Ur. 275 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag. 24. November (931
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Das Aevvlutionssieber in Brasilien.
Konstitutionelle Geburtsfehler. - Herrschaft der Oligarchieen. - Ausstrahlungen der WirlschastSkrisis. - Das deutsche Element in Brasilien.
Don unserem lck.-Derichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Rio de Janeiro, November 1931.
Mit knapper Rot ist unser Riesenreich vor .einer neuen großen Revolution bewahrt worden, die Brasilien in endlose Wirren .gestürzt hätte. Es ist diesmal ein kalter Blitzschlag geblieben, aber wer weih, ob sich das Gewitter nicht von neuem ^usammenballt! In Pernam- b u c o hatte sich die Garnison gegen die Zentralregierung erhoben, in anderen Städten gärte cs und auch in Rio selbst herrschte merkliche Anruhe. Schnelles Eingreifen der obersten Behörden und des Militärkommandos haben diesmal das Schlimmste vermieden. Das Grundübel der südamerikanischen Revolutionen ist aber geblieben. Als der Freiheitsheld Südamerikas, General Bolivar, die Herrschaft der Dizekönige gebrochen hatte, da galt es, den jungen Staaten eine Regierungsform und Derfassung zu geben. Die Machthaber jener Jahre waren geblendet durch die freiheitlichen Phrasen der französischen Revolution und durch das Beispiel Rordamerikas; sie schufen Verfassungen, die Kopien jener, den eigenen Ländern fremder Wesensformen waren. Sie wollten Demokratien in Staaten ins Leben rufen, die zu 99 Prozent von Urwäldern bedeckt waren, und in denen kaum die Randgebiete der Kultur erschlossen werden konnten. Die Enttäuschung lieh nicht lange auf sich warten. General Bolivar selbst erkannte seinen Irrtum kurz vor dem Tode und rang sich das wehmütige Bekenntnis ab, dah er das „Meer gepflügt" habe, d. h. dah sein Lebenswerk ihn enttäusche. In diesen demokratischen Derfassungen ist zum Teil der Grund für die vielen Wirren zu suchen, die seit mehr als einem Jahrhundert die südame- litauischen Länder erschüttern. Die Proklamierung einer Dolksherrschaft, wo es kein Volk, sondern Rachkommen von Eroberern, Priestermissionen und neben der älrbevölkerung Mestizen, Sklaven, sehr viele Abenteurer, ausländische Glückssucher und gewissenlose Händler gab, führte bald aur Herrschaft von Oligarchien und Diktatoren, die sich gegenseitig bekämpfen und mit Methoden, die sie Machiavelli abgelauscht zu haben schienen, aus den Präsidentensesseln verdrängten.
Brasilien hat einige Abweichungen von der allgemeinen südamerikanischen Regel gezeigt. Dis zum Jahre 1885 war es ein Kaiserreich und wäre das vielleicht auch noch heute, wenn der allgemein geachtete letzte Kaiser Dom Pedro von Braganza nicht die Sklaverei abgeschafft und dadurch die mächtigen Plantagen- besiher in ihren Interessen verletzt, und wenn die Thronerbin, die Gräfin d'Eu, sich nicht einige politische Anvorsichtigkeiten zuschulden hätte kommen lassen. Auch ist keine Zentralisierung der Regierung wie in den spanisch-südamerikanischen Ländern durchgeführt, sondern jeder Bundesstaat hat seinen Präsidenten und seine Kammer. Wohl aber besteht in Brasilien die Rivalität der Oligarchien. Die Säo-Paulistaner-Clique z. B. verträgt sich nicht mit der der Südstaaten. Der durch eine der früheren Revolutionen gestürzte Präsident Washington-Luiz und sein gewählter Rachfolger Dr. Julio P re st es waren frühere Präsidenten des Staates Sao-Paulo. Der Gegenkandidat Getulio D a r g a s war Präsident im Staate Rio Grande. Dr. Getulio Dargas wurde in den Wahlen einfach niedergeknüppelt. Blutige Revolutionen waren die Folge.
Es versteht sjch von selbst, dah die wirtschaftliche Depression und namentlich die Krise a u f
dem Koffeemarkt viel zur Revolutionsstimmung beitragen. Der Durchschnittsbrasilianer kennt sich in Fragen der Weltwirtschaft nicht aus, er mag nicht begreifen, dah der Kaffee, der ihm früher ein Wohlleben garantierte, von allgemeinen Konjunkturen abhängig ist, er sieht, dah Hunderttausende von Säcken mit Kaffee verbrannt werden, um einen weiteren Preissturz zu verhindern, er sieht die Derpfändung eines großen Teiles der Staatseinnahmen an Rordamerika und er wittert darin persönliche Geschäfte des Präsidenten und seines Anhanges. Dunkle Gerüchte werden kolportiert, und die Derschwörer- konventikel finden immer neuen Anhang unter den vielen Anzufriedenen. Reben dem Kaffee sind auch Zucker, Kautschuk und Baumwolle, auf deren Anbau man große Hoffnungen gesetzt hatte, der Krise verfallen, und die übrigen Weltmarltprodukte Brasiliens (Häute, Tabak, Paranüsse, Mate usw.) geben der Wirtschaft keine feste Stühe.
Die Revolutionsstimmung im Lande berührt hervorragende deutsche Interessen. Die Südstaaten Brasiliens mit ihrem gemäßigten subtropischen Klima sind von jeher das Ziel der deutschen Auswanderung gewesen; es gibt dort Städte und Dörfer, die ihr deutsches Aussehen bewahrt haben und die zu großem Wohlstand gelangt sind. Die Deutschbrasilianer haben ihrem zweiten Daterlande manche hervorragende Männer in der Derwaltung und im Militär gegeben, und der deutsche Handel besitzt in Brasilien weitverzweigte Interessen. Während des Weltkrieges freilich war der deutsche Import und Export auf den Rullpunkt gesunken, aber schon 1928 hatten sie wieder ihre Dor- kriegshöhe erreicht und zeigten eine anwachsende Tendenz. Etwa 4 0 0 Millionen Mark deutschen Kapitals sind in Brasilien in-
Oie Römerin
mag kein Iägerhüichen.
Gemäß Dekret der Diktatur, in Deutschland würde man schämig Rotverordnung sagen, sind die grünen Juchhes und Duliös auch in den römischen Schaufenstern erschienen. Alle Lasten müssen vom Dolk getragen werden, heißt es in der Derfassung des Modestaates, und so fragt sich die Römerin, wie man das macht. W i e trägt man so etwas?
Wie steht es einem? Wie paßt es zum Haar?
Ob man die süße Last, wie sie die Pariser Rot verordnete, überhaupt tragen .soll, das ist natürlich auch hier eine sekundäre Frage.
Können Sie sich eigentlich eine rassige Spanierin mit einem froschgrünen Jägerhütchcn vorstellen? Dielleicht doch, wenn man an die Dühnen- carmen denkt. Da geht das mit der unwahren Tracht in einem hin. Aber die stolze Römerin Feuerbachs?
Jedes Wort mehr ist eines zu viel, denkt unsereins. Gibt es in Rom ein „Weißes Rößl"? Würde der Schuhplattler hier nicht als die Ausgeburt eines Medizinmannes von den Fidschi- Inseln erscheinen? Die Französin mag den tu*
vestiert und auf alle Wirtschaftsteile verteilt. Deutschland exportiert nach Brasilien hauptsächlich Farben, pharmazeutische Produkte, Automobile, Eisenbahnmaterial und elektrische Artikel und deckt dafür etwa die Hälfte seines Kaffeebedarfes in Brasilien. Man zählt ungefähr eine Million Deutsch-Brasilianer mit deutscher Muttersprache, die mit dem Schicksal ihres neuen Daterlandes auf das engste verbunden sind und die gleichzeitig eine beachtsame Werbearbeit für ihre alte Heimat leisten. Bei der ungeheuren Ausdehnung des Landes, das dreißigmal so groß wie Deutschland ist, ist der Zusammenhang der deutschen Kolonien in Rio de Janeiro, Sao-Paulo, Para und in den Süd-Oststaaten nicht sehr fest. Es ist nun das Bestreben und der Gegenstand eingehender Erörterungen, diesen Zusammenschluß herbeizuführen.
Im Rovember 1929 wurde in dem Staate Santa-Katharina das hundertjährige Jubiläum der deutschen Einwanderung feierlich begangen. Auf Dorschlag des damaligen Derkehrs- ministers Dr. K o n d e r, der deutscher Abstammung ist, wurde beschlossen, in der bekanntesten Kolonie, in Blumenau, ein Museum der deutschen Einwanderung zu gründen. Dieses Einwanderungsmuseum soll die Aufgabe erfüllen, alle deutschen Dereine in Brasilien zusammenzufassen. Jeder Brasilianer deutscher Abkunft, jeder eingewanderte Deutsche, jede Firma, die deutsche Interessen vertritt, soll sich vertrauensvoll an die Liga wenden dürfen. Dor einem Jahre wurde während der revolutionären Wirren der deutsche Dampfer „Bade n" vom Fort Copacabans in Rio unter Artilleriefeuer genommen, mehrere Passagiere wurden getötet und verwundet. Der böse Zwischenfall ist vergessen. Es besteht kein Gegensatz zwischen Deutschen und Brasilianern. Sollte es endlich gelingen, stabile Derhältnisse zu schaffen und die drohende Revolutionsgefahr zu bannen, so würden der Handel und der Wechselverkehr zwischen dem Reich und Brasilien einen rapiden Aufschwung nehmen. Leider sind noch keine Anzeichen für ein Schwinden der schweren wirtschaftlichen Krise zu sehen, die Rot aber läßt das Revolutionsfieber nicht sinken.
stigen Einfall mit koketter Grazie tragen, aber ist die Römerin kokett? Sittsam neben der ehrwürdigen Matrone einherschreitend, nicht trippelnd, soll Lukretia, soll Graziella, soll Donna Edda Comtessa Galeazzo Ciano di Cortellazza mit diesem ulkigen Kopfputz in die Kirche gehen? Jmpossibile. Ganz und gar unmöglich. Die Römerin. soweit sie auf Tradition hält, und welche vornehme Dame würde das nicht, bleibt bei Schwarz.
Wenn man also vielleicht die Form übernehmen, bloß die Form — —?
Escluso. Ausgeschlossen. Die Römerin kehrt dem verrückten Hutladen den Rücken. Die Spanierin hat auch schwarzes Haar, zu dem Grün einfach nicht geht, gewiß, aber sie kann eine rote Granatblüte unter den Rand stecken. Also liegt es bloß am Haar?
Die Römerin promeniert bis zu dieser Stunde auf der Straße ohne Jägerhütchen, sie mag es nicht, sie will cs nicht, weg damit. Man muß diese Scheußlichkeit nur einmal, wir können ja noch einmal an dem Geschäft Vorbeigehen, richtig ins Auge fassen. Siehst du. Graziella, zu Blond mag das ja recht nett sein — wie sagst du, die alten Römerinnen hätten auch Gefallen gefunden an dem Blond der Germaninnen? Va
Geschichten ans Italien.
Don unserem römischen ll-Korrespondent.
bene, aber die Komplementärfarbe wäre Rot. Das machen sie in Paris mit Perücken, zu drollig. Die Federn können wir ja den Deutschen überlassen, erinnerst du dich noch an chren komischen Stolz auf die Rasierpinsel, die sie in Bolzano auf den Hüte ntragen?
Graziella behauptet in München gewesen zu sein und dort dieselben grünen Hütchen samt Apachcnaufpuh auf den edlen Rachkommen Thus- neldas gesehen zu haben, deren hehrer Weiblichkeit die Reinlichkeit auf den öffentlichen Straßen obliegt .
Worauf alles wieder aus dem Hutladen flüchtet und demonstrativ in schwarzen Glocken über den Corso schreitet.
So geht das nun schon seit Wochen. Roch kein einziger Frosch ist verkauft worden. Die Römerin hat Geschmack, hat Mut, will eher unmodern scheinen als komisch. Allerdings scheint die Sache mit dem geliehenen Blond der Germaninnen im alten Rom Eindruck gemacht zu haben. Lukretia hat mich heute schon zweimal angeklingelt und die Vertrauensfrage gestellt, ob Graziella, meine grau, wohl mitmachen würde? Also, zu glanzschwarzem Haar komme ein grüner Hut. möge er an sich noch so schick sein, gar nicht in Frage. Dielleicht aber ließe sich's umgekehrt machen —?
Run, ich verstand nicht gleich, die tveibliche Diplomatie läuft immer in anderen Windungen als die unfrige, ich stelle nur fest, dah Lukretia und Graziella seit 15 Ahr beim Friseur sind. Jetzt ist es 19 Ahr. Kann man in dieser Zeitspanne ein Medeahaupt, ein Jphiegenieköpfchen zu einem Jägerhütchen passend umformen umfärben —?
Ehen werden in der Stratosphäre geschloffen.
Ein berühmter amerikanischer Professor, Darwin O ' L i o n, der in der letzten Zeit so viel von sich reden machte und so sensationelle Erfolge hatte, daß Irland mit Stolz feftftellte, seine Wiege habe auf der grünen Insel gestanden, entdeckte, wie erinnerlich, die braune Sahara als den idealen Startplatz für Raumgeschosse. Er gab den Raketen weihe Mäuse und Sperlinge als Passagiere mit und die Tiere erwiesen sich intelligent und dankbar genug, aus sechzig Kilometer Höhe auf diese von dem Weltwirtschaftsleben geschüttelte Erde zurückzukehren. Das heiht, in die ruhige Oase der Sahara, genauer gesagt, in den vorsaharischen Palmengürtel Tripolitaniens.
Die italienische Kolonialverwaltung unterstützte die Dersuche Lions, die das von der Columbia- Aniversity investierte Kapital durch ihre Ergebnisse geradezu beschämten, auf alle erdenkliche Weise. In Begleitung seiner unerschrockenen Sekretärin, einer feschen Wienerin, sah man den Raketenprofessor bald in Misda, bald in Ghadames, heute auf dem Dschebel, gestern in einer Talsenke, zu Pferd, auf dem Kamel, vor allem an den gastlichen Tischen der Kolonialoffiziere, denen er merkwürdigerweise viel lieber von seinen geheimnisvollen Plänen erzählte als den Journalisten. Die Presse war für ihn Luft, ihre Dertreter muhten im Grand Hotel von Tripolis oft tagelang antichambrieren, und wenn sie endlich wie ein bescheidenes Talglicht vor der Leuchte der Wissenschaft standen, blies er sie aus, einfach aus. Das hat dem Professor einigermaßen unsere Sympathien gekostet, aber die amerikanische Sensationspresse lieh sich dadurch selbstverständlich nicht abhalten, mit immer größeren Angeboten herauszurücken. Für einen einzigen Artikel Lions bot sie so viele Dollars, als ein italienischer Journalist Lire im Monat verdient, und schließlich gab Darwin O'Lion nach.
Zehn Zentimeter hohe Schlagzeilen der Reuyor- ker Zeitungen brachten die Gemüter in Wallung, bis zur Arbeiterzeitung in Wien drang auf diese Weise die Fama, falls nicht etwa Fräulein Maria
Gießener Etadttheater.
Gastspiel der Thoma-Bühne: „Kalteisergcist" von Max Mohr.
„Der dichterische Mensch muß seine Wurzel suchen. Er kann sie suchen in der Prähistorie, in der Rückkehr zur Ratur oder in den letzten Resten des Dolkstums. Zellenbildungen konservativen Geistes heißt die Mahnung unserer sterbenden Kultur" — mit solchen Worten umgreift der Dichter den Sinn feines Dolksstuckes „K a l t e i s e r g e i st" , das er, wie man lieft, einer Anregung des englischen Schriftstellers D. H. Lawrence folgend, für die Schultes-Leute und ihr Bauerntheater geschrieben hat.
Der Dichter Max Mohr, von Haus aus Me- diziner, tauchte mit dem romantischen Lustspiel „Improvisationen im Juni" recht eigentlich Inder Literatur auf, schrieb in schneller Folge ein Stuck nach dem andern und schwenkte dann zum Roman ab; es ist, als ob sich in jedem seiner Bucher schon das entscheidende Problem und Leitmotiv für ein neues herausbilde: so folgte auf die „Beaus in den Fischen" „Die Heidin", auf die „Heidin" die „Freundschaft von Ladiz". And die Fabel des „Kalteisergeistes" ist wiederum schon im Kern in jenen erzählerischen Dorläufern enthalten.
Das alte Grundproblem, das sich aus der Gegenüberstellung von „„städterner" Zivilisation und bodenständig-bäurischer Kultur ergibt, entwickelt das Dolksstück an einer schlichten und gradlinigen Fabel. 2m weltabgeschiedenen Dorf ^m Karwen- del bricht der spekulierende Geschäftsgeist des technischen Zeitalters ein und will die Einöde nut einem Bergbahn-Projekt „erschließen .
Die Mehrzahl der Bauern ist dagegen; ein paar wenige wittern Geld und Geschäft und sind dafür Das Motiv der feindlichen Zwillingsbruder spielt hinein Der verstädterte Wolfgang Kalteiser sucht den eingesessenen Bauern und Kramer Quirin Kalteiser vom angestammten Besitz zu vertrei-
«Die Bauern wehren sich gegen die Städtischen plump, mit Gewalt, einer erschlägt den Ingenieur, der den Bahnbau leitet, muß fliehen, wird vom Quirin verborgen; den heben sie aus, und.er muß ins Zuchthaus. Der Wolfgang erreicht, was den Jndustriemenschen nie Ölungen wäre: er handelt den Bauern mit Aktien Grund und Boden ab. Ihm schweben gigantische Plane vor: Hotel, Dank, Kaufhaus im industrialisierten Kar- wendel.
Aber es erweist sich — drei Jahre später —, i daß der alte Kalteisergeist doch stärker, lebens- I kräftiger und gesünder war als der neue. Im | Dorfwirtshaus kommen sie wieder zusammen, die Karwendelbauern, denen inzwischen ein grausames Licht aufgegangen ist. Der Wolfgang Kalteiser hat abgewirtschaftet und ist bankrott samt seiner „städternen" Madam Zilly, die er sich mitgebracht hat vor drei Jahren. Sie haben dem Berg den Bauch aufgeriffen, aber die Bahn ist dennoch nicht zustande gekommen, weil das Geld fehlt. And die trauernden „Aktionäre" gehen einer nach dem andern zum Quirin über, der wieder heimgekom- men ist auf den alten Dauernsih und der wieder aufbauen wird, was der spekulierende Zwillingsbruder verpfuscht und verdorben hat.
Rückkehr zur Ratur und zu den letzten Resten des alten Dolkstums —: das ist die Grundmelodie der drei Akte; das war schon in der „Heidin" der leidenschaftliche Appell. And wenn zuletzt die Zilly den Karwcndel-Dauern mit einer simplen Astrologie ihr Geld- und Liebes- und Gesundheits-Horoskop aus der Hand lieft, dann fühlt man sich freundlich an den herzhaft heiteren und romantisch verträumten Roman von der „Denus in den Fischen" erinnert.
Der Dichter hat sein Stück für die Tegernsee- Dauern geschrieben, er hat mit ihnen geprobt und führt auch selber Regie. So kommt alles aus einer Hand und ist alles aus einem Guß. Er läßt das Stück so schlicht, so aus dem Dollen einer bodenständigen Spiellreude und natürlichen Spielkultur hervorwachsen, derb, gradlinig, rechtwinklig, mit klarer Derteilung von Licht und Schatten, daß man seine Freude daran hat. Das steht alles festgefügt in den einfachen, fast kärglichen Umriffen von Kramladen und Wirtshaus wie die monumentalen Bauernszenen des verstorbenen Egger- Lienz. *
Man kennt die Truppe hier von ihrem ersten Gastspiel mit Ludwig Thomas bäuerlicher „Magdalene". And man hat aufs neue den starken Eindruck einer aus dem Leben schöpfenden, natur- nahen Schauspielerei von einer Geschlossenheit der Einzeldarstellung und des Zusammenwirkens, wie man es auf der städtischen Bühne nicht oft in der gleichen gelassenen Selbstverständlichkeit erlebt.
Angemein überzeugend wirkt Max Schultes als Quirin in seiner zähen, kämpferischen Bodenständigkeit, seinem ätzenden Spott, seiner grimmigen Lebenskraft, die doch zuletzt die Oberhand behält gegen den feindlichen Zwilling; ihn gibt
Berti Schultes ebenbürtig als feftumriffene Charakterfigur — ohne den kleinsten Abstecher in eine naheliegende, effektvolle Theaterei.
Der großen natürlichen Begabung der Loni Schultes war in der Rolle der zwischen Altem und Reuem, zwischen Land und Stadt schwankenden Zilly eine Aufgabe gestellt, der sie mit der gleichen Jnstinktsicherheit wie in der „Magdalene" gewachsen war. — Eine kernige Andreas-Hofer- Gestalt: Franz Fröhlich als Zeskabauer. — Ein sauber abgestimmtes Terzett von derber, ländlicher Komik war die Malferteinerfamilie: Ander! Kern, Ludwig Schleich, Minna Späth. Auch Rosl Schultes, Anni Becker und Hermann E r h a r d t standen in kleinen Szenen sicher an ihrem Platz. —
*
Der Besuch würde zweifellos stärker gewesen sein, wenn das Gastspiel nicht mit dem gleichzeitigen Vortragsabend des Goethe-Bundes zu- fammengefallen wäre; hoffentlich lassen sich künftig derartige Kollisionen — im Interesse aller Beteiligten — vermeiden. hth.
Goethe-Bund.
1. Dichteraßcnd: Ina Leidei.
Es war zu erwarten: der Dichterin harrte eine große aufmerksame Zuhörerschar, sichtlich bereit, aufzunehmen und mitzuerleben, was die stille, ernste und- Wohl auch leidende Frau vorerlebt hatte und nun vermitteln wollte. Die Dichterin wurde herzlich begrüßt.
Zuerst hörte man einige Gedichte. Als erstes „Drei Frühlingslieder aus der großen Stadt", Gedichte, die dem Zuhörer sofort die ganze große Eigenart der Dichterin bewußt werden lieft: jene Verbundenheit mit der Ratur, die aber nicht das ist, was man gemeinhin urwüchsig nennt, sondern eine Verbundenheit, die unendlich vergeistigt ist und damit die kosmische Welt und das pulsierende Leben auf der Erde tiefer und nachhaltiger zu erfassen vermag, als der unbetouftt Naturverbundene hierzu imstande sein wird. Gesteigert wurde dieser Eindruck in den Gedichten „Der Pflüger" und „Der Waldarbeiter".
„... Er hat den meilenweiten Wälderschritt, Den Hut im Nacken und das Brot im Sack, Geruch von Harz und Borke führt er mit. And kleiner Feuer Reisigrauchgeschmack..
So klingt es im „Waldarbeiter und man sieht den Mann im Geiste durch den Hochwald schreiten.
In wenigen Zeilen sind gerade in diesen beiden genannten Gedichten zwei Arten vonMewchen ganz ersaht und wiedergegeben. Der eigene Rhythmus und die faszinierende Sprache zwingen zum Mit- erleben. Ein weiteres Gedicht „Phlox" verrät feinste Einfühlung in geheime Dinge, und wenn hier die Dichterin spricht:
„ ... Nun aber ward es Nacht, — ihr füften
Blumen, hört, —
Nachts war ich auch bei euch und hab' euch nicht gestört.
Dom Sternlicht nicht erreicht, umtrieft von kühlem Sau
Standet ihr Witwenhaft, verhüllt in stummes Grau..
dann ist das nicht nur ein Spiel mit Worten, sondern der Ausdruck subtilster seelischer Schwingungen. Gleichermaßen waren die Gedichte „Der Berg", „Auf eine Pflanze" und „Trost" zu bewerten. Derstärkt wurde der Eindruck durch die Art des Dortrags, die erkennen lieft, daß die Dichterin noch inmitten ihrer Gedichte lebt. Dem immer wieder anderen Rhythmus folgte man gerne.
Dann las Ina Seidel drei Kapitel aus dem großen Roman „Das Wunschkind", zuerst aus Christoph von Echters (der Hauptfigur des Romans) frühen Jugendjahren ein feines, von zartem Humor umwobenes Kapitel, das aber auch der tiefernsten Töne nicht entbehrte. Ein anderes Kapitel ließ die Schlacht bei Jena und Auerstädt lebendig werden, gleichzeitig war es das Hohelied einer Mutter, die um den Sohn bangt und doch aus ihrem mütterlichen Gefühl heraus weiß, daß er lebt, wie sie es auch später weiß, daß der Sohn tot ist, gefallen bei Groß-Görschen. Dieser Tod war in dem den Roman abschließenden Kapitel geschildert, mit dem zugleich der Abend seinen Ausklang sand. In einer reinen Sprache waren die Dinge und Dorgänge dargestellt, mit beruhigter Klarheit das Wesen und das Leid der Mutter wiedergegeben; die Figuren des Romans traten plastisch vor den Zuhörer. Man konnte schon aus diesen drei Kapiteln die Gröhe der Konzeption des Werkes erahnen. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man die Dichterin Ina Seidel neben Ricarda Huch stellt als eine der bedeutendsten Vertreterinnen zeitgenössischen deutschen Schrifttums. Der Abend bewies es. Die Dichterin fand lebhaften Beifall.
Die Deranstaltung des Goethe-Bundes in der Reuen Aula der Aniversität war sehr gut besucht. n.


