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Nr. 94 Zweites Blatt

Siehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Donnerstag, 25. April (931

Neue Wege zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit.

Von Herrn H. H e i st e r (Gießen) geht uns folgende Zuschrift zu: Das Problem der Arbeits­losigkeit ist wohl das 21 und O unserer ganzen Wirtschaftspolitik und das größte Sorgenkind der deutschen Realpolitik unserer Zeit überhaupt. Denn 2lrbeit bringt Verdienst, selbständigen Lebensunterhalt Steuereinnahmen und nicht zuletzt Hebung der ganzen Wirtschaft. 2lrbeits- losigkeit dagegen bedeutet Lohnausfall, Hinter- stühungspflicht des Staates und der Kommunen, einerseits Steuerausfall, anderseits ©teuer» auspressung der Wirtschaft, Hintergrabung der Moral, Wirtschaftskrise.

Obwohl in letzter Zeit verschiedene Anregungen in bezug auf Milderung dec Arbeitslosigkeit ge» macht tourben, welche dahin gingen, ourch Rot» vpfer, Preis- und Lohnabbau, 2lusbau der Ar­beitslosenversicherung und Arbeitszeitverkürzung für einen Teil der Arbeitslosen Arbeitsmöglich- f eiten zu schaffen, so haftet alten diesen, Vor­schlägen etwas Hlnnatürliches und Künstliches an, sie werden nicht imstande sein, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen.

Auch die Vorschläge des Reichsfinanzministers Dr. Dietrich für eine staatliche Lohnbeiyilse, wo­nach Die Hlnterftühungsgelder zum Teil derart Verwendung finden sollen, daß Urproduktion und verarbeitende Industrie durch zusätzliche Lohn- zufchüsse in Bewegung gebracht werden sollen, ist vielleicht theoretisch richtig, praktisch aber wohl kaum durchführbar.

Dor allen Dingen muß in Zukunft weit mehr darauf gesehen werden, daß die zu ergreifenden Maßnahmen die Verwaltungskosten nicht noch vermehren, vielmehr muh das Problem auf natürlichem Wege, möglichst ohne staatliche Eingriffe, angepackt werden.

Die Hebung und Ingangsetzung des Dauhandwerks als Schlüsselgewerbe für eine ganze Reihe von Handwerker- undIndustrie- unternehmungen muß die erste Bedingung zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit sein. Doch durch staatliche Subventionen und Dauzuschüsse allein und durch Ausführung von unproduktiven Staats- aind Kommunalbauten kann das Problem nie^ gelöst werden. Wir müssen vielmehr das Hebet an der Würzel anfassen und den Haus - und Grundbesitzer selb st zur Bautätigkeit bzw. zur Instandsetzung seines Grundbesitzes anregen. Wie soll dies möglich sein, wo der Hausbesitzer doch heute kaum in der Lage ist, die DZihsteuer aufzubringen, viel weniger auch noch Instand- sehungsarbeiten ausführen zu lassen?

Diese Frage soll hier frei von allen partei­politischen Erwägungen und nur vom gesamtwirt­schaftlichen Standpunkt aus beantwortet werden.

Durch Hlmstellung bzw. Erlaß der Sonder - oder Hauszins st euer in allen Fällen, wo der Hausbesitzer sich verpflichtet, einen Teil oder den vollen Iahressteuersoll zur In­standsetzung seinesBesihes, bzw. H m- vder Reubauten zu verwenden, wird dem Handwerk aller Schattierungen Gelegenheit ge­geben werden, seither arbeitslose Kräfte einzu- stcllen. Dadurch wieder werden die Hntexstut» zunqskassen entlastet, das Lebensmittelgewerbe erhält einen größeren Hlmsatz, die verarbeitende Industrie erhöhten Absatz, die Steuereinnahmen des Staates und der Kommunen steigen und die ganze Wirtschaft wird neu belebt. Der Steuer­erlaß ist abhängig von einem am Schluß des betreffenden Jahres erbrachten Rachweis der Arbeitsausführung durch das zuständige Hand­werk. Schwarzarbeiter dürfen nicht berücksichtigt werden.

Durch die produktive Hlmstellung der Sonder- vder Hauszinssteuer würde auch der Staatshaus­halt keine Einbuße erleiden, da dieser durch die Belebung der Wirtschaft erhöhte Ein­kommen- und Hl m sah st euer und ander­seits Entlastung durch verminderte Ar­beitslosenzuschüsse den Etat nicht nur ausgleichen, sondern noch Hleberschüsse erzielen würde.

Ob durch Angleichung unserer Reichsmark an das Gebaren der Dank von Frankreich, d i e

Gießener Gtavttheater.

Schiller:Die Jungfrau von Orleans".

Dor viereinhalb Jahren haben wir dieJung­frau" hier zuletzt gesehen. Dieses Stück ist eines der populärsten und verhältnismäßig bekanntesten Dra­men Schillers; es wird auf den Schulen gelesen, es werden Aufsätze darüber geschrieben mit Muster­beispielen für das klassische Verhältnis von Schuld und Sühne; und es gehört noch immer ja, viel­leicht heute mehr als je zuvor zum eisernen Bestände der deutschen Theaterspielpläne.

*

Es ist, unter so bewandten Umständen, sachlich über das Stück selbst kaum noch etwas vorzubrin- gen, was nicht schon oft und immer wiederholt dar­gelegt worden wäre. Wir brauchen also, um ein Uebriges zu tun, nur an etliche der interessantesten und wichtigsten Punkte zu erinnern.

An die Sonderstellung zum Beispiel, welche die Tragödie in der Schillerschen Dramenreihe von den Räubern" bis zumDemetrius" einnimmt; an die bemerkenswerte Abgrenzung derJungfrau von Orleans" als eines geschichtlichen Schauspiels gegen denWallenstein" und dieMaria Stuart". (Das Mädchen von Orleans läßt sich in keinen so engen Schnürleib einzwängen als die Maria Stuart...")

*

Oder an die Bedeutung des charakterisierenden Beiwortesromantisch" im Untertitel, worüber man lang und breit diskutiert hat, weil es zum hin­reichend bekannten Verhältnis Schillers zur Roman­tik (und der -Romaytiker zu ihm) nicht zu passen schien, bis man auf die einfache Lösung kam, daß der Begriffromantisch", jenseits aller gewag­ten Spekulationen, nichts anderes bedeute als: un- hiftorisch.

Eine Betrachtung, die wiederum zwanglos zu der naheliegenden Konfrontierung des Schauspiels mit seinen motivischen Vorläufern überleitet: demHein­rich VI." von Shakespeare und derPucelle" von Voltaire, ... wie auch zur Gegenüberstellung mit der berühmtesten Neufassung des Stoffes,' der Heiligen Johanna" von Shaw.

Dies ist für den modernen Beschauer, der beides kennt, noch lehrreicher und interessanter, zumal sich hier nzie bei früherer Gelegenheit entwickelt wurde eine ziemliche genaue Umkehrung der Be­trachtungsweise und des Darstellungsstils ergibt.

Währung nicht ausschließlich auf Goldbasis, sondern mehr auf Indexwährung umzu­stellen, nicht finanztechnische Vorteile zur Be­lebung der Wirtschaft erzielt würden, wäre durch Prüfung von Sachverständigen ' festzustellen. Jedenfalls steht fest, daß Frankreich dank der Finanztechnik seiner Rotenbank heute den st a - bilsten und billigsten Zinsfuß und eine ununterbrochen blühende Wirtschaft auf­zuweisen hat. Ties war nur dadurch möglich, daß Frankreich nur scheinbar an der Goldwährung festhält, während es seine Papiergeldumlaufmittel von Jahr zu Jahr ohne irgendwelche im Dinnen- handel zutage tretende inflationistische Auswir­kungen stets in dein Maße vermehrte, wie die allgemeine Warenproduktion im Vorjahr gestiegen war. Dadurch wurde eine anh altende Kon­junktur und ein fester Warendu-rch- schni ttspreisstand erreicht. Durch den da­durch bedingten niedrigen Zinsfuß und scheinbar schlechte Rentabilität des Kapitals sucht letzteres

Anlage in der Wirtschaft und befruchtet dieselbe günstig, was wir vom deutschen Kapital gerade nicht behaupten können.

Ferner müßte durch die Einführung eines freiwilligen Dienstjahres ein Teil der Jugend zu nutzbringender Arbeit f) er un­gezogen werden, damit dieselbe wieder an Be­schäftigung und Ordnung gewöhnt und den partei­politischen Auswüchsen entzogen wird.

Grundbedingung aber für eine wirkliche Ab­stellung der jetzigen, die Moral untergrabenden Zustände ist, daß nicht nur teere Worte geredet oder große Derwaltungsapparate aufgezogen werden, sondern daß die verantwortlichen Stellen eventuell durch Rotverordnung recht bald den Mut aufbringen ehe es zu spät ist wirklich durchgreifende Maßnahmen, unabhängig von der zersetzenden Parteiwolitik in die Tat umzusehen zum Wohle unseres ganzen Volkes in allen seinen Schichten.

ZehnZahre Kampf gegen Versailles

£)er Arbeitsausschuß Deutscher Verbände.

Am 30. April 1931 sieht der Arbeitsausschuß Deutscher Verbände auf sein zehnjähriges Be­stehen zurück. Er wurde aus der damals be­ginnenden Bewegung gegen die Schuldlüge und das Versailler Diktat heraus in Sem Bedürfnis nach einheitlicher Zusammenfassung der in den verschiedensten Kreisen und Orten des Reiches sich regenden Bewegung gegründet. Von Anfang an hat er das Ziel verfolgt und in einheitlicher Linie innegehalten, die deutsche Volksbewegung gegen die Kriegsschuldlüge und das Versailler Diktat in überparteiliche Bahnen zu lenken und durch eine zielbewußte Aufklärungs­arbeit den Boden für die notwendige Revision des Versailler Diktates vorzubereiten. Der erste Präsident des Arbeitsausschusses Deutscher Ver­bände war Freiherr v. Lersner. Seit 1925 ist Gouverneur z. D. Heinrich Schnee, M. d. R., Präsident.

In den vergangenen zehn Jahren sind alle mit dem Versailler Diktat zusammenhängenden Probleme, in erster Linie die Frage der Schuld am Kriege und im Kriege sowie die koloniale Schuldlüge, die Reparationsfrage, die Grenz- und Minderheitenfrage, das besetzte Gebiet, die Kolonien, die 2Ibrüstung laufend behandelt wor­den. Hlm der deutschen Bevölkerung das nötige Aufklärungsmaterial zu liefern, hat der Arbeits­ausschuß Deutscher Verbände Flugblätter, zahl­reiche kleinere Einzelschriften, zusammenfassende Werke größeren Hlmfangs (Zehn Jahre Ver­sailles" usw.) herausgebracht, die zum größten Teil kostenlos abgegeben wurden. Teilweise sind die kleineren Schriften bis ^u einer Au f - läge von zwei Millionen Stück ver­breitet und auch in Krankenhäusern, Warte­zimmern der Aerzte und Rechtsanwälte usw. ausgelegt worden. Aus Anlaß der zehnten Wiederkehr des Tages der Hinterzeichnung des Versailler Diktates am 28. Juni 1929 wurde eine von dem Arbeiterdichter Karl B r ög er ver­faßte SchriftVersailles" in einer Million Exemplaren an über zwölf Jahre alte Schulkinder verteilt, in der eine leichtverständliche Wieder­gabe der wesentlichen Bestimmungen des Ver­sailler Diktates enthalten ist. Hlm für die Be­handlung der Vorkriegsgeschichte im Schulunter­richt eine sachlich einwandfreie Grundlage zu schaffen, hat der Arbeitsausschuß Deutscher Ver­bände es ermöglicht, daß auf seine Anregung das von dem Gesandten Dr. Friedrich Stiebe nach einem von den Lehrerorganisationen gebilligten Plan verfaßte WerkDeutschland und Eu­ropa 1 8 9 01 9 1 4 jeder deutschen Schule für die Lehrerbibliothek, insgesamt rund 70 000 Exem­plare, kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Das von Dr. Draeger herausgegebene Ta­schenbuch zur Kriegsschuldfrage,.An­klage und Widerlegung" hat weiteste Verbreitung gesunden. Zu führenden Persönlich­keiten des Auslandes konnten Beziehungen

angeknüpft werden, die sich als nützlich für die Bewegung erwiesen haben. Wenn namentlich in Amerika ein Hlmschwung der öffentlichen Meinung festzustellen ist, so ist die Tätigkeit des Arbeits­ausschusses Deutscher Verbände hieran nicht un­beteiligt.

Das auf diese Weise gewonnene und verarbei­tete Material ist außer in gedruckter Form so­dann noch in ausgiebigem Maße durch Veranstal­tung von Vorträgen, Schulungskursen, durch Film und Lichtbild, Rundfunk und Tonfilm zu ihrer Fertigung hat der Arbeitsausschuß Deutscher Verbände durch Anregungen, sachliches Material und Geldmittel beigekragen an weiteste Be­völkerungskreise herangetragen worden. Auch der Roman (Dr. Pietsch:Das Reh Luzifers"), das Silbenrätsel, das Plakat, die Ausstellung (Aus­stellung über die feindliche Kriegspropaganda in Stuttgart und München 1925, die Friedens­vertragsausstellung, die AusstellungDie Welt­bewegung gegen die Kriegsschuldlüge" auf der Presia in Köln) sind in den Dienst der Auf­klärungstätigkeit über die Hingerechtigkeiten und wirtschaftlichen Hinmöglichkeiten des Versailler Diktates gestellt worden..

Zu dem Kreis der mit dem Arbeitsausschuß Deutscher Verbände zusammenarbeitenden Organi­sationen gehören heute etwa 1700 politische, wirt­schaftliche und kulturelle Spihenverbände der ver­schiedenen Richtungen. Ein sich über das ganze Reichsgebiet erstreckendes Vertrauens­leute netz trägt und stützt die Tätigkeit. Die Initiative der Vertrauensleute, die der Arbeits­ausschuß Deutscher Verbände in großem Umfange mit Material versieht und für die er Schulungs­kurse veranstaltet, hat dazu geführt, daß fast überall Beziehungen zu der Provinzpresse her- gestellt und an vielen Orten örtliche Arbeits­gemeinschaften usw. gegründet werden konnten.

Die Führung einer solchen Bewegung, wie sie die deutsche Volksbewegung gegen Kriegsschuld­lüge und Versailler Diktat darstellt, bedingt die Herausstellung klarer Ziele und die Aufzeigung praktischer Wege zur Erreichung dieser Ziele. In diesem Jahr wird in der Zeit vom 1. bis 3. Juni in Dresden auf dem Weißen Hirsch eine Reichstagung veranstaltet werden, die unter dem GesamtthemaDie Revision des Ver­sa i l le r D i k t a t e s" die rechtlichen und politi­schen Möglichkeiten und Voraussetzungen der Hleberwindung des Diktates behandeln wird.

Daten für Freitag, 24 April.

Sonnenaufgang 5.14 Uhr, Sonnenuntergang 19.33 Uhr. Mondaufgang 9.01 Uhr, Monduntergang 1.59 Uhr.

1819: der Dichter Klaus Groth in Heide geboren; 1844: der Rechtslehrer Karl von Gareis in Bam­berg geboren.

(Shaws Chronik ist historisch und unromantisch; Schillers Tragödie romantisch und unhistorisch. Beide Formulierungen sind natürlich mit dem be­kannten Salzkorn zu verstehen.)

*

Im übrigen bietet die Aufnahme der neuinsze- niertenJungfrau" in den Winterspielplan dem Theaterbesucher willkommene Gelegenheit, nach der Aufführung vonKabale und Liebe" im Herbst zwei grundsätzlich wesensverschiedene Dramen Schillers aus zeitlich und geistig sehr voneinander entfernt liegenden Arbeitsperioden auf sich wirken zu lassen.

Daß auf die verhältnismäßig realistische Prosa des jugendlichen Sturm- und Drang-Dichters das musikalisch geformte Versmaß der klassischen Hoch­reife folgt, ist endlich auch um deswillen zu be­grüßen, weil es die Möglichkeit gibt, den Stand der sprachlich-dialektischen Durchbildung eines Ensembles zu kontrollieren, die, zumal beim jungen Schau- spielernachwuchs, infolge der Bevorzugung von mehr oder minder modernen und jedenfalls verslofen Kon­versationsstücken im Durchschnittsspielplan nicht be­sonders gepflegt werden kann.

*

Intendant Dr. Prasch, der die Neuinszenierung des Werkes persönlich leitete, hat mit einigen Be­merkungen im Programmheft eine Generalidee und gewisse speziellere Richtlinien für seine Regieführung festgelegt. Der Leitgedanke ist auf eine Heraus- arbeitung des Wesenskerns, der geistigen Form in der Tragödie gerichtet, was praktisch einer Ableh­nung des früher sehr geschätzten, pomphaft reali­stischen Hoftheaterstils gleichkommt, eines historisie­renden Schau-Spiels, welches das Auge des Zu­schauers über Gebühr in Anspruch nimmt und ihn vom Eigentlichen ablenkt.

DerSaltomortale in eine Opernwelt", den Schil­ler selbst vor der Entstehung des eigenen Werkes in der berühmt gewordenenEgmont"-Rezension so entschieden getadelt und dann doch selber nicht völlig vermieden hat, muß also verschwinden, so­weit man es, ohne dem Drama Gewalt anzutun, ermöglichen kann.

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Die hiermit angedeutete Vereinfachung, Verinner­lichung und Stilisierung der Szene kommt drama­turgisch am einschneidensten dadurch zum Ausdruck, daß der Krönungszug (sonst ein Glanzstück effekt­

voller Prunkentfaltung) als visueller Vorgang ganz wegfällt und nur musikalisch angedeutet wird, was im Sinne des oben besprochenen Regiepro­gramms vollkommen genügt. Ebenso begrüßenswert: daß die Massenkampfepisoden (die ohnehin auf der Bühne meist sehr unzulänglich herauskommen) hinter die Szene verlegt und alle rein repräsenta­tiven Auftritte tunlichst vereinfacht worden sind.

Cs darf festgestellt und dieser Inszenierung nachgerühmt werden, daß sie unter Verzicht auf alles überflüssige, nur ornamentale Rebenwerk, mit aller zulässigen Kürzung des Textes, unter äußerster Beschränkung des szenischen wie des personellen Aufwandes ganz auf die Heraus- arbeitung der zugrundeliegenden tragischen Idee und allenthalben auf die Innehaltung großer, strenger, stilisierender Linien bedacht war: eine würdige Aufführung also, obwohl mit anderen Mitteln wirkend als jenen, womit man früher der Dichtung gerecht zu werden und vor allem dem Publikum zu dienen glaubte.

Die Einwendungen, die wir vorzubringen haben, beziehen sich zunächst auf gewisse Einzelheiten der Darstellung, die wir später besprechen werden. Rein regiemäßig werden sich etsiche Hinebenheiten textlicher und szenischer Art, die bei der Premiere zu bemerken waren, in späteren Aufführungen gewiß ausgleichen. Begrüßenswert wäre es, wenn die Verwandlungen der beiden letzten QTfte etwas schneller und geräuschloser geschehen könnten. Im vierten Akt gab es verschiedentlich störende Schwankungen in der Beleuchtung, die wohl ebenfalls unschwer zu beseitigen sind.

Die Dekorationen, vom Bühnenbildner Löff­ler entworfen, entsprachen jn ihrer Einfachheit, Großzügigkeit und farblichen Abstimmung durch­aus den Intentionen der Regie; insbesondere gab das ganz monumental gefaßte letzte Bild der Aufführung einen stimmungsvollen und feier­lichen Abschluß.

Die Bühnenmusik, nach Kompositionen des Meininger Theaterherzogs zusammengestellt, von Kapellmeister C u j e dirigiert, schuf eine wirksame Begleitung und Akzentuierung des Textes.

Als Ieanne d'Arc sah man Beatrice Doe­ring. Rach der Luise Millerin die zweite ganz große Ausgabe, die schon rein physisch noch

Protest des hessischen Einzelhandels.

In der gestrigen Vorstands- und Ausschußsitzung des Landesverbandes des hessischen Einzelhandels wurde, wie man uns berichtet, die nachstehende Entschließung einstimmig an­genommen:

Die Reichsregierung hat durch die Reichsnotver- Ordnung vom 1. Dezember v. I. Richtlinien über eine Senkung der Grundsteuer um 10 v. H. und der G e w e r b e st e u e r um 20 v. H. aufgestellt. Leider muß festgestcllt werden, daß bie|e Absicht der steuerlichen Entlastung der Wirtschaft in Hessen, insbesondere auch des Einzelhandels, durch eine E r - Höhung der staatlichen Grundsteuer um 200 v. H. und durch eine unerhörte Erhöhung der Sondergebäudesteuer, die hauptsäch­lich die Geschäftsgrundstücke trifft, aufs schwerste be­einträchtigt wird. Während die Regierung ständig vom Einzelhandel einen weiteren Preisabbau fordert, hat sie gleichzeitig die steuerlichen Lasten des Einzelhandels aufs neue erhöht. Der hessische Einzelhandel legt gegen diesen wiederum verstärkten Steuerdruck schärfste Verwahrung ein und fordert von der hessischen Regierung die Wiederaufhebung dieser gesetzlichen Maßnahmen und weitgehende Milderung der steuerlichen Härten."

Der Einspruch gegen die Bürgermeisterwahl in Holzheim.

Der Kreisausfchuh Gießen beschäftigte sich wie gestern schon kurz gemeldet in feiner Sitzung vom Dienstag unter dem Vorsitz von Oberregierungsrat Ritzel mit dem Ein­spruch des Kreisdirektors gegen die Bürgermei st erwähl in Holzheim. Zu dieser Sitzung, der man in Holzheim mit großem Interesse entgegensah, waren über 40 Zeugen geladen. Der Zuschauerraum des Sitzungssaales war eine seltene Erscheinung bis auf den letzten Platz beseht. Dcr Einspruch gegen die Wahl war ursprünglich von einem Kandidaten für diese Dürgermeisterwahl erhoben, indessen wieder zurückgezogen worden, da es der Kreis­direktor für notwendig erachtete, seinerseits ein­zuschreiten und den Tatbestand im Verwaltungs­streitverfahren zu klären. Die Verhandlung nahm acht Stunden in Anspruch. Die Beweis­aufnahme erforderte den größten Zeitraum, denn die Aussagen der Zeugen waren zum Teil sehr unbestimmt und widersprachen sich häufig.

Dem Einspruch lag folgender Tatbestand zugrunde: 2n der Zeit vor der Wahl soll bei den verschiedensten Gelegenheiten durch Verab­reichung von Speisen und Getränken bei der Zu­sammenkunft von Gemeindemitgliedern Stimmung gemacht worden sein, für den Kandidaten B., der mit einer Mehrheit von über 100 Stimmen gewählt wurde. Dieses Ergebnis soll zum Teil dadurch erreicht worden sein, daß neben dem Sohne des Bürgermeisters auch einige andere Mitbürger für die Wahl des Kandidaten in der Form zu agitieren versuchten, daß sie anderen Gemeindemitgliedern bei festlichen Gelegenheiten, wie Rachkirmes, Geburtstagsfeiern (deren zeit­liche Richtigkeit nicht immer zu beweisen gewesen wäre), Bier und Wein stifteten. In der Haupt­sache sollen jene Gemeindemitglieder mehr oder weniger auffällig bearbeitet worden sein, die nicht alstreu", alsgut oder alsfest" für B. bezeichnet werden konnten. Aber auch anderen, deren man einigermaßen, wenn auch nicht bestimmt, sicher war, verschaffte man die Vorteile. Diese Trinkgelage, Skatabende, Geburtstagsfeiern usw., die natürlich nicht offiziell aufgezogen waren, sondern zu denen nur der eine oder andere eingeladen wurde, fanden nicht immer in den Gasthäusern des Ortes statt, sondern auch in den Privatwohnungen. Heber diese Zusammen­künfte und kleinen Trinkgelage, als deren Zweck vermutet wurde, daß sie zur Beeinflussung der einzelnen veranstaltet und finanziert wurden, mußten die vielen Zeugen vernommen werden.

Die Zeugen, auf deren Aussagen im einzelnen hier einzugehen nicht möglich ist, widersprachen

härtere Anforderungen an sie stellte. Sie ist, alles in alllem, auf eine sehr anerkennenswerte Weise mit der Riesenrolle fertig geworden. Was sie für die Jungfrau von Ratur aus mitbringt, ist ihre frische Jugendlichkeit, Schwung, Tem­perament, Begeisterung. Damit ist bei Schille» viel gewonnen; nicht alles. Was ihr vorläufig noch fehlt, ist die Durchformung des visionären Zuges, die prophetische Gläubigkeit, der nacht- wandleri'che Antrieb vom Hebersinnlichen her. (Aber wir geben gern zu, daß man eine Vereinigung der amazonenhaften und der seher- haften Wesenshälften in dieser Gestalt in dar­stellerischer Vollendung nicht allzuhäufig auf dem Theater antrifft.) Die dialektische Lösung der Aufgabe war gut (bis auf einige Partien in der Mitte, wo sie den Text zwar noch fließend beherrscht, aber nicht lebendig gestaltet.) Hebri­gens wurde ihre Leistung gegen Ende der Höhepunkt lag im vierten Akt immer besser. Sie darf zufrieden fein, und wir mit ihr.

Vom Ensemble die geschlossenste Darstellung: Bäuerle, der männlich und wuchtig, dabei mit gemessener sprachlicher Gliederung, den Talbot spielte. Den Dunois gab Hauer mit sicherem Griff als hitzigen, polternden Feldhauptmann; doch wäre gelegentlich eine stimmliche Mäßigung nicht unangebracht gewesen. Für die schwankende und dekadente Erscheinung des Königs war We- sener an sich sehr wohl der richtige Mann, doch beeinträchtigte er seine Leistung empfindlich durch eine schleppende und den Vers zerhackende Sprechweise.

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Schelcher wirkte als Lionel reichlich ju­gendlich, sprach auch anfangs zu schnell; sonst war die Parsie nicht uneben gespielt. Die we­nigen Worte der Sore! hatte, eine zugleich elegante und anmutige Erscheinung, Hilde Schwend; die Königin, sehr kriegerisch: Maria Koch.

Wir nennen noch: Hub (mit zwei Chargen); gaff ott (Burgund); Linkmann und Zin­gel (Du Chatel; La Hire); Dolck (Tchibaut); Druck (Fastolf).

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Das Haus war gut beseht; der Beifall groß und verdient. Mit der Hauptdarstellerin erschien zuletzt der Intendant. hth.