Nr. US Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)
Freitag, 22. Mai 1931
Unser Burgenland.
Zur Zehnjahrfeier der Vereinigung mit Oesterreich.
Von Or. Fr. König.
i.
Was toar Südo st Mitteleuropa doch für den Dinmendeutschen im Reich in den Jahrzehnten nach der Reichsgründung eine fremde Welt geworden! Er wühle zwar, dah die Donaumonarchie ein Vielvölkerstaat war, aber von den volkspolitischen Problemen in diesem Raume der Völkerverzahnung und der Gemengelage der Völker hatte er keine Vorstellung: er hatte vor allem auch vergessen, dah zwischen der österreichischen und der ungarischen Reichshälfte eine Grenze lag, die nicht nur die Grenze Oesterreichs und Ungarn^, sondern auch dieGrenze des alten Reichs gegenüber der einst halb asiatischen Welt des mittleren und unteren Donaubereichs war: Grenzsaum und Grenze, die einst nicht minder heih umstritten gewesen waren wie die Westgrenze des Reichs, die von Frankreich und dem Reich umstrittene, jene Grenze, um die einst Avaren und Deutsche, Magyaren und Deutsche, dann auch Türken und Deutsche in heißen Kämpfen gerungen haben.
Hier im Südosten ward die Oststeliung des deutschen Volkes zuerst erkämpft: lange bevor im Rordosten Oder und Weichsel gewonnen waren, hatten die Markgrafen Karls des Drohen und sodann die Babenberger die O st mark begründet, von der aus nicht nur den Magyaren und den Türken Grenze gesetzt wurde, sondern auch deutsche Kultur und deutsche Menschen hineinströmten in die subgermanischen Lande an der unteren Donau, ihnen das Christentum, ihnen Recht und Sitte des Abendlandes zu bringen.
Im Schatten des Reichs wuchs so das Königreich Ungarn heran: es wollte Grenz«. Es galt, ihm Grenze zu sehen. So war ein Ringen hier durch die Jahrhunderte im heutigen Burgenland, vergleichbar dem im Westen, wobei es sich ebensowenig um die Frage der Volkstumsgrenze handelte wie dort, sondern um Herrschaft und Macht. Im 15. Jahrhundert schien Oesterreich den Magyaren den Rang abzulaufen, als es dem Königreich sieben Herrschaften: Eisenstadt, Hornstein, Rechnih, Güns, Bernstein, Forchtenstein, Kobersdorf abgewann, die Ricderösterreich a ^geschlossen wurden. Die Schlacht von Mohacz besiegelte sodann ganz Ungarns Schicksal: es ward zum gröhe en Teile den Türken zum Raub, ward aber, vorerst nur in seinem westlichen und nördlichen Teile, staatsrechtlich Oesterreich angeschlossen. Der Kaiser war so zugleich auch König von Ungarn geworden. Da ward es ihm schliehlich ziemlich gleichgültig, ob diese Grenzgebiete zu seinen österreichischen Landen oder zu seinem Königreich Ungarn gehörten. Sie wurden in denselben Zeitläuften, in denen im Westen das Clsah verloren zu gehen begann, trotz des Protestes der österreichischen Stände an Ungarn abgetreten und sind bis zum Weltkriegszusammenbruch ungarisch geblieben.
Damit ward hier eine Situation geschaffen ähnlich der des Elsasses, oder auch Deutschlothringens. Denn ein Bauernvvlk deutscher Volkstumsgrundlage, das sich seit den Tagen Karls des Erohen hier seine deutsche Kulturlandschaft geschaffen hatte, trat in den Staat eines fremden Volks ein und ward fo in seinem Erleben langsam von der Erlebniswelt seiner eigentlichen Volksgenossen abgezogen. Ueber 270 Jahre sind eine lange Zeit. So lange sind die Deutschen des Burgenlandes bei Ungarn gewesen, so lange haben sie, zunächst politisch und dann auch kulturell, ihre Blicke nach Osten wenden müssen, so lange haben sie dem Einfluh der magyarischen Gesellschaft unterstanden, und sind dennoch Deutsche geblieben. Ein Zeugnis wahrlich auherordentlicher Beharrungskraft.
Aber diese Zeit ist ebensowenig spurlos an ihnen vorübergegangen wie die erste Franzosenzeit am Elsah. Es ist eine Erlebnisgrund-
Ibsen.
Zum 25. Todestage des Dichters.
Von Geheimratprof.Or. Oskar Wa zel,Bonn.
(Nachdruck verboten.)
Man hat einst erbittert um I b s e n gekämpft. Wie wenige wissen das heute noch. Nicht der junge Ibsen, sondern der reife, der sein Letztes formte, war Gegen, sland des ärgsten Widerstreits. Wenn sonst ein Dichter den Sechzigern sich nähert, hat die Welt sich meist mit ihm schon abgefunden. Er darf für überwunden halten, was gegen seine Anfänge eingewendet worden war, und wenn er noch auf Gegenstimmen trifft, verklingen sie im Chorus einer allmählich errungenen Anerkennung. Dafür bekommt er im Alter auch nicht die überschwenglichen Lobesworte zu hören, hie feine Anhängerschaft einst ihm zugerufen hat. Bei Ibsen war es anders. Mit Shake- speare zusammen nannte ihn doch wohl erst am Ende des Jahrhunderts einer seiner Bewunderer. Und noch im Jahre 1893 bezichtigte umgekehrt Max Nordau ihn der vollständigen Unfähigkeit, einen eingigen Gedanken deutlich zu denken, ein einziges der Schlagworte, die er seinen Stücken hier und da aufpinfelc, zu begreifen, aus einem einzigen Vordersatz die richtige Folgerung abzuleiten.
Heute wird Ibsen kaum noch Shakespeare gleichgestellt. Dafür nimmt auch keiner ihn so übel mit wie Nordau. Doch mit dem Kampf um Ibsen ist auch ein guter Teil des starken Anteils verschwunden den er einst genossen hatte. Es wird stiller um ihn. Man nennt ihn mit Achtung — er hat seinen gesicherten Platz: aber er bedeutet unserem Zeitalter nicht mehr, toas er um 1900 bedeutet Halle.
Damals war man gewohnt, von Ibsen auf die Fragen des Lebens aufmerksam gemacht zu werden, die im fortschreitenden Entwicklungsgang der Menschheit sich einstellten, zunächst indes der großen Mehrzahl noch herzlich unklar waren. Viele dankten ihm, daß er sie aus der Sorglosigkeit weckte, mit der die Menschen übersehen, was morgen eine dringende Gefahr sein kann. Andere waren empört, aus ihrer Nutze aufgerüttelt zu werden: sie schalten Ibsen — wieder mit Nordau — einen bösartigen Feind der Gesellschaft, weil er verriet, wo etwas im Leben und Treiben der Gesellschaft brüchig und erneuerungsbedürftig geworden war. Zeigte er ihnen, daß die 'Frau eine Entwicklungsstufe erreicht hatte, auf der
lag« entstanden, die den Menschen Deutschwestungarns ein eigenes Gepräge gibt. Zunächst politisch! Gewiß, es mag lange ziemlich gleichgültig gewesen sein, ob man einem österreichischen oder ein^m ungarischen Grundherrn unterstand, die Dinge wurden anders, als die liberalen und die nationalen 2 d e en von der französischen Revolution her Europa erfaßten und auch in Ungarn d i e Idee vom geschlossenen magyarischen Rational st a a t erzeugten. Zunächst machten die Deutschen mit den Magyaren gemeinsame Sache gegen den Wiener Zentralismus. Auch für sie war das Jahr 1848 das große Jahr des Freiheitskampfes: an der Seite der Magyaren kämpften sie gegen die absolutistische Reaktion, an der Seite der Magyaren unterlagen sie. Dies war das große Erlebnis der burgenländischen Deutschen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Wie die Elsässer und die Deutschlothringer durch die französische Revolution und die Rapoleonslriege zu französischen Staatspatrioten geworden waren, so brach nunmehr auch im Durgen'.ande jener ungarische Patriotismus durch, der einen Teil der ungarischen Rationalitäten mit dem magyarischen Staatsvo'.k verband, die Dur- genländer wurden so ein Dölklein zwischen den Völkern, ein Völklein deutsch-österreichischer Volkstumsgrundlage, aber ungarischer Erlebnisgrundlage.
Aber wie die Franzosen, so vermochten es auch die Magyaren nicht, sich mit dem Staatspatriotismus der Deutschen Westungarns auf die Dauer zufrieden zu geben, ihr Begehren ging vielmehr danach, auch die eine und unteiwäre magyarische Kulturnation zu schaffen, so daß es im Staate keine fremden Rationalitäten mehr gäbe. Trotz des Rationalitätengesehes vom Jahre 1868 ward 1879 die magyarische Sprache in den Slaatsschulen, 1908 auch in den Konfessionsschulen eingeführt, ward der Versuch unternommen, die Deutschen Ungarns umzuvvl- ken. Was aber war die Folge? Es senkte sich der Spaltbazillus der magyarischen Zivilisation ins Volkstum hinein und versuchte sich daran, die Oberschicht im Lande von den Mutterschichten des Volkstums abzuspalten. Und in der Tat: die magyarische Gesellschaftskultur besaß un- ?gemeine Anziehungskraft. Auf agrarischer Grund- age war da eine aristokratische Gesellschaft entstanden, die mit ihren Formen, ihrem Lebensstil und ihrer Lebensauffassung, ihrem nationalen Temperament als Vorbild vornehmen Lebens erschien, dem nachzustreben Aufgabe derer wurde, die sozial aufsteigen wollten. Exklusiv gegenüber Menschen sremdvölkischer Herkunft war die magyarische Gesellschaft nicht: sie machte vielmehr die Arme für alle die weit auf, die in sie ein» treten wollten: sie öffnete bereitwillig alle Tove, die den intelligenten Menschen nach oben führen konnten, sei es im Staate, sei es in der Wissenschaft, sei es in der Politik. In einem aber war sie unerbittlich: sie forderte vom Richtmagyaren den Verzicht auf das Volkstum seiner Herkunft: er muhte sich aus der Tradition seiner Familie, seines Dorfes, seiner Sied- lungsgemeinschaft, seines Gesamtvolks herauslösen, muhte den Stil seines Hauses, die Erziehung seiner Kinder, die Umgangssprache in Familie und Gesellschaft den nationalmagyari- schen Bestrebungen gemäß gestalten: er tat gut daran, wenn er seinen (Hamen magyarisierte.
Kein Wunder, daß in den Zeiten vor dem Weltkrieg gar mancher Sohn deutscher Eltern den Lockungen erlag und in die magyarische Gesellschaft eintrat, daß viele diesen Weg als den normalen zu betrachten begannen. Der ungarische Staatspatriot deutscher Volkstumsgrundlage war auch im Durgenlande auf dem Weg. dem ersten Schritt^den zweiten folgen zu lassen: es ei..wickelte sich dasMagharonentum. Die magyarische Gesellschaft begann das deutsche Volkstum zu überlagern, begann von oben her alte deutsch« Volkskultur der schlichten bäuerlichen Menschen des Burgenlandes zu zersetzen und den Menschen die Freude an ihrem ursprünglichen vvlklichen Sein zu nehmen. ..Unserem Volke entfremdet, so wuchsen wir auf, langsam vergiftet, schwand alles heimatliche Fühlen. Was konnten wir, die
nen hatten, dem herrlichen Idealbild der magyarischen Ration entgegensetzen? Wir wuhten nichts von der Schönheit unseres eigenen Volkstums. Wenn wir in der Schule nach unserer Muttersprache gefragt wurden, ließen wir die Köpfe hängen. Wir fühlten, daß wir deutsche Heinzen seien und von unserem Volke nicht los»
Die Arbeitsmarktlage hat im Berichtsmonat eine merkliche Besserung erfahren. Die Zahl der Arbeitsuchenden ist von 15 373 auf 1 2 545 gefallen. Die Besserung ter Marktlage ist hauptsächlich auf die Arbeitsaufnahme in den Außenberufen zurückzuführen. Leichte Besserungen sind auch bei den übrigen Berufen zu verzeichnen. Sollte die Witterung weiterhin günstig bleiben, so besteht die Hoffnung, daß auch die Arbeitsmarktlage im kommenden Monat sich weiter bessern wird. Am Ende des Monats April wurden aus den Mitteln der Reichsanstalt 7720 Personen, gegenüber 10191 des Vormonats und 6314 des Vorjahres, unterstützt. Krisenunterstühung erhielten 2095 Personen, gegenüber 2356 des Vormonats und 421 des Vorjahres. In Arbeit konnten wir 932 Arbeitsuchende, gegenüber 778 des Vormonats und 1173 des Vorjahres, vermitteln. Von ihren früheren Arbeitgebern wurden 901 Arbeitsuchende, gegenüber 594 des Vormonats und 235 des Vorjahres, zurückgerufen. Aus den einzelnen Berufs» gruppen^st wie folgt zu berichten:
Land- und Forstwirlfchaf'k.
In den ersten Tagen des Monats April ging die Bestellung gut vonstatten. Die Folge davon war, daß die Landwirtschaft eine größere Aufnahmefähigkeit zeigte. Trotzdem blieb die Vermittlungstätigkeit gegenüber den früheren Jahren zurück. Vielfach nahmen Mohlfahrtserwerbs- lose offene Stellen in der Landwirtschaft an. Für die größeren Betriebe mochte auch das Hereinkommen der Wanderarbeiter, sowie die Verminderung des Hackfruchtanbaues die Vermittlung ungünstig beeinflussen. Das Kartoffellegen darf als nahezu beendet angesehen werden. In der Forstwirtschaft wurden Kulturarbeiten in Angriff genommen. Verschiedentlich konnten wir Schwellenhauer in andere Arbeitsamtsbezirke vermitteln. Die Gärtnereien haben sich in der De- richtszeit ebenfalls aufnahmefähig gezeigt. Aus Schweinfurt wurden 84 Feldmädchen, aus Fulda 78, aus Ratibor 8 in unserem Bezirk und nach Limburg 2 untergebracht. Die Zahl der Arbeitsuchenden betrug 335, gegenüber 482 des Vormonats und 249 des Vorjahres.
Industrie der Steine und Erden.
Die Arbeitsmarktlage in der Industrie der Steine und Erde hat eine Besserung erfahren. Verschiedene Steinbrüche haben ihre Betriebe wieder eröffnet bzw. ihre Belegschaft verstärkt. Trotzdem die Auftragseingänge als verhältnismäßig gut bezeichnet werden können, besteht Auftragsmangel für Schottersteine. Den Arbeitsmarkt belasten 1209 Arbeitsuchende, gegenüber 1046 des Vormonats und 999 des Vorjahres.
Metallindustrie.
Die Lage des Arbeitsmarktes ist sehr uneinheitlich. Zwar überwogen die Einstellungen di« Entlassungen, doch läßt dies noch nicht auf eine Besserung schließen. Während einige Betriebe Metallarbeiter abgerufen haben, haben andere Kurzarbeit eingeführt. Handwerksbetriebe haben im verstärkten Maße Lehrlinge, die ihre Lehrzeit beendet haben, zur Entlassung gebracht. Die Arbeitsuchendenzahl betrug 2195, gegenüber 2546 des Vormonats und 1035 des Vorjahres.
Rahrungs. und Genußmittelgewerbe.
Die Marktlage dieser Derufsgruppe ist hauptsächlich von den Deschäftigungsmöglichkeiten in
kommen konnten", so schilderte einst ein burgenländischer Hochschüler die seelische Lage der burgenländischen Jugend in den letzten Zeitläuften der magyarischen Herrschaft im Lande. Es konnte so scheinen, als ob die Magyaren ihr Ziel, das deutsche Volkstum Westungarns sich anzugleichen, erreichen würden. (Sch.uh folgt.)
den Zigarrenfabriken abhängig. Die Lage hat sich erheblich gebessert. Die meisten Firmen sind verhältnismäßig gut beschäftigt. Eine Zigarrenfabrik will im Laufe des kommenden Monats ihren Betrieb wieder eröffnen und die seinerzeit entlassene Belegschaft wieder zurückrufen. Die Brauereien Flogen über Absatzmangel. Begründet wird dieser durch die erheblichen steuerlichen Belastungen. Dem Arbeitsmarkt standen 809 Arbeitsuchende, gegenüber 1136 des Vormonats und 138 des Vorjahres, zur Verfügung.
Bekleidungsgewerbe.
Der Beschäftigungsgrad hat keine wesentliche Besserung erfahren. Eine vberhesfische Kleiderfabrik ist zur Zeit sehr gut beschäftigt, dagegen sind die Schuhfabriken wegen Austragsmaygels gezwungen, ihre Belegschaften verkürzt arbeiten zu lassen. Am Schluß der Derichtszeit zählten wir 306 Arbeitsuchende, gegenüber 339 des Vormonats und 195 des Vorjahres.
Baugewerbe.
Die Lage des Daumarktes hat die saisonmäßige Besserung erfahren. Leider liegen nicht genügend Aufträge für Reubauten vor, so daß man nicht mit längeren Beschäftigungszeiten für Bauarbeiter rechnen kann: zur Zeit handelt es sich hauptsächlich um An- und .Umbauarbeiten. Weller wurden Jnstandsehijngsarbellen in Angriff genommen. Es wäre zu wünschen, dah gerade in dieser Derussgruppe die Marktlage in den kommenden Monaten eine weitere Besserung erfahren würde, da in Ober Hessen das Baugewerbe für die meisten Berufe die Schlüsselindustrie dar- ftellt. 2223 Bauarbeiter waren, gegenüber 2355 des Vormonats und 1788 des Vorjahres, verfügbar.
Gast, und Schankwirlfchaflsgewerbe.
Im Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe hat sich hauptsächlich der Saisonbetrieb bemerkbar gemacht. Die weiblichen Fachkräfte konnten leichter untergebracht werden als die männlichen. Wir machten die Beobachtung, dah die Saisonbetriebe die Einstellung von Arbeitskräften gerade in diesem Jahr von der Zahl der Kurgäste abhängig machen. Die übrigen Betriebe klagen zur Zeit über schlechten Geschäftsgang. Verfügbar waren 85 Arbeitskräfte, gegenüber 136 des Vormonats und 51 des Vorjahres.
Angesielllenberufe.
Der Arbeitsmarkt für Angestellte hat sich wiederum verschlechtert infolge weiterer Entlassungen, insbesondere aus der Metallindustrie, der Tabakindustrie und dem Baugewerbe. Auch ältere Angestellte sind in größerer Zahl entlassen worden. Der Einzel- und Großhandel hat ein» Anzahl von ausgelernten Lehrlingen entlaßen. Zur Zeit laufen wieder an beruflichen, von dem Arbeitsamt geförderten Fortbildungsmahnahmen je ein Llebungskursus in 10-Fingermaschinen- schreiben und in Reichskurzschrift mit zusammen 80 Teilnehmern. Verfügbar waren 859 Arbeitsuchende, gegenüber 816 des Vormonats und 472 des Vorjahres.
Berufsberatung.
Die Abteilung Berufsberatung wurde im Monat April 244mal in Anspruch genommen, und zwar 162mal von männlichen, 82mal von weiblichen Ratsuchenden, davon waren 55 männliche und 22 weibliche Erstbesucher. 17 männliche und
wir unserer Muttersprache uns zu schämen begon-
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Weitere Besserung auf -em oberhessischen Arbeitsmarkt.
Der Monatsbericht des Arbeitsamts Gießen für April.
ihr manches an der bestehenden Alltagsehe nicht mehr taugen konnte, so beschuldigte man ihn, er wolle die Ehe angreifen oder gar zerstören. Ein ehrlicher Warner tarn in Verdacht, feine Stücke zu schreiben, um irgendeinen Gedanken, der ihm eingefallen war, durchzusetzen. Seine Menschen seien ihm dabei recht gleichgültig. Sie dienten ihm nur als Träger seiner Thesen. So urteilte man.
Da war es nötig, gründlichst zu sagen, daß Ibsen nicht ein sogenannter Gedantendichler sei, und daß er Schicksale von Menschen, die ihm mehr oder minder bekannt waren, zum Ausgangspunkt seines Schaffens nähme. Nur freilich gingen ihm an diesem Schicksal die Gefahren auf, die nicht nur diesem oder jenem, sondern deyi Zeitalter drohten. Sein Dichterauge sah im einzelnen Menschen oder in einer Gruppe von Persönlichkeiten immer auch gleich die vielen anderen, die Verwandtes erleben, erdulden, aber auch erstreben konnten. Darum empfand auch ein großer Teil der Zeitgenossen seine Dramen, zumal die letzten, die Gesellschaftsstücke aus der Gegenwart wie eine Abspiegelung ihrer eigenen inneren Erlconisse, ihrer Leiden und ihrer Wünsche. Große Dichter verhalten sich meist so und wirken dergestalt auf ihre Umwelt. Sie sprechen aus, was dieser Umwelt mehr oder minder bewußt, selten in klarer Anschauung vorschwebt. Sie schenken der Umwelt das erlösende Wort, das ihr sagt, was sie selbst noch nicht ausdrücken kann.
Ibsen war dabei so weit entfernt von irgendwelchen Programmworten, daß mancher ihm heute vorwcrfen konnte, zu wenig Wegweiser gewesen zu sein. Seit einiger Zeit ist das Bedürfnis wiedererwacht, aus dem Munde des Künstlers zu vernehmen, wie er sich rechte Lebensführung denkt, nicht bloß, welche Lebensführung Bedenkliches in sich birgt.
Ibsen jedoch war und blieb der Sohn, einer Zeit des Zweifels, die zu eindeutigen Entscheidüngen nicht oerbrang. Weil er zweifelte, erkannte er die Unzulänglichkeit mancher Bräuche des Gesellschaftslebens. Er hoffte, daß eine gründliche Wandlung kommen würde. Allein — hütete er sich wohl, diese Wandlung zu bestimmen, ihr^ie Wege zu zeigen. Das lockende Wort von einem künftigen Dritten Reiche (dieses Wort hat mit dem im modernen politischen Kampf gebräuchlichen Begriff natürlich nichts gemein) fesselte auch ihn. Hat er aber es jemals gewagt, das Wesen dieses kommenden Reiches auszusprechen? Er zeigte nur, wie viele auf der Suche nach dem Dritten Reiche schon gescheitert waren, voran Kaiser Julian, der
Bekämpfer des Galiläers: Julian findet in Ibsens Dramen eine zahlreiche Nachfolge. Ja, Ibsen, dem so viel am Dritten Reich lag, konnte zu einem treuen Ekkehard gestempelt werden, der die Menschen abhalte, den Weg zum Dritten Reiche überhaupt einzuschlagen.
Die neue Sittlichkeit, die von Ibsen erwartet und erhofft wurde, der Kern dieses Dritten Reiches, hatte in seinem Sinnen und Schassen sich mehr und mehr eingeengt auf das Verhältnis von Mann und Weib. Es ist, als wäre für Ibsen, besonders in seinen letzten Stücken, alles andere nur Nebensache. Er beschränkte sich auf den großen Prozsß, der zwischen den Geschlechtern anhängig ist, wie Hebbel es einmal nannte. Abermals fällt das heute stärker auf als um 1900. Endlich ist die UeberzeuPing wieder erwacht, daß Dichtung, daß besonders Tragödie nicht auf Liebe und Haß zwischen Mann und Weib sich zu beschränken braucht.
Strindberg und Shaw, die beiden bewußten Uebertrumpfer Ibsens, bewiesen daß die Frau und ihr Wesen nicht ausgeschöpft sind, wenn Typen, wie Nora, Ellida, Hedda Gabler oder Hilde Mangel, gestaltet werden. Sie machten diese Typen zu etwas Ueberholtem und Vergangenem. Sie nahmen überdies das Verhältnis der Geschlechter von vornherein in anderem Sinne. Strindberg, der Frauenhasser, der die Frau doch nicht entbehren konnte, Shaw, der Spötter, dachte nicht mehr daran, dem Weibe in der Auseinandersetzung mit dem Manne gleich Ibsen zu Hilfe zu kommen. Doch während Strindberg immer noch gern Männer zeichnete, deren Wohl und Wehe von ihrem Verhalten zum Weibe abhängt, wies Shaw schon den neuen Weg, auf dem auch mehr ober minber burdjgeiftigte Erotik nicht länger ben Mittelpunkt allen Sinnens für ben Mann bebeutet. Tragische Schicksale ergaben sich roieber, deren Vor- aussetzung aus anderer Quelle stammt. Der und jener ging bald von Anfang an diesen Weg. Jetzt haben wir uns schon gut an Dramen gewöhnt, die aus dem Leden Tragik schöpfen, ohne bei dem großen Prozeß zu verharren, der zwischen Mann und Weib anhängig ist. Sogar in Roman und Novelle greift solche Stofswahl mehr und mehr um sich.
Das entfernt uns von Ibsen. Die Gegenwart wendet sich überdies von ihm ab, soweit sie auf klarere Entscheidungen drängt und sich nicht mit den Fragezeichen begnügen will, die am Ende vieler Stücke von Ibsen stehen. Dennoch muß sie zugeben, daß feine Schöpfungen von einem echten und reinen.
sittlichen Willen getragen werden. Dieser Wille hat in dem zweifelsfrohen Zeitalter Ibsens nur die Kraft gewinnen können die für notwendig erkannten, neuen sittlichen Ziele festzuhalten und kräftig zu bejahen.
Ein Buch der guten 2Berfel914-1918
lieber ben Greueln ber Kriegsjahre 1914—1918 wollen wir nicht ber zahlreichen Taten ebelfter Menschlichkeit vergessen, die unter Gefahr des Lebens und ohne Rücksicht auf Uniform und Korn- mando von Feind zu Feind geleistet wurden. Diese Großtaten der humanen Krieger — im Schützengraben, am Drahtverhau, auf dem Verbandsplatz ober in Gefangenschaft — verdienen mindestens den gleichen Nachruhm wie die Leistungen der patriotischen Aufopferung. Nach der Methode der Abschreckung soll mit der positiven Methode der Versöhnung der ehemaligen Kämpfer begonnen werden durch ein „B u ch der guten Werke 1914 bis 19 1 8". Hier sollen aus allen Ländern und ohne Ansehen der nationalen Einstellung die Botschaften der Menschlichkeit von Feind zu Feind gesammelt werden.
Einsender ist jeder, der im Krieg von 1914—1918 durch einen Feind eine hervorragende Tat der Menschlichkeit an sich oder seinen Kameraden erfahren hat. Einsender ist ferner, I roer von der Opfertat eines Kameraden für einen Feind zu melden weiß. Zur Glaubhaftmachung seiner Schilderung ist der Name des Mannes und nach Möglichkeit Ort und Datum, auch Rang und Truppenzugehörigkeit anzugeben. Alle deutschen Einsen- düngen sind zu richten an den Herausgeber: Dr. Bernhard Diebold, Berlin N 65, Edinburger Straße 19II.
Hochfchulnachnchten.
Der durch den Weggang von Profesior K. A. Eckhardt an der Universität Kiel erledigte Lehrstuhl des deutschen und bürgerlichen Rechts ist dem Ministerialdirektor i. W., ord. Honorarprofesior an der Universität Jena, Dr. Karl Rauch in Weimar angeboten worden: zugleich ist zur Besetzung des in Kiel neuerrichteten Lehrstuhls für deutsches und bürgerliches Recht ein Ruf an Profess«, Dr. Hans Erich Feine in Rostock ergangen. v


