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Nr. 96 Zweites Blatt

Die verwandelte Mtelmeerlage.

Don Or. Paul Rohrbach.

Nirgends hat man einen stärkeren Eindruck davon, dah durch den Verfassungswechsel in Spanien an einer wichtigen Stelle die ganze europäische Lage verwandelt ist. als in Rom. Wer eden von dort kommt, kann nur seine Bewunderung darüber aussprechrn. wie diszipliniert sich die italienische, das heißt die faschistische Presse dabei wiederum verhält. Nir­gends ein Ausbruch von Erregung, trotz des un­terirdischen Zitterns, das durch das ganze poli­tisch gebildete Italien geht.

Spanien unter dem Königtum AlfonsXIII. war für die italienische Politik ein Mittelmeerfaktor, von dem man sicher sein tonnte, daß er auf keinen Fall gegen Italien eingesetzt werden würde. Im Weltkrieg hatte der König, trotz der stärksten Bemühungen von Seiten der Entente, sein Land neutral gehalten: danach aber war seine Anlehnung an England, so vorsichtig sie auch geschah, unverkennbar. Die Flotte wurde, in mäßigem aber doch beachtlichem Simfang, mit englischer finanzi.llcr und technischer Hilfe reorganisiert und verstärkt, und Küsten­geschütze von unerhörter Gröhe und Tragweite wurden in englischen Werken für den Kriegs­hafen- von Cartagena und andere Befestigungen bestellt. Was der König damit wollte, war in erster Linie Slnabhängigkeit im Falle eines italicnisch-französischenKvn- f l i k t s, und was England wollte, war ein Spanien, das im Stande war. in Mittelmeer­fragen eine selbständige, praktisch gesprochen also eine Stellung im Sinne Englands, zu behaupten.

Bon vornherein war klar, dah der republi­kanische S1 m sturz in Spanien auf französi­schem Boden vorbereitet worden ist. Alle spanischen Republikaner, die sich zu Hause kom­promittiert hatten, fanden Unterkunft in Frank­reich: der Dalutastützung, die die königliche Re­gierung anstrebte, wurde von Paris aus ent- gegengearbeitet, und sogar die sofortige Anerken­nung des kommenden republikanischen Regimes durch Frankreich war im voraus verabredet. Geistig und materiell, durch politische Schulung, durch moralische Verpflichtungen und durch den Peseta-Kurs, der stark von Frankreich abhängig ist, sind die neuen spanischen Machthaber Frank­reich verhaftet. Born französischen Standpunkt aus gesehen, bedeutet die spanische Republik eine weittragende Verstärkung des fran­zösischen Einflusses in Europa, der sich jetzt von Madrid bis nach Warschau, Prag und den Balkanhauptstädten erstreckt.

Auch für Deutschland kann ein solcher Vorgang nicht gleichgültig sein: die eigentlich betroffenen Mächte aber sind Italien und England. Zunächst muh man sich dazu alle sonstigen Schwie­rigkeiten der englischen Lage vergegenwärtigen. England ist durch die Rücksichtslosigkeit seiner Dominien, durch die indische Bewegung, durch die amerikanische Wi tschafts onlurren^ durch die Arbeitslosigkeit, durch den unausweichlich getoor» 'denen Zwang zur Rationalisierung seiner In­dustrien und durch den Druck der ungünstigen Finanzlage seines außenpolitischen Bewegungs­freiheit stärker beraubt, als je zuvor. Am un­mittelbarsten offenbart sich das in den dauernden, stets wiederkehrenden Beweisen seiner Abhän­gigkeit von Frankreich. Der Engländer ist politisch geschult genug, um sich nie anmerken zu lassen, dah er sie fühlt. Er fühlt sie aber tatsächlich, ausgenommen den äußersten rechten Flügel der Konservativen, die sogenanntenDie- hards", die gefühlsmäßig mit Frankreich durch dick und dünn gehen. Auch der frühere Außen­minister Chamberlain, der ja einmal bekannt hat, er liebe Frankreich wie eine Braut, neigte nach dieser Seite.

Unter diesen Umständen muß die natürliche Tendenz der englischen Politik dahin gehen, zu­nächst allmählich die übrigen Schwierigkeiten so

Von SchinkenpaMen, Leder­hosen und salomonischen Urteilen.

Eine Anekdote von Karl Federn.

Als die Schweineschlächter und Wurstmacher von Paris entdeckten, daß die Zuckerbäcker ihren Stunden mit Schinken belegte Brötchen verkauften, erhob die Zunft beim Polizeigericht Klage und erreichte Er­lässe und Urteile, die es den Zuckerbäckern streng untersagten, anderes als Backwaren zu liefern. Man kann sich daber ihre Entrüstung vorstellen, als sie in Erfahrung orachten daß ein findiger Zuckerbäcker, Nicolas Noel, das Gesetz umging, indem er folgen­des tat, wie es in der Eingabe des Advokaten Maitre Pageau, der die Charcutiers vertrat, beschrieben ist: Er hat einen gekochten Schinken mit dünnem Teig umhüllt, ihn einen Augenblick backen lassen, und dann sein kleines Meisterstück angesehen und gesagt: ,Das ist eine Schinkenpastete, oder ich will kein Bäcker sein! Die Charcutiers sollen kommen!' Nun, sie sind gekommen, und zwar mit einem Polizeikom­missar und einem Gerichtsvollzieher und man hat, was von den Pasteten übrig war, beschlagnahmt und in eine Büchse getan und versiegelt. Diese Büchse wurde auf die Polizei gebracht; die ganze Zunft der Charcutiers beteiligte sich an der Klage, während die der Zuckerbäcker für ihren Kollegen Noel ein­trat. ,Es ist sichtlich eine Pastete', sagte Herr Noel. ,Es ist nichts als ein gekochter Schinken, der be­trügerischerweise in Teig versteckt ist', erwiderten die Wurstmacher. Der Polizeirichter fällte folgendes Urteil: .Wenn das Ganze ein einziges Gemenge bildet, sei es, daß der Schinken gehackt und mit Teig oder anderen Materialien vermischt ist, sei es, daß Teig und Schinken so gebacken sind, daß sie untrenn­bar aneinander haften, dann ist es eine Pastete; wenn man, wie in vorliegendem Fall die dünne Teigkruste ablösen kann, ohne den Schinken zu ver­letzen, und der Schinken als wesentlicher Bestandteil übrig bleibt, dann ist es ein gebackener und mit Teig überzogener Schinken', und er verurteilte Herrn Noel zu zehn Livres Buße und 20 Livres Schaden­ersatz an die klagende Zunft, mir dem strengen Ver­bot, dergleichen Tücken zu wiederholen."

Dies geschah zu Paris im Jahre 1747; aber wie denn die gleichen Spannungen und Lösungen auch immer wieder den gleichen Witz erzeugen, spielte sich zu Ende des 19. Jahrhunderts in Steiermark ein erbitterter Kampf zwischen den Zünften der Schneider und der Handschuhmacher um die Lederhose ab. Denn die Schneider sagten, daß Hosen Schneiderware sind, das ist feit einem Jahrtausend klar; daher

Giehener Anzeiger lGeneral-Anzeiger für Gberhesfen) Samstag, 25. April 1931

weit wie möglich abzubauen, mit dem festge­haltenen Ziel, auch die Lage in Europa langsam wieder im englischen Sinne umzugestalten. Das aber könnte nur dadurch geschehen, daß auf dem Kontinent das jetzige absolute Siebergewicht Frankreichs durch ein gewisses Gleichgewicht der Kräfte erseht wird.

Eben diese Idee ist es. die man a u ch i n Italien mit begreiflicher, im Gespräch weniger als in der Presse berneisterter Ungeduld verfolgt. Es ist falsch, zu glauben, daß es zwischen Frank­reich und einem faschistischen Italien einen wirk­lichen Ausgleich geben könnte. Dazu sind die italienischen Bedürfnisse zu stark, und dazu ist Franreich zu unnachgiebig darauf eingestellt, auf nichts zu verzichten, was es heute besitzt. So etwas widerspräche auch dem französischen Cha­rakter völlig. Was dem Italiener vorschwebt, ist eine Art Dreibund zwischen Ita­lien, Deutschland und En gl and. und es fällt schwer, ihn davon zu überzeugen, dah weder die jetzige Lage Deutschlands noch die Eng­lands den Beitritt zu einem solchen gegen Frank­reich gerichteten System erlaubt.

Nun ist durch den Umsturz in Spanien die Lage im westlichen Mittelmeer gründlich zum Schaden Italiens, aber ohne Frage auch zum Schaden Englands, verändert. Wird England die neue Situation ruhig hinnehmen? Daß die Franzosen nicht lange zögern werden, sie aus­zunutzen. ist sicher. In Spanien gibt es auch nach dem Abzug des Königs noch eine starke monarchistische Partei: die Aristokratie.

dürften nur Schneider Lederhosen machen und ver­kaufen. Die Handschuhmacher hingegen führten aus: Die Schneider haben von jeher in Stoffen gearbeitet; mit Häuten und Leder haben, wenn es hart ist, Schuster und Sattler, wenn es weich ist, die Hand­schuhmacher zu tun. Daher machen und liefern wir Lederhosen, wie wir es in der grünen Steiermark von altersher getan. Jahrzehntelang zog sich der Kampf vor den Gewerbe- und Verwaltungsgerichten hin, beschäftigte zahllose Anwälte, Referenten und Schreiber und füllte Aktenschränke und Registraturen und kostete vor allem ein unendliches Geld, bis ein weiser Richter die salomonische Entscheidung fällte: Soviel er nunmehr erkannt, liege der Unterschied zwischen Schneider- und Handschuhmacherarbeit, da beide zuschneiden und nähen, darin, daß bei den ersteren die Naht nach innen, bei den andern nach außen verlegt wird. Wenn daher bei einer Lederhose die Naht innen verläuft, so ist sie Schnelderarbeit, und wehe dem Handschubmacher, der eine solche Hose an seine Kunden verkauft. Ist aber die Naht außen, so ist es Handschuhmacherarbeit, und der Schneider, der solch eine Hose näht und liefert, verfällt in Strafe." Der Kampf war zu Ende und der Friede zwischen beiden Zünften hergestellt, wenn auch keine vollkommen zufrieden war.

So sieht man, wie die menschliche Torheit immer wieder Weisheit und Witz gebiert.

Herrscher im Luxus-Exil.

Wenn König Alfons von Spanien frei­willig in die Verbannung gegangen ist, so dürfen wir uns sein Los nicht als sehr traurig vorstellen. Er verläßt Spanien als vielfacher Millionär, und man schätzt die Summen, die er bei englischen, amerikanischen und französischen Banken deponiert hat, auf Beträge zwischen 40 und 75 Millionen Mark. Außerdem hat er noch große Besitztümer in Spanien, die ihm natürlich zu freier Ver­fügung verbleiben, und so wird er auch als Ex­könig noch zu den reichsten Personen der Welt gehören. Selbst ein enthronter Herrscher wie der frühere Zar von Bulgarien. Ferdinand, der wegen seinerschlechten Vermögensverhält- nisse" sogar vom Deutschen Reich unterstützt wird, ist doch noch imstande, ein recht behagliches Leben zu führen. Don demLuxus-Exil", in dem viele früheren Herrscher sich recht wohl fühlen, werden in einem Londoner Sonntagsblatt interessante Mitteilungen gemacht. Das Vermögen des Ex­königs Manuel von Portugal wird auf 10 Millionen Mark geschätzt. Er wurde 1910 nach kurzer Herrschaft entthront und lebt jetzt

die Kirche, ein großer Teil des Landvolks, die Frauen. Zu dieser Bedrohung von rechts werden sicher sehr bald auch Gefahren von ganz links, von der durch Moskau angefachten kommu­nistischen Bewegung her, kommen. Es gibt ein merkwürdiges Wort von Lenin: der nächste große Sieg der Weltrevolution, nächst Rußland, werde in Spanien erfolgen! Wollen sich also die Republikaner halten, so werden sie unter diesen Umständen auf eine Sinterstützung von außen angewiesen sein, und die einzige Macht, die sie ihnen gewähren kann und gewähren wird ist Frankreich!

Man braucht mit der Ausmalung des kom­menden Verhältnisses zwischen der französischen und der spanischen Republik noch gar nicht so weit zu gehen, daß man Spanien im Verhält­nis zu Frankreich als ein zukünftiges Po­le n ansieht. Auch bei geringerer Abhängigkeit Spaniens ist es deutlich, daß zu dem vielen, im Nachkriegseuropa schon angehäuften Zündstoff ein neuer hinzugekommen ist. Es handelt sich ge­wissermaßen um eine Wiederholung der Kombination des spanischen Erb­folgekriegs. Damals trat Europa, unter der Führung Englands, in Waffen, um zu ver­hindern, daß Spanien untc^r einem Enkel Lud­wigs XIV. ei ne f r a n z ö s l sch e Depe n d en z wurde. Der dynastische Weg kommt dazu nicht mehr in Frage, aber moderne Abhängigkeiten formen, wie das gegenwärtige Beispiel Spaniens zeigt, ebenso wirksam sein, wieantiquierte" dynastische.

in einem prächtigen Schloß in England, das nicht weniger als 20 Schlafzimmer und einen großen Festsaal enthält. Außerdem zahlt ihm die portu­giesische Republik eine jährliche Rente von 160 000 Mark, so dah er alle seine Liebhabereien, Polo­spiel und Düchersammeln, Rennen und Jagden, reichlich befriedigen kann. Bei seiner Flucht nahm er von seiner Garderobenur 58 Koffer mit, aber später sind ihm mich alle möglichen Dinge, wie Möbel, Waffen, köstliche Weine und Stoffe aus seinen früheren Palästen in Lissabon in 417 großen Kisten nachgeschickt worden. Der Exkönig Georg von Griechenland rettete bei seiner Entthronung nur. ein Vermögen von 5 Millionen Mark; die Rente, die ihm die griechische Regie­rung anbot, wenn er endgültig entsagen würde, hat er abgelehnt: doch er lebt deshalb nicht schlecht. Auch der frühere Herrscher von Afghanistan, Amanulla, hat sich nicht zu beklagen, wenn­gleich er sich öfter als armer Mann hingestellt hat. Er lebt luxuriös in einer großen Villa in Italien. Als er auf seiner Triumphtour durch Europa reiste, brachte er 5 Millionen Goldstücke mit, die er für alle Fälle in europäischen Banken angelegt hatte: außerdem vergaß er bei seiner Flucht nicht die Kronjuwelen, deren Wert er auf 6 bis 10 Millionen Mark schätzte. Ein paar dieser Steine, die er in Rom zu Geld machte, brachten 400 000 Mk., andere dagegen, die in einer photographischen Kamera verborgen waren, wurden später von Schweizer Juwelieren als wertlos bezeichnet. Die Finanzlage des letzten Kalifen Abdul Medfchid bildet eine Rätsel. Er mußte 1924 mit seinem Harem die Türkei verlassen, und obwohl sein Gepäck ein ganzes Heer von Kraftwagen füllte, waren seine Iuwelen doch nur 120 000 Mk. wert. SeineBedürftig­keit" veranlaßte einen indischen Rabob, den Nizarn von Heiderabad. ihm eine lebenslängliche Pension von 72 000 Mk. auszusetzen. Aber auch schon vorher fehlte es diesem weißbärtigen Pa­triarchen, der sich immer noch Kalif nennt, nicht an Geld, und er verbringt in hohem Wohlstand seinen Lebensabend, bald in seinem Palast in Cimiez bei Nizza, bald in einer Zimmerflucht eines eleganten Schweizer Hotels. Sim das un­geheure Vermögen seines Vorgängers, desblu­tigen" Abdul-Hamid, das auf 6 Milliarden Mark beziffert wird, führen seine Nachkommen verschie­dene Prozesse. Ziemlich schlecht aber ging es einem anderen Exsultan der Türkei, Mo­hammed VI., der auf Pump in San Remo und Nizza lebte, und als er 1926 starb, nur Schulden hinterließ. Dagegen ist der frühere Mahara -

glaubte im Schuhe des polnischen Königs jene Sicherheit der materiellen und kulturellen Entfal­tung sichergestellt, die feierlich verbriefte Rechte gewährleisteten. Die maßgebenden Kreise Über­sahen dabei hier, wie anderswo im Osten, w i e verhängnisvoll die Abkehr von der ge­meinsamen ostdeutschen Ausgabe war. Sind es gab auch in Thorn um 1450 noch Männer, die an der großen Tradition des Kolonisationszeitalters fest­hielten. Sie versuchten 1456 den polenfreundlichen Rat zu stürzen und dem Ordensheer Zugang zur Stadt zu verschaffen. 65 Thorner Bürger be­zahlten diesen Versuch mit ihrem Leben. Ihre öffentliche Hinrichtung auf dem Markte ist das erste Thorner Blutgericht ohne Ge­richtsverfahren und Slrteilsspruch, das in das Gedächtnis des deutschen Volkes cingcg angen, ift.

Der zweite Thorner Friedensschluß 1455 fügte die Stadt Thorn in das Polenreich ein. Die Hoff­nungen von Rat und Schöppenbank verwirklichten sich zunächst. Der Wohlstand der Stadt wuchs. Das Stadtgebiet war erweitert worden. Durch das Privileg des Königs Kasimir war die Thorner Niederlage" erneuert und somit der Handel des östlichen Hinterlandes der Stadt nutz­bar gemacht worden. Die Verbindung mit der Hansa blieb noch bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhundert gewahrt.

In der Thorner Jakobskirche hängt ein Bild des städtischen Straßenlebens aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Es zeigt jene Belebtheit, die von Ausstreben und Wohlstand zeugt. Zum Slnierschied von anderen deutschen Städtebildern erhält Thorn ein besonderes Gepräge durch die fremdartigen Trachten und Typen, den Zuzug aus dem Osten.

Mit Stolz nimmt das Thorner Bürgertum des auch geistig sehr belebten ausgehenden 15. Jahr­hunderts Nikolaus Copernikus als großen Sohn der deutschen Stadt für sich in Anspruch. Seine Mutter stammte aus einem alteingesesse­nen Thprner Patriziergeschlecht, toäfjrenD der Vater erst kurz vorher eingewandert war. Die deutsche Nationalität des Vaters von Copernikus ist von den Polen oft bestritten worden. Wenn sie durch eine Tatsache unzweideutig bewiesen wird, so durch seine Zugehörigkeit zur Schöppen­bank. Rat und Schöppenbank, die städtischen Körperschaften, das ganze angesehene Bürger­tum war und blieb auch in polnischer Zeit deutsch und wahrte mit alftr Sorgfalt die Reinheit des Dollstums. So ist ein Fall bezeugt, wo ein Handwerksmeister in Thorn einen Lehr­ling deutscher Zunge abwies, weil seine in der Slmgegenö lebenden Elternverpolscht" seien. Die Beweise sorgfältiger Auswahl und gewissen­hafter Prüfung sind vielfach urkundlich belegt.

Im 16. und 17. Jahrhundert war Thorn in das Schicksal des niedergehenden, zerrissenen Polenreichs eingeschlossen. Trotzdem blieb die geistige Regsamkeit der Stadt erhalten. In den beiden Kirchengemeinden St. Marien und St. Jo­hann wurde schon 1530 evangelischer Got­tesdienst abgehalten, und die Gegenreforma­tion führte in Thorn zu schweren Erschütterungen. Das zweite Thorner Blutgericht, das 1724 an dem Bürgermeister Rösner, dem Vize­bürgermeister Zernecke und zehn anderen, un­schuldigen, angesehenen Bürgern als Sühne für einen Sleberfalt des schwer gereizten Volkes auf das Jesuitenkollegium vollstreckt wurde, ließ die Deutschen, diesmal Preußen und Oesterreich, wie­der einmal auf die deutsche Stadt im Osten auf­merksam werden. Das deutsche Empfinden in Thorn war so unvermindert stark, das zahlen­mäßige und geistige Siebergewicht der Deutschen so unvermindert, daß die Besitznahme durch Preußen in der zweiten polnischen Teilung als Befreiung angesehen wurde.

Der Rat der Stadt Thorn hatte das Bedürfnis, diese immer bestehende Zugehörigkeit zur deutschen Kultur auch durch ein öffentliches Zeugnis zu bekunden. Er bat die preußische Regierung, den Huldigungseid nicht mit den polnischen Städten zusammen leisten zu müssen, da Thorns Huldi­gung einen ganz anderen Charakter trage. Sind

dschah von Indore, Seine Hoheit Tukaji Rao III., der 1926 abdankte, weil er in einem Prozeß wegen Entführung der Tänzerin Mumpaz Begum verwickelt war, ein schwerreicher Mann, der etwa 100 Millionen Mark sein eigen nennt und seiner jungen Frau, der Amerikanerin Nancy Miller, eine jährliche Rente von 1 200 000 Mark aussehen konnte. Auch der dicke E x - schah von Persien, Achmed, der das luftige Leben in Paris der Rückkehr nach seinem an­gestammten Reich vorzog, besaß 20 Millionen Mark auf einer französischen Bank und eine Menge Juwelen. Aber seine Verschwendung und seine kolossalen Verluste in Monte Carlo brachten es mit sich, dah er schließlich nur noch so wenig berafj, daß er ein Parfümgeschäft in Paris er­öffnete. Als er im vergangenen Jahr in Päris mit 32 Jahren starb, hatte er nichts mehr. Das Riesenvermögen, das der letzte Kaiser von Oesterreich, Karl, in die Verbannung rettete, ist ebenfalls rasch zufammengeschmolzen. Er nahm die österreichischen Kronjuwelen mit, deren Wert auf 200 Millionen Mark geschäht wurde, darunter ein Halsband mit Perlen so groß wie Kirschen, den berühmten Florentiner Diamant von der Größe einer Pflaume, den ..Stern des Ostens", die Ohrringe Maria There­sias usw. Aber viele von diesen Schätzen wurden zu Geld gemacht bei seinen fruchtlosen Versuchen, das ungarische Königreich wiederzuerlangen, an­dere wurden verschleudert, noch andere verloren an Wert, wie der große rosa Diamant, der sich verfärbte, und so hat sich die Kaiserin Zita jetzt genötigt gesehen, das einzige ihr ver­bliebene Schloß in ein Hotel umzuwandeln. In sehr dürftigen Verhältnissen lebt der 24jährige frühere Kaiser von China, denn die Repu­blik hat ihm nichts von den Millionen ausgezahlt, die man ihm versprochen hatte: er lebt in Tientsin in einem bescheidenen Haus und trägt bei Emp­fängen falsche Edelsteine. Als er 1922das schönste Mädchen des Himmlischen Reiches" nach zwölf Photographien zu seiner Gattin erwählte, mußte er ein Jahr warten, bevor er sie heiraten konnte.

Hochschulnacbrichten.

In der medizinischen Fakultät der Slniversität Heidelberg.ist der a. o. Professor Dr. Karl Beck zum ordentlichen Professor der Ohrenheil­kunde und Direktor der Klinik für Rasen-, Ohren- und Kehlkopfkranke als Nachfolger von Geheimrat Kümmel ernannt worden.

Das deutsche Thom.

Siebenhundertjahrfeier der Königin der Weichsel.

Den deutschen Bürgern der Stadt Thorn ist es nicht vergönnt, das Fest des siebenhundert Jahre langen Bestehens ihrer Vaterstadt inner­halb Thorns Mauern zu begehen. Sind wenn die Polen, die heuttgen Herren von Thorn, in rau­schenden Festlichkeiten ihren Triumph über den Besitz dieser schönen und ehrwürdigen Stadt bekunden, so wird von dem Geiste, Der die Stadt gründete, und ihr Schicksal durch die Jahr­hunderte hindurch befHmmte, nichts in die Er­scheinung treten. Denn der Geist dieser Stadt ist zielbewußter deutscher Bürge rg ei ft, und die Geschichte von Thorn gehört untrenn­bar hinein in die Großtat ostdeutscher Kolonisation.

Die deutschen Städte im Reiche werden sich in diesem Jahre die Gelegenheit nicht nehmen lassen, der verlorenen Schwester, die einst d i e Königin der Weichsel hieß, zu gedenken. Die Siebenhundertjahrfeier von Thorn wird über den Kreis der zunächst an ihr Beteiligten, der vertriebenen Bürger aus dem letzten Jahrzehnt, als allgemeine deutsche Ehrenpflicht empfunden werden. Der zielbewußte Wagemut der Grün­dung, der kaufmännische Weitblick während der weiteren Entwicklung, der starke Wille zu deut­scher Kultur und deutschem Geistesleben in Zeiten der Blüte, ein zähes Festhalten am Deutschtum als an der Quelle der Kraft und damit gepaart gelegentlich verhängnisvolle politische Eigen- brödelei, alle diese Züge der Thorner Stadt­geschichte sind so charakteristtsch für die Ge­schichte des Deutschtums im osteuropäischen Raum, daß beim Rennen der Stadt Thom überall im deutschen Volke bestimmte lebendige Vorstel­lungen aufklingen, während die Vergangenheit vieler anderer deutscher Städte kaum über die eigene Stadtmauer hinaus bekannt ist.

Als Konrad von Masovien den deut­schen Ritterorden zur Hilfe für sein von den heidnischen Litauern und Preußen schwer be­drängtes Land aufrief, lieh sich der Hochmeister Hermann von Salza als Entgelt dafür das Kulmer Land und die noch zu erobernden

Lande vertraglich zusichem. So gewann er den Osten für das Deutschtum. 1226 sicherte sich der Orden die Slnabhängigkeit von dem polnischen Fürsten, indem er das Land von Kaiser Friedrich II. als Reichslehen nahm. Der letzte Schritt zur völligen Freiheit des Handelns war die Siebergabe an den Papst, der es nunmehr unter Ausschluß fremder Oberherrlichkeit als Lehen des heiligen Petrus" dem Orden zurückverlieh.

Im Rahmen dieser zielsicheren, weitschauenden Anfänge vollzog sich 1231 die Gründung der Stadt Thorn, die Sicherung ÖreWeich­selübergangs. Die neue Stadt wurde eine Heim­stätte deutscher Dürgerkultur, an der ebenso wie an dem ganzen Kolonisationswerk des Ostens alle deutschen Stämme ihren Anteil batten. Die vor­wärtsdrängende, insttnktfichere Stimmung dieser Anfangszeiten ist von Gustav Frehtag, der selbst ein Sohn des Ostens war, dem deutschen Volke unserer Tage übermittelt worden. Er läßt einen Bruder vom deutschen Hause in der neu* gegründeten Stadt sagen:Wir Brüder deuten nicht und grübeln nicht, wir schaffen schweig­sam und warten überall unseres Amtes. Hier im Lande säen wir deutsche Saat.

Diese deutsche Saat ging in den kommenden Jahrhunderten auf. 1233 wurde der Stadt kulmi- sches Recht verliehen, im 14. Jahrhundert wurde sie Mitglied der Hans a. Handel und Wan­del in der Stadt regte sich nach deutschem Lebensgeseh, ebenso wie das äußere Stadtbild im Schmuck der roten Backsteine deutsch war. Daran änderte auch der Abfall vom deutschen Orden und der Anschluß der Stadt an Polen im 15. Jahrhundert nichts. Dieser Wech­sel war eine rein politische Entscheidung und hat mit einer Hinwendung zum Polen tum nichts zu tun. Es ist ein typisches deutsches Beispiel Der Kirchturmspolitik. Die Stadt Thom hatte mit Dem Niedergang des deutschen Ordens, mit dem Erstarken des polnischen Nachbarn, mit dem Aufblühen der Schwesterstadt Danzig schwere Krisenzeiten durchgemacht. Der Rat der Stadt