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Hr. 99 Zweites Blatt

Prestige".

Stimmungen und Verstimmungen in Paris.

Don unserem v. ^.-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Paris, Ende Qtpril 1931.

Es ist durchaus kein Zufall, daß in fast allen Sprachen Europas dasfranzösischeWvrt Prestige" zu einem fast unübersehbaren Be­hr iff geworden ist und daß man überall dort vonreiner Prestige-Politik" spricht, wo das reale politische Rühlichkeitsprinzip durch An- rnahung uni), Ressentiment ver­drängt wird. d. h. wo an die Stelle der auf sich selbst beruhenden nationalenWürde" oder desAnsehens" eben das aggressive, überheb­liche Prestige tritt. Ein Begriff, der stets etwas erheischt", die Bernunft nicht zu Worte kom­men läßt und das Selbstgefühl zu verbissener Aktivitä. au.peitscht: kurzum ein typisch fran­zösischer, durch Tradition geheiligter Geistes­zustand.

Als der deutsch-österreichische'Bor- vertrag in der französischen Oefsentlichkert bekannt wurde, bemächtigte sich aller Kreise im ersten Augenblick ein ratloses Erstaunen. Man suchte nach wirtschaftlichen Gegenargumenten, fand lie nicht stammelte etwas von einerGe­fährdung des ökonomischen Gleichgewichts" und einigte sich schließlich aufatmend auf die Formel, daß Frankreich durch das eigenmächtige Dorgehen der Besiegtenb e l e i d i g t u n d h e r- ausgefordert" worden sei. Das Zollabkom­men wurde mit taschenspielerischer Gewandtheit erst in den Zollverein und dann in denb tx« litischen Anschluß" um gefälscht. Man hatte also, was man wollte: den Prestige-Fall. Wer denkt heute in Paris noch an den Aus­gangspunkt. wer spricht von regionalen Wirt­schaftsverträgen, wen interessiert überhaupt die technische Zollunion als solche? Vermutlich nur die Sachverständigen und Juristen des Quai d'Orsey. befien die Ausgabe zufällt, für Genf die nötigen Argumente zu finden und einen Gegenentwurf auszuarbeiten. Die sogenannte öf­fentliche Meinung hat die nackten Tatsachen längst unter dem Schutt ihrer Phrasen begraben, und die Parole lautet:Wir müssen beweisen, daß es noch Sieger und Besiegte gibt!"

3n diese erregte Atmosphäre platzte die Ein­ladung der deutschen Minister nach Chequers wie eine Brandbombe und die Flammen prasselten hell auf. als man aus der englischen Presse erfuhr, daß B r i a n d zu dieser Zusammenkunft feine Einladung erhalten hatte. Daß der Besuch schließlich auf den 3unt verlegt wurde, buchte man allerdings als fran­zösischen Erfolg, doch blieb der Stachel einer der französischen Ration angetanenpersön­lichen Kränkung" in der Wunde. Eng­land d. h. die stets mit einigem Mißtrauen beobachtete Arbeiterregierung paktierte also mit dem Feinde und wollte sich augenscheinlich, nach dem reich.ich mißglückten Flottenabkommen, auch noch zum unerbetenen Vermittler in der Abrüstungsfrage aufwerfen und Frankreich seine wohlerworbenen" Führerrechte auf dem Konti­nent streitig machen. Deutschland moralisch den Rücken stärlen, wo es doch eben erst auf einer flagrantenUnbotmäßigkeit" ertappt worden war. Und Italien? Kolelticrte es nicht etwa schon mit seineralten Liebe" (dem Dreibund)? Was zu viel ist. ist zu viel: Oie sranzösische Faust muß endlich aus der Tasche, um diesem Treiben ein Ende zu machen. P r e ftj g e!

Wer die ungezügelten Ausbrüche der franzö­sischen Siegermentalität in ihren tiefsten Ur­sachen begreifen will, muß sich folgenden Ge-

Das Schicksal

kvrl»t das letzt«

Roman von 3.Schneider-Foerstl.

Urheber-Rechtschuh durch Derlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

6. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Er strich hastig die Furchen, die an beh Rasen­wurzeln herabliefen, entlang. Sie blieben. Mit scharfem Ruck zog er die Uniform straffer. Sie schlotterte. Dov einigen Wochen hatte sie noch gesessen wie ein Panzer.

»Herr Hauptmann, der Wagen!" Grusches, des Bedienten Gesicht zeigte Mitleid.

3ch komme schon!" Lippstadt wandte sich um und stand nun Auge in Auge mit dem jungen Menschen.

Ter Herr Graf Vater lasse dem Herrn Hauptmann allen Erfolg wünschen", würgte Grusche heraus.

Wieso?" Lippstädt hielt die Finger krampf­haft um den Säbelknauf gefegt.

Der alte Herr ich meine der Herr Lex, ist gekommen und hat's bestellt,"

Und das sagst du mir jetzt erst?"

Er hat's verbeten, daß ich den Herrn Haupt­mann rufe. Er wollte nur sehen, ob der Herr Hauptmann auch wirklich losfährt."

Ein helles Rot der Scham lief Viktors Gesicht hinauf.

Meinen Mantel!"

3 ft draußen schon bereit gelegt. Herr Graf tragen noch keine Handschuhe."

Grusche schritt hinter feinem Hauptmann her, als gehöre er zum Gefolge eines Leichenbegäng­nisses. Beider Schritte hallten die Treppe hinab.

Ter Chauffeur hielt den Schlag geöffnet und war sofort im Bilde. Der Offizier tat einen schweren Gang. Der Teufel wußte, welchen. Bei den Herren Offizieren war alles möglich. Die saßen heute noch auf einem Pferberücken und morgen schon mit einer Zwischendeckskarte auf einem Dampfer, der nach Uebersee ausfuhr.

Tjaha! Hatte jeder seine Sorgen! Und jeder trug sie gekrümmten Buckels Huckepack, statt sie abzuwerfen und der Menschheit eins zu pfeifen.

Grusche tat, was man nur jemand, dem man gut war, tun konnte. Er fuhr mit seinem Rock­ärmel noch einmal über den Glanz der Stiefel seines Herrn, obwohl fein Hauch auf denselben zu sehen war. Sorglich-balancierte er die Säbel- spitze etwas weiter ins Innereres Fonds.

Lippstädt gab sich einen Ruck.3ch telephoniere, wenn ich etwas zu Mittag gerichtet haben will. Sonst brauchst du nicht für mich aufzutragen."

3awohl, Herr Hauptmann! Um ein Uhr müssen Herr Hauptmann bei Exzellenz'Gröde fein!"

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) ________Mittwoch, 29. April 195(

dankengang vergegenwärtigen:Wenn Deursch» land diese Eigenmächtigkeit (Zollunion) unge- >raft und ungehindert durchgeht woistdann überhaupt die Grenze? Wie läßt sich der heilsame Glaube an 6ie unerschütterliche Vor­machtstellung Frankreichs dann noch aufrecht­erhalten? Müßte die Welt nicht auf den pein­lichen Gedanken verfallen, baß trotz aller Ka­nonen und Bajonette das Uebcrgewicht des französischen 39 - Millionenvolkes über 70 Mil­lionen Deutsche in Mitteleuropa einmal e i n Ende haben könnte?" Oder mit den Worten eines sehr aufrichtigen Franzosen ausgedrückt: Frankreich ist eine ältliche kinderlose Dame, die sichauf jung" schminkt. Wir machen eine Politik, als ob wir ein wachsendes 60-Mllllonen- voll wären, und wenn wir das wären hätten wir diese Politik gar nicht nötig!

Und noch etwas müssen wir uns vor Augen halten: die Pariser nationalistische Presse, von

3a! Lippstädt besann sich.Vielleicht ist es dir möglich, nach Langenbach zu reiten. Du sagst, daß ich nach Hause komme, so bald es geht."

Das kann der Herr Lex auch bestellen!"

Ist der" Viktor fapi nicht zu Ende mit seiner Frage, denn Grusche zog es vor, rasch den Schlag ^uzuklappen und dem Chauffeur zuzu- nicken. Besser war besser.

Der Wagen sauste die asphaltierte Straße hinunter, auf der die Mittagssonne brannte. Lippstädt drückte den Kopf in die Polsterung und empfand einen leichten Schwindel. Dor ihm mochte eine Frau das Auto benutzt haben, beim ein Hauch von Tuberosen entströmte den dunkel- grauen Polstern.

Er nahm den Helm ab und schloß Die Lider, um das helle Blitzen der Säbelspihe nicht mehr zu sehen. Es tat ihm weh. Selbst der schmale Streifen Sonne, der sich durch die Scheiben drängte, schmerzte ihn.

Evelin!"

Durch alle Tore des Schreckens wollte er willig für sie gehen und Rot und Kümmernis um ihret­wegen tragen, nur diesen einen einzigen Gang... wenn ihm einer diesen ©ancuabgcnommen hätte! Aber bas war nicht möglich. Er mußte ihn selber tun. Mußte bitten gehen zu der Frau, die seinem Vater zum Verhängnis geworden war.

Meine Mutter ist engelsgut",' hatte Evelm getröstet.Du sollst keine Furcht vor ihr haben."

Keine Furcht! Und ihm rannte das Blut. Seine Hände waren wie Eis. Den Helm auf den Knien, starrte er durch das geschlossene Fenster. Es war schwül in der Enge des Wagens, aber er brachte die Energie nicht auf, die Scheiben herabzulassen. Erst als ihm ein glasiger Tropfen von der Stirne herab nach den Wangen rann, streckte er die Hand aus, um frische Luft herein­zulassen.

Bald hielt der» Wagen.

Warten Sie!"

Ter Chauffeur sah der hochgewachsenen Sol­datengestalt nach, bis das schwee Gittertor hinter ihr zusammenschlug. Jammerschade um einen sol­chen Menschen! Der brauchte sicher Geld oder sonst etwas. Die Setterholm und. Dloem hakten es!Ob sie ihm etwas davon abgeben?" fragte sich der Chauffeur.

Blöd war das! Die einen alles, der andere nichts! Wie er zum Beispiel! Schließlich ging's auch so! Er steckte sich eine Zigarre in Brand und faltete das Mittagsblatt, das er in der Rocktasche getragen hatte, auseinander.

Fünf Zeilen hatte er gelesen oder sechs, als er einen Schrift horte. Er sah auf, ließ den Stummel aus dem Munde fallen und bas Blatt -hinter­drein. Sie hatten ihm nichts gegeben! Herrgott, es mochte aufs Ganze gegangen fein!

Der Wagen stand zwar dicht am Trottoir, aber er sorgte sich doch, ob fein Fahrgast auch das

der äußersten Rechten bis zu den Radikalsozialen, schlägt auf den Sack (Deutschland) und meint den Esel (Tr.and). Der Außenminister dessen im Grunde auf das gleiche pan-französische Ziel gerichteten Methoden der Masse zu lang­sam und verschwommen erscheinen füll durch die öffentliche Meinung dazu gezwungen werden, in Genf aus seinem künstlichen Rebel hervorzutreten und Deutschland die Zähne zu zeigen. Er soll unter ber Androhung seines eigenen Sturzes ein Crempel statuieren und mit dem Schilde oder auf dem Schilde", also tot oder als Sieger, nach Frankreich zurückkehren.

Es unler.icgt keinem Zweifel, daß Driand die Alternative begriffen hat und heute schon alle Hebel in Bewegung setzt, um einen greif­baren Erfolg vorzubereiten. Die französische Pre­stige-Politik marschiert, und Deutschland hat sich dagegen zu wappnen.

Trittbrett nicht verfehle. Die Gestalt schwankte mehr als sie ging. Farbe hatte der Graf der Bediente hatte so etwas gesagt, als ob er ein Graf wäre auch vorher nicht gehabt. Aber Inun war das Gesicht so grau, als hätte es Asche bdtüber geregnet.

Was er sagte, konnte man sich nur denken. Die Straße war noch verständlich gewesen. Die Rümmer ein Gemurmel. Ra, dann fuhr man ihn eben ein bißchen Zickzack hin und her, bis er sich wieder so weit erholt hatte, daß er vernünftig zu denken und zu reden vermochte.

Sine halbe Stunde ging das so, durch blühende Anlagen, an schattigen Gärten vorbei. Und noch immer klang keine Stimme aus dem Hörrohr. Verdammt! Es würde doch nichts passiert sein? Schuß hatte er zwar keinen gehört, aber es war schon vorgekommen, daß einer einen Toten im Fond hatte und deswegen ein halb duhendmal vor Gericht erscheinen mußte.

Als er eine Kurve zu nehmen gezwungen war, sah er verstohlen zurück. Der Gras lehnte in der rechten Ecke. Den Kopf weit auf die Brust herab» gefallen, hielt er die Arme zwischen den Knien.

Tot war er nicht. Rein! Aber ein bißchen Ruhe mußte man ihm wohl noch gönnen. Man fuhr ihn also noch ein Stück. Die Straße wurde breit. Die langen Fronten der Kasernen tauchten auf. Ein Bataillon zog mit klingendem Spiel vorüber. 2lha!

Durch das Sprachrohr kam eine Stimme:Har- dangergasse 68."

Gott sei Dank! Haarscharf rannte der Wagen an der einmarschierenden Truppe vorüber.

Lippstädt drückte sich in die Ecke und stülpte den Helm über den feuchten Scheitel. Als er über das Trittbrett stieg, taumelte er, hielt sich am Knopf des Eckiges und raffte sich bann zusam­men. Während er die Taxe bezahlte, sagte er: «Sie brauchen richt zu warten."

Die Schultern vornübergeneigt, verschwand er unter der breiten Doppeltür, die in das große Miethaus führte, in dem Exzellenz Grode wohnte.

* * *

Fünf Minuten nach ein Uhr!" Lippstädt sah nichts, als die Helle des Zifferblattes, die von der schwarzen Standuhr her in die Tiefe des geräumigen Zimmers leuchtete. Die Klubmöbel zeigten ein totes Braun, und die schmalen Seiten­flügel der Madrastzorhänge warfen dunlle Schat­ten in die Ecken.

Der Kopf schmerzte ihm zum Zerspringen. Ein gallig herber Geschmack im Munde, rief Ekel und Brechreiz wach. Und nun noch Grobe, der einem nur ins Gesicht zu sehen brauchte, um alles und jedes zu wissen. Von den Hüften nach den Schenkeln hinunter zuckten die Muskelstränge, als wären sie bewegliches Gummi.

Er sah sich um, hatte das Gefühl, als käme die

Wohlfahrtsfürsorge zu verstaatlichen, eine Ge­fahr für die Kirche. Diese könne und werde da­her niemals auf eigne Liebesarbeit verzichten. Keine Gesetzgebung könne sie ja von ihrer öffent­lichen Verantwortung entbinden. Dazu sei die freie Wohlfahrtspflege wesentlich billiger, als die ösfentliche, wie Redner an Hand statistischer Zusammenstellungen nachwies. Der umfassende Dienst der 3mieren Mission könne aber nur ge­leistet werben, wenn alle Gemeindeglieder sich hinter die Arbeit stellten.

Beiden Vortragen folgte eine rege, fruchtbrin­gende Aussprache, an der sich auch Oberkirchenrat D. Wagner (Gießen) und Landeskirchenrat D. Waitz (Darmstadt) beteiligten.

Billige Keldberein^gungskredite.

WER. Darmstadt, 27. 21pril. 3n einer Reihe von rheinhessischen Gemeinden, die gegen­wärtig vor oder in den Feldbereinigung s- arbeite n stehen, sind Besorgnisse über die Möglichkeit ihrer Durchführung entstanden. Das Ministerium für Arbeit und Wirtschaft hielt zui5 Klärung von Zweifelsfragen in Mainz eine von Ministerialdirektor Dr. Rößler geleitete Be­sprechung rheinhessischer Bürgermeister mit den Sachbearbeitern des Ministeriums ab. 3n ihr wurde die wichtige Mitteilung gemacht, daß die Hessische Landesbank bereit ist, den Feldbereinigungsgesellschaften' un­ter Bürgschaft ber Gemeinde langfristige Darlehen zu gewähren, deren Zinssatz unter Bewilligung eines staatlichen Verbilligungszu­schusses 5 Prozent betragen wird. Die Tilgungs­bedingungen werden nach 'den jeweiligen Ver­hältnissen der Gemeinde festgelegt. 3n den ersten fünf 3ahren sind die Darlehen beiderseitig un­kündbar. Die hessischen Feldbereinigungskommis­sionen sind beauftragt worden, -den Bedarf der einzelnen Gemeinden festzustellen. Heber den grundsätzlichen Wert der Feldbereinigung herrscht keine Meinungsverschiedenheit. An einzelnen Bei­spielen wurde gezeigt, daß die Erhöhung der Bodenrenten infolge der Feldbereinigung allein schon einen Ausgleich für höhere Belastung bringt. Rach ber Beseitigung der Kreditschwierig- feiten besteht kein Grund mehr, das Feldbereini­gungswerk zurückzustellen.

Blutige Zusammenstöße in Worms.

WSR. Worms, 28. April. Am Sonntag fand in Worms ein großer Aufmarsch der Standarten Rheinhessens der Rationalsozialisten statt. Am Rachmittag zogen die braun' unifor­mierten Kolonnen unter den Klängen ber SA.» Kapelle durch die Stadt, wobei es trotz höchster Alarmbereitschaft der Polizei zu zahlreichen blutigen Zusammenstößen kam. Schon vormittags kam es zu Schlägereien, die sich am Rachmittag fortsehten. Zu den Vorfällen meldet der Polizeibericht, daß es AnhängerA>er KPD. waren, die die Ausschreitungen veranlaßten. Rur dem Einsatz stärkster poli­zeilicher Kräfte ist es zu verdanken, daß die radikalen Gegner der Zugteilnehmer, die sich in den Straßen der Stadt zahlreich aufgestellt hatten und den Zug begleiteten, nicht in offenen Kampf mit den Zugteilnehmern gerieten. Es wurde mit Steinen geworfen, mit Spazierstöcken ge ch agen, auch ein offenes Messer wurde in den Zug gewor>en. Am Martinsplah wurde ein brennender Feuerwerkskörper und sogar eine mit Karbid und Wasser gefüllte Bierflasche in die Menge geschleudert. Ein Kind wurde von der Flasche getroffen und leicht verletzt. Einem glück­lichen Umstand ist es zu verdanken, daß die Flasche nicht explodierte und dadurch kein noch größerer Schaden entstanden ist. 3n 25 Fällen,

weiße Decke langsam über ihn herabgeschwebt, und riß sich hoch.

Rur zehn Minuten, dachte er. Diese zehn Minu­ten noch, die j^tzt kamen. Dann war Ruhe.

Herr Hauptmann Lippstädt!"

Er stand in dienstlicher Haltung. Eike lang­fingrige, schmale Hand winkte ab, zsigte nach einer Türe und hielt die grünen Samtportieren zurück. Schwer und faltenreich fielen sie hinter ihm und dem General zusammen.

Eine Frage ist wohl überflüssig, Herr Haupt­mann?"

Exzellenz!"

Seh dich erst! Man kann nicht stehen, wenn einen die Beine nicht mehr trag.'n wollen, ©eßen! Ein ^Skuhl glitt über den teppichlosen Parkett­boden dicht vor Lippstädt.

Die Exzellenz beugte sich herab, nahm Viktor den Helm aus den willenlosen Fingern und stellte ihn auf das Fenstersims.Deswegen wirft ein Mann den Säbel noch nicht über den Zaun. Dein Vater hat's auch nicht getan. Es ist nur zu hoffen, baß die Tochter besser ist als die Mutter."

Exzellenz!" Viktor hob die Arme, ließ sie wieder sinken, hob sie noch einmal und deckte die Hände über das blutleere Gesicht. Rach Sekunden erst schlugen sie reglos herab.Ich bitte um meine Entlassung aus dem Heere!"

Die Zähne des Generals gaben einen pfeifenden Ton von sich.Fahnenflüchtig einer Frau wegen!"

'Exzellenz I"

Rimm Geld aus der Bataillonskafse oder begehe sonst eine Schlechtigkeit. Dann wirft dich das Regiment hinaus. Denn das willst du doch!"

Vor Lippstädt begannen graue Rebel zu damp­fen. die allmählich das ganze Zimmer erfüllten. Frahengesichter sahen ihn an.Helfen Sie mir!

Eine Hand drückte ihn, als er sich zu erheben versuchte, auf den Stuhl nieder und eine Stimme sagte gütig:Haltung bewahren. Sie muß sehr > raffiniert sein, die kleine Dloem, daß sie dich so in ihr Blondhaar verwickeln konnte. Sonst bringen das für gewöhnlich nur Frauen reiferen Alters fertig. Sie scheint alles in allem ganz die Tochter ihrer Mutter zu sein."

Richt, Exzellenz!" *

Der General wußte nicht, ob das seinen Wor­ten gelten sollte, oder ob es eine Ditte um Schonung war. Er kreuzte die Hände auf dem Rücken und setzte die Stiefel auf den spiegelnden Do den, als befände er sich auf Manövergelände. Und wohin nach dem Abschied?"

Irgendwo!"

Und bist der Meinung, daß du dort irgendwo vergißt?"

Riemais. Exzellenz!"

Ra also! Dann kannst du geradesogut auch bleiben! Denn das Vergessen, weißt du, Bub, das hat so seine Haken! Es bringfs nicht jeder fertig."

(Fortsetzung folgt.)

6. Evangelischer Landeskirchenlag.

Darmstadt, 28. April. (WSN.) Präsident Archiodirektor D. Hermann eröffnete heute den 6. Evang. Landeskirchentag im Sitzungs­saal der-Landessynode und wies in feiner Rede darauf hin, daß man gehofft habe, den in Aussicht stehenden Schiedsvertrag mit dem Hessischen Staat und die geplante Einigung mit den Nachbarkirchen schon abgeschlossen au sehen. Beide Angelegenheiten seien aber leider iwch nicht soweit gefordert, daß man sich mit ihnen beschäfti­gen könne. Er wies weiter daraus hin, daß man heute die bei weitem noch nicht genügend gewür­digte Gefahr des organisierten Ansturms der Gottlosen- und Freidenkerver­bände gegen alles, was Religion'und Christentum heiße, scharf beachten müße. Zu der Verlegung des Pädagogischen Institutes nach Mainz er­klärte der Präsident, daß dadurch ein Wiederaufleben des konfessionellen Zwistes nahegerückt sei. Der Lan­deskirchentag werde in einer Entschließung noch einmal ausdrücklich hierzu Stellung nehmen. Sollte es dabei bleiben, daß der gesamte hessische Lehrer­nachwuchs lediglich in dem unter katholischer Leitung stehenden Mainzer Institut ausgebildet werden solle, dann sei eine Verschärfung der konfessionellen Ge­gensätze unvermeidlich, und wenn unter der Flagge der. Simultanschule die Wünsche und berechtigten Ansprüche der evangelischen Mehrheit des Landes so wenig beachtet wurden, so falle es den Freunden der hessischen Simultanschule immer schwerer, an dieser festzuhalten und sich für sie, wie bisher, ein­zufetzen. In seinen weiteren Ausführungen gedachte der Präsident der im letzten Jahre verstorbenen Mit­glieder und nahm die Verpflichtung dreier neuer Abgeordneter Moosbach (Offenbach), Dah - l e m (Dexheim) und Becker (Alzey) vor.

Als stellvertretender Präsident des Landeskirchen­tages wurde an Stelle des verstorbenen Dr. Bern- deck Pfarrer Ausfeld (Gießen) mit Mehrheit gewählt. ,

In der dann beginnenden Generaldebatte über das neue Kirchengesetz,die Erhaltung der kirch­lichen Ordnung und Sitte betreffend", wurde von den Vorsitzenden der einzelnen Gruppen die prinzi­pielle Zustimmung erklärt und lediglich ein­zelne Abänderungen gewünscht. Strikte Ableh­nung erklärte der Abgeordnete Unioersitätsprofessor D. Cordier (Gießen) mit der Begründung, daß erstens das Verständnis, das das KirchenmitgUed zu den einzelnen Amtshandlungen zu nehmen habe, ein­seitig vorgeschrieben werde, zweitens daß die Wei­terentwicklung der kirchlichen Handlungen dadurch gehemmt sei, und drittens daß die entscheidende In­

stanz, die helfen könne, zu einer Neubildung von Kirchenhandlungen mehr oder weniger ausgeschaltet werde. Die Generaldebatte wurde heute abge­schlossen, worauf fick) der Landeskirchentag auf Don­nerstag zur Einzelberatung vertagte.

Evangelischer Kirchengememdeiag in Oberheffen.

Zl Bad-Rauheim, 26. April. Rach einer Spanne von zwölf Jahren fand heute in Ober- Hessen wiederum ein vorn^ hessischen Landesver­ein des Deutschen Evangelischen Ge - meindetags veranstalteter evangelischer Kirchengemeindetag statt, der zahlreiche Vertreter aus dem Lande nach hier führte. Morgens war in der Dankeskirche ein stark be­suchter Festgottesdienst, Bei dem Pfarrer Mahr (Gießen) die inhaltseiche Festpredigt im Anschluß an 1. Petrus 2, Vers 9 hielt.

Die vorn Vorsitzenden des Landesvereins, Ober» studienrat Prof. D. Ma tthes (Darmstadt) ge­leit :ten Verhandlungen des Rachmittag begannen mit einer Begrüßung der Vertreter der kirch­lichen Behörden, unter denen sich auch der Super­intendent für Oberhessen. Obersirchenrat O.W ag - ner (Gießen), befand. Eingehend verbreitete sich der Vorsitzende dann über Zweck und Ziel des evangelischen Gemeinde­tags, der lebendige Gemeinden schaffen wolle, in denen sich auch die Gemeindeglieder mit­verantwortlich lühltcn für das, was in der Ge­meinde getan oder unterlassen werde. Rur leben­dige Gemeinden könnten sich gegen den Ansturm der Kirchenfeinde behaupten.

Den ersten Vortrag des Rachmittags hielt Obersirchenrat Dr. H o r r e (Darmstadt) über Kirchen gemeinde und bürgerliche Gemeinde". In gründlichen Erörterungen be­handelte er die kirchliche und die jurissische Seite der Frage. Er stellte das Unterschiedliche gegen­über, zeigte aber auch die Berührungspunkte, die zu einem Zusammenarbeiten von kirchlicher und politischer Gemeinde führen sollen. Als eine der Hauptaufgaben der Kirche sei in unserer Zeit die Erziehung zur Volksgemeinschaft anzu- sehen.

Direktor Pfarrer Röhricht vom hessischen Landesverband für innere Mission sprach über Gegenwartsgefahren und »aufga­ben der evangelischen Kirch e". Er sieht in dem Bestreben, die Kirche ihres Wohl- fahrtsrinrichtungen zu entheben, und die ganze