Ausgabe 
27.10.1931
 
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Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)

Dienstag, 27. Oktober Ml

ltt. 25l Zweites Blatt

Landnöten.

Der Reichswehrminister G r o e n e r scheint sich im Innenministerium häuslich einzurichten. Das kommt einigermaßen überraschend, da man, als die Verhandlungen über die Reubildung des Kabinetts mit großer Beschleunigung zum Ab­schluß gebracht wurden, allgemein angenommen hatte, daß der Kanzler lediglich aus der Rot eine Tugend machte und dem Reichswehrminister das Innenministerium übertrug, weil in der Eile niemand anderes zu finden war. Allerdings diese Doppelbesehung Hütte das eine Gute, weil mit Herrn Groener sich der Begriff der Ruhe und Ordnung gewissermaßen identifiziert und seine Persönlichkeit an der Spitze des Reichsinnen­ministeriums gleichzeitig die Garantie dafür war, daß der latente Bürgerkrieg, in dem wir seit einem halben Jahr leben, nun endlich ein Ende finden würde. So scheint Herr Groener seine Auf­gabe auch anzupacken. Er hat der Presse Erklä­rungen übergeben, worin er den destruktiven Tendenzen öffentlich den Krieg erklärt und keinen Zweifel darüber läßt, daß er vom Reichspräsi­denten drakonische Ausnahmebestimmungen er­bitten würde, falls mit anderen Mitteln gegen den Terror nicht anzukommen ist.

Das ist ein gutes Wort. Tatsächlich sind ja die Zustände, unter denen wir leben, heute schon un­erträglich. Kaum ein Tag vergeht, ohne daß Oie Zeitungen neue Lieberfälle melden, bei denen meist auch einige Opfer am Platze bleiben. Das ist unerträglich, doppelt unerträglich am Eingang eines harten Winters, wo Rot und Verzweiflung noch mehr dazu treiben werden, die Grenzen staatlicher Ordnung zu zerbrechen. Wenn daher Warnungen nichts helfen und diese Erklärung Groeners ist offenbar als letzte Warnung ge­dacht, dann bleibt gar nichts anderes übrig, als die ganze Schärfe der staatlichen Machtmitteln einzusehen. Das sollten alle Parteien überlegen. Wir haben auch nach den Aeuherungen Hitlers nicht den geringsten Zweifel daran, daß er seine Gruppe fest am Zügel hat, aber die Kommunisten verfolgen offenbar die Taktik, durch Lleberfälle aus dem Dunkeln ohne Rücksicht auf die Opfer, die es dabei gibt, zu wirken und sich hinterher in die Rolle der Lleber- fallenen hineinzuspielen.

Wenn Herr Groener dieses lebensgefährlichen Unfug ein Ende macht, nicht indem er die Reichs­wehr als Polizeitruppe einsetzt, sondern indem er notwendigenfalls sich die Polizei unter­stellen läßt, dann tut er damit ein gutes Werk. Aber dasselbe ließe sich schließlich auch erreichen, ohne daß er deswegen Innenminister ist. Wir haben ja schon einmal eine Zeit erlebt, wo die gesamte vollziehende Gewalt auf den Chef der Heeresleitung überging. Der Reichsinnenminister dagegen hat noch andere Aufgaben, die auf ideellem Gebiet mindestens ebenso wichtig sind: Das Reichsinnenministerium ist federführend bei der Weiterentwicklung der Reichsreform, und wir glauben nicht, daß Herr Groener gerade für diesen Teil seines neuen Ressorts die nötige Sachkunde mitbringt. Deshalb halten wir es auch für richtig, wenn der Kanzler nach kurzer Zeit doch daran­geht, sich einen neuen Innenminister für diesen Teil der Aufgabe zu suchen; ebenso wie er kaum darum herumkommen wird, auch die Leitung des Außenministeriums bald wieder aus der Hand zu geben, weil er sonst einfach in der Kleinarbeit ertrinkt.

*

Die Gerichtsakten über denFallStrecker" sind geschlossen, der unglückliche Mann, der an der Grenze des biblischen Alters den Begriff für die Zusammenhänge zwischen Llnglück und Schuld verloren und, indem er sein Haus anzündete, durch die Feuerversicherung sich aus seinen Schul­den retten wollte, ist vom Gericht zu der Mindest­strafe von einem Jahr Zuchthaus verurteilt wor­den. Aber die menschliche Tragödie, die damit ihren Abschluß gefunden hat, verdient doch noch ein kurzes Wort. Was Strecker erlebt hat, ist

ein Stück Zeitschicksal, ist das Los der älteren Generation, die ihr Vermögen und ihre Ersparnisse verloren hat, die den Zusammenhang mit den Röten der Gegenwart nicht findet, die aber doch weiterleben will und muh, obwohl ihr Lebensraum immer enger wird und die geistigen Fähigkeiten, auf die sie bisher ihre Existenz aufbaute, nachlassen. Einem Volk, das so verzweifelt um feine nackten Daseinsbedingun­gen kämpft, sind die Möglichkeiten beschnitten, sich der Ehrenpflicht zu entledigen und dem Geschlecht, das ohne seine Schuld durch die politischen und sozialen Llmwälzungen arm geworden ist, den Lebensunterhalt zu sichern.

Da ist dieser Schriftsteller Strecker, ein Mann, der ein untadeliges Leben hinter sich hat, der an die Siebzig gekommen ist, ohne jemals mit der staatlichen Ordnung in Konflikt zu geraten. Er verdiente sich mit der Feder sein Brot, er war ein Schriftsteller von Rang und hätte ein sorgenfreies Alter gehabt, wenn die Inflation ihn nicht um feine Ersparnisse betrog. Er hat den Kampf tapfer aufgenommen, nur daß ihm die jugendliche Wendigkeit fehlte, daß auch aus der Rot der Zeit heraus die Gelegenheiten zum Ver­dienen immer geringer wurden und die Quellen zuletzt fast ganz versiegten, aus denen er für sich und seine Frau den Unterhalt bestritt. Da ist das Unglück über ihn gekommen. Seine schrift­stellerische Phantasie hat ihn vergewaltigt, die Gestalten, mit denen er für seine Romane spielte, sind Herr über ihn geworden und haben ihn zum Brandstifter werden lassen in einer so kindlich- naiven Form, daß man darüber lächeln müßte, wenn es nicht so tottraurig wäre. Er hat einen Roman schreiben wollen, aber erselbst wurde das Opfer dieses Romans. Das Gericht hat ein Zuchthausurteil verhängt, obwohl es wußte, daß der Siebzigjährige das Zuchthaus nie lebend verlassen würde. Hier klafft, zumal in einer Zeit, wo manche Richtersprüche durch ihre Milde unverständlich sind, ein Widerspruch. Wir dürfen hoffen, daß die Gnade da anfängt, wo das Recht aufhören muß, denn der Mensch Strecker, der mit dem Gesetz in Konflikt geriet, ist nur ein Typ für viele Tausende, die unter den Rädern der Zeit rücksichtslos zermahlen werden, und es wäre kein Ruhmesblatt für uns, wenn uns später einmal nachgesagt werden würde, daß wir für diese stumme Tragödie nicht einmal Mitleid auf­gebracht hätten.

Cs bedeutet gewiß keine Erschütterung des bri­tischen Imperiums, wenn sich das Verlangen der griechischen Mehrheit der Bevölkerung von Zy­pern nun zum erstenmal nicht nur wie seit Jahr­zehnten in schönen Reden und Beschlüssen, sondern auch in Unruhen und Brandstiftungen bemerkbar macht. Den Engländern wird es ein Leichtes fein, mit der Landung von ein paar hundert Soldaten geordnete Zustände in ihrer Kronkolonie wieder­herzustellen. Wohl aber werfen die Ereignisse ein bezeichnendes Licht auf die feit langem wachsende Kraft des griechischen Rationalbewußtseins und auf die Versäumnisse der englischen Kulturpolitik. Die Lehrer der griechischen Schule von Zypern müssen in Ermangelung eigener Bildungs- institute sich in Athen ausbilden lassen und dort ihre Examina machen. Als begeisterte griechische Rationalisten kehren sie von dort auf die Insel zurück und erziehen die ihnen anvertraute Jugend bewußt im Geiste der nationalen Vereinigung Zyperns mit einemgrößeren Griechenland". Reben der Schule ist die Hauptträgerin des grie­chischen Rationalgedankens gegen die britische Herrschaft die autonome Kirche von Zypern, deren Erzbischof, Kyrillos III., schon im Herbst 1927 die Befreiung von britischer Zwangsherrschaft ganz offen als fein höchstes Lebensideal ausgesprochen hat. Die Kirche, die auf der ganzen Insel zahlreiche Klöster besitzt und auf die griechische Landbevölkerung einen außer­ordentlich starken Einfluß ausübt, hat den Kampf für die griechische Rationalkultur seit langer Zeit zu ihrer Parole erhoben. Das britische Beamten­tum mit seiner stolzen Distanz, gegenüber denEin­

geborenen" hat der schmalen griechischen Intelli­genz gegenüber stets Distanz gehalten und bei ihr keinerlei Sympathien erworben. Die Engländer können sich in Zypern, wo nur etwa 700 ihrer Landsleute wohnen, außer auf den Schuh ihrer Soldaten nur noch auf die Sympathie der tür­kischen Minderheit stützen, die etwa ein Fünftel der Bevölkerung ausmacht. Die Türken können hier noch ganz ihren alten Traditionen leben, die im Staate Mustafa Kemals ihnen ver­wehrt sind, und erblicken heute in der englischen Besetzung der Insel einen wirksamen Schuh gegen die griechische Mehrheit. In der Polizei und der Verwaltung der Insel spielen sie eine Rolle, die nicht unerheblich über ihren zahlenmäßigen An­teil an der Gcsamtbevölkerung hinausgeht. Auf den

Schutz derTürken hat sich bisher stets Groß­britannien berufen, wenn es die Denkschriften der griechischen Führer um Selb st Verwaltung der Insel abgewiesen hat. Doch ist es nicht ganz ausgeschlossen, daß sich Großbritannien mit der Zeit den Wünschen der griechischen Rationalbewe- gung geneigter zeigt, weil Zypern für das Im­perium an weltpolitischer Bedeutung verloren hat. Der Hafen von Famagosta, einst zum Stütz­punkt einer britischen Verteidigung der Durchfahrt durch den Suezkanal bestimmt, ist zu seicht für moderne Kriegsschiffe. Seit Jahren bauen die Engländer, gestützt auf ihr Palästinamandat, den Hafen von Haifa aus, das Wohl berufen sein wird, in Zukunft die Rolle Famagostas zu über­nehmen.

SJL-tfpott

Geräte-Mannschastskampf in Bad-Nauheim.

In Bad-Rauheim standen sich gestern Turn- und Fechtklub Fulda, Tgm. 1837 Hanau a. M. und Tv. 1860 Dad-Rauheim zum zweiten Male im Ge- räte-Mannschastskampf gegenüber. Der Kamps, den im Frühjahr erstmals Hanau a. M. gewonnen hatte, sah in jeder Mannschaft sechs akive Turner, die an Barren, Pferd und Reck zu turnen fjattten; außerdem führten drei Turner jeder Mannschaft je eine Kürfreiübung aus und jede Mannschaft eine Mannschaftssreiübung.

Tv. 1860 Dad-Rauheim stellte diesmal die bes­sere Mannschaft; sie war an allen Geräten über­legen und gewann den Gesamtkampf mit 718 (von 880 theoretisch erreichbaren) Punkten vor Turn- gemeinde 1837 Hanau mit 667 Punken und Tum- und Fechtklub Fulda mit 626 Punkten.

Auch die drei besten Einzelt,lrner stellte Turn­verein 1860 Dad-Rauheim. Es waren: 1. Alfred Eckhardt, 111 Punkte (ohne Freiübung); 2. W. Sinnwell, 103 P.; 3. Fritz Ries 100P. Die beste Einzelwertung erhielt A. Eckhardt am Pferd mit 39 von 40 erreichbaren Punkten.

Der eindrucksvoll verlaufene Kampf wurde von Gauoberturnwart W. Will, Gießen, mit Um­sicht geleitet. Die nächste Wiederholung des Kampfes findet im Januar in Fulda statt. Schiedsrichtersitzung im Gau Hoffen.

Am Sonntag trafen sich auf dem Universitäts­sportplatz in Gießen die Schiedsrichter des 1. Spiel- bezirks des Gaues Hessen, um einem Weiterbil­dungskurs beizuwohnen, der von Schiedsrichter­obmann Mohr (Tv. 1846 Gießen) geleitet wurde. Während im allgemeinen bei früheren Beratungen mehl Wert auf theoretische Ausbildung der Schieds­richter gelegt wurde, ist man jetzt zu der Ueber= zeugung gekommen, mehr Gewicht auf die prak­tische Ausbildung der Schiedsrichter zu legen, damit die Schiedsrichter voll und ganz den Anfor­derungen, die an sie gestellt werden, erfüllen können. Aus diesem Grunde fand ein Lehrspiel der anwesen­den Schiedsrichter gegen die erste Handballmann­schaft des Tv. 1846 statt, das anschließend einer ganz eingehenden Besprechung unterzogen wurde. Der ge­waltige Aufschwung, den das Handballspiel im Gau Hessen in den letzten Jahren genommen hat, bedingt die Ausbildung einer größeren Zahl von Schieds- richtern.

Geräte-Wettkampf Krofdorf-HeuchelheimGroßen-Linden

Arn Sonntag kam in der überfüllten Turnhalle zu Großen-Linden der zweite Gerätewettkampf der Turnvereine Krofdorf Heuchelheim Großen- Linden zur Durchführung. Der erste Vorsitzende des Turnvereins Großen-Linden, Dr. Ernst Rö­mer, hob in seiner Degrühungsansprache die Bedeutung solcher Wettkämpfe hervor. Im Ro­men der Gemeinde Großen-Linden sprach Dür- germeister Lang den WiUkommengruh, die Grüße vom Gauvorstand übermittelte der zweite Gauvorsitzende Schneider, Dutzbach. Das Kampfgericht setzte sich wie folgt zusammen: Ob­mann: Gaumännerturnwart M. T e x t o r, Mar­burg, Kampfrichter: ©aufrauenturntoart Paul, Gießen, Dezirls-Turnwarte Schüler, Wetzlar, und Reuter, Gießen.

Wie im vergangenen Jahr, so bestand auch dies­mal jede Mannschaft aus je 2 Turnerinnen, 2 Ju­gend-, 2 Alters» und 4 aktiven Turnern. Gefor­dert wurden Kürübungen am Reck, Barren und Pferd, sowie von je einer Turnerin und je einem Turner eine selbstgewählte Freiübung. ,

Schon nach dem Kamps am 1. Gerät (Pferd) lag Großen-Linden mit 246 Punkten vor Krofdorf mit 224 Punkten und Heuchelheim mit 214 Punk­ten in Führung. Diesen Vorsprung konnte Gro- Hen-Linden im weiteren Verlauf des Kampfes noch erhöhen, Krofdorf hielt den 2. Platz, wäh­rend Heuchelheim an der 3. Stelle verblieb. Das Endergebnis zeigte folgendes Bild: 1. Tv.

Großen-Linden 1. Sieg mit 749 Punkten, 2. Krof­dorf 2. Sieg mit 707 P., 3. Heuchelheim 3. Sieg mit 696 Punkten.

Don den aktiven Turnern zeigten die besten Einzelleistungen (ohne die Frei­übungen): R. Seth, Tv. Großen-Linden (89 P >. K. Keßler, Tv. Großen-Linden (74 P.), F. R e u s ch l i n g , Tv. Heuchelheim (73 P.), und F. Weitershaus, Tv.Großen-Linden (72P.). Don den Altersturnern: W. Hofmann, Tv. Krofdorf (85 P), O. Hofmann, Tv. Gro- tzen-Linden (75 P.). Don den Iugendtur» nern: W. Luh, Tv. Großen-Linden (75 P.). K. Faber, Tv. Großen-Linden (74 P.), und von den Turnerinnen: K. Amend, Tv. Krofdorf (51 P.), E- Reuschling, Tv. Heu­chelheim, und L. Weih, Tv. Großen-Linden, mit je 50 Punkten.

Die höchst zu erreichende Punktzahl auf eine Hebung, 30 Punkte, wurde nur dreimal gewertet, und zwar dem Turner R. S e t h für die Hebun­gen am Darren und Reck, und dem Turner F. Weitershaus für die Freiübung, beide vom Turnverein Großen-Linden. Der siegenden Mann­schaft gehörten an: A. Weinandt, L. Weiß, W. Luh, K. Faber, W. Velten, O. Hofmann, A. Leun, Fr. Weitershaus, K. Keßler und R. Seth.

Dei der ersten "Begegnung im vorigen Jahre in Heuchelheim waren folgende Ergebnisse erzielt worden: 1. Tv. Großen-Linden 702 Punkte, 2. Tv.

Gießener Gtadttheaier.

Arnold und Bach:

Frauen haben das gern ... !"

Die erste Operettenaufführung in diesem Winter stand unter einem glücklichen Stern; man hatte sie beherzt in eigene Regie genommen, man spielte mit einheimischen Kräften, und es scheint durch­aus, als ob sich der Serienerfolg von Derrs und Verneuils musikalischem LustspielMeine Schwe­ster und ich" in der vorigen Spielzeit wiederholen sollte.

Die Schwankautoren Franz Arnold und Ernst Dach sind hier seit langem gute "Bekannte. Sie haben diesmal bewährte musikalisch^ Helfer zur Mitarbeit herangezogen. Walter Kollo, ein alter Routinier der Operette, der auch längst seine Feuerprobe hinter sich hat, schrieb zu dem ausgelassenen Textbuch eine prickelnde, publi­kumswirksame Musik; Rideamus hat zug­kräftige Schlagertexte in die Handlung einge­streut, und so entstand ein Stück auf der mittleren Linie zwischen Revue-Operette und Schwank, das eines großen Erfolges von vornherein sicher ist, wenn es so schwungvoll und zündend heraus­gebracht wird, wie das hier in der Premiere am Sonntag geschehen ist.

Der kleinstädtische Fabrikant Julius Seibold wünscht seine sehr neuzeitlich eingestellte Tochter Ilse an seinen bieöe en Kompagnon Max Stieg­litz zu verheiraten; Da dieser Stieglitz aber nicht eben die Allüren und das Temperament eines Don Juan besitzt, Ilse jedoch sich in einen jungen und feschen Sportsmann namens Fellner aus Berlin verliebt hat, beschließt Herr Seibold, seinem Teilhaber ein bewegtesVorleben" unter­zuschieben.

Da man sich hierzu einer, Herrn Stieglitz ganz unbekannten Filmdiva Lu Larsen bedient, diese wiederum unvermutet im Städtchen auftaucht und alsbald mit ihrem völlig fassungslosenGe­liebten" konfrontiert wird, während Lus Bräuti­gam wutschnaubend auf einem Duell mit Stieg­litz besteht, kann man ermessen, welcher Wirkun­gen der den Höhepunkt des Ganzen bildende Mittelakt der Schwankoperette fähig ist. Der erste Akt bildet den heiteren Auftakt zu den haarsträubendsten Verwirrungen, während der

dritte entgegen einer allzu oft gemachten Er­fahrung noch genug 2Uem und Auftrieb be­sitzt, um alles wieder hübsch ins Reine und die beiden ungleichen Paare in die gehörige Ordnung zu bringen.

Die Inszenierung unter der sehr sorgsamen, witzigen, von Schwung und Tempo getragenen Aufführung unter Heinrich Hubs Spielleitung war vortrefflich; sie fand sofort Kontakt mit dem in steigendem Maße amüsierten Publikum und bewies, was unser an sich auf musikalische Auf­führungen nicht eingestelltes Ensemble auch auf diesem Gebiet zu leisten vermag.

Hubs Regie wurde von einem Stab verständ­nisvoller Mitarbeiter unterstützt. Fritz C u j ö wirkte als Kapellmeister, und das kleine Orchester bereitete unter seiner schmissigen Stabführung der leichten prickelnden Musik eine mit den Bühnenvorgängen taktsicher im Einklang stehende, eindrucksvolle Wiedergabe. Ewald B ä u 1 k e hätte die Einstudierung der Tän^e übernommen; feinem bewährten choreographischen Können ist ein guter Teil des großen Erfolges zuzuschrei- ben; das Gleiche gilt von Karl Löffler, der mit kundiger Hand und sicherem Geschmack ein durch alle drei Akte gleichbleibendes, farben­frohes Bühnenbild entworfen hatte; Ludwig Keim Jorgte für die nuancierte Beleuchtung.

3m Mittelpunkt der Gesamtdarstellung (die durch hingebungsvolle Einfühlung in vielfach ganz ungewohnte Aufgabe und hübsche Talentproben aller Beteiligten erfreulich gekennzeichnet war) stand die famose Leistung Hubs in der Rolle des Stieglitz; er spielte diese Partie aus dem Dollen seiner großen Begabung, als Komiker und Liebhaber zugleich, in den besten Augenblicken als eine parodistische Mischung aus Charlie Chap­lin und Richard Tauber; auch hatte er seit län­gerer Zeit wieder einmal Gelegenheit, seine für diese Spielgattung besonders geeignete, schöne und geschulte Gesangsstimme einzusehen. Der Schlager Ich lege dir mein Herz zu Füßen"' (I.Akt) und vor allem das Schlemihl-Lied mit dem Refrain Wenn das nur nicht schief geht" und mehreren aktuellen Zugaben bildeten den stürmisch be­klatschten Sondererfolg dieses Abends.

Auch die übrigen Mitwirkenden fanden sich überraschend gut mit den großenteils doch etwas ungewohnten Aufgaben ab. Dor allem Do 1 ck

als Fabrikant Seibold brachte eine mit viel Humor behandelte, richtige Schwankfigur auf die Beine und war auch gesanglich und im Tanz- duett mit Hub durchaus auf der Höhe. Frau Schubert-Jüngling hat ihre musikalischen Fähigkeiten schon bei früheren Gelegenheiten be­wiesen; sie kamen der mütterlichen Frau Regine, einer ihr wohl besonders liegenden Rolle, un- gemein zustatten.

Das Töchterchen Ilse wurde von Maria Sachse sehr niedlich gespielt, gesungen und ge­tanzt, während Fräulein Berger, als elegante Filmdiva Lu Larsen, eine ausgesprochene Sou­brettenbegabung mit dem Schlagerlied im zweiten Akt bewies, nach dessen Refrain die Schwank­operette ihren Ramen trägt. Ihr assistierte ge­fällig Albert Ianscheck als fescher Sportmann im Tennisdreh. Den blutdürstig-eifersüchtigen, wutschnaubenden Bräutigam spielte mit drolligen Gebärden Walter Michel; während Beatrice Doering und Elisabeth W i e l a n b e r als quecksilbrige Backfische und Frau Walther- Lederer als freches und erstaunlich schickes Dienstmädchen Anuschka das Ensemble angenehm abrundeten.

Es war ein großer, stellenweise stürmischer Er­folg mit Beifall bei offener Szene, Wieder­holungen und Blumenspenden. Die Schwank­operette dürfte bis auf weiteres einer der wich­tigsten Anziehungspunkte des laufenden Spiel­plans bleiben. hth.

Dreitausend Millionäre in Japan.

Das ostafiatische Inselreich ist auf dem besten Wege, das Land der Millionäre zu werden. Amerikas bisherige einzigartige Stellung wird auf diesem Gebiet gefährdet, so sieht es aus. Aber während die Amerikaner mit ihrem ver­hältnismäßig schnell errafften Reichtum immer gern protzten und oft zählten, wieviel Millionäre schon in ihren Reihen seien, machen es die Ja­paner ganz anders. In aller Stille sammeln sie Pen für Hen. Erst die Steuerbehörde in Tokio hat das Geheimnis von dem ständig zunehmenden Reichtum verraten. Das Steueramt von Tokio veröffentlichte jetzt eine Liste, aus der hervor- geht, daß innerhalb ganz kurzer Zeit insgesamt dreitausend Japaner Millionenvermögen erworben haben. Der Baron Hisaya wartet gleich mit einer halben Milliarde auf, und mehrere Männer

folgen ihm mit Desihzahlen, die nicht weit hinter dieser Summe zurückstehen. 170 Personen besitzen ein "Vermögen von mehr als hundert Millionen Mark, und dann folgt eine größere Menge von Menschen, dienur "'etwas über fünfzig Millio­nen besitzen. Alle diese Japaner repräsentieren das führende japanische Finanz- und Industrie­leben und beweisen damit, wie schnell die junge Industrie Rippons erstarkt ist.

Ein neuer Rasputin.

Rigaer Blätter wissen von einem Heiligen zu berichten, der in Sowjet-Weißrußland aufgetre­ten ist und unter den Bauern viele Aichänger findet. Er behauptet, Rasputin zu sein, der wie­der auferstanden sei. Seine Anhänger haben eine Leibwache gebildet, um ihn gegen alle Angriffe der Kommunisten zu schützen, und ziehen mit ihm von Ort zu Ort. Der neue Rasputin weissagt, daß der Thron der Zaren von einem neuen Herrscher eingenommen werde, nachdem ein mäch­tiger Wann aus dem Fernen Osten gekommen sein wird, der die Macht der Bolschewisten zer­schmettert. Die Dauern hängen fanatisch an ihm und gewähren ihm jede Hnterstützung. Dei sei­nem Aufenthalt in dem Dorfe Petrowka in der Rähe von Slutzk soll nach einer Ansprache des neuen Rasputin von der Menge eine Anzahl von Gebäuden in Brand gesteckt worden sein, die Korn, Traktoren und Ackerbauwerkzeuge enthiel­ten. Diekommunistische ZeUe" des Ortes unter­richtete zusammen mit der Organisation derGott­losen" die Behörden in Slutzk von dem Auftreten desHeiligen" und von der Brandstiftung. Dar­auf wurden von dort Kavallerie und Panzerwa­gen abgesandt, die mehr als 100 Anhänger des Propheten töteten. Er selbst -und feine Leib­wache sollen sich in die Wälder geflüchtet haben.

Hochschulnachrichten.

Der durch die Berufung des Prof. Kurt QTfrad an der Hniberfität Halle erledigte Lehrstuhl der Botanik ist dem ordentlichen Professor Dr. Friedrich Oehlkers an der Technischen Hoch­schule in Darmstadt angeboten worden. Dr. Oehlkers erhielt 1928 feine Ernennung zum Ordi­narius in Darmstadt und zum Direktor des Bo­tanischen Gartens daselbst als Rachfolger des ver­storbenen Geheimen Rats Professor Dr. Heinrich Schenk. Oehlers Sondergebiet ist die Erblichkeits­forschung und die Reizphysiologie.