Ausgabe 
26.5.1931
 
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Ht. 120 Erster Matt

181. Zahrgcmg

Dienstag. 26. Mai 1931

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Giehener Jamilienblätta Heimat im Bild Die Scholle

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friede. Wilh. Langt. Deranttoorilich für Polittk Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr.H.THyrioi; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.

Die Aachener pfingsttagung des VDA.

chen Vertreter der VDA.-3ugend aus allen euro­päischen Auslanbsgebieten von ihrem Dank an das Rheinland und forderten von der DDA.- 3ugenb das Gelöbnis zu ernster Volksdeutscher Arbeit. 3m Anschluß an die Weihe der neuen Danner und Wimpel wurde ein kurzes F e st - spiel.Wir suchen Deutschland", vorgeführt, das mit dem gemeinsamen Gesang des Deutsch­landliedes endete. Rach dem Zapfenstreich be­wegten sich die Teilnehmer in einem Fackel- zug in die Stadt.

Deutsche Pionierarbeit in Llebersee.

Am Montag, dem letzten Tage der Pfingsttagung des Vereins für das Deutschtum im Ausland, fand vormittaas eine Gedenkfeier auf dem Ehrensriedhof beim Bismarckturm im Siegel statt, bei der Dr. Ernst Lei bl-Berlin die Weihe» rede hielt. Der Opfertod unserer im Weltkriege Ge­fallenen, so führte er u. a. aus, sei Saat gewesen in die Furchen einer neuen deutschen Zukunft. Wir müßten lernen, den Kampf um die Grenzen immer mehr vom volksdeutschen Gedanken her zu sehen. Der neue Nationalgedanke in Mitteleuropa ent­wickelte eine starke, werbende Kraft. Mit einem Ausruf an die pflichtbewußte deutsche Jugend und demGebet" der Schar" schloß der Redner.

Auf einer Angestelltentagung des VDA. sprach am Montagoormittag U. Hayn- Buenos Aires überDeutsche Pionierarbeit in U e b e r f e e". Durch zähe Kleinarbeit haben eine große Anzahl von deutschen Firmen in Südamerika eine Bedeutung erlangt, die von keinen anderen übertroffen wird. Sie haben große Teile des Landes mit einem Netz von Zweignieder­lassungen überzogen und in diesen Gebieten zum Teil säst monopolartige Stellung erlangt. Die zweite

Der Festzug des VDA.

Großartiger Ausklang der Aachener Tagung.

Die Aachener Tagung des VDA. wurde am Pfingstmontag mit einem fast den ganzen Rach­mittag füllenden Fe st zu g durch die Straßen der Kaiscrstadt beendet. 3n strahlendem Sonnenschein marschierten die Gruppen der VDA.-3ugend aus allen deutschen Sprachgebieten Europas, über 1 0 000 Menschen mit ihren Flaggen, Dan­nern und Wimpeln, während eine weit größere Menge dicht gedrängt die Straßen füllte, am Rat­haus vorbei. An der Spitze des Zuges, hinter der Standarte des VDA., wurde die Fahne der Mark Drandenburg getragen; ihr folgten die 3u- gendgruppen in der weiß-blauen und weißen Wanderlleidung, untermischt mit Schülerkapellen und Trachtengruppen aus allen deutschen Gauen. Desonderen Jubel lösten die Schwarzwälde­rinnen aus, die Oesterreichrr und Steiermärker, die Schleswig-Holsteiner, das Münchener Kindl, die Fürther Fußballmannschaft, die rheinischen Winzerinnen und die oberschlesischen Bergknappen, Den Panzerlreuzer ze.gten Wilhelmshaven und Kiel, das auch goldene Sprotten mit sich

polens Bericht über Oberschlesien wirb beringt.

Hauptklasse der Pioniere sind die Ingenieure. Ihr Feld in den noch unentwickelten südamerikani­schen Staaten ist fast noch weiter als das der Kauf­leute. Doch wurde ihre Betätigung gehemmt durch den Kapitalmangel. Diese zwei Arten von Pionieren haben ihre Wurzeln in der Heimat. Sie sind nur Gäste im fremden Land. Anders ist es mit der drit­ten Hauptklasse der Pioniere, den Bauern und Siedlern. Diese haben ihre Zelte in der Heimat abgebrochen, sie gehen hinaus, um eine neue Hei­mat zu finden, und es bleibt nur zu hoffen, daß sie ihre deutsche Sprache und Art bewahren. W. Schmidt, GdG.-Hamburg, schilderte die großen Schwierigkeiten, bei der heutigen Weltwirtschafts­krise eine Anstellung im Ausland zu finden. Nur der gründlich d u r ch g e b i l d e t e deutscheAnge st eilte, der neben guten Kennt­nissen in fremden Sprachen über vorzügliche Fach­kenntnisse verfügt, hat noch Aussicht, eine Anstel­lung im Ausland zu finden.

Auf einer Bauerntagung sprach Kapitulär- kanonikus Steinwender - Salzburg über Bauernschicksal und deutsche Dolksnot". lieber dieAufgabe des Bauerntums für die deutsche Zu­kunft hielt Prof. T o n n e s e n - Allona einen Vor­trag, in dem er u. a. ausführte: Boden ist mehr als Ware oder Kapitalsanlage. Boden ist Erbe, anver­trautes Gut. Im Boden lebt das Opfer der ver­gangenen Geschlechter, aus dem Boden wächst die Zukunft der Kommenden. Vergangenheit und Gegen- wart werden durch Leistung am Boden verbunden. Wo diese gar nicht romantischen, sondern nüchtern tatsächlichen Lebensinhalte sich ergeben, wird das Bauerntum auch in modernen Lebensformen Bauerntum bleiben. Es wird sich eine Arbeits­und Sozialoerfassung schaffen, die nicht ein Ab­klatsch fremder Zuordnungen und Lebensvoraus- jetzungen ist. Bauerntum wird Leben, auch in ganz neuen Formen, wenn es aus feinen eigensten ßcbensbebingungen sichberufen" läßt.

führte, wie überhaupt die einzelnen Städte ihre Erzeugnisse zeigten: bayerisches Dier, pvmmersche Gänse, Dortmunder Dier, Plauener Spitzen, leben­des Meißener Porzellan ufw. Das Drandenburger Tor wurde ebenso freudig begrüßt wie die Pots­damer Rokokotracht aus Sanssouci. Den Abschluß bildeten die Gruppen der Aachener Verbände und Vereine. Besonders herzlich begrüßt wurden die Gruppen aus den Grenz- und Ausland­gebieten rund um Deutschland, so vor allem der Danziger Treueschwur:Danzig deutsch I" und die zahlreichen Eupey-Malmedyer. Dis in den spaten Abend hinein dauerte das frohe jugend­liche Leben und Treiben, das bei dem ernsten Hin­tergrund der volksdeutschen Arbeit die Aachener Devölkerung mit den Gästen aus allen deutschen Landen vereinte. Die Tagung des VDA. hat damit einen besonders eindrucksvollen Abschluß gefun­den. Dei einem gemeinsamen Festmahl im Konzert- haus sprach Admiral Seebohm Grüße an den Reichspräsidenten.

Aachen im Zeichen des blauen Wimpels.

Aachen, 25. Mai. Das historische lagunpsroetter der alljährlichen VDA. - Pfingsten überglänzt die alten Türme der stolzen Kaiserstadt Aachen, die in einem Kranz grüner Wälder und Parkanlagen eingebettet liegt, unmittelbar an der neuen Grenze, hinter der die durch das Versailler Diktat und eine Scheinabstimmung vom Reiche losgeriffenen Deut­schen Eupen-Malmedys der Erlösung harren. Aus allen Gebieten Jnnerdeutschlands und aus den mei­sten Siedlungsgebieten des Auslandes strömen die Abordnungen in diesen Stunden nach Aachen zu­sammen. Den ganzen Freitag vor Pfingsten rollen die Sonderzüge ein, aus denen sich die Scharen deutscher Jugend in die alte Münsterstadt ergießen, singend und psingstsroh unter dem blauen Wimpel der Dolkstreue. Bald wimmeln die in leuchtendem Frühlingsgrün lieqenben Kuranlagen bes Babes Aachen, in benen sich bie Hauptquartiere ber Ta­gung befinben, von bunten Mützen unb bunten Kleidern. Es klingen die Lieder aller deutschen Län­der unbbeutschen Auslänber" burch bie Stabt.

Der erste Tag ber Pfingsttagung brachte eine Arbeitssitzung ber F r a u e n g r u p p e n , in ber Fragen ber praktischen Arbeit erörtert wür­ben unb eine sehr eingehenbe Aussprache über bie Grenzlanbprobleme im Westen unb Osten ftattfanb. Der Regierungspräsident von Aachen informierte bie bereits erschienenen Pressevertreter über bie burch bie Friedensdiktate geschaffene grenzpvli­tis ch e Lage Aachens, bie besonders wirtschaft­lich burch bie Losreißung von Eupen- M a l m e b y sehr erschwert ist. Eine Grenz- lanbfahrt nach Monschau schloß sich an, bie ben Abschluß einer vorhergegangenen Runbsahrt von Trier burch Luxemburg, Malmedy unb Eupen bilbete unb bie einer Gruppe von Pressevertretern einen anschaulichen Einbruck der Verhältnisse ver­mittelte. Eine Sitzung des Hauptvorstandes und der Degrüßungsadend schloßen den ersten Tag ab.

Dr. Gehler wird 1. Vorsitzender.

Rach dem Auftakt bes Vortages beginnt Im strahlenden Sonnenschein der Samstag, der erste der drei mit Arbeitsbesprechungen und Aus- svrachesihungen voll ausgefüllten Tage. Die Stadt selbst hat bereits ein Festgewand angelegt. 3n ganzen Straßenzügen ist kaum ein Haus zu be­merken, in dem nicht eine Fahne die Anteil­nahme der Einwohnerschaft an der großen Ta­gung zum Ausdruck bringt. Eingeleitet wird die Tagesarbeit durch bie Sportwettkämpfe ber VDA. -3ugenb auf bem Sportplatz ber Technischen Hochschule. Hier entfaltet sich ein malerisches Dild ber Wettkämpfe, bie beachtliche Leistungen sowohl verschiebener Mannschaften wie auch einzelner VDA.-3ungens unb Mäbels zeigt. Bereits um 9 Uhr beginnt die Sitzung des Hauptausschusses. Eine überaus reiche Liebersicht bot hier der Generalsekretär des Ra» tionalitätenkongresses, Dr. A m m e n d e (Wien), über die Lage ber deutschen Volksgruppen in Europa. Eingehend beleuchtete er die Lage ber einzelnen Volksgruppen unb zog baraus die Folgerung, daß zwar hier und dort, wie z. D. in Südslawien und Rumänien, eine Erleich­terung zu verzeichnen sei, daß aber nach wie vor die Lage ber beutschen Volksgruppen, so­wohl infolge ber Wirtschaftsnot, wie auch bes Druckes der fremden Regierungen äußerst un­günstig bleibe. Seine Rebe fand einen Rieder­schlag in einer bedeutungsvollen Entschließung mit den Forderungen des VDA. zugunsten der bedrängten Volksgenossen im Ausland. Von der hohen Warte des deutschen Gelehrten war der Vortrag von Professor Kühne mann (Bres­lau) gehalten. Er entwarf ein großartiges Bild des notvollen Schicksalskampfes, den das deutsche Volk um sein Dasein heute führen muß. Der ge­schäftliche Teil brachte die Wahlen zum Hauptvorstand, der durch die Zuwahl meh­rerer Persönlichkeiten, wie Dr. Barta (Wien), Dr. S t e i n a ch e r (Berlin), Dr. D u r a ch (Dres­den) unb Frau Koepke (Darmstabt) ergänzt würbe. Gleichzeitig würbe bie Wahl bes 1. Vorsitzenden vorgenommen. Die Wahl fiel auf Dr. Gehler, dem früheren Reichs­wehrminister. Der Tag fand seinen wirkungs­vollen Abschluß mit einem Konzert und einem Feuerwerk im Park des Reuen Kurhauses.

Sine Rheinlandstunde des VDA.

Der Pfingstsonntag in Aachen.

Den Pfingstsonntag leiteten Gottesdienste ein. Dann brachte das im VDA. vertretene Grenz- und Auslandsdeutschtum in einer würdigen Kundgebung int Kaisersaal des Rathauses bem Rheinland seinen Dank für die in der Besatzungszeit gebrachten Opfer zum Aus­druck, während gleichzeitig die 3ugenbaborbnun- gen sich zu einer Rheinland st unbe zusam- menfanben. Rachmittags beschäftigte sich eine Studententagung unter Leitung von Staatssekretär a. D. von Hintze mit den aka­demischen Aufgaben volksdeutscher Arbeit, wobei Professor Dr. Martin Spahn den Hauptvortrag hielt. Eine Abendfeier im Waldstadion unter Teilnahme des größten Teils der Aachener Bevölkerung beschloß den Tag. Rach Vorträgen des Stadtverbandes Aachener Gesangvereine spra­

Oie Offenlegung des Rüstungsstandes.

Die ungenügenden Vorschläge Hendersons angenommen.

Genf, 23. Mai. (WTB.) Der Dölkerbundsrat hatte in ber letzten Sitzung seiner 63. Tagung zwei die beutsche Polittk besonders nahe berüh­rende, bis zum letzten Augenblick stark um* kämpfte Punkte zu behandeln: die Offen­legung bes Rüstungsstanbes und die Angelegenheit ber Minderheiten in Po­len. Roch im Sihungssaale befanben sich über ben für die Eröffnung ber Sitzung festgesetzten Zeitpunkt hinaus die Ratsmitglieder in einem lebhaften, halblaut geführten Meinungsaustausch. Rach Eröffnung ber Sitzung legte ber spanische Außenminister als Berichterstatter über bie Ab­rüstungsfrage seinen Bericht über bie verschiede­nen Anträge zur Festsetzung eines einheitlichen Fragebogens über den Rüstungsstand vor, der darin gipfelte, daß die Vorschläge der britischen Regierung, obwohl sie nicht ideal seien, im gegenwärtigen Augenblick bie Grundlage der Bemühungen in dieser Angelegen­heit bilden sollten, und zwar nach den von dem japanischen Ratsmitglied ausgestellten Grund­sätzen der Gleichmäßigkeit, Allgemeinheit und Gleichzeittgkeit. Dr. Curti.us begründete so­dann die deutsche Stimmenthaltung. Be­sonders wirksam war sein Hinweis auf Artikel 8 der Völkerbundssahung. der den Völkerbunds­mitgliedern einen freundschaftlichen Austausch aller Angaben über den Stand ihrer Rüstungen zur Pflicht macht. Der norwegische und der irische Außenminister erklärten, daß sie die deutschen Vorschläge für weit besser hielten als den jetzigen Bericht, und' daß sie diesen nur mit dem Vorbehalt annehmen, daß er einer grundsätzlichen Entscheidung dieser Frage nicht vvrgreife. Rachdem auch der britische

Außenminister erklärt hatte, daß der jetzige Be­richt nicht das Recht der Konferenz beschränke, alle Auskünfte zu fordern, die sie etwa für not­wendig halten könnte, wurde dieser ange­nommen.

Oer Bericht über Oberschlesien.

Die deutsche Klage soll für erledigt erklärt werden.

Vor Eintritt in die Behandlung der Minder­heitenfragen erklärte Dr. C u r t i u s , er habe bei der Behandlung dieser Fragen im Januar dem englischen Außenminister den Vor­sitz abgegeben, und es sei nur logisch, daß er dies jejjt wieder tue. Henderson übernahm darauf für den Rest der Sitzung den Vorsitz. Der von dem japanischen Delegierten Poshisawa erstattete Bericht erinnerte daran, daß der Dölkerbundsrat im Januar hinsichtlich der Zwischenfälle in Polen einen Unterschied zwischen direkter und indi­rekter Verantwortlichkeit der polni­schen Behörden gemacht habe. Was die erste Frage betreffe, so schlage der heutige Bericht vor, der Dölkerbundsrat solle sich darauf beschränken, von den Maßnahmen der polnischen Regierung Kenntnis zu ne-hmen. Bezüglich der zweiten Frage müsse man sofort feftfteUen, daß unter den von der polnischen Regierung erwähnten Maßnah­men sich nicht diejenige befand, die nach Auf­fassung gewisser Mitglieder des Dölkerbundsrates bas geeignet ft e und wirksamste Mittel dargestellt hätte, um die besonderen Verbindungen, die etwa zwischen den Behörden und den Auf­ständischenverbänden bestehen, verschwinden zu lassen. Der Bericht spricht die Hoffnung aus, daß der ganze Dölkerbundsrat einmütig eine wirkliche posi­tive Entspannung und eine sehr merkliche Besserung in den Beziehungen zwischen den Behörden unb der Minderheit feftfteUen könne. Es bestehe die Gewißheit, daß die polnische Regierung

in Zukunft nichts unterlassen werde, um geeignete Maßnahmen zu ergreifen, damit ein solches Ergeb­nis endgültig gesichert werden könne. In der Erwartung, daß die von der polnischen Regie­rung bisher ergriffenen und weiter im Sinne der Ianuaroerhandlungen des Dölkerdundsrats zu er­greifenden Maßnahmen einen Fortschritt auf dem Wege zur Schaffung einer dauernden und be- friedigenden Form der Minderheitenbehandlung darstellen, schlug der Berichterstatter vor, daß der Dölkerbundsrat die Angelegenheit für erledigt erklären solle.

Curtius fordert genaue Nachprüfung.

Dr. C u r t i u s sprach fein Bebauern barüber aus, baß der Bericht der polnischen Regierung ber deutschen Delegation erst am Dienstag dieser Woche, also erst im Laufe ber jetzigen Rats­tagung, zugegangen fei. Deshalb habe bie deutsche Regierung ben Bericht nicht so gründlich prüfen können, wie es ihre Verantwortung erfordere. Die mitgeteilten polnischen Maßnahmen reichten nicht au«, um heute schon festzustellen, bah bas Vertrauen zwischen der polnischen Regierung unb der deutschen Minderheit, so wie es der Be­schluß der letzten Ratstagung als notwendig be­zeichnete, wiederhergestellt worden sei und daß wieder normale Verhältnisse hinsichtlich derMin- berhett in Polen bestehen. Dr. Curtius bean­tragte bemgemäh, die Angelegenheit auf Sep­tember zu vertagen.

polen widerspricht.

Es will seineVerpflichtungen erfüllt haben

Der polnische Vertreter beim Völkerbund, So - kal, erklärte, daß er den Bericht des japanischen Delegierten, obwohl die polnische Regierung nicht in allen Einzelheiten derselben Auffassung sei, ohne Vorbehalt annehme. Polen habe gewissenhaft und loyal seine Ver­pflichtungen erfüllt. Die Ordnung in den Grenzgebieten, die wahrend der letzten Wahlkam­pagne vorübergehend gestört gewesen sei, sei wie­derhergestellt und die Zusammenarbeit zwischen der Minderheit und der Mehrheit der Bevölke­rung habe große Fortschritte gemacht. Die Osfen- laffung der Frage würde ein Hindernis für die Befriedung der Verhältnisse bedeuten.

Frankreich sekundiert den polen.

Der französische Delegierte Franxois-Pon» c e t widersprach ebenfalls dem Vertragungsantrag. Der Hinweis, daß die Ratsmächte nur vier Tage Zeit gehabt hätten, um den Bericht der polnischen Regierung zu prüfen, sei kein durchschlagendes Ar­gument. Es komme auch nicht auf die Einzelheiten des Berichtes an, sondern auf das Gesamt- r e f u 11 a t. Der Berichterstatter habe aber in seinem Bericht festgestellt, daß in Oberschlesien ein reeller Fortschritt zu verzeichnen sei. Eine Vertagung der Angelegenheit würde die Befriedung erschweren. Im übrigen stehe es ja jedem Ratsmitglicd frei, von neuem den Rat mit der Angelegenheit zu befassen.

Curtius protestiert.

Das deutsche Natsmitglied beantragt Vertagung.

Dr. Curtius wandle sich gegen die Behaup- lungen Jran?ois-poncts, daß der Rat nicht immer soviel Zeit zur Prüfung von Berichten gehabt habe wie im vorliegenden Falle. Er sei durchaus nicht der 2Tkinung, daß es auf die Einzelheiten nicht fo sehr ankomme. Er müsse sich im Gegenteil Vorbehalten, diese Einzelheiten sehr genau nachzuprüfen und sich z. B. fragen, wie es komme, daß von den 200 eingeleileten Strafverfahren nur 50 zu Verurteilungen von ganz geringfügigen Strafen geführt haben, wie es sich ferner erkläre, daß fo wenig Disziplinar­verfahren eingeleilet und durchgesührl worden seien, obwohl die Beteiligung von beamteten Personen in erheblichem Umfange feffgeffeUt worden fei; wie es schließlich komme, daß gegen höhere Beamte überhaupt nichts unter­nommen worden sei. Wenn es richtig sei, was der Vertreter Polens behaupte, daß die Befrie­dung und die Herstellung normaler Beziehungen in Ostoberfchlesien eingesetzt habe, fo sehe er nicht ein, was eine Vertagung dieser Frage auf den September für ungünstige Wirkungen auf diesen Zustand haben könne. 3m Gegenteil werde der Rat im September vielmehr in der Lage sein, sich ein genaues Bild über die tatsächliche Entwicklung in Ostoberschlesien zu machen.

Annahme des Vertagungsantrages. Henderson unterstützt den deutschen Standpunkt.

Der britische Außenminister Henderson unter­stützte entschieden den deutschen Standpunkt. Wäh­rend sich Dr. Curtius in der Form konziliant ge­zeigt hatte, ging Henderson mit überraschender Schärfe.zum Angriff auf die polnischen Argumente über. Er erklärte, der Dölkerbundsrat stehe einer