Ausgabe 
25.3.1931
 
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Aus der provinzialbauptstadt

Dießen, den 25.Mär- 1931.

Hund um den Kreisel...

Die Philosophie und Geschichte der Dvlk-bräuch« ist etwas sehr Interessantes. Diele ernste und gelehrte Männer wählen sie zum Etudienobjekt und können dickleibige Bücher darüber schreiben, ohne den Stoss zu erschöpfen. Letzteres erklärt sich schon daraus, daß Bräuche eben etwas sehr Lebendige- und aus dem Leben Gewachsenes sind, daß niemand sie erfand, keiner als Qlutpr zeich­net sie wuchsen und waren da und wurden ge­übt, und niemand fragte woher und weshalb. Oder höchstens Außenstehende fragten so, solche, die selbst nichtmitmachen".

Stellen Sie mal ein Kind zur Rede, warum cs kreisele. Ob es Sport sei. Ob es schön und amüsant sei. Was der Sinn der Sache sei. Fra­gen Sie nur. Schade, daß ich dann nicht mit einer Kamera dabei sein kann. So eine Mischung von tiefstem Erstaunen und leisem Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Gegenübers in einem Kindergesicht besitzt höchste photographische Wirk­samkeit. Das Kind kreiselt, we i l es kreiselt, weil die anderen Kinder auch kreiseln, weil ja und hier kommt dann das gewisse Etwas, auf das ich noch zurückzukommen habe.

Kreiseln ist eine besondere Art von Dolksbtauch, weil es von Kindern geübt wird. Mit all dem Fanatismus und der Vertiefung in die Materie, wie sie nur Kinder aufbringen können. Bismarck sagte. »Deutsch sein, heißt einer Sache um ihrer selbst willen tun." Er hätte, wenn er statt Kanz­ler Pädagoge geworden wäre, stattDeutsch" auch Kind" sehen können. Man beobachte ein kreiseln­des Mädchen, und man wird mir Recht geben. Da ist die ganze Welt wesenlos und blaß gewor­den, da find die jagenden Autos und die eilen­den Passanten lächerliche Belanglosigkeiten, da sind gleichgültig geworden Raum, Zeit und Stunde da ist die ganze Welt unö die für sie so nötige Aufmerksamkeit zusammengepreßt in einen Punkt in dieses tanzende, flirrende, drehende Holzstück in Kegelform, das surrend und bunt über die Steine wischt.

Ekstasen stören die Unbeteiligten. Aber wehe euch, die ihr nicht wißt, daß man um ein kreiseln­de- Kind herumzugehen hat, daß man mit pro­fanen Füßen den magischen Kreis nicht durch­schreiten darf. Mitleidslos pfeift die Peitsche euch um die Knöchel, und es ist nur gerechte Strafe für euren mangelnden Respett. Kinder­bräuche sind heilig. Lind Kreiseln i st ein Brauch plötzlich, mit den ersten warmen Sonnenstrah­len des frühsten Frühlings knallen die Peitschen des Jungvolks auf allen Straßen der Stadt, mit einer beispiellosen Gleichzeitigkeit, die zur Be­wunderung nötigt. Gestern noch war es kalt und grau heute lacht die Sonne und lärmen die Spatzen in den Dachrinnen, und du siehst das erste kreiselnde Kind. Schwinge dich in ein Taxi und rase zum entgegengesetzten Stadtende man kreiselt: fahre in- Zentrum und in die Vororte man kreiselt. Grübele darüber nicht nach, es ist das Geheimnis der lebendigen Wer, die in der Luft liegt und schneller als der elektrische Funke ist.

Aber es ist diese Frühlingsprophe-emng nicht allein. Kreiseln ist ein faszinierender Streit gegen die Fallgesehe, der Idealzustand .wäre ein end­lose- Drehen und Tanzen, und nach diesem Ideal muh man ringen, trotz der Autos und trotz der Passanten und trotz der Löcher im Pflaster. And auch da- ist noch nicht alles. Ich empfehle zum tiefsten Verständnis dies: nimm du selbst das bunte Holzstück und die Peitsche, ziehe den ma­gischen Kreis und du wirst er-ahren: Es ist etwas Seltsame- rund um den Kreisel...

H. E. v. M.

Bornotizen.

Tage-kalender für Mittwoch. Stadttheater:Lady Windermeres Fächer", 19.30 bis 22 Ahr Religiöser Vortrag imPost- keller", Redner Pfarrer H. Waldschmidt, Zell, 20 Ahr. Lichtspielhaus Bahnhofstraße: Einbrecher".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns berichtet: Heute Erstaufführung von Oskar WildesLady Windermeres Fächer" unter der Spielleitung von Walter Bäuerle. Erstes Gastspiel von Auguste Prasch-Greven- berg. Ehrenmitglied des Meininger Landes- thcaterS. Außerdem wirken mit: Damen: Iahn, Koch. Schubert-Jüngling, Schwand, Tippmonn, Wielander: Herren: Bäuerle, Hauer, Schelcher, Dolck, Wescner, Wahlen, Zingel. Beginn 19.30 Ahr.

Die Privat - Fachschule Wick- Wunderlich, Schule für Damenschneiderei, veranstaltet in den Tagen vom 27. bis 29. März im KrauSmüller-Saal des Ortsgewerbe-Dereins in der Goethestraße? eine Ausstellung von Schü­lerarbeiten. (Siehe heutige Anzeige.)

Biersteu-r-Diktai für Wiesect.

Nachdem der Wiesecker Gemeinderat zweimal die Einführung der Gemeindebiersteuer in Wies eck abgelehnt hatte, ist nun durch Verfügung des Streisamtes Gießen vom 23. März die Einfüh. rung der Gemeindebiersteuer in Wieseck zwangs­weise angeordnet worden. Die Steuer tritt am 1. 21 p r i I in Kraft. Die behördliche Anordnung ist im gestrigen Amtsverkündigungsblatt zur öffent­lichen Kenntnis gebracht worden.

*

Veränderung im GießenerKreis- ta g e. An Stelle des verstorbenen Kreistags­abgeordneten Bürgermeister Heinrich Rudlyf in Trais-Horloff ist als Mandatsnachsolgerin Frau Anna Bier. geb. Vogel, in Staufenberg in den Kreistag des Kreises Gießen eingetteten.

Stürze beim Radfahren. Gestern nachmittag stürzte in der Kaiserallee, Ecke Moltkestraße. ein Radfahrer namens Otto Klaus aus Rödgen so unglücklich von seinem Fahrrad, daß er neben mehreren kleineren Ver­letzungen eine Gehirnerschütterung erlitt. Das gleiche Mißgeschick des Sturzes vom Fahrrad passierte gestern abend dem Karl Lenz aus Klein-Linden in der Rähe von Lang-Göns: auch er trug dabei eine Gehirnerschütterung davon. Die Gießener Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz wurde zur Hilfeleistung für die be­dauernswerten Leute herbeigerufen und ver­brachte Klaus nach der Chirurgischen Klinik, Lenz nach seiner Wohnung in Klein-Linden.

ee -Line musikalische Pass ions - anbacht fand am vorigen Sonntagabend wie man uns berichtet tn der alten Friedhofs- kapelle mit sehr starker Beteiligung der Ge­meinde statt. Der künstlerische Ruf des Herrn R e b e l i n g als Organist und des Lang-Dönser Posauncnchors hatte wohl viele angczogen. Herr R e b e l i n g spielte ein Orgelpraludium von S. Scheidt (1587 bis 1654) über den Choral ..Da Iesus an dem Kreuze stund", ferner ein Trio von dem Bachschüler (Dem einen Krcb- in seinem Dach") L. Krebs (1713 bis 1780) und zum Sch u'se die Toccata d Dar:sch von Ioh. Seb. Bach. Er brachte in meisterhafter Weise die Absicht der Komponisten klar zum Ausdruck und dabei den besonderen Charakter der Kapellenorgcl zur

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dann geben Sie sie bitte spätestens im Laufe des Mittwochs beziehungsweise Donnerstags in der Geschäftsstelle auf

glücklichen Geltung. Fräulein M. Peter hatte sich mit der Arie aus Händels Mcffia-Ich weiß, daß mein Erlöser lebt keine leichte Auf­gabe gestellt. Sie ließ eine vielversprechende Stimme und gute Schulung erkennen und ver­dient für ihre Leistung um so mehr aufmunternde Anerkennung, als sie zum ersten Male in der Kirche zur Orgelbegleitung fang. Der Posaunen- chor Lang-Göns konnte zeigen, was die Po- faunenchöre mit ihrer kirchlichen Blasmusik beab- sichtigcn. Man hörte hier gute Bläser mit tiefem musikalischen und religiösen Verständnis die zum Teil recht schwierigen Bachschen Choralsätze zum Ausdruck bringen. Die fünsstimmige Turmmusik von Ioh. Rezelius (1639 bis 1694) hätte natür­lich besser auf den Turm als in die Kirche gepaßt. Der neue Kirchenchor der Luthergemeinde er­freute durch einige Lieder, von denen zwei schlichte geistliche Volkslieder am besten gelangen. Die Texte zu dem Choralvorspiel der Orgel und zu den geblasenen und vom Chor gesungenen Stücken wurden zuvor gesprochen, wodurch der Charakter einer Andacht betont wurde. Wirklich war die Gemeinde in stiller andächtiger Gemein­schaft vereint, was zum Schluffe in den gemeinsam gesungenenMein Lebetage will ich dich aus meinem Sinn nicht lassen" noch zum bekennenden Ausdruck kam.

Christlich - sv zi a l e r Volksdienst und Zeitfragen. Man berichtet uns: In diesen Tagen hielt die Ortsgruppe Gießen des

Christlich-sozialen Volksdtenstes thre Hauptve» sammlung ab. Au- dem 'Bericht des Vorsitzen­den war zu ersehen, daß die junge Bewegung schon im ersten Iahre ihres Bestehens in ein ar­beitsreiches Iahr gestellt war. Dank der un­ermüdlichen Mitarbeit aller war der Erfolg bei der Reichstagswahl ein sehr guter. Schon jetzt darf gesagt werden, daß die Dolksdienst-Fraktion im Reichstage, unbeirrt aller Schwierigkeiten, das ihr gesteckte Ziel flar vertreten hat: handelt es sich doch darum, unser Volk wieder hinzuführen au den lebendigen Quellen seiner Kraft. Trotz der durch die Wahl erwachsenen Ausgaben könnt« die Kasse einen Aeberschuh erzielen, nicht zuletzt durch die unermüdliche Arbeit des Rechners. Ob­wohl einzelne Vorstandsmitglieder Bedenken äußerten, daß ihre Berufsstellung der Bewegung Schwierigkeiten machen könnte, wurde der f«it- herige Vorstand einstimmig wiedergewählt. Reu hinzu kommen eine Frau und der Vertreter der Student en gruppe. An neuen Aufgaben liegen vor die Einrichtung eines Schulungskurses für baS nördliche Oberhessen, der anfangs Mai stattfinden wird, und eine öffentliche Versammlung in Gie­ßen, bei der Reichstagsabgeordneter Bausch sprechen soll. Ein ausführlicher Bericht de-Vor­sitzenden über die letzten Sitzungen des erweiter­ten Landesvorstandes und des Iugcndausschusses ließ die nächsten Aufgaben des Dolksdienst^ er­kennen in dem Problem der Arbeitslosigkeit; Er- werbslosenkurse. Wochendfreizeiten mit Einfüh­rung in die Wirtschaftsfragen und die ©runb- lagcn der Weltanschauungen wurden als vor­dringliche Arbeiten angesehen. Eine Aufforde­rung zur freudigen Weiterarbeit bildete beit Schluß der Hauptversammlung.

* Z u der Aufklärung de- Dieb­stahls in Ober-Dessingen. über die wir auf Grund des . Berichtes dec Landeskriminal- pvlizeistelle Gießen am vorigen Samstag Mit­teilung mochten, ist weiterhin festzustellen, daß als Täter der 21 Iahre alte Wagner Richard S. in Betracht kommt, der ebenso alte und orts­ansässige Wagncr Karl W. mit dieser An­gelegenheit aber nichts zu tun hat.

Hapag - Reisebureau Sonntags geöffnet. Wie uns vom Hapag-Reisebureau, Scltersweg 89, mi-geteilt wird, ist das Bureau ob 1. April auch Sonntags von 9 bis 13 Ahr ge­öffnet, so daß dem Reisenden Gelegenheit ge­boten wird, auch an diesen Tagen feine Eisen­bahn- und Sonntagskarten zu lösen. Räheres im heutigen Anzeigenteil.

Verlobung im Licher Fürstenhause.

- /- L i ch. 24. März. Die älteste Tochter deS Fürsten Reinhard zu Solms-Hobenfolms-Lich und der Fürstin Marka. geb. Solms-Sonnenwalde, Prinzessin Rosa-Helene, verlobte sich mit dem Fürsten Viktor Adolf von Bentheim- Steinfurt.

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Am 27., 28. und 29. März 1931 veranstalte ich im Krausmüller-Saal des Ortsgewerbe-Vereins Gießen. Goethestraße 7, 1. Stock, (Handels- und Gewerbebank) eine Ausstellung von Schüler-, arbeiten in Kleider, Wäsche und kunstgewerb­lichen Handarbeiten. Geöffnet von 10-1 u.3-6Uhr

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