Nr. 148 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)Samstag, 27. Zuni (951
Zwölf Lahre Versailles.
1919 - 28. Zuni - 1931.
Von Or. AlphonS Nobel
Als Frankreich so weit vom Frankfurter Frieden entfernt war, wie Deutschland heute von Versailles, schrieb man das Jahr 1883. Dieses Jahr 1883 war für die dritte französische Republik ein Höhepunkt politischer Expansion. Seit -Wei Jahren wehte die Trikolore über Tunis. Im Jahre 1883 selbst setzte sich Frankreich im Kongo fest. Im gleichen Jahre erwarb es Hinterindien. Das Heer hatte lick vollkommen von der Niederlage erholt, alle Weit sprach von Revanche. General V o u l a n - g e r entfaltete seine deutschseindliche chauvinistische Tätigkeit.
Wie anders steht Deutschland zwölf Jahre nach seinem Frieden" da. Die Liquidation des Krieges, welche 1883 in Frankreich längst beendet war, ist bei uns immer noch im Fluh. 1873 war die Kriegsentschädigung Frankreichs an Deutschland beendet. Bei uns tritt die Reparationsfrage nur in ein anderes Stadium. Die Wirtschaft liegt darnieder. Frankreich hatte 1871 Elsah-Lvthringen verloren und hatte den Verlust 1883 längst wirtschaftlich verschmerzt. Rur das politische Ressentiment blieb. Deutschland leidet an seinen Grenzen aber immer noch, die Wirt- schastsumstellung aus ein kleineres Deutschland ist längst nicht beendet, wenn sie überhaupt möglich ist.
Obwohl Frankreich die- Riederlage von 1870 glänzend überdauerte, und sich von seinen materiellen Verlusten nicht nur überraschend erholte, sondern sogar seine Großmachtstellung bedeutend verstärkte, hat seine Riederlage jenes Gefühl ausgelöst, welches unter dem Ramen Revanche bekannt ist, und welches wahrhaftig kein Gefühl blieb, sondern haßerfüllte Tat wurde.Was denkt sich aber die französische Politik von einem Deutschland, das auch den materiellen Verlust nicht verschmerzen lann? Die ^Bedrohung Frankreichs durch Deutschland" wird von jener Politik behauptet, die in Frankreich ununterbrochen von der Sicherheit des Landes redet' und aus dieser These wird die gigantischste Rüstungspolitik befürwortet, welche Europa gesehen hat. In der Tat wäre selbst das friedliebendste Volk in dem gedemütig- ten Zustande, wie es Deutschland durch die Schuld Frankreich ist. eine Bedrohung seines Rachbarn! Aus diesem Grunde hat einst Cato im römischen Senat während der Jahrzehnte nach der Schlacht von Zama ununterbrochen die völlige Vernichtung Corthagos gefordert. Unb die Römer haben Carthago wirklich im Jahre 146 vor Christus, 60 Jahre nach der Schlacht von Zama, vernichtet. Aber ein Volk von 60 Millionen ist mehr als eine Stadt und ist nicht zu vernichten. Deutschland wäre auch 1919 nicht vernichtet worden, selbst wenn es die Friedensbedingungen nicht angenommen hätte, obwohl Clemenceau die völlige Vernichtung Deutschlands forderte.
Erinnern wir uns der Dinge von 1919. Als die Fricdensbcdingungen der Entente in Deutschland bekannt wurden, gab es zwei Ansichten, auch in den Regierungskreisen selbst. Die einen waren gegen die Annahme: dazu gehörten Brockdorff-Ranhau, Scheidemann, Landsberg. Brockdorff-Ranhau sagte' ..Die deutschen Delegierten würden sich an den Interessen gerade der deutschen Arbeiterklasse schwer versündigen, wenn sie Bedingungen unterschrieben, die nichts anderes als verewigte Hungersnot und Arbeitslosigkeit bedeuten" (25. Mai 1919). Brockdorff-Ranhau weigerte sich denn auch, den Friedensvertrag zu unterschreiben. Die andere Meinung war die, daß es nötig sei, zu unter- schr eiben. Besonders Erzberger verfocht diese Meinung. Man sagte: Die Folgen einer
menceau selbst, der dann freilich die Schuld daran der französischen Rachkriegspolitik, in Sonderheit seinen alten Todfeinden P o i n c a r e und B r i a n d zuschrieb: .Leider habe ich die Macht aufgegeben, um Herrn D e s ch a n e l zu erlauben, den Thron Frankreichs zu besteigen. Wie dann die Verhandlungen geführt werden, weih ich nicht — wir haben alles aufgegeben. Daran bin ich nicht schuld." Uni): .Als ich meinen Rücktritt erklärte, hatten wir Elsaß und Lothringen zurückgewonnen. Französische Truppen hielten das linke Rheinufer und dre Brückenköpfe beseht. Polen und Böhmen waren wieder hergestellt, Rumänien und Serbien waren vergrößert. In Marokko waren w«:r die Herren, und unsere Hand lag auf Kamerun. Danach ist M i l t e r a n d zur Regierung gekommen und andere, und der Vertrag ist verdorben worden. Auf alles, was noch zu tun war — auf alles hat man vernichtet. Deutschland sollte abrüsten, man hat ihm Aufschub zugebilligt. Man hat es von unserer Militärkontrolle befreit — und jetzt reorganisiert sich das deutsche Heer - und alle finden das ganz in Ordnung. So ist der Friedensvertrag' zerfeht und zerrissen worden. Ueberall, wo der Friedensvertrag hundert Milliarden sagte, haben.Millerand und seine Rachfolger gesagt, das ist'zu viel. Alles, was ich den Boches entrissen hatte, hat man ihnen Wiederaegeben. Alles, was man zur Sabotierung des Vertrages sagen konnte, hat man gesagt. Briond hat gesagt: Der Friedensvertrag ist wie ein toter Gaul. Die Moral der Geschichte? Im Jahre 1920 war ich achtzig Jahre alt. Das war mein großes Unrecht. Wäre ich zwanzig Jahre jünger gewesen. dann hätten sie sich die Sache zweimal überlegt." So weit Clemenceau
Ratürlich hätte auch Clemenceau den Lauf der Dinge nicht verhindert. Das Frieder^sdik- tat von Versailles hemmt die qe - sunde Entwicklung der Welt. Aber die Weltgeschichte wird über es hinweggehen und auch es zermalmen.
Ablehnung wären so surchtbar, daß die Ablehnung einem Selbstmord gleichkämr.
Als die erste Friedensdelegation aus Versailles zurückkehrtc, wurde in der Rationalversammlung über beide Ansichten hin- und hergestritten. Keine Partei war sich völlig einig. R o s k e erklärte, daß er im Falle einer Friedensablehnung nicht Herr der von linksradikaler Seite für diesen Augenblick angcsagten Revolution werden würde. Schließlich siegten diejenigen, welche für die Unterzeichnung waren. Gustav Bauer trat an die Spitze»der Regierung, welche aber nicht von ihm, sondern von Erzberger beherrscht wurde. Be- kanntlich wurden dann Hermann Müller und Dell nach Versailles gesandt, um zu unterschreiben. Diese Bevollmächtigten sind nicht freiwillig dorthin gegangen: begreiflicherweise hatte niemand den Ehrgeiz, gerade seinen Ramen unter das Dokument zu setzen. (Der in Paris zurückgebliebene deutsche Bevollmächtigte von H a - niel. hatte sich geweigert.) Man weih, ein wie peinlicher Auftritt der Akt der Unterzeichnung für die beiden deutschen Minister war. Im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, wo einst Bismarck das Deutsche Reich hatte ausrufen lassen, wurde mit großer Ausmachunrg das Dokument den zahlreichen Delegierten der verschiedensten Länder unterbreitet. Eine goldene Pa- radeseder war zu diesem Zwecke den Franzosen gestiftet worden. Die deutschen Minister haben begreiflicherweise dieses Stück nicht benutzt, obwohl es ihnen aufgedrängt wurde, sondern ihren Füllfederhalter genommen.
Die Folgen der Unterzeichnung sind bekannt. Die Diskussion, was nach einer Ablehnung geschehen wäre, ist unnütz, denn man kann den Lauf der Geschichte nicht zweimal abrollen lassen. Aber eine Vernichtung Deutschlands wäre selbst damals unwahrscheinlich gewesen, auch wohl eine Vernichtung der deutschen Einheit. Heute ist dies völlig ausgeschlossen. Die politische Lage Deutschlands innerhalb Europas verändert sich zwangsläufig. Rienrand hat das klarer erkannt, als Cle-
„Uncle Andy“ ist da!
Me Andrew W. Mellon ein reicher Mann wurde. Zum Europa-Besuch des amerikanischen Gchatzsekretärs.
^Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Andrew W. Mellon ist einer der hervorragendsten amerikanischen Männer, auf die zur Zeit die ganze Welt blickt. Er traf vor einigen Tagen in Europa als eine Art „Sanitätsrat" ein, um die zerrütteten Finanzen des alten Kontinents sanieren zu helfen.
Wer ist Andrew W. Mellon? Wir er- halten hierzu folgenden Bericht unseres Washingtoner H. ^.-Mitarbeiters. D. Red.)
Jeden Morgen trifft der Frühaufsteher in den Parkanlagen Washingtons, die das Weiße Haus und 'die Ministergebäude umgeben, einen gepflegten alten Gentleman mit schneeweißem Haar, zierlicher Figur, einem feingeschnittenen Gesicht und dem unvermeidlichen Spazierstock der den Weg von seinem Haus zum Bureau zu Fuß zurücklegl. Trifft er Kinder, so bleibt er oft stehen und unterhält sich mit ihnen. Begegnen ihm Erwachsene oder gar--Presse
leute so legt sich über sein Gesicht eine Maske der Abweisung und obwohl er, in jeder Situation, der höflichste Mann der Staaten ist, strömt eine Kühle von ihm aus, die den andern unfehlbar unsicher und verlegen macht.
Das ist Andrew W. Mellon, von Amerika „Uncle Andy“ genannt, der Finanzminister der Vereinigten Staaten, der Mann, der seit zehn Jahren beinahe als Autokrat die Einnahmen und Ausgaben Amerikas beherrscht, der, meist im 5) in ter-
grunde, der Schöpfer aller Pläne zur Regulierung der Weltkriegsschulden gewesen ist.
Der Mann, der kein Auto besitzt und meist zu Fuß läuft, ist nach Rockefeller und Ford einer der reichsten Männer Amerikas. Er ist jetzt nach Europa gekommen, um, wieder bescheiden im Hintergründe, das Finanzgebäude unseres alten Kontinents neu zu fundieren und neu aufzubauen.
Ein Journalist traf ihn, einige Tage vor seiner Abreise, früh morgens auf einer Bank in einem Park Washingtons sitzend, eine feiner traditionellen kleinen Zigarren rauchend und damit beschäftigt, — spielenden Hosenmätzen zuzuschauen. Er fragte ihn: „Was werden Sie in Europa tun, Mister Mellon?"
„In Europa? — Ich bin müde und fühle mich nicht wohl — werde eine Kur gebrauchen und der Graduierung meines Enkels in Cambridge beiwohnen!"
So ist er der Mister Mellon! Wen geht das etwas an, daß der Secysundsiebzigjährige, nachdem er monatlang 16 Stunden am Tage gearbeitet hat, sich zu einer Reise nach Europa anschickt, die ihn vier Wochen lang wieder die Nachtruhe kosten wird?
Mellon, einer der zehn Patrizier der Staaten, ist ein Mann — ganz ohne Illusion. Aber er hat eine heilige Begeisterung für den Reichtum, und er ist bis ins Innerste durchdrungen davon, daß die ganze Welt auch heute zu Reichtum gelangen kann, — wenn sie es ebenso macht wie er: arbeiten, sparsam
sein, Penny auf Penny legen! Einmal fragte ihn einer seiner Studienkollegen, der eine kleine Sekre- tärfteüunq bei ihm hatte, aber das Recht besaß, den großen Mann zu duzen: „Weshalb spekulierst du niemals, Andy?" — „Weil ich — kein Geld zu verlieren habe!", erwiderte Mellon lächelnd. Nicht nur die Größe, sondern vor allem die Fundiert- beit seines Reichtums ist erstaunlich. Er entstammt der Pittsburger Kohlen- und Stahlariftokratie. Großvater und Vater haben gemäß der Familientradition in ihrem Testament geschrieben: „Bedenke, mein Sohn, daß ich in meinem Leben keinen Tag weniger als zwölf Stunden gearbeitet habe!" — Auch Andrew Mellon wird gemäß der Tradition seiner Familie in seinem Testament dasselbe schreiben können.
Als Andy ein elfjähriger Junge mar, wünschte er sich vom Vater zum Geburtstag einen großen Schreibtisch, — „solch einen, wie du in deinem Bureau hast." Der Vater lachte und meinte, der Knirps würde dock gar nicht hinaus reichen. — „Dann werde ich mir Kissen brünier legen!" — „Heißt bas sparsam sein, Andy, ein so teures Möbelstück?" — „Ich werde es dir eben von — meinem späteren Gehalt zurückzahlen", erwiderte kühl der Elfjährige. — „Woher weißt du denn, daß du soviel verdienen wirst?" — „Ich werde mindestens 100 000 Dollar im Jahre verdienen!"
Er bekam den Schreibtisch, erledigte mit ungeheurem Ernst seine Schularbeiten daran und hat — heute noch, worauf er mit Stolz hinweift, das Sechs- undfiebzigjährlger dasselbe Möbelstück in seinem Bureau im Schatzamt. e
Andrew W. Mellon hat es selbst ein paar Mal gesagt: Er ist entsetzt über diese Welt, in der man spekuliert und mit Sentimentalität Geschäfte macht. „Das ist kein Weg, um zu Wohlstand zu kommen!" Diesen Satz Hot er mehrmals im Parlament, den Zeigefinger warnend erhoben, ausgesprochen. Aber es gehört zu seiner ganzen Lebensanschauung, trotz allen Kopfschüttelns niemals den Kopf — hängen zu lassen und gern jeden Augenblick von vorn anzufangen. Jedoch pflegt er mit dieser Welt, die er nicht besonders hoch achtet, keinerlei Verkehr. Er zieht sich während all seiner Freiheit lieber zu seinen Bildern zurück.
Dieser Mann, der für sich selbst sparsamer ist als ein Bureauangestellter, besitzt eine der märchenhaftesten Gemäldegalerien. Rembrandts, Raffaels, Frz. Hals, Dürer, Velasquez bedecken olle Wände eines Schlößchens, tief im Park gelegen, in das sich der einsame Mann immer dann zurückzieht, wenn ihm die Welt wieder einmal zu unvernünftig, zu verschwenderisch und müßiggängerisch erscheint. Ganz wenig Menschen gewährt er Zutritt zu dieser märchenhaften Bildergalerie. Sie ist das Traumland eines alten Mannes, der 40 Jahre lang Industrie- kapitän war und der fett 10 Jahren an der Achse des Weltgetriebes steht.
Die Welt der Arbeit muß nüchtern fein. Man kann sich lein .Wunschland erst bann erbauen, wenn man es sich erarbeitet hat. Das ist fein Grunbsatz!
Am 3.3uti werden wir mit dem Abdruck einer neuen großen Erzählung in den „$dmilienbldttern* beginnen:
Oer Kampf der Tertia von Wilhelm Speyer ist dos ge« lungenste Werk eines feinsinnigen zeit- genöfsischen Schriststellers-eine richtige Sommergeschichte voller Humor und voller Liebe zu Kindern und Tieren.
Joseph Joachim.
Zum 100. Geburtstage des großen Geigers.
Von Privatdozent Or Rudolf Gerber,Gießen.
Am 28. Juni ist ein Jahrhundert verflossen, daß Joseph Joachim, jene am meisten Ehrfurcht gebietende Erscheinung unter den Violinmerstern des 19. Jahrhunderts, in Kittsee bei Preß bürg das Licht der Welt erblickt hat. Ein Wunderkind, das mit 7 Jahren schon im Konzertsaal gefeiert wurde.
Joseph Joachim.
Wir haben uns heute nachgerade schon an solche Phänomene gewöhnt, und wenn auch ähnliche virtuose Begabungen vor hundert Jahren noch zu den Seltenheiten zählten, so wäre dies noch kein Grund, daß wir zu dem Virtuosen Joachim mit einer derartigen Verehrung emporblickten, wie wir dies heute tun. Aber es ist ja nicht allein der unnachahmliche Virtuose, nicht einmal der große Künstler der seine Kunst ganz ausschließlich in den Dienst der Sache stellt, sondern es ist die einzigartige Persönlichkeit, bei der höchstes Künstlertum und lauterstes Menschentum zu einer Harmonie von seltenem Wohlklang verschmelzen. In diesem Sinne ist Joachim, zumal Von dec Warte unseres artistischen Zeitalters aus gesehen, eine durchaus singuläre Erscheinung und wohl wert, daß wir in dankbarer Erinnerung seiner gedenken.
Daß das aufstrebende Geigergenie nicht auf die flache Dirtuosenbahn abgeglitten ist, verdankt es
großenteils seiner Erziehung bei Joseph Böhm in Wien und vor allem bei Mendelssohn in Leipzig. Böhm führte den Knaben zur Kunst Beethovens, vermittelte ihm die Kenntnis der großen Streichquartette und legte damit den Grund, auf dem der spätere Schöpfer des modernen Streichquartettspiels aufbauen konnte. Und in Leipzig geriet Joachim in die für seine weitere Entwicklung ungemein bedeutungsvolle romantische Bildungsspäre des Mendelssohn-Schumann- kreises: Mendelssohn selbst trug dafür Sorge, daß der Knabe nicht in der Musik unterging, sondern in einen breiten und reichen Kulturboden eingepflanzt wurde, ohne den auch die beste künstlerische Fachbegabung so leicht im Handwerk stecken bleibt. Richt zuletzt von dem Menschen Mendelssohn empfing Joachim die wertvollsten Impulse, die die Bildung seines Charakters in hohem Maße mitbestimmt haben. Daß Joachim seinen Beruf priesterlich auffaßte, daß ihm alle Schattenseiten des Rur-Virtuosentums fremd blieben, daß er bei allen Triumphen, die er feiern konnte, gelassen und schlicht die Person hinter der Sache zurückstellte — das alles verdankt er der Charaktererziehung unter Mendelssohns Führung.
So ausgerüstet trat der jugendliche Geiger ins Leben hinaus und errang sich, wo er auch hinkam, unumschränkte Anerkennung. Als Weimaraner Konzertmeister trat er dem Lisztkreis nahe und bereicherte sich an Liszts Beethovenspiel, fühlte sich aber innerlich von der „neudeutschen" Richtung Liszts und Wagners in der Folgezeit mehr und mehr abgestvßen, während er der Brahms- schen Kunst von Herzen zugetan war. Hier empfand er das Gemeinsame mit der ragenden Kunst der klassischen Geister, insbesondere Beethovens, dessen vollendetster Interpret er Zeit seines Lebens gewesen ist. In den Jahren 1853 bis 1868 wirkte er als Königlicher Konzertmeister und „Konzertdirektor" in Hannover, wo er auch (1863) die berühmte Altistin Amalie W e i ß als Gattin heimführte. Ueberaus bezeichnend für seinen nie versiegenden Bildungstrieb ist die Erscheinung, daß sich der berühmte Hoskonzertmeister von Hannover aus zeitweilig an der Göttinger Universität immatrikulieren lieh und fleißig Vorlesungen besuchte. Dieses echt romanttfche Dildungsinter- esse hat Joachim auch in späteren Jahren in unvermindertem Maße betätigt, nachdem er in Berlin zum ersten Direktor der neugegründeten Hochschule für Musik ernannt worden war. Er setzte sich persönlich mit Rachdruck für alte Kunst ein und 6ctonte durch seine aktive Mitarbeit an den Gesamtausgaben der Werke älterer Meister die Bedeutung geschichtlicher Aufklärung für den praktischen Musiker.
Der Ruhm des produktiven Künstlers blieb Joachim — zu seinem großen Schmerz — versagt. Als wahrhaft große Ratur hat er resigniert, sobald er auf diesem Gebiete die Schwäche und Unergiebigkeit seiner Begabung mit kritischem Scharfblick erkannt hatte. Gleichwohl darf man auch Joachim einen wirklich schöpferischen Künstler nennen. Schöpferisch war er als Erzieher zur Kunst Bachs und Beethovens. Mit eminentem Stilgefühl drang Joachim zu dem iimerften Kern eines Kunstwerks vor und erschloß, vermöge einer ursprünglich musikalischen Begabung und einer hohen geisttgen Bildung den seelisch-geistigen Gehalt des Kunstwerks im Sinne seines Schöpfers. Diese erzieherische Mission hat. er in erster Linie als Lehrer an der Berliner Hochschule erfüllt, die durch ihn die hohe Schule des Diolinspiels geworden ist. War in der Schumann-Rkendelsivhn-Zeit das Leipziger Konservatorium die Seele der musikalischen Erziehung in Deutschland, so strömten feit 1870 die Musikbeflissenen nach der Reichs- Hauptstadt, wo Joachim, einer der hervorragendsten künstlerischen Paladine des neuen Reiches als Lehrer und Haupt des geigenden Jungdeutschland das Szepter führte.
Aber nicht nur als Meister auf seinem Instrument, nicht nur als Wvrtredner einer vertieften geistigen Bildung hat Joachim dem deutschen Mu- fiker die Wege gewiesen und erzieherisch gewirkt. Mit heiligem Ernst war er bestrebt, das Ensemblespiel, vornehmlich in Gestalt des Streichquartetts wieder in stärkerem Maße in die Hausmusik einzubürgern und dabei das Vermächtnis Dee.Hovens in den Mittelpunkt zu stellen. Dem leidenschaftlichen Eifer, mit dem Joachim und seine Quartettgenossen die, von den Romantikern völlig verkannten letzten Quartette Beethovens immer und immer wieder musiziert und in sublimster Durchformung erschlossen haben, ist es zu danken, daß diese monumentalen Aeuherungen des vereinsamten Meisters mehr und mehr an Boden gewannen und dem musikalischen Allgemeinbewußtsein näher gerückt wurden
So erkennen wir in Joseph Joachim nicht nur den Großmeister des deutschen Diolinspiels klassischer Prägung, sondern gleichzeitig einen überzeugten und zielsicheren Erzieher zur wahren Kunst. Unter diesem Gesichtspunkt zumal müssen unserer heuttgen Generation, die in so hohem Grade durch musikalische Erziehungsprvbleme gefesselt wird, die künstlerische Gesinnung dieses Mannes und die Reinheit und Lauterkeit seines Menschentumes vorbildlich erscheinen.
Besuch bei Zuckmayer.
Von Doris von Schoenthan.
Wiesmühle, im Juni.
Von Salzburg zwanzig Autominuten entfernt liegt Henndorf: friedlichstes Dorf, mit breiter Straße und schmuckem Kirchlein. Die Bauernhäuser sind alt und lieblich wie die Namen ihrer Bewohner. Fräulein Rosina Unoerborben heißt beispielsweise die In- haberin des Spezereigeschäfts, in dem es Kleider, Sensen, unwahrscheinliche „Nippes" und Seifenwaren zu kaufen gibt.
Etwas abseits von der Straße, wenige Schritte querfeldein, inmitten hochsommerlicher Wiesen, liegt Earl Zuckmayers „Wiesmühle". Hier verbringt der Dichter mehr als die Hälfte des Jahres. Das Haus, säuberlich abgeputzt und weinbewachsen, war in alter Zeit eine Mühle. Zwei Bäche rauschen durch den Garten, wo zwischen bunten Bauernblumen farbige Glaskugeln leuchten.
Zuckmayer steht auf der Wiese, in Lederhose, mit entblößtem Oberkörper und turnt mit „Winnetou". Das ist seine kleine Tochter. Beide jungenhaft ausgelassen, beide mit Augen so blau wie bas Wasser, bas durch ihr Stück Land fließt, passen sie herrlich in diese Gegend hinein. Braucht der „Zuck" Stille und Einsamkeit, geht er hinab an den Wallersee. Dort hat er sich ein Badehaus aus duftendem Tannenholz bauen lassen. Aber Schwimmen und Sonnen, ruhe gibt es für ihn erst nach einigen Morgenstunden Arbeit. In dem kleinen Arbeitszimmer mit den schönen alten Bauernmöbeln, wo im vorigen Jahr „Der Hauptmann von Köpenick" entstanden ist. schafft Zuckmayer schon wieder an einem neuen Bühnen- mert; das er noch diesen Sommer vollenden will.
Es wird oft liebevoll vom „Jobs" gesprochen. Ein Freund des Hauses? Ein Henndorfer Bauer? Erst vor dem Essen stellt es sich heraus, daß „Sabs" die blonde, kluge Frau vom Zuck genannt wird.
Zum Essen gibt es ganz köstliche Forellen, frisch aus dem Bach geangelt. In diesem Hause, das der „Fröhliche-Weinberg"-Dichter sich mit den ersten (Erträgen dieses Stückes erworben hat, wird gern und gut getrunken. Und fröhlich ist die Stimmung wie die Berge ringsum.
Dochschulnacknchten.
Amtlich wird die Ernennung des ordentlichen Professors Tr. Kurt Latte von der Universität Basel zum Ordinarius der klassischen Philologie in Göttingen als Rachfolger von E. Fraenkel bestätigt. Latte, der aus Königsberg gebürtig ist, lehrte früher in Münster und Greifswald.


