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scharf zu bremsen. Damit läßt sich der Auslauf außerordentlich verringern, und man kann mit der Ente auf kleinstem Raum landen. Da das Flugzeug keinen Sporn hat wie die anderen Flugzeuge, die damit das Landefeld aufreißen, so verringern sich die Unterhaltungskosten für die Flugplätze bei Verwendung von Enten be­trächtlich.

Die D 1960 hat zwei Motoren, die zu beiden Seiten des Rumpfes unter den Äugeln hängen. Der Wirkungsgrad der Luftschrauben wird auf riese Weise kaum geschmälert, denn der sonst

störende Rumpf und das Leitwerk mit dem Höhensteuer liegen ja vorn. Mit einer Gesamt­motorenstärke von 200 Pferdestärken erreicht das kneue Flugzeug eine Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometer; die Landegeschwindigkeit be­trägt dagegen nur etwas über 80 Kilometer in der Stunde.

Die neue Ente hat die in sie gesetzten Er­wartungen voll erfüllt, ja zum Teil übertroffen. Sie befindet sich jetzt bei der Deutschen Versuchs­anstalt für Luftfahrt, wo sie aus Herz und Vieren geprüft werden soll.

Eindrucksvoller deutscher Schwimmersieg.

Der Kölner B u d i g (rechts) siegte im Berliner Wellenbad Lunapark über den finnischen Meister- schwimmer Reingoldt (links) im 10v-Meter- Brustschwimmen mit 1:15,2 Minuten.

Das internationale Berliner Schmimmfest wurde ein großer sportlicher Erfolg für die Veranstalter. Bei den Herren mußte der Finne Reingoldt am ersten Tage im Brustschwimmen über 100 Meter durch Budig (Köln) eine Niederlage einstecken,^trotz- dem schuf er mit 1:16 einen Landesrekord. Am Sonn­tag revanchierte er sich über 200 Meter Brust und schlug die deutsche Elite mit 2:49 überlegen. Bei den Damen wurde die Jnternationalität durch die PariserMöven" gewahrt. In der 3X100-Meter- Kraulstaffel siegte die Pariser Staffel in 4:03,8 überlegen vor Nixe Charlottenburg, dagegen langte es in der Lagenstaffel nur zum vierten Platz. 3n den Einzelwettbewerben wurden die Gäste ebenfalls geschlagen, lieber 100 Meter Rücken siegte Frl. Strubel in 1:29 6 vor den beiden Französinnen Sal­gado und Blondeau, von denen sich erstere dann im 100-Meter-Kraulschwimmen mit 1:19,2 durch einen leichten Sieg entschädigte.

Der Wintersport am Sonntag.

Obwohl die Wintersportsaison ihren Höhepunkt bereits überschritten hat, herrschte am Sonntag allenthalben reger Betrieb und nur ganz wenige Ausfälle waren zu verzeichnen.

Von bedeutenden Veranstaltungen mußten in der Schweiz die in Mürren bereits einma^ ver­schobenen FIS.-Absahrtsr:nnen w?gen Lawinen­gefahr abgesagt werden. Ton den zahlreichen Skispringen in Deutschland wurde wieder eine Reihe von Ausländern gewonnen. Sn Io - hanngeorgenstadt zeigte sich aus der Hanrs-He'nz-Schanze der Rorweger Knud Kob- berstad einmal mehr seinen Konkurrenten über­

legen und siegte mit der Rote 204,3 vor Vöttrich und Kluge, die beide mit 55 Meter die weitesten Sprünge ausführten. Das Länderskispringen in Ruhla auf der Heinrich-Thiel-Schanze sah den Innsbrucker Ios. Gumpold bei mittleren Sprüngen mit der Rote 337,5 erfolgreich und den Titel eines norddeutschen Skimeisters holte sich in Freienwalde der Norweger Niels Abel mit Note 471,3 vor dem bekannten Wald- läuser Kaßler. Die Schlesische Ski-Stafsel- meisterschaft in Bad Landeck fiel in 2:30:19 an den vom Start führenden Skiclub Reinerz. Im Ausland ist der E i n s i e d e l e r - S p r i n - gertag in der Schweiz hervorzuheben, der Sigmund Ruud mit Note 227,4 einen neuen Sieg über seinen Landsmann Kielland einbrachte. Im Eissport standen die Weltmeister­schaften im SchneNaufen in H e l s i n g f o r s im Vordergrund. Die kanadische Eishockeymann­schaft schlug in Davos die Reserven des dor­tigen EHE. 10:1 und der LTC. Prag zeigte sich auf der neuen Kunsteisbahn in Prag dem SC. Pöhleinsdorf 7:0 überlegen. Die deutsche Gis­se g e l m e i st e r s ch a f t der 25 Quadratmeter- Klasse auf dem Dammschen See bei Stettin fiel der Windstille zum Opfer und soll in den näch­sten Tagen nachgeholt werden.

Dobrennen wurden in Oberhof um die Thüringer Meisterschaft im Zweierbob aus­gefahren. Der DobPezel" mit den Erfurtern Schäfer-Lippach siegte in der nur mäßigen Zeit von 3:57,4 für beide Fahrten.

Sigmund Ruud springt 81 Meter.

Auf der neuen Bolgenschanze in Davos wurde am Dienstag ein internationales Skispringen durchgeführt. Dabei erreichte der bekannte Norweger Sigmund Ruud außer Konkurrenz mit einem ge­standenen Sprung von 81 Meter einen neuen in­offiziellen Weltrekord.

Fußballklub 1926 Großen-Buseck

JC. 26 Grohen vuseck (Liga) vsv. Aßlar 4:6 (1:5).

Die Aßlarer Spieler gewannen das Spiel ver­dient, obwohl Großen-Buseck den Sieg nicht leicht aus der Hand gab. Grohen-Vusecks junge Mann­schaft versteht es immer noch nicht, das Spiel mit taktischer Hebcrlegung durchzuführen. Zu einem Fußballspiel gehört nun einmal unbedingtes Ver­ständnis aller Spieler, Eigennützigkeiten und eige­nes Handeln müssen wegfallen. In technischer Beziehung hatte Großen-Buseck Vorteile, da­gegen konnten die körperlich besser entwickelten Spieler der Gästemannschoft auf dem etwas auf­geweichten Platze standhafter sein. Wenn auch die beiden Punkte verloren gegangen sind, so ist es doch kein Verlust; denn die Busecker Elf spielt zum erstenmal in der Bezirksklasse II, und wenn im ersten Jahre der Beteiligung in einer höheren Spielklasse Erfolge schwer zu erringen sind, so werden dieselben in späterer Zeit und bei besserer körperlicher Entwicklung von selbst kommen. ,

Die 1. Iugendmannfchaft des DfR. Lich mutzte sich der gleichen Mannschaft des FC. 26 Grotzen- Bufeck mit 1: 2 beugen.

Sportverein 1928 Garbenteich.

Garbenlelch I wieseck I 6:3 (3:0).

Garbenteich hatte sich Wieseck zu einem Gesell- schaftsspiel verpflichtet. Nach dem Anstoß ging Gar­benteich nach kaum 10 Minuten in Führung und konnte überlegen bis zur Halbzeit auf 3:0 erhöhen. Nach der Halbzeit ging Wieseck härter ins Spiel und konnte auch ebenfalls drei Tore buchen, denen aber auch Garbenteich wiederum drei weitere Tore entgegenzufetzen vermochte und so das Endresultat auf 6:3 stellte. Schiri Spuck-Butzbach war dem Spiel ein gerechter Leiter.

Spielvereinigung 1926 Leihgestern.

Nieder-Weisel I Leihgestern. I 5:9.

Am Sonntag weilte die erste Mannschaft der Spv. Leihgestern zu einem Gesellschaftsspiel in Nicder-Weisel. Nieder-Weisel stellte eine flinke Mannschaft in den Kampf und konnte schon nach einigen Minuten in Führung gehen. Es gelang Leihgestern, auszugleichen und die Führung zu übernehmen. Trotzdem gestaltete sich das Halb­zeitergebnis 5:4 für Nieder-Weisel. Nach dem Wechsel findet sich Leihgestern mehr zusammen, lief zu seiner altgewohnten Form auf, so daß sich Nieder-Weisels Tormann noch fünfmal geschlagen

bekennen muhte und das Endresultat 9:5 fütf Leihgestern lautet.

Stuck ohne Lizenz.

Die Oberste Nationale Sportbehörde hat beschlos­sen, dem Autorennfahrer Hanns Stuck die Lizenz zu entziehen. Stuck hat infolge Startgeldforderungen für Winterfahrt Garmisch-Partenkirchen und anderer Vorkommnisse gegen das Sportreglement verstoßen. Zu bemerken ist außerdem, daß Stuck unberechtigt den Adelstitel führte.

Kurze Sportnotizen.

S t ü b e ck e - S ch.« n k hatten bei einem Rad­rennen in Marseille einen Achtungserfolg zu verzeichnen. In einem Dreistundenrennen beleg­ten sie eine Runde hinter den siegreichen Fran­zosen Marcillac-Blanchonctt (138,64 Kilometer 23 Punkte) den zweiten^Plah.

Das Hockehübungsspiel der beiden deutschen Auswahlmannschasten ist nunmehr auf kommenden Sonntag nach Hannover neu angeseht.

Zarm Querfeldeinlauf der Natio­nen, der am 28. März in Dublin durch- gefuhrt wird, wurden vom Engälchen Athletik- Verband auch deutsche Leichtathleten eingeladen.

Gründung der Akademischen Megergruppe" Gießen.

Gestern abend sanden sich im Hörsaal 53 der Universität eine Reihe von Studenten ein, um leilzu- haben an der Gründungsoersammlung einer Akade­mischen Fliegergruppe. Das Amt für Leibesübungen an der Universität hatte die Initiative ergriffen und zur Gründungsversammlung eingeladen. Zu dieser Versammlung erschien auch Gewerberat Köhler und bewies dadurch sein Interesse. Später sand sich auch der Mentor der hiesigen Iungfliegergruppe, Geheimrat König, ein. Professor Dr. Lehman n vom Mineralogischen Institut eröffnete die Ver­sammlung, hieß die Teilnehmer herzlich willkommen und begrüßte besonders Herrn Geheimrat König und Gewerberat Köhler. In kurzen Ausführungen gab er sodann einen Rückblick auf die Geschichte der Fliegerei, erinnerte an die ersten Ballonfahrten, sprach über die Entwicklung zum Motorflug und wandte sich dann dem ThemaSegelflug" zu, das nun in Zukunft auch die Studenten der hiesigen Universität beschäftigen soll. Der Redner sprach von den Voraussetzungen, die der Segelflieger mitbringen muß, Mut, Selbstzucht, Geistesgegen­wart, Beobachtungsgabe und rief den an­gehenden Segelfliegern ein herzlichesGlück ab".zu.

Im Anschluß daran sprach Dr. M ö ck e l m a n n über die Organisation dieserAkaslieg" Die Segel­fliegerei der Studenten soll in der gleichen Weise, wie alle anderen Sportzweige, im Rahmen des Amtes für Leibesübungen gepflegt werden. Von der Wahl eines Vorstandes, eines Schriftführers oder eines Kassierers könne man also absehen.

Die Arbeit der Akaslieg sei im übrigen als ein enges Zusammengehen mit der hiesigen Iung­fliegergruppe gedacht.

Die Voraussetzungen für die Entwicklung der Aka­demischen Fliegergruppe seien dadurch als besonders günstig zu betrachten, denn die dort gesammelten Erfahrungen im Bau von Flugzeugen, im Fliegen selbst bedeuteten ein Plus auch für die Akafliea. Ein weiterer günstiger Faktor sei das Interesse, das vom Reichsoerkehrsministerium ge­rade den Akademischen Fliegergruppen entgegen­gebracht wird; es sei zu hoffen, daß der Gruppe von dieser Seite auch einige Unterstützung zuteil werde. Er forderte deshalb die Anwesenden auf, sich in die aufliegende Liste einzutragen und dafür zu sorgen, daß der Gedanke in den Kreisen der Stu­denten weitergetragen werde, - damit recht viele

Freunde für die Segelfliegerei gewonnen werden.

Geheimrat König betonte, es gelte, die Segel­fliegerei weiter vorwärts zu bringen. In diesem Sinne betrachte man beim Lustfahrtverein diese Neugrün- duna nicht als eine Konkurrenz, sondern als eine Kräftigung d e r Bewegung. Er gab der Hoffnung auf ein ersprießliches Zusammenarbeiten Ausdruck.

Schließlich hielt noch der Führer der hiesigen Iungsegelfliegergruppe stud. med. Schmidt einen kurzen Vortrag über die Arbeit und über die Er­folge der Segelfliegergruppe des Vereins für Luft­fahrt.

Er wies befonders darauf hin, daß es not­wendig fei, sich als Segelflieger auch mit dem Bau von Flugzeugen zu beschäftigen, da nur dadurch der Kontakt zum Flugzeug selbst gcfd)affen werden könne und der Segelflieger bann mit dem Flugzeug viel sorgfältiger und verantwor­tungsbewußter umgehe, als es vielleicht sonst der Fall sei. Im Lichtbild zeigte er sodann die erste Flugmaschine der Gruppe, denZögling", auf dem nun nahezu 2000 Starts gemacht wurden. Er er» klärte kurz die Eigenschaften dieses Hängegleiters, zeigte die Maschine im Fluge und berichtete von seinen Erfahrungen. Auch das zweite Flugzeug der Gruppe, denPrüfling", lernten die Zuhörer ken­nen. Der Redner wußte auch von diesem Flugzeug Interessantes zu erzählen und gab damit einen Einblick in das Leben und Treiben, und in die Art der Arbeit, die bei der Iungsegelfliegergruppe ge­leistet wird.

Dr. M ö ck e l m a n n wies noch auf eine im Mai abzuhaltende Zusammenkunft hin, in der über die praktische Tätigkeit der Akademischen Fliegergruppe und über die Form der Zusammenarbeit mit der Iungsegelfliegergruppe gesprochen werden soll.

Man hofft, daß es bereits in diesem Sommer möglich sein wird, auf den Plan zu treten und gemeinsam auf dem Gelände an der Derq- schenke oder bei Aßlar Flugversuche zu machen. D c günstigen Voraussetzungen, unter denen die Aka­demische Fliegergruppe wird bestehen können, läßt erhoffen, daß sich zu den Mitgliedern, die sich an diesem Abend in die Liste eingetragen haben, noch recht viele andere Studenten einfinden werden, um den schönen Sport auszuüben.

Der Mm der das Lachen verlernt hat.

Vornan von Gert Rochbery.

Copyright hx Martin Feuchtwa- gor Stalle (©aale,

16 Fortsetzung Nachdruck verboten

Sie hatte sich in all dem Wirrwarr der Zeit ihre blanken, blauen, gütigen Augen bewahrt, war tapfer auch in das gänzlich veränderte Leben hin­eingeschritten um ihres Kindes willen.

Annemarie war zwanzig Iahre alt, doch sie wirkte nicht älter als höchstens siebzehn. Ihre schmale, kleine Gestalt war so graziös, dah ihr die Leute auf der Straße nachsahen, wenn sie von ihrem Kursus nach Hause kam oder früh ging. Das schmale ovale Gesicht war von blon­den, ganz lichten Locken umgeben, und die Deil- chenaugen blitzten froh in die Welt.

Annemarie vermißte den Vater schmerzlich, trotzdem sie noch ein kleines Kind war, als er da­mals ins Feld gezogen toar.

Und Mutter erzählte es ihr oft, wie er so fröh­lich gerufen hatte

Heul nicht, Annerl, i komm' do wieder. Was bist für a erbärmliche Soldatenfrau, Annerl?"

Da hatte die Mutter gelacht, und er hatte fröh­lich gesagt:

Na also! I seh' doch nicht ein, warum i dich soll zum Abschied traurig sehen, wo du mir immer fo fröhlich in mein Leben hineingelacht hast."

Und die OlluttM hatte gelacht, gelacht und fröh­lich gewinkt, bis afcr Vater um die Ecke verschwun­den war und sie nichts merjr von ihm sahen.

Da hatte die Mama laut aufgeschluchzt und war ins Zimmer gegangen. Und ihre trüben Ah­nungen trogen sie nicht. Der geliebte Mann fiel!

Aber er blieb unvergessen.

Doch es hieß, den Kampf mit dem Leben tapfer aufnehmen. Und so fertigte die Baronin Wends- brück feine, kunstvolle Handarbeiten an. Der Chef des großen Modehauses schätzte diese Ar­beiten und bezahlte sie auch gut. Dabei hatte Frau von Wendsbrück noch zwei Zimmer an einen Schauspieler des Burgtheaters abgegeben, und so ging es eigentlich friedlich zu im Leben der zwei Damen.

Annemarie sollte nicht länger bei den seinen Handarbeiten helfen. Die Mutter fürchtete der Tochter Gesundheit: das viele Sitzen war nicht gut. Sie mußte täglich an die Lust. Möglichst einige Stunden. Und dazwischen machte sie den kausmännischen Kursus mit.

Frau von Wendsbrück verschwieg ihrer Tochter ängstlich, wie elend sie sich selbst manchmal fühlte. Das Herz war krank geworden damals, als sie wußte, daß der geliebte Mann niemals wieder­

kam. Und nun machte ihr dieses dumme, kranke Herz immer mehr zu schassen.

Und dabei wuchs die Sorge um die Toch­ter. Was sollte werden, wenn sie, die Mutter, einmal schnell von binnen mußte? Sie besaßen nur noch einige ganz entfernte Verwandte, die sich aber nie um die beiden verlassenen Frauen gekümmert hatten. Trotzdem es ihnen noch sehr gut ging, diesen Verwandten! Ieht plötzlich an sie herantreten, das mochte Frau von Wends­brück nicht. Annemarie hätte sicherlich keine gute Ausnahme bei ihnen gesunden und wäre dann wahrscheinlich immer die lästige Verwandte ge­wesen. Dieses Los wäre schrecklich, dann schon lieber mochte sie auf eigenen Füßen stehen. Trotz ihrer Iugend und fast kindlichen Figur war Anne­marie ein ernstes, zuverlässiges Mädchen. Es drohten nur gar so viele Gefahren, wenn so ein junges, schönes Menschenkind allein auf der Welt stand

In dieses stille Grübeln hinein kam eines Tages ein Brief aus Amerika!

Aus Reuyork!

Und er kam von Hanni Behrends, der 3u- gendfreundin, die drüben mit einem reichen Manne verheiratet war. Sie hatten sich in all den Iahren einige Male geschrieben, aber es war immer seltener geworden.

Und nun kam letzt der Bries.

Die Freundin schrieb viel, wollte vieles wissen, fragte an, ob sie ihr nicht eine junge Gesellschaf­terin besorgen könnte. Sie sei so viel allein. Ihrs zwei Söhne lebten das Leben unbekümmerter, froher Söhne eines reichen Vaters, und ihr Mann, ja, der habe eben Geschäfte und immer wieder Geschäfte. Manchmal fei er wochenlang verreist.

Zwischen den Zeilen leuchtete es deutlich her­vor, wie die Che der reichen Frau aussah, und ein tiefes Mitleid erfaßte Frau von Wendsbrück.

Und auch ein leises, behutsames Freuen.

Wenn ihr einmal etwas §ustieß, dann konnte Annemarie nach Neuyork fahren! Das war eine Aussicht, die gut und beruhigend war. Hanni war immer solch gutes, weichherziges Geschöpf ge­wesen. Sie hatte keine Töchter und würde Anne­marie eine Mutter sein.

Und Frau von Wendsbrück hatte selbst wieder mehr Lebenshoffnung durch diese beruhigende Ge­wißheit. Die heimliche Sorge in den letzten Wochen hatte sie auf gerieben und das Herzleiden nur noch schlimmer gemacht.

Eine Gesellschafterin!

Ia, wen sollte sie der Freundin schicken? Sie lebten so sehr zurückgezogen, kannten kaum jemand. Und jetzt gab sie doch Annemarie nicht von sich! Nein, auf keinen Fall! Denn bann würde ja das Leben mit einem Schlage grau und trost­los um sie sein, wenn Annemarie nicht fröhlich inS Zimmer trat mit ihrem zärtlichen:

Guten Tag, mein Mutterl! Na, war ich nicht schnell zurück? Und Hunger hab' ich, ganz fchlim- men Hunger. Wart', ich deck' g'schwind den Tisch."

Und bann war das Zimmer voll Sonne.

In Gedanken versunken sah Frau Annerl da und sah auf die Straße hinunter. So überhörte sie ganz, daß Annemarie ins Zimmer trat. Sie fah erfreut auf, und Annemarie legte die Arme um den Hals der Mutter:

'n Tag, Mutterl. Heut' hab' ich die beste Ar­beit abgegeben, sagte der Direktor, und er meinte, ich werd' bald genug eine Stelle bekommen."

Das ist gut, Kind. Es ist immer gut, wenn man etwas gelernt hat im Leben. Und ich bin sehr froh, daß du auch so perfekt in Englisch und Französisch bist. Denke mal, hier schreibt mir meine Freundin Hanni aus Neuyork Sie möchte gern eine Gesellschafterin haben. Wir sollen ihr eine besorgen. Ich weih aber wirklich nicht, wen wir ihr da schicken sollten, denn natürlid) rechnet sie doch damit, daß wir die junge Dame genau kennen, die wir ihr zusenden würden."

Ia, da wissen, wir wohl niemand. Es gibt ja sehr viele nette Mädels mit im Kursus, und einige fprachen auch schon davon, daß sie gern ins Aus­land gingen: als Vorleserin, Gesellschafterin oder dergleichen, und daß sie bann sehr gern auf eine Stelle in irgendeinem lichtlosen Bureau verzich­teten. Aber ich weih wohl, bah sie das gesagt haben, bah es hübsche, liebe Mädels sind, aber sonst kenn' ich sie nicht, und wenn sich dann ir­gendwelche Untugenden Herausstellen an ihnen, bann haben wir die Verantwortung. Nicht. Mutterl?"

Ia, fo ist es wohl, meine Annemarie. Es ist schwer, einen Menschen so zu kennen, dah man ihn mit ruhigem Gewissen auss beste empfehlen kann."

Ia, da werden wir wohl darauf verzichten müssen, deiner Freundin jemand zu schicken."

Die Mutter dachte ein Weilchen nach, dann sagte sie:

Annemarie, hör mir einmal recht gut zu. Ia? Nun, es könnte doch sein, dah du eines Tages ganx allein auf der Welt wärest, ich meine, dah ich dir genommen würde. Sei ruhig, es ist doch nur eine kleine Aussprache, mit der ich feststellen will, ob du dich auch so tapfer benehmen würdest wie ich, als mir Papa genommen wurde. Also, würbest bu bann sofort zu meiner Freundin nach Neuyork reifen? Sie würde sehr lieb mit dir fein, mein Kind. Sie würde dir eine gute Stelle in ihrem schönen, reichen Hause geben. Und ich könnte dann in Zukunft immer beruhigt sein, weil ich genau wüßte, was nach meinem Tode mit dir geschieht, könnte mir schon jetzt alles aus- malen."

Ein paar große Tränen liefen über das feine, schmale Gesicht de« Mädchens. Ein paar Ikyte

Locken fielen widerspenstig auf die Stirn und wurden energisch zurückgestrichen, ebenso wie Annemarie jetzt energisch die Tränen abwischte.

Ich will den lieben Herrgott bitten, daß ec dich noch recht lange bei mir läßt, Mutterl; aber wenn er es anders beschlossen haben sollte, dann will ich zu Frau Hanni Behrends Nach Neuyork

gehen."

Du bist mein gutes, vernünftiges Mädel. Und nun wollen wir nicht mehr über diese Angelegen­heit sprechen, doch wir Wolleri sie immer als et­was ganz Feststehendes betrachten. Und nun komm, es gibt dein Leibgericht: gefüllte Ome­letten, und für dich ist dann auch rroch ein ge­bratenes Täubchen da. Das ißt du doch fo gern; und ich hab' es dir extra aufgehoben."

In den nächsten Monaten war alles wieder fo, wie es immer gewesen war. Frau Annerl hatte an die Freundin geschrieben und daraus um­gehend einen sehr herzlichen Brief erhalten. Frau Behrends schrieb, daß ihr das natürlich das Liebste sei, wenn sie die Tock)ter der Freundin bei fich haben könnte, doch ebenso gut verstehe sie es, dah eine Mutter ihr Kind nicht ohne Zwang von sich liehe. Was sie da, von ihrem Herzen schriebe, das mache ihr schwere Sorgen. Ob sie denn noch gar nichts für ihre Gesundheit, getan hätte? Sie möge doch unter allen Umstün­den den beiliegenden Scheck benutzen und nach Dad-Ranheim oder in ein ähnliches Bad gehen. Sie solle ruhig von ihrem, Hannis, Uebersluh etwas für sich tun, sie gäbe es doch gern. Und wenn es ihr eine Beruhigung sei, so wolle sie ihr schon jetzt mitteilen, daß Annemarie nie­mals verlassen sein würde.

Frau von Wendsbrück faltete die schmalen Hände.

Do war nun wenigstens diese Sorge, die sie manchmal nicht hatte schla en lassen, von ihr genommen. Hanni würde Annemarie sofort zu sich holen.

Und bann kam die Freude über den Scheck. Sie dur'te diese Summe unbedenklich annehmen, durfte die Freundin nicht durch Zurückweisung kränken.

Bad-Nauheim!

Das Bad für Herzkranke!

Schon lange und dringend hatte der Arzt es ihr immer wieder geraten. Nun würde es sein können. Nun würden sie endlich einmal eine Sommerreise haben. Annemarie tat die Erholung recht not. Sie sah auch immer bläh und schmal aus.

Und üjr Mieter, der ein sehr freundlicher, ver­ständiger Mann war, der hatte lächelnd gesagt:

..Von mir aus verreibens doch, Frau v. Wends­brück. Ich Helf mir famos allein aus die paar Wochen."

(Fortsetzung folgt)