Ausgabe 
25.6.1931
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 146 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Donnerstag, 25. Juni (931

Landnöten.

Es ist nicht uninteressant, daß Präsident Hoo­ver sich in seinem Appell an die Welt zum großen Teil die Gedankengänge zu eigen gemacht hat, mit denen die deutsche Delegation aus der Pariser Konferenz arbeitete. Mit besonderem Nachdruck hat er dabei darauf hingewiefen, daß Amerika an den Reparationen, an der Aufteilung der deutschen Kolonien und an dem Raub des Privateigentums nicht beteiligt sei. Inwie­weit das ganz zutreffend ist, inwieweit nickt gerade die Vereinigten Staaten verpflich­tet waren, nach dem Vorvertrag, der auf Grund der vierzehn Punkte Wilsons ge­schlossen war, diesen krassesten Auswüchsen des Ver­sailler Systems entgegenzutreten, mag im Augen­blick dahingestellt bleiben. Wir verzeichnen jedenfalls mit Genugtuung, daß die amtliche Politik der Ver­einigten Staaten heute die Ursachen der Welt­krise in denselben Fehlerquellen er­blickt, die auch von deutscher Seite seit Jahr und Tag angeführt wurden, also auch in' der Art, wie uns unsere Kolonien weggenommen sind. Es kann ja auch tatsächlich kein Zweifel darüber be­stehen, daß ein Volk, dem in der eigenen Heimat der Platz zu eng wird, irgendwie nach kolonisatori­scher Betätigung drängen muß, nicht nur um zu verhindern, daß der Beoölkerungsüberschuß als Kul- turdüngcr der ganzen Welt verloren geht, sondern auch um der jungen Generation ein Be­tätigungsfeld zu schaffen. Welche segens­reichen Wirkungen das für die Staatspolitik haben kann und muß, zeigt das Beispiel Englands. Um alle diese Möglichkeiten sind wir durch das Frie­densdiktat betrogen worden. Wir haben eine unge­heure Menge von Arbeit in unsere Kolonien hinein­gesteckt, haben eine besondere schwere Anlaufszeit durchmachen müssen, weil wir eigentlich bei der Ver­teilung der Welt zu spät kamen und uns mit weni­ger guten Ländern begnügen mußten. Was aber hier kulturell von den Deutschen geleistet ist, darf volle Anerkennung beanspruchen, findet sie heute wohl auch, nachdem die K o l o n i a l l ü g e des Ver­sailler Diktats von den Engländern und zum Teil auch von den Franzosen preisgegeben worden ist. Die Schwierigkeiten, unter denen wir stehen, wären niemals so groß geworden, wenn wir das Reser­voir unserer Kolonien noch gehabt hätten. Wir hät­ten einen Teil unserer Arbeitslosen dort unterbrin- qen können, und wären auch in dem Verbrauch der Rohstoffe, wie der Lebensmittel nicht so auf teure Devisenkäufe angewiesen. Es ist also selbstverständ­lich, daß Deutschland, wenn es für den Wiederauf­bau seines Volkstums ein Programm aufstellt, auch auf seine Kolonien nicht verzichten kann, trotz der Bedenken, die dagegen von dem Ge­sichtspunkt der unmittelbaren Lebensnotwendigkei­ten erhoben werden können. Um so bedauerlicher ist cs, wenn gerade in diesen Tagen der Führer der Nationalsozialisten Hitler in einer großen Kund­gebung, die erein politisches Bekenntnis" nennt, ich über den Wert der Kolonien sehr abfällig und keptisch äußert. Er legt damit seine Partei auf die gleiche Linie fest, in der schon die Kommunisten und auch die Sozialdemokraten liegen, und würde damit eine Abwehrmehrheit schaffen helfen, die auch die bescheidensten parlamentarischen Pläne hinsicht­lich der Wiedererlangung von Kolonialbesitz ver­nichtet. Wir wollen aber die Erwartung nicht auf- geben, daß auch die Nationalsozialisten im entschei­denden Augenblick sich doch für eine aktive Kolonial­politik cinsetzen werden

Oer Kamps der Polen gegen die deut­sche Minderheit wird mit ungebrochener Schärfe fortgesetzt, wenn auch die einzelnen Gewalt­akte nicht in die Öffentlichkeit dringen, weil sich die Betroffenen aus Furcht vor der polnischen Rache weigern, nähere Angaben über das Vorgehen der Polen zu machen. Die ständige Vergewaltigung un­serer Volksgenossen jenseits der Grenze, namentlich der Zwang, die deutschen Kinder in die polnischen Schulen zu schicken, läßt es notwendig erscheinen, einmal einen Blick auf die Verhältnisse in

unseren Ost Provinzen zu werfen. Hier können sich die Polen politisch ungehindert betätigen. Sie haben ihre Vereine, wählen ihre Abgeordneten, sie haben auch zahllose Schulen, in denen, und das ist das Wesentliche, Lehrer Unterricht erteilen, die die polnische Staatsangehörigkeit besitzen, also durch polnische Vorbereitungsanstalten gegangen sind und sich selbstverständlich in nationalpolnischem Sinne betätigen. Außerhalb des Bezirks Oppeln, der nicht weniger als 51 polnische Schulen aufweift, gibt es in den sonstigen preußischen Gebietsteilen 53 Schu­len, an denen 68 Nationalpolen tätig sind. Wir glauben nicht, daß es jenseits der Grenze auch nur einen reichsdeutschen Lehrer gibt.

Der vor einigen Tagen in Berlin paraphierte Handelsvertrag Deutschlands mit Ru­mänien ist das erste Wirtschaftsabkommen, das die kürzlich für die Behandlung der südosteuropäi- schen Agrarstaaten aufgestellten Richtlinien in voll­stem Maße berücksichtigt. Zwar haben beide Teile Zugeständnisse gemacht, am besten haben aber doch die Rumänen abgeschnitten, die jetzt in die Lage versetzt werden, sich von einem erheblichen Teil ihrer Futtergerste und ihres Mais zu befreien. Abzuwar­ten bleibt, ob die deutsche Exportindustrie, der Zoll­

zugeständnisse gemacht worden sind, auf dem rumä­nischen Markt so festen Fuß zu fassen vermag, daß sich die gebrachten Opfer auch lohnen. Aber noch eins kommt hinzu. Rumänien ist der Verbün­dete Frankreichs, das vor wenigen Wochen die Handelsvertragsverhandlungen mit uns fast zum Scheitern brachte. Jedenfalls mußten die Beratun- gen ausgesetzt werden. In der Zwischenzeit haben aber die Franzosen den Rumänen nichts bieten können, was gut genug gewesen wärs, um handels­politisch im französischen Fahrwasser zu bleiben. Vielmehr hat die Bukarester Regierung die Fest­stellung machen müssen, daß niedrige deutsche (Ber­iten- und Maiszölle für die notleidende rumänische Landwirtschaft wesentlich besser sind, als teure An- leihen, die das Land nur immer tiefer in die Schul- denwirtfchaft hineinstürzen. So sind denn die Ru­mänen ihren eigenen Weg gegangen, sie haben die ihnen von Deutschland aus bärge- botene Hand ergriffen, was in Paris denkbar schlecht vermerkt worden ist. Warum? Der Ru- mänenoertrag wird nicht allein bleiben, es werden auch andere Balkan st aaten bereit sein, mit Deutschland zu akkordieren. So bahnen sich Entwick­lungen an, die den Franzosen ebenso unbequem sind, wie die Zollunion mit Oesterreich.

WieverwendenwirdenZahlungSausschub?

Dor Optimisten wird gewarnt!

Don Or. Josef Winschuh, MdR.

Eine der wichtigsten Wirkungen, die von dem durchgeführten Hooverplan ausgehen kann, ist die Heilung der Vertrauenskrise, die einen so großen Anteil an dem wirtschaftlichen Nieder- gang und der sozialen Not hat. Aber man muß im gleichen Atemzug warnen vor einem deutschen Op­timismus, der sich schon jetzt anschickt, das Fell des Bären, den wir noch nicht haben, zu verteilen. Ein­mal steht es noch durchaus dahin, ob der Hooversche Vorschlag schnell und vollkommen durchgeht. Der wichtigste Mann nach Amerika im Konzert der Kriegsschulden und Reparationen, nämlich Frank­reich, macht Schwierigkeiten. Zunächst müssen also alle Kräfte sowohl der Nation wie der Regierung darauf konzentriert werden, Hoovers Werk durchzusetzen.

Und dann muß die Atemfrist, die wir gewonnen haben, ausgenutzt werden zur Grundlegung einer zielbewußt weiterführenden Revisionspolitik. Es wäre psychologisch völlig falsch, den einjährigen Zahlungsaufschub mit Optimismus zu quittieren. Es wäre politisch völlig falsch wenn der Zahlungsaufschub den Widerstand der Nation gegen die Tributzahlungen erlahmen und den Revisionswillen der deutschen Regierung ein- lullen und schwächen würde. Das Hooversche Welt­feierjahr muß vielmehr von einem Volk, das sich in seiner Meinungsäußerung diszipliniert Zügel anlegt und das Endziel unserer Revisionspolitik nicht aus dem Auge läßt, und von einer tatkräftigen, um Ver­trauen werbenden Regierung ausgebaut werden zum Auftakt einer gerechten und erträg­lichen Reparationsneuregelung. Der Gewinn ist, daß das Reparationsproblem, das die Franzosen genau wie das System von Versailles er­starren lassen und unantastbar machen möchten, wieder in Fluß gekommen ist. Dieser Gewinn kann vertan, er kann auch ausgeroertet werden. Er muß ausgewertet werden als Gelegenheit, einenDeut­schen Plan" herauszubringen und für ihn die Welt­meinung zu gewinnen.

Diesem obersten Ziel muß auch die inner­deutsche Verwendung des Zahlungs­au f s ch u b s dienen. Die Verwendung der Beträge, die frei werden, muß uns einmal zum Durchhalten unserer inneren Krise stärken, zum andern die deut­schen Finanzen für die Weiterführung des Repara­tionsfeldzuges wappnen. Es handelt sich um etwa 1500 Millionen, die wir vom l.Iuli 1931 bis zum 1. Juli 1932 nicht für Reparationen aufzubringen

hätten. Es kann sich nun nicht darum handeln, diesen Betrag nach Mustern der letzten zehn Jahre zu ver­wirtschaften. Die Erinnerung an den Run der Par- teien und Interessen, der vor einigen Jahren auf die Zahlungserleiasterung einsetzte, die der Poung- plan zunächst versprach, sollte warnen. Oberster Grundsatz muß sein, daß die Regierung, die einen Anfangserfolg im Reoisionsfeldzug errungen hat, sich nicht optimistisch stimmen läßt, sondern allen Parteiwünschen, die den Zahlungs- aufschub verteilen möchten, eine ent­schiedene Absage erteilt.

Wie soll der Zahlungsaufschub verwendet werden? Stecken wir das Feld zunächst negativ ab. Es kann sich erstens nicht darum handeln, daß an die Stelle der Notverordnung einfach die freiwerdende Jahres- Zahlung tritt. Es kann sich weiter nicht darum han­deln, aus der Iahreszahlung einen sozialen Fonds zu machen und aus ihm soziale Erleichterungen aus­zuschütten. Es kann sich ferner nicht darum handeln, den Zahlungsaufschub für wirtschaftliche Subven­tionen zu verwenden.

Notwendig ist vielmehr zweierlei. Einmal, daß die Reichsregierung eine Finanzreserve erhält, die der deutschen Wirtschaft und damit auch dem ein- geschrumpften deutschen Arbeitsmarkt neue Steuern erspart, zweitens, daß das Reich seine kurz­fristigen Schulden los wird, die immer wieder auf die Lage der Reichsfinanzen drücken. Gerade der Schuldendienst ist zu einer Gefahr für die Ordnung unserer Finanzen geworden, und das Gleichgewicht der Finanzen ist wiederum das A und O einer gesunden Wirtschaftspolitik und damit auch der Krisenüberwindung. Das Reich hat jetzt schwebende Schulden in Höhe von rund 1.5 Milliar­den. Unter den Schuldposten sind am bedenklichsten die über 1100 Millionen Schatzanweisungen, mit denen das Reich den Banken verschuldet ist. Der Ueberbrücfungsfrebit von 250 Millionen, den das Reich wieder zum Monatsende aufnehmen muß, beweist, wie dringend notwendig hier eine Entlastung und Bewegungsfreiheit ist. Die Notverordnung hat zwar den außerordentlichen Haushalt beseitigt und damit den Willen der Regierung zu erkennen gegeben, die Beanspruchung des Kredit­marktes durch das Reich aufzugeben. Aber erst die Verwendung eines großen Teils der freiwerdenden Iahreszahlung zur Umwandlung der schwebenden Reichsschuld wird diesen Willen auch zur Wirklich­keit machen können.

Hier erhebt sich nun leicht der Einwand: Ist das nicht zu fiskalisch gedacht? Nein, keineswegsi Nur durch Opfer und Einschränkungen, durch eine radikale Abkehr von den Ucbcrtrcibungcn und Aufwänden der letzten zehn Jahre können wir die Krise überwinden und die Grundlage für eine gesunde öffentliche und private Wirtschaftsführung legen. Es wäre der größte Fehler, wenn der Zah- lungsauffchub unseren inneren Reformwillen und Rcformzwang schwächen würde. Und weiter: Auch Wirtschaft und Arbeit profitieren von einer zurück- haltenden Verwendung der freiwerdenden Jahreszah- iung. Eine Finanzreseroe setzt die Regierung in den Stand, der Wirtschaft sagen zu können: Vorneuen Steuern und La st en bi st du in abseh­barer Zeit sicher. Diese Aussicht kann einen Zuwachs an entschwundenem Vertrauen bedeuten. Die Umwandlung der schwebenden Schulden ent­lastet den deutschen Kapitalmarkt zugunsten der Kapitalansprüche der Privatwirt­schaft. Das ist eine Auslockerung des sestgesahrenen deutschen Kreditsystems. Entlastet man die Reichs­bahn, die ihre 660 Millionen Reparationsanteil nicht mehr aufbringt, in einem gewissen Umfang, so bedeutet das wiederum eine Belebung der Wirtschaft durch Reichsbahnausträge. Wie man sieht, sind die indirekten wirtschaftlichen Wirkungen und Anregun­gen durch eine hauptsächlich finanzpolitische Verwen­dung der freiwerdenden Iahreszahlung doch be- träcktlich, vor allem dann, wenn man die wirtschaft­lich bedeutsame Stärkung des internationalen Ver­trau ns durch den Erfolg des Hooverfchen Plans in Rechnung stellt. Wünschenswert wäre es, wenn aus dem Weltfeierjahr der Kriegsschulden und Repara­tionen auch einWendejahrderinternatio. n a l e n Kapitalversorgung würde, weist doch Hoover mit Reckt darauf hin, daß der Gold- reichtum Amerikas gefährlich zu werden beginnt.

DieverworseneKriegsschMhese

Zehn Jahre sind vergangen, seitdem von deutscher Seite mit der ernsten wissenschaftlichen Aufklärungs­arbeit in der Kriegsschuldfrage begonnen worden ist Im Jahre 1921 war noch der über­wiegende Teil der ausländischen Wissenschaftler der Auffassung, daß Deutschland den Weltkrieg absichtlich herdeigeführt und den alliierten und assoziierten Mächten aufgezungen habe. Auch glaubte man, daß das in Versailles gefällte Urteil in einwandfreier Weise und auf Grund zuverlässiden Materials zu­stande gekommen war. Die wenigen ausländischen Vertreter einer gegenteiligen Auffassung fanden kein Gehör.

Ganz allmählich und langsam begann sich dann in den folgenden Jahren das Urteil der Welt unter dem Eindruck der zahlreichen Dokumentenoeröffentlichun­gen, der Memoirenwerke und nicht zuletzt der Ar­beiten und Aufsätze hervorragender Wissenschaftler in allen Staaten zu ändern.

In der Erkenntnis, daß die Oeffentlichkeit An- sprach hat, über das bisherige Ergebnis der wissen- schastlichen Aufklärungsarbeit unterrichtet zu werden und einen Uebcrblirf über die Beurteilung derVer­sailler Kriegsschuldthese" im Ausland zu gewinnen, hat dieZentralstelle für Erforschung der Kriegs- Ursachen" den Wissenschaftlern und Sachverständigen, die in der Kriegsschuldfrage hervorgetreten und auf Grund ihrer Stellung und Arbeiten auf diesem Ge­biet besonders befähigt sind, ein Urteil abzugeben, drei Fragen über die Versailler Kriegsschuld­these vorgelegt. Die drei Fragen lauten:

1. Sind Sie der Auffassung, daß Deutschland den Weltkrieg mit Vorbedacht geplant sowie ihn vorsätzlich und absichtlich herbeigeführt hat?

2. Sind Sie der Auffassung, daß Deutschland den alliierten und assoziierten Regierungen den Krieg aufgezwungen hat?

3. Treten Sie der Auffassung bei, daß das in Versailles über die Schuld Deutschlands am Kriege von den alliierten und assoziierten Re- gierungen abgegebene Urteil auf Grund von Material gewonnen worden ist, das unvollstän-

Wiener Miniaturen.

Don 3gna Maria Zünemann

Unter blauestem Sommerhimmel mit wehenden Flaggen und lustigbunten Wimpeln begeht Wien seine Festwochen. Die Brunnen springen, in Parks und Alleen blühende Rosenfülle, Festoorstellungen in den Theatern, man bejubelt Bassermann, interviewt Elisabeth Bergncr, die mit eigenem Ensemble den WienernAmphitryon 38" vorführt. Vor dem prächtigen Rathaus sind Tribünen aufge- schlagen für Schauturnen und Tanzvorführungen, beim Lichtsest erstrahlen die alten, historischen Ge­bäude, auf den großen Plätzen Symphoniekonzerte, Vorträge beliebter Männerchöre, im Augarten gibts ein Alt-Wiener-Kinderfest, im Stadtgarten feiert man den Walzerkönig Strauß, Volksgarten und Heldenplatz (äußerer Burghof) find schwarz von Menschen beim Monstre-Konzert der vereinigten Militärmusiken der Garnison Wien. Das war der Höhepunkt, so recht ein Abend fürsWeaner Ge­müt". Mit klingendem Spiel unter Vorantritt von Fackelträgern zogen die Musiker über den Graben nach der Burg, vorauf und hinterher im gleichen Schritt und Tritt Männlein und Weiblein, alt und jung; im schäbigen, abgetragenen Anzug mit ab­gelaufenen Absätzen, Freude und Eifer auf dem ver­witterten Faltengesicht ein grauköpfiger Alter, der, wohl in Erinnerung an vergangene Zeiten, sich im Parademarsch übt.

Auf dem dunklen Heldenplatz, von magischem Licht umflossen, die Reiterstatuen des Erzherzogs Karl und des Prinzen Eugen, zauberhaft erhellt die neue 'Burg. DiePrinz-Eugen-Fanfare" bringt schon Stimmung, man klatscht und ruftHeil", als im ,Laiserwalzer" von Joh. Strauß die letzten Takte der alten Nationalhymne erklingen, und als gar der Radetzkymarsch" aufrauscht, da begeistert sich die Menge so sehr, daß er wiederholt werden muß. W i e sie ihn aber auch spielen, so mit Verve und Temperament, daß selbst wirkühlen Reichsdeut­schen" mitgerissen werden! Man promeniert nicht mehr, das steht wie eine Mauer Kopf an Kopf, Eiswafferl-Frau" und Limonadenverkäufer müssen sich mühsam durchzwängen. Sie machen keine Ge­schäfte, man kann nicht zween Herren dienen, man braucht die Hände zum Applaudieren. Kaum, daß die ersten Takte des altbekannten MarschesUnter dem Doppeladler" laut werden, so hebt eine Bei­fallskundgebung an, daß alle Blas- und Schlag­instrumente darin untergehen. Natürlich Wieder­holung! Das ist ein Abend. Der Burghof ist von Zaungästen umlagert, es werden 50 Groschen (gleich

30 Pf.) Eintritt erhoben zum Besten der Militär­hinterbliebenen. Wer die Menge auf dem Helden­platz sah, weiß, daß der Unterstützungskasse ein net­tes Sümmchen zugeflossen ist. Irgendwo über der Donau oder in den Bergen ist ein Gewitter nieder­gegangen, es wird empfindlich kühl, aber das dämpft keineswegs die Begeisterung! Man harrt aus, bis die letzten Takte des SchkußmarfchesAller Ehren ist Oesterreich voll" verklungen find d r e i- m a l muß der Marsch gespielt werden, bevor die Musiken, hochgeehrt, von Fackelträgern begleitet, ab­ziehen können, und der Lichtzauber auf dem Helden- platz erlischt ...

Politisch ist er nicht, der Durchschnittswiener, auch wenn er sich durch Berge von Zeitungen im Cafe- haus hindurchliest. Er hat beneidenswerterweise ein Stück Fatalismus vom Geschick mitbekommen. Ja, es sieht schlimm aus mit dem armen Oesterreich, aber was soll man machen? Die Krediton­st a 11 s f r a g e tut man ab mit wehmütiger Geste: der arme Schilling wird bald aufgehört haben zu leben. Was man erhofft? Ach, man ist so resigniert: was wird schon noch werden. Die Zustände in Deutschland sieht man durch eine rosige Brille. Wenn sie Deutschland auch noch so drangsalieren, Deutschland wird schon wieder hochkommen. Und wann's dem deutschen Bruder gut geht, geht es dem armen Oesterreich auch wieder besser. Die Hoch­achtung vor Deutschland, vor deutscher Leistung, vor deutscher Mark ist unbegrenzt. Unbegrenzt ist auch die Vaterlandsliebe des Oesterreichers, grenzen­los seine Liebe zur Heimat, die bisweilen, weil eben alles gut, schön und vortrefflich ist, beinah grotesk wird. Liebenswürdig sind die Wiener, stolz auf ihre Stadt,Wien, Wien, nur du allein!" Aber man sieht und fühlt überall: Wien ist nur noch der Schat­ten von einst. Unsichtbare Trauer liegt über dem heutigen Wien.Wien woar amol", sagt der Wach­mann, der fünf Jahre Krieg gekostet hat,un dazu liegn die Kameradn draußen" fügt er voll Bitter­keit hinzu.Wann fe fönntn, zerreißn würdn sie des arme Oesterreich" und gleich hoffnungsfroh: Aber des werd Deutschland net zulassen!" Ja, trotz Walzerklängen, Festwochen und Sommerhimmel, das Herz wird einem schwer.

Plötzlich gibts Extrablätter, das Kabinett E n - der-Schober ist zurückgetreten, von den hohen Fahnenstangen vor dem feudalen Parlament wehen die Fahnen, es waren schwere Beratungen mit den fremden Finanziers,'s war eh Zeit, daß sie gin­gen", hört man als Echo der vox populi auf der Straße, und dann überlegt man, ob man zum Prater hinausfährt oder nach Grinzing, wo der Heurige" lockt. Im Prater gibts keine Politik. Man spielt mit Ausdauer und Hingebung Tarock

oder Bridge, stundenlang die Batterie der Wasser­gläser wächst. Oder man häkelt unentwegt ©eiben* mützchen, die beinah jede Dame trägt. Das Riesen­rad grüßt herüber vom Wurstlprater, derewig und unveränderlich" ist mit seinen Karussells, den Schießbuden, den Bärenringkämpfen, derexotischen Tierschau", dem Flohzirkus, der Berg- und Talbahn und den unzähligen Gaststätten,des is a Hetz", da kann man Kriegsfolgen und Gegenwart vergessen.

Des Sonntags in Schönbrunn, wenn die hellen Sommerkleider und graziösen Schutenhüte der fröh­lichen Jugend aus dem satten Grün gepflegter Park­wege leuchten, wenn der Altwiener geruhsam die schattigen Waldserpentinen zur Gloriette empor- fteigt, von deren Plattform man herrlichen Rund­blick genießt, lieber das majestätische Schloß, über die Stadt, über die liebliche Umgebung, so einladend eingebettet in Grün. Wenn die Mittagshitze auf den breiten Wegen brütet, daß die Rosen süß aufduften, wenn der Park sich allmählich leert, denn die Frau Mutter wartet mit dem Mittagsmahl, und nur we­nige Liebespärchen im Tiroler Garten sitzen dann träumt man zurück zu den Zeiten einer Maria Theresia, die im prunkvollen Sarkophag neben ihrem geliebten Franzi, umgeben von 138 Särgen, in der stillen, kühlen Saifergrufl der alten Kapu- zinerkirche am Neuen Markt schläft. Hier endet Glanz und Glorie; angesichts dieser Prachtsärge, nebeneinandergereiht bis zum letzten Kaiser aus dem Hause Habsburg, erkennt man so recht die Ver­gänglichkeit alles Irdischen. Und jener einfache frommeinfältige Kapuziner, der durch die Gruft führt und bei einzelnen Bronze- und Metallsärgen erklärend verweilt, hat wahrhaft die Welt bezwun­gen. Nicht mit blutigen Kriegen, nicht mit diploma­tischen Bündnissen, nicht mit Heirat aus Staats­räson, wie jene, die hier auf die Auferstehung war­ten, und deren Leben Kampf um die Macht war. Er hat die Welt bezwungen, weil er ihr freiwillig entsagte und sich ein Ziel erwählte, das weder durch Kriege, noch durch Politik verändert werden kann. Alle Kinder der Kaiserin Maria Theresia sind hier beerdigt nur die eine nicht, Marie Antoinette, die unglückliche Königin von Frankreich, die unter dem Fallbeil starb", man fröstelt bei den Worten. Ob das nur die Kühle der Gruft ist?

Und draußen wieder Sonne und Leben, und der vielgeliebte Stephansdom schaut herab auf die alte, ewig junge Stadt, mit der großen Vergangenheit, der schweren und bitteren Gegenwart, und der, so Gott will, besseren Zukunft. Und da seine Glocken jetzt anheben, ihren Gruß hinauszurufen über Stra­ßen und Gassen bis zum Wiener Wald, ist es uns schier, als fingen sie ihren Abendfegen im Dreivier­teltakt ...

Zeitschriften.

H e f f e n l a n b*. (Herausgeber: Dr. Hitze- roth, Verlag: Eiwert in Marburg.) Das Juni-Heft ist volkskundlich von besonderem Interesse; wir heben die folgenden Beiträge hervor: Zolldirektor i. R. Woringer geht der Herkunft des Volksliedes Es zogen drei Regimenter wohl über den Rhein" nach; von dem fast zum Volksliede gewordenen Lied Franz Dingelstedts:Hier hab ich fo manches liebe Mal" und feiner Entstehung erzählt R. Börner. Reime und Sprüche aus dem Breidenbacher Grund imHinterland" hat H. Sauber gesammelt. Der Heimatforscher K. v. Baumbach beschreibt uns den Bau einer großen Scheuer und die Gebräuche der Zimmerleute. Dem Aufsatz sind interessante Ab- bilöungen beigegeben. Museumsdirektor Dr. Kip­penberger berichtet von den Einrichtungsarbeiten im Marburaer Museum, dessen Wesensart spezifisch hessisch ist. An geschichtlichen Beiträgen sind zu er­wähnen ein Artikel von H. Schmidt über eine Fliehburg bei Heimbach im Kreise Ziegenhain und H. Maldfeld über Steinau in den Reformations­kriegen 1546 und 1552. Schließlich erzählt uns L. Schneider von einem Besuch in einer Silberfuchs­farm und G. ßöffert vom Auer-, Birk- und Hasel- wild in hessischen Wäldern.

Das Inselschiff. Eine Zeitschrift für die Freunde des Insel-Verlages. Zwölfter Jahrgang. 3. Heft. Johanni 1931. Aus dem Inhalt des vornehm ausgeftatteten, von Start Weißer kulturvoll redigierten Heftes fei einiges mit besonderer Emp­fehlung heroorgehoben: als Leitaufsatz einLob des Landes", von Rudolf Alexander Schröder, gelassen und klar geschrieben, als Probe aus einem neuen BuchDer Wanderer und die Heimat"; das von dunklem Geheimnis durchtränkte Notturno von Hans Carossa:Ereignisreiche Nacht", aus einer Legende vom ärztlichen Leben; Wilhelm Schäfers Anekdote aus der Revolutionszeit des goldenen Mainz, ein prachtvolles, menschlich erfülltes, sprach­lich großartig beherrschtes Stück deutscher Prosa; Wie der Chronist sagt ..." ist ein interessanter, historischer Essay von August Ewald überschrieben; drei feine Sonette des 1915 auf Gallipoli gestor­benen, jungen englischen Dichters Rupert Brooke in der llebertragung von Cecile Gräfin Keyserlings; Geschichten von Gyges und Rhampsinitos aus dem Herodot (Insel-Bücherei Nr. 114); und eine kleine autobiographische Skizze von Aldous Huxley, dessen RomanZwei ober drei Grazien" in der schönen Ausgabe des Insel-Verlages auch in Deutschland seinen Weg macht.