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24.4.1931
 
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Nr. 95 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Zreitag, 24. April 1951

Wann kommt die Sicherheitsverwahrung für Berufsverbrecher?

Kriminalpolitische Folgerungen aus dem Fall Kürten.

Mehrere Prozehberichte and Düsseldorf bezeich­neten die Mordserie Kürtens alseinen Fall, der ohne Beispiel in der Literatur" ist, als ein Phänomen, dein man fassungslos gegenüber steht". Tatsächlich ist dieser Fall Kürten aber keineswegs einzigartig, noch viel weniger steht er jenseits jeder kriminalistischen Prognose. In dem 1926 erschienenen bekannten WerkDer Berufsverbrecher" von Geh. Rat Heindl ist der Werdegang Kürtens bis zu seinem schauer­lichen Ende voransgesagt, ohne Blic^ auf die Sterne und das Horoskop, sondern auf Grund einer nüchternen Kalkulation seiner Borstrafen und seines gesamten Vorlebens. Heindl hat in dem genannten Buch unter anderem eine aus­führliche Darstellung aller Serienmorde der letzten 100 Jahre gegeben, die Entwicklung der Täter von ihren verbrecherischen Anfängen bis zum Schrecken ihres Endes psychologisch analysiert und daraus eine gewisse Regelmäßigkeit im Ab­lauf dieser Verbrecherkarrieren demonstriert. An zahlreichen Beispielen hat er die Prognose er­läutert, die sich aus gewissen Vorstrafen ergibt, auch wenn diese Vorstrafen zunächst noch nicht auf Mord lauteten.

Lind Kürten war ein thpischesBeispiel. Heindl schrieb (und hat nicht Kürten bei seiner Vernehmung am ersten Verhandlungstag ihn bei­nahe wörtlich zitiert?):Wie soll es auch anders werden bei Menschen, die in einer Familie auf­wachsen, in der der Vater dem Trunk obliegt? Die in engen Räumlichkeiten groß werden, in denen sie Auger^eugen der elterlichen Prügeleien und was noch schlimmer ist die elterlichen Versöhnungen sind. Von solchen Kindern, die schon zu Lebzeiten der Eltern Waisen sind, kann man nichts anderes erwarten, als daß sie Be­ruf s v e rb reche r w e r de n, die sich von Jahr zu Jahr immer mehr vervollkommnen." Rach Heindl ist diese Vervollkommnung nicht etwa bloß in der Richtung zu erwarten, daß der Verbrecher ein bestimmtes Spezialdelikt von Vorstrafe zu Vorstrafe immer häufiger, intensiver und routi­nierter begeht, sondern vor allem auch in einer gefährlichen Weiterentwicklung: Er kombiniert das schon öfter begangene Delikt mit weiteren Delikten, um der allmählich monoton werdenden Berufsarbeit neue Reize abzugewinnen. Ein Vor­gang, der begreiflich, im Wesen des Menschen begründet und daher leicht vorherzusagen ist. Dieselbe Kombination und Komplikation zeigt sich beim künstlerischen Schaffen, bei der Arbeit des Technikers, des Wissenschaftlers, fast bei jeder Tätigkeit. Dazu kommt noch bei der ehrlichen Qlrbeit und der verbrecherischen im Lauf der beruflichen Wei­terentwicklung das Bestreben, durch diese Kom­bination das Risiko zu verringern und den Erfolg zu beschleunigen. Heindl hat das beispiels­weise auch an dem Fall des französischen Massen­mörders L a n d r u (um 1920) gezeigt. Zuerst beging Landru Heiratsschwindeleien, wurde deshalb häufig angezeigt, immer wieder zu Gefängnis verurteilt und immer wieder z u neuen Taten entlassen. Schließlich kam er man möchte beinahe sagen: zwangsläufig zum Beseitigen der Opfer seiner Heirats­betrügereien, damit sie ihn nicht mehr anzeigen tonnten. Er wurde zum Frauenmorde r. Elf Morde wies man ihm nach. Sein Geschäftsbuch, das er als ordentlicher Berufsverbrecher führte, deutete aber auf eine viel größere Anzahl von Dräuten Hirn In der Verhandlung war von 280 Frauen die Rede, zu deren Verschwinden Landru in Beziehung gebracht wurde.

Lind nun kommen wir zur Lehre, die uns der Fall Landru und der Fall Kürten geben: die sämtlichen Mordtaten Landrus wären, wie sich später herausstellte, beinahe verhindert wor­den. Die Mordserie Kürtens hätte sich verhindern lassen. In Frankreich besteht schon seit langem ein Gesetz, wonach rückfällige Verbrecher dauernd eingesperrt werden müssen, so­

bald die Zahl und Art ihrer Vorstrafen eine sichere Prognose künftigen Schlechtverhaltens er­möglichen. Dauernd, auch wenn die letzte Straftat für sich allein betrachtet, nur eine kurze Frei­heitsstrafe zur Folge haben würde. Als Landru noch im EntwicklungsstadiuinBetrug ohne Er­mordung der Betrogenen" stand, war er für die Anwendung dieses Gesetzes bereits reif. Cs wurde auch gegen ihn ordnungsgemäß die dauernde Einsperrung vom Gericht ausgesprochen. Aber gerade am Tag nach dieser Verurteilung brach der Weltkrieg aus und im allge­meinen Towuhabohu wurde die Durchführung der Maßnahme vergessen. Landru verbüßte nur die wegen des letzten Heiratsbetrugs ihm zudik­tierte Strafe und wurde dann wieder auf die heiratslustigen Pariserinnen losgelassen, ohne daß die Zusahstrafe der Dauerinternierung vollstreckt wurde. Die Folge: elf Frauenmorde.

Was in Frankreich damals ein versehenlliches Abweichen von der Regel war, ist inDeutsch- l a n d S y st e m. Rehmen wir nur den gleichzeitig mit dem Fall Landru (1921) zur Aufrollung ge­langten Fall Großmann in Berlin: 25 Vor­strafen, zum Teil wegen Eigentums-, zum Teil wegen Sexualdelikts, aber immer wieder Entlassung nach derStrafverbühung. Freigelassen, geht er stets sofort auf ein neues Opfer los. Einmal notzüchtigt er am Entlassungs­tag vormittags eine Zehnjährige, nachmittags ein vierjähriges Kind. Lind nachdem er abermals bestraft und wieder freigelassen ist, beginnt die Serie von kombinierten Verbrechen: Diebstahl plus Sittlichkeitsdelikt plus Frauenmord.

Wir haben nur die Fälle Landru und Groß­mann aus dem Heindlschen Buch kurz referiert:

es enthält zahllose Derbrechergeschichten, die in genau der gleichen Linie verliefen. Lind der Fall Kürten? Dis zum Einsehen der Mordserie ebenfalls zahlreiche Vorstrafen wegen Diebstahl und immer wieder Diebstahl. Zuerst Gefängnisstrafen, dann Zuchthausstrafe. Insge­samt bereits über 20 in Gefängnissen und Zucht­häusern verbrachte Jahre vor dem Beginn der Mordserie. Lind zwischen den zahlreichen Strafen immer wieder kurze verbrecherische Gastspiele in der Freiheit. (Wer euch kriminalpolitische Fragen rein finanziell zu betrachten beliebt, möge sich aus­rechnen, ob der durch Kürten stets wieder in Be­wegung gesetzte polizeiliche Fahndungsapparat, und gerichtliche Verhandlungsapparat von dem wirtschaftlichen Schaden seiner Eigentumsdelikte ganz zu schweigen billiger kam als die dauernde Einsperrung eines Menschen, der a u ch ohne sie in den letzten 30 Jahren über 20 Jahre in Haft verpflegt werden mußte.)

Rachdem Kürten wieder einmal nach einer Strafe für 30 Diebstähle in die goldene Freiheit entlassen wird, obwohl er längst reif für dauernde Internierung gewesen wäre, kompliziert sich das Bild. Er begeht nun Einbruch, daneben aber auch Gewalttaten gegen Frauen (und wird hin­sichtlich dieser Gewaltakte bestraftwegen tät­licher Beleidigung"). War nun wirklich so schwer vorauszusagen, was das letzte Ende sein wird? Die Kombination der vorher getrennt neben­einander laufenden Strafhandlungen läßt nicht lange auf sich warten. Cs kommt prompt auch bei Kürten zu Einbruch plus Gewaltakt an Frauen und dann nächstes Stadium Eigen­tumsdelikt plus Frauenmord. (Seine in der Kind­heit angeblich verübten Tötungen sind wohl kaum kriminalpolitisch alsMorde" zu werten, zumal es gar nicht so einwandfrei festgestellt erscheint, ob diese Roheitsakte wirklich sich so abspielten, wie er sie jetzt darstellt.)

Die Mordserie Kürtens wird jetzt alsun­faßbares Phänomen" betrachtet: aber ist es nicht noch unfaßbarer, daß der Staat einen Mann, dessen Akten zahllose Vorstrafen und darunter schwere Zuchthausstrafeauftoeifen, immer wie-

Lippennegerinnen in Berlin.

WM

Als Gäste des Berliner Zoo trafen eine Grupep afrikanischer Lippennegerinnen und mehrere männliche Pygmäen ein. Die schwarzen Damen tragen als Schmuck von Jugend an zwei riesige Holzplatten in den Lippen, so daß der Mund schließlich wie eine gräßliche Klappe aussieht. Geheimrat Heck vom Berliner Zoo empfängt seine schwarzen Gäste. Borerst sind die Gesichter der Frauen noch verhüllt, doch wenn sie die Schleier fallen lassen, sehen sie so aus, wie unser Bild links unten zeigt. Aber die Männer aus dem zwerghaften Pygmäenstamm sind auch nicht schöner.

der freiläßt? Freiläht, obwohl der Mann nicht nur Eigentumsdelikte, sondern daneben auch sexuell begründete Gewaltakte gegen Frauen immer wieder beging? So ein Mensch gehört rechtzeitig für Lebenszeit interniert. Die Internierung kann so human als möglich gestaltet werden. Die Hauptsache ist, daß er von der Straße wegkommt, bevor die letzte unaus­bleibliche Komplikation eintritt.

Dieser Gedanke ist jetzt von allen Parteien des Reichstages, von der Rechten bis zu den Sozia- liften, als richtig anerkannt. Der Strafgeseh- entwurf der Aeichsregierung von 1925 enthielt dieSicherungsverwahrung" noch nicht in der Form, wie sie Heindl 1926 in seinem Berufsverbrecher" vorschlug. Aber der Rechts­ausschuß des Reichstages, in dem das Heindlsche Buch stückweise zur Verlesung gelangte, hat in­zwischen die einschlägigen Paragraphen des Ent­wurfs modifiziert, und sie decken sich jetzt mit den Heindlschen Vorschlägen. Jedoch zum Gesetz ist die sichernde Internierung der Be­rufsverbrecher immer noch nicht geworden, weil der Strafgesehentwurs als Ganzes infolge der bekannten innerpolitischen Schwierigkeiten (wozu auch die Strafrechtsvereinheitlichung mit Oesterreich kommt) noch immer nicht verabschiedet werden konnte.

Oberregierungsrat Dr. Frede hat auf der letzten Tagung derArbeitsgemeinschaft für Re­form des Strafvollzugs" unter allgemeiner Zu­stimmung gefordert, der Gesetzgeber möge, wenn es in nächster Zeit zu einer Gesamtreform des Strafrechts nicht kommen sollte, wenigstens die zwei wichtigsten Fragen in einer Rovelle losen. Lind als eine der zwei wichtigsten Fragen bezeichnete er die Sicherungsverwah­rung. Cs ist an der Zeit!

Hausbesitzer-Tagung in Darmstadt.

* Darmstadt, 21. April. Der Landesver­band der hessischen Hausbesitzer- Vereine hielt seinen diesjährigen, sehr gut besuchten ordentlichen Verbandstag in Darmstadt ab. LI. a. beschäftigte sich die Tagung mit der von der hessischen Regierung eingeführten neuen Steuerbelastung des Haus­besitzes, die in ihrer Auswirkung katastrophal genannt werden müsse und die eine außerordent­lich starke Erregung in den Kreisen des Haus- besitzes ausgelöst habe. Cs wurde über die bereits unternommenen Schritte, die zu einer Milderung führen sollen, eingehend berichtet und die weiter zu treffenden Maßnahmen beschlossen. Dem Vor­stand wurde einstimmig Entlastung erteilt und ihm aus der Versammlung Dank für sein Ein­treten für die Interessen des bedrängten hessischen Hausbesihes ausgesprochen. In der Aussprache kam wiederholt die volle Einmütigkeit der im Verb aride zusammengeschlossenen hessischen Haus­besitzer-Vereine zum Ausdruck, die einig sind in dem Bestreben, dem hessischen Hausbesih die stark bedrohte Lebensmöglichkeit für die Zukunft zu sichern. Die neue Verbandssatzung wurde ein­stimmig genehmigt. An Stelle des verstorbenen Landtagsabgeordneten H a u r y, der 10 Jahre lang an der Spitze des Verbandes gestanden hat. wurde der neue Vorsitzende des Darmstädter Hausbesitzer-Vereins, Bürgermeister a. D. B u x - bäum, einstimmig zum 1. Vorsitzenden des Ver­bandes gewählt. Auch die weiteren Vorstands­mitglieder, die Herren Schopp und M a g e l (Mainz), R a g e l und Weiser (Offenbach). Ziegler (Darmstadt), Schwan (Worms), Steuernagel (Dad-Rauheim) und S e m I c r (Bensheim), wurden einstimmig wiedergewählt. Bürgermeister D u x b a u m übernahm den Ver- bandsvorsih mit dem Versprechen, seine ganze Kraft einzusehen, um die Ziele der Verbandes und die berechtigten Forderungen des hessischen Hausbesihes zu verwirklichen.

Hessische Mieiertagung in Offenbach.

WSR. Offenbach, 21. April. Am Sonntag fand in Offenbach eine große Mieterkundgebung statt. An der Kundgebung nahmen neben den Vertretern der Stadt Offenbach und anderer Städte die Delegierten teil. Oberbürgermeister Granzin brachte zum Thema der Tagung zum Ausdruck, daß in erster Linie für sonnige Woh­nungen gesorgt werden müßte. Dann sprach der

Haus der tausend Gespenster.

Schaufenster-Puppen erwachen zum Leben.

Von Georg Klee.

(Nachdruck verboten.)

Ich habe mich mit dem Paternoster verfahren. Ich hätte im vierten Stock landen sollen, und jetzt sitze ich hier unter dem Dach. Ich irre durch die Korri­dore und klopfe an verschiedene Türen. Nirgends eine Antwort. Auf einmal höre ich hinter einer Tür ein leises Geräusch. Es ist, als stöhne jemand. Ich klopfe wieder. Sofort wird alles mäuschenstill. Ich vernehme Laute wie Rascheln und habe das Gefühl, als kichere jemand. Wirklich, man kichert dort drin­nen. Ich kann nicht leugnen, in diesem unheimlichen, düsteren Gang wird es mir immer unbehaglicher. Jetzt hört es sich sogar an, als meine jemand hinter dieser verschlossenen schmutzigen Holztür. Jetzt klopfe ich stärker, um mein Herzklopfen zu übertönen. Aber mein Klopfen wirkt nicht mehr, es stöhnt, es raschelt, es knirscht, es kichert, und es schluchzt auf diesem rätselhaften Boden ohne Unterbrechung. Ich gehe von Tür zu Tür, bleibe stehen, klopfe und lausche. Nirgends wird mir die freundliche EinladungHer­ein!". Am Ende des Flurs bringt Licht durch den Ritz einer Tür. Ein Druck, und ich falle in ein kleines Gemach. Wie gebannt bleibe ich stehen: der Anblick, der sich mir bietet, ist schauderhaft. In der düsteren Dachkammer hängen von den Deckenbalken herunter drei verstümmelte Frauengestalten. Durch das schmale, schmutzige Dachsensterchen sickert nur spärlich das Licht der Nachmittagssonne, und ge- spensterhaft baumeln die drei Gestalten im Zwie­licht. Der einen fehlen die Hände, der anderen die Beine, und der dritten der Kopf. Hilfe! Wo ist denn hier Polizei? Ja, auf dem Fußboden liegt noch der Kops, mit offenen Augen stierend. Es schaudert einem. Ein Rad steht an die Wand gelehnt, auf der Lenkstange liegt noch die Mütze. Wenn die Polizei jetzt sofort käme, fände sie vielleicht noch die Spur des Verbrechers.

Nur eins fällt mir an der ganzen Sache auf. Diese jungen Damen, denn es handelt sich hier um drei junge, bildschöne Frauengestalten, hangen ganz un­natürlich an ihrem Strick. Die Beine der einen sind an den Körper gezogen, die andere scheint in der Luft

zu sitzen, und die dritte macht mit den Armen die graziösesten Bewegungen. Vielleicht doch kein Ver­brechen? Ich trete näher. Ach, so ist das! Erleichtert atme ich auf und lache mich selbst aus. Es sind ja nur Puppen. Ist es etwa das Zimmer eines Son­derlings? Erst jetzt merke ich, daß neben dieser noch eine andere Kammer ist, in der drei Herren und vier kleine Kinder vom Dachbalken herunterbaumeln und bei jedem Windstoß das ominöse Geräusch ver­ursachen. Was sie hier zu suchen haben? Sie trocknen. In den unteren Stockwerken ist die große Fabrik, die diese Gestalten herstellt, und im vierten Stock ist ein riesiger Saal, wo um einen großen Ofen herum in einer Höllenhitze hunderte und aber hun­derte solcher Figuren hängen oder an den Wänden lehnen und ihre nassen Glieder trocknen. Manche haben ihre Arme und Beine gebündelt neben sich hängen ober strecken sie auf Regalen in bie Luft. Manche biefer Damen unb Herren aber schlummern noch in ihrer Form, mit bem Gesicht nach innen, unb können erst nach einer gewissen Zeit heraus­geholt werben. Wie sie so in ber Hülle ber Masse schlummern unb ihre runben ßenben unb Waben, Schultern unb Rücken zeigen, ist bas bie Geburt Abams unb Evas in bie Inbustrie übertragen. Diese jungen Damen unb Herren, bie hier in Hunberten und aber Hunberten von Exemplaren zum Leben erwachen unb ber Wirklichkeit entgegentrocknen, finb bie Erzeugnisse einer der größten deutschen Ge- brauchskünste. Es sind die Schaupuppen, die Schau­fenstermannequins. Keine deutsche Erfindung, auch keine ausgesprochene deutsche Spezialität. UeberaU in der Welt werden sie hergestellt, aber nirgends in der Welt sind diese Figuren die Figuren nach der allerletzten Mode, nach dem allerletzten Geschmack Paris macht die schönsten Frauenkleider, London die elegantesten Herrenmoden, aber bie Pariser unb bie ßonboner Schneiber unb auch bie Neuyorker können ihre Kreationen nur nach ber letzten Mobe Herstellen, wenn sie bazu beutsche Wachsmannequins haben. Die beutschen Schneiber unb Schneiberinnen richten sich nach dem Pariser und ßonboner Geschmack, aber was die Mode der Körper betrifft, hier diktiert Deutschland. Gewiß stammen die neuen Körperlinien nicht nur aus Deutschland, sie kommen aus aller Herren ßänbern unb stellen sich aus Tausenben von Einzelheiten zusammen. Die Weltschönheiten unb bie Tänzerinnen liefern ben Stoff, unb bie Künstler

aus aller Welt stellen sich aus hunbert biefer Figuren bas eine Ibeal auf.

Ein geschlossener Kreis bildet sich. Die Künstler schaffen bas Ibeal, bie Kunstgewerbler mobeHieren es, unb bie Puppenfabrikanten liefern es an bie Mobehäuser unb Schneibereien. Am Enbe richten sich bann Frauen unb Männer nach biefen Puppen. 1

Jetzt haben z. B. bie Neuyorker Herrenschneiber bas Männeribeal festgelegt, unb zwar mit 170 an Größe, 75 an Taillenweite, 90 an Hüfte, 50 an Aermellänge unb 80 an Beinlänge. In ben Ateliers der Puppenfabriken werben sofort nach Eintreffen des Kabels biefe Figuren in Gips gegossen, unb nach einer Woche stehen taufenbe unb aber taufenbe fix unb fertig, um nach Englanb, nach Amerika, Australien, Brasilien und nach aller Welt verschickt zu werden, unb überall bas neue Männeribeal zu verkünben. Wohl arbeiten biefe Bilbhauer auch nach febenben Mobellen. Aber nirgenbs ist man so unstet wie hier. Ein Mobell kann hier nicht jahrelang, ja nicht einmal monatelang als Vorbilb bienen. Hier gibt es nicht Weltibeale, bie jahrelang Königin ber Mobe finb. Es gibt eine Sommerfigur unb eine Winterfigur, eine Tagesfigur unb eine Abenbfigur unb noch verschiebene andere.

Es ist interessant zu sehen, wie diese Schaufenster­puppen in den verschiedensten Abteilungen einer solchen Fabrik aus Hunderten von Einzelheiten sich zu einem Ganzen zusammensetzen. Hier stehen Ar­beiter und umhüllen die Form mit Klebemasse. Nach bem Trocknen zerschneibet man bie Form in zwei Teile, baburch entsteht bas Negativ. An langen Tischen stehen junge Mäbchen unb Männer unb massieren bie etwa unebenen ©lieber, bis sie schlank unb gefällig finb. An einem großen Tisch sitzen einige Dutzenb Frauen unb beschäftigen sich ben ganzen Tag nur mit Hänben. In ihren harten Hänben entstehen jene feinen, graziösen Finger, bie in ben Schau­fenstern bie netten Bewegungen machen. In einem andern Raum werden die fertigen Figuren poliert und in einem dritten arbeiten bie Friseure unb bie Schminkmeister. Die Damen unb Herren stehen in langer Reihe vor ben Meistern, einen grünen, gelben ober blauen Kittel um bie Schultern, unb warten gebulbig, bis ihnen mit einem feinen Pinsel Augen­brauen gemalt werben, bis sie Wimpern wie Schmet­terlingsbeine bekommen, rosige Nasenlöcher unb einen karminroten Munb, um ben bie feinste Dame

der Gesellschaft sie beneiden würde. Auch die Nägel werden sorgfältig manikürt unb poliert. Unb wenn so eine Dame mit ber Papierserviette um ben Kopf mit bem Fahrstuhl in Gesellschaft einiger netter, junger Herren mit Jbealfigur herunterfährt, kann sie sich gleich in Reih unb Glieb im Ausstellungsraum mit aufstellen, benn ber Besuch bes Mobehausbirek- tors aus Birmingham ist bereits angesagt. Sie muß ihm gefallen. Wenn es aber nicht ber Fall sein sollte unb sie in Berlin bleiben muß, so hat sie ein bemit- leibensroertes Schicksal vot sich. Sie kommt in bie Gespensterstraße von Berlin, in bie Seybelstraße, unb stellt sich mit hunberten ihrer Kolleginnen in das Schaufenster und wartet da, ob es schneit ober regnet, ob es Sommer ober Winter ist, splitternackt in graziöser Sehnsucht auf ben Geschäftsmann, ber sie für feinen kleinen ßaben kauft.

Zeitschriften.

Der Erdbal l." Illustrierte Monats- schrift für das gesamte Gebiet der Länder- und Völkerkunde. Herausgegeben von Leo F r o b e - n i u s. Hugo Dermühler Verlag, Berlin-Lichter­felde. Im vorliegenden 4. Heft dieser wissen­schaftlich gediegen fundierten, von dem bebeuten- den Kulturmorphologen Frvbenius vorbildlich ge­leiteten Zeitschrift findet man eine abwechselungs­reiche Fülle allgemeinbildenden und allgemeinver­ständlich vorgetragenen Materials aus dem weit­räumig abgesteckten Arbeitsgebiet. Von program- malischer Bedeutung erscheint ein groß angelegter systematisch gegliederter Aufsatz des Herausgebers überDes Menschen Schicksal auf dieser Erde". Ein wesentlich geographisch orientierter Leitaufsah von Hofrat Dr. Prettenhoser ist einer Darstellung derRormannischen Inseln" gewidmet. Folk- loristisch sehr interessant, was Baron Rorden- skiöld aus eigener Erfahrung von den Indianern in den Llrwäldern Boliviens zu berichten weiß. Eine lesenswerte ethnographische StudieLeichen­verbrennung in Borneo" von Dr. Herbordt. Ein Beitrag zur vergleichenden Kulturmorphologie ist der AufsatzSchweizer Pfahlbau undMalaien- Siedlung" von Dr. Herrlich Dies ist nur ein Auszug aus dem reichen Inhalt des mit einer Reihe schöner, sorgfältig wiedergegebenen Ab­bildungen illustrierten Heftes.