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Aus 6er provinzialbouptstadt
(Siehrn, den 26. Februar 1931.
Iungdeutsche Ziele.
Der Iungdeutsche Orden und die Vollsnativ- na le Reichsvereinigung veranstalteten am Dienstagabend Im Saale des Das6 Leib eine öffentliche Versammlung, in der Studienrat Dr. Gebhardt von hier als Versammlungsleiter in feinen einführenden Worten nachdrücklich Stellung nahm gegen die Propaganda des Hasses und der Unduldsamkeit in unserem politischen Leben und dafür die Herstellung einer großen Schicksals- und Notgemeinschaft als einzig wirksames Mittel zur erfolgreichen Durchführung des Kampfes um die Wiedergewinnung der deutschen Freiheit forderte.
2llS Hauptredner des Abends sprach dann Dr. Kuermann vom Iungdeutschen Orden. Er Vies zunächst auf die Notwendigkeit der engsten Zusammenschweißung unseres Volkes als geschlossene Nation hin, ebenso auf die dringliche Wiedergewinnung der innerpvlittschen Freiheit. Unter scharfer Ablehnung der kommunistischen und nationalsozialistischen Dittaturbestrebungen, aber auch unter entschiedener Bekämpfung der sozialdemvkrattschen Vorherrschaft in Politik und Verwaltung forderte er die Schaffung eines Staatsbürgertums, das auf der Grundlage starker politischer Ethik und höchsten Verontwortlich- keitsbewußtscins für das Volksganze beruhe. In biefenn Zusammenhänge bezeichnete er eine weit regere Mitarbeit der Frau als bisher an den politischen Ausgaben deS Staate als dringend notwendig, ferner trat er mit Entschiedenheit für die unbedingte Aufrechterhaltung des Rechts der Selbstverwaltung, auch auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, unter entschiedener Ablehnung der sozialistischen Gc- dankengänge ein. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen bekannte sich der Redner mit Nachdruck zu dem Gedanken des wahren Volksstaates, der in keiner Weise etwas gemein habe mit irgendwelchen Diktatursorderungen. Er übte in diesem Teile seiner Rede scharfe Kritik an den Na- tionalsozialisten. denen er vorwarf, sie seien nur deshalb aus dem Reichstag ausgewogen, weil sie nicht imstande seien, sachliche Arbeit zu Irrsten und die Versprechungen einzulösen, die sie den Wählern vor bet letzten Reichstagswahl gemacht hätten. Sodann polemisierte er scharf gegen die Sozialdemokratie, die auS Angst vor dem Nationalsozialismus sich selbst und ihrem Programm täglich auf8 neue ins Gesicht schlage und infolge der Angst vor den Rechtsradikalen alles daS preisgebe, was das Heidelberger Programm der Sozialdemokratie an Forderung enthalte. Me Regierung Vrüning, die der Redner als ^Diktatur Brüning" bezeichnete, scheine mit ihrer Politik auf dem richtigen Wege zu fein, denn sie mache es keinem recht und fei jcbenfalld die erste Regierung, die mit wahrer Tatkraft auf räume. Die Iungdeutschen und die Volksnationalen seien der Ansicht, daß Volk und Staat eins fein müßten. Der Volksstaat müsse begründet sein auf wahrer Selbstverwaltung und diese auf verantwortungsbewußtem Staatsbürgertum. Sodann beschäftigte sich der Redner mit außenpolitischen Fragen, wobei er zunächst Strefemanns Rheinlandpolitik verteidigte und in diesem Zusammenhänge den Nationalsozialisten zum Vorwurf machte, daß sie nur eine Revision des Vvungplans forderten, während der Iungdeutsche Orden den Voungplan und das Versailler Diktat völlig beseitigen wolle, weil beide auf der unwahren Grundlage der Kriegsschuldlüge aufgebaut seien. Der Redner beschäftigte sich dann u. a. mit der vom Iungdeutschen Orden schon seit einigen Iahven empfohlenen Politik einer ehrlichen und auf absoluter Gleichberechtigung beruhenden Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich, eine Politik, die anfangs von der Rechten, insbesondere auch vom Stahlhelm und den Nationalsozialisten, abgelehnt worden sei, heute aber auch von Hitler, Seldte und den Deutschnattonalen als rießtig angesehen werde. Der Redner forderte, daß der wirtschaftlichen deutsch - französischen Verständigung durch den Eisen- und Kohlenpakt der beiden Schwerindustrien die staatliche Verständigung auf der obengenannten Grundlage folge, denn nur dadurch könne Deutschland Ellbogenfreiheit gewinnen und seine politische Kraft auf eine gerechte Lösung der unhaltbaren Verhält
nisse an unsere Ostgrenze richten. Eine gedeihliche außenpolittsche Lösung sei aber nur möglich. wenn unser Volk als Nation geschlossen auftrete. Zum Schlüsse seines Vortrages empfahl der Redner noch ein Volksbegehren zur Verlängerung der Reichspräsiden tschaft Hindcm- burgS auf Lebenszeit, denn unter der Führung Hindenburgs könne unser Volk einer besseren Zukunft entgegen schreiten, alS unter der Herrschaft von Parteiinteressen,
Im Anschluß an den mit langanhaltendem starken Beifall ausgenommenen Vortrag fand eine kurze Aussprache statt, die eine Bekräftigung der Darlegungen des Redners brachte.
(Senkung der staatlichen und gemeindlichen -realsteuern.
DaS hessische Gesamtministerium hat auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten vom 1. Dezember 1930 mit Zustimmung deS Reichs- finanzministers unter dem 17. Februar folgende Verordnung erlassen:
Die Senkungssähe der staatlichen und kommunalen Real steuer betragen für das Steuerjahr 1931 bei der Grundsteuer je 6Prozent und bei der Gewerbesteuer je 12 Prozent.
(Lietzener Wochenmarktpreisc.
Cs kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Kochbutter von 110 Pf. an, Butter 120—130, Matte 30-35 Pf. das Pfund, Eier 11—12 Pf. das Stück, Käse 10 Stück 60—140 Pf.: Wirsing 25 bis 35, Weißkraut 12-15, Rotkraut 15-20, Gelbe Rüben 12—15, Rote Rüben 12—15, 6binat 35 bis 40, ilntcr-Äoßlrabi 5—6, Grünkohl 20—25, Rosenkohl 45-50, Feldsalat 100—150, Tomaten 70—80, Zwiebeln 10, Meerrettich 30—60, Schwarzwurzeln 36—40, Kartoffeln 3,5—4, Aepfel 30 bis 45, Birnen 20—40, Dörrobst 30—35, Honig 40 bis 50. Nüsse 50—60 Pf. das Pfund: Sunge Hähne 90—110, Suppenhühner 90—110 Pf. daS Pfund, Tauben (Stück) 70—80; Blumenkohl 40 bis 70, Salat 30—35, Endivien 20—50, Ober- Kohlrabi 10—15, Lauch 5—15, Rettich 10—15, Sellerie 10—50 Pf. das Stück: Kartoffeln 2,50 bis 3,00, Weißkraut 8—10, Wirsing 20—25, Rotkraut 10—12 Ml. per Zentner.
Bornotizen.
— Tageskalender für Donnerstag. Gießener Konzertverein: „Der Messias", 19.30 ilßr, Stadtkirche. — Akademische Kurse für Kaufleute und Gewerbetreibende: Vortrag „Grundzüge des Arbeitsrechts" von Privatdozent Dr. Bötticher, 20.15 ilßr, Hörsaal des Dorlesungsgebäudes der Hnit>erfität. — Hausbesitzer-Verein: Hauptversammlung, 20.15 Uhr, im Saal deS „Hindenburg". — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Liebeswalzer". — Astoria-Lichtspiele: „Die große Lüge" und „Opfer des Harems".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Freitag, 27. Februar, 20 Uhr, Ben Ionsons lieblose Komödie „Volpone" in der Bearbeitung von Stefan Zweig unter der Spielleitung von Peter Fasfott. Sonntag, 1. März, 15 ilßr, geschlossene Vorstellung „Nachtasyl" von Gorki. 18.30 Uhr, als Fremdenvorstellung, Marcel Pagnols Schauspiel „Marius ahoil", Spielleitung: Intendant Prasch. Am Donnerstag, 5. März, 19.15 Uhr, findet aus Anlaß des 175. Geburtstages Mozarts im Mittwoch- Abonnement ein einmaliges Gastspiel des Darmstädter Landes theaters statt. Zur Aufführung gelangt Mozarts Meister-Oper „Die Hochzeit des Figaro". (Opernpreise.)
— Vom Goethe bund wird uns geschrieben: Es ist gelungen, für kommenden Montag den bekannten Astronomen und Schriftsteller Bruno H. Bürgel zu einem seiner beliebten Lichtbildervorträge über „Werden und Vergehen der Welten" zu gewinnen. Seine Werke sind weitverbreitet und in fast alle Kultursprachen übersetzt. Was Bruno H. Bürgel in seinem Vortrag an Hand zahlreicher interessanter Lichtbilder von Weltschöpfung und Weltuntergang zu sagen haben wird, dürfte für jeden ein starkes Erlebnis werden. (Siehe heutige Anzeige.)
DaS Vvlksbad an Sonntagen geöffnet. Vielfach geäußerten Wünschen und einem besonderen Antrag entsprechend hat sich die Stadtverwaltung und die Direktion des VolkS- bades entschlossen, probeweise ab 1. März das Vvlksbad (Schwimmbäder, Brause- und
Wannenbäder werden abgegeben) auch an Sonntagen in der Zeit von 8.30 Uhr bis 13 Uhr vffen- zuhalten. Man will dadurch den Werktätigen, die das Bad an Wochentagen nicht benutzen können, Gelegenheit gehen, diese Einrichtung zu einem anderen Zeitpunkt in Anspruch zu nehmen. Die ständige Osfenhaltung des Volksnahes an Sonntagen ist allerdings von gutem Betuch abhängig, denn auch daS VolkSbad kann unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältniften nicht mit Unterbilanz arbeiten. Es liegt im Intereffe aller in Frage kommenden Berufskreise, von diesem Entgegenkommen der Stadtverwaltung regen Gebrauch zu machen. «Siehe Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil.)
•• Städtische B rennholzver st et gern n g. Aus den Waldungen der Stadt Gießen, Stadtwald, wurden bei der gestrigen Brennholz« Versteigerung im Durchschnitt folgende Preise erzielt: Eichenscheiler (1. Kl.) 8 Mk.. Kiefernscheiter (l.KI.) 9,60 Mk . Kiefernscheiter (2. Kl.) 8 Mk., Buchenknüppel 10 All.. Kiefernknüppel 8 Mk., Kiefernstöcke 5,20 Mk. Fichtenstöcke 2,20
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' Akademische KursefürKaufleute und Gewerbetreibende. Die von der Industrie- und Handelskammer Gießen und der Gießener Hochschule gemeinsam veranstalteten Kurse finden am heutigen Donnerstagabend mit der zweiten Vorlesung über das Thema „Grundzüge des Arbeitsrechts", von Privatdozent Dr. Bötticher, die am 19. d. M. wegen Erkrankung des Referenten ausgefallen war, ihre Fortsetzung.
" Die Schädlingsbekämpfung im Obst- und Gartenbau. In der gestrigen Versammlung von Gartenbesitzern der Stadt Gießen wurde als lose Vereinigung ein Zweck- verband zur umfassenden Bekämpfung von «Schädlingen im Obst- und Gartenbau gegründet, nachdem Pros. Dr. Sessvus und Dr. Decker vom Landwirtschaftlichen Institut der Universität aufschlußreiche Vorträge über die Bedeutung einer gemeinschaftlich durchgeführten Schädlingsbekämpfung gehalten hatten. Hoher die Versammlung werden wir noch berichten.
** Einbruch in eine Metzgerei. In der vergangenen Nacht wurde in der Metzgerei Rausch in der Neustadt ein Einbruch verübt. Die Diebe stiegen über die Mauer, gingen mit einem Beile gegen das Gitter an einem Fenster der Wurstküche vor und stiegen durch das Fenster ein, das offen vorgefunden wurde. Den Einbrechern fielen Wurst- und Fleischwaren im Werte von etwa 25 Mark in die Hände. Die polizeilichen Ermittlungen sind im Gange.
** Einbruch in ein Schu 1 haus. In der letzten Nacht wurde in A i l b e l ein Einbruch in das Schulhaus verübt. In sämtlichen Schulräumen rour» den die Katheder erbrochen und dadurch erheblicher «Sachschaden angerichtet. Dem Einbrecher fielen etwa 40 Mk. Bargeld in die Hand. Die polizeilichen Ermittlungen find im Gange.
Erweiterles Vezirksschöffengericht Siegen.
• Gießen, 25. Febr. Ein früherer Rechtskonsulent aus Friedberg und der verantwortliche Schriftleiter des in Frankfurt erscheinenden Blattes „Laterne" hatten sich wegen Beleidigung eines Amtsgerichtsrats in Offenbach zu verantworten. Unter dem Vorsitz des Richters hatte das Schöffengericht Offenbach den Rechtskonsulenten wegen Ruckfall- dicbstahls zu neun Monaten Gefängnis verurteilt; dessen Berufung dagegen war verworfen worden. Nunmehr zeigte der Verurteilte den Richter wegen Rechtsbeugung an und veröffentlichte in der „Laterne" einen Schmähartikel, in dem in den schärfsten Ausdrücken der Offenbacher Richter im besondern
und die hessischen Richter lin allgemeinen der größte» Gewissenlosigkeit bezichtigt wurden. Der Richter und das Iustftministerium hatten Strafantrag gestellt. Die Hauprverhandlung heute ergab auch nicht den leisesten Verdacht gegen den Richter; der Artikelschreiber behauptete dies auch selbst nicht mehr; er habe nur die Iustizzustände und ihre Mängel allgemein geißeln wollen. Da er wegen Beleidigung noch nicht beftraft ist und nach gerichtsärzilichem Gutachten piychopathiiche Zuge ausweist. wurde, im Hinblick auf die Schwere der Beleidigung, auf eine Gefängnis st rase von drei Monaten erkannt. Der Redakteur, der den Artikel mit der ausdrücklichen — allerdings rechtsunwirksamen — Berufung auf die Verantwortung des Einsenders veröffentlicht hatte und die Beleidigung zurück- nahm, erhielt eine Geldstrafe von 150 M k. Außerdem wurde dem Beleidigten das Recht zuerkannt, das Urteil in der „Laterne" auf Kosten der Verurteilten zu veröffentlichen.
Ein gewesener Schupowachtmeister aus Butzbach wurde wegen N 01 z u ch t s v e r s u ch s , begangen an einem jungen Mädchen, das er bei einer nächtlichen Motorradfahrt mitgenommen hatte, zu drei 9JI 0 n a t c n Gefängnis verurteilt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oefsentlichkeit statt.
Oie Wetterlage.
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Wettervoraussage.
Der hohe Druck wurde über Deutschland weiter abgebaut, und entsprechend dem Laufe der Isobaren hat eine Westströmung die Vorherrschaft gewonnen. Unter ihrem Einfluß sind die Temperaturen angestiegen, so daß sie in fast ganz Deutschland den Gefrierpunkt überschritten haben. Im westlichen Deutschland hat heute morgen eine Milderung bis 9 Grad stattgefunden. Da wir vorerst im Bereich ozeanischer Luft verbleiben, dauert das milde, wolkige Wetter mit Niederschlägen noch an.
Aussichten für Freitag: Bewölkung mit vorübergehender Aufheiterung wechselnd, zeitweise noch Niederschläge, westliche Winde.
Lufttemperaturen am 25. Februar: mittags 0,4 Celsius, abends 2,3 Grad; am 26. Februar: morgens 3,9 Grad. Maximum 4,3 Grad Minimum 1,8 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 25. Februar: abends 0,2 Grad: am 26. Februar: morgens 0,2 Grad. — Niederschlag 1,7 mm.
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Vogelsberg: choherodskopf: Nebel, — 2 Grad, 100 cm Schnee, vereist, keine Sportmöglichkeit.
Sauerland, Winterberg: Schneefall, 1 Grad, 78 cm Pappschnee; Ski und Rodeln gut.
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