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Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

Nr. 74 droettes Blatt

Samstag, 28. März Ml

Deutsche WeltwirtschastspolM.

^tuhenpo»,tische Umschau

Von Dr. Otto Hoehsch, o. ö. pro,, der Geschichte an der Universität Berlin.

Die Vorbereitungen sür die Paneuropa- Konferenz im Mai find mit der Veröffent­lichung des deutsch-österreichischen Ab­kommens zusammengetrofsen. 3n Paris war daS Organisationskomitee zusammen. Es hatte die Tagesordnung der neuen Konferenz, nament­lich eben für die ganze Organisationsfrage vor­zubereiten, für die die deutsche Rote vom 21. De­zember 1930 und die dänische Rote vom 3. Januar 1931 wichtige Vorschläge gemacht haben. Auch die Frage des Präsidenten wird diskutiert, weil man an Vriand als Kandidaten für die Präsi­dentschaft in Frankreich denkt. Aus dieser Tagung lag selbstverständlich der Schatten, Laß die bisherigen Genfer Bemühungen völlig Fiasko gemacht haben. Schuld daran ist nicht Deutschland, und wir lehnen es sehr nach­drücklich ab, dah sich nun der Aerger über dieses Fiasko, an dem vor allem England und Frankreich schuld sind, in der Verbitterung gegen Deutschland enllädt, weil dieses die Dinge wirk­lich vorwärts treibt. Denn das ist doch nicht zu bestreiten: in Genf hat sich gezeigt, dah jeden­falls für die nächste Zeit Europa im ganzen für eine solche Handel Reinigung nicht reif ist. Don den Regionalabkommen in Vorberei­tung zu einer gesamteuropäischen Einigung ist doch auch viel die Rede gewesen. Was tun nun Deutschland und Oesterreich anders, als dah sie ihrerseits den Wagen Vorwärtstreiben, ohne sich in irgendeiner Weise damit abzuschliehen oder künftigen weiterlebenden Vereinigungen vorzu­greifen?

Diese deutsch-österreichische Einigung läuft nicht nur auf der bekannten alten Bahn, eine Wirtschafts­verständigung zwischen den beiden Brudervölkern herbeizuführen, die ihnen in keiner Weise ver­boten ist, sondern auch auf der Bahn der seit Monaten erörterten Gedanken von Südost- europa her, die soeben auf der 6. Mitteleuro­päischen Wirtschaftstagung in Wien ausgiebig erörtert worden sind. Man sieht, wie die neuen Gedanken: Revision der Meistbegünstigung, Vor­zugszoll, regionaler Zusammenschluß, sich durch- und Vorwärtsringen. ES ist der einzige Weg, der Europa vor dem Wirtschaftskrieg aller gegen alle bewahren kann! Aus diesem großen Zusammenhang ist der Vertrag zwischen Deutschland und Oesterreich erwachsen, noch nicht über eine Zollunion oder einen Handelsvertrag, sondern nur über Richtlinien, mit denen eine neue Form des handelspolitischen Zusammen­schlusses gesucht wird, die bestehenden Verpflich­tungen nicht verletzt, die Llnabhängigkeit der Der- tragschliehenden nicht angetastet werden, Zwi- schcnzölle iroch für möglich cicklärt werden und trotzdem eine Zollunion am Ende in Aussicht genommen wird.

Schon diese präzise Formulierung dessen, was jetzt abgeschlossen wurde, läßt erkennen, dah über das Eigentliche überhaupt er st verhandelt werden soll und welche Schwierig» Ici'cn auf diesem Wege noch vorhanden sind. Schwierigkeiten zunächst aus den inneren Verhältnissen der Gegensätzlichkeit der wirt­schaftlichen Interessen und Zustände zwischen Deutschland und Oesterreich, die ja bisher alle öicrc so allen Bemühungen eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses der beiden erschwert hat. Solche Stimmen, wie wir sie vom Reichslandbund gehört haben, werden mit ihren Bedenken und Einwänden aus Deutschland und Oesterreich sicher noch mehr kommen. Dann die Schwierigkeiten, die die anderen machen. Ob es nicht zweck­mäßiger gewesen wäre, den Versuch, den man mit Wien so abgeschlossen hat, gleich auch oder sogleich danach mindestens auch in Prag zu machen? Denn nun sind mit einem Male die anderen draußen oder glauben, draußen zu sein. Die Richtlinien, die zwischen CurtLus und Schober festgelegt wurden, enthalten an keiner Sickle eine Spitze gegen einen anderen Staat und verletzen auch die bekannten Bestimmungen aus dem Frie­densvertrage und dem Genfer Protokoll vom

4. Oktober 1922 nicht. Aber die andere Seite, auch um einen Prügelknaben für ihre iUnfähig- leit, den europäischen Zusammenschluß vorwärts­zutreiben, zu finden, benutzt den Sonderabschluh der beiden besiegten Staaten und sucht mindestens von Prag und Paris her eine Einheits­front gegen diese Bemühungen hrrzu- stellen. England und Italien äußern sich zurückhaltender, aber man vergesse nicht, daß die beiden sich ja gerade mit Frankreich im Flotten- abkommen zusammengefunden hatten, und daß aus anderen Gründen Deutschlands Position in der großen Politik augenblicklich recht iso­liert ist. Das soll gar nicht bedenklich machen. Die Initiative dabei war gut, Deutschland und Oesterreich bringen die Europa-Diskussion förder­licher vorwärts, als es drüben in Genf bisher geschehen ist. Aber die Schwierigkeiten, die damit entstehen, soll man auch nicht übersehen, und wir hoffen, daß die diplomatische Vorbereitung - der Aktion ausreichend war, besser, als sie auf den ersten Blick zu sein schien.

Es ist ein erster Schritt in einen großen Zu­sammenhang herein, bei dem man Südost - europa möglichst zusammennehmen soll, ein Südosteuropa, das sich doch, im ganzen gesehen, bemerkenswert konsolidiert hat von Bodenbach nach Athen und nach Angora, und ein Südosteuropa, das die großen Gegensätze und Reibungen aus dem Kriege doch zu überbrücken scheint, so wenig in dieser Beziehung das letzte Wort gesprochen ist. Sehr erwünscht wäre nun, daß die Beurteilung in Deutschland sich möglichst von Phrasen und Vorschußlorbeeren freihielte und die Situation, so wie sie ist, in Las Auge faßt. Daß sie also nicht übersieht, daß man Südosteuropa möglichst im ganzen dabei haben muß und daß man bei der Vereinigung zwischen Deutschland und Oesterreich nicht stehenbleiben darf. Daß sie nicht vergißt, daß Deutschland auchJnteressen nach derandernSeite hat, wo unter holländischer und norwegischer Führung, vielleicht auch englischer Beteiligung, die Interessen sich zusammenfinden. Daß sie weiter nicht vergißt, dah die Erschließung des Marktes in Südosteuropa auch fremdes Kapital braucht uni) daß dieses fremde Kapital nur von Frankreich Herkommen kann. Denn Ame­rika hat an diesem Gebiete kein Interesse. Ame­rika aber wiederum wollen wir für eine mög­lichst baldige Aufrollung der Reparationsfrage gewinnen. Also ganz ohne Blick auf Amerika dürfen derartige Aktionen und regionale Bin­dungen auch nicht gemacht werden. Die Haupt­sache ist, wie wiederholt sei, die Aufrollung des Reparationsproblems, und zwar in der dafür gegebenen und gemessenen Frist, die sich ihrerseits wieder mit dem Beginn der großen Abrüstungskonferenz im nächsten Jahr abgrenzt.

Zusammenhänge, die auch für Rußland vorliegen. Scheinbar steht es draußen. Aber wie hat Molotows großer Bericht vor dem 6-Rätekongreh doch gezeigt, daß auch Rußland weltwirtschaftlich interessiert ist. Es will, es muß ja exportieren, um das Kapital zu bekommen, mit dem es -feinensozialistischen Aus­bau" durchführen will. Lind darum muß es Ab­nehmer finden, wird also auch von der Welt­wirtschaftskrise getroffen. Andererseits wächst die Erörterung über Dumping, Gusstsche Schleuder­konkurrenz, ja, russische Gefahr im größeren Stile, wenn der Fünfjahrplan einigermaßen gelingen sollte. In diesem Lichte betrachten wir auch die schwebenden deutsch-russischen Ver­handlungen. Wie bekannt, sind die deutschen Industriellen mit großen Zusahbestcllungen Sowjetrußlands zurückgekehrt. Erfreulich und schwierig: die Finanzierung, die Garantierung ist nicht einfach.

Deutschland ist hier Pionier für Europa, für die Welt, gegenüber diesem gewalttgen russi­schen Problem, das immer stärker neue und ernste Züge annimmt. Dieser Pionieraufgabe kann, darf und will Deutschland sich nicht entziehen. Es liegt eben zwischen West und Ost, und seine Auf­gabe ist, beide zu verbinden und aus dieser großen Schwierigkeit für sich das größt­mögliche zu gewinnen. Wir begrüßen cs ge­radezu, daß diese Jndustriellenreise mit dem

Ablauf des Berliner Vertrages vom 24. April 1926 zusammenfiel. Das ergibt die Verpflichtung, einmal über deutsch-russische De- ziehungen, über das russische Problem und sein Verhältnis zu Europa, über Deutschlands Auf­gabe darin nachzudenken. Mit Gefühl oder nega­tiver Kritik ist dieser Aufgabe nicht beizukommen, in der sich wirtschaftliche, politische und ethische Elemente merkwürdig verschlingen. Man sieht: nicht nur die große Politik ist in Bewegung

gekommen, sondern auch große Zusammen­hänge tun sich dabei auf. in denen eins auf das andere unweigerlich wirkt. Man mache sich nichts vor über die großen Schwierigkeiten, die darin gerade jetzt für Deutschland liegen, und je ruhiger und überlegter man eine an sich er­freuliche Sache wie den deutsch-österreichischen Ab­schluß behandelt, um so vorteilhafter wird daS für das Ganze sein.

Oie Entthronung des Silbers.

oon Or. Emil Earthaus.

G o l d ist volles, belebendes Sonnenlicht: Silber mildes, geisterhaftes Mondenlicht, beide gevannl an des Edelmetalles schwere, gediegene Masse. Schön sind sie beide, diese unter dcm Namen Sahab und Äeseph bereits vor der Bibel den genannten Ge- stirnen zugeschriebenen metallischen Elemente. Schon leit den frühesten Zeiten haben sie deshalb so sehr do» Begehren der Menschen erregt, daß sie in ge­münzter Form, als Geld, seit mehr als vier­tausend Jahren das allgemeine T a u s ch m i t t e l der Kulturwelt im Kaushandel bilden, obgleich sie als wirkliche Nutzmetalle in der menschlichen Wirtschaft von verhältnismäßig geringer Bedeutung sind. Als verschmähe es das Gold, mit anderen Elementen Verbindung einzugehen, findet man es in der Natur meistens in reinem, gediegenem Zustand und nur unter Vermittlung von Schwefel, Arsen und einigen verwandten Elementarstoffen mit gewöhnlichen Me­tallen chemisch verbunden. Auch zu den die atmo­sphärische Luft und das Wasser zusammensetzenden Elementargasen zeigt daskönigliche Metall" nicht die mindeste Zuneigung. Gerade diese große B c - ständig keit ist neben seiner Schönheit der Haupt- gründ, weshalb sich das Gold im Welthandel einer so außerordentlichen, bleibenden Wertschätzung erfreut.

Wohl trotzt auch das S i l b e r wie wenige andere Metalle dem Zahn der Zeit, doch zeigt es eine so große Zuneigung zum Schwefel, daß es sich mit ihm sehr leicht chemisch verbindet und seine weiße Metallfarbe verliert, die einem unschönen Braun ober Schwarzbraun Platz macht Dieses schon setzt das weiße Metall in der Wertschätzung sehr herab, da der Schwefel ein Element ist, das sich in gewissen organischen Verbindungen wie den Eiweißstoffen aus dem menschlichen Haushalt kaum ausschalten läßt. Außerdem hat das Silber das Bestreben, sich mit dem C h l o r des Kochsalzes und anderer chemi­schen Körper zu verbinden, wobei es sich mit einer trüben, weißlichen Haut überzieht. Trotz alledem ist das Silber ein so schönes Metall, daß es sicherlich auf dem Weltmarkt den für es bis weit in das vorige Jahrhundert hinein gezahlten hohen Preis behauptet hätte, wenn es der fortschreitenden Technik nicht gelungen wäre, Silber aus Erzen, die von ihm nur einen geringen Prozentsatz enthalten, wie viele Blei-, Kupfer- und Zinkerze gewisiermaßen als Nebenprodukt in sehr großen Mengen mit verhältnismäßig geringem Kostenaufwand durch fog. Treibarbeit, durch Parkesieren, Pattifonieren und durch Elektrolyse zu gewinnen.

die reichen Silber^r-lagerstätten des säch­sischen Erzgebirges, von Böhmen. Spanien, Rord- nnd Südamerika erst verhältnismäßig spät durch den Bergbau erschlossen wurden und die alten Kulturländer sehr arm an Silber waren, stellten es die ältesten Llrkunden des alten Pharaonen- landes und ebenso ein bekannter Ausspruch des biblischen Königs Salomo im Wert noch über das Gold. Zur Zeit der römischen Republik überwog das Gold das Silber schon um das Renn- 'bis Elffache im Preise. Ungefähr das gleiche ist auch für die Zeit des europäischen Mittelalters anzunehmen, in der die berühmten Bergwerke von Laurion (Griechenland) zwar auf­gehört hatten, größere Mengen Sttber abzu­geben, an deren Stelle aber als Silberliefe­ranten Spanien und später Sachsen auftraten. Dieses lieferte damals viele Millionen aus den Gruben des Erzgebirges. Als nach der Ent­deckung der Reuen Welt diese ihren reichen Silberfegen über Europa auszuschütten begann, und die jährliche Weltgewinnung von Silber mit rund 10 000 000 Kilo sich verzehnfachte, schritt

die Entwertung des weihen Mctalles dem gelben gegenüber ruckweise so weit vor, daß um daS Jahr 1660 15 Kilo Silber im Werte nur noch einem Kilo Gold g'.cichkamen. Infolge der Ver­vollkommnung der Silbererzver ü .ung und Er­schließung zahlreicher sehr ergiebiger Lager- Jtättcn in Australien und vor allem Ame- rifa, (wo die Comstock-Minen in Revada in der Zeit von 1860 bis 1882 allein für 900 Mil­lionen Mark Silber an den Weltmarkt abgaben), hat sich dann das Preisverhältnis zwischen Sil­ber und Gold, trotz der Gegenbestrebungen der Lateinischen Münzkonventton" zu Ungunsten d s Silbers in dem Maße verschlechtert, daß es sich in den Jahren 1876 bis 1880 wie 1:17,81 stellte, zwischen 1891 und 1895 wie 1:25,56: zwischen 1901 und 1906 wie 1:36,6 und 1915 wie 1:39,77 stellte. Rach dem schnellen Sinken des Silber­preises im vorigen Jahre von 71,87 auf 55,20 Mk. für das Kilogramm hat das Metall im Januar dieses Jahres einen Preissturz bis auf weniger als 40 Mark erlitten. Durch diesen neuen Preis­rückgang hat sich der Mert des Silbers b i S auf ein Achtzigstel von dem dcS GoldeS verschlechtert.

Wohl wird sich vielleicht der Preis des Si'* bers auf dem Weltmarkt in gewissen Grenzen aufwärts bewegen, doch dürfen diese desha.b nicht weit gezogen werden, weil der größte Teil des heute in den Handel gebrachten Silbers, wie gesagt, als Rebenprodukt aus silber­haltigen Blei- und Kupfererzen gewonnen wird, und somit der Silberpreis von der DerhüttungZ- menge dieser Erze und der Rachfrage nach Blei und Kupfer auf dem Westmarlte anhängig ist. Wie sehr aber der Markt mit Silber übersättigt ist, kann man auS folgenden statistischen Zahlen ersehen:

Die Weltgewinnung an Silber stellte sich von der Zeit der Entdeckung Amerika an bis zum Weltkriege nach den sorgfältigen Berech­nungen von Soetabeer auf annähernd 360 Millio­nen Kilogramm. Rach dem Kriege hat sich die jährliche Weltproduktion von diesem Edelmeiall zwischen 5,2 und 7,9 bewegt. 3m Jahre 1929 waren an dieser Massenproduktion, die nach ameri­kanischen Berechnungen 254 Millionen Unzen oder rund 7,9 Millionen Kilogramm umfaßte. Mexiko mit 165, die Vereinigten Staa­ten von Rordamerika mit 60, Kanada mit 21 Millionen Unze i beteil gt, wogegen die Silber­gewinnung der Alten Welt vollständig m den Hintergrund trat. Das im Jahre 1930 der Erde entnommene Silber zusammengeschrnolzen würde einen Riesenbarren von sechs Meter Höhe und Breite und mehr als 20 Meter Länge bilden, wenn man ihn zerteilte, wären zu seiner Fort­bewegung auf der Eisenbahn, Emballage nicht Berechnet, über 600 Güterwagen mit einem Höchst- adegewicht von 12 500 Kilogramm erforderlich. Es ist das eine ungeheure Gewichtsmenge, doch würde das Silber trotz solcher Massengewinnung immer noch zu weit höheren als den heutigen Preisen in der Weltwirtschaft und im Gold- und Silberschmiedegewerbe Verwendung finden, wenn die neuzeitliche Technik es nicht dazu gebracht hätte, Legierungen aus billigen Me­tallen herzustellen, welche von Silber gar nicht oder kaum zu unterscheiden sind und zersetzenden Einflüssen gegenüber ebenso große Beständigkeit zeigen. Wären diese schönen Legiermrgen nicht bekannt, würde die Rachfrage nach Löffeln, Gabeln, Gefäßen und Luxusarttkeln aus Silber heute weit größer und damit auch der Preis auf

Gang im Frühling.

Von Herma n Hesse.

Jetzt stehen wieder die kleinen klaren Tränen an den harzigen Blattknospen, und die ersten Pfauen­augen tun im Sonnenlicht ihr edles Sammetkleid auf und zu. Die Knaben spielen mit Kreiseln und Steinkugeln. Die Karwoche ist da, voll und übervoll von Klängen und beloben mit Erinnerungen an grelle Ostereierfarben, an Jesus im Garten Gethsemane, an Jesus auf Golgatha, an dis Matthäuspafsion, an frühe Begeisterungen, erste Verliebtheiten, erste Jünglings-Melancholien. Anemonen nicken im Moos, Butterblumen glänzen fett am Rande der Wiesen­bäche.

Einsamer Wanderer, unterscheide ich nicht zwischen den Trieben und Zwängen meines Innern und dem Konzert des Wachstums, das mich mit taufend Stimmen von außen umgibt. Ich komme aus der Stadt: ich bin nach sehr langer Zeit wieder einmal unter Menschen gewesen, in einer Eisenbahn gesessen, habe Bilder und Plastiken gesehen, habe wunderbare neue Lieder von Othmar Schoeck gehört. Jetzt weht der frohe leichte Wind mir übers Gesicht, wie er über die nickenden Anemonen geht, und indem er Schwärme von (Erinnerungen in mir ausweht wie Staubwirbel klingt mir Mahnung an Schmer^ und Vergänglichkeit aus dem Blut ins Bewußtsein. Stein am Weg, du bist stärker als ich! Baum in der Wiese, du wirst mich überdauern, und vielleicht sogar du, kleiner Himbeerstrauch, und vielleicht sogar du, rosig behauchte Anemone.

Einen Atemzug lang spüre ich, tiefer als je, die Flüchtigkeit meiner Form und fühle mich hinüber­gezogen zur Verwandlung, zum Stein, zur Erde, zum Himbeerstrauch, zur Baumwurzel. An die Zeichen des Vergehens klammert sich mein Durst, an Erde und Wasser und verwelktes Laub. Morgen, übermorgen, bald, bald bin ich du, bin ick Laub, bin ich Erde, bin ich Wurzel, schreibe nicht mehr Worte auf Papier, rieche nicht mehr am prächtigen Goldlack, trage nicht mehr die Rechnung des Zahn­arztes in der Tasche, werde nicht mehr von gefähr­lichen Beamten 'm den Heimatschein gequält: schwimme, Wolke im Blau, fließe. Welle im Bache, knospe, Blatt am Strauch, bin in Vergeßen, bin in tausendmal ersehnte Wandlung getaucht.

Zehnmal und hundertmal noch wirst du mich wieder einfangen, bezaubern und einkerkern, Welt der Worte, Welt der Meinungen, Welt der Menschen, Welt der gesteigerten Lust und der fiebernden Ängst. Tausendmal wirst du mich entzücken und erschrecken, mit Liedern am Flügel gesungen, mit Zeitungen, mit Telegrammen, mit Todesnachrichten, mit Anmelde­formularen und all diesem tollen Kram, du Welt voll Lust und Angst, holde Oper voll melodischen Un- finns! Aber niemals mehr, gebe es Gott, wirst du mir ganz verloren gehen: Andacht der Vergänglich­keit. Passionsmusik der Wandlung. Bereitschaft zum Sterben, Wille zur Wiedergeburt. Immer wird Ostern wiederkehren, immer wieder wird Lust zur Angst, Angst zur Erlösung werden, wird ohne Trauer mich das Lied der Vergänglichkeit auf meinen Wegen begleiten, voll Ja, voll Bereitschaft, voll Hoffnung.

Katastrophe im Haus.

Von Siegfried von Vegesack

Als ich gestern morgen den Wasserhahn in der Küche aufdrehte geschah das Entsetzliche: Es kam kein Tropfen. Zuerst war ich verblüfft, dann er­schrocken zuletzt wie gelähmt. Kein Wasser? Aber das ist bad) unmöglich: seit vorgestern taut es, es ist fast sommerlich heiß in der Sonne. Wenn das Wasser in der strengsten Kälte munter gelaufen ist, dann kann doch das Rohr jetzt nicht plötzlich zu­gefroren sein?

Ich drehe und drehe den Hahn verzweifelt nach rechts, nach links, beklopfe ihn. behorche ihn, stelle den Teekessel einladend unter ihn, aber fein Strahl, kein Strich, fein Tropfen. Der Hahn gibt kein Lebenszeichen von sich. Er ist tot. Fast ist es mir. als stocke auch das Blut in meinen Adern, als wolle mein Herz gefrieren. Ich setze mich auf einen Schemel und überlege.

Wenn kein Wasser fließt, dann ist das Rohr zu­gefroren. Und wenn das Rohr zugefroren ist, bann wird es. wie vor zwei Jahren bei der großen Kälte, erst zu Ostern auftauen. Und bis dahin werde ich Wasser schleppen müssen. Den steilen Berg vom Dorf herauf. Durch tiefen Schnee, über Glatteis, ver­harschte Felskanten. Und jedesmal wird der Weg immer glatter und gefährlicher werden durch das

verschüttete Wasser. Zuletzt werde ich mit dem Eimer den steilen gläsernen Eisberg auf allen Vieren hin- aufkriechen müssen. Mir wird ein wenig schwach. Heimlich kommt mir der feige Gedanke: Die Skier anzuschnallen und einfach davon zu laufen, einerlei wohin.

So mag wohl den Raubrittern zumute gewesen sein, als Herzog Albrecht sie hier 1468 belagerte. Oder den kaiserlichen Dragonern, als sie sich 1641 hinter diesen Mauern gegen die Schwedenver- bollrocrtten". Oder dem Schloß-Kaplan, als der wilde Pandurenführer Trenk 1742 hier seinen Einzua hielt. Nein, keiner von ihnen ergriff die Flucht. Und so beschließe auch ich. hier auszuharren und die Burg gegen alle heimtückischen Angriffe zu verteidigen.

Die Lage ist nun folgende: Unser Turm steht auf hohem ^uarzfelsen der vom Dorf durch eine tiefe Kluft g . ennt ist. so daß früher nur eine Zugbrücke die Verbindung mit der Außenwelt herstellte. Heute wird dieser Abgrund durch eine steinerne Brücke überwölbt. Neben dieser Brücke ließ ich' auf drei großen Balken, von Sägespänen und Brettern dick eingepackt, die Wasserleitung herüberführen. Aber nichts hat geholfen: Das Rohr ist wieder zugefroren. Und jetzt im Winter ist an ein Dcffnen der Bretter und Auftouen der Röhre nicht zu denken: alle Säge­späne würden davonfliegen.

Ja, meint nachdenklich der alte Mur, den ich um Rat frage und der lange am Hahn herumdreht, ich hätte doch das Wasser in der Küche bei Nacht laufen lassen sollen, dann wäre das Rohr nicht zu­gefroren.

Das ist sehr gut gesagt. Aber ich ließ ja den Hahn viele Nächte laufen, bis der Ausguß zufror, und eines schönen Morgens die ganze Küche in eine Schlitt­schuhbahn verwandelt war! Als ich damals stunden­lang das Eis aufhacken mußte, und der alle Mur mit kochendem Wasser und glühender Eisenstange den Ausguß zum Auftauen brachte, erklärte er mir ebenso sicher, ich könne ruhig den Hahn abdrehen, er habe in diesem Jahre so viel Mist daraus gefahren, daß die Röhre unmöglich zufrieren könne. Die Sache ist im Grunde ganz einfach: Wenn man kein Eis in der Küche haben will, soll man den Hahn abdrehen. Wen aber das Rohr nicht zufrieren soll, muß man das Wasser laufen lasten.

Der alte Mur hat eben für jeden Fall einen guten Rat Nur ich habe kein Wasser. Dafür aber einen

richtigen russischen Wodka. Den hole ich aus dem Schrank. Nach dem dritten Schnaps sehen wir die Sache schon viel hoffnungsvoller an.

Mir kriagn mas scho, mia triagn mas fcho", ver­sichert der alte Mur immer wieder, schüttelt eine PriseSchmalzler" auf die Daumengrube, schnupft mit Behagen und macht sich an die Arbeit. Er schau­felt jenseits der Brücke den Schnee fort, hackt die gefrorene Erde auf, bis er auf das Rohn stößt, und schraubt hier ein neues Rohr mit Hahn an: das Wasser läuft! Ich brauche also den (Eimer nur über die Brücke zu tragen.

Aber auch dieses Rohr ist heute nacht zugefroren. Ich bearbeite es mit dem glühenden Bügeleisen, daß es beinahe Bügelfalten bekommt, aber es hilft nicht. Und nun bleibt mir doch nichts anderes übrig, als das Wasser vom Dorf herauf zu schleppen.

Wie ich aber mit den beiden (Eimern auf der Brücke stehe und ins Dorf hinunterschau, kommt mir ein genialer Gedanke: Wie, wenn ich den Eimer an einem Strick hinunterlasse, ihn unten fülle, und dann wieder heraufziehe? Gedacht, getan: Der Eimer schwebt in die Tiefe, ich binde das andere Ende des Strickes am Brückengeländer fest, klettere den Hang hinunter und fülle den Eimer unten mit Wasser. Der Strick hält, der Eimer schwebt hin und her schau­kelnd aufwärts, ich bin gerettet: Bald brodelt der Teekessel über dem prasselnden Feuer des Kachel­ofens.

Tee ist nämlich das Wichtigste: noch wichtiger, als sich waschen und sich rasieren. Daß di« alten Ritter sich selten oder gar nicht wuschen, kann ich begreifen. Immer in solcher eisernen Rüstung drin, da muß es ja im Grunde egal sein. Aber daß sie ohne Tee leben konnten, das ist mir ein Rätsel.

Dabei fällt mir Zenz, unsere frühere Köchin ein. Wenn sie am Samstagabend einen Kübel Wasser in ihr Zimmer trug, erklärte sie jedesmal meiner Frau, als wollte sie sich entschuldigen:

Na. gnä Frau, dös oanc kann i eahna sog'n; Drerfat bin i not, oh na, oba i Han hoit Kaprizen; oamoi in da Wocha muaß i mi woschn!"

Uebrigens hab' ich es mir jetzt noch bequemer ge» macht: der alte Mur füllt unten den (Eimer, so daß ich ihn nur heraufzuziehen brauche. Und bis Ostern, wenn meine Frau und die Kinder Heimkommen, wird wohl das Rohr hoffentlich aufgetaut fein!