Nr. 93 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 22. April 1931
Kür den Büchertisch.
Reue Lyrik.
— Wolfram Drockmeier: Sturmund Beschwörung. Gedichte. 56 Seiten 8°. Preis 4 Mark. Erich Lichtenstein Verlag, Weimar. (136) — Es erscheint unwesentlich, auf gewisse Ähnlichkeiten hinzudeuten, etwa mit Zuckrnayer (in den Gedichten „Der Fluß" und „Erinnerung") ... oder mit Dillinger, in den sechs kurzen Zeilen, welche „Einschlafen" überschrieben sind. Wichtig ist, wie hier von einem (Zungen uralte Themen großer lyrischer Dichtung neu begriffen, neu erlebt und mit neuem Inhalt gefüllt werden. Brock- meiers Lyrik wirkt, wenn man aufs Ganze sieht, streng, herb, verhalten und männlich: kaum ein Liebesgedicht im ursprünglichen, naiven Sinn ist zu finden. Aber ein großes, starkes Raturgefühl — durchaus im Einklang mit lebendigen Strömungen zeitgenössischer Kunst — beseelt sich hier leidenschaftlich und pantheistisch die geschaffene Welt: in der Vermenschlichung des Berges, in der Pappel, dem „Pfeiler Gottes", im Fluß: eines-der hierfür bezeichnendsten und zugleich schönsten Gedichte heiyt „Gott in den Tieren" („Du bist es, Gott, der in allem erklingt"); in den einfachen, aber rhythmisch bestechenden Strophen von der „Auferstehung der Kathedralen", in der „Ballade vom Urwald", in der „Himmlischen Fahrt" und der „Erinnerung" findet dieses rousseauhaste Raturbekenntnis den stärksten Ausdruck, — auch die Absage an die moderne Stadt und die städtische Kultur („Vernichtung der Städte") mündet in den gleichen Ausblick: „Erde, nur Erde wird sein wie vorzeiten,..." Und wie Brockmeier Baum und Blume, Berg und Strom, Getie' und Gestirn inbrünstig beseelt und brüderlich anredek, so umfaßt seine Beschwörung ein gotisches Mittelalter (.Chor der törichten Jung- frauen", „Der Reiter im Dome zu Bamberg", „Alter Meister") nicht weniger leidenschaftlich als die homerische Fabelwelt (.Wandlung des Odysseus") und den heidnischen Mythos („Pan"). Richt formale Geschlossenheit oder artistische Verfeinerung, sondern die geistige Haltung, die Lauterkeit und Fülle des Gefühls machen diesen schmalen Gedichtband zu einer wesentlichen Erscheinung der jungen lyrischen Dichtung in Deutschland. -y-
— Reue Lyrik II. Anthologie 25 junger Autoren. 4. Veröffentlichung des Selbstverlags junger Autoren im Ioachim-Goldstein-Verlag, Berlin, 1931. (100) — Die Sammlung ist im Gesamtniveau kaum erfreulicher als die früher hier ongezeigten Anthologien des Goldstein-Verlages: die Mehrzahl der. Gedichte ist ausgesvrochen schlecht. Bemerkenswert ist jedoch, daß Erich Kästner (geb. 1899!) — der zwar nicht bedeutendste, aber populärste Lyriker unserer Zeit — bereits Schule macht: die beiden Gedichte vonOlfWeddy- Poenicke, eines von Fritz Pick, und eines von Franzi Hofmann, die vergleichsweise zu den besten dieser Auswahl zählen, sind ganz typisch dafür. Hervorzuheben wäre noch ein rhythmisch gut gemachter „Song" von W. O. Somin: als Kuriosität: ein Gedicht von Lothar Mehl, dem ein Paragraphenauszug aus der österreichischen Zivilprozeßordnung als Motto vorangestellt ist; endlich, im schroffen Gegensatz zu den Sachlichkeiten im Küstnerschen Alltagsjargon, ein paar in kleinen Buchstaben geschriebene Strophen von Victor Wittkowski, welche programmatisch „Friedrich Gundolf gewidmet" sind. -y-
Deutsche Erzähler.
— Wilhelm Holzamer: Vor Jahr u n d T a g. Roman. 293 Seiten 8°. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart. (46) — Der rheinhessische Dichter Holzamer war noch nicht vierzig Icchre alt, als er 1907 in Berlin starb: im Frühjahr 1930 hätte er den 60. Geburtstag feiern sollen. Der vor kurzem ins Leben gerufene Holzamer- Bund zu Rieder-Olm (bei Mainz), dem Geburtsort des Dichters, ist lebhaft und mit Erfolg bemüht, das Andenken an den Frühverstorbensn wachzuhalten und insbesondere sein Werk, soweit es vergriffen ist, wieder allgemein zugänglich zu machen. Die Werbearbeit des Bundes hat auch die dankenswerte Reuherausgabe des vorliegenden Romans ermöglicht, dessen erste Drucklegung der Dichter nicht mehr erleben sollte: „Dor Jahr und Tag" ist eines der reifsten und grklärtesten Bücher, die Holzamer hinterlassen hat: Kulturbild und Heimatroman ^gleich, eine Erzählung, in deren Ausformung seine ganze Eigenart und seine besten dichterischen Kräfte beschlossen liegen. Dabei kommt es weniger auf die romanhafte Handlung im landläufigen Sinne an als auf die Zusammenfügung epischer Einzelelemente zum Gesamtbilde und auf dessen psychologische Unter- bauung. Daß die Bedeutung des Romans über das Bodenständig-Dokumentarische hinausgreift, deutet eine abschließende Bemerkung in der Einleitung von Dr. Adalbert Schmidt an: „So weist Holzamers ,Vor Jahr und Tag< aus der Enge einer wie immer verstandenen H^eimatkunst in die Sphäre des Gefamtmenschlichen."
— Rudolph ©trat): „Heimliche Ehe". Roman. (August Scherl GmbH.. Berlin.) Ganzleinen 5,50 Mk. (HO) — Rudolph Strah hat in seiner neuen Arbeit ein immer wieder aktuelles Thema behandelt: Die Che. Die Frage, ob Liebesehe, Vernunftsehe oder freie Che glücklich macht, beschäftigt den modernen Menschen, vor allem die Jugend, in hohem Maße. Mit großem psychologischen Feingefühl läßt Strah die Vertreter dieser Ehen vor uns lebendig werden: da sind der heimliche Ehemann und seine junge Frau mit großer Wärme gezeichnet, beide sympathisch in ihrer inneren Anständigkeit und jugendlichen Tapferkeit: dann der Gewaltsmensch, äußerlich erfolgreich, aber ohne inneren Halt: er fühlt nicht, daß seine Frau sich längst von ihm losgelöst hat und zerbricht selbst an einer jäh aufflammenden Leidenschaft: als dritter im Bunde der Menfchen- verächter und Weltverbesserer, auch er will das Leben wegwerfen, als seine „freie" Frau von ihrer Freiheit Gebrauch macht und doch lieber eine bürgerliche Che mit einem anderen eingeht.
— Max Halbe: Generalkonsul Stenzel und sein gefährliches Ich. Roman. 246 S. 8°. Umschlag- und Einbandzeichnung von Professor Dr. Walter Tiernann. Geh. 5, Leinen 7 Mark. Verlag von Albert Langen in München. (103) — Herr Johann Sebastian Stenzel. Groß
kaufmann und Reedereibesiher in der alten nor- dischen Hansestadt, verliebt sich als Reunund- sünsziger maßlos in Ginevra, die Tochter der Jugendfreundin. Eine Sache auf Tod und Leben, wenn sich solch ein seriöser älterer Herr in eine Vertreterin der heutigen Jugend verliebt, dieser kühlschnäuzigen, gefährlichen Jugend, die es so noch nicht gab in allen den Zeiten, und zu der er keine Brücke finden kann. Aber daß er etwas so Unvernünftiges einmal im Leben hat tun müssen, wirft dann doch ein seltsames Glückslicht über den Rest der Tage dieses sonst so korrekten Mannes der „Arbeit mit drei R". Ein hnteres Sommerspiel, hart an der Grenze zwischen Ernst und Scherz, so jugendlich kraftvoll, wie der Dichter der „Jugend" nur je etwas schrieb. Allerlei Grund hat man, beim Lesen dieses anscheinend so behaglichen und vergnüglichen Buches plötzlich auszuhorchen. Es gibt da mitunter eine dunkle Resonanz, und das „törichte Perpetuum mobile auf Zeit — das Herz" tut manchmal einen erschrockenen, einen ertappten Schlag dab:i. Daß seine Menschen allesamt leben, daß die alte wehrhafte Stadt am Meer und ihr fruchtbares Werderland das treueste Heimatgesicht zeigen, ist selbstverständlich bei Halbe.
— Wilhelm Speyer: Die goldene Horde. Erzählung. 260 Seiten 8°. Kart. 3.75, Leinen 5,50. Ernst Rowohlt Verlag. Berlin 1931.
(48) — Dieses Buch bildet, obwohl in sich abgeschlossen, eine zwanglose Fortsetzung des seinerzeit an dieser Stelle besprochenen und sehr bekannt gewordenen Schülerromans „Der Kampf der Tertia". Wir finden hier die gleichen Schauplätze und eine ganze Anzahl bereits vertrauter Gestalten vor: aber es handelt sich jetzt bei den Abenteuern der Horde nicht um einen menschlichen Kampf für die unterdrückte und gequälte Kreatur, sondern es geht diesmal um eine Verschwörung zwischen Stadt und Land, um die heroische Wiedergewinnung der verlorengegangenen Hordenstandarte aus einem veritablen Löwenzwinger, um die vorübergehende Häuptlingschaft des kleinen Borst und um die Heimholung einer vor Jahren mit dem Wanderzirkus Pisanini entlaufenen Elevin des Landerziehungsheims. Im einzelnen hat auch der neue Roman manche gelungene, heitere, lyrische, wirllichem jugendlichen Leben abgelauschte Szene: im ganzen wirkt er doch — wie das meist bei Fortsetzungen oder „zweiten Teilen" erfolgreicher Bücher geht — schwächer als der Vorgänger: vor allem weil seine entscheidende Szene (im Zirkuszelt) ein wenig phantastisch und unwahrscheinlich geraten ist: und weil außerdem die Reden dieser Halbwüchsigen doch vielfach gesetzter und reifer klingen, als man es erwarten mühte. — y—
Reisen und
— Wie reist man in I talien ? Ein Buch zum Lust- und Planmachen. Von Prof. Dr. Karl K i n z e l. Führer durch Florenz, Rom, Reapel, Sizilien, Genua, Mailand, Venedig, die Riviera und die kleineren Städte. 1931. Achte, ganz neu bearbeitete Auflage. Mit einer Karte und 16 Plänen. Verlag Friedrich Bahn in Schwerin i. Mecklb. Ganz!. 7 Mark. (92) — Der Führer enthält das Wissenswerteste über Eisenbahn und Fahrkarten, über wenige erprobte Gaststätten, und was sich besonders bewährt hat: der Reisende erhält in jeder Stadt ein sorgfältig zusammengestelltes Programm, in dem die Sehenswürdigkeiten geordnet sind, die man an einem jeden Tage besehen kann. In diesen genau berechneten Dispositionen liegt der Hauptwert des Buches, dem auch die nötigsten Ausdrücke und Wendungen in italienischer Sprache angefügt sind. Die erheblich veränderten und großenteils stark gebesserten Verhältnisse des Fremdenverkehrs sind hier auf Grund einer längeren Studienreise berücksichtigt. Das ist der besondere Vorzug dieses Reudruckes.
— In dem neuesten Band der altbewährten Sammlung „Meyers Reisebücher": „Die Riviera von Livorno bis Marseille und Korsika" mit 16 mehrfarbigen Karten und 21 Plänen. Taschenformat. In biegsamem Ganzleinenband 12 Mark. Verlag Bibliographisches Institut AG. Leipzig, fällt die Reugestaltung aller Karten auf: die Autostraßen sind durch ein neuartiges Prinzip farbiger Umrandung deutlich hcrvorgehoben, ebenso bei den Stadtplänen die Hauptstraßen, mit Angabe ihrer Weiterführung nach anderen Städten. Der Automobilist, der Radfahrer, der Motorradfahrer können sich keinen praktischeren Wegweiser wünschen. Für diese Art des Reisens ist auch noch durch ausführliche Angaben über Garagen und Reparatur-
Abenteuer.
Werkstätten sowie durch eine Tabelle der italienischen und französischen Auto-Fachausdrücke gesorgt. Man findet selbstverständlich alle Eisenbahnverbindungen und die Luftfahrt- und Autobuslinien mit ihren wichtigsten Fahrpreisen. Die reichhaltigen klimatischen Angaben ermöglichen es dem Erholungsuchenden, sich vorher genau über die gesundheitliche Eignung der einzelnen Plätze zu unterrichten. Mit seiner Fülle erprobter Adressen — vom Luxushotel bis zum einfachen Landgasthof — bietet der „Meyer" für alle Ansprüche etwas und berücksichtigt auch weitgehend die sportlichen Bedürfnisse. (34)
— Zahlreiche Freunde des Grafen L u ck n e r werden es begrüßen, daß sein jüngstes Buch „See- teufel erobert Amerik a", in dem er in seiner launigen Art von Erlebnissen und Abenteuern zur See und in den Vereinigten Staaten erzählt, in einer ungekürzten, reichbebildcrten Volksausgabe für 2,85 Mark erscheint. Der billige Preis wird dadurch ermöglicht, daß der Verlag Koehler & Ame- lang in Leipzig einen schmucken neuartigen Steifdeckeleinband für eine Reihe beliebter Bücher geschaffen hat. (72.)
— Albrecht Janssen: Abenteuer im Eise. Ein Walfischfängerroman. 323 Seiten 8°. Halbleder 3,30 Mark. Volksoerband der Bücher- fieunbe. Wegweiser-Verlag ®. m. b. $)., Berlin-Charlottenburg 2. — (108) — Janssen, ein namhafter Vertreter des niederdeutschen Schrifttums, hat es verstanden, dem Leser die Gefahren- und Abenteuerwelt des Walfanges so bildhaft vor Augen zu führen, als lese er Selbsterlebtes. Die Schilderung des Marsches verschollener Waljäger über die Eis- fchollenfelder, ihre grauenvolle Ucberrointerung in den Regionen des ewigen Eises und das mit großen Opfern erkaufte Ziel, endlich nach monatelangem .Kampf Grönland erreicht zu haben, gehört mit zu den spannendsten Geschichten aus der Arktis.
Reue Kriegsbücher.
— Westfront 1914 — 1918, das Buch vom Frontkametaden. Von Georg Bucher. (Verlag von Karl Konegen Wien I.) — (409) — In diesem Buche schildert ein cyarakterstarker Soldat den Krieg, wie er in Wirklichkeit war, und wie er allen denen in Erinnerung bleiben wird, die dabei gewesen sind. Man erlebt beim Lesen dieses ungeschminkten Kriegsbuches noch einmal die furchtbare Gewalt und die vielfältigen Schrecken einer modernen Schlacht, man wird erinnert an die Zeiten der Kampfpausen und der Ruheguartiere, an aufopfernde Kameradschaft, aber auch an mancherlei Widrigkeiten, Enttäuschungen und Bitternisse, die nun einmal aus solchen Zeiten nicht fortzudenken sind. Die Westfront von 1914 bis zum bitteren Ende 1918 an den verschiedensten Kampfabschnitten ersteht in diesem Buche wieder, das ein deutscher Feldsoldat mit heißem Herzen geschrieben hat. Keine Renommisterei, keine politisierende Tendenz ist in diesem Buche zu finden, sondern schlichtes, wahrbeitsgemäßes Erleben an dieser schwierigsten der Weltkriegsfronten wird geschildert. Und darum wirkt dieses Buch auf den Leser tief und erschütternd.
— GeschichtedesThüringischenUlo- nen-Regiments 6 von 1813 b i s 19 19, bearbeitet von Major a. D., seinerzeit Rittmeister im Regiment, Frhr. Hiller vonGaertringew Mit 133 Abbildungen, 31 Karten und Skizzen, einer farbigen ilniformtafel und zahlreichen Federzeichnungen. (Verlag Tradition Wilhelm Kolk, Berlin SW 48.) Geb. 16 Mk. (9.) — Eine kurze, übersichtliche Darstellung der Geschichte des Regiments von 1813 bis 1914 geht den Schilderungen der Erlebnisse des Regiments im Weltkrieg voraus. Vor dem Leser erstehen wieder jene heißen Augusttage des Jahres 1914, in denen die Eskadronen des Regiments durch Belgien trabten, und die siegreichen Schlachten des denkwürdigen Vormarsches in Frankreich, der fast bis vor die Tore von Paris führte. Man erlebt aber auch die unglückliche Schicksalsstunde an der Marne. Es folgen die Kämpfe bei Roye, in den flandrischen Ebenen und der Feldzug an der Ostfront 1914/15 in Ostpreußen, Polen und Galizien. Heber Frankreich führt die Geschichte des Regiments dann auf den serbischen Kriegsschauplatz an die Donau bis zu den Kämpfen und Derggesechten an der griechischen Grenze. Rach der Kriegserklärung Rumäniens tritt das Regiment in der Dobrudscha einen unerhörten Siegeszug an und nimmt teil an den erfolgreichen Reiterkämpfen in der Kavallerie-Division von der Goltz, die sie von der Donau über Bukarest durch die Walachei bis zum Sereth führt. Dann geht es hinauf an die dänische Grenze und dann wieder an die Front nach Italien. Die schweren Kämpfe des
Jahres 1918 finden die 6. Ulanen wieder an der Westfront, und von dort reiten sie in den nebligen Rovembertagen des Unglücksjahres 1918 unbesiegt in ihre Garnison zurück. Die Bildung der Traditionseskadron und die Errichtung des Totenmals in Langensalza schließt die 106jährige ruhmvolle Geschichte des Regiments.
— Otto Linck: Kameraden im Schick- s a l. Kriegsnovellen. 164 Seiten 8°. Geh. 2,50, Seinen 4 Mk. Strecker & Schröder, Verlag, Stuttgart. (66.) — In diesen Rovellen ist das Erlebnis des Krieges über das Stofflich-Dokumentarische hinaus gestaltet geworden. Cs sind Rovellen von starker Spannung und klarer Form. Menschenschicksale entfalten sich und gehen schicksalhaft im kriegerischen Geschehen unter. Da ist der einfache Etappenoffizier, der, plötzlich in verzweifelte Lage gestellt, über sich hinauswächst: da wird in der „Tragödien eines Führers" die innere Katastrophe eines Generalstabsoffiziers gegeben, da entwickelt „Rosa" in ständigem Schau- Platzwechsel zwischen Front und Heimat das Kriegserleben eines Arbeiters und seiner Frau, und in der Bitterkeit der leMcn Rovellen, in der die soldatgewordene Kriegsfreiwilligengeneration von 1914 schon ihre Tragik erkennt und ein blutjunger Relrut symbolhaft als „Letzter" fällt, bildet den Ausklang. 2m Cinzelschicksal, das in dem übermenschlichen Geschehen hilflos trieb, spiegelt sich Wandel und Ablauf des vierjährigen Kampfes. Das Buch beschönigt nichts, aber es stellt am höchsten die soldatische Tat.
— Victor Kaluza: PG 3717. In französischer Kriegsgefangenschaft. 191 Seiten 8°. Geh. 3,—, Ganzleinen 5,— Mk. Avalun-Verlag, Hellerau. (121} — Der Verfasser, ein oberschlesischer Lehrer, schreibt im Vorwort: „Ich war vom 20. Juli 1916 bis zum 3 März 1920 in französischer Gefangenschaft. Das sind drei Jahve und 225 Tage, eine tote Zeit, eine Lücke in meinem Leben, von der zu berichten ich hier versuche. Aber wie soll man eine Lücke schildern? Was mir von dem Erlebnis jener Tage im Gedächtnis haften blieb, habe ich zu Papier gebracht. Vieles war schlimmer, als ich es heute sehe. Es gibt gute und böse Menschen hüben wie drüben." — Kaluza, der bereits einen Gedichtband „Der Grillengarten" veröffentlicht hat, erhielt für das vorliegende Buch den Cichendorff- Preis, was auf den ersten Blick (aus stofflichen Gründen) merkwürdig anmutet, indessen gerechtfertigt erscheint nicht sowohl durch den Hinweis auf jene frühere, lyrische Sammlung als vielmehr durch die menschliche und künstlerische Haltung, welche diese sehr sachlich, ehrlich und chronikalisch wirkende Schilderung auszeichnet.
Politik und Geschichte.
— Hermann Müller-Franken: „D i e Rovemberrevolution", Erinnerungen, zweite durchgesehene Auflage, in Ganzleinen Preis 5,50 Mark, Verlag „Der Dücherkreis". Berlin SW 61. — Der kürzlich verstorbene Reichskanzler H. Müller-Franken, der als Vorstandsmitglied der sozialdemokratischen Partei di« Ereignisse des Rovembers 1918 in Berlin, Hamburg und Kiel in der politischen Schußlinie mitgemacht hat, gibt hier keine Geschichte der Revolution, sondern seine persönlichen Erinnerungen an die ersten Monate nach dem Umsturz. Sehr nüchtern und schmucklos, ohne jede Phrase erzählt Hermann Müller an Hand einer Fülle interessanten dokumentarischen Materials die politischen Vorgänge. Rur selten übt er Kritik oder gibt, wie z. B. bei der Schilderung des Rats der Volksbeauftragten oder des Vollzugsrats, dem er selbst eine Zeitlang angehorte, sehr prägnante Charakteristiken der damals im Vordergrund des Interesses stehenden Persönlichkeiten. Das Buch, von dem soeben eine Reuauflage erschien, ist eine wertvolle Quelle für die Geschichte des Zusammenbruchs. (85)
— Victor Margueritte: „Vater- l a n d", kart. 3,75 Mark. Verlag Ernst Rowohlt, AG, Berlin W 50. (86). — Victor Margueritte, ehemaliger Offizier, bekannter Schriftsteller, kämpft in diesem Buch gegen das Friedensdiktat von Versailles. In der Niederlegung der Zollschranken und der Durchführung der Abrüstung, schließlich in der Revision der Reparationsfragen sieht er die Voraussetzungen für einen Zusammenschluß Europas ohne den, nach seiner Meinung unser Kontinent aus dem Chaos nicht herauskommen wird.
politische Romane.
— Junius Alter: „Rie wieder Krieg?!" Ein Blick in Deutschlands Zukunft. Kart. 2,85 Mark. Verlag K. F. Koehler, Leipzig. (88) — Der Verfasser hat sich an einen politischen Zukunftsroman herangewagt, der an Phantasie nichts zu wünschen übrig läßt. Sowjetrußland greift, um die Einkreisung der kapitalistischen Mächte unter Führung Englands zu durchbrechen, überraschend Polen an, Frankreich kommt den Polen zu Hilfe und jetzt entsteht für Deutschland die Frage, ob es nach dem ominösen Artikel 16 der Völkerbundsalte verpflichtet ist, den Durchmarsch der französischen Armee zu gestatten. In Deutschland denkt sich der Verfasser einen Chef der Heeresleitung, der sich auch politisch alle Fäden in die Hand spielt, das parlamentarische Regime matt seht und ein nationales Direktorium errichtet. Dieses voltigiert dann solange zwischen Frankreich und Rußland', bis Italien Frankreich angreift und namentlich in Rordafrika große Erfolge erzielt. Auch auf dem Balkan treten die Bündnisse automatisch in Kraft, so daß der schönste Weltkrieg im Gange ist, der sich nun auf wenigen Seiten des phantasie- vollen Buches ohne große Schwierigkeiten abrollt. Damit Deutschland nicht zum Kriegsschauplatz wird, müssen die russischen Armeen den kleinen Umweg durch Böhmen zur burgundischen Pforte machen, während das französische Heer im Weserbergland aufmarschiert ist und nun im Rückzug das im Volkskrieg auf lodernde Westdeutschland die Grenze gewinnen muß. In Paris natürlich Panik ob der Erstürmung Belforts und der italienischen Siege in den Meeralven und in Afrika, Sturz der Regierung, ein Linkskabinett sucht Friede. Auf der Friedenskonferenz von London wird dann unter englischem Vorsitz die Landkarte Europas wieder in Ordnung gebracht. — Man weiß nicht, was mehr zu bewundern ist, die hemmungslose Phantasie des Verfassers, oder die gläubige Begeisterung, die keinerlei Schwierigkeiten kennt und auch für die kompliziertesten Dinge um kein Rezept verlegen ist. Wir fürchten, der Verfasser hat sich die Sache doch etwas leicht gemacht und seinem Volke mit seinem Blick in die Zukunft keinen guten Dienst getan. Der Krieg, den er uns schildert, könnte doch ein wenig anders verlaufen, ganz zu schweigen von den innerpolitischen Vorgängen, die mit geradezu kindlicher Unbekümmertheit konstruiert sind.
— Hans Fallada: Dauern, Bonzen und Bomben. Roman. 565 S. 8°. Einbandzeichnung: Olaf Gulbransson. Kart. 6, Leinen 8,50 Mark. C. Rowohlt Verlag, Berlin 1931. (96.) — Harrs Fallada (Pseudonym für Rudolf Ditzen, geboren 1893) hat bereits die Romane „Der junge Goedeschal" (1920) und „Anton und Gerda" (1923) veröffentlicht. Auch dieses neue Buch ist ein Roman, „ein Werk der Phantasie", wie der Autor im kurzen Vorwort ausdrücklich betont; gleichwohl ist es nicht schwierig, die dokumentarisch feststehenden Grundlagen seiner Schilderung, welche nur den Schauplatz ein wenig verschiebt, in der holsteinischen Dauernrevo'te und den damit zusammenhängenden Tombenlegerprozessen zu finden, die vor einiger Zeit beträchtliches öffentliches Aufsehen erregten. Trotz der betontem freien Erfindung und trotz vieler Unwahrscheinlichkeiten beweist die Erzählung so viel genaue, bis in Einzelheiten und Kleinigkeiten reichende Sachkermtnis, daß es schwer fällt, den Anteil von Dichtung und Wahrheit an diesem Epos reinlich zu scheiden. Jedenfalls bleibt der Eindruck bestehen, daß der Autor (was schon sein int „Kürschner" angegebener Wohnsitz wahrscheinlich macht) den Vorgängen seinerzeit aus nächster Rähe bis in ihre intimsten Hintergründe und geheimsten Beziehungen mit wacher Aufmerksamkeit spürsinnig und mit ziemlicher Objektivität gefolgt ist. Ohne Zweifel ist auch dieses umfängliche Buch so geschickt und mit einem bis zuletzt nicht aus- setzenden Elan geschrieben, daß man es wie einen Kriminalroman (was es ja unter anderem auch ist) mit außerordentlicher Spannung zu Ende lieft Der Genuß der Lektüre wird allerdings vielfach empfindlich getrübt durch eine brutale und stellenweise einfach unappetitlich wirkende Realistik der Einzeldarstellung, die mit Objektivität im erwähnten Sinne nichts mehr zu tun hat: jedenfalls wäre das Buch wesentlich angenehmer zu lesen, wenn mit Ausdrücken wie „Schwein" ober „Mist" und manchen anderen Kraftstellen etwas sparsamer umgegangen worden wäre, ... was der Eindringlichkeit der Schilderung gewiß keinen Abtrag getan hätte. -y-


