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Nr. 72 Zweites Blatt

Oonnerstag, 2b. März 195|

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Berlin

Mailand

x.

Zehn Zahle bureenIändWe Landesregierung.

Don Or. Karl G. von Loefch.

DaS Burgenland nimmt unter sämtlichen deut­schen Ländern eine eigenartige Stellung ein. ist cs doch dos jung st e und am spätesten einer deutschen Selbstverwaltung teilhaftig geworden. 3n jenen Seiten, als Elsah-Lothringen seine 1911 ' gewonnene Selbstverwaltung durch die Wieder- anncltion durch Frankreich einbüßte, als Nein« und große deutsche Länder an Belgien, Däne­mark. Litauen. Polen, die Tschecho-Slowalei, Süd- slawien und Italien verloren gingen, gewann das Burgenland bei der Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie durch den Anschluß an Oesterreich seine Selbständig­keit: es durfte in dessen Rahmen cm deutsches Eigenleben fuhren, das es früher im Verbände der Stefanskrone nicht besessen hatte.

Es ist daher kein Wunder, daß dieses jüngste deutsche Land keinen so hart umrissenen Typus darstellt wie andere Länder, besonders wie die anderen Grenzländer. Sind auch diese vielfach stammesmäßig mannigfaltig gegliedert, wechseln in ihnen die Formen der Landschaft, ist die so­ziale Gliederung in den meisten sogar noch bunter als im Burgenlande, so haben anderer­seits Geschichte und gemeinsame Selbstverwal­tung'alfo Entwicklungen auf dem Gebiete des Cigenstaatlichen doch überall hart umrissene Ländcrcharaktere ausgeprägt, welche im einzelnen gar nicht leicht zu umschreiben, aber als solche gut bekannt sind. Dos Burgenland aber steht erst im Begriff, sich selbst einen solchen Charakter zu geben: die ersten Ansätze können wir verzeich­nen. lind so hat es auch ein Recht auf eine ganz besonders liebevolle Beachtung im Kreise der übrigen deutschen Länder: es soll von ihnen ge­hegt werden.

Dazu kommt die besondere Gefährdung deS Burgenlandes: liegt es doch an der Stelle, wo Wcstslawen und Südslawen geo­graphisch einander am meisten genähert sind. Der südwestlichste Punkt des Siedlungsgebietes der Slowaken bei Preßburg, in der heutigen Tschecho-Slowalei, und der nordöstliche Zipfel slowenischen Volkstums zwischen Mur und Raab stellt zugleich die Rord- und Südgrenze des Burgenlandes dar. Korridorpläne unseligen Angedenkens tauchten bei Kriegsende aus, in jener Zeit, als der Weichselkorridor aus dem Deutschen Reiche herausgerissen wurde. Das Bur­genland sollte zum slawischen Korridor werden und die zwar völkisch getrennten, aber sich einander verwandt fühlenden slawischen Völ­ker verbinden.

Des weiteren ist kennzeichnend, daß das Bur­genland jahrhundertelang im ungarischen Staatsvcrbande (innerhalb der habsburgi­schen Gesamtherrschaft) stand. Die Siegermächte, die die Grenzen nach dem Weltkriege bestimm­ten, folgten aber weder der Staatsgrenze noch der Volksgrenze. Sie respektierten weder das Selbstbestimmungsrecht der Völker, noch die Tra­dition der Stefanskrone. Ein Teil des geschlosse­nen deutschen Siedlungsgebietes in Westungarn verblieb bei Rumpfungarn, ein anderer Teil tarn zur Tschecho-Slowakei. Den Durgenländern er­laubte man nicht, frei ihr Schicksal zu bestimmen. Andererseits traute man sich auch nicht, einen slawischen Korridor zu schaffen. So kam es zur heutigen Lösung einer halben.

Man kann fragen, wie es denn möglich war, baß gerade das Burgenland, wenigstens zum größeren Teil, österreichisch werden durfte, wäh­rend doch sonst überall die neuen Grenzen zu­ungunsten des deutschen Volkes gezogen wurden. Die Antwort kann nur lauten: Ungarn sollte noch mehr verkleinert werden, überdies hatten die Machthaber ein Interesse an einer Verfeindung des deutschen und des ungarischen Volkes und ihrer Staaten. So entstand für beide eine Aufgabe, die zu lösen viel Takt und nüchterne Erkenntnis auf beiden Seilen erfordert. Das Burgenland hat also eine doppelte Grcnzaufgabe, die Wacht gegenüber den Slawen und den Un­garn, mit denen die Deutschen als Gesamtvolk andererseits aber wieder durch gemeinsame eu­ropäische Interessen verbunden sind.

Diese Aufgabe wurde erschwert durch die na­tionalen Spannungen im Burgenland und durch die trostlose Verfassung, in der sich dies zerrissene Gebiet bei der llebernahme durch Oesterreich besand (Mangel an Wegen usw.). Die Wirren, die schließlich zur sogenannten Oeden- burgcr Volksabstimmung führten, trugen nicht dazu bei, eine Besserung eintreten zu lassen. Im Gegenteil, durch den Verlust Oeden burgs wurde die Lage noch unerfreulicher.

In dem der Republik Oesterreich seit 1920 als selbständiger und gleichberechtigter Bundesstaat angehörenden Teile des Burgenlandes hatte die selbstgewählte Regierung zunächst die Aufgabe, sich durchzuseyen und Ordnung zu schassen. Aus einem abseitigen Grenzlande Ungarns ist nun ein selbständiges Land mit Landtag und Landes­hauptmann an der Spitze geworden. Behutsame Maßnahmen auf dem Gebiete der Verwaltung, des Gerichts und des Agrarwesens haben das Land zu seinem eigenen Vorteile allmählich an den Bundesstaat Oesterreich angeglichen. Rein verwaltungstechnisch war das ganze Burgen­land von Oesterreich her schwer zu erfassen, fehlte doch eine direkte Eisenbahnverbindung von Oesterreich zum südlichen Burgenlande. Als erstes baute Oesterreich eine solche Bahnlinie. Das Land selbst baute sich Weg e. Man hob die sozialen und kulturellen Verhältnisse. Kranken­häuser entstanden, wirksame soziale Maßnahmen setzten ein. Ramentlich auf dem Gebiete des Schulwesens sind schon jetzt große Erfolge zu verzeichnen. Das österreichische Recht löst langsam das ungarische ab. ohne Altgewohntes gewaltsam zu verdrängen: so gilt zum 'Beispiel heute noch das ungarische Eherecht.

Die größten Schwierigkeiten bestehen auf dem Gebiete des Agrarwcsens. Im Durgenlandc sind 80 Prozent des Grundbesitzes in nicht­deutschen, zumeist magyarischen Händen. Die üverwiegende Mehrzahl aller landwirtschaft­lichen Betriebe kann sich nicht selbst erhalten, es sind Zwergwirtschasten. Alle neuen Staaten der Rachiriegszcit haben als erstes den gesamten Großgrundbesitz so gut wie entschädi­gungslos enteignet: das österreichische Burgen­land aber befleckte sich nicht durch Maßnahmen dieser Art: die Hände der deutschen Burgen­länder haben sich nicht an fremdem Eigentum vergriffen. Andererseits ist es klar, daß im In­teresse des Landes eine Lösung der Agrarfrage unvermeidlich ist. Das ist die Aufgabe des nächsten Jahrzehnts. Mil weiser Mäßigung wurde auch die Rationalitätenfrage aus deutschrechtlichem Empfinden heraus gelöst, alle billigen Schulwünsche der Kroaten und der winzigen magyarischen Minderheit sanden eine vorbildliche Lösung, gegen die niemals eine Klage vor der internationalen Oessentlichkeit laut wurde. Die deutsche' Würde blieb gewahrt.

Daher dürfen wir auf die burgenländische Lei­stung stolz sein soviel auch noch zu tun ist. In zehn Jahren ist ein vorher im Winkel liegen­des Land aufgeblüht: gewaltige Kräfte vermochte auch unter ungünstigen äußeren Umständen der Grundsatz freier Selbstverwaltung auszulösen.

Taten für Freitag 27. Marz.

Sonnenaufgang 6.15 Uhr, Sonnenuntergang 18.47 Uhr. Mondaufgang 10.06 Uhr, Monduntergang 3.10 Uhr.

1820: der Maler Gerhard von Kügelgen bei Dres­den ermordet: 1845: der Physiker W. K. Röntgen in Lennep geboren; 1873: der Humorist Marcell Salzer zu St. Johann an der Mur geboren.

Zur Eröffnung der Nugverbindung Berlin-München-Mailand-Rom.

Am 1. April wird zum erstenmal ein direktes Verkehrsflugzeug von Berlin übet München und Mailand nach Rom starten. Oben links: Berlin, Brandenburger Tor. Oben rechts: Mailand, Dom. Mitte: Das Streckenflugzeug der Lufthansa Roland Ro VIII für 10 Personen. Unten links: München Rathaus und Frauenkirche. Unten rechts: Rom, Peterskirche.

München

Oberheffen.

Oer Voranschlag der Stadt Schotten.

Schotten, 23. März. In seiner jüngsten Sitzung befaßte sich der Gemeinde rat mit dem Voranschlag für das R j. 1931. Die 1929er Rechnung, auf die sich der neue Voranschlag stützt, schloß mit einem Rechnungsrest von 47 661 Mark ab. Als Betriebskapital wurden 18 000 UH. eingestellt. Die städtischen Gebäude bringen einen Ertrag von 12114 Mk., dazu kommen noch ol8 Mictertrag au» den Schulwohnungen, Rektorwoh­nung etwa 3000 Mk. An Unterhaltungskosten. Verzinsung und Tilgung der Bauschulden sind 9000 Mk. vorgesehen. Die städtischen Grundstücke tragen etwa 7300 Mk. ein, man hat mit einem niedrigeren Betrag als in den Vorjahren gerechnet. Die Ausgaben haben sich vermindert, da nach der Pensionierung des seitherigen städtischen Ar­beiters, Wege- und WiesenwärtcrS diese Stelle nicht mehr beseht worden ist. Der Ertrag aus dcm Etadtwald ist bei den schlechten wirtschaft­lichen Verhältnissen um 5000 Mk. geringer und nur mit 9000 Mk. eingestellt. Jagd, Fischerei brin­gen 1470 Mk. ein, Schäferei 1500 Mk. die Märkte 1200 Mk., denen 1500 Mk. für Prämiierung von Vieh gegenüberstehen Das Wassergeld bringt einen Erlös von 23 000 Mk. Für das städti­sche Krankenhaus ist ein Sondervoranschlag ausgestellt, der mit je 46 000 Mk. in Einnahmen und Ausgaben sich ausgleicht. Rubrik 22 des Voranschlags, die gesamten Verwaltungskosten, bringt Z4 800 Mk. Unkosten, sachliche und per­sönliche. Für die össentliche Gcsundheitspslege. Kindergarten, Gemeindeschwester, Badeanstalt sind 3500 Mk. vorgesehen, für Feuerlöschwesen 400 Mk. Die Armen- und Anstaltspflege erfordert einen Aufwand von 8000 Mk. Für das Kapitel Volks­und Realschule sind 21 500 Mk. in Ausgabe ein­gestellt. Für den städtischen Friedhof werden 400 Mark verausgabt, für Unterhaltung der Stra­ßen, Verzinsung der ausgenommencn Kapitalien für Strahenhcrstellung sind 13 000 Mk. vorge- sehen, für Kanalisation 870 Mk. Die Stadt erhebt eine einheitliche Anschluhgebühr von je 5 Mk. Für die Zwecke der Landwirtschaft stehen 4000 Mk. zur Verfügung, für öffentliche Anlagen, Derkehrshe- bung usw. 700 Mk. Ein Kapital von 20 000 Mk. hat die Stadt weitergegeben an Hausbesitzer, die in den letzten Jahren gebaut haben, die Gelder sind von den Betreffenden mit 6 Prozent zu ver­zinsen und mit 4 Prozent zu tilgen. Für soziale Fürsorge sind 14 000 Mk. vorgesehen, darunter Beträge für die ausgesteuerten Erwerbslosen. An Einnahmen aus den Sondersteuern, Dürgersteuer, VergnügungS-, Hunde-, Filialsteuer hat die Stadt 7500 Mk. zu erwarten. Die Reichssteuerüberwei­sungen sind um zirka 4500 Mk. zurückgegangen auf 18250 Mk. Im Reservefonds sind 4000 Mk. vorgesehen. Zur Verzinsung der alten Vorkriegs­schulden sind 3360 Mk., zur Tilgung 2615 Mk. notwendig. Der Voranschlag wäre weit günstiger, wenn nicht eine Wenigereinnahme und Mehraus­gabe von zirka 16 000 Mk. (geringerer Holz-, Graserlös, geringere Reichssteuerüberweisungen, Mehrausgabe für Ausgesteuerte u. a. m.) wieder ausgeglichen werden müßten. Der Ausgleich war nur möglich, da sich fast alle Kapitel des Vor­anschlags gewisse Abstriche gefallen lassen muß­ten. Die Umlagen wurden, da nach den gesetz­lichen Bestimmungen die Grundsteuer um 6 Pro­zent und die Gewerbesteuer um 12 Prozent ge­senkt werden muh, auf 55 200 Mk., gegen 59 000 Mark im vergangenen Jahr festgesetzt, die Um­lagen daher um 3800 Mk. gesenkt. Rach kurzer Aussprache nahm der Gemeinderat den Voran­schlag ohne weitere Debatte an.

Landkreis Gictzen.

r. Allendorf (Lahn), 24. März. Zur Freude der Jugend, wie auch der Erwachsenen, erschien am Freitag hier der Storch, um Quartier zu nehmen. Schon vor etwa 14 Tagen war er zu einem kurzen Besuch hier. Er hat sein altes Rest wieder ausgesucht und neu hergerichtet, so daß auch bald die Störchin ihren Einzug halten kann. Mit ihm ist der Frühling auch in der übrigen Vogelwelt lebendig geworden, und in allen Büschen und Bäumen herrscht nun lebhaftes Gezwitscher. Interessante Beobachtungen kann man alljährlich bei Grohen-Linden, im Kleebuch- und im Lückebachtal machen. Den Anfang .iud>t

Gießener Stadttheater.

Lscar Wilde:Lady Windermeres' er"

Es würde zu weit gehen, und man würde dem Dichter doch wohl unrecht tun, wollte man einen spitzen Aphorismus des weisen Lichtenberg auf dieses Stück anwenden, der da lautet:Wovon das HerA nicht voll ist, davon geht der Mund über, habe ich öfters wahr gesunden als den ent­gegengesetzten Sah."

Und wenn ein moderner Kritiker ausdrücklich zu Wildes Schauspielen bemerkt:Regie und Darsteller müssen verstehen, daß nicht Seelen und Schicksale, sondern Geist und Worte der Inhalt dieser Stücke sind", so ist das eine Formu­lierung, die in ihrer Zuspitzung zwar übertrieben scheint, aber dem von Wilde bevorzugten Stil nicht ungeschickt angenähert ist.

Das Schauspiel vom Fächer der Lady Winder­mere (1892) ist das erste eigentliche Gesellschafts­stück Wildes: ein sonderbares Stück, schwankend zwischen Konversation und Rührseligkeit, zwischen Salonlustspiel und handfestem Reißer. Die fran­zösische Technik, die Schule Sardous sind kaum zu verkennen und haben bis heute das Drama auf den Spielplänen sich behaupten lassen, weil es in der Art seines Aufbaus und feiner handlungs­mäßigen Verwicklung gewissen, eisern erprobten Gesehen des Theaters gehorcht.

Der Eindruck auf den modernen Zuschauer ist zwiespältig, einzelne Dialogpartien, gewisse tech­nische Handgriffe, ja sogar das zugrundeliegende Spannangsmotiv erscheinen ihm ziemlich verstaubt. Er möchte sich darüber lustig machen und kann sich dennoch eben diesen Handgriffen, dieser Tech­nik, dieser ganz exakt erzeugten Theaterspannung kaum entziehen.

Worüber er lächelt, sind ganz andere Dinge: der Wildesche Wih, feine harmlose Frivolität, seine geflissentlich auf den Kopf gestellten Weisheiten und liebenswürdig offenherzigen Bosheiten, seine Bonmots, die gar nicht veraltet sind; jedenfalls wird es immer wieder gern gehört, wenn jemand statt der herkömmlichen Gegenüberstellunggut

und böse" nur die scharfe Unterscheidung zwischen langweilig und amüsant" für zulässig erklärt.

Fhr manchen wird der Gewinn des Abends in solchen kleinen, frechen, unverbindlichen Randbe­merkungen bestehen, über Männer, Frauen, Liebe, Klatsch und gute- Gesellschaft, wie sie mit Grazie Lord Darlington zum besten gibt, der etwa von sich selber erklärt, er könne allem widerstehen, ... nur der Versuchung nicht.

Aber Wilde wollte doch mehr, er wollte das Dramaeines guten Weibes" schreiben, und wenn man auch nicht weih, wieviel Ironie noch in dieser scheinbar so biederen Formulierung versteckt ist, so läßt sich doch kaum übersehen, mit welcher raffi­nierten Absichtlichkeit das Stück auf die entschei­dende Szene dieses guten Weibes hin komponiert ist...

Aus die sehr effektvoll vorbereitete Gegenüber­stellung zweier Frauen: einer Mutter mit ihrer Tochter. Die Tochter erkennt sie nicht, wähnt sie früh gestorben. ... die Mutter findet ihr Kind knapp vor der gleichen Situation, welche sie vor langen Jahren in ihr Elend führte. Sie gibt sich nicht zu erkennen, wiewohl fie von der Tochter auf Grund eines falschen Verdachtes ge­haßt und beschimpft wird: sie opfert sich, rettet der jungen Frau das fast schon verlorene Glück einer großen Liebe und einer wolkenlosen Ehe. und verschwindet für immer. Rur den Fächer, dessen geschickte Vertauschung im verfänglichsten Augenblick die Katastrophe verhütet: den er­bittet sie sich von der ahnungslosen und schnell versöhnten Tochter als Geschenk und nimmt ihn mit zum Andenken.

Es ist schwierig, in der Inszenierung eine einheitliche Linie zu wahren, das heißt: den Aus­gleich zu s.nden zwischen dem kühlen, spöttischen, ironisierenden Konversationsstil, in dem große Partien dieses Schauspieles geschrieben sind. ... und dem Gefühlston. mit dem der eigentliche Konflikt angesponnen wird und ausklingt zwischen der Gesühlslage der ..Märchen" und des ..Dorian Gray" etwa, die einander sehr entgegen­gesetzt sind, obwohl sie aus der gleichen Hand hervorgingen. In der von Bäuerle geleiteten

Aufführung gelang für unser Empfinden der dritte Akt am besten und einheitlichsten: ein wenig matt und von oberflächlicher Theatralik die große Gesellschaftsfzene des zweiten, während der vierte mit Glück vor einem gefährlichen Abgleiten in peinliche Sentiments bewahrt blieb. -

Was die Besetzung angeht, so ist zuvörderst der freundlichen Wiederbegegnung mit Frau Auguste Prasch-Grevenberg zu gedenken, die gestern ihr erstes Gastspiel in dieser Saison absolvierte als Herzogin von Berwick, einer nicht eben großen, aber im Stück wichtigen Rolle, die mit gewinnender Liebenswürdigkeit gespielt und mit gepflegter Konversation ge­sprochen wurde.

Eine feine und abgerundete Leistung bot Hilde Schwend als Lady Windermere: sehr gut wirkte auch Hauer, der mit sympathischer Ver­haltenheit. aber nicht ohne Wärme den Lord Windermere gab; die Mrs. Erlynne spielte Maria Koch ganz leicht, ganz gesellschaftlich, ganz auf Salondame es ist schwer, einer solchen Gestalt das große Opfer eines mütterlichen Herzens zu glauben, wie es hier verlangt wird.

Bäuerle gab den Lord Darlington: er sprach am echtesten und unverkennbarsten die Sprache Wildes: im ersten Akt zumal, wo dieser Darling­ton eine überraschende Aehnlichkeit mit jenem Lord Henry Wotton aufweist, dem frivolen Raisonneur aus demDorian Gray".

Von den übrigen Mitwirkenden sind Volck, W e f e n e r und Zingel mit einigen hübschen Chargen hervorzuheben.

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Es gab viel freundlichen Beifall. hth.

ßtochfdiulnadiricbten

Professor Dr Hans Rose an der Universität München ist vorn 1 April 1931 ab zum persön­lichen ord Professor an der Universität Jena, unter llebcrtragung einer planmäßigen außerordentlichen Prosesjur für Kunstgeschichte ernannt worden.

Amtlich wird die Versetzung des ord. Professors Dr. Franz Gutmann von der Universität B r e s kaum gleicher Eigenschaft an die Universität (Böt­tingen bestätigt; ihm wurde der Lehrstuhl der wirtschaftlichen Staatswissenschaften in Göttingen an Stelle von Geh. K. Oldenberg übertragen.

Oie Zeit vergeht...

Don Hans Siemsen

Wenn man aus Frankreich nach Deutschland zurückkommt, dann kommt man nicht nur aus Frank­reich nach Deutschland, sondern auch aus der west­europäischen in die mitteleuropäische Zeit. Richt alle Menjchcn in Europa haben dieselbe Tageszeit. Wenn dem Pariser die Sonne noch scheint, bann ist sie in Berlin schon untergegangen. So groß ist immerhin doch die kleine, kleine Erde

Wir müssen an der Grenze zwischen Frankreich und Deutschland unsere Uhr anders stellen. Eben war es noch elf Uhr vormittags, jetzt ist es schon zwölf Uhr mittags Wir haben eine Stunde verloren oder gewonnen, wie man will.

Die Zeit hat sich plötzlich geändert. Aber für jeden von uns bedeutet diese Aenderung der Zeit etwas ganz anderes.

Der müde Geschäftsreisende, der gar nicht schnell genug nach Hause zu Frau und Stinbern kommen kann, hatte sich ausgerechnet:Um neun Uhr fahre ich ab, um fünf Uhr bin ich zu Hause Acht Stunden bin ich unterwegs." Run ist cs plötzlich statt elf schon zwölf Uhr. Er hat eine ganze Stunde gewonnen, er ist eine ganze Stunde eher zu Hause.

Aber das Liebespaar ihm gegenüber, das im ge­heimen liebt und reift, das sich trennen muß, wenn es am Ziele ankommt, das arme Liebespaar hat eine ganze Stunde verloren. Bisher war cs elf Uhr, jetzt ist es zwölf Uhr. Eine ganze Stunde eher, als sie gedacht hatten, müssen sie sich trennen.

Eine Stunde verloren eine Stunde gewonnen? Die Zeit ist gar nichts. Die Stunde ist gar nichts. Es kommt nur darauf an, ob man glücklich ist oder nicht Eine Stunde kann endlos lang fein. Und eine Stunde kann vergehen, so rasch wie eine Minute vergeht. Aber leider, leider find für jeden Menschen nur die glücklichen Stunden viel zu kurz. Alle andere» Stunden sind viel zu Ian£