserer Wirtschaft nur durch Lohnsenkung und immer weiter durch Lohnsenkung zu heben, kann keine Reform bringen. Die Konsumkraft der Bevölke­rung würde bei einem solchen Schrumpfungs­prozeß immer weiter sinken und die Erzeugung auf das schwerste schädigen, wenn nicht gleich­zeitig von der Wirtschaft und namentlich auch vom Bank- und Bankiergewerbe spontan durch Inangriffnahme großer und wichtiger Ausgaben geholfen wird.

Ihre Ausgabe wird es sein, dafür zu sorgen, daß die kurzfristige Verschuldung nicht wesentlich über den Betrag hinaus anschwellen darf, der aus der eigenen Volkswirt­schaft heraus alimentiert werden kann. Es wird Vorsorge getroffen werden müssen, daß berech­tigte Kreditbedürsnisse darüber hinaus in jedem Falle nur durch Hereinnahme langfristigen Auslandkapitals bef iedigt i e.Len. Täuscht nicht alles, |o stehen wir in einer Zeit, in der es, um das bisherige System der Wirtschaft vor schweren und dauernden Erschütterungen zu be­wahren, notwendig ist, eine

großzügigere und weitherzige Auffassung von der Idee des Kapitals

herbeizuführen. Die wirtschaftliche und seelische Rot der Zeit und der Welt beruht zum größten Teil auf ÄeberiPannungen und einem nicht überall restlos empfundenen tiefsten Verantwvrtlichkeits- gesühl eines jeden Führers, auch in der Wirt­schaft, für die Gesamtheit. Ich bin überzeugt, daß Sie sich bewußt sind, daß die Weltkrise nicht allein durch wirtschaftliche Mittel behoben wer­den kann. Die stärkste ethische Einstel­lung eines jeden einzelnen, das Derantwor- tungsbewuß tsein für das Ganze und die Erziehung aller zu dieser Auffassung scheint mir von entscheidender Bedeutung zu sein. Ich habe die Hoffnung, daß Sie, die Eie einen maßgeblichen Einfluß auf die gesamte Wirtschaft ausüben kön- nen, ihre ganze Kraft in engem Zusammenwirken mit dem Staat in diesem Sinne zum Wohle un­seres Vaterlandes einsetzen werden.