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Ur. 96 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Samstag, 25. April 1931
Oer Gießener Voranschlag für 1931 en bloc angenommen.
Eine sachlich gehaltvolle Generaldebatte mit zahlreichen Anregungen. — Keine Neuauflage der Gtaatskommiffar-Herrschast.
* G i e ß e n, 24. April 1931.
Die heutige Etatsberatung des Stadtrates unterschied sich sehr bemerkenswert dadurch von den früheren chaushaltsberatungen, daß jetzt — im Gegensatz zu der sonstigen Gepflogenheit —von keiner Fraktion Anträge eingereicht worden waren, über die im Zusammenhang mit dem Voranschlag hätte entschieden werden müssen. Diese Abstinenz der Fraktionen hat ihren Grund in der allgemein mit starkem Bedauern vermerkten Tatsache, daß der neue S)c shalt mit einem u n g e - deckten Fehlbetrag von über 300 000 Mark abschließt, und bei dieser Sachlage es sich von selbst verbot, weitergehende Wünsche bei der Verabschiedung des Voranschlags mit zur Entscheidung zu stellen. Die im Verlaufe der heutigen Sitzung eingereichten Anträge werden zunächst den Finanzausschuß beschästigen, so daß das Plenum erst in seiner nächsten Sitzung zu diesen Forderungen Stellung zu nehmen haben wird. Die Beratung des Voranschlages, die diesmal in einer Generalaussprache ohne Ein^elberatung vor sich ging, verlief glatt und in einer dem Ernste der Zeit angemessenen Weise. Eine Reihe von Wünschen der verschiedensten Redner — natürlich mit Ausnahme der reinen Agitationsforderungen — muß als berechtigt bezeichnet werden, wobei jedoch heute noch dahingestellt bleiben muß, wann die Zeit zur Erfüllung dieser Forderungen gekommen ist. Der Voranschlag wurde schließlich gegen das Votum des rechten und des linken Radikalismus en bloc angenommen, die einzig richtige Entscheidung, der jedermann zustimmen kann, dem es um eine geordnete und ruhige Führung unserer Kommunalgeschäfte geht. Erfreulicherweise ist durch diese Zustimmung zum Voranschlag das Wiederaufleben einer Staatskommissar- Herrschaft, die am 31. März ihr Ende erreicht hatte, verhindert worden.
Sitzungsbericht.
Anwesend: Oberbürgermeister Dr. Keller, Bürgermeister Dr. S e i b, die Beigeordneten Dr. Hamm und Iustizrat Dr. Rosenberg, sowie 36 Stadtratsmitglieder. Im Kuhörerraum sind nur einige Personen anwesend. Auf der Tagesordnung steht
-er städtische Voranschlag für das JRj. 1931.
Auf Antrag des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Mitte, Stadtratsmitgl. Horn, beschließt das Haus einstimmig, in eine Generaldebatte .einzutreten, von der Einzelberatung aber abzusehen und dann sofort en bloc über den Voranschlag abzustimmen.
Giadiraismiiglied Mann (Soz.) bezeichet den Voranschlag für 1931 als ein Ergebnis der Notzeit, und weist zunächst besonders auf die außerordentlich starke Drosselung der Ausgaben hin. Er gibt der Befürchtung Ausdruck, daß an einzelnen Titeln zu viel gestrichen worden sei, z,B. beim Wohlfahrtsamt, und bezeichnet es als fraglich, ob mit den jetzigen Ansätzen auszukommen sei. Weiter bezeichnet er es als bedauerlich, daß trotz dieser Abstriche und der gesteigerten Einnahmen ein ungedeckter Fehlbetrag nicht verhindert werden konnte. Sodann äußert er der Stadtverwaltung sein Befremden darüber, daß von der Veränderung im Magistrat noch keine Mitteilung gemacht worden sei; er erklärt es als notwendig, daß die Stadtverwal-
Das «Schicksal
spricht das letzte Wort
Roman von I. Schneider-Foerstl.
Hrheber-Rechtschuh durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
3. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Zum zweitenmal riß der Graf an diesem Abend die Augen auf. „Run sei mir aber still, Viktor- chen! Ich und die Stadt! Da lachen ja die Kälber! Wenn ich hier durch den Park gehr, sehen mich wenigstens bloß die Bäume und die haben das Wundern schon verlernt, lind der Lex — na, den schert's nicht, wenn ich mal einen Triangel im Aermel habe. Am andern Morgen ist er dann wieder zugestopft. Aber bei euch drinnen!' Er verschluckte sich, mußte kräftig husten, drückte die Serwiette auf den Mund und setzte dann wieder zu sprechen an. „Mit meinem Frack wichst der Lex die Döden blank, das heißt, soweit sie noch blank gewichst werden können, lind aus dem Smoking, da hab ich mir mal ein Stück Aermel herausgebrannt. Mit einer groben Lodenjoppe kann man sich ja bei euch nicht sehen lassen!"
„Du wirkst auch in der Lodenjoppe gut, Vater."
„Sieh einer an! Schmeicheln kannst du auch! Das hab ich gar nicht gewußt. Aber sag selber, das gäb einen Dombenspaß: Der Hauptmann Graf Lippstädt in Galauniform und sein Vater im abgetragenen Iagdanzug. Zum Schreien wär das, Holle. Teufel! Lex!" Er pfiff durch die halbgeöffnete Tür, und als sich unten eine Stimme meldete, rief er im Kommandoton hinab: „Die Fische wollen schwimmen! Bring Wein! Eine Flasche? Zwei?" wandte er sich an Viktor.
Ter schüttelte den Kopf. „Ich habe kein Bedürfnis nach Wein!"
„Also zwei!" befahl der Alte und kam wieder an den Tisch zurück. „Komisch! Was? Sonst haben wir nichts zu knacken und zu beißen! Aber Traubensaft, der ist da!" lind als Viktor ihn fragend ansah, lachte er verschmitzt vor sich hin. „Da ist so vor sechs Wochen, es können auch ihrer sieben sein, ein Weinpantscher bei mir gewesen und wollte absolut die beiden alten Vasen haben, die oben in der Rumpelkammer stehen. Vielleicht entsinnst du dich! Ich hab hundert Flaschen besten alten Weißen verlangt und hundert Roten, auch vom besten — und der Rarr hat zugesagt."
„Er wird gewußt haben, warum!"
Der alte Lippstädt bekam einen Lachanfall. „Ich hab' gehört, er soll fünftausend Mark für den Plunder gelöst haben." lind als der Sohn keine Miene verzog, sagte er: „Ranu?"
tung diese Veränderung, die doch nicht mehr geheim sei, bekannt gebe. Es ehre die Verwaltung nicht, wenn sie über diesen Vorgang nichts sage, während der andere Beamte, der keineswegs unehrlich gehandelt habe, sondern seinem Vorgesetzten nur gefällig habe sein wollen, bestraft worden sei, und zwar in Höhe eines Monatsgehalts, oder mit 100 Mark. Wenn die Verwaltung nichts sage, werde seine Fraktion es an anderer Stelle zum Ausdruck bringen. Der Redner weist sodann auf den beträchtlichen Einnahmeausfall aus dem Waldbesitz infolge des verringerten Holzeinschlags wegen der stark gefallenen Holzpreise hin, erwähnt hierauf den gesteigerten Erlös aus den städtischen Häusern, der dem Wohnungsbaukonto zugeführt werde, und bedauert, daß keine Mittel im Voranschlag enthalten sind, um dem Baumarkt Aufträge zuzuführen. Im Verhältnis zu anderen Städten stehe unsere Stadt immer noch günstig da. Sodann preist der Redner die von den Sozialdemokraten vertretenen Wirtschaftsgrundsätze, bei deren Befolgung seit 1918 es uns heute besser gehen würde. Hierauf bespricht der Redner kritisch den Zuschuß von 10 000 Mark an die Volkshalle, fordert Aufschluß über die Rentabilität des Einhorn, erklärt sein Einverständnis mit dem Zuschuß von 50 000 Mark an das Stadttheater, billigt den Streckenzuschuß für den Flugbetrieb im Gießener Flughafen (dieser Zuschuß werde keineswegs für den Wirtschaftsbetrieb gegeben), erinnert an die alte Forderung der Schulgeldfreiheit, der Totenbestattung auf kommunale Kosten und fordert weiter Verbesserung der Badegelegenheit, insbesondere im Freibad. Er rügt ferner, daß an unseren Volksschulen nicht alle nach der Meßzahl des Ministeriums erforderlichen Lehrerstellen besetzt sind und gibt dem Wunsche Ausdruck, die neue Schule in den Eichgärten möglichst bald, spätestens aber so fertigzustellen, daß sie ab Ostern nächsten Jahres benutzt werden kann; in diesem Zusammenhänge regt er an, zu prüfen, ob in diesem neuen Schulhaus einige Säle für die Kinder des ersten Jahrganges nicht jetzt schon zum Unterricht bereitgestellt werden könnten. Er weist dann darauf hin, daß nach dem Etat allein für den Kapitalzinsendienst rund 300 000 Mark jährlich aufzubringen find, bespricht die Elektrizitätspolitik des Stadtrats im Hinblick auf die gegenwärtigen Vorgänge Preag—Provinz, geht auf die Gasverforgungsfragen ein und legt der Verwaltung dringend nahe, zu prüfen, ob nicht in absehbarer Zeit ein neues Gaswerk errichtet werden müsse, da das jetzige dem erheblich gestiegenen Bedarf nicht mehr genügen könne — es fei nur für zwei Drittel dessen gebaut worden, was heute geliefert werden müsse — und auf die Gasfernversorgung keine Hoffnungen zu setzen seien. Zum Schluß äußert der Redner Zweifel darüber, daß die Reichssteuerüberweifungen in der erwarteten Höhe eingehen würden. Wenn seine Fraktion auch dem Voranschlag zust'mme, so bleibe doch ihre ablehnende Haltung gegenüber der Bürgersteuer und der Getränkesteuer unbedingt aufrechterhalten. Die Stadtverwaltung solle nichts unversucht lassen, um möglichst viel Aufträge für die Wirtschaft hcrauszu- bringen. Dringlich sei auch die Zentralisierung der heute arg verzettelten Verwaltungsräume.
Stadiratsmitql Horn (Arbgem.d.M.) tveist zunächst auf das Expose des Oberbürgermeisters über den Voranschlag hin, das einen klaren Heberblick über die Sachlage gebe. Es sei richtig, wenn der Oberbürgermeister erkläre, daß der Abschluß des Voranschlags mit einem Fehlbetrag in erster Linie hervorgerufen wurde durch
„Es hätte sich allerhand reparieren lassen mit diesen fünftausend Mark."
„Kommst du mir so?" schalt der Alte. „Du hast den Humor verloren, Viktorchen! Schlaf dir die Grillen aus dem Kopf und die kleine Bloem auch. Willst noch einen Becher?"
„Danke!"
Die beiden Lippstädt rauchten ihre billigen Zigarren zu Ende, schwiegen und hingen ihren Gedanken nach. Trotz dieses wenig gesprächigen Zusammenseins wurde es Mitternacht, bis sich der junge Graf erhob. „Entschuldige, Vater, aber ich muh morgen früh wieder im Dienst sein. Schlaf recht wohl!"
„Tu auch, mein Junge!" Der alte Graf hielt Sanz still, als der Sohn sich nun Über ihn neigte und mit den zersprungenen Lippen seine Stirne streifte.
Lex trug das Licht voran. Elektrisches gab es nur in den Parterreräumen. Rach oben kam das ganze Jahr kein Mensch. Deshalb hatte der alte Lippstädt sich die Kosten gespart.
Obwohl Lex die Fenster weit geöffnet hatte, war doch so etwas wie eine muffige Lust in dem Zimmer. Es war selten, daß der junge Graf zur Rächt bei seinem Vater blieb, lind sonst bekam Langenbach keine Besucher.
Der Alte stellte den schweren Messingleuchter auf den Rachitisch, band den hohen, braungestrichenen Laden mit einer Schnur fest und sagte mit der Vertraulichkeit, die fünfzig Jahre Dienst erlauben: „Herr Graf sollten öfter nachsehen kommen."
Viktor hatte sich auf dem verschossenen Polstersessel niedergelassen und empfand es wohltuend, daß der Alte ihm die Bänder seiner Halbschuhe löste. „Zu retten ist ja doch nichts mehr", sagte er in traurigem Ton.
„Höchstens der alte Herr Graf selber!"
Viktors müde Augen wurden urplötzlich hellwach. „Trinkt er?"
„So lange was da ist, ja! Aber das ist es nicht. Ich teil es ihm schon ein. Eigentlich Sorge macht mir nur etwas anderes. Wenn jemand lacht und in der nächsten Minute ist er zum Sterben traurig, das ist das Rechte nicht mehr. Drum wär es gut und cs wär mir aucf> ein Trost, wenn Sie öfter nachsehen kämen, Herr Graf Viktor."
Der nickte. „Geh jetzt zu Bett, Lex! Ich werde schon allein fertig!"
Der Alte zögerte noch, dann wünschte er eine gute Rächt und klinkte die Türe hinter sich ein. Sein schlürfender Schritt war draußen zu vernehmen und verlor sich dann treppab.
Viktor fühlte sich maßlos niedergeschlagen. Schwarz lag die Zukunft vor ihm. Von nirgendswoher kam auch nur der Strahl eines Lichtes, der
die ungeheuerliche Steigerung der Wohlfahrtslasten. Zwei Ziffern wolle er als Beweis dafür herausgreifen: im Vorjahre Zuschuß zum Wohlfahrtsamt 869 000 Ml., dann eine Rachbewilligung, jetzt 1 344 000 Mk., mithin eine Steigerung um 475 000 Mk., im Jahre 1913 aber für den gleichen Dienst 71000 Mk. Daraus könne man ersehen, welche ungeheuerliche Belastung den Kommunen heute auferlegt werde. Der Redner lehnt hierauf die von Herrn Mann empfohlenen sozialistischen Wirtschastsgrundsähe ab, bei deren Anwendung es uns noch schlechter gehen werde, und bedauert, daß Herr Mann immer nur an die Arbeitnehmer, viel zu wenig aber auch an die zusammenbrechenden Miitelstandsexistenzen denke. Sodann erinnert der Redner an die Vorgänge vom Dezember vorigen Jahres, bei denen man schon einen Vorgeschmack für die jetzige Lage bekommen habe. Die Enttäuschung und Entrüstung über jene Ereignisse mit dem Auftreten des Staatskommissars sei heute noch stark in der Bürgerschaft, ein großes Maß von Vertrauen sei damals verlorengegangen. Cs sei damals nicht notwendig gewesen, den Staatskommissar in Gießen auftreten zu lassen, der bei den Steuerfestsetzungen über die Sähe der Verwaltung hinaus- gcgangen sei, aber niemals gesagt habe, wo Ersparnisse im Haushalt zu machen gewesen wären. Aufgabe des Staatskommissars wäre es gewesen, auch nach dieser Richtung hin Angaben zu machen. Ersparnisfe in der Verwaltung zu machen, sei dem Stadtrat selbst im Finanzausschuß, gemeinsam mit der Stadtverwaltung Vorbehalten geblieben. Durch die Annahme des Voranschlags wolle seine Fraktion verhindern, daß eine zweite Vorstellung des Staatskommissars stattfinde, denn diese Herren arbeiteten doch nur mit gebundener Marschroute und erfüllten nicht restlich die Aufgabe, die der Finanzausschuß bearbeitet habe, nämlich die erforderlichen Ersparnisse zu machen. Die Zeiten seien heute außerordentlich ernst. Wenn etwas zu diesem Dunkel der Gegenwart und der Zukunft beigetragen habe, so seien es die Maßnahmen der hessischen Regierung auf steuerlichem Gebiet gewesen. Die Regierung habe anscheinend gar kein Verständnis für die Rotlage der Steuerzahler aus dem Mittelstand. In allen Kreisen des Gewerbes und Handwerks herrsche eben eine ungeheuere Erregung über die Erhöhung der Sondergebäudesteuer. Er (Redner) erkläre sich ausdrücknch einverstanden mit dem Protest, den der Hessische Einzelhandel gestern gegen diese ungeheuerliche Steuererhöhung veröffentlicht habe. Der Gewerbetreibende, wie jeder private Geschäftsmann erfahre dadurch wieder eine ungerechte Belastung, die seinen Besitz und Geschäftswert vermindere. Viele würden diese stark erhöhte Steuer nicht tragen können, und der Wirtschaft werde dadurch unermeßlicher Schaden zugefügt. Auf diesem Wege dürfe es nicht weitergehen, wenn nicht der Staatsbürger und die Kommunen an den Rand des Abgrundes gebracht werden sollten. Zum Voranschlag übergehend bedauert der Redner die starke Begrenzung der Mittel. Er spricht sich für den Theaterzuschuß aus, fordert u. a. weitgehend st mögliche Straßenunterhaltungsarbeiten, und bringt dabei die schlechten Straßenverhältnisse in der Sonnenstraße zur Sprache, die dringend der Abstellung bedürften. Angesichts der Finanzlage fordere er keine neuen Projekte, aber die Straßen müßten in Ordnung gehalten werden, ebenso die Straßenbeleuchtung. Bei der Despre-
diese Finsternis erhellte. Es wäre eine Gewissens- losigkeit ohnegleichen, Eve aus ihrer sorglosen Häuslichkeit heraus in diese verlotterten Heber* rcste einstiger Pracht zu führen. Bis das alles wieder intakt war, nannte sie keinen Pfennig Geld mehr ihr eigen. Langenbach wieder instand zu setzen, verschlang gut eine halbe Million, wenn nicht mehr.
Der Wind hatte die Schnur gelockert, die den Laden h'-lt. Run klapperte dieser hin und her und auf und zu. Viktor trat an das Fenster und sah in das Dämmer, das den Junitag nicht zur Rächt werden lassen wollte. Die Iasminbüsche leuchteten als weiße Hügel und schickten einen Duft nach oben, der süßlich betäubend war.
Wie nackte weiße Leiber standen die hellen Rinden der Dirken auf dem dunklen Grund des Rasens. Vom Teich herüber, der sich an die Oeko- nomiegebäude schloß, quakten die Frösche ihren unermüdlich eintönigen Refrain. Die Kindertage mit ihrem Spiel und all der Sorglosigkeit der Knabenjahre erwachten in Viktors Erinnern und lösten eine wehe Stimmung in ihm aus. Immer und immer wieder lockte Langenbach mit den Armen der Heimat. So oft er kam, war es verlotterter, verfallener, verwahrloster geworden. Aber immer wieder zog und hielt es ihn.
Die Arme um das Fenster kreuz geschlungen, träumte er, wie es sein würde, wenn alles hier wiederum in altem Glanze erstünde, die lange Front der Fenster sich im Sonnenglanze spiegelte und auf dem Mittelturm die grünweißrote Fahne des Hauses sich im Sommerwinde blähte. Unter den alten Rotdornbäumen, die breite Auffahrt überdachten, kam die Frau seiner Liebe, im weißen Kleid und mit raschem Schritt und fliegenden Locken.
„Eveline!"
Ein leiser Ruf des Schreckens. Er hielt sich gerade noch am Blech des Simses fest, um nicht mit dem Fensterkreuz in die Tiefe zu stürzen. Es tauchte nicht, mit offenen Augen zu träumen. Der Vater hatte recht: Man sollte sich über alle Rot des Lebens hinwegschlafen, über die Sorgen und die Liebe und über alles, was man sonst tagsüber so ungeheuer wichtig nahm.
Sein Rücken hing mm gegen die eine der großen Scheiben und nahm sich aus wie ein Fragezeichen. Eve würde gerne hier fein. Sie liebte, wie er, die Stille und den Frieden und die märchenhaft verschwiegene Ruhe, die Langenbach ausatmete. Sie würden sich keine Gäste laden. Rein! Rur sie, er und der Vater.
Mit einem Male fror ihn. Eine dunkle Mauer, steil und unüberwindlich, reckte sich auf. Oftmals hatte er mit seinem Pferd beim Hindernisreiten den ersten Preis davongetragen. Aber dieser Querbalken, der sich da zwischen ihn und sein Glück schob, der war unüberwindlich. Ihn zu
chung der kommunalen Steuern weist der Redner auf die bedauerliche, aber nicht zu vermeidende Beibehaltung der Cetränkesteucr hin, ferner erklärt er, daß die Deutsche Dolkspartei sich auch weiter für die Bürgersteuer einsetzen werde, weil sie eine gerechte Steuer sei. Aus dem Sinken der Einkommensteuer sei ersichtlich, in welchem Hm fange auch die Einkommen sich vermindert hätten. Aus den Gewerbetreibenden sei bald nichts mehr hrrauszuholcn. Der Redner gibt dann der Hoffnung Ausdruck, daß das neue Schulhaus bald fertiggestcllt werden könne, ebenso das Marktlaubengebäude. Zur Gaswerkfrage bemerkt er, daß hoffentlich bald ein neues Gaswerk gebaut werden könne, zur Elektrizitätspolitik gibt er der Ansicht Ausdruck, daß wir doch wohl noch jahrelang mit der Versorgung aus unserem eigenen Werk rechnen könnten. Der Redner legt dann Verwahrung dagegen ein, daß die hessische Regierung die Senkung der Real- und Gewerbesteuer nicht in dem von der Reichsregierung fest- aelcgten Ausmaß vorgenommen habe und erklärt, gegen diese ungerechte Maßnahme müsse mit aller Entschiedenheit Front gemacht werden. Zum Schlüsse betont der Redner gegenüber der sozialdemokratischen Kritik an der W.rt'chast, infolge der ungeheuerlichen steuerlichen Belastung sei die Wirtschaft eben nicht mehr so leistungsfähig wie früher, auch eine sozialistische Wirtschaftsgestaltung hätte die Verhä tnis e nicht bessern können. Die Arbeitsgemeinschaft der Mitte werde ben Voranschlag annehmen, sie bedauere außerordentlich, daß zum ersten Male ein Fehlbetrag vorliege, und sie protestiere gegen die ungeheuerliche steuerliche Belastung, die der hessische Staat jetzt wieder geschaffen habe.
Giadtraismitglied Nicolaus (Wirtsch. Dgg.)
gibt zunächst ebenfalls seinem Bedauern über den ungedeckten Fehlbetrag von 304 000 Mk. Ausdruck, durch den erneut die große Wirtschaftsnot dargelegt werde. Er weist bann auf die Steigerung der Wohlfahrtslasten um 475 000 Mark gegenüber dem Vorjahre hin und stellt Demgegenüber fest, daß durch die Beschlüsse des Finanzausschusses und der Stadtverwaltung Ersparnisse in der Belriebsrechnung in Höhe von 448 000 Mk. vorgenommen worden sind. Hieraus ergebe sich, daß der Fehlbetrag im Haushalt nur durch die erhöhten Wohlfahrtslasten entstanden sei. Bei diesen Mehrlasten handele es sich um die Erfüllung von gesetzlichen Verpflichtungen des Reiches und des Landes, durch die die Kommune in eine Zwangslage gekommen sei. Das Reich und der Staat hätten früher an den Lasten der Fürsorge mitgetragen, sie hätten die Kosten dann aber restlos auf die Kommunen abgewälzt. Bei der außerordentlich verschlechterten Wirtschaftslage und diesem Ausmaß der kommunalen Fürsorgelast sei heute die finanzielle Existenz vieler Kommunen bedroht. Die Senkung der Ausgaben in der Betriebsrechnung um 448 000 Mk. und die hundertprozentige Erhöhung der Bürgersteuer seien Beweis für die Anspannung aller Kräfte zur Erfüllung der kommunalen Pflichten. Da dennoch ein ungedeckter Fehlbetrag vorhanden fei, hätten Reich und Land die Verpflichtung, die erforderlichen Mittel zur Deckung dieses Defizits zur Verfügung zu stellen. Der Redner stellt dann fest, daß unter der wirtschaftlichen Rotlage nicht nur Arbeitnehmer,
überspringen oder nur dagegen anzurennen — dazu gehörte mehr als nur Mut.
Er hatte das Gefühl einer drückenden Schwüle. Er würde nicht schlafen können und Lex hätte sich die Mühe sparen können, ihm die Schuhe ab- tzunehmen. Er schlüpfte wieder hinein und knüpfte die Bänder lose ineinander.
Als er die Treppe hinabstieg, tickte ein Wurm im Holz der Vertäfelung. Daß doch heute alles und jedes Ding ein Erinnern weckte! Als Kind schon hatte er den Holzwurm einmal gehört. Zwei Tage und zwei Rächte hatte er ununterbrochen geklopft und gehämmert. Das Gesinde war mit bleichen Gesichtern herum gegangen, hatte sich bekreuzt und gewahrsagt, das bedeute Sterben. Aber sie waren alle gesund gewesen auf dem Schloß. Rur Drüben auf Java, wo damals die Mutter weilte, war der Tod durchs Land gegangen und hatte auch sie geholt, sie und die kleine Schwester, die er kaum mehr im Gedächtnis hatte.
Er schüttelte gewaltsam die wehe Stimmung ab. Wie sorglos man auf Langenbach war! Lex hatte nicht einmal das Hauptportal versperrt. Cs lohnte wohl der Mühe nicht. Was hätte einer auf Langenbach zu holen vermocht? Höchstwahrscheinlich nur Schulden.
Merkwürdig, man hörte das Ticken des Wurmes bis herunter in die Halle. Der fraß sich nun satt an dem morschen Holze. Ging, streng genommen, nicht alles darauf aus. sich satt zu fressen, Mensch wie Kreatur? Häßlich war das und es löste in Viktor Hebelkeit aus und machte ihn zum Sterben traurig.
Im Begriff, die Stufen nach dem Park hinabzugehen, sah er eine Gestalt zwischen den Laubengängen verschwinden. Hnwillkürlich strengte er die Augen an. Der Daker! Er konnte wahrschrin- lich auch nicht schlafen. Richts war so aufwühlend und löste derartig wehe Stimmung aus, wie eine solche Juninacht.
Er wartete, bis die Schritte verklungen waren, und setzte langsam die Füße in Bewegung. Cs war schön von Lex, daß er wenigstens der Auffahrt so etwas wie ein feudales Gepräge gab. Der breite Weg war frei von Hnkraut und der Glimmer schillerte wie Silber zwischen dem Rosenquarz, auf den der Mond nun eine glasige Helle warf.
Diktor glaubte zu wissen, wohin der Vater ging und schlug nun ebenfalls den Weg zum Mausoleum ein, in dem die Lippstädter dem Tage ihrer Auferstehung entgegenharrten. Das Ast- gehänge der Trauerweiden war so dicht, daß der weiße Steinbau erst sichtbar wurde, als er knapp davor stand. Aber das Licht der Juninacht schuf soviel Helle, daß er den Vater durch das Gezweig verschwinden sah.
(Fortsetzung folgt.)


