Ausgabe 
22.12.1931
 
Einzelbild herunterladen

m. 299 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten) Dienstag. 2?.Dezember f95f

,iIWBM

ISLahre Gaswerk Gießen.

Von Or. E. Goeres, Chemiker des Städtischen Gas- und Wasserwerks Gießen.

Dm 24. Dezember d. 3. sind 75 Jahre vergangen, seit in (dienen das nächtliche Dunkel der Straßen zum ersten Male unter dem Klange der Weih- nachtsgloclen durch den Glanz strahlender Gas­lampen erhellt worden ist. Dls großer technischer und kultureller Fortschritt wurde damalsdie Erleuchtung der Straßen" und die damit ver­bünde Sicherheit empfunden und begrüßt. Die Erkenntnis, daß eigentlich nur zwei Menschen­geschlechter das hiesige Gaswerk aus kleinen Dnfängen in steten Kämpfen um das Absatzgebiet in 7 5 Jahren zur heutigen Größe aufgebaut haben, wird wohl manchen anregen, in einer be­sinnlichen Stunde Rückschau auf die vergangenen Zeiten zu halten.

3m Vergleich mit anderen mittleren Städten befaßte sich der Gießener Gemeinderat schon früh­zeitig mit dem Plan einer besseren Straßen­beleuchtung. führte doch die damalige matte Oel- beleuchtung zu dauernden Klagen und Miß­ständen. Während in England bereits bis zum 3ah e 1823 sich eine Gasändustrie geii det hatte um diese Zeit wurden schon 52 englische Städte mit Gas beleuchtet, war in Deutschland erst 1840 in zehn größeren Städten die Gasbeleuch­tung eingeführt. Daher wurde auf Anregung des Bürgermeisters Reiber im August 1845 eine Kommission, bestehend aus den Gemeinderats­mitgliedern Appel, Fillmann und Labroise, ge­bildet, die die Beleuchtungsverhältnisse prüfen und Verbesserungen oder Aenderungen in Vor­schlag bringen sollte. Die Kommission kam jedoch nach längerer und reiflicher äleberlegung zu dem Ergehn , ,,'^ arch d e Veränderung der St.a^en- beleuchtung c.ner besseren Zeit aufzusparen ist, um so mehr noch, da die Kommission der Ansicht ist, daß für die Zukunft einmal eine Gas­beleuchtung dahier in Frage kommt".

Wie aus den Akten hervorgeht, hat die Gieße­ner Gemeindevertretung sich seit 1848 wieder mit der gAige der Gasbeleuchtung beschäftigt. Aber dieser für unsere Stadt wichtige Plan muhte immer wieder zurückgestellt werden. 3n seiner Sitzung vom 12. Februar 1850 nahm der Ge­meinderat den Standpunkt ein,daß, obgleich die Beleuchtung unserer Stadt einer Verbesserung bedürfe, doch die darauf verwendete Summen nicht bedeutend überschritten werden könne". Erst nachdem er durch eine Reihe von Rundfragen die Kosten der Gasbeleuchtung ermittelt und sich von der Rentabllität eines Gaswerkes überzeugt hatte, entschloß er sich am 2.3uni 1853, die Submission der Gasbeleuchtung auszuschreiben. 3rt Gießen", so lautete die Ausschreibung in drei größeren Tageszeitungen von Augsburg, Köln und Frankfurt a. M.,einer Stadt von 9000 Einwohnern, dem Sih der Hniberfität, wo sich außerdem ein Hauptbahnhof und bedeutende Etablissements befinden, von Lage außerdem zur Errichtung einer Gasbeleuchtung sehr geeignet, und wo auf den Absatz von etwa 1300 Flammen gerechnet werden kann, soll nach Beschluß des Stadtvorstandes ein solches Werk ebenfalls her­gestellt werden. Es wird insbesondere auf die Beleuchtung mit Holzgas reflektiert, weil die Stadt bei ihren beoeutenden Radelholzwaldun- gen einen großen Teil des Materials zur Gas- ße.eitung selbst stellen kann". Roch Bearbeitung der eingelaufenen Angebote und nach einer Reihe von Vorverhandlungen konnte am 17. September 1855 der endgültigeGießener Gasbeleuchtungs­vertrag" abge.chwssen werden zwischender Pro­vinzialhauptstadt Gießen, repräsentirt durch den Gr. Bürgermeister und Gemeinderath einerseits und Herrn 3ohn T e b a y, Eivilingenieur, aus London für sich als Unternehmer und im Rainen und Auftrag der Herren Gebrüder Benkisser, Hüttenwerksbesitzer in Psorzhe'm, und Herrn Lud­wig August R i e d i n g e r, Fabrikbesitzer in Bay­reuth, als Mitunternehmer anderseits". Für

Gießen unterzeichneten den Vertrag: Ebel, als Groh. Bürgermeister und als Gemeinderat Hch. Ferber, Ph. Fillmann, G. Fulda, Hch. Kühn, Ph. Möhl, E. Ragel, Emil Pistor, G. Plank, G. Reiber, L. Rosenberg, L. Vogt, Daniel Wirth, E. Weidig und E. Wolf.

Die Dauer des Beleuchtungsvertrages wurde vom 1. Oktober 1856 an gerechnet auf 30 3ahre, der Gaspreis für 1000 englische Kubikfuh auf 6 Gulden (= 36,5 Pf. je Kubikmeter) festgesetzt. Das Baukapital betrug 141 000 Gulden (= 240 000 Mark); mit 30000 Gulden war die Stadt Giehen am Baukapital beteiligt. Die chemische Prüfung des Gases auf Reinheit und Gleichmäßigkeit

schäft, der Vertragspartner der Stadt Gießen, unter Leitung von Direktor Brehm, die Gas­fabrik auf eigene Rechnung. Während in den ersten 3ahren Radelholz als Entgasungsmaterial Verwendung fand das Gießener Gaswerk war ursprünglich als Holzgassabrik gebaut worden wurden vom 3ahre 1852 an Steinkohlen infolge erhöhter Wirtschaftlichkeit der Vergasung unter­worfen. Begünstigt wurde die Umstellung, die damals zu großen Erörterungen in der Tages- Presse führte, durch den im 3ahre 1832 erfolgten Dahnbau GießenKöln und damit bedingten niederen Frachtsätze für Kohlentransporte.

Rachdem die Wirtschaftlichkeit des Gaswerks

467o

48 So

485>O

I900

4940

<F>

1.6

4a

3.»

5e

z8 60

im»

4856 24-.Dejember Eröffnung desWerKa

4886 4-Oktober Übergang des Wer Kain den Besit^ der Stadt 490-1 September Onbetrlebnanme des dt<xdt. EleKtrijitatawerka 49L4 April Einar« ilung d-er Strassenbeleuchtung mit Gas

4 Gaserzeugung und GecanrVoegabe in Million CDm

1 Maushoit-Sewerbe-und Onausrriegas

2 Strassenbeleuchtung

4 Vorausbe^ahlungsgas

6 Abgabe nach Wieseth

Die Kurve der Gaserzeugung seit Bestehen des Gaswerks. Nutzbare Abgabe feit llebergang des Werks in den Besitz der Stadt.

wurde dem Gymnasiallehrer Dr. Otto Buchner übertragen.

Der Grundstein zur neuen Gasfabrik wurde in feierlicher Weise am 14. März 1855 auf einer Wiese, damals vor den Toren Gießens, zwischen dem Reuenweger Lor und der Wieseck gelegt, auf we.cher in früheren 3ahren landwirtschaft­liche Ausstellungen und Volksbelustigungen ab­gehalten wurden. Die Tieflage dieses Grund­stückes war für die Kosten und Druckentwicklung günstig, heute wirkt sich die große Entfernung vom Bahnhof und die Lage des Gaswerks in­mitten der Stadt ungünstig aus.

Die Gasfabrik wurde nach dem System Petten- kofer gebaut. Sie enthielt zwei Retortenöfen mit je drei Tonrohren. 3cder Ofen hatte eine feperate Hydraulik. Weiterhin bestand die An­lage aus einem Wascher, einer Kalkreinigung und zwei kleinen Gasbehältern mit je 400 Kubll- meter Fassungsraum.

Am Weihnachtsabend konnte schließlich nach angestrengter Arbeit die neue Gasfabrik dem Betrieb übergeben werden. 200 Gaslaternen ließen damals die Straßen und größeren Plätze Gießens imre'nsten Tages icht" erscheinen. Fast ebenso viele Abnehmer aus der Bürgerschaft hat­ten gleich zu Beginn die neue Gasbeleuchtung einge,ührt. Der Buch'sche Saal und die Räume des Gesellschastsvcrcins wurden damals als erste mit Gaserleuchtet".

Bis 1862 betrieb die Gasbrleuchtungsgefell-

sich erwiesen hakte die jährliche Gasabgabe war auf 154 000 Kubikmeter (davon zwei Drittel Privatbeleuchtung) angestiegen, der Reingewinn betrug nach Abschreibung etwa 2600 Gulden ( 4400 Wk.) 7, ließ die Deleuchtungsgesell- schaft das Werk öffentlich versteigern, da die Stadt Giehen sich nicht entschließen konnte, es selbst zu übernehmen. So ging es am 1. August 1862 in den Besitz von August Heß über, der damals als Beigeordneter der Stadt Gießen und als ihr Vertreter im Land- und Kreistage eine weithm bekannte Persönlichkeit war. Sein Be­streben war es, die Gasbeleuchtung auch in die Räume einzuführen, in denen sie noch keine An­wendung gefunden hatte. Er schuf, um die Ein­führung der Beleuchtungskörper zu erleichtern, das Mietsystem für Gaseinrichtungen und ver­legte die Gaszuleitungen vom Hauptrohre bis zu den Häusern auf eigene Kosten. Dieses Ent­gegen.ommcn den Gasabnehmern gegenüber hatte eine Gasverbrauchssteigerung zur Fo.ge, die wie­derum auf eine Erweiterung der Betriebsein­richtungen und des Rohrnetzes zurückwirkte, ins­besondere wurde von ihm im 3ahre 1872 der dritte Gasbehä.ter mit einem Fassungsraum von 1100 Kubikmeter gebaut. Zu dieser Zeit hatte die Gasbeleuchtung die Oelbaleuchtuna endgültig in den Hintergrund gedrängt, aber ihr war in dem durch Massentransport billigen amerikanischen Petroleum seit 1865 eine neue starke Konkurrenz erwachsen. Doch d'.e Petroleumbeleuchtung ver-

Hinweis auf einen Dichter.

Bon Albert H. Rausch.

Vor einigen 3ahren konnte man in einer deutschen Zeitschrift einen Aussatz lesen, der das Sterben des deutschen Wortes zum Gegenstand hatte. Vor kurzem warf eine große Tageszeitung die Frage aus, ob Lyrik in unserer Zeit noch einen Sinn habe. Und zu gleicher Zeit kommt mir ein Dersbuch in die Hände, das den einfachen und zwingenden Titel trägt:D a s Wort." (486) Sein Verfasser ist Fritz Usinger.

älsinger ist dem Kenner der deutschen Dichtung (nicht Literatur) kein Fremder. Er hat vier kleine Bersbücher veröffentlicht (im Darmstädter Ver­lag, früher Dachstube, wo auchDas Wort" er­schienen ist), welche die Aeberfchriften tragen: Der ewige Kampf" (1918),Große Elegie" (1920),3rdisches Gedicht" (1927),Sonette" (1927).

Hfinger hat nicht das apollinische Tempera­ment, dem der Blick in das Zwiespältige und Gegenwendige erspart bleibt. Alles in feinen Büchern ist Auseinandersetzung des 3chs mit Gott und der Welt. Wenn auch nur eines den Titel trägt:Der ewige Kampf", so sind doch alle vier die Spiegelung dieses Kampfes um den ersehn­ten Einklang, und jedes einzelne ein Abschnitt auf dem W:g. Was sie alle auszeichnet und was natürlich auch zumal in der Verwirrung der Zetten, welche wir leben, ihr Eindringen in die Herzen einer Vielheit erschwerte ist die Höhe ihres Riveaus und die Metaphysik ihrer Form. Sie sehen eine Bildung voraus, eine Klebung im Umgang mit geistigen Werten, wie sie "chon in weniger zerquälten Zeiten ungewöhn­lich war. Daß sie bis jetzt nur von wenigen ge­kannt werden, spricht weit mehr für als gegen sie. Richts ist gerade heute so verdächtig, wie das sogenannte geistigeGemeingut". 3eder Versuch, der unübersehbaren Deutungsmöglichleit der Welt der Erscheinungen einen allgemein gültigen Renner zu finden, begegnet mit vollem Recht von vornherein dem größten Mißtrauen. 3n dem L?ben der jüngeren Generation sind weit mehr als in dem der alten die chaotischen Weltkräfte sichtbar geworden. Sie haben aus die ungeform­ten. durch keine abgeschlossene Reife gepanzerten Geister einen ungleich stärkeren Einfluß ausgeübt als die gestaltenden, einen Einfluß, der nach Bereinigung ruft Diese besondere Haltung der

zeitgenössischen 3ugend stellt nun aber nicht etwa eine neue Spielart von Pessimismus oder Welt- schmerzlichlett dar, sondern ganz im Gegenteil eine leidenschaftliche Weltliebe, die oft genug allerdings auf einem tragischen Lebensgesüht ruht.

Aus dieser Ebene heraus sind auch die Dich­tungen Usingers zu deuten, von denen folgendes in hinweisender Kürze gesagt fein mag:Der ewige Kampf ist die Auseinandersetzung mit der christlichen 3deenwelt. Was am Schluß dieses Buches schon mystisch ersaßt wurde: das Erlebnis der Llnpcrsönlichieit Gottes, wird in derGroßen Elegie" zur Gewißheit. Der Mensch steht in einem Reich geheimnisvoller, kämpferisch beweg­ter Kräfte allein als das mit dem größten Be­wußtsein, aber dem kleinsten Krättemaß aus- gestattete Wesen unter Raturerscheinungen von ungeheuerstem Kräftemaß und geringstem Be­wußtsein. Gerade aus dieser Vereinsamung aber ergibt sich die besondere Stärke und übersinnliche Tiefe des menschlichen Liebes- und Gemeinschafts­erlebnisses. Die tragische Situation des Menschen unserer Zeit beruht auf dieser seltsamen Pro­portion. So bildet sie auch den Untergrund aller Dichtungen Asingers. Die Erlebnisse3rdisches Gedicht" geschehen noch auf der gleichen Stufe wie diejenigen derGroßen Elegie": allerdings schon durch gereifteres Wissen um die Welt herabgemildert. 3hr Stoffkreis ist nicht das un- ab.qrenzbare Raturreich, sondern der Bezirk der modernen Zivllisation. Die Gedichte dieses Buches sind farbig im Bild und reich in der Musik. 3n denSonetten" vollzieht sich ein Ausgleich. Der Dichter erfährt Gott als die sich in jeder irdischen und kosmischen Gestalt auswirkende schöpferische Formkraft. So ist wohl eine Art von Gesetz" gefunden (nicht ein Generalnenner) jedoch das Grundgeheimnis alles Seienden bleibt bestehen. DieWelf erscheint in diesen Gedicht­büchern nicht als die Summe der menschlich durchgeformten Bezirke, sondern vielmehr als die Gesamtheit der menschlich gar nicht durchform­baren. Aber es bleibt trotz solcher Gegensätz­lichkeiten dennoch die Aufgabe des Dichters, immer wieder im Gedicht die Einbeit des Lebens zu schaffen. Daß Ausbau und Zerstörung aus der gleichen göttlichen Quelle stammen, ist das Geheimnis ist der3nbalf schlechthin aller Dichtungen älsingers. Der Wert der vier erwähnten Bücher bemißt sich durchaus nicht nach dem Grad ihrer Dollkommenhett, d. h. nach

dem sichtbaren Einklang von Gewolltem und Er­reichtem, sondern nach der Höhe der Ansprüche, welche der Gestalter an sich und damit über­haupt an künstlerische Aeußerung stellt.

3n seinem letzten Buche nunDas Wort" hat er das Geheimnis seines Wissens in einem abermals erhöhten Ring gestaltet und es zu ma­gischer Wirkung erhoben.

Die Zusammenschau (Synthesis) dieses Buches ist von so überraschender und zwingender Kraft, daß sie ein lünstlerisches Ereignis genannt werden muß. ür.ö wodurch vollzieht sie sich? Eben durch das Wort. Durch jenes Wort, welches nicht, wie es das Christentum lehrt, der Anfang der Welt ist, sondern ihr Ende: d. h. ihre Subli­mierung und letzte Erfüllung. Die Geburt dieses letztmaligen Wortes ist ich muß es mit so starkem Akzent aussvrechen das sichtbare Wunder dieses schweren und abgründigen Werkes. Wir wis'en nicht, ob Tier- und Pflanzen­kreatur uns unbekannte, unenträtselbare Aus­druckszeichen für ihr Eigenleben haben. Aber wir wissen, daß sie das Wort nicht haben, dieses Gleichnis des göttlichen Pneumas. Wir aber haben es: und der Sinn jeder wirklich dich­terischen Geburt ist die Reugeburt dieses Wortes aus den ewig unerschöpflichen Wurzeln her. Richt die Summe übernommener Wortzeichen bildet das Wort: sondern die magische Kraft, welche aus der schöpferisch bewegten Seele oder dem Blut herauf in diese Zeichen eindringt und ihnen ihre jewellige besondere Bedeutung ver­leiht. Die Zahl der vorhandenen materiellen Worteinheiten ist sehr gering im Vergleich zur älnendlichkeit des Ausdrückbaren: aber die Mög­lichkeiten ihrer magischen Durchdringung sind ebenso unendlich. Rur dem wirklichen Dichter ge­lingt diese Durchdringung. Rur ihm ist verliehen die Gnade, den Heiligen Hauch zu übermitteln an das Werkzeug seiner Sage-Rotwendigkeit: an das Wort, llfinger ist ein solcher Dichter. Sein letztes Buch ist eine einzige, große Blüte. Eine ganze Welt in Blüte. Also ein tiefes, ein ergrei­fendes Glück.

Sockschulnacknckfen.

Amtlich wird die Ernennung des Ministerialdirek­tors Dr. Friedrich Poetzsch-Heffter in Be r» l i n zum ordentlichen Professor für öffentliches Recht an der Universität Kiel als Nachfolger des ver­storbenen Prof. G. Holstein bestätigt.

mochte nicht, die Gasbeleuchtung aus dem Felde zu schlagen; Gaspreisermäßigung und bessere technische Durchbildung der Gaslampen gaben der Gasbeleuchtung die wirtschaftliche Heber- legenheit. Ein neues Betätigungsfeld fand das Gaswerk in jenen 3ahren, in denen Gasmotoren als Detriebs.raft des Kleingewerbes Verwendung fanden.

Rach Ablauf der dreißigjährigen Vertrags- dauer ging, fast nach fünfundzwanzigjährigem Privatbesih, das Gaswerk am 1. Oktober 1886 in städtischen Besitz über. Die Leitung übernahm Direktor Bergen, der langjährige 3ngenieur und Mitarbeiter von Herrn Heß. Am 11. August 1887 wurde auch die Verwaltung des neuen Wasserwerkes dem Gaswerk übertragen. Es wurde stets als Bedürfnis emp­funden, daß Gas- und Wasserwerke wegen der häufig notwendigen Zusammenarbeit beim Dohr- verlegen auf öffentlichen Straßen unter gemein­samer Verwaltung vereinigt werden. Unter Di­rektor Bergens Leitung nahm der Gasverbrauch weiter zu, denn die für die L.chterzeugung epoche­machende Erfindung des Glühlichtes durch den Chemiker Dr. Auer v. Welsbach, einem Schüler des Heidelberger Professors Dr. Dunsen, lenkte die gesamte Gasbeleuchtung in neue glänzende Bahnen. 3edcch blieb die Verwendung des Gases nicht auf Beleuchtung und Kraft beschränkt, son­dern sie griff auf die Wärmeerzeugung über; das Gas wurde nun auch zum Kochen und zum Heizen verwendet. Die zielbewußte Verbreitung des Gases für Koch- und Heizzwecke in Verbin­dung mit einer auf 13 Pf. je Kubikmeter ein- getretenen GaspreiserMäßigung (für Leuchtzwccke 21 Pf.), machten in den 3ähren 180296 eine fast vollständige Umgestaltung des Werkes er­forderlich. Die Detriebsapparate wurden allmäh­lich durchgreifend erneuert, der Gassaugerbetrieb eingeführt, die früheren Rostöfen durch Halb- generatoren erseht und ein vierter Gasbehälter mit 2500 Kubikmeter Fassungsraum, der später, 1907, auf 5000 Kubikmeter erweitert werden mußte, erbaut. Diese fast gänzliche Umgestaltung des Gaswerkes, die ohne irgendeine Betriebs­unterbrechung bewerkstelligt wurde, dürste für den damaligen Gaswerksleiter und feine Mit­arbeiter interessante Aufgaben und große Schwie­rigkeiten geboten und bei den begrenzten Raum­verhältnissen reichliche Ueberlegung gefordert haben.

Nachdem im 3ab re 1908 Direktor Steding mit der Leitung des Gas- und Wasserwerkes betraut worden war. sanden weitere technische Betriebsänderungen statt. Als maßgebender Ge­danke wirkte bei einer derartigen organischen Weiterentwicklung des bisher Geschaffenen stets die Ueberlegung mit, daß die größte Wirtschatt- lichkeit der Gaserzeugung durch weitgehendste Ausnutzung der Kohle unter Anwendung der neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse angestrebt werden müsse. So wurde beretts 1909 die Trocken­reinigungsanlage für Schwefel und Cyan leistungs­fähiger gestaltet, 1910 der Teerscheider durch einen größeren ersetzt und eine Retortenlade­maschine dem Betrieb übergeben, um eine höhere Gasausbeute unter 6'feren Arbeitsbedingungen und einen größeren Wirkungsgrad der Genera­toren zu erzielen. Ein Ballonplah wurde auf dem Gaswerksgrundstück angelegt, auf dem 1911 be­reits elf Freiballons mit Gas gefüllt werden konnten. Durch Einbau des Rcutterkühlers u d des rotierenden Ammoniakwaschers wurde von 1912 an eine dosiere Abscheidung von Teer und Ammoniak gewährleistet. Die schweren Kriegs­jahre und ihre Folgezeit brachten auch dem hie­sigen Werke große Einschränkungen incoTge Kohlen- und Materialmangels. Trotz dieser Schwierigkeiten konnte der Betrieb voll aufrecht­erhalten werden. Die Erstellung der Ammoniak-

Tonfilm:Gassenhauer".

Dieser Film ist das letzte Werk des vor nicht langer Zeit verstorbenen Filmregisseurs Lupu Pick; ein sehr guter Film: er beweist noch einmal höchst eindringlich, daß sein Schöpfer einer der begabtesten und ideenreichsten Köpfe der deutschen Produktion war. Man wird, wenn man denGassenhauer" an sich vorüberziehen sieht und hört, an zwei andere große Leistungen erinnert, die wir ebenfalls hier gezeigt bekamen:Unter den Dächern von Paris" undM". Der französische Film von Ren6 (Flair war ähnlich in Thema und Aufbau; derGassen­hauer" hat nicht die starke und unverwechselbare Atmosphäre eben der Stadt Paris, aber er ist straffer und konzentrierter im Aufbau der Fabel, er ist dramatischer und minder verschwommen in der Handlungsführung: er bleibt nicht im Idyll und im Lyrischen stecken, wozu das Thema leicht hätte verführen können. AnM" von Fritz Lang erin­nert hier der klare Blick und scharfe Zugriff ins Alltägliche, auch die Wahl der Darsteller und der Umriß der Schauplätze: Hinterhof, Miethaus, Bo­denkammer, Gefängnis. Das Manuskript von Dr. Johannes Brandt behandelt den Weg eines kleinen Gassenhauers zum berühmten Schla­ger. Dieses Leitmotiv, musikalisch von Marc R 0« land melodiös und technisch geschickt eingeführt und abgewandelt, ist mit einem Kriminalfall und einer Liebesgeschichte ebenso zwanglos wie dra­matisch-spannend verbunden. Die Hauptfiguren sind fünf stellungslose Hofmusikanten, die sich zu einer hausierenden Jazzband zusammengetan haben und alle fünf in ein junges Mädel verliebt sind, das dem Gassenhauer den Namen gegeben und gleichsam Modell gestanden hat:Sie heißt Marie..." So ist der Gassenhauer, mit dem sie ihr Glück machen, zu­gleich ein zartes und ritterliches Liebeslied gewor­den, das den Film ausklingen läßt in einem happy end übrigens, das gar nicht gezwungen und gestellt wirkt. Die Regie von Pick ist lyrisch und dramatisch zugleich, sie gibt ausgezeichnet plastische Details, ohne die Linie zu verlieren. Und sie arbeitet ohne alle Prominenz in der Darstellung; die paar bekannteren Namen sind in Episoden festqelegt: Schaeffers; Hollmann; Leibe! t; Marga­rethe S ch ö n. Ein neuer Name, ein neues Gesicht: Sna Albrecht als Marie, deutscher Gegentyp zu Pola Illery inSous les toits de Paris. Von den fünf Musikanten: Ernst Busch (Peter) und Albert Hoermann (Paul) an erster Stelle. Der Film lauft [eit gestern im Lichtspielhaus.r