Ausgabe 
28.11.1931
 
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Nr. 279 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, 28. November |95l

Das Empire.

Außenpolitische Umschau.

Von Dr. Otto Hoehfch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Äerlin.

Die dritte Rovemberwoche hat in England zwei außerordentlich wichtige und weittragende Entscheidungen gebracht. Die eine ist nicht un­mittelbar für uns bedeutungsvoll, aber indirekt und im Hinblick auf die Bedeutung des Britischen Reiches im ganzen ist sie doch auch für uns wichtig und in jedem Falle weltgeschichtlich sehr bedeutsam. Das ist nämlich die formale An­erkennung der äl n ab h L ng i g k ei t der großen Selb st Verwaltungskolonien. Die Behandlung dieser Frage vollzog sich über­hastet und bei nicht sehr großem Interesse im Lande daran. Mit diesem Gesetze wurde die Erklärung von 1926 verwirklicht, die damals auf der Deichskonferenz die völlige Gleichstellung der Dominions mit dem Mutterlands in Aussicht gestellt hatte. Das neue Gesetz, dasWest- minsterstatut", löst die letzten juristischen Bande der sowieso nur noch formalen Ober­hoheit der englischen Krone. Mit ihm erhalten die Parlamente der Selbstverwaltungskolonien auch formell die Rechte des Parlaments von Westminster, älnmittelbar bedeutungsvoll ist das weder für Kanada, noch Südafrika, noch Reu­feeland, noch Australien, weil diese Kolonien sowieso schon im wesentlichen frei waren. Schwie­riger ist die Frage, was das neue Gesetz für das Verhältnis Englands zu Irland bedeutet. Auch Irland wird dadurch völlig frei. Aber seine Verfassung von 1922 ist gleichzeitig ein Vertrag mit England, und da er beim Völkerbund niedergelegt ist, ein internationaler Vertrag. Durch Churchill ist noch einmal die alte Auffassung im Verhältnis Englands zu Irland und zu seinem Reich zum Ausdruck ge­bracht worden, aber das Gesetz t st zustande gekommen.

Die Kolonien sind alle nunmehr formal völlig frei. Dazu nehme man gleich, daß der Weg für Indien zum Stande eines Do­minions sicherlich zu Ende gegangen werden wird, wenn überhaupt Indien, selbst in dieser losen Form beim Britischen Reich festgehalten werden kann. Roch einmal: es sind dünne Bän­der von rein formaler Bedeutung, die jetzt ju­ristisch durch Gesetz zerrissen worden sind. Aber der Vorgang ist trotzdem doch von großer welt­politischer Bedeutung, weil er die Frage ein­dringlich zur Ueberlegung stellt: was ist denn eigentlich das britischeEmpire" nach öcm_ Genfer Ausdruckpotentiell" heute noch? Ratürlich besteht die Einheit der Sprache, der Lebensgewohnheiten der Völker im weiten Um­fange, und das wird auch bleiben bei der Wucht, mit der die Tradition im englischen, im angel­sächsischen Wesen wirkt. Aber was bedeutet das Reue politisch für die großen Fragen, die uns Lebensfragen sind? Was bedeutet das, da die Dominions so völlig unabhängig geworden sind, für die A b r ü st u n g? Für die Reparatio­nen? Für den Völkerbund? Kann das Britische Reich überhaupt noch als eine Ein­heit eingesetzt werden? Höchstens im negativen, im verhinderten Sinne, insofern vielleicht bei einer großen neuen Kriegsgefahr die unabhängigen Dominions das Mutterland gegen einen Kriegs­ausbruch unterstützten. Aber das ist nicht wahr­scheinlich, dgß noch einmal wie 1914 die großen Reichsteile wieder mit dem Mutterland in einer Einheitsfront in einen großen Krieg einträten. Und was haben diese Aeichsteile für ein Inter­esse an den anderen Reichssorgen: an der indi­schen Frage, an Mesopotamien oder Aegypten?

ALBERT H. RAUSCH

Unterwegs

Wir beginnen heute mit der Veröffentlichung einer Skizze'nreihe, die den Hauch der Ferne und den Reiz der Bewegung als besondere Merkmale trägt. Je deutlicher ein Künstler in seinem gesamten Werk die Strenge seiner Form erwiesen hat und es läßt sich wohl behaupten, daß Albert H. Rausch zu den strengsten und kompromißfernsten Künstlern des heu. tigen Deutschlands gehört um so eher darf er es sich erlauben, auch einmal zu plaudern. Er wird immer bleiben, wer er ist, und wird aus dem Be­langlosen noch kraft seiner Deutungsfähigkeit das Wert- und Sinnvolle herausheben. Wir ver- tragen heute kaum noch, was manLiteratur" nennt. Wir wollen das Leben, ohne stoffliche Fälschung ge­spiegelt im Auge und in der Seele des Dichters. Was unter dem SammelnamenUnterwegs" hier aus­gezeichnet steht, ist solches Leben: Menschlich-Allzu- inenschliches, mit ein paar leichten Strichen hingesetzt auf den Hintergrund einer umfassenden Bildung und einer angeborenen Menschenkenntnis.

Die Redaktion.

I. Oer Paß.

In einem kleinen Lande wie Deutschland beginnt Reisen" erst, wo die Grenze beginnt, also das Fremde, das Andere. Jede Mitte drängt an den Um« kreis, nährt sich an ihm. Solange man innerhalb der deutschen Atmosphäre bleibt,reift" man nicht. Man bewegt sich von Ort zi Ort, man wandert durch ver- schiedenartige Landschaften, man macht sich vertraut mit den vielenNuancen" der Reichsteile: aber man bezieht schließlich alle empfangenen Eindrücke zurück auf ein Bekanntes, Allzubekanntes. Man ist also nicht frei. Reisen beginnt, wo die Loslösung von einem bekannten Generalnenner beginnt. Diese- sung ist eben die Freiheit. Wenige Völker haben in ihrem Blute so sehr das Bedürfnis nach vieler Frei­heit wie der Deutsche. Wenige auch so sehr den Drang, das Andersgeartete kennenzulernen. Dieser Drang macht den Deutschen zum Europäer par excellence. Er ist eine der größten Kräftequellen der deutschen Seele. Jeder Versuch, diesen Drang zu hemmen, muß scheitern. Kein deutscher Mensch wird deshalb deutscher,, weil man ihm die Grenzen zu- sperrt. Im Gegenteil. Er wird mißmutige Er verliert die gute Laune und den inneren Schwung. Es sei denn, er mache einmal während einer sehr be­grenzten Zeit aus der Not eine Tugend. Aber solche Tugenden halten nicht vor. Sie sind unschöpfe- risch, wie aller Zwang. Das Schillerwort, daß die Notwendigkeit eine Gunst" sei, ist eine Niete. Not­wendigkeit ist eine Notwendigkeit. Weiter gar nichts.

2luch hier eine Uebergangszeit von allergrößter Bedeutung für das Britische Reich!

Run soll ja aber gerade durch die Wirt­schaftspolitik eine Einheit wieder geschaffen werden, einR e i ch s z o l lv e r - e i n. Man nimmt auch den anderen wichtigen Vorgang, die Annahme derBill gegen ab­norme Einfuhren", die dem Handelsmini­sterium weitgehende Befugnisse zur Verordnung von Zöllen gibt, als einen Schritt zu dieser Reichseinheit. Denn diese jetzt einzuführenden Zölle werden nicht aus Produkte, die aus dem Reich, aus den Kolonien kommen, gelegt. Zunächst soll es sich aber nicht um Schutzzoll oder Reichszoll handeln, son­dern nur um eine Möglichkeit, das Dumping abzuwehren, das sich für England in einer be­sorgniserregenden Passivität der Handelsbllanz, in einem zu großen Ueberschuh der Einfuhr über die Ausfuhr äußert. Wo aber hört die Be­kämpfung des Dumpings auf und fängt der Schutzzoll an? Das Handelsamt hat sofort von dem Recht Gebrauch gemacht. In nicht weniger als 23 Klassen mit zahlreichen einzelnen Artikeln ist eine Liste von Waren veröffentlicht, auf die ein Wertzoll von 50 Prozent vom letzten Mitt­woch an gelegt wird. Das führt nicht nur zur Drosselung dieser Einfuhr, sondern das soll auch den Konsum der englischen Waren steigern, für den eine außerordentlich lebhafte Propaganda: Kaufe britisch!" wirkt. Die alten Frei­händler ein überzeugter Freihändler, der Minister Runciman, hat die Dill ja ein» gebracht machen sich den schweren Entschluß schmackhaft mit den sechs Monaten, auf die die Bill zunächst nur angenommen ist, und mit dem Antidumping-Charakter. Die Schuhzöllner und die Anhänger des Reichszollvereins ober sehen darin mit Recht den Uebergang zum Schutz­zoll überhaupt, zur Absperrung von fremder

Einfuhr und zur wirtschaftlichen Zusammen­fassung mit den großen Kolonien. Bis dahin hat es freilich schon insofern gute Welle, als ja England, das solange ein Freihandelsland war, überhaupt keinen Zolltarif hak, ohne den ein solcher llebergang nicht möglich wäre.

Die Konservativen rechnen, daß sie lange genug an der Macht bleiben werden, um auch das durchzusehen. Von England aus gesehen werden sie sich kaum täuschen. Aber von den Kolo­nien aus gesehen kommen dann die Schwierig­keiten, weil gerade alle großen Kolonien sich immer mehr bestreben, eine eigene Indu - st r i e zu haben und natürlich zu erhalten, älnd die Bevorzugung der Industrieprodukte aus dem Mutterlande besonders für die wankend gewor­denen Hauptindustrien Eisen und Tuch, die man daheim wünscht, kann nur durch eine Bevor­zugung kolonialer Lebensmittel und Rohstoffe ausgeglichen werden, womit wieder die Oppo­sition der Massen gegeben ist. Genug: die Schwierigkeiten bis zum Reichszollverein sind außerordentlich groß. Aber darum dreht es sich im Augenblick gar nicht. Viel wichtiger ist, daß dieser englische Entschluß sofort Gegen­maßnahmen auf der anderen Seite hervor- ruft. Amerika z. B. hat sofort seine Zölle auf englische Waren um 50 Prozent erhöht, d. h. um ebenso viel wie die englischen Zoll­erhöhungen. Alles wird diesem Beispiel folgen, das Ergebnis wird sein: neben das militärische Wettrüsten der früheren Zeit tritt noch mehr das handelspolitische Wettrüsten in einem Ausmaß und in einer Wirkung, die noch gar nicht zu übersehen sind. Das aber ist klar: eine größere Ordnung und ein besserer Ausgleich wird in die schon so tief gestörte Weltwirtschaft durch den englischen Entschluß wahrhaftig nicht kommen. Im Gegenteil, die Einordnung, der Kampf aller gegen alle wird nur gesteigert.

KaiserKarls Kampf um den Frieden

Das deutsch-österreichische Bündnis während des Weltkrieges.

Den Grabgesang des deutsch-österreichischen Bündnisses unter dem Kanonendonner des Welt­krieges könnte man ein umfangreiches Buch des Freiherrn Karl von Werkmann: Deutschland als Verbündeter nennen, das soeben im Verlag für Kulturpolitik erschienen ist (mit 12 Illustrationen, Preis broschiert 10 Mk. 385). Der Verfasser, der schon als Offizier im Stabe des XX. Korps und der 12. Armee dem spä­teren Kaiser Karl als Thronfolger nahe gestanden hatte, war der Privatsekretär des letzten Herr­schers aus dem Hause Habsburg-Lothringen. Er hat die für das Schicksal der Donaumonarchie wie des verbündeten Deutschen Reiches gleich verhäng­nisvollen Ereignisse der kurzen Regierungszeit Kaiser Karls in nächster Rähe des Monarchen miterlebt und auch noch im Exil Gelegenheit ge­habt, retrospektiv die Auffassung des unglücklichen Herrschers über den Verlauf der beiden letzten Kriegsjahre kennenzulernen. So muß man seinem Buch als Quelle für die Erkenntnis der politi­schen Zusammenhänge dieser zwar kurzen, aber doppelt schmerzlichen Epoche besonderen Wert bei­messen. Aber als Quelle fordert es auch scharfe kritische Einstellung des Lesers. Das darf nicht hindern, die vornehm chevaleresle Art warm an» zuerkennen mit der Werkmann sich vor seinen toten kaiserlichen Herrn stellt. Der Titel Deutschland als Verbündeter" sagt nicht genug, das Buch gibt vielmehr eine Darstellung der Friedenspolitik Kaiser Karls und zeigt das Schei­tern dieser Politik, verursacht durch die Wahl

falscher Mittel, durch Widerstände innerhalb der Monarchie sowohl wie aus Deutschland heraus, schließlich durch die innere Auflösung des Reiches, die dem Zusammenbruch der Fronten voranging.

Das Verhältnis der beiden Verbündeten ver­schlechterte sich in dem Maße wie politische und militärische Lage sich zuspihten. Das Problem aller Koalitionskriege, die straffe einheitliche Be­fehlsführung, wurde in seiner zentralen Bedeu­tung zu spät erkannt und dann der Mangel nur unzulänglich beseitigt. Die unvermeidlichen Rei­bungen hatten inzwischen ihre Wirkung getan. In Oesterreich war man überempfindlich über scharfe deutsche Kritik an Maßnahmen des K. u. K. Armee­oberkommandos und an nach deutscher Ansicht un­nötigen Mißerfolgen österreichischer Truppen, über die zuweilen gewiß schroffe Ablehnung österreichi­scher Wünsche und vor allem über die aus der wachsenden älnleidlichkeit in der Organisation der Kriegführung resultierenden deutschen Ansprüche auf den Oberbefehl. Wer mit österreichischen Truppen Schulter an Schulter gekämpft hat, wer den gewiß gut gemeinten, aber zweifellos un­tauglichen Versuch, durch Austauschofsiziere die beiden Heere fester aneinander zu kitten, in der eigenen Truppe miterlebt hat, begreift manche Klage, die auch Werkmann, wie manch andere österreichische Kameraden vor ihm, über gegen­seitige Reibereien, Frozzeleien, Verärgerungen bis zu gänzlichem älnverstehen erhebt. Ein gewisses Minderwertigkeitsgefühl, das den österreichischen Soldaten bedrückte, die Reigung, im Dulden und

Das war uns schon auf der Schule klar: Gerade weil wir dort mit dem Sentenzendrusch gequält wurden.

*

Der Freibrief des Reisens ist heute der Paß. Es ist ganz gut, wenn man sichausweifen" kann. Aber daß dieser Ausweis das verhindert was man in allen durch Grenzen abgeschlossenen Staaten verhin- dem möchte, nämlich das Zuströmen unerwünschter Elemente", ist ein Ammenmärchen. Alle Behörden aller Länder wissen es. Die Polizei vermittelt ihnen dieses Wissen nur allzuoft. Also was nimmt man nicht endlich dem Paß diesen Nimbus, den er gar nicht verdient? Was stempelt und stempelt man immer wieder gerade da, wo es am allerüberflüssig- ften ist? Während das Böse, solange die Welt besteht, heimlich ein- und ausgeht, wo es will?

Vor einem Jahr kam ich in einer südeuropäischen Hafenstadt an, von einer anderen Hafenstadt des gleichen Landes, also vom Inland, nicht vom Aus­land. Und außerdem mit der Eisenbahn. Es war an einem heißen Sommertag, mittags gegen fünf. Der Hotelportier, der mich von früheren Besuchen kannte, nahm mein Gepäck in Empfang und begrüßte mich mit dem Elan afrikanaher Mittelmeermenschen. Ich wollte eben durch die Sperre gehen, als sich eine Hand auf meine Schulter legte:

Den Paß bitte.

Wozu? Sie sind ein Zivilist. Ich zeige nicht Fremden, die sich nicht ausweisen, meinen Paß.

Ich bin der Paßbeamte der Station.

So etwas hat es hier noch nie gegeben. Be­weisen Sie mir, daß Sie befugt sind, meinen Paß zu revidieren.

Kommen Sie mit zur Polizeistelle im Bahnhof. Gerne.

Ein äußerst liebenswürdiger junger Offizier emp­fängt mich. Ich erkläre den Fall. Lächeln. Der Beamte wird gebeten, im Vorraum zu warten. Ich ziehe meinen Paß heraus, der in einem schönen, purpur­roten Lederfutteral steckt, das mit dem Reichsadler geziert ist. Der Offizier wehrt ab, sieht ihn nicht einmal an:

Bille, zeigen Sie Ihren Paß dem Beamten, den ich wieder hereinrufen werde. Er ist tatsächlich befugt" ...

Der Befugte kommt. Nimmt meinen Paß, der mit unzähligen Vifen und Stempeln gefüllt ist, und be­ginnt die genaueste Kontrolle von vorn nach hinten, von hinten nach vorn. Der Offizier und ich drehen ihm den Rücken. Wir lächeln beide, haben uns längst Zigaretten angeboten und rauchen. Die Mücken sum­men. Der Befugte lieft, lieft, notiert etwas, lieft. Schließlich reicht er mir den Paß mit einer Ver­beugung zurück und sagt in der Sprache seines Lan­des:Ausgezeichnet!". Der Offizier sieht ihn an: er hatte mittlerweile durch mich selbst auf englisch erfahren, wer ich war und warum ich in diese Stadt kam...

Nun? fragte er den Befugten.

Es ist alles in Ordnung, sagte dieser. Der Herr ist Grieche und kommt von Athen.

Ich stehe mit offnem Munde ...

Es ist gut sagt der Offizier. Sie können gehen. Ich biete dem Befugten auch eine Zigarette an und reiche ihm die Hand. Er verschwindet.

Der Offizier und ich sehen uns an.

Wieviel Gehalt bekommt der Befugte? frage ich.

Ich weiß es nicht ... Was wollen Sie? Er ist unschuldig. Er hat seinen Dienst getan, so gut er cs kann.

Schonen Sie ihn, bat ich.

Haben Sie keine Sorge! Es geschieht ihm nichts. Er hat ein Visum mit dem Stempel der ausstellenden Behörde verwechselt. Das kann Vorkommen. Wir leben hier weit abseits vom großen Verkehr und fühlen uns alle etwas verlassen ...

Wollen Sie den Abend mit mir verplaudern?

Ich verdanke meinem Paß einen Freund in einem sehr fernen, südeuropäischen Hafen.

Gießener Konzertverein.

Symphonie-Konzert.

Dr. Iohannes Hobohm ist eine von den Pia­nistenpersönlichkeiten, die in ihrer tiefinnerlichen Veranlagung niemals glänzender Virtuosität die­nen würden, sondern die sich stets der Werke an­nehmen, die weniger der technischen Möglichkeiten wegen, als ihrem inneren musikalischen Wert ihre Stellung in der Literatur verdanken. Richt, daß etwa Hobohin den Erfordernissen des vir­tuosen Spiels nicht zu entsprechen vermöchte, im Gegenteil, sein technisches Können ist geradezu von idealer Ausgeglichenheit: aber es wird sich niemals aufdrängen und zum Selbstzweck werden wollen. Einen solchen runden, warmen Ton wird man wohl kaum bei einem Virtuosen antreffen. Auf dieser Weichheit des Anschlages erwächst für ihn die Möglichkeit, eine Kantilene zu spinnen, die man angesichts des von Ratur aus starren Kla­viertones kaum für ausführbar halten würde. Sein gesangliches Spiel ist von mannigfacher Rachgiebigkeit in der Rüancierung. Das Thema­tische hebt sich bei ihm überaus klar und plastisch hervor. Seine Phrasierung zeugt von musikalischer Vornehmheit, aber nie wird sie gewollt erscheinen. Dies alles prädestiniert ihn zu einem Mozart- spieler, wie man seinesgleichen, zumal in der heutigen Zeit, nicht oft begegnet. Dazu kommt, daß er als Cembalospieler gerade die Epochen der Klaviermusik, in denen unsere heutige Kla­vierliteratur historisch verwurzelt ist, sich in ihrer Geistigkeit zu eigen gemacht hat. Sv wurde Mo­zarts O-Moll-Konzert zu einem Erleb­nis feingeistigster Art. Groß baute er die Schätze

Ausharren schon in den ersten Kriegsjahren die Grenze des Möglichen zu sehen, standen in schar­fem Kontrast zu dem sicher oft unnötig brüsk betonten Selbstbewuhtsein des deutschen Soldaten, der die komplizierten inneren Verhältnisse der Do­naumonarchie nur unzureichend überschaute und die daraus entspringenden Schwächen für die Wider­standskraft und den Elan der k. u. k. Truppen nicht begreifen konnte. Wir dürfen nicht vergessen, daß die, gelinde gesagt, sehr anfechtbare Politik des Wiener Ballhausplatzes in den kritischen Iuli- tagen 1914, durch die das deutsche Volk sich mit Recht düpiert fühlen mußte, nicht minder wie die schweren Riederlagen an der galizischen Front, mit denen Oesterreich den Wafsengang begonnen hatte, in den Deutschland aus der vielberedetenRibe- lungentreue" zur Sicherung der österreichischen Existenz eingetreten war, in Deutschland ein Ge­fühl der Erbitterung und Enttäuschung über den Bundesgenossen schaffen mußte. Wenn auch kein Anlaß vorliegt, deutsche Aeberheblichkeit und Besserwisserei, die das Verhältnis zum Bundes­genossen genau so getrübt haben, wie sie dem Deutschen erschweren, sich Sympathien in der Welt zu schaffen, zu entschuld gen, so kann es nicht schwer fallen, den Oesterreichern eine Gegenrechnung von enttäuschten Hoffnungen, fehlgeschlagenen Erwar­tungen, bitteren Erfahrungen zu präsentieren.

Wichttger ist, was das Buch über dieFrie - denspolitik Kaiser Karls sagt. Man wird das ehrliche Bemühen des Kaisers, aus der Erkenntnis der älnhaltbarkeit der Lage und des nahenden inneren und mi.itärtschen Zusammen­bruchs heraus zum Frieden zu kommen nicht gut bestreiten können. Auch soll nicht geleugnet werden, daß der überrag nde Einsiuß Ceeral Lud-ndor fs auf die po.itisa.e Lei ung des Deutschen Reiches, die sich unter keinem der Kriegskanzler aus ihrer haltlosen Schwäche zu einem klaren und entschiede­nen Kurse aufraffen konnte, einer Friedenspolitik Kaiser Karls wenigstens bis zu den verhängnis­vollen Augusttagen 1918 schärfsten Widerstand ent­gegengesetzt hätte. Aber die österreichische Frie­denspolitik litt unter der gleichen Halbheit wie die deutsche, die zwischen Kriegszieldebatte und Friedensresolution wie ein Rohr hin- und her­schwankte und dadurch nach außen den Eindruck der älnehrlichkeit und älnzuverlässigkeit verstärkte und im Innern den Widerstandswillen des eigenen Volkes durch jämmerlichen Zank und Streit unter­grub. Kaiser Karl suchte über seine Schwäger, die Prinzen Sixtus und Taver von Bourbon-Parma, die im belgischen Heere dienten, die Verbin­dung mit Frankreich. Dagegen war nichts zu sagen, wenn der Versuch geglückt wäre oder wenn auch nur im Einvernehmen mit dem deutschen Verbündeten gehandelt wäre ohne Verzichtleistun- gen, die, wie das Angebot, die französischen An­sprüche auf Rückgabe Elsaß-Lothringens zu unter­stützen, auf Kosten Deutschlands gingen. Das war die eine schwache Stelle in der Friedenspolitik Kaiser Karls, eine älnaufrichtigkeit, die der Ver­fasser auch in noch so ausführlichen Darlegungen nicht wegdisputteren kann. Die andere war, daß Frankreich offenbar, wie sich schnell Heraus­stellen sollte, die falsche Adresse für einen Frie­densschritt war. Alles spricht dafür, daß man über England eher zum Zuge gekommen wäre, äln- seres Wissens zum erstenmal findet sich in dem Buche Werkmanns der Wortlaut der durch Vermittlung d e s K o n i g s A l f o n s v o n Spanien zwischen dem österreichischen Außen­minister Grafen Czernin und dem Präsidenten Wilson ausgetauschten Friedensfühler. Die Aktion versackte nach dem Wechsel am Dallhaus- platz, wo statt des Grafen Czernin Mitte April 1918 Baron Durian die Leitung der auswär­tigen Geschäfte übernommen hatte, und dem An­brechen der großen Frühjahrsoffensive an der Westfront.

Auch nach der Darstellung Werkmanns hat Graf

auf. Die Romanze wurde zu einem erlesenen Genuß, zu einem Schwelgen in der Schönheit des Tones, zu einem Bewundern der feinen, filigran» Bleichen Ausgeglichenheit der Verzierungstechnik.

'n den Kadenzen erstanden besondere Höhepunkte, die alle Fähigkeiten der Solisten aufstrahlen ließen.

Für den Orche st erverein bedeutete diese Veranstaltung einen gehörigen Schritt vorwärts. Die Erwartungen, die bei früheren Gelegenheiten ausgesprochen wurden, sind vollauf erfinlt wor­den. Hier hat sich ein Klangkörper herangebildet, der sich jetzt mit voller Berechtigung die größten Aufgaben stellen kann. Gewiß wird hier und da der Klang in dynamischer Hinsicht wie auch in der Klangfarbe weiterhin auszugleichen sein, um Un­ebenheiten zu beseitigen. Das sind aber alles Qualitäten, die auch dem besten Orchester erst allmählich anerzogen werden müssen. Univer­sitätsmusikdirektor Dr. Stefan Temesvary wurde für die geleistete tüchtige Arbeit der ge­bührende Erfolg zuteil.

Ueberaus dezent, mit schmiegsamer Anpassung wurde die Begleitung des Solisten durchgeführt. Ein bedeutsamer Anteil hieran steht den Holz­bläsern zu, die stellenweise sehr klangschön her­vortraten. Dr. Temesvarys Auffassung der E r o i c a" strebt dem Monumentalen zu. Im Vergleich zu früher hat sie sich an inne­rer Große bereichert. Wenn zuwellen die dramatischen Akzente das Maß etwas über­schritten. so wirkte sich doch andrerseits die dramatische Wucht, besonders des ersten Satzes, machtvoll beim Hörer aus. Der Trauer- marsch erstand mit dem Wechsel der gebundenen Stimmungen: (im dritten Takt des Themas würde eine andere Akzentuierung dem Willen des Kom­ponisten besser entsprechen). Dem Finale mit seinen verschiedenen klanglichen Episoden gab Dr. Temesvary einen großen einheitlichen Zug: die Coda krönte das Werk mit eherner Klang- lichkeit.

Bei dem augenblicklichen Entwicklungsstände des Orchesters, dessen klangliches Erleben fast aus­schließlich an der klassischen Musik geschult ist, schien Bachs V-Dur-Suite Rr. 3 noch ferner zu liegen. Dem Grave der Ouvertüre fehlte es an innerer Festigung, straffer Struktur und Klarheit: besonders in der Fuge hätte die innere Organik der melodischen Entwicklung noch mehr als Wegweiser für die Artikulierung bie­nen können. Für künftige Aufführungen vvr- klassischer Musik würde es doch ratsam erscheinen, die Continuo-Stimme auch' noch einem Tasten­instrument zu übertragen, so wie es für die Dar­stellung von Musik aus dieser Epoche jetzt wieder allgemein üblich ist. Der zweite Sah (Air) gab den Streichern Gelegenheit, Kantabilität, feine dynamische Differenzierung und klangliche Durch- lichtigkit zu erweisen, ßr, ft