Nr. 302 Zweites Blatt
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Aus der Provinzialdauptstadt.
Gießen, den 28. Dezember 1931.
Wichtig für den Inventur-Ausverkauf.
Um zu verhüten, daß Ladeninhaber bei Beran- staltnng ihres Inoentur-Zlusverkaufs mit dem Gesetz über den unlauteren Wettbewerb in Konflikt geraten und bestraft werden, weist das Polizeiamt in Uebereinstimmung mit der Industrie- und Handelskammer Gießen auf folgendes hin:
Die Inventur-Ausverkäufe dürfen nach einer kreisamtlichen Bekanntmachung in der Zeit vom 5. Januar bis 15. Februar jeweils auf die Dauer von 14 Togen stattfinden. Der Beginn des Inventur-Ausverkaufs ist demnach innerhalb dieser Zeit jedem einzelnen freigestcllt. Weder unmittelbar vor, noch unmittelbar nach dem Inventur-Ausverkauf dürfen irgendwelche Sonderveranstaltungen und Rabattgewährungen und ähnliches angekündigt werden, weil dies als Verlängerung der 14-tägigen Frist anzusehen ist.
Das Wort „Inventur-Ausverkauf" ist in gleich große Schrift zu setzen; es ist unzulässig, das Wort „Ausverkauf" in großer und das Wort „Inventur" in kleiner Schrift zu zeigen.
Ebenso sind Rabattankündigungen, bei denen verschiedene Rabattsätze genannt werden, so zu setzen, daß nicht ein höherer Satz stärker in die Erscheinung tritt als der niedrigere, und im Falle die Worte „bis zu" angewandt werden, müssen diese eben so groß erscheinen, wie die Ziffer des Rabattes.
. Ueberhaupt muß vermieden werden, durch Fettdruck einzelner Worte oder Ziffern eine Irreführung des Publikums herbeizuführen.
Bei Ankündigungen, wie „Preise bis zu 50 Prozent herabgesetzt", muß bei der Mehrzahl der zum Verkauf gestellten Arttkel dieser Rabattsatz bewilligt werden, andernfalls sind sie unzulässig.
Es ist zu vermeiden, durch Ankündigungen vor Beginn des Ausverkaufs bei dem Publikum den Anschein zu erwecken, als ob der Ausverkauf schon vor der festgesetzten Zeit beginne.
Für den Ausverkauf hergerichtete Schaufenster und Plakate dürfen frühestens am Tage vor Beginn des Ausverkaufs nach Geschäftsschluß sichtbar sein. Einladungsschreiben oder ähnliche Mitteilungen sollen erst unmittelbar vor Beginn des Ausverkaufs zum Versand kommen.
Vornotizen.
— Tageskalender für Montag. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Königin Luise".
*
" Weihnachtsfeiern in den Kliniken sanden auch diesmal wieder in althergebrachter Weise statt. In der Klinik für Obren-, Hafen» und Halskranke, wie auch in der Heilstätte Seltersberg hielt Pfarrer Müller die Ansprachen, ferner wurden von Mädchen Gedichte aufgesagt, sowie gemeinsam Weihnachtslieder gesungen. Mitglieder der Reichswehrkapelle verschönten in beiden Kliniken die Feierstunden. Der Direktor, Prof. Dr. Drüggemann, dankte allen Mitwirkenden für die Bereitung der schönen Feierstunden, die den Patienten eine herzliche Weihnachtsfreude schufen. 3n der Rervenklinik hielt der Direktor, Geh. Rat Prof. Dr. Sommer, die Ansprache, während im übrigen die Feier durch Liedgesang in schöner Weise ausgefüllt wurde. Die Feierstunde in der Chirurgischen Klinik, bei der Pfarrer Müller zu den Patienten und den übrigen Gästen sprach, wurde durch künstlerische Darbietungen von Frau Dr. Wehl (Gesang), Fräulein Felchner (Klavier) und Herrn Schneider (Cello) in sehr eindrucksvoller Weise verschönt und bereichert. 3n der
nie!
Nachdruck verboten.
2. Fortsetzung.
Roman von Elotilde von Stegmann-Stein.
Copyright by Martin Feuchtwange r, Halle.
Sibelius — allein — sah noch einen Augenblick f sinnend vor sich hin. Die Entscheidung, die sein Gewissen ihm diktierte, war ihm nicht leicht gefallen. Aber — und er sah auf die Bilder seiner Ahnen — er war dem Beispiel der Borfahren gefolgt. Die Ehre des Hauses, die jeder Sibelius treu gewahrt, stand über den persönlichen Bedenken und Borteilen.
Mit einer gewissen Befriedigung verließ der Konsul jetzt seinen Arbeitsraum. Durch das geöffnete Fenster tönten die schweren Glockenschläge von St. Marien zwölfmal, und leise und zart trug der Wind die Töne des alten Glockenspieles zu ihm herüber, das stets um die Mittagsstunde wie ein mahnender Ruf von oben die alte Weise über die Kaufmannsstadt trug: „lieb’ immer Treu und Redlichkeit..."
Der Konsul lauschte der altbekannten Melodie, die ihm schon von Kinderzeiten her vertraut war, und straffte seine Gestalt.
Das walte Gott!, dachte er bei sich und trat gemessenen Schrittes vor die Haustür, wie es vor der Mittagsstunde feine Gewohnheit war.
Sein Blick fiel, wie immer, unwillkürlich auf dos steinerne Wappen der Sibelius' über dem Portal, das in der herbstlichen Sonne leuchtete. Aber auch in seinen ernsten Augen war ein glückliches Leuchten, als er jetzt eines jungen Mädchens ansichttg wurde, das vom Hafen herauf mit schnellen Schritten dem Hause entgegeneilte. Sin paarmal drehte es sich im eiligen Dorwarts- fcreben um, und da erst sah der Konsul eine hohe, schlanke Männergest lt an der Straßenecke, Die grüßend den Hut zog.
Ein verwunderter Ausdruck trat in seine Augen. Der konnte es sein, nach dem eine Birgit Sibelius sich auf der Straße umwandte?
Das junge Mädchen hatte inzwischen das Haus erreicht. Die sonst so blassen, herb-feinen Züge waren von einem zarten, rosigen Hauch belebt und verschönt, die stillen grauen Augen strahlten in. scheuem Glück, und der Mund war etwas geöffnet, als wollte er überströmen von geheimen, zärtlichen Empfindungen.
Erstaunt sah der Konsul in das veränderte Gesicht seines einzigen Kindes und hörte an dem leiten Beben der Stimme, mit dem Birgit ihn begrüßte, daß sich etwas in ihrem Leben ereignet hatte. Aber er fragte nicht, sondern wartete. Er rollte, daß er das Vertrauen feines Kindes, dem .r feit dem Tode feiner geliebten Gattin Vater
Mutter zugleich war, befaß, tote kein anderer Unter. Er kannte auch die schwere, verschlossene
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Montag, 28. Dezember (931
Hautklinik, an deren Feier sich auch das Lupusheim beteiligte, wirkte bei der weihnachtlichen Feierstunde ein aus Patienten und Angestellten gebildeter Frauenchor mit, Schwester R u p e r - t i n e hatte die Aufführung reizender Weihnachtsbilder und Weihnachtsfestspiele arrangiert, Pfarrer Müller und Pfarrer Dr. H e m m e s hielten eindrucksvolle Ansprachen, Lehrer Klein, Gießen (Klavier), und ein Violinspieler trugen durch musikalische Darbietungen zur Bereicherung der Feierstunde bei. 3n allen Kliniken wurden den Patienten und Angestellten am Schlüsse der Feiern schöne Weihnachtsgeschenke überreicht.
** Der Gesangverein „Sängerkranz" veranstaltete am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages im Saale des Gesellschaftsvereins eine schlichte Weihnachtsfeier, die bei guten Darbietungen und zahlreichem Besuch einen schönen Verlauf nahm. Ein gemischter Chor, der aus den Sängern und einer Anzahl Damen des Vereins zusammengestellt war, brachte unter der Leitung des Chormeisters Kasten in feiner Weife einen Weihnachtschor zu Gehör, d?r von den Zuhörern mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde. Tanzlehrer D ä u l k e und Frau bereicherten das Programm des Abends mit tanzkünstlerischen Darbietungen der verschiedensten Art in angenehmster Weise und konnten dafür ebenfalls lebhaften
Beifall der Besucher verbuchen. Eine sehr freundliche Aufnahme fanden auch allerliebste Reigentänze einer Kinderschar, die von Herrn B ä u l k e in mühevoller Tätigkeit vortrefflich eingeübt waren. Gute Unterhaltungsmusik, eine vielseitige Tombola und zum Schluß das übliche Tanzvergnügen boten den Besuchern weitere gute Festfreude. Der Verein kann den genußreichen Abend als einen schönen Erfolg seiner Arbeit verbuchen.
•• Unfälle. Am Rachmittag des Heiligen Abend siel in einem Hause am Lindenplah ein drei 3ahre altes Bübchen rücklings in ein Gesäß mit heißem Wasser. Das bedauernswerte Kind trug dabei erhebliche Brandwunden davon, die nach erster Hilfeleistung durch die Freiwillige Sanitätskolonne ärztliche Behandlung erforderlich machten. — 3n der oberen Bahnhofstraße stürzte am Donnerstagabend infolge des Glatteises ein Mann so unglücklich, daß er einen Kniescheibenbruch erlitt und von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz der Chirurgischen Klinik zugeführt werden muhte. — Auf der Eisbahn fiel am Rachmittag des ersten Feiertages ein Schüler beim Schlittschuhlaufen so unglücklich, daß er einen Unterschenkelbruch davontrug und in ärztliche Behandlung kommen mußte.
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„lötfjrfurnen" und „Pflichtturnjahr" bei der ÖT.
Der Vorstand der Deutschen Turnerschaft ist mit dem Gesamt-Turnausschuß in der Frage der Einführurm eines besonderen Wehrturnens und der Bildung von Wehrriegen der Meinung, daß die Erziehung der 3ugend besser durch eine allgemeine, gründliche und zielsichere Leibesübung erfolgt, als durch ein besonderes Wehrturnen.
Wenn jedoch Vereine den Willen und die Möglichkeit haben, besonderes Wehrturnen zu pflegen und Wehrriegen einzurichten, so hat der Vorstand der Deutschen Turnerschaft dagegen nichts einzuwenden; er lehnt aber den Gedanken, alle Vereine der Deutschen Turnerfchaft zu zwingen, Wehrturnen einzuführen und Wehrriegen zu bilden, ab.
Der Gedanke, ein freiwilliges Pflicht- turnjahr für die 3ugend einzurichten, d. h., die 3ugend auszufordern, sich freiwillig zu verpflichten, ein 3ahr lang regelmäßig Leibesübungen zu betreiben, wird begrüßt. Die Ausgestaltung und die Durchführung dieses Pflichtturnjahres wird den Unterverbänden der Deutschen Turnerschaft überlassen; sie kann auch geschehen, ohne daß dabei besonderes Wehrturnen gepflegt wird.
Einweihung der Brunhildis-Eisbahn.
Am zweiten Festtag fand die wiederholt verschobene Einweihung der Drunhildis-Eisbahn des Südwestdeutschen Eislaufverbandes auf dem Feldberg im Taunus statt. Leider war auch diesmal wieder das Wetter sehr ungünstig; auf der festlich geschmückten Bahn lag dichter Rebel und das Eis war sehr weich. Das Programm mußte infolgedessen stark verkürzt werden, die Eishockey- kämpfe fielen aus und auch das Meisterpaar Maier-Labergo war nicht am Start. Das bayrische Meisterpaar Schwendtbauer-Eichinger zeigte sich im Kunstlaufen, im Eisschießen siegte EB.
Gießen vor TC. 14 Frankfurt und EV. Kronberg.
Weihnachisfußbatt
der Gießener Mannschaften.
Die überraschend veränderten Witterungsverhältnisse, die während der Feiertage vorherrschten, bedingten eine Reihe von Spielausfällen. Die Spiele der 3ugendlichen wurden beim VfB. wie auch bei der Spielvereinigung 1900 sämtlich abgesagt.
Die Liga des VfB. spielte am ersten Feiertag gegen Wallau und blieb nach einem schönen Kampfe mit 3:1 Sieger. Zur Halbzeit stand das Spiel 1:1. Gegen Alsfeld vermochte die Liga nur ein mageres Unentschieden zu erzielen. 1:1 lautete das Ergebnis. Das Spiel der Ligareserve gegen die 2. Mannschaft des Sportclubs Wetzlar fiel aus. Die 3. Mannschaft mußte sich von der Lehrmann- fchast der Spielvereinigung mit dem knappen Ergebnis von 2.3 geschlagen bekennen.
Die Dlauweißen, die Liga der S p i e l Vereinigung brachte aus Wetzlar eine Riederlage mit nach Hause. Das Pokalspiel entschieden die Gastgeber mit 5:2 für sich. Die 1900er mußten mit drei Mann Ersatz antreten. Eine komb. Mannschaft gewann gegen Bieber (Dodheim) 1. Mannschaft auf des Gegners Platz mit 4:1. Die 2. und 3. Mannschaft blieb über die 1. von Muschenheim erwartungsgemäß mit 6:4 siegreich. Das vorgesehene Spiel der 2. und 3. Mannschaft (komb.) gegen die Erste von Wieseck fiel aus. Die Vierte unterlag gegen Büblingshausen mit 1:4 und die 5. Mannschaft mußte in Steinfurth auch eine Riederlage in Kauf nehmen. 1:3 lautete das Ergebnis für Steinfurth.
Weihnachtsfußball inHeffen-Hannover
Das Fußballprogramm wies an Weihnachten in Hessen-Hannover nur eine geringe Ausbeute auf, die meisten Mannschaften feierten. Die Bodenverhältnisse waren auf der ganzen Linie sehr schlecht, so daß die wenigen Spiele, die zur
: Sibelius', und Birgit war eine echte Sie würde sprechen, wenn sie ihm etwas
hatte.
> schob die Tochter ihren Arm in den
des vergötterten Vaters.
„Verzeih, Väterchen! Habe ich dich warten lassen? Du siehst etwas angegriffen aus. 3st die geschäftliche Angelegenheit, die du mir gestern angedeutet hast, noch nicht erledigt?"
Lächelnd erwiderte der Konsul, indes er das kluge, reine Profil seines Kindes liebevoll be
trachtete:
„Mache dir keine Sorge, meine Birgit, ich habe mich entschieden."
Sie sah ihm bewundernd in die Augen.
„Und wie hast du entschieden?"
„Wie es die Ehre des Hauses erforderte", antwortete der Konsul mit ernstem Rachdruck. „Ein Sibelius kann nicht handeln, wie so viele andere heutzutage handeln würden, denen nicht die Richtschnur der Pflicht von einer ehrenvollen Ahnenreihe mitgegeben wurde."
llnwillkürlich erhoben Vater und Tochter den Blick zu dem Wappen über dem Portal, das jetzt vom Goldglanz der Sonne wie segnend überstrahlt wurde.
„Auch du, mein Kind", schloß der Konsul, während er mit seiner Tochter in den dämmerigen Hausflur eintrat, „auch du wirst immer so handeln, wie es der Rame deiner Väter dir vor
schreibt."
Ein nachdenklicher Ausdruck trat in das Gesicht des jungen Mädchens, das jetzt schweigend neben dem Vater die gewundene Steintreppe zu den Privatgemächern des Hauses im ersten Stock emporstieg.
Hans Egon von Rauenstein schritt von der Hafenstrahe durch das Südertor und wandte sich jetzt der inneren Stadt zu. Er hatte das Bedürs- nis, nach den wechselvollen Ereignissen dieses Vormittags mit einigen guten Freunden am Stammtisch im „Goldenen Löwen" eine leichte Plauderstunde zu halten. Er wußte, daß um diese Zeit immer einige fröhliche Kumpane, Söhne reicher Gutsbesitzer und des Landadels, dort zu finden waren, ferner Herren von der Regierung und auch hin und wieder einige ehrgeizige Söhne der städtischen Kaufherren, die endlich in diesem feudalen Kreise Einlaß gefunden hatten.
Das Trinkzimmer, das den bevorzugten Gästen zum Aufenthalt diente, lag nach dem Markt zu. Hinter den Fenstern ragte stolz die herrliche alte Backsteinarchitektur des berühmten Rathauses in den blauen Herbsthimmel hinauf. Vor dem Denkmal des Bürgermeisters Sibelius, der einst die Stadt bei der schwedischen Belagerung durch seine weisen Verhandlungen mit dem Feinde aus tiefer Rot gerettet hatte, standen die Wagen des Landadels, wartend, daß ihre Herrschaft die Rückfahrt an treten würde. Auch der leichte 3agdwagen Hans Egons stand hier.
Der Graf rief dem wartenden Kutscher ein paar Worte zu und trat in den „Goldenen Löwen", wo er von seiner fröhlichen Tafelrunde schon mit einem lauten Hallo begrüßt wurde. Er war mit seiner Lebhaftigkeit, seinen leichten Witzen, seiner ständigen Bereitschaft zu einem Gelage und einem Spiel ein gern gesehener Gast. Er galt allen Lebemännern der Stadt und des Kreises als ein bewundertes Vorbild: in Eleganz des Auftretens, amüsanter Unterhaltung, Waghalsigkeit und nicht zuletzt in den Dingen der Liebe. Zahllose Geschichten von Erfolgen bei der Weiblichkeit aller Schichten kursierten über ihn.
Seitdem es ihm noch gelungen schien, den Bankier Cricsen aus Stockholm bei der schönen, viel umworbenen Tänzerin Dolores del Fonza auszustechen, hatte die Bewunderung für Hans Egon ihren Höhepunkt erreicht.
Bei feinem Eintreten wurde er sogleich mit einer der anzüglichen Fragen bestürmt, denen er jedoch ein vielsagendes Schweigen entgegensetzte. Aber dieses Schweigen, begleitet von einem hoch- mütig-triumphierenden Lächeln, sagte viel mehr, als es die offenherzigsten Worte hätten aus- sprechen können.
„Prost, Graf Rauenstein", trank ihm einer der Freunde zu, dessen gerötetes Gesicht verriet, daß er dem Wein schon reichlich zugesprochen hatte.
„Sie kommen ja heute fo spät? Hat die schöne Dolores 3hnen nicht eher Urlaub gegeben?"
Aus einer Ecke ließ sich eine etwas hämische Stimme vernehmen, die dem jungen Großhändler Wulsfes angehörte.
„Das wird wohl nicht der Grund der Verspätung fein — nicht wahr, Herr Graf? Aber wer zwei Frauen dienen muß, dem wird die Zeit knapp."
„Wie meinen Sie das?" fragte Hans Egon scharf.
Der andere lächelte gewollt harmlos:
„Wie ich das meine? Run, genau so, wie ich es sagte. Habe ich Sie heute nicht schon mit einer anderen Dame promenieren sehen? 3n dieser Stadt bleibt nichts verborgen, Herr Graf. 3m übrigen haben Sie ja ganz recht. Die schöne Dolores scheint sich auch gern zu teilen, ihr Wagen stand heute wohl über eine Stunde vor dem Privathause des Antiquitätenhändlers Frissard.
Daß die schöne Dolores dort eine ganze Stunde lang nur über alte Kunst gesprochen haben soll — na, bei dem Ruf, den Frissard hier genießt, ist das kaum anzunehmen.
Denken Sie nicht ebenso darüber wie ich, Herr Gras?"
Graf Egon streifte den Hämischen mit eisigem Blick und wandte sich seinem Rachbar zu, wobei ec betont laut sagte:
„3ch denke in allen Dingen anders als Herr Kaufmann Wulsfes."
Er stand auf.
»Leben Sie wohl."
Durchführung kamen, obendrein ungünstig beeinflußt wurden. 3m Brennpunkt der Ereignisse stand das Städtespiel Kassel — Halle, das die Kasseler mit 7:4 verdient zu ihren Gunsten entschieden. Am zweiten Feiertag spielten bann die Kasseler Kurhessen gegen Halle 96 und kamen hier zu einem glücklichen 2:1-Sieg, nachdem die Mitteldeutschen noch bei der Pause mit 1:0 geführt hatten. Sport Kassel hatte sich den vorjährigen Bezirksmeister SC. 03 Kassel zu einem Freundschaftsspiel verpflichtet. Rach gleichwertigem Kampf trennten sich die Gegner mit einem gerechten Unentschieden (3:3 (3:3). Die Fuldaer Borussen schlugen am ersten Feiertag den FV. Würzburg 04 mit 5:3 (2:0), sie unterlagen aber am Sonntag, wenn auch nicht ganz verdient, den Offenbacher Kickers mit 0:1 (0:1). -
Punktkämpfe in der Gruppe Main.
In der Gruppe Main, die noch stark mit den Verbandsspielen im Rückstand ist, mußten alle drei Festtage mit Punktekämpfen belegt _merbcn. Ruch am ersten Feiertag fanden einige Spiele statt. Rot- Weiß, das in den letzten Wochen Spiel auf Spiel verloren hatte, überraschte diesmal nach der angenehmen Seite. Trotzdem sie stark mit Ersatz versehen war, konnte die Mannschaft den Tabellenletzten Germania 94 mit dem Rekord-Ergebnis von 13:1 (4:1) schlagen. Die Offenbacher Kickers erzielten gegen Union Niederrad ein schmeichelhaftes Unentschieden von 3:3 (1:1). Hanau 93 gewann unverdient gegen Griesheim 2:1 (0:0). Das Spiel Isenburg gegen Heusenstamm mußte ausfallen, da der Platz einer Eisbahn glich. Auch in den übrigen Spielen waren die Bodenverhältnisse nicht die besten.
Die entscheidenden Ergebnisse dieser Kämpfe waren die, daß die Eintracht nun wieder Main- meister ist und daß Griesheim 02 zusammen mit Germania 94 Frankfurt den Weg in die zweite Klasse nehmen muß. Der 6:0 (1:0) der Eintracht über den Fußballsportverein überraschte, aber es zeigte sich auch in diesem Spiel wieder, daß der Mainmeister zur Zeit wieder in einer Form ist, die ihn fraglos an die Spitze der deutschen Mannschaften stellt. Die Eintracht ist nun wieder Meister. Der Kampf um den zweiten Platz der Gruppe Main ist dagegen noch nicht entschieden, Fußballsportoereiu und Rot-Weiß bleiben gemeinsam Anwärter. Da Rot-Weiß in den letzten Spielen wieder eine wesentliche Stabilisierung seiner Form gezeigt hat, so kann es zwischen diesen beiden Mannschaften noch einen sehr packenden Kampf geben. Griesheim 02 ist durch die Niederlage in Isenburg zum Abstieg verurteilt worden.
Mainz 05 Meister der Gruppe Hessen.
Mit dem Treffen zwischen den beiden Tabellenführern Wormatia und Mainz 05 wurden am Sonntag die Meisterschaftsspiele der Gruppe Hessen endgültig abgeschlossen. Die mit zwei Punkten Vorsprung führenden Mainzer brauchten aus diesem Tressen nur noch einen Punkt, um Meister zu sein. Diesen einen Punkt haben sie sich im l:l°Spiel in WormS geholt. Mainz 05 ist also zum ersten Male Meister der Hessen-Gruppe, nachdem Wormatta jahrelang diesen Titel innegehabt hat. Für Wornratia bleibt der Trost, daß die Mannschaft als zweiter Vertreter der Gruppe Hessen ebenfalls an den süddeutschen Endspielen teilnehmen kann.
Daten für Montag, 28. Dezember.
1856: Woodrow Wilson, Präsident der Vereinigten Staaten, in Staunton geboren; — 1923: der französische Ingenieur Alexandre Gustave Eisiel in Paris gestorben.
Er wandte sich mit einer ostentativen Verbeugung zu der Ecke, die von den Söhnen des Landadels beseht war.
„Ich komme wieder, wenn ich hoffen kann, daß wir mehr unter uns sind."
Mit erhobenem Haupt und unbewegtem Gesicht, in dem man nichts spüren konnte von dem Sturm der Eifersucht und des Mißtrauens, den die Worte des Kaufmanns in ihm entfesselt hatten, ging er an den erstaunten und betroffenen Teilnehmern des Stammtisches vorüber. Er übersah die tiefe Verneigung des Oberkellners und trat hinaus auf den Marktplatz, wo er mit herrischer Gebärde seinen Kutscher heranwinkte.
Schon während der Wagen durch die holprigen Straßen der Vorstadt rollte, brach die mühsam zurückgehaltene Erregung in ihm durch. Er riß dem erstaunten Kutscher wortlos Peitsche und Zügel aus der Hand und trieb hie beiden Rappen so plötzlich zu scharfer Gangart an, daß die Tiere hochstiegen und das Gefährt beinah ein paar spielende Kinder umgerissen hätte.
Aber der Graf war ein viel zu guter Fahrer, als daß er die beiden heißblüttgen Tiere nicht rasch wieder in der Gewalt gehabt hätte. 3n sausender Fahrt jagte der Wagen durch die letzten Straßenreihen und bog in die rot leuchtende Ebereschenallee ein, die zwischen abgemähten Feldern in die Richtung von Schloß Tannenaue führte.
Der Himmel hatte sich inzwischen bewölkt. Dunstige Schleier wehten von der Küste herauf, und ein bedrohliches Rauschen war schon in der Luft. Ein Unwetter, das hier in dieser Gegend sich so rasch vom nahen Meere her über das Land werfen konnte, zog heran.
Immer schneller trieben die Wolken über die jetzt grauen, sonnenlosen Felder, immer schneller und wilder jagten die Pferde hin, getrieben von der Peitsche ihres erbarmungslosen Herrn, und immer wilder tobten die Gedanken hinter der schönen Männerstim.
Waren die Reden dieses Kaufmannes Wahrheit? Es war unmöglich, es mußte unmöglich fein. Wahnsinn war der Gedanke, daß Dolores, die eben noch in seinen Armen geruht, die eben noch zärtliche Beteuerungen der Liebe mit ihm getauscht hatte, eine Stunde darauf schon wieder einem anderen Beweise ihrer Gunst zu geben bereit war. Ein Schuft war dieser Wulsfes, ein ganz gemeiner Verleumder. Man hätte ihn niederschlagen müssen, wie einen Hund. Warum hatte er es nicht getan? Etwas hatte« ihm die Hand gelähmt. Ein Gedanke war plötzlich wie eine giftige Flamme in ihm hochgeschossen. Hatte Dolores ihn nach dem Frühstück nicht förmlich weggedrängt, unter der Angabe, die Schneiderin käme, um das neue Tanzkostüm mit ihr zu besprechen? War da etwas, was man ihm verbarg? Hatte Dolores Geheimnisse vor ihm?
(Forsiehung folgte


