Das GchiMal spricht das letzte Wart
Roman von I. Schneider-Foerstl.
Llrheber-Rechtschuh durch Verlag Oskar Meister.
Werdau i. Sa.
29. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
lind nun, da er Evelin hier fand, überkam ihn plötzlich das Peinliche der Situation. Aber Skt ließ ihm nicht Zeit, darüber nachzudenken. „Wünschen Herr Setterholm den Herrn Grafen zu sprechen?" fragte er, während er ihn bereits in die Halle geleitete.
„Ich bin nicht im Desuchsanzug", wich Lutz aus. „Vielleicht haben Sie die Güte, meine Schwester zu verständigen, daß ich auf sie wart«. 3d) möchte ..." Let sah, wie sein Blick sich plötzlich weitete. Dann machte er Alice, die aus einer der hohen Türen trat, eine tiefe Verneigung. .
Lex trat sofort zurück, um die beiden allein zu lassen.
„Es ist mir eine große lleberraschung. Sie hier zu treffen, gnädiges Fräulein!"Er neigte sich über ihre Hand. „Ich suchte Sie auf Java!"
„Ich komme von dort!" sagte sie, ihn aus verschleierten Augen ansehend. „Sie suchen wohl Ihre Schwester?"
„Ja! Obwohl — da der junge Graf nicht anwesend ist, droht ihr je keinerlei Gefahr mehr!"
„Hat ihr sonst hier welche gedroht?" Ihr Blick war so hart wie die Linie ihres Mundes. „3a?“ forschte sie hartnäckig.
„Sie würden mich nicht verstehen, Miß Hetter- field", gab er zur Antwort.
Sich aufrichtend, maß sie ihn mit einem verächtlichen Blick. „Einmal war mir, als ob Sie lieben könnten. Herr Setterholm. Aber Sie können es nicht! Sie hassen nur! Hassen noch über das Grab hinaus. 3ch werde Ihnen Ihre Schwester schicken." Mit einem leichten Beigen des Kopfes lieft sie ihn allein.
Er stand, von einem Frösteln durchschauert, und sah ihr nach, bis die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte. Wieso kam sie hierher? Was wollte sie auf Langenbach? Als er sie das erstemal gesehen hatte und dann auch in Tante Ullas Atelier, war sie immer in Hellen, frohen Farben gegangen. Warum kleidete sie sich nun in solches Dunkel? Wie eine zürnende Gottheit hatte sie vor ihm gestanden. Ähre Worte klangen in ihm nach: „Einmal war mir, als ob Sie lieben könnten!"
Liebte er nicht? Wußte sie denn, was er mit sich selbst auszufechten hatte? Lind daft er nun und nimmer von ihr lvszukommen vermochte, im Leben und im Sterben nicht?
Bur hassen konnte er? Sie jedenfalls nicht, und wenn sie hundertmal dem jungen Lippstädt im Arm gelegen war, er breitete doch die seinen nach ihr aus, wenn sie ihm zu eigen sein wollte. Aber sie fühlte nur für den anderen. Vielleicht war sie ihm schon Braut, und Evelin hatte sich so unsagbar erniedrigt, hierher zu kommen.
Er zuckte zusammen, als er sie nun an Lipp- fiädts Seite den Korridor herabschreiten sah. Mit ein paar unsicheren Worten erklärte er sein Hiersein. Der Graf nahm kaum Rotiz davon. Er trug den Blick Eve zugewandt, die bittend zu
ihm aufsah. „Sie werden mich verständigen, falls sich etwas ändern sollte", sagte sie flehend.
„Sie können auf mich zählen, Fräulein Dloem!"
Lutz schoß das Blut in die Schläfen, als sie jetzt Lippstädts Rechte emporhvb und an dre Lippen drückte. Er konnte es kaum erwarten, bis sie neben ihm im Fond saft und der Wagen den Weg zurückrollte.
„Wie konntest du dich so weit vergessen! ta- dolte er. „Was hat dich hierher getrieben?"
„Die Angst um Thoms Schicksal. 3ch wollte Lippstädt bitten, daft er sich an Viktor wendet, der doch von 3ava aus viel leichter Rachforschungen anstellen kann als wir von hier. Aber er ist selbst verschollen. 3ch ertrüge es nicht, wenn nicht noch so etwas wie ein Hoffen m mir lebte, daß er nicht tot ist, nicht tot fein kann, Lutz." 3hre Stimme zerbrach in Weinen. „Ich habe ihn so über alle Maßen geliebt."
Er mäftigte das TeNipo und wartete, bis sie sich wieder etwas gefaßt hatte. „3st es nicht demütigend, daft Mift Hctterfield, um deretwillen du doch die Verlobung mit ihm löstest, nun bei seinem Vater die Trösterin spielt?"
Sie schüttelte den Kopf, und immer noch von stoftweisem Schluchzen unterbrochen, teilte sie ihm mit, was ihr Alice berichtet hatte.
Er hielt die Finger krampfhaft um das Steuer gelegt und entgegnete kein Wort. Erst als sie mit knapper Kurve um die Ecke der Mauer bogen, die den Park umfriedete, rift er sich zusammen. Er durfte sich unmöglich seinen Gefühlen hingeben. Evelin sah, wie sein Kinn hart über das Weift des Kragens hervorgeschoben war. Was mochte er in dieser Minute denken?
Sie erklügelte es nicht, lehnte nur den Kopf leicht gegen seine Schulter und rief seinen Rainen.
Als keine Antwort kam, sank sie erschöpft in die Ecke zurück.
Drei Wochen nach dem Ausbruch des Ophier kam die erste bestimmte Rachricht an Lutz Setterholm. Man hatte Thornson gefunden. Aus den Papieren, die er bei sich trug, ging seine 3den- tität einwandfrei hervor. Die Auffindung seiner Leiche verdankte man einem Zufall. Fischer hatten ihre Rehe ausgeworfen und geglaubt, einen besonders guten Fang gemacht zu haben. Aber ihr Entsetzen war groft gewesen. Ein Menschenwrack, vom Wasser aufgeschwemmt, mit offensichtlichem Grauen in dem weit aufgerissenen Blick, hatte in den Maschen des Rehes gelegen.
Als Lutz Setterholm die Rachricht erhielt, wußte er, daft auch Thom in der Rähe Thorn- sons zu suchen war. Sie waren nicht einen Augenblick auf ihrer, ganzen Reise voneinander getrennt gewesen und hatten jedenfalls auch zusammen den Tod gefunden.
Zwei Rächte lang ertrug er dieses fürchterliche Wissen allein. Dann vertraute er sich Evelin an. Ihr Mund fand keine Klage und ihre Augen keine Träne mehr.
Tage gingen darüber hin, aber keines von den beiden Geschwistern wagte die Mutter zu verständigen. Llnd wieder mußte Ulla um Hilfe angegangen werden. Sie erklärte sich auch bereit, die schwere Mission zu übernehmen, aber noch nie in ihrem Leben dünkte sie sich vor eine so schreckliche Aufgabe gestellt worden zu sein.
Unter diesen Umständen war es auch ausgeschlossen, daft Eve ihre beabsichtigte Reise nach Sumatra antrat. Die Mutter brauchte ihr Kind nun selbst, um daran Halt und Trost zu finden.
denn Lutz konnte unmöglich den ganzen Tag vom Geschäft wegbleiben, wenn er sich auch stundenlang in der Villa Dloem aufhielt.
Ulla saft in dem großen hellen Wohnzimmer der Schwägerin gegenüber und sprach in ihrer ruhigen, unsentimentalen Art von den Schicksalen des Lebens. Ak^r es war verzweifelt schwer, die Worte so zu wählen, daft sie ein halbes Begreifen brachten. „Man ertragt so viel, Hedwig", sagte sie, während sie über die Hände der Schwägerin hinstrich. „3ch habe gestern von der Komtesse Lippstädt gehört, daft xman wieder ein Menschenwrack in einem Fischerneh gefangen hat. Es soll sich um Thornson handelnI"
„Und Thom?" Zwei in Todesangst geweitete Augen sahen sie an.
„Ueber ihn ist noch immer keine Rachricht eingetroffen."
„Du willst mich schonenI" stammelte Hedwig und wollte die Hände zu einer Bitte falten, aber Ulla umschloft sie rasch mit den ihren.
„3ch würde dir's sagen", beruhigte Ulla. „Was hält das für einen Sinn, wenn man dich noch länger in Ungewißheit halten wollte? Da ist es noch besser, zu wissen, daft es nichts mehr zu hoffen gibt. Sowie ein Bescheid kommt, kriegst du ihn selber zu lesen. 3st es so recht?"
Statt jeder Antwort barg Hedwig das Gesicht an der Schulter der Schwägerin. „Schaul" Ulla war wie immer die Frau, die aus ganzem Herzen gab, wenn ein anderes ihrer Liebe und Rachsicht bedurfte: „Da ist die Evelin und der Lutz und der alte Graf Lippstädt und die Alice, die tragen alle das gleiche Leid. Uiid die Evelin trägt es gleich doppelt, denn chr ist auch noch der Mann ihrer Liebe gestorben. Und der Graf hat den einzigen Sohn verlor'n. Und der Lutz — du muftt ihn nur einmal anschau'n, Hedwig — der wird schon grau. Bei dem hilft alles zusammen. 3ch hab richttg Angst um ihn!"
„Um Lutz?" Die geröteten Augen Hedwigs suchten erschrocken in den ihren.
„3a", stimmte Ulla zu. „3ch mein, wann's auch noch so schwer ist, man sollt sich nicht immer bloß um die Toten kümmern, sondern auch noch die Lebendigen zu ihrem Recht kommen lassen. Es gibt Menschckn, die alles verloren hab'ß, und du hast noch zwei Kinder. 3st das nichts?"
„Sie sind ja bei mir!" verteidigte sich Hedwig verängstigt.
„Das schon! Aber du siehst sie ja gar nicht!" mahnte Ulla. „Ist dir's schon aufg'fall'n, wie die Eve aussieht? Und der Lutz ist zum Erbarmen! Wann du nichts dageg'n hast, fahr ich dieser Tag noch nach Langenbach und sprech mit der Alice wegen ihm. Man kann ihn doch nicht einfach zugrund' geh'n laff'n!"
Hedwigs Augen erwachten immer mehr auS ihrer Lethargie. „Soll ich nach Langenbach fahren ...“
„Gut wär's schon", bemerkte Ulla gleichmütig. Richts in ihrer Stimme zeigte Freude darüber, baß die Schwägerin wieder Intereffe an etwas anderem zeigte. „Er ist halt doch das Einzige, das dir mein Bruder hinterlass'n hat. Und ich glaub, daft du chn ttoh allem lieb hast!"
„Trotz allem?" Hedwigs Gesicht war nun vollkommen weift und in jeder Linie erstarrt.
„Ich mein“, beruhigte Ulla, „weil er nicht das anschmiegend Zärtliche deiner beiden anderen Kinder hat. Die Setterholms sind eben kühler, und es braucht länger, bis man bei ihnen warm
wird. Aber treu sind sie auch, Hedwig, und anhänglich.“ Sie konnte vor Erregung nicht fertig sprechen und erhob sich, um nach dem Fenster zu gehen, das der Wind in die Rahmen zu werfen drohte.
Eine Hand legte sich ihr auf die Schulder. „Ich will bei Lippstädt für Lutz um seine Tochter werben."
„Er braucht nichts darum zu wiffen!" sagte Ulla, die den Reffen kannte.
Hedwig schüttelte den Kops. Sie erinnerte sich plötzlich der Stunde, da sie einmal zu ihm gesagt hatte: „Ich möchte einmal etwas für dich tun, das sonst niemand für dich zu tun bereit wäre."
Run war die Zeit gekommen, daft sie ihr Wort einlöste.
Eine stille Freude durchströmte sie. Ulla hatte recht. Sie hatte noch zwei Kinder, der Himmel meinte es besser mit ihr als mit denen, denen er alles genommen hatte.
Roch am gleichen Rachmittag fuhr sie nach Langenbach hinaus. Zu Lutz und Evelin hatte Ulla gesagt, daft Mama bei ihr wäre und Sorge um sie nicht berechtigt sei. In der Ta- brachte sie auch die Schwägerin selbst nach ihrer Villa zurück.
Riemand hegte auch nur den leisesten Verdacht, daft Frau Hedwig zum ato&itenmal den schweren Gang nach Langenbach getan hatte.
Und Vater und Tochter hatten die Größe ihres Opfers zu würdigen gewußt und ihr die Bitte leicht gemacht.
Die Arbeiter der Setterholmschen Fabrik hatten eben Feierabend gemacht und strömten aus dem Tor, als ein Kraftwagen in raschem Tempo um die Kurve bog. Di« Lenkerin mochte den Dogen etwas zu kurz genommen haben.
Cs gab einen kräftigen Aufprall an einem der schweren Steinpfeiler, die das breite Tow trugen.
Hilfsbereit sprangen die ersten herbei und rissen den Schlag auf. Alice Lippstädts Gesicht spielte in dem feinen Dronzeton wie immer, nur ihr Mund war zu einem verlegenen Lächeln verschoben. „Ich werde selbstverständlich den Schaden, den ich gemacht habe, ersetzen." Ihre behandschuhte Rechte zeigt« nach dem Stück Detvn, das herabgebrochen war. „Wollen Sie mich dem Direktor oder sonst einem der Herren melden?"
Im selben Augenblick lief Shifc Setterholm über den Hof und stand atemlos vor der Gruppe, die das Mädchen umringte. Zurücktretend machten ihm die Männer Dahn. „Was ist Ihnen geschehen?" Sein Atem jagte noch, als er diese Frage an sie richtete.
„Mir nichts!" Alice reichte ihm gleichmütig die Hand. „Aber Ihr Pfeiler, Herr Setterholm, hat nicht standgehalten, und mein Kühler ist verbeult. Ich werde den Wagen abschleppen lassen WÜffen. Vielleicht haben Sie die Güte, einen Ihrer Arbeiter nach einer Werkstätte zu schicken, dah man ihn holt."
„Ich werde sofort telephonieren."
„Es wäre sehr liebenswürdig." Ohne ihn weiter zu beachten, nahm sie ihre Handtasche aus dem Fond und streifte den Handschuh fester über das Gelenk. „Ich werde natürlich für alles auf»* kommen. Die Kurve hier ist nicht sehr gut zu nehmen. Es ist das erstemal, daß mir dergleichen passiert. Vielen Dank nochmals für Ihre Hilfs- bereiffchaft."
(Fortsetzung folgt.)
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