Nr. 21 Zweiter Blatt
Siehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
Montag. 26. Januar 1951
Entspannung am Mittelmeer.
Don unserem römischen L-Korrespondenten.
die Länderkarte in ihrer grotesken Verzeichnung wurde manchem Diplomaten wieder einmal schmerzlich bewußt: auch die Kleinstaaten Belgien und Holland haben Kolonien, Flotten- und Flug- ^eugstühpunkte, große Reiche aber nicht. Wer solche Reibungsflächen übersteht, der sollte sich nicht in die Politik der Großmächte mischen.
Rom, Ende 3cm. 1931.
Kriegerische und friedliche Zeichen folgen sich in seltsamem Wechsel am römischen Himmel. Einmal tritt Mussolini als Flammenwerfer auf und die Funken sprühen über ganz Europa, dann tritt er als moderner Mensch an den Rundfunk und spricht nach Amerika hinüber vom Frieden. Rie- mals werde Italien einen Krieg entfesseln. 3n seiner Weihnachtsbotschaft an den Berliner .Tag" meldete er an. was Frankreich am meisten reizt: die Revision der Verträge, und nach Reujahr besuchte er, auf der Leinwand, sämtliche Kinos in Frankreich und zeigte sich einem Pazi - f i st e n zum Verwechseln ähnlich. 3n dem Augenblick aber, wo Dalbos Bombengeschwader in Rio de 3aneiro landen, erhebt sich in Genf sein anderer Missionar, G r a n d i, und fordert für das faschistische 3talien, daß auch das bolschewistische Rußland an den paneuropäischen Tisch geladen werde.
Die Stammtischpolitiker sprechen von einer Zick- zackpolitik und die Kathederpolitiker fragen streng und gewichtig: Quo vadis, Mussolini?
Es braucht aber keiner Sehergabe, um die Zeichen zu deuten. Man darf nur nicht aus Aeuher- lichkeiten falsche Schlüsse ziehen. Der Faschismus muß nicht deswegen „eine große Sache sein", weil die Eissnbahnzüge regelmäßig ankommen, wie die Oberslächenreisenden folgern, oder weil nicht mehr so viel gebettelt wird. So etwas läßt sich durch Befehle regeln. Mit fremden Völkern, mit Militärbündnissen oder Friedensverttägen ist das schon schwieriger. Ein Musterbeispiel für die Lässigkeit, mit der im Zeitalter der blitzschnellen Berichterstattung politische Ereignisse betrachtet werden: die ebenso einmütige wie einseitige Bewunderung des Geschwaderfluges durch die öffentliche Meinung. Wer hat sich bemüht, tiefer zu sehen, die wa hre Bedeutung der historischen Tatsache zu erfassen, daß nicht friedliche Luftomnibusse den Ozean überquert haben, svndeyr militärisch formierte und besetzte Bombenwerfer? Daß sie nicht von Handels- oder Hilfsschiffen begleitet wurden, sondern e i n G e s ch w a- d'dr von italienischen Kriegsschiffen gleichzeitig im brasilianischen Hafen einlief? Daß Italien und Brasilien, schon im Kriege durch Waffenbrüderschaft verbunden, einBünd- nis eingegangen sind? Von einem Rekord zu sprechen, ist unzulässig, wenn man sportlich denkt, denn die Welt hat es ja noch nicht gewagt, gewisse, in unmittelbarer Rachbarschaft Italiens ein Hirtendasein führende Staaten auf die Probe zu stellen, ob sie nicht etwas Besseres leisten könnten. Solange den entwaffneten Rationen die Flügel gebunden sind, haben alle Leistungen schwerer Flugzeuge nur relativen Wert. 3n erster Linie muß gebucht werden, daß der Ozean b nnen kurzer Zeit ebensowenig mehr ein Hindernis, ein strategisches Heute, ein taktisches Morgen bilden wird, wie der Aermelkanal.
Immerhin, der Aktionsradius der Flugzeuge ist beschränkt, solange sie auf Denzinfracht angewiesen sind. Was folgt daraus? Richt mehr und nicht weniger als ein neuer Kampf der Rationen, ein Kampf um Flugstützpunkte, wie der Kampf um Flottenstützpunkte brennend war, solange die Kriegsschiffe unterwegs Kohlen fassen mußten. Wer wußte vorher viel von B o l a m a ? Heute werden die strategisch mathematischen Punkte, die die kürzeste Verbindungsstrecke zwischen Kontinenten herstellen, gesucht, wie nie ein Petroleumfeld gesucht worden ist. Die Kolonie n f r a g e erhebt sich zu ungeahnter Bedeutung. Merkantil denkende, für die Politik unbrauchbare Gehirne konnten einmal ausrufen: Kolonien brauchen wir nicht! Oder spötteln, mit Tripolis habe Italien nur eine Sandkiste erworben. Als ob England, diese unvergleichliche Kreuzspinne, jemals beim Befestigen ihres Welt- nehss danach gefragt hätte, ob man auf Gibraltar Weizen ernten oder auf Malta Reisfelder anlegen könne!
Um die Verbindung mit Brasilien aufnehmen zu können, mußte Mussolini das Gastrecht bei einem Kleinstaat nachsuchen, bei Portugal, und
Seltsam nehmen sich neben den großen Linien der in Kontinenten denkenden Staatsmänner, und Mussolini ist hierin ein gelehriger Schüler Großbritanniens, die „riesigen" Befestigungsarbeiten aus, die Frankreich längs der Grenze aufführen läßt. Es mag behaglich stimmen, eine chinesische Mauer hinter sich zu wissen, zeitgemäß ist diese Maulwurfperspetlive nicht. Man übertrage aus dem Räumlichen ins Politische und man wird sofort verstehen, was Mussolini in Rio und in Genf anstrebt. Wenn er Revision sagt, meint er Kolonien, und wenn er Kolonien sagt, meint er We l t f r ei h e i t.
Unter den größeren Aspekten, die sich aufgetan haben, ist nun der Krieg zwischen Italien und Frankreich, dessen Gespenst schon so oft auftauchte, zunächst einmal in den Hintergrund getreten. Wir können von einer europäischen Entspannung sprechen, wenn es auch jedermann freisteht, den Kampf ums Mittelmeer als schicksalhaft und daher als unvermeidlich zu betrachten. Einem unmittelbaren Zusammenstoß stehen jedoch starke Hindernisse entgegen. Dor allem der a l l -
In vielen KriminalfäUen fürchten die Geschädigten die Sensation, die eine Anzeige bei der Polizei erregen würde. Eie wenden sich deshalb lieber an private Detekteien, in deren Archiven Stoff für viele Kriminalromane ruht. Eine Rundfrage unseres Mitarbeiters gibt über die mannigfaltige Tätigkeit der Detektivbureaus Aufschluß.
Das erste deutsche Detektivbureau ist vor vierzig Jahren in Berlin gegründet worden. Der Erfolg dieser damals vollständig neuen Einrichtung war überwältigend und reizte zur Nachahmung. Zahlreiche Detektivbureaus entstanden. Viele von diesen nicht immer solide fundierten Unternehmen sind inzwischen eingegangen: sogar die erste Detektei geriet nach dem Tod ihres Gründers in Geldschwierigkeiten und mürbe von einem anderen Bureau übernommen. Augenblicklich gibt cs in'Deutschland ungefähr 200 Detektivbureaus, davon etwa zwanzig in Berlin. In der letzten Zeit versuchen viele abgebaute Angestellte, sich eine neue Eristenz als Privatdetektiv zu schaffen. Meist haben sie keinen Erfolg, denn jum Ausbau eines Detektiv- bureaus braucht man wie zu jeder anderen Gründung einen finanziellen Rückhalt.
Ein großes Detektiv-Institut beschäftigt außer dem Bureaupersonal gewöhnlich einen festen Stab von sechs Agenten. Jede Detektei steht außerdem noch in Verbindung mit weiteren Agenten, die sie von Fall zu Fall zu Beobachtungen heranzieht. Die Unkosten eines reell betriebenen Detektivbureaus betragen, schlecht gerechnet, wenigstens 2500 Mark im Monat. Noch vor einem Jahr erfreuten sich diese Unternehmungen eines außerordentlichen Zuspruchs: ein mittlerer Betrieb hatte etwa 75 Fälle im Monat aufzuklären. Heute ist die durchschnittliche Zahl der Fälle, mit denen sich ein Detektivbureau in Berlin zu beschäftigen hat, auf vielleicht vierzig im gleichen Zeitraum zuruckgegangen. Das Publikum nimmt nur noch in wirklich dringenden Fällen die Hilfe eines Detektivbureaus in Anspruch. Dennoch können gut eingeführte Detekteien nicht klagen, da das Geschäft recht einträglich ist. Eine gewöhnliche Beobachtung wird mit einem durch
gemeine Geldmangel, die WeltkrisiS. Zu Beginn des Jahrhunderts hätten wahrscheinlich solche Spannungen, wie wir sie jetzt auf sozialem Gebiet erleben, gekennzeichnet durch die Heere der Arbeitslosen, zum Kriege geführt — als dem großen, von nicht wenigen Staatsmännern mißbrauchten Blitzableiter. Auch heute könnte durch die Oeffnung eines solchen LtromverbraucherS ein gefährliches Element abgeleitet werden, aber d i e Bremse der Kapitalnot wirkt sich segensreich aus. Wenigstens ein Trost. 3n der Flottenfrage wird es zwischen Paris imb Rom deswegen nicht zu einem endgültigen Bruche kommen. 3talien hätte die finanzielle Kraft zu einem Schiffewett rennen nicht mehr.
Kriegsverhindernd oder -verzögernd wirken noch eine Reihe anderer Faktoren, vor allem d i e unklaren Verhältnisse in Deutsch- l a n.d, dessen Reutralität das Mindeste ist, wessen sich Italien vor dem Losschlagen versichern muß. Dann England! Italien muß wissen, ob im kritischen Augenblick die Mausefalle in Suez und Gibraltar geschlossen würde oder nicht. In London aber beliebt man ausweichend zu antworten. So bleibt Mussolini nichts anderes übrig, als den Frieden anzustreben. 3n seinen gewaltigen Rüstungen darf kein Widerspruch erblickt werden, denn er ist nach wie vor der Meinung, daß der beste Friede im Schatten der Schwerter gedeihe. 11 nb auf der Struktur geeigneter — Verttäge. Daher der Ausbau des östlichen Interessenkreises, daher die Drücken nach Madrid und Rio, daher der witzige Versuch, sogar das Paneuropa des guten Aristide Driand als Sprungbrett zu benützen.
schnittlichen Honorar von 50 'Dlart Jür jeden Tag bezahlt, und außerdem müssen die Spesen vergütet werden. Sollen Personen überwacht werden, die in teuren Lokalen essen und zehnmal am Tag Auto fahren, so darf der Detektiv vor den entsprechenden Ausgaben nicht zurückschrecken, die er freilich gesondert berechnen muß. Bei Diebstahlsfällen wird häufig ein Teil des zuriickerftatteten Diebesgutes als Prämie ausgesetzt.
„Sie sind im Irrtum", sagte zu mir der Ehef einer der ältesten Detekteien in Berlin, „wenn Sie glauben, daß wir nur Ehegatten beobachten, — die von dem Pfad der Tugend abgewichen find. Ost haben wir es mit Kriminalfällen zu tun, die eines Sherlock Holmes würdig wären. Mein Bureau befaßt sich fast ausschließlich mit intimen Sachen, die die Betroffenen nicht gern der Polizei preisgeben möchten. Vor kurzem habe ich folgenden interessanten Fall bearbeitet: Eine Dame bat mich, das Geheimnis ihrer Schwester auszuklären, die Gift zu sich genommen hatte und in bedenklichem Zustand darniederlag. Die Schwester der Dame war verlobt, sagte aber nicht, wer ihr Bräutigam sei. Man wußte nur, daß der Verlobte ein Schriststeller sein sollte. Meine Auftraggeberin nahm an, daß der geheimnisvolle Bräutigam ihre Schwester gezwungen habe. Gift zu nehmen. Auch mir wollte die Schwerkranke nichts verraten. Ich stellte nun durch Ermittlungen fest, daß die junge Dame vor kurzem bei einem Notar ihr Testament gemacht hatte. Sie hatte ihr ganzes Vermögen einem unbekannten Herrn mit polnischem Namen vermacht. Nun galt es, diesen Herrn ausfindig zu machen. Ich ermittelte bald, daß in einem anderen Stadtteil ein Herr desselben Namens als Hypnotiseur tätig war. Weitere Feststellungen ergaben, daß der Hypnotiseur unter der Vorspiegelung, daß er Schriftsteller sei, die Bekanntschaft der jungen Dame gemacht und sich mit ihr verlobt hatte. Offenbar hat er ihr bann suggeriert. Gift zu nehmen. Das Verbrechen war derart raffiniert ausgeführt, daß eine Ueberführung des Täters nahezu unmöglich erschien, zumal die beutfd)en Gesetze, die auf Hypnose angewandt werden tonnen, viele Lücken aufweisen. Außerdem
wollte man die Angelegenheit nicht durch einen Prozeß in die Oefsentlichkeit ziehen. Den Aerzten gelang es inzwischen, die junge Dame wieder auf die Beine zu bringen. Sie suchte ihren Bräutigam auf und nahm für ihn Partei. Der Hypnotiseur preßte ihr,' wie die Schwester mir später erzählte, noch 8000 Mark ab und verschwand dann. Das Verbrechen blieb leider unbestraft."
„Ein anderer Fall aus meiner Praxis spielte Im Hause eines Großindustriellen. Der Herr des Hau» ses, der oft Gesellschaften gab, bemerkte, daß nach jedem Empfang irgendein kostbarer Gegenstand — ein goldenes Zigarettenetui, eine Tabatifere ober etwas Aehnliches — verschwunden war. Er bat mich, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich gab meinem Auftraggeber den Rat, mich zu dem nächsten Diner einzulaben, was er auch tat. Bei meiner Einführung würbe ich ben Gästen als ein Bekannter aus ber Provinz vorgestellt. Nun bat ich ben Gastgeber, einen Tausendmarkschein auf ben Tisch im Rauchsalon zwischen andere Papiere au legen. Nach dem Diner begab sich die Gesellschaft in ben Rauchsalon, und alles gruppierte sich zwanglos zu einer gemütlichen Plauderei. Plötzlich teilte mir der Hausherr erregt mit, daß ber Tausendmarkschein inzwischen verschwunden sei. „Niemand verläßt das Zimmer", ordnete ich an, nachdem ich den Anwesenden den Sachverhalt erklärt hatte. „Wir wollen uns alle durchsuchen lassen!" Eine Dame geriet dabei in höchste Aufregung und fing an, unter dem Tisch nach dem verschwundenen Tausendmarkschein zu suchen. Ich sah, wie sie dabei unauffällig die Banknote aus ihrem Decollets herausholte und neben dem Papierkorb auf ben Boben fallen ließ. „Da ist er ja", rief sie bann und zeigte verlegen den Schein. Ich sagte nichts, da an einer Ueberführung nichts lag, und klärte den Gastgeber auf. Er war peinlich berührt, wußte aber jetzt, woran er sich zu halten hatte. .
„Meine Spezialität sind firimtnalfallc aus b e m V a n b e , erklärte ber Inhaber eines anderen großen Detektivbureaus. „Die Aufklärung dieser Fälle kann manchmal sehr gefährlich werben. Auf einem Rittergut würbe Silber gestohlen. JBom later fehlte jebe Spur, jeboch mit Hilfe bes Finger- abbriickoerfahrens gelang es mir, festzustellen, baß der Einbrecher ein Arbeiter vom Gute war. Ich näherte mich ihm und gab mich für einen Hehler aus. Als ich bas Silber in Empfang nehmen sollte, zog ber Täter — offenbar hatte er Verbucht geschöpft — plötzlich eine Pistole und schoß. Die Kugel flog dicht an meiner Nase vorbei, und der Dieb flüchtete. Er wurde aber von meinen Helfern gefaßt, die sich in ber Nähe versteckt hielten."
„Wir haben viel mit E r p r e s s u n g s v e r s u . che n zu tun", würbe mir in einem brüten Detek- tiübureau erzählt. „Meist handelt es sich um Sexual- vergehen, deren Kenntnis ausgenutzt wird. Aber auch andere interessante Fälle sind in unseren Buchern vermerkt. Einmal bat mich eine junge Dame um Hilfe, weil sie jede Woche einen Brief mit bem Abbruck einer schwarzen Hand erhielt. Bald folgte ein unheimlicher Drohbrief mit der Ankündigung: ,-Nächstes Mal, wenn Du auf ber Straße erscheinst, wirst Du erschossen." Die junge Dame, Tochter eines Bankiers, wußte sich keinen Rat, zumal sie wähnte, keine Feinde zu haben. Ich ließ bas Haus beobachten und ermittelte einen Wann, der sich in der Nähe des Hauses aufhielt. Er war der heimliche Freund ber jungen Dame, der sich aus Eifersucht zu solchen Drohungen hin- reißen ließ, um seine Geliebte daran zu hindern, daß sie bas Haus verließ!"
Reichsjustizminister a. O. Bredt Oberbürgermeister?
WSN. Marburg, 25.' Ian Reichsjustiz. Minister a. D. Prof. Dr. Brebt, besten Wiebereinsetzung in seinen hiesigen Lehrstuhl bis rechts- und staatswissenschaftliche Fakultät ber Universität kürzlich beantragt hat, ist jetzt für den Posten des Oberbürger m ei st ers von Elberfeld- Barmen in engste Wahl gestellt.
Daten für Dienstag, 27. Januar.
1756: der Komponist Wolfgang AmadeuS Mozart geboren. — 1775: der Philosoph Fr. W. v. Schelling geboren. — 1859: Wilhelm II.. ehemaliger Deutscher Kaiser, in Berlin geboren.
Detektive plaudern aus der Gchule.
„Welches war Ihr aufregendster Fall?" — Eine Umfrage bei großen Berliner Detekteien. — Was eine Beobachtung kostet. — Oer Giftmord des Hypnotiseurs.
Don Karl Gillbrück.
Geselligkeit.
Don Hans Hajek.
Alle Geselligkeit, die um ihrer selbst willen da ist, hat für ben Menschen einen doppelten Sinn: entweder in ihr aufzugehen ober gerabe im Gegenteil aus ihr und durch sie hervorzutreten: sich in ihr zu verlieren ober sich in ihr zu finben, roill Jagen zu Selbstgefühl und Macht gelangen. Das Aufgehen in einen geselligen Kreise braucht nun natürlich keineswegs ein Gefühl ber Minderwertigkeit zu erwecken, es kann durch die Solidarität, durch die Einfügung in ben überpersönlichen Gemeinschaftsgeist ebenso erhöhend auf bas Selbstgefühl wirken. Für viele Leute ist es ja schon genug, „bab e i'zu sein. Aber nur in einem Falle wird bieses Ein- gebunbenfein in eine Geselligkeit seine Genugtuung ganz in sich selbst finben: wenn ein von allen anerkannter persönlicher ober ibceller Mittelpunkt das Ganze beherrscht. Also im Gottesbienst, in ber Verehrung eines abwesenben ober gar anwesenoen Helben, in Tanz und Chorgesang — von zweckhaster Geselligkeit soll hier ja nicht die Rebe sein.
.Wenn ich zunächst von denen absehe, bie aus der Geselligkeit heraus und durch sie hervortreten, von ben Löwen unb Löwinnen der Gesellschaft, wie man es einmal nannte, bann ist die Voraussetzung feder Geselligkeit für ben einzelnen, baß er'fein Ich an sie hingeben kann, wenigstens bis zu einem gewissen Grabe. Da dies bem Primitiven leichter wird, ist bie volkstümliche Geselligkeit bunter, le- benbiger, ungehemmter als bie der schon zu „Individualitäten" gewordenen Menschen. Eine gewisse „Primitivität" ist aber nur e i n Faktor, dessen Vorhandensein Geselligkeit fördert: dazu kommen wichtige andere der Rasse, ber charakterologischen Anlage, der Erziehung, ber Umwelt schlechthin. In Deutschland zum Beispiel ist die Fähigkeit zur Geselligkeit ohne Zweifel im Westen unb Süden weitaus stärker als im Osten und besonders im Norden. Der Niedersachse ist in allen seinen Spielarten ausgesprochen ungesellig gegenüber bem höchst geselligen bayrisch-österreichischen Stamme, gegenüber bem Schwaben unb dem Rheinfranken. Der Geltung^ trieb des einzelnen in ber Berliner Geselligkeit ist viel großer ober viel kleiner als der etwa in Wien;
weshalb man den Berlinern nicht ohne Recht vorwirft, baß sie sich etwas vormachen lassen ober selber etwas vormachen, baß sie bazwischen aber keinen Uebergang kennen. In Hamburg, aber auch überall in Berlin, kann einer Stunben lang mit jemand anberm an einem Tisch sitzen (was freilich nur in einem völlig überfüllten Lokale unb bann zum beiberfeitigen Mißvergnügen geschieht), ohne mit ihm zu sprechen, etwas von ihm zu erfahren, kurz: sich wenn auch noch so oberflächlich mit ihm ZU vergesellschaften. Im Süben ist bas ganz ausgeschlo - len; es bebarf ba keiner „Frechheit' unb „Auf- bringlichkeit", um sich anzuschließen ober viel mehr ce eilig angeschlossen zu werden. Wahrend im Norden jeder Angst vor Verbindlichkeit hat, ist man im Süden ganz unverbindlich unb empfmbet selbst eine spätere Fortsetzung, bie selten zustanbe kommt, keineswegs als laftenbe Verpflichtung.
Mit biefer Feststellung möchte ich nun aber nicht vortäuschen, ber Süben unb Westen ube grenzenlose unb bebenkenlose Geselligkeit, wahrend bem Osten unb bem Norben jebe Geselligkeit unbekannt sei. Die Unterschiebe ber Stammes- unb t'anb- schaststemperomente sind mannigfach gekreuzt burch Hemmungen unb Förderungen des Lebenskreises des Berufes, der politischen Partei: dem Fremden ist die gesellige Möglichkeit überall efter verschlos- cn aÄ irgendwie Zugehörigen. Als Sudeten- deutscher habe ich mich in vielen Wiener Stubentem jähren immer als Frember gefühlt, wahrend ich nach zwei Berliner Semestern hier ganz zu Hause war und also ein zweites Jahr hierher ging.
Geselligkeit fordert also eine gewisse Gleichartigkeit ber in ihrem Namen oerfammelten Menschen: ihre Unterschiebe und Gegensätze dürfen nicht so groß sein, daß sie bas Zustanbekommen jenes Ge- fübles ber (wenigstens zeitweisen) Eingebunbenheit hinbert. Simmel — ber Philosoph — Hot ganz mit Recht barauf aufmerksam gemacht, baß vielfach gerabe bei sehr gescheiten Leuten die Geselligkeit nur im gemeinsamen Esten, allenfalls im wechselseitigen Erzählen mehr oder minder schlechter Witze bestthe _ auf einen andern Generalnenner sind sie eben nicht zu bringen. Andererseits ist Geselligkeit aber auch dort unmöglich, wo die Gleichartigkeit der an -ihr Beteiligten zur Eintönigkeit wirb. Oebe Fachsimpelei verdient doch ben Namen einer geselligen Zusammenkunft nicht mehr!
In einer ibealen Geselligkeit sollte es also bie Menschen, bie immer unb bauernd aus ihr heraus, durch sie hervortreten, gar nicht geben. Wo eine gesellige Zusammenkunft durch „ßöroen" ober „Löwinnen", burch Berühmtheiten unb „interessante Menschen" herausstaffiert und zugkräftig gemacht werben muß, wirb ihre eigentliche Schwäche offenbar. Ich kannte vor Jahren einen reichen Mann, ber für jebe gesellige Stunde in seinem Hause ein genaues Programm machte: weil er zwar höchst gastfreundlich war, aber jeglicher geselliger Gaben entbehrte. Solche Naturen müssen ihre Geselligkeit, zu der sie verpflichtet sind ober zu der sie wie der eben Genannte eine stille Neigung empfinden, arrangieren, bedürfen der Leckerbissen, der Zugmagnete, ber kleinen Reben unb ber Kartenkunststücke, wenn sie bie Kosten ber Unterhaltung nicht, wie heute oft, bem Grammophon ober bem Rabio zu tragen überlassen. Die Voraussetzung aller Geselligkeit (ober ist es ihre köstliche Frucht?) fehlt heute nur zu oft: bie ft u n ft bes Gesprächs.
Ihre Seltenheit ruht nicht nur auf Beherrschung ber Sprache und auf einem leichten Flusse ber Gedanken, denn bie taktvolle Fähigkeit, auf bem Instrumente ber geselligen Gesellschaft mit Gedanken und Worten zu spielen, ist nur die eine Hälfte: bie anbere liegt in ber taktvollen Bereitschaft, auch auf sich als Teil ber geselligen Gesellschaft spielen zu lassen: in ber Kunst bes Zuhörens, bie noch so viel schwerer als bie bes Redens ist. Sie ist auch bei den Frauen heute selten geworden. Zuhören aber unb Reben, in deren Auf unb Ab die Pausen nicht fehlen dürfen, gestalten bas flüchtige Werk bes gemeinsamen Gesprächs, aus bem Geselligkeit um ihrer selbst willen entspringt unb in bas_ sie in zabllosen Variationen zum Ende wieder mündet.
Zeitschriften.
— In die Erörterung über die Frage. Soll Deutschland fort von Genf? greift im Dezemberhest der „Europäischen Gespräch e“ (Verlagsbuchhandlung Dr. Walther Rothschild, Derlin-Grunewalb) 21. Mendelssohn Bartholdy ein. indem er Vorteile und Rachteile einer deutschen Kündigung in ®enf gegeneinander abwägt. Bei nüchterner Prüfung der rechtlichen wie der politischen Konstellation, Die
für Deutschland keine heroische Geste zulätzt. ergibt sich die mißliche Lage, daß Deutschland« Rückzug aus Genf nur bann die günstige Wirkung eines Vorstoßes haben kann, wenn der für uns international so folgenreiche Schnitt von Italien mitgegangen wird.
— Daß die Frau an Wagemut kaum hinter dem Mann zurücksteht, zeigt ein Artikel in dem Heft Rr. 4479 der Leipziger „Illustrierten Zeitung" (Verlag 3. 3. Weber), der betitelt ist „Die Frau in der Lust". An Hand interessanter alter und neuer Abbildungen sehen wir, wie Fliegerinnen von einst und jetzt der Frau die Lüfte erobert haben. — Wenn aber der Fasching kommt, dann vergißt die Frau ihren Ehrgeiz und will wieder ganz Frau fein; Anregung für eine farbenfreudige Karnevalskostümierung bringt die vierfarbige Modebeilage „Farbenfreude im Karneval", bie noch durch eine Bilderseite „Karneval ber Kleinen" vervollständigt wird. Reichhaltig ist auch der übrige 3nhalt: eine Plauderei über politische Schlagwörter, ein illustrierter Beitrag über die verschiedenen 3agdhunderassen, Bilder aus der ostpreußischen Landschaft, moderne 3nnenräume, naturwissenschaftliche, geographische und tagesgeschichtliche Beiträge.
— Mit dem Cröffnungsheft des neuen 3ahr- gangeä 1931 der bekannten Kunstzeitschrift „Pantheon" aus bem Verlage F. Bruckmann, A.-G-, in München tritt bie Vereinigung der beiden deutschen Kunstzeitschriften. „Pantheon" und „Der Cicerone" erstmalig in Erscheinung; Herausgeber: O. v Falte und 21. L. M ach e r. — 3n den Leitartikeln des 3anuarheftes werden Bildnisse von Bernhard Strigel, Altdorfers Auferstehung Christi und aus der Pariser Sammlung Gustave Dreyfus, die eine Sensation für den Kunstmarkt bedeutete, Gemälde von FranceSco Cossa, und Plastiken von Michel Colombe, Der- rocchio, Pietro Lombardi, Mino da Fiesole. Settignano und Luca della Robbia gezeigt. Ein Regensburger Weister, ein Veronese zugeschriebenes Bild „Erschaffung der Eva", Werke von Cezanne, Manet und Renoir sind auL der Walerei noch zu nennen. Das Kunstgewerbe ist mit Hauptwerken persischer Teppichkunst, mit Emaildosen von Chodowiecki, mit Fayencen und Gläsern reich vertreten.


