Ausgabe 
28.10.1931
 
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Nr. 252 Erstes Blatt

181 Jahrgang

Mittwoch, 28. Mtoder 1931

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Druck und Verlag: vrühl'sche Univerfitütr-Vuch- und Zteindruckerei B. Lange in Glehen. Lchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot,' für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Gießen.

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GroßerWahlsieg derAationalen^egiemng inEngland

Von den bis heute früh gewählten 288 Abgeordneten unterstützen 263 das Kabinett Macdonald. Die Konservativen gewannen über hundert Sitze. 362 Wahlergebnisse stehen noch aus.

Das Wahlergebnis bis heute früh

London, 28.Otf. (BJIB.) Rach den bis 5 Uhr morgens vorliegenden Ergebnissen der Wahlen zum englischen Unterhaus sind gewählt worden:

Rationale Arbeiterpartei (Gruppe Macdonald) 4

konservative 222

Arbeiterpartei (Gruppe Henderson) 23

Splitterparteien 2

Liberale aller Richtungen (davon Gruppe

Simon 14) 37

288

Die konservativen haben bisher 101 Sitze gewonnen und feinen verloren. Die Arbeiter­partei (Gruppe Henderson) hat bisher feinen Sih gewonnen und 111 Sitze verloren. Die L i - beraten aller Richtungen haben bisher 13 Sitze gewonnen und zwei verloren. Ihr bisheriger Gesamt­gewinn beträgt 11 Sitze. Don den bisher gewählten Abgeordneten unterstützen 263 die Politik der gegen- wärtigrü nationalen Regierung. Bisher sind a ch t Frauen gewählt, die sämtlich der konserva­tiven Partei angehören.

Die Wahlnacht in London.

Trotz dichten Nebels riesige Beteiligung.

2 o n b d n, 27. Oft. (SH.) Am Wahltag herrschte in London dichter Rebel, der den Verkehr in den Vormittagsstunden ganz außerordentlich behinderte. Gegen Mittag waren die Straßen in so fieses Dunkel gehüllt, daß sogar die Re» belsackeln angezündet werden muhten. Durch die ungünstigen Wahlverhältnisse waren auch die Wahlkraftwagen, die Schlepperdienste leisten sollten, stark behindert, so daß in den Parteibu;>7.uL bereits mit einem Rückgang der Wahlbeteiligung gerechnet wurde. Späterhin ver­stärkte sich aber der Zustrom zu den Wahllokalen. Aus einzelnen Teilen Londons, besonders aus dem Osten, werden Rekordbeteiligungen gemeldet, teilweise 85 v. 5)., eine für England ungewöhnlich hohe Zahl. Auch in Glasgow und in anderen iIndustriegegenden des Rordens, war die Deteiligung sehr gut. Die W a h l w e t t e n bei Lloyd stiegen weiter zugunsten der Rational­regierung. Zu irgendwelchen Ruhestörungen ist es bis in den Abendstunden nirgends gekommen. Ein großer Teil derer, die bereits sehr früh ihre Stimme abgaben, waren Frauen. Hunderte von Kraftwagen, bgren Scheinwerfer im braunen Re­bel leuchteten, brachten Wähler an die Wahlurne. Ein Wahlagent in Ehapham, wo der Rebel be­sonders dicht war, kam auf den guten Gedanken, Leute mit Glocken zur Führung der Wähler auf die Straße zu senden.Folgt der Glocke", riefen die Männer und führten die Wahllustigen zu der Urne. Ungeachtet der schlechten Zeiten haben es sich die Londoner nicht nehmen lassen, alter Gewohnheit gemäß die Wahlnacht m ö g - lichst vergnügt zu verbringen. Aus der Pro­vinz sind viele Tausends nach der Hauptstadt geströmt. Hotels und Restaurants erfreuten sich glänzenden Zuspruchs. Während des Tanzes und während des Essens werden die Wahlergebnisse bekanntgegeben, die je nach der Parteieinstellung mit lauter Freude oder mit Hohn ausgenommen werden. Die Zeitungen geben sich alle Mühe, die Ergebnisse einem möglichst großen Publikum zu­gänglich zu machen. An den belebten Punkten der Stadt werden die V^ahlergebnisse auf der Leinwand gezeigt. Eine Zeitung des Lord Rothemere hat das Publikum in die Albert- Halle eingeladen. Annähernd 8000 Menschen sind dort versammelt und erfreuen sich an Dar­bietungen aller Art, die jeweilig der Bekanntgabe der Wahlergebnisse folgen.

Das Wahlverfahren.

Um tzbvUnlerhauSsitze kämpfen LV Parteien

London, 27. Oft. (TU.) Insgesamt waren 615 Abgeordnete (je einer auf 70000) zu wählen, und zwar in allgemeiner, gleicher, ge­heimer, direkter Wahl von allen über 21 Jahre alten Männer und Frauen. Schon vor Beginn der Wahl, als gewählt zu betrachten waren ins­gesamt 68 Llbgeordnete, da in den be­treffenden Wahlkreisen nur je ein Kandidat auf­gestellt Horden war. Diese 68 Abgeordnete ver­teilen sich auf die einzelnen Parteien wie folgt: 49 Konservative, 7 liberale Rationalisten, 6 nationale Liberale und 6 Arbeiterparteiler, das sind 62 Männer der Rationalregierung und 6 Oppositionelle. Das englische Wahlsystem, grundverschieden von dem deutschen Wahlsystem, kennt nur Einzelwahlkreise. Es stammt aus jener Zeit, da es in England nur zwei große Parteien gab. Derjenige Kandidat, der die abso­lute Mehrheit erhielt, galt als gewählt. Ob­wohl durch das Hinzutreten der Arbeiter­partei, die in den Jahren nach dem Kriege in England einen großen Aufschwung nahm, sich die Voraussetzungen für dieses Wahlsystem

grundsätzlich änderten, wurde an dem Ver­fahren nichts geändert. Die innerpoliti­schen Verhältnisse in England haben sich seit dem Sommer nun aber so geändert, daß bei den Wahlen am Dienstag nicht weniger als zehn Parteien auftraten, nämlich die offizielle Ar­beiterpartei, die Unabhängige Arbeiterpartei, die Kommunisten, die Rationale Arbeiterpartei (Mac­donald), die Konservative Partei, die Rationalen Liberalen (Samuel), die Liberalen Rationalisten (Simon), die Unabhängigen Liberalen (Lloyd George), die Unabhängigen Kandidaten und die Reue Partei. Da eine Verteilung der Rest­stimmen nicht in Frage kommt, kann es vor­kommen, daß in einem Wahlkreis, in dem die

Kandidaten dreier Parteien ausgezählt wurden, von denen der erste 4000, und die beiden anderen je 3000 Stimmen erhielten, derjenige Kandidat als gewählt zu betrachten ist, der die 4000 Stim­men erhielt, obwohl insgesamt 6000 Gegenstimmen abgegeben worden sind.

»

Unter den Stimmberechtigten, die heute ihre Stimme abgaben, befanden sich nicht weniger als fünf hundertjährige Frauen. Die Ver­ehrung, deren sich Macdonald erfreut, geht aus der Tatsache hervor, daß ihm aus allen Teilen des Landes über hundert Kraftwagen z u - gesandt worden sind, um ihn in seinem Wahl­kreis Seaham Harbour zu unterstützen.

Schwere Niederlage der Arbeiterpartei.

Auch Henderson nicht wiedergewählt.

Einzelergebniffe.

Die meisten Minister des ehemaligen LabourkabinettS geschlagen.

Im Wahlkreis Burnley hat die Arbeiterpartei eine außerordentlich schwere Niederlage erlitten. Der Führer der Partei, Arthur Henderson, ist von dem konservativen Kandidaten, Admiral Campbell, mit einer Mehrheit von 9029 Stimmen geschlagen worden. Bei der letzten Wahl hatte Henderson eine Mehrheit von 7954 Stimmen erhalten. Admiral Campbell ist der Schöpfer der sogenanntenU-Boot- Fallen", der sogenannten Qu-Boote. Die Liberalen hatten ihren Stanbibaten zurückgenommen, um Camp­bell zu unterstützen. Am einbrucksvollsten ist bas Er­gebnis in den brei Wahlkreisen von Salford, die im Jahre 1929 den Konservativen von der Arbeiter­partei abgenommen worden waren und jetzt wieder sämtlich zu den Konservativen zurück- gekehrt sind. Die drei Wahlbezirke haben heute Baldwin, den Führer der Konservativen, ge­wählt. Der Arbeiterparteiler B e n t i 11 e t wurde in Nord-Salford mit sehr großer Mehrheit geschla - g e n. In Süd-Salford betrug bei den letzten Wahlen die Mehrheit der Arbeiterpartei 3254, die Konser­vativen erhielten heute eine Mehrheit von 6838.

Im Wahlkreise Leicester-West unterlag der vor­malige Minister in der Arbeiterregierung Pethik- Lawrence dem liberalen Kandidaten, der eine Mehrheit von 13 903 Stimmen erhielt, während bei der letzten Wahl der Arbeiteroertreter eine Mehr­heit von 11944 Stimmen erhalten hatte. Im Wahlkreis Keighley (Porkshire) unterlag der vor­malige Minister der Arbeiterregierung Lees Smith dem konservativen Kandidaten, dessen Mehrheit 5887 Stimmen betrug, verglichen mit einer Arbei­termehrheit von 6507 Stimmen bei der letzten Wahl. Im Wahlkreis Birmingham-Edgbaston wurde der Gesundheitsminister Neville Chamber­lain, ein Mitglied des gegenwärtigen Kabinetts, mit einer Mehrheit von 27 928 Stimmen wieder- gewählt. Bei der letzten Wahl hatte er eine Mehr­heit von 14 760 Stimmen. Der Wahlkreis Sho­rebitsh würbe der Arbeiterpartei von den Simon- liberalen abgenommen. Der bekannte Arbeiterführer T h u r 11 e wurde mit einer Mehrheit von 4608 Stimmen geschlagen. Im Wahlkreis Camber­well-Orth wurde der vormalige Minister der Ar­beiterregierung Ammon von dem Konservativen mit einer Mehrheit von 765 Stimmen geschlagen. Der Konservative Austen Chamberlain, Erster Lord der Admiralität im gegenwärtigen Ka­binett Macdonald, wurde in Birmingham wie­

dergewählt. Während er bei den letzten Wah­len mit einer Majorität von 43 Stimmen siegte, erhielt er diesmal eine Mehrheit von 11 941 Stim­men.

Don bekannten Persönlichkeiten sind ferner wie­dergewählt worden der vormalige konservative Staatssekretär für die Kolonien A m e r y, der Kolonialminister Thomas, der der nationalen Arbeiterpartei angehört, und dec Präsident des Handelsamtes C u n l i f f e Lister. Der Sohn des früheren Premierministers Baldwin, Oliver Baldwin (Arbeiterpartei) wurde in Rochester von einem Konservativen geschlagen. Der frühere Minister Miß Ellen W i l k i n s o n, Kan­didatin der Arbeiterpartei in Middlesexboro, wurde von den Liberalen geschlagen. Ihre Mehr­heit von 399 Stimmen bei der letzten Wahl ver­wandelte sich in eine Minorität von 6329 Stimmen.

Der ehemalige Erste Lord der Admiralität in der Arbeiterregierung, Alexander ist mit einer Mehrheit von 6500 Stimmen von dem konser­vativen Kandidaten geschlagen worden. Fer­ner wurde der vormalige Pensionsminister in der Arbeiterregierung F. O. Roberts von dem konservativen Kandidaten geschlagen. Dagegen wurde der vormalige Arbeiterminister Parkin­son wiedergewählt, doch sank seine Mehr­heit von 9258 Stimmen auf 1018. Die Mehrheit des konservativen Staatssekretärs für Indien, Sir Samuel Hoare, stieg von 8835 auf 18 289 Stim­men. Der Kriminalschriftsteller und Lloyd George- Liberale Edgar Wallace unterlag dem kon­servativen Kandidaten. Der Arbeiterführer C1 y - n e s, vormaliger Minister des Innern in der Arbeiterregierung, wurde geschlagen. Weitere vier ehemalige Minister der Arbeiterpartei sind mit zum Teil erheblichen Mehrheiten der Gegen­kandidaten geschlagen worden, und zwar der frühere Kriegsminister Tom Shaw, der vor­malige Wohlfahrtsminister A. Green Wood, Transportminister Morrison und B.T urner.

Der Führer der Reuen Partei, Sir Oswald Mosley, ist im Wahlkampf unterlegen. Lady Aster wurde wiedergewählt. Der Staats­sekretär des Inneren, Sir Herbert Samuel, wurde in Lancashire mit 18 923 Stimmen wieder­gewählt; der konservative Kandidat erhielt 14 636 Stimmen und der Arbeiterkandidat 5184 Stim­men. Diesem Wahlergebnis war mit besonderer Spannung entgegengesehen worden, weil die ört­liche konservative Parteiorganisation hier einen Gegenkandidaten gegen einen Vertreter der na­tionalen Regierung aufgestellt hatte, weil sie ihn im Verdacht hatte, ein überzeugter Frei­händler zu sein.

Erste Wahlbeirachtuugeu.

DieTimes" zum Wahlausgang.

Der Sieg des Demokraten über den Demagogen".

London, 28. Oktober. (WTB. Funkspruch.) Times" spricht in ihrem Leitartikel von einem überwältigenden Sieg der nationa­len Regierung, der bereits gesichert sei, und fährt fort: Die bisherigen Ergebnisse sind um so bemerkenswerter, als von den betreffenden Wahl­kreisen mehr als 13 0 sozialistisch waren und von diesen mehr als 75 bei den letzten Wahlen noch sozialistische Mehrheiten von über 5000 auf­gewiesen hatten. Das Blatt nennt das bisherige Wahlergebnis einen Sieg des Demokra - t e n über den Demagogen, und sagt, für eine Nation, die gegen die Arbeitslosigkeit kämpft, die durch Einschränkungen in der Lebenshaltung gereizt wird und die von einer schweren Steuerlast bedrückt ist, bedeutet es eine schwere Probe, den Verwirrungskünsten des Demagogen zu entgehen. Diese Probe hat aber, wie es scheint, die britische Demokratie bestanden. Die britische Regierung wird vor allem die Kaufkraft des Sterlings! zu erhalten haben, was keine unüberwindlichen I Schwierigkeiten bieten sollte, wenn das Budget aus- |

geglichen und die Handelsbilanz geändert wird. In außenpolitischen Fragen, wie der Abrü- stuna, der Sicherheit und der Vertragsrevision, wird die Regierung ihre bisherige Politik'der Befriedung und Versöhnung nicht a b z u ö n d e r n haben. In wirtschaftlicher Beziehung wird nach wie vor auf allseitige Herab setz u n g der Tarife gedrungen werden, aber die Methoden, um dieses Ziel zu erreichen, werden geändert werden müssen. Die Politik, die b r i t i s ch e n Märkte anderen Ländern weit offen zu halten, sogar solchen Län­dern, die den britischen Handel von ihren Märkten ansschlisßen, ist teilweise für die Haltung der Schiitz- zolländer verantwortlich. Der Freihandel wird a u f g e g e b e n werden, und soweit wie möglich werden wir grundsätzlich nur von unse­re n Kunden kaufen. Extreme Maßnahmen, die den Rest der Welt schädigen, werden auf bri­tischer Seite vermieden werden, denn man weiß in England, daß die eigene Wohlfahrt und die all­gemeine Wohlfahrt ziemlich verbunden find.

Pariser Echo.

Paris, 28. Oft. (WTB. Funkspruch.) Zu dem Ergebnis der englischen Wahlen schreibt Malin: Dieser eklatante Sieg des Regierungsblocks, der den Willen des englischen Volkes bestätigt, gegen

die Politik der Unordnung und der Verschwendung, der Saumseligkeit und der Untätigkeit anzukämp- fen, ist von Anfang an in den w i ch t i g st e n Arbeiterzentren, wo die Sozialisten mit einem leichten Erfolg rechneten, zu Tage getreten. Diese Wahl werde eine ungeheure Rück­wirkung in der ganzen Welt und nament­lich in den Ländern haben, in denen die berühm­ten demagogischenExperimente" das Wirtschafts­elend verschärft und in den Arbeiterreihen schreckliche Leiden geschaffen haben.

Zur Sicherung eines ruhigen Wahlkampfes in Hessen.

DieNegierung fordert schärfste Bekämpfung radikaler Ausschreitungen.

WSR. Darmstadt, 27. Oft. Der hessische Innenminister hat in einem Ausschreiben an die Kreisämter und Polizeiämter erneut Anwei­sung zur energischen Dekämpfun gberanti- christlichen und antisemitischen Aus­schreitungen gegeben. Darin heißt es u. a.r Seit einiger Zeit mehren sich die Anzeichen dafür, daß die radikalen politischen Parteien und Orga­nisationen versuchen, die infolge der Wirtschafts­und Finanzfrise gespannte Stimmung durch planmäßige Beunruhigung der Be­völkerung zu verschärfen und die Bemühungen der Reichs-- und Länderregierungen zur Lieber- e Windung der bestehenden Schwierigkeiten zu stören. Reben der täglichen Hetze in Wort und Schrift sind schwere politische Ausschreitungen gegen An­dersdenkende und sogar verbrecherische Anschläge verübt worden, die in ihrer politischen Bedeutung höchste Beachtung verdienen. Selbst die friedliche religiöse Betätigung ist wiederholt gefährdet und gestört worden. Hierher gehört auch die aufs schärfste zu verurteilende antisemitische Verhetzung. Es muß jede Voraussetzung getroffen werden, daß die gesetzmäßige religiöse oder weltanschauliche Betätigung jedes Staatsbürgers unbedingt ge­währleistet ist. Die Llebung religiöser oder kon­fessioneller Lleberzeugungen im Rahmen der christ­lichen Kirchen wie der jüdischen Religion, nament­lich an Sonn- und Feiertagen, muh in jeder mög­lichen Weise geschützt werden. Die hessische Regie­rung ist entschlossen, während des bevorstehenden Landtagswahlkampfes den inneren Frie­den mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln aufrechtzuerhalten.

Zwischenschiedsspruch für Reichsbahnarbeiter.

Berlin, 27. Oft. (WTB.) In den Schlich­tungsverhandlungen beim Lohnstreit zwischen Reichsbahnverwaltung und Reichsbahnarbeitern ist heute ein Zwischenschiedsspruch gefällt worden. Der Zwischenschiedsspruch ve rlänger t denbestehendenTarifvertrag mit dem Vorbehalt der Wiederaufnahme der Ver­handlungen, nachdem eine Entscheidung gefällt ift in dem zur Zeit schwebenden L o h n st r e i t zwischen Reich und Reichsarbeitern sowie Reichs- Post und Reichspostarbeitern. Erst dann soll eine endgültige Vereinbarung oder ein endgültiger Schiedsspruch herbeigeführt werden. Der Schieds­spruch stützt sich darauf, daß die Rotverordnungen dem Sinne nach selbst davon ausgehen, daß die Lohnregelungen der anderen öffentlichen Behör­den vorweg erledigt und die Regelung bei der Reichsbahn erst zeitlich anschlie­ßend getroffen werden soll. Wie von der Deut­schen Reichsbahngesellschaft mitgeteilt wird, hat sie auf Grund der Rotverordnungen vom Juni und Oftobet die Ermächtigung erhalten, ebenso wie Gemeinden, Reichsverwaltungen und Post­verwaltung, eine Lohnfürzung für Ar­beiter um 4,5 v. H. vorzunehmen. Von dieser Ermächtigung hat die Reichsbahn Ende Ok­tober Gebrauch gemacht. Die geplante Lohnherabsetzung würde der Reichsbahn eine Summe von 37 Millionen Mark jährlich ersparen Rach der finanziellen Lage der Reichsbahn müßte eine noch größere Ersparnis durch Lohn­herabsetzung eintreten. Falls die geplante Lohn­herabsetzung jetzt nicht erfolgt, ist die Reichsbahn genötigt, Ersparnisse auf anderem Gebiete also d u r ch v e r m i n d e r t e B e s ch a s f u n g e n ein­treten zu lassen.

Die Harzburger Koalition.

E s Jen, 27. Oft. (ERB.) 3n einer Kundgebung ber Essener Rationalsozialistischen Partei tarn ber braunschweigische Minister Klagges auch auf d«e Tagung ber Rechtsopposition in Bad ur® sprechen. Viele nationalsozialistische Anhänger seien wegen ber Koalition kopfscheu geworden. Es habe sich dabei aber nur um eine reine Zweckgemein - ch<N l gehandelt. Der Kampf des Rational- sozlalrsmus gelte der Vernichtung des heutigen Systems. Um das zu erreichen, würde die Be- wegung sich nicht scheuen, ein Bündnis selbst mit dem Teufel einzugehen.