Samstag, 25. Mai 1951
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. 119 Drittes Blatt
Wandern und OReifen • Bäder und Sommerfrischen.
Flug längs des Meins.
Don Wolfgang pehck.
Es war nicht merklich, wann der über den Flugplatz fegende Apparat sich vom Boden er- hoben hatte: der federnde Sprung von einer Erdwelle zur anderen war ohne Rückkehr geblieben: schon liefen die Hauswände nach unten. Ein Wunder, daß der Flügel sie nicht berührt hatte. — Alle Straßen führen zum Schlosse, strahlen von feinem Turm aus: wie alle zugleich und aktz Helle Gräben, schnurgerade durch die Dächer geschauselt, auf dem Karlsruher Stadt- plane gezeichnet find. So hatte sich der Markgraf Karl Ludwig seine neue Residenz gedacht, als er unter einer Eiche des Hardtwaldes seinen Iagdspeer in den Boden stieh: aber gesehen hat er sie so ttie. — Das Land ist geometrisch und die Geometrie ein samtenes L/rnd: die Wiesen durch schwarze Linien geviertet, der Fruchtwechsel der Sieder ein grün-gelb-braun streifiges Schachbrett. Auf den eidechsenfarbigen Polstern der Föhrenwälder muh es gut zu ruhen sein. Alle Wiesen sind weiche, feuchte, smaragdene Moose. — In den dunklen Riefen zur Linken haben sich vielerlei Körner verfangen und leuchten: bald -sind sie in Hausen liegen geblieben: Rastatt. Bühl. Achern. Renchen: und Offenburg durch seinen die Geleise gabelnden Bahnhof kenntlich. Der rangierende Güterzug ist winzig klein, wie. er sich auf feinen Schneckenrädchen dahintrollt; aber die Schienen sind stetig. Sie würden den Weg weisen, wenn der Rhein nicht mit dunstendem Atem das Territorium begrenzte. Das Elsaß so nahe, eine andere Welt! Kaum daß das Straßburger Münster noch im Rebel grüßt. Dem gegenüber ist der Schwarzwald bis in den Magen spürbar: auch in der Luft gibt es ein Murg-, ein Oos- und Gertelbach-, ein Kappeller-, Rench-, Kinzig- und Schuttertal, in deren kühl entströmender Luft der Apparat jeweils einsackt. — Westlich Freiburg geht es schräg in den Himmel: die Flugbahn formt die Kuppe des Blauen nach. 3n einer Schlucht liegt das Kurhaus von Badenweiler. Die waldigen Wellen würden sich vor dem tiefer streifenden Fahrzeug sicherlich wie Wasser vor einem Schisss- kiel brechen: e8 ist nicht zu glauben, daß unten jüngst ein französischer Flieger im hölzernen Gezweig der Bäume zerschellte. — Der schräg ge» stellle rechte Flügel verdedt den schein; schon ist er zur Linken ein breites Seidenband. Die Landschaft ist am Himmel und der Himmel nach unten gewendet. Eine Drüde in ihm ist nahe über den Strom.gesühtt. Menschen blicken empor und Wellen fließen deutlich rasch: sie rauschen: der Moior ist abgestellt. In einem großen Dogen landet der Aeroplan auf dem Baseler Flugplatz. _
Zweitägige TarWsMnderung.
1. Tag.- Hofheim — Meisterlurm — 5taufenhirm — Eppstein.
Diese Wanderung führt uns an die schönsten Punkte unseres benachbarten Gebirges. Wir fahren über Frankfurt (Sonntagskarte) nach Hofheim, durchwandern das freundliche Taunusstädtchen und folgen gelben Strichen, die uns gleich aufwärts zum bewaldeten Kapellenberg führen. Nach einiger Zeit kommen wir zum eifernen Meisterturm, von dem man einen weiten Fernblick über die Mainebene mit vielen Orten, u. a. Höchst, Frankfurt, und zum Hochtaunus hat. 2(uf schönen Waldwegen geht es weiter über den Lorsbacher Kopf zum Staufenturm (420 m), der wiederum prachtvolle Blicke erschließt. Im benachbarten Staufencafe sind Erfrischungen zu habe^, Das Zeichen fuhrt uns nun abwärts über den Kaifertempel mit überraschend schönem Blick in das Lorsbachtal und das zu unseren Füßen liegende Eppstein, die Perle der nassauischen Schweiz, das wir auch alsbald erreichen. Wir benutzen unseren Aufenthalt dort noch zu einem Gang in das anmutige
Lorsbachtal und zur Besichtigung der hoch über der Stadt gelegenen, malerischen Burgruine mit kleinem Museum. In einem der guten Gasthäuser nehmen wir Quartier.
2. Tag: Eppstein — Fischbachtal — Königstein — Eronberg.
Am nächsten Morgen wandern wir blauen Strichen nach durch das vorerst enge, später breiter werdende Fischbachtal über Fischbach und Schn-idham nach Königstein dessen auf steil ansteigendem Burgberg liegende Ruine wir schon von weitem sehen. Nach
In dem einstöckigen Gebäude das an der Ede Seltersweg und Südanlage steht, laufen man sieht es dem unscheinbaren Häuschen kaum an— viele Fäden zusammen und auseinander. Das Haus birgt (sofern das noch nicht jedermann bekannt sein sollte) das Bureau des Verkehrs- und Berschönerungsvereins, ferner das „MtK -Bureau (Mittel-Europäisches Reifebureau). Diese Berkehrsbureaus sind Mädchen für alles tm wahrsten Sinne des Wortes, mit denen noch nicht einmal die Feuerwehr ernsthaft konkurrieren kann. Die Zahl der Wünsche des reisenden Publikums sind Legion, und aus den vielen Wünschen erheben sich die mannigfaltigsten Aufgaben, denen einDer- kehrsbureau gerecht werden muß.
Diese Institution hat, das sei vorausgeschidt. einen seltenen und den m unserer Zeit fast märchenhaft anmutenden Borzug: man braucht für die Dienstleistungen des Der'ehrsbureaus — nichts zu bezahlen. Das Berlehrsbureau erteilt Aus- tünftc ohne jedes Entgelt, vermittelt ohne besondere Kosten Bäder- und andere Reise-Prospelte, gibt Fahrkarten ohne jeden Aufschlag ab, ja, man kann als Kunde sogar noch etwas geschenkt be- lommen, nämlich kleine Werbeblütter der Bäder und Sommerfrischen.
Es würde eine lange Litanei geben, wollte man all' die Funktionen aufzählen, in denen ein Der- kehrsbureau den
vielberühmten Dienst am Kunden ausübt. Es ist sicherlich nicht jedermann bekannt, dckß man im Berkehrsbureau alle Einzelheiten über eine Reise nach Indien oder Australien, nach Persien oder nach Kanada, nach jedem Lande der alten, oder der neuen Welt ebenso erfahren kann, wie irgend eine Reise innerhalb Deutschlands. Tlnd gleichermaßen dürfte nicht jedermann bekannt sein, daß man im Berkehrsbureau unter der Bor- aussehung der gleichen Kulanz eine Fahrkarte der Reichsbahn 3. Klasse von Gießen nach Großen- Linden genau so erhält, wie eine Dahn- oder Schiffskarte nach irgendeinem fernen Erdteil. Der Fahrgast kann es also in vielen Fällen vermeiden, am Fahrlartenschnlter im Bahnhof minutenlang warten zu müssen, um dann erst in höchster Eile zum Zug zu stürzen. Das Berkehrsbureau nimmt aber auch gelöste Karten innerhalb der bestimmten Frist zurück, sofern die Reise nicht angetreten werden konnte. Die Karten werden zu Originalpreisen abgegeben. Wer im Zeppelin-einen Bergnügungs- flug, im Flugzeug eine Geschäftsreise, oder im Schlafwagen eine längere Strecke hinter sich bringen will, wird sich ebenfalls nicht vergeblich an das Berkehrsbureau wenden. Zugleich erhält der Reisende eine, vorgedrudte Karte in die Hand gedrückt, atff der er sich in übersichtlicher Form seine Anschlußverbindungen nach Ankunft und Abfahrt notieren kann. Wer aus der vermeintlichen, ober tatsächlichen gesundheitlichen Rücksichten einen Fensterplatz in der Fahrtrichtung haben will, wird ebenfalls pünktlich und zur Zufriedenheit bedient.
Hotelzimmer (zünftig, einfach, vornehm, luxuriös) mit oder ohne fließendem warmen und kaltem Wasser, an jedem auch nur einigermaßen bedeutsamen Platz der Erde, werden von dem Der- kehrsbureau vorherbestellt: ganze Reisen stellt man dem Kunden zusammen und trägt dabei seinen
genügender Rast besichtigen wir die Burg, die wohl eine der bedeutendsten Deutschlands war, und genießen von dem' allen Gemäuer, namentlich vom 41 m hohen Bergfried einen prächtigen Ausblick. Don Königstein folgen wir gelben Strichen nach unserem Endziel, der reizenden Billen, und Gartenstadt Eronberg, dessen hochgelegener Burg sowie Schloß Friedrichshos und Kaiser-Friedrich-Park wir einen Besuch abftalten. lieber Frankfurt fahren wir wieder zur Heimat zurück. Wanderzeit an jedem Tage drei Stunden.
persönlichsten Wünschen weitgehendst Rechnung. Die Bezahlung aller vorauszusehenden Ausgaben kann über das Berkehrsbureau erfolgen, so daß dem Reisenden all jener Qlerger erspart bleibt, der eine Reise zur Qual machen könnte.
Mit diesen Gingen ist aber das Arbeitsgebiet unserer Gießener Berlehrszentrale noch nicht erschöpft. Der kunstliebende Gießener Bürger, den vielleicht eine^ geschäftliche Resie nach Berlin oder nach Frankfurt führt, kann sich für den Abend seines Aufenthaltes in der Großstadt
Karlen für jedes Theater vorherbestellen und — das Gute liegt so nahe! — auch für das Gießener Stadttheaier kann man in dem Torhaus am Seltersweg Eintrittskarten | bekommen.
Wer in das Ausland reifen will, kann seine gute deutsche Mark in Schillinge, Lire, Pfunde, Franken und Dollars umwech^eln lassen, und wenn von diesem Gelde bei der Rückkehr noch etwas übrig ist, dann gibt das Berkehrsbureau wieder QTiarf und Pfennige dafür heraus. Man braucht sich also gar nicht der Gefahr auszusehen, sich im Ausland beispielsweise von einem italienischen Wechsler übers Ohr hauen zu lassen. Sogenannte Reiseschecks, die den Zahlungsverkehr im Auslande sehr leicht machen und deren sich jedermann mit viel Bequemlichkeit bedienen kann, können auch hier auf jeden Platz unseres Erdballs ausgestellt werden. Hinter all diesen Dingen stehen große internationale Berkehrsorganisationen und Reisegesellschaften (MER, Mitropa, Cook), die in einem sorgfältig ausgeklügelten System zueinander in Verbindung gebracht sind.
Hm aber in Gießen zu bleiben: Das Derkehrs- burcau ist auch ein
Spiegel der Reiselust der hiesigen Bevölkerung.
Es ist interessant zu hören, daß von Gießen aus verhältnismäßig viele Fahrkarten nach Berlin verlangt werden. Meistens handelt es sich dabei um Geschäftsreisen. Reger Verkehr herrscht zu jeder Jahreszeit auf der Strecke nach Frankfurt. Sonntagskarten werden dabei oft in Anspruch genommen. Viele Wochenendler wählen Mainz-Kastel zum Ziel, um von dort aus Ausflüge nach den verschiedenen idyllischen Orten des Rheines zu unternehmen. Zur Zeit, da die Urlaubsreifen angetreten werden (hauptsächlich in den Monaten Juni, Juli, August und Anfang September) herrscht lebhafter Betrieb im Der- kehrsbureau. Diele Gießener bevorzugen die Rordsee als Sommeraufenthalt. Andere lockt die Ostsee mit Heringsdorf, Zinnowitz, Swinemünde oder die Insel Rügen. Wieder andere ziehen den Reiz der Gebirgswelt vor und besuchen die Schweiz und Vorarlberg. Der Dodensee, das schwäbische Meer, mit'dem reizvollen Bad Schachen, mit Lindau und dem schönen Städtchen Meersburg, erfreut sich ständig steigender Beliebtheit. Daneben wurde aber auch nicht vergessen, daß unsere heimischen Kurorte auf Gäste warten und sie von Gießen aus auch stets gefunden haben.
In ledern Falle aber steht das Reisebureau dem Erholungsuchenden zur Seite, wählt für ihn das Kursbuch (das für viele Menschen ein Buch
mit sieben Siegeln ist), sucht für ihn das Hotelzimmer, nennt dem Fragenden gleich den Preis und veranlaßt für ihn Gepäckaufgabe und Gepäckversicherung. Das Berkehrsbureau vermittelt für Vereine Sonderfahrten im Omnibus, für den Privatmann das Auto, für den Asienreisen- den die Schiffskarte und wenn er es wünscht, die Rikschah, für den Aegyptenreisenden das Kamel zu den Pyramiden u. a. m. Das Verkehrsbureau besorgt außerdem im besonderen Auftrag der Ha- Pag Gesellschafts- und Vergnügungsreisen nach öem Rordkap, nach dem Mittelmeer, ileberfee-, Auswanderungsreisen.
Sieben dem Verkehrsbureau am Seltersweg, Ecke Südanlage, existieren in Gießen noch zwei andere Reisebureaus. Cs handelt sich dabei um offizielle Vertretungen zweier Schiffahrtsgesellschaften.
Am Kirchenplah befindet sich im Hause LooS das Bureau des Rorddeutschen Lloyd und im Zigarrenhaus Möser im Seltersweg die Vertretung der Cunard-Line. Die Arbeit dieser beiden Qkrtretungen ist allerdings nicht so universell, wie die der ausgesprochenen Reisebureaus. Vielmehr beschränkt man sich hier darauf, Seereisen für die betreffenden Gesellschaften zu vermitteln, Auswanderern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, dabei aber auch Fahrplanaus- lünfte zu geben, die in Verbindung damit zu bringen find. Wer eine Mittelmeerreise oder einen Abstecher nach Helgoland oder nach London machen will, wird ohne besonderen Aufwand alles Rotwendige auch dort erfahren können.
Aus all dem geht hervor, daß die großen Schiffahrts- und Reisegesellschaften dem Publikum in jeder Hinsicht zur Seite stehen und sich bemühen, die Strapazen einer längeren Reise durch die Ausschaltung ieden Aergers auf ein Minimum zu reduzieren. In diesem Sinne kann man bH Reisebureaus als humane Einrichtungen bezeichnen, die in ihrer Eigenschaft als Mädchen für alles dafür Sorge tragen, haß eine Reise nicht eine Anstrengung, sondern der
angenehme Auftakt einer Lrholungszeit und das Vorspiel zu schönen Tknaubstagen ist, die möglichst nicht durch mühsam überwundenen Reiseärger an Glanz verlieren sollen. n. —
Reisewinke.
Kindererholungshcinie.
Unter den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen wird es vielen Eltern nicht möglich sein, mit ihren Kindern zusammen in die Ferien zu reifen. Gleichwohl werden sie den Wunsch haben, die Kräfte ihrer Heranwachsenden Kinder aufzufrischen. Hierzu bietet sich eine herrliche Gelegenheit in den im Gebirge und an der Ostsee gelegenen Heimen des gemeinnützigen „Vereins für Kindererholungsheime" in Berlin w 50, Schaperftraße 9, der bereit ist, unseren Lesern eine Preisermäßigung von 6 v. H.^zu gewähren sofern sie sich auf unsere Zeitung beziehen. Auskunft erteilt das Vereinsbureau: Prospekte werden auf Wunsch übersandt. Die Kinder stehen in diesen Heimen unter ärztlicher Beobachtung und liebevoller Betreuung. Vorzügliche Verpflegung — nach Bedarf Diätkuren — fröhliches Spiel mit Iugendgefährten, Wanderungen und Leibesübungen schaffen Kraft und Gesundheit.
Nordlandfahrten.
Die Hamburg-Südamerikanische Dampfschiffahrts- Gesellschaft versucht durch außerordentliche Verbilligung ihrer Sommerreifen an die Gestade des Nordmeeres sich den heutigen Verhältnissen anzupassen. Sie schreibt in diesem Jahre vier Nordlandfahrten aus, unter denen sicher jeder das ihm und seinem Geldbeutet Zusagende findet. Die günstigsten Monate — Juli und August — in denen sich die nordische Natur in voller Pracht offenbart, sind zum Besuch der Fjorde Norwegens in einer acht- oder vierzehntägigen Reise und zu einer achtzehntägigen Fahrt bis nach Spitzbergen herauf ausersehen. Gemeinsam
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Viele Wege führen von hier in die weite Welt.
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