Nr. 122 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Donnerstag, 28. Mai 1931
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 28. Mai 1931.
Oie Zuckerkrankheit.
Don Dr. Karl dichter. Geh. Med.-Rat, preußischer Kreis- und Gerichtsarzt i. Zfi.
Wie die Gicht auf der Unfähigkeit der Körper- zellen zum vollständigen Abbau der Eiweiß- und eiweißartigen Stoffe, so beruht die Zuckerkrank- heit auf der gleichen Unfähigkeit für den Kohle- hydrateabbau, das sind die Zucker- und zuckerartigen Stoffe.
Die Hauptquelle der Kohlehydrate im Körper ist die Stärke im Brot, den Kartoffeln, Mehlspeisen und Gemüsen. Nur einen kleinen Teil des Zuckers nehmen wir unmittelbar als Trauben-, Milch-, Rohr-, Fruchtzucker in Früchten und Süßspeisen auf.
Wie bei der Gicht das Eiweiß nicht über die Harnsäurestufe, so kann bei der Zuckerharnruhr die Stärke nicht über die Zuckerstufe hinaus in Kohlensäure und Wasser abgebaut werden. Die Zuckerkrankheit hat verwandtschaftliche Beziehungen zur-Gicht und Fettleibigkeit und zur Aderverkalkung.
Das Blut auch gesunder Menschen enthält stets etwas Traubenzucker, wir müssen also wohl etwas davon in unserem Körperhaushalte nötig haben. Werden dem gesunden Körper aber überreichliche Massen an Zucker und Süßspeisen zugeführt, so kann auch er die Aufgabe nicht mehr bewältigen, und es tritt Traubenzucker im Urin auf, der aber mit dem Nachlassen der übermäßigen Zuckerzufuhr schnell wieder verschwindet.
Darauf beruht die Behandlung des Diabetes durch Diät, die immer noch die sicherste und beste bei schwereren Fällen ist, nachdem das mit vorzeitigem Jubel begrüßte Insulin den Kranken wieder die gleichen Enttäuschungen gebracht hat, wie seinerzeit das Tuberkülin und das Salvarsan. Der uralte Traum der Menschheit von den Allheilmitteln erfüllt sich nicht und wird sich niemals erfüllen.
Aber das Insulin konnte diesen Traum auch gar nicht erfüllen, da es nur eine einige Ursache Les Diabetes angreift, nämlich die von der Buchspeicheldrüse ausgehende. Man stirbt weiter an der Zuckerkrankheit in der gleichen Weise wie früher. und nur die furchtbaren Fälle von Säurevergiftung, das Coma diabeticum, sind seltener geworden.
Der Grnährungschemiker NagnarDerg gibt folgende Diätvorschriften für die ganze Woche:
l. Tag: Hafer- und Früchtetag;
2. Tag: Gemüsetag mit 200 Gramm Fett;
3. Tag: Gemüsetag mit 75 Gramm Fett;
1 4. Tag: Hafer- und Früchtetag:
5. Tag: wie am zweiten Tage:
6. Tag: wie am dritten Tage:
7. Tag: wie am dritten Tage.
Die Früchtekost ist noch besser als die Haser- kost, die man aber wegen der Abwechslung nicht ganz entbehren kann. Die nur etwas weniger erhöhte Zuckerausscheidung nach dem Genüsse süßer Früchte gleicht sich dadurch reichlich wieder aus, daß die Zuckerausscheidung danach an den Gemüsetagen stärker heruntergeht, als nach Hafertagen.
Hat der Kranke bei dieser Diät sich so weit erholt, daß er ohne übermäßige Anstrengung sich fleißig im Freien bewegen kann, was auch für den rüstigen Diabetiker immer noch das allerbeste Heilmittel ist, so mag er versuchen, die strenge Diät ganz allmählich etwas zu mildern. Es ist überflüssig zu sagen, daß es leichte und schwere Fälle gibt, je nach diesem also die Dor- hersage zu stellen und die Strenge der Diät zu bemessen ist. Der Diabetes ist ebenso erblich wie alle anderen Stoffwech'elschwLchrn auch. Aber er kann auch zur Familienkrankheit werden, wo zuviel Süßes gegessen wird.
Baedekers Ahnen.
Oie Entwicklung des deutschen Reisehandbuches.
Don Or. Paul Landau.
In diesen Wochen, da mit dem jungen Frühling auch die Neisesehnsucht im Menschen rege wird und wächst, ist die beliebteste und am eifrigsten betriebene Lektüre die der Reisehandbücher. Diese uns heute unentbehrlichen Begleiter auf unseren Fahrten in allen Weltteilen, mit deren allgemeiner Einführung und vorzüglicher Ausgestaltung sich der Terlag von Karl Baedeker einen Weltruhm erworben hat, wären undenkbar vhn? die zahlreichen Borgänger, die Reisehandbücher früherer Zeiten. Der Baedeker blickt auf eine stattliche Reihe von Ahnen zurück, die ihn an Hmfang und Materiolfülle oft überbieten, an praktischer Brauchbarkeit aber soweit hinter ihm zurückbleiben wie eine Postkutsche hinter einem Auto.
Die Reisemanie der römischen Kaiserzeit hatte schon eine große Anzahl von Itinerarien, die Reiserouten, genau beschrieben und Aufzählungen von allerlei Sehenswürdigkeiten enthielten, entstehen lassen. Ein äußerst schwatzhaftes, aufs Sensationelle berechnetes Reisehandbuch für Griechenland ist uns in dem Werk des Pausanias erhalten. 2m ganzen aber florierten die mündlichen Reiseführer, die an allen vielbesuchten Orten mit ihrer Gelehrsamkeit auf warteten, mehr als die schriftlichen. Als im frühen Mittelalter durch den Verfall der antiken Kultür jede Möglichkeit des Reiserrs aufhörte, war es natürlich auch mit jedem Gedanken an eine Anleitung zum Reisen vorbei. Erst die sich immer stärker regende Sehnsucht nach dem heiligen Lande, die sich in den Pilgerfahrten und Kreuzzügen äußerte, führte auch wieder zu den Anfängen einer Reifeliteratur. So sind uns aus dem 13. und 14. Jahrhundert »Unterweisungen an einen jungen Kreuzfahrer für die Reise", und »Ratschläge für eine Pilgerfahrt nach dem Orient“ erhalten, in denen der einzuschlagende Weg, die günstigste Jahreszeit, die wichtigsten Stationen, die bequemsten Transportmittel angeführt werden: man erfährt, was man sich in einzelnen Städten an Kuriositäten ansehen soll, wie man sich gegen die Mohammedaner und den Dogen von Venedig zu verhalten hat. Diele sagenhafte und phantastische Dinge treten uns hier
Dank für die Mitglieder des Stadttheaters.
„Wer dem Publikum dient, ist ein armes Tier.
Er quält sich ab, niemand bedankt sich dafür!"
An dieses Worte Goethes möchte man — so schreibt man uns — fast denken im Hinblick auf die Vorstellung am kommenden Samstag zugunsten der Mitglieder des Stadttheaters.
Die wirtschaftliche Not unseres Volkes hat überall auch die Theater, vornehmlich die Stadtheater, in Krisenlagen gebracht. Dank der Einsicht von Stadtverwaltung und Stadtrat ist es möglich geworden, die Fortführung unseres Stadltheaters in der nach- sten Spielzeit sicherzustellen. Allerdings mußten am Etat starke Abstriche vorgenommen werden. Ob man dabei nicht zu weit gegangen ist, namentlich bei den Gagen der Stünftler, wird die Zukunft lehren müssen.
Jedenfalls sind die Künstler, die hier bleiben, dadurch, daß das Bespielen des Kurtheaters in Bad- Nauheim wegen der Unkosten nicht mehr möglich ist, in den nun kommenden spielfreien Monaten in ihrem Einkommen stark beeinträchtigt. Die Vorstellung am Samstag soll und kann ihnen nur einen kleinen Ausgleich schaffen.
Da ist es nun aber Anstandspflicht eines jeden Abonnenten und sonstigen Theaterbesuchers, für ein ausoerkaustes Haus zu sorgen, um den Künstlern, die monatelang Tag und Nacht ihre ganze Kraft darangesetzt haben, dem Publikum zu dienen, den schuldigen Dank abzustatten.
Das oben zitierte Goethewort muß am Samstag van den Gießener Theaterfreunden lügengestraft werden.
Mann mit zugeknöpften Taschen, Dir tut niemand was zu lieb: Hand wird nur von Hand gewaschen; Wenn du nehmen willst, so gieb!
, (Goethe.)
Daten für Donnerstag, 28. Mai.
Sonnenaufgang 4.20 Uhr, Sonnenuntergang 20.25 Uhr. — Mondaufgang 16.50 Uhr, Monduntergang 2.26 Uhr.
1779: der Dichter Thomas Moors in Dublin geboren.
Gietzcner Wochenmarktpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 140 bis 150 Pfennig, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140, Weißkraut 15 bis 25, Rotkraut 25 bis 40, rote Rüben 15 bis 20, Spinat 15 bis 20, Römischkohl 20 bis 25, Spargel 25 bis 50, Zwiebeln (neue) 15 bis 20, Tomaten 80 bis 100, Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 35 bis 40, Rhabarber 10 bis 15, Kartoffeln 5 bis 6 (per Zentner 4 bis 5 Mk.), Aepfel (ausl.) 50 bis 60, Dörrobst 30 bis 36, Kirschen (ausl.) 70 bis 80, Nüsse 60 bis 70, Erdbeeren 200 bis 240, Aprikosen 90 bis 100, Honig 40 bis 50, junge Hähne 90 bis 100, Suppenhühner 90 bis 100 Pfennig per Pfund: Tauben 50 bis 70, Eier 8 bis 9, Salat 10 bis 20, Salatgurken 40 bis 70, Blumenkohl 40 bis 70, Lauch 5 bis 15, Rettich 20 bis 25, Sellerie 10 bis 50, Oberkohlrabi 20 bis 25 Pfennig per Stück: Radieschen 10 bis 15, gelbe Rüben (neue) 20 bis 25 Pfennig per Bund.
Vornotizen.
— Tageskalender für Donnerstag. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Schrecken der Garnison". — Zirkus-Revue-Schau, Oswaldsgarten, 20.15 Uhr, große Sportvorstellungen.
*
*’ Rücksichtnahme auf öle Nachbarn! In den letzten Tagen sind uns aus allen Stadtteilen zahlreiche Beschwerden über mangelnde Rücksichtnahme von Radio- und Grammophonbesitzern auf ihre Nachbarn zugegangen. Bei dem schönen Sommerwetter ist es begreiflich, daß allenthalben die Fenster geöffnet sind, aber nicht zu billigen ist es, daß man bis tief in die Nacht hinein die Radiodarbietungen, zum Teil noch durch Lautsprecher und die Grammophonmusik den ruhebedürftigen Nachbarn in wenig rücksichtsvoller Weise zu Gehör bringt
neben praktischen Erfahrungen und wirklich fördernden Mitteilungen entgegen. Die Welt der Dichtung und des Wunders überwiegt dann in den großen Reisebeschreibungen, deren Repräsentant das lange Zeit verschlungene, in viele Sprachen übersetzte Buch des nach Palästina pilgernden Ritters John Maundeville war. Viel Tatsächliches ließ sich allerdings aus der romanhaft spannenden Darstellung nicht lernen: als primitive Baedeker benutzte man schlichtere, knapp orientierende „W e g w e i s e r". Solch ein Büchlein ist handschriftlich auf der Bibliothek in Dresden erhalten: es ist 1426 von Johann Bassenheimer versaßt. Ein gedruckter Führer des 15. Jahrhunderts schließt sich an den Kreuzzug Gottfried von Bouillons an und gibt sich als „ain hübsch Traktat, wie durch Gotfrid von Pullen das gelobte landt gewonnen ist". Für die Pilger entstanden im 15. und 16. Jahrhundert ganz eingehende, jede Einzelheit genau angebende „W allfahrtsbüch er" von denen das über die beschwerliche Reise nach San Jago di Com- postella von Haebler wieder herausgegeben worden ist.
Alle diese Werke enthielten jedoch nur Angaben zu Reisen nach einem bestimmten Ziel für einen bestimmten Zweck. Eine größere Verbreitung gewann das Reisen erst im Laufe des 16. Jahrhunderts, als durch die großen Entdeckungen unbekannter Weltteile der Horizont erweitert wurde. Nun entwickelte sich eine ganz neue Wissenschaft, die Apodemik, d. h. »die Anleitung, wie man auf Reisen das Nützliche mit dem Angenehmen und Bequemen verbinden könne". Die ersten Werke dieser Art, das des Italieners G rata r o l i von 1562, das den Reisenden zu Schiff und zu Wagen, zu Roh und zu Fuß Auskunft versprach, die von Pictorius und Zwinger, waren lateinisch geschrieben und nur gelehrten Kreisen verständlich. Hm 1600 sind diese lateinischen „Reisebüche r“ schon ganz eingebürgert, werden schön gedruckt und mit fein gestochenen Landkarten versehen. Es waren zumeist Auszählungen von verschiedenen, oft mehreren Hundert kurzen Reiserouten, dürftige Anhäufungen von Städtenamen und Meitenziffem: sie wurden hauptsächlich in Frankfurt a. M. und Nassau gedruckt und bald ins Deutsche übersetzt.
Während sich solche Bücher an ein möglichst breites reisendes Publikum wandten und daher nur dürftige gelehrte Angaben machten, wurden anderereitss die umfänglichen lateinischen Reisebücher, die im 17. Icchrhundert sehr zahlreich
und dadurch die Nachtruhe der Mitmenschen stört. Es sei besonders betont, daß nach 22 Uhr derartige rücksichtslose Belästigung der Nachbarn strafbar ist, und daß kein Radio- oder Grammophonbesitzer, der auf seine Nachbarn nicht die erforderliche Rücksicht nimmt, sich über eine Anzeige und polizeiliche Strafe für derartiges Vergehen wundern darf. Wer also gute Nachbarschaft üben und sich vor einem polizeilichen Denkzettel bewahren will, anderseits aber auf die Unterhaltungsdarbietungen nicht verzichten möchte, halte von 22 Uhr ab seine Wohnungsfenster geschlossen.
** Kongreß der Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge in Gießen. Vom 9. bis 11. Oktober wird die Deutsche Vereinigung für Krüppelfürsorge ihren diesjährigen Kongreß in Gießen abhalten, zu dem eine große Anzahl hervorragender Fachgelehrter des In. und Auslandes erwartet wird. In Verbindung mit dem Kongreß wird die Einweihung der vom Hessischen Verein für Krüppelfürsorge hier unter der Bauleitung des Stadtbaurats G r a v e r t errichteten Orthopädischen Klinik stattfinden. Im Verlaufe der Tagung sollen auch zwei öffentliche Vorträge gehalten werden, und zwar einer von Geheimrat Professor Dr. Lange (München), der andere von dem Geschäftsführer des Hessischen Fürsorgevereins, Oberinspektor Lang (Darmstadt).
•* E i n glückhaftes Jahr ist heuer dem Schreinermeistermeister Karl Hahn und Familie beschieden. Herr Karl Hahn konnte Anfang des Jahres feinen 75. Geburtstag und darauf fein 50. Geschastsjubiläum begehen, er feiert nun mit feiner Ehefrau Louise geb. Rabenau am Freitag dieser Woche das goldene Ehejubiläum.
** Theaterpersonalie. Man teilt uns mit: Friedrich Zingel wurde für die kommende Spielzeit als erster Väterspieler und grand utilitö an das Stadttheater Franksurt/Oder verpflichtet.
" Svmmerfpielzeit des Stadt thea- ters Gießen. Man schreibt uns: Die diesjährige Sommerspielzeit des Stadttheaters Gießen steht unter dem Zeichen des Preisabbaues. Das Abonnement (6er»Karten) verbilligt sich um 33' 3 Prozent, die Einzeltagcskarten um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahre. Aus dem Sommerprogramm stehen Gastspiele prominenter Künstler. Die Ende voriger Spielzeit eingebaute Den- tilationsanlage wird an heißen Tagen einen angenehmen, kühlen Aufenthalt gewährleisten. Die Intendanz macht nochmals auf die große Verwendungsmöglichkeit der verbilligten Abonnements- 6er-Karten aufmerksam. Sonntag, 31. Mai, erste Fremdenvorstellung der Sommerspielzeit mit der Wiederholung des erfolgreichen Lustspiels von Leo Lenz. „Ständchen bei Nacht", unter der Spielleitung von Karl Volck. In dieser Vorstellung verabschieden sich Ilse Jahn, Edu Wesener, Friedrich Zingel. Beginn 18.30 Hhr.
*• Benefizvorstellung der Mi tglie- d er de s G ie tz en er S t a d 11 he a te r s. Man schreibt uns: Hm die beim Publikum bestehenden Zweifel zu beheben, wird mitgeteilt, daß das Ensemble anläßlich seiner Benefizvorstellung mit der einmaligen Aufführung des Schwankes „Luinpen- paradies" keine erhöh'.en Operettenpreise, sondern gewöhnliche Schauspielpreise festgesetzt hat. Durch diese Maßnahme soll allen Theaterfreunden Gelegenheit zum Besuch geboten werden. Außerdem sei darauf hingewiesen, daß der Beginn der Vorstellung 20.30 Hhr ist.
** Die ® eftanlage, bie nach dem Umbau im Frühjahr dieses Jahres gärtnerisch hergerichtet wurde, bietet ein freundliches Bild. Die Rasenflächen sind gut gepflegt, die kleinen verschnittenen Sträucher, die die Rasenflächen säumen, haben sich gut entwickelt, die schönen Blautannen, die in Zwischen-, räumen gepflanzt wurden, geben der Anlage eine besondere Note. Ziersträucher, die am Fuße des Bahndamms gepflanzt sind, blühen und vervoll- kommnen das Bild der Anlage. Die Sitzbänke,- die geschickt eingefügt wurden, werden gern benützt. Erfreulicherweise wurde für die Kinder ein Spielplatz mit einem Sandkasten, geschaffen, auf dem die Kinder unbehindert spielen können.
** Das Straßenbild im verlängerten Asterweg. Der verlängerte Asterweg hat in den
waren und gelehrte Leser und Benutzer beanspruchten, der Tummelplatz polyhistorischer Launen unö Hngeheuerlichkeiten. Ein Mittelweg zwischen diesen pedantisch-gelehrten und nüchtern praktischen Werken muhte in deutsch geschriebenen und anschaulich belebten Darstellungen gesucht werden: ihn erprobte 1622 Heinrich Kilian Neumaier in seiner „Reise durch Welschland und Hispanien"; ihn beschritt darauf mit noch größerem Erfolg der TopographMartinZeiller, der „Baedeker des 17. Jahrhunderts". Im Jahre 1632 erschien zu Straßburg in zwei Bänden sein „Reisebuch und Beschreibung Deutschlands und angrenzender Länder", das den Ruhm beanspruchen darf, das e r st e deutscheReisehandbuch im heutigen Sinne zu sein. Andere Werke über Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien folgten. Einen Auszug aus all diesen Büchern veranstaltete Heiller 1651 in feinem nach Aeneas treuem Begleiter genannten „Fides Achates oder getreuer Reisegefährt", der die größte Verbreitung fand. Der kenntnisreiche Verfasser, der hübsch von seinen eigenen Wanderungen und Reiseerfahrungen plaudert, berichtet nicht immer als Augenzeuge; er hat vielerlei Quellen benutzt. In langen Einleitungskapiteln wurden die Geschichte, Volk, Staat und Gliederung des betreffenden Landes gründlich abgehandelt, daneben aber kommt auch der beschreibende, praktische Teil zu seinem vollen Recht. Zeillers Anordnung und Schilderung mutet hier merkwürdig modern an. Ganz wie von un- serm Baedeker werden wir in die äußerst beschwerlichen Paß- und Zollverhältnisse eingeweiht, mit öen Beförderungsmitteln bekannt gemacht, auf bestimmte Herbergen hingewiesen, in denen man gute Hnterkunft findet; ja sogar über Preise erhält man Fingerzeige. In einzelnen Kapiteln werden die größeren Reisetvuren genau durchgesprochen.
Freilich, auch Zeiller war ein Sohn seiner Zeit. Wer in seinen Büchern nach Hinweisen sucht auf Schönheiten der Natur, auf heute gefeierte Kunstwerke, der wird eine bittere Enttäuschung erleben. Nach seiner Meinung kann man z. B. sämtliche Sehenswürdigkeiten Roms in vier Tagen absolvieren, wobei aber von Raffael unö Michelangelo nicht die Rede ist. W i n ck e l m a n n benutzte auf seiner Italienfahrt, die den Deutschen ein neues „gelobtes Land" erschließen sollte, noch englische Reisebücher. Aber der klassische Führer der großen Italien-Reisenden, eines Lessing und Goethe, wurde der Hamburger I. I. V o l k m a n n in seinen „historisch-kritischen Nachrichten aus Ita-
letzten Wochen durch die Anlage von Grünflächen vor den beiden großen Wohnhausblocks feine Vervollständigung und begrüßenswerte Verschönerung erfahren. Es sind als Vorgärten Rasenflächen an- gesät worden, die der Straße einen frischen und freundlichen Charakter geben. Auch hinter den Häusern wurde Gärten angelegt, die den Wohnungs- inhabcrn zum Anbau überlassen sind. Die Vordächer über den Hauseingängcn wurden mit blühenden Geranien wirkungsvoll geschmückt.
*• C i n weiterer neuer Münzfernsprecher. Wie in der Licher Straße, so wird zur Zeit auch an der Bahnunterführung am Oswaldsgarten ein Fernsprechautomat errichtet. Der Fernsprecher dürste in nicht allzulanger Zeit dem Verkehr übergeben werden. Als Neuerung, die sich allenthalben gut bewährt hat, sind mit der Fernsprechanlage drei Postautomaten unmittelbar verbunden, denen 15 Pf - und 8 Pf.-Marken, fv- wie 8 Pf.-Postkarten entnommen werden können.
** „Der Rosenkavalier" in Bad-Nau- heim. Unter der Mitwirkung des Kurorchesters (Generalmusikdirektor B o n g a r tz) gelangt am Sonntag, 31. Mai, 19.30 Uhr, hn Kursaal zu Bad- Nauheim die Straußsche Oper „Der Rosenkavalier" zur Aufführung. Die Kurverwaltung hat — wie man uns schreibt — für diese Aufführung erste Solisten verpflichtet. In der Rolle der Feldmarschallin gastiert Henny T r u n d t (Köln-Bayreüsh), Hubert Mertens (Köln) ist als Baron Ochs verpflichtet, Margarete Kremer-Bergan (Leipzig) als Oktavian und Mali Trümmer (Leipzig) als Sofie. — Näheres in der heutigen Anzeige.
** Di e Gasvereinigung macht im heutigen Anzeigenteil darauf aufmerksam, bei der Anschaffung von (ÖaS’Sparbrennern Vorsicht walten zu lassen, und sie empfiehlt, sich vorher von Mitgliedern der Gasvereinigung beraten zu lassen. Interessenten-feien auf die Bekanntmachung besonders hingewiesen.
"PrüfungsabnahmefürdasT.-u. Sp.. Abzeichen. Am Sonntag, 31. Mai, 11 Uhr, findet in der Müllerschen Badeanstalt eine Prüfungsabnahme für das Turn, und Sportabzeichen — Gruppen I und V, Schwimmen — statt. Interessenten seien auf die heutige Anzeige ausmerksam gemacht.
** Wegen .Kautionsschwindeleien verhaftet. Nachdem vor einigen Tagen der wegen Kautionsschwindeleien polizeilich gesuchte angebliche Ingenieur Dr. Börner, der in Wirklichkeit der 34 Jahre alte Kaufmann Georg Oehl- schläger aus Heppenheim ist. in Heppenheim ver- haftet und dem Amtsgerichtsgefängnis in Lorsch zu- geführt worden war, hat sich nun auch fein Helfershelfer, der angebliche Ingenieur Morgel, der aber in Wirklichkeit ein Kaufmann namens Mann aus Bensheim ist, freiwillig der Behörde gestellt, von der er in das Gerichtsgefängnis in Lorsch eingeliefert wurde.
** Aufgefundene Diebesbeute. Der wegen der Gartenhauseinbrüche beiderseits der Lahn verhaftete Arbeiter Ludwig Bock aus Bergheim an bor Eder hat bei (einer Vernehmung durch die hiesige Kriminalpolizei ein umfassendes Geständnis abgelegt. Er hat die gestohlenen Sachen — darunter auch das angeblich von seinem Komplicen nach Frankfurt a. M. geschaffte Koffergrammophon«— am Hardtberg bei Cid), wohin er am Morgen nach feiner Diebesarbeit gefahren war, vergraben. Bei einer polizeilichen Nachsuchung unter Zuhilfenahme eines Polizeihundes wurden die Sachen aufgefunden und sichergestellt. Damit haben die Diebstähle zum großen Teil ihre Aufklärung gefunden. Der Ein- brecher wurde in das Gerichtsgefängnis übergeführt.
Srieffoffen der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)
A. G. in V. Wenden Sie sich an das Zentralnach- weiseamt für Kriegerverluste und Kriegergräber in Spandau, Schmidt-Knobelsdorffstraße 1/10.
Sprechstunden der Redaktion.
11-30 bis 12.33 Uhr. 16 bis 17 Uhr. Samslag nachmittag geschlossen.
.Tüc unverlangt eingefandte Manuskripte ohne beigefügtes Rückporto wird keine Gewähr übernommen.
lien" (1770), einem inhaltsreichen, übersichtlichen Werke, das freilich vielen Reisenden von heut zu gelehrt erscheinen dürste, in dem aber schon die Begeisterung für die Herrlichkeiten der Kunst gluljt. Nur für die Schönheiten der italienischen Natur hatte der Freund Winckelmanns noch kein Auge.
Die Wunder der Natur wurden erst durch eine Reihe von Reisehandbüchern entdeckt, die sich mit einer Gegend beschäftigten, der sich ganz allmählich die Neigung zuzuwenden begann und der heute die höchste Liebe gilt: der Schweiz. Das Musterhandbuch für die Schweizer Reisen vor Baedeker war I. C. Ebels 1793 zuerst erschienene „Anleitung, die Schweiz zu bereisen". Nicht so ausführlich wie der vierbändige „Ebel", aber nicht minder beliebt und über ganz Europa verbreitet waren die Reisehandbücher des Gothaer Geheimen Kriegsrats H. A. O. Reichard, eines viel gereisten und noch mehr belesenen Mannes. Reichards Beispiel ahmte der Londoner Buchhändler John Murray nach, als er seine „roten Bücher" herausgab, die seitdem mit dem Bilde des reisenden Engländers verknüpft sind. Seine „Handbooks for travellers“ bringen alles, was die Apodemik von Zeiller bis Reichard den Reisenden vorgesetzt; sie stellen jedoch noch ein anderes Ideal auf, unbedingteste Zuverlässigkeit, die sich nur auf die sichersten Gewährsmänner verläßt. Karl Baedeker aber, der auf Murray weiterbaute, steckte sich sein Ziel noch höher: er wollte alles mit eigenen Augen sehen! So waren denn feine Handbücher, die sich zunächst im strohgelben Gewände präsentierten, noch exakter und glaubwürdiger als dw englischen. Was die Reklame von Murray sagte: „Don Petersburg bis Sevilla, von Ostende bis Konstantinopel erblaßt jeder Gasthosbesitzer bei dem Namen Murray!" — das traf und trifft für Baedeker wirklich zu.
Lochschulnacbrichten.
Der an der Universität Berlin neuerrichtete Lehrstuhl für römisches und bürgerliches Recht ist dem ordentlichen Professor Dr. Hans Lewa Id in Frankfurt a. M. angeboten worden. Lewald folgte 1911 einem Rufe als Ordinarius an die Uni- oerfität Lausanne, kam später nach Frankfurt, 1920 nach Köln und kehrte 1922 nach Frankfurt zurück. Hier hatte er einen Lehrauftrag für römisches und bürgerliches Recht, Rechtsvergleichung und nationales Privcttrecht. Einen Ruf nach Heidelberg als Nachfolger Endemanns hat Lewald abgelehnt.


