Nr. H8 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)
Samstag, 21. Juni (93|
Wandern und Reisen • Bäder und Sommerfrischen.
Rheinisches Bäderbukett.
Don Herbert Eulenberg.
Eulenberg, am Rhein geboren und seit langem dort ansässig, hat zu der bei R. Piper & Co. in München erscheinenden Sammlung „Was nicht im Baedeker fteht" einen amüsanten Band über das „Rheinland" beige» steuert.
In Bad Bertrich lernte ich einen sonderbaren Kauz kennen. Bertrich ist ein winziger Badeort in einem prachtvollen Waldtalkessel an einem Nebenbach der Mosel gelegen, dicht bei Alf, dem alten gemütlichen Moselweinnest. „Das milde Karlsbad" wird Bertrich ob der Wirkung feiner warmen salzigen Quellen auf die unteren Organe der Menschheit auch genannt. Der mir zunächst noch unbekannte.Sonderling saß wie ich unter den Baumen des alten Kurhauses, das noch ein trierischer Kurfürst erbaut haben soll, und schlürfte aus einem milchweißen undurchsichtigen ©las eine mir infolgedessen unerklärbare Flüssigkeit. Da er dieses aber mit einem solchen offensichtlichen Wohlbehagen tat, das sich mehrfach bis zum Augenoerdrehen steigerte, so siegte meine Wißbcgierde über meine Zurückhaltung: „Sicherlich ein herrlicher Tropfen, den Sie da trinken! Darf ich fragen: Berncasteier Doktor oder Bacharacher oder Winkler Hasensprung?"
Der fremde Herr lächelte: „Wo denken Sie hin! Es ist der hiesige Säuerling, den ich da zu mir nehme. Er hat eine prachtvolle Blume, ähnlich dem Wasser von Neuenahr, das aber etwas mehr nach Natron und Magnesia schmeckt. Ich begreife gar nicht" — holte er dann weiter aus, wie einer, der auf seinen Lieblingsgesprächsgegenstand gebracht worden ist — „begreife gar nicht, warum sich die Leute hier an der Mosel wie am Rhein immer soviel über die Verschiedenheit der Weine unterhalten, lieber den besonderen Reiz und die Eigentümlichkeit all der zahllosen Heilwässcr, die hier sprudeln, hört man fast niemals jemand plaudern. Dabei wäre dies doch mindestens ebenso wissenswert und beachtlich wie das ewige Weingespräch. Dieses Getränk hier bei» pielsweise schwankt in seinem Geschmack zwischen )em Schlangenbader Wasser, das, wie Ihnen bekannt ein wird, auch warm aus der Erde kommt, und dem Sodener Sprudel aus dem dortigen Warmbrunnen. Es ist nicht so eisenhaltig wie die Quellen in Sangen« schwalbach, deren Genuß mir lange Zeit über alles ging. Auch ist es nicht so milde wie das Emser Kränchen, das mit seinem zarten Kochsalzgeschmack für mich zu den feinsten Köstlichkeiten auf Erden gehört. Indessen in seinen Wirkungen — und was wäre beim Wassergenuß beachtenswerter zu erforschen als diele, die nach dem einfältigen Weintrinken immer auf das gleiche, nämlich auf Kopfschmerzen hinauslaufen — also in seinen Wirkungen hält dieser Bertricher Heiltrank ungefähr die Mitte zwischen dem Kissinger Nakoczy und der Nauheimer Karlsquette. Aber ich sehe an Ihrem bezweifelnden Gesicht" fuhr er mit einem gütigen Ausdruck in feinem Gesicht fort: „daß Sie noch mehr' zu den Freunden der Kohlensäure gehören und daher meine weichere Zunge nicht recht verstehen. Ich kann Ihnen dann die nach Wald duftenden klaren Taunusquellen nicht angelegentlich genug empfehlen. Der Champagnerbrunnen in Soden, von dem Richard Wagner schon entzückt gewesen ist, prickelt fast mit der Starke des weltbekannten Selterswassers."
Es schien ihn die Erinnerung an dies Gewässer selber angenehm in der Nase zu jucken. Denn er zog jetzt sein in Form einer amerikanischen Flagge gehaltenes und wie das Sternenbanner bemaltes Schnupftuch hervor, um sich damit die Nase und den bartlosen Mund abzuwischen. „Die Schwalbacher Wasser", fuhr er. hingerissen bei der Erinnerung an solche Hochgenüsse, fort, „haben, wie der übrigens auch nicht zu verachtende Clever Säuerling, der am Niederrhein quillt, einen leichten Beigeschmack nach Stahl, während Homburg einen mehr mit Salz durchsetzten Tropfen hervorbringt. Ganz feine Nasen riechen auch das leichte Iodaroma bei ihm hindurch. Neuerdings rühmt man nach meiner Meinung mit vollem Recht die erst in unferm Jahrhundert erbosten Quellen von Salzig bei St. Goar, die Barbara« und die Leonorenquelle, die an Wohlgeschmack das etwas aus der Mode gekommene Godesberger Wasser mit seinem salzsäuerlichen Zusatz noch übertreffen. Auch der Aßmannshäuser — ich rede selbstverständlich nur von dem dortigen Wasser, nicht von seinem Wein", kicherte er und stärkte sich mit einem Schluck seines kühlen Nektars: „Auch das Aßmannshäuser also ist wegen seines silbrigen Kieselgeschmacks und seines Lithiumgehalts nicht zu verachten. Ein wahrer Göttertrank aber ist das Wasser der Kreuznacher Quellen, bei dem man das Radium, dies seltenste, kostbarste aller Elemente, herauszuspüren vermeint. Zugegeben, man merkt ihm auch zum Teil die Sole an. Jedes Kindlein weiß ja, daß Kreuznach wie das benachbarte Münster am Stein Stammsitze der Heil- behandlung mit Sole und Mutterlauge sind. Ader
wer sich in den eindringlichen Genuß jener Nahewässer vertieft, der wird immer neue Schönheiten an ihm entdecken, wie der Kenner des Naheweins sie an diesem von ihm verehrten würzigen Rebensaft findet, der es allerdings mit dem dortigen Wasser nicht im entferntesten aufnehmen kann. — Mißver- stehen Sie mich nicht, mein Herr!" unterbrach der Wasserfreund hier seine Ausführungen, und ein leichtes Prickeln wie von einer Prise Schnupftabak zog infolge des letzten Schlucks durch feine Nase. „Ich will die Kreuznacher Heilwässer nicht auf Kosten der anderen Zaubertränke preisen. Das Bukett eines Emser Kränchens, dem der alte Kaiser von seinem siebenzigsten bis in sein neunzigstes Lebensjahr allsommerlich zugesprochen hat, wie das Brausen eines spritzigen Trunks aus einer Taunusquelle, sie sind ebenso etwas Eigenes und Einzigartiges. Ueberhaupt sind die Geschmäcker, was das Wasser angeht, min- heftens so verschieden und abgestuft wie beim Wein. Kenne ich doch manche ausgepichte Wasserkehlen, die den heißen Quellen von Aachen trotz ihres starken rassigen Schwefelgeschmacks den Vorzug vor allen andern Lebenssäften geben. Wobei ich von mir aus sagen muß, daß mir wiederum das nicht ganz so schwefelhaltige Burtscheider Tränklein noch besser mundet. Es ist etwas wärmer als das Aachener Wasser, aber es schmeckt infolgedessen nicht so stark nach Schwefel, da er bei ihm mehr verdunstet ist.
Aber es hat so einen charaktervollen Nachgeschmack. Natürlich sind die blauklaren Wasser am Rhein und im Taunus, wenn sie auch weniger Körper haben, süffiger als der ßcbensbaljam Aachens, der ja auch mehr für Kranke als für Gesunde hervorsprudelt."
Der Wasserschwärmer mußte wohl das Zucken um meine Mundwinkel gesehen haben, das ich vollführte, als er von seinen Wassersorten nicht anders sprach, wie ein Weintrinker von seinen bevorzugten Lieblingen. Denn er hielt in seinen Lobpreisungen plötzlich inne. Betrachtete mich und meine Züge scharf, wobei er insbesondere' meine Nase in Augenschein nahin und auf ihre Farbe hin prüfte, ob sie nicht jenen veilchenfarbenen Glanz trüge, der sich als Niederschlag eines allzu häufigen und innigen Umgangs mit den Gaben des Bacchus an diesem vorgeschobenen Erker unseres Gesichtes am ehesten sichtbar macht. Und er wurde erst wieder lebhaft, als ich ihm für seine Belehrungen dankte und bescheiden gestand, daß ich bisher überhaupt noch nicht gewußt hätte, daß Wasser einen besonderen Geschmack hätte. „Laie!" sagte er da nur achselzuckend: „Ich hoffe noch den Tag zu erleben1 wo man Wasserkarten wie Weinkarten auflegen unb wo eine Rundreise durch die rheinischen Heilbäder mit daran anschließendem Wassergenuß, der niemals wie Weinproben böse Folgen und Katzenjammer verursachen kann, zu den höchsten Genüssen auf Erden gerechnet werden wird."
Gonneniage im Berner Oberland.
Ein Kenenbummel durch die Alpenwelt.
Don Alfred Knaup.
Die verschwenderische Obstblüte in diesem schönheitbegnadeten Landstrich ist schon dahin, dennoch sind das üppige Wiesenland und die stolze, harte Gletscherpracht ein überwältigender Eindruck. Wieder bewahrheitet sich das alte Wort: Das Wasser ist das Auge der Landschaft. Nie sind die Berge so schön, als wenn an ihrem Fuß der klare Spiegel eines Bergsees erglänzt. Unendlich vielfältig find die Stimmungen eines solchen Gewässers, und immer ist es von eigenem Reiz, ob es sonnenbeglänzt friedlich sich dehnt oder wenn ein Wetter es aufrührt. Arn schönsten aber ist der Thuner See, wenn der nächtliche Himmel sein Angesicht darin spiegelt und Mond und Sterne uns aus seiner Tiefe entgegenleuchten. In Sommernächten wenn an den tiefgrünen Ufern Myriaden von Glühwürmchen tanzen, wird man ergriffen von der bezwingenden Schönheit dieser Erde.
Der Thuner See wird als Schlüssel zum Berner Oberland bezeichnet und mit Recht. Von allen Seiten locken die Sehenswürdigkeiten des Berner Oberlandes, und ihrer sind so viele, daß die kargen Ferienwochen eigentlich nicht ausreichen, sie alle zu genießen. Besonders gefährlich ist es in diesem Punkt für den, der sich erst einmal in D ä r (i g e n mit seinem wunderbaren Strandbad festgesetzt hat. Hier hat die Jugend ihren Tummelplatz; in den Bergseen kann man wunderbar schwimmen und sich im Wasser tummeln. Es besteht ein friedlicher Wettkampf zwischen Därligen am Thuner See und B ö n i g e n am Brienzer See, das ganz in der Nähe von Interlaken liegt. Es ist belustigend, eine Unterhaltung zwischen Besuchern dieser beiden Bergbadeorte anzuhören; jeder erkennt dem seinen die Krone zu. Eins fteht fest: daß man an beiden Orten im Laufe der Wochen zu einer richtigen Talschleiche wird. Was will man denn mehr: die Berge sehen einem in seinen See. Wenn man mit starken Stößen bas Wasser teilt, hat man rings um sich die herrliche Landschaft, wenn man im Boot über den See rudert, genießt man das prächtige Panorama der umgebenden Bergwelt, — kein Wunder, daß die Sehnsucht, dort mühselig, schwitzend, hinaufzukrareln von Tag zu Tag abnimmt. Ganz zuletzt, freilich, wenn man immer feiner Faulheit und dem Behagen diefer Babetage nachgegeben hat, nackt einen ber Reifekater: hier war man in ber Wunderwelt bes Berner Ober» lanbes, unb hat alles nur von unten gesehen. Unb es steigt boch so etwas wie Reib hoch, wenn man ben Erzählungen ber Kühnen zuhört, bie bie Berge nach allen Richtungen burchstreist haben unb zu berichten wissen, wie es von bort oben aussieht, wie vor allem auf ber Höhe ber großen Scheibegg der grandiose Fernblick sich bietet.
Da liegt im Tal das Gletscherdorf Grindel- wald, da ragen die drei Erhabenen: Mönch, Eiger, Jungfrau. Wem von ihnen gebührt der Preis? Wir wissen es nicht. Wir staunen unb verstummen in Bemunberung. Wie mag es in früheren Zeiten gewesen fein, wenn jemanb unvorbereitet in biefe Wunderwelt hineintrat? Damals, *ls es noch keine Postkarten von allen Gegenden gab, die uns doch ganz unwillkürlich mit dem Anblick, der uns erwartet, schon vorher vertraut machen? Unb vor allem hat ber Film bazu geholfen, uns bie Wunder- welt ber Berge nahe zu bringen. Gerabe bie Filme
aus bem Berner Dberlanb haben uns den Wechsel zwischen Blütenpracht unb Eisesstarre erleben lassen, von ihnen kennen wir ben Bergfrühling, kennen bie weichen Matten im Sommer unb bie herben Reize ber winterlichen Lanbschast. Wie schön ist es, bas alles vorahnenb erleben zu können, wieviel genußreicher aber boch, an Ort und Stelle zu fein unb es leibhaftig und lebendig vor sich zu sehen und diese Luft zu atmen, die edelstes Getränk ist, gebraut von der Sonne, gewirbelt vom Winde, gewürzt von den herb duftenden Bergkräutern, deren Namen- wir kaum kennen, und deren leuchtende Farben und schöne Formen uns entzücken.
Almenrausch und Alpenrosen, Enzian und Gen- tianen, Kohlröserl und Edelweiß, und dazu die Menge der Berganemonen unb Steinpflanzen, — wir stehen berounbernb vor biefer Fülle pflanzlichen Lebens, bas aus bem Gestein ber Berge, aus bem Grün ber Matten hervorbricht angepaßt ber Eigenart bes Bebens. Wir möchten Botaniker fein, uni all biefe Pflanzen zu kennen, uns als Wiffenbe an ihnen zu freuen. Im nächsten Augenblick aber bebauern wir schon, baß unsere Kenntnisse in ber Geologie so schwach finb, — hier kann man Gesteinskunde treiben. Ja, es ist schon so: Man kann sich elf Monate bes Jahres auf feine Reife in bie Berge vorbereiten, man arbeitet bie Touren aus, man stellt bie Fahrpläne zusammen, man beschäftigt sich mit ben Kunst- schätzen ber Kirchen unb Museen, bie man sehen wirb, man lieft über Pflanzen- unb Tierleben unb interessiert sich für bas Gestein ber Gegend, die man aufsuchen will. Wenn man sich so vorbereitet hat. wirb man ben vielfachen Genuß unb einen ganz starken Nachklang bes Erlebten haben.
Wanderfahrten.
Gießen — Annerod — Jerneroalb — Oppenrod — Großen-Vuseck.
Zu dieser Wanderung benutzen wir vorerst die gelbe Strichmarkierung, die am Alten Friedhof beginnt. Sie führt uns zunächst den Alten Schiffen- berger Weg entlang unb nach kurzer Zeit links über bie Licher Straße zur Wannschneise unb auf biefer weiter aufwärts über bie Hohe Warte, an ber Stelle, wo früher ber Aussichtsturm ftanb, vorüber nach Annerob, bas wir ganz burchfchreiten. Kurz vor ben letzten Häusern geht bas Zeichen links burch ein schmales Gäßchen, unb hierauf auf einem Felbweg hinüber zum Fernewald, der sich durch seine Ruhe unb Einsamkeit auszeichnet. Wir verlassen jetzt unser seitheriges Zeichen unb folgen blauen Punkten. Nach gut halbstündiger Wanberung zweigt nach rechts ein Weg ab, ber uns, nunmehr ohne Zeichen, alsbald nach Oppenrod mit guten Unterkunftsmöglichkeiten bringt. Von hier gehen wir einen breiten Weg zur Grünberger Straße, überschreiten diese unb gelangen auf einem Felbweg nach insgesamt 4%ftünbiger Wanbersahrt nach unserem Enbziel Großen Buseck. Ulrichstein — Sieben Ahorn — Canbgrafenborn —
Taufstein — hoherodskopf — Schotten.
Diese feine Vogelsbergwanberung führt uns an nahezu alle heroorragenben Punkte unseres heimatlichen Gebirges. Mit bem Frühzug fahren wir nach
Mücke, benutzen von hier bas Postauto, bas uns in rascher Fahrt nach dem 600 m hoch gelegenen Ulrichstein bringt. Hier besteigen wir zunächst den Schlotz- berg, um bie herrliche, weitumsassenbe Fernsicht zu genießen, unb folgen bann roten Strichen, bie uns auf stillen Waldpfaden nach geraumer Zeit zu den Sieben Ahorn leiten. Bald darauf erreichen wir den idyllisch gelegenen fianbgrafenborn. lieber bie Golbwiese, bie mit seltenen Gebirgspslanzen hebest ist, kommen wir sodann auf bie Obcrwald- straße unb auf biefer weiter zum Taufstein, dessen Turm schon von weitem sichtbar ist. Nachdem wir die prächtige Aussicht vom Turm genossen Haden, gelangen wir alsbald zum Hoherodskopf, wo wir uns im Klubhause bes VHC. bei guter Verpflegung erholen. Zum 'Hbfticg wählen wir grüne Ringe über Breungeshain unb Michelbach nach unserem Enbziel Schotten. Dauer ber Wanderung 4!5 Stunden.
„Alsfelder Hütte"
auf der Herchenhainer Höhe.
* Herchenhain, 26. Juni. Auf bem SH- gelänbe ber Herchenhainer Hohe hat ber Skiklub 211 s f c l b eine Untcrfunfts» Hütte nach alpinem Vorbild erstellt, die im Sommer und im Winter Gäste aufzunehmen bereit fein soll. Am 4. und 5. Juli fall die Hütte eingeweiht werden. Mit Schneewasser aus dem vergangenen Winter, gefüllt in einen silbernen Pokal, soll die Hütte getauft werden. Diesen Pokal stiftet der 2(ls- felber Skiklub bem Siegerverein in der 5X100- Meter-Staffel, bie neben einer Reihe anberer Wettkämpfe bei bem Bergfest anläßlich ber Einweihung ber Hütte gelaufen werben soll. Gleichzeitig mit biefer Einweihungsfeier finbet ein Sommertreffen bes Stigaucs Vogelsberg statt. In ber Nacht zum 5. Juli wirb auf der Herchenhainer Hohe ein großes Feuer über den Vogelsberg leuchten.
$ünf Wochen politischer Burgfrieden in Hessen.
Ferien für die Polizei.
Aus Darmstadt wird berichtet: Während früher die öffentliche Versammlungstätigkeit der politischen Parteien und Verbände während der Sommermonate wesentlich nachzulassen pflegte, ist sie in diesem Jahre nicht im mindesten zurück- gegangen; im Gegenteil. Unbekümmert um die heiße Jahreszeit folgt Versammlung auf Versammlung, Aufmarsch auf Aufmarsch der politischen Organisationen aller Richtungen. Schon rüstet man für die bevorstehenden Landtagswahlen im Herbst, die, wenn nicht alle trügen, alle bisherigen Wahlkämpfe an Heftigkeit überbieten werden. Seit Mitte August vorigen Jahres anläßlich der Reichstagswahlkämpfe lebt die Bevölkerung in einem Zustand dauernder polisischer Erregung. Die Polizei ist seitdem überhaupt nicht mehr zur Ruhe gekommen. Ohne Unterbrechung mußte sie einen aufreibenden Dienst versehen, der anläßlich der ständigen Zuspitzung des Parteikampfes und der vielfach vorgekommenen schweren Ausschreitungen, die äußersten Anforderungen an die physischen Spannkräfte der Beamten stellen.
Angesichts dieser Tatsache ist der Innenminister zu der Erkenntnis gekommen, daß ein solcher Zustand auf die Dauer unerträglich und im Hinblick auf die kommenden Landtagswahlen, die der Polizei neue schwere Arbeit bringen, für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ord- nung auch gefährlich ist. Er hat deshalb angeordnet, daß in der Zeit vom 6, Juli bis 9. August d. I. einschließlich die politische Ve rs a m m lu ng s t ä t i g kei t vorübergehend einzuschränken ist, um der bereits eingetretenen Ueberlastung der Beamtenschaft Einhalt zu gebieten und der Polizei eine Zeitlang Ferien von dieser besonderen Anspannung zu geben. In diesen fünf Monaten sollen keine öffentlichen politischen Versammlungen in geschlossenen Räumen und unter freiem Himmel (Versammlungen, Aufzüge, Aufmärsche, Kundgebungen usw.) stattfinden. Man darf annehmen, daß dieser Burgfrieden während der Sommermonate von der Mehrheit der Bevölkerung sympathisch ausgenommen wird. In der Tat bedürfen, wie es in der Verfügung des Innenministers heißt, Polizei und Bevölkerung dringend der Ausspannung, und auch den Parteien dürfte eine Atempause in Gestalt eines politischen Sommerurlaubs durch eine solche vorübergehende Einschränkung der öffentlichen Verfammlungstätigkeit nicht ganz unerwünscht fein, zumal ihnen die Möglichkeit der Mitgliederversammlungen bleibt. Darum Ferien für Polizei, Bevölkerung und Parteien!
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