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I8f. Jahrgang

Mittwoch, 22. April |95|

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2.20 Reichsmark und 30 Reichspfenmg für Träger» lohn, auch bei Richter» icheinen einzelnerRummern Infolge höhere» Gewalt

Aernfvrechanfchlüffe anterSammelnummer2251 Anschrift für Drahrnach» richten Anzeiger Sießen.

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GietzeimAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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Chefredakteur.

Dr. Friedr Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.

Große Gchuldebaite im Hessischen Landtag.

Staatspräsident Dr. Adelung begründet den Etat des Kultusministeriums. Die Lage der Volksschule.-Gegen die Lleber- fültung der höheren Schuten. - Diemittlere Reife".Die Zusammenlegung der pädagogischen Institute.Kritik der Parteien

Darmstadt, 21. April. (WHP.) Präsident Delp eröffnet die Sitzung um 10.15 Llhr bei gut besuchtem Haus und stark besetzten Tribünen. Auf der Tagesordnung steht die Beratung des Kultusetats. Das Haus gedenkt stehend des am Freitag verstorbenen Rechnungsrates im Landtagsamt Wagner.

Staatspräsident Dr. Adelung:

Das Kultus- und Dildungslvesen unseres Landes erscheint im Staatsvoranschlag als der weitaus wesentlichste staatliche Ausgaben- und Zu­schußbetrieb. Bei insgesamt 132 Millionen jähr­licher staatlichen Ausgaben entfallen 43,3 Millio­nen oder 32,8 v. H. auf das Ministerium für Kultus- und Dildungswesen. Bei einem Zuschuh­bedarf aller staatlichen Einrichtungen von ins­gesamt 64,3 Millionen entfallen 34 Millionen (52,9 v. H.) Zuschuß auf das Kultusministerium, also über die Hälfte, des gesamten staatlichen Zuschuß b^d a r f s werden in Hessen für Schul - unv Bti Übungszwecke beansprucht. Für die Ausgleichung d.s 'Budgets mußte auch der Kultusetat Opfer bringen. Gewiß empfindliche Eingriffe, gemeßen an dem Ziele der Erhaltung der Gesamtkultur, erscheinen sie jedoch vertretbar. Insgesamt sind im Kultus­ministerium rund 4,75 Millionen Mark staat­licher Einsparungen vorgenommen worden. Hier­von sind allerdings rund 900030 Mark auf die Gemeinden abgewälzt, ihnen stehen je» ddch. auch aus den Sparmaßnahmen des Kultus­ministeriums herrührende und in der obigen Summe nicht enthaltene rund 500 000 Mark E in­sparungen zu Gun st en der Gemein­den gegenüber. Ich muh entschiedenen Einspruch erheben, wenn davon geredet wird, daß Hessen sich zu einem Musterlande nach unten entwickele. Auch mit dem Voranschlag dieser Rotzeit kairn Hessen in allen seinen Kultureinrichtungen jeden Vergleich mit den Rachbarländern aushalten, vor allem aber einen Vergleich mit der Vor­kriegszeit, wo wir das sollte doch nicht ver­gessen werden ein finanziell besser gestelltes Land waren.

Oie Einsparungen bei der Volksschule.

Das gilt in vollem Umfange auch f ü r das Dolksschulwesen, dem im demokratischen Staate naturnotwendig eine erhöhte Bedeutung zukommt, und das deshalb der besonderen Für­sorge der Regierung bedarf. Der vorliegende Etat bringt hier lediglich eine Reuregelung der Stellenbeiträge, in Verbindung damit tritt jedoch auch eine Verschiebung in der Verantwortung für das örtliche Schulwesen ein. Von der Schüler- Meßzahl 45 ausgehend, werden die Schulstellen einer Gemeinde in Rormalstellen und Mehr st eilen unterschieden.

Die Erhaltung oder Einrichtung der Wchrslellen, für die ein erhöhter Stellenbe.trag zu leisten ist, wird in das Ermessen der Gemeinden gestellt. Damit werden die Gemeinden in stärkerem Maße wieder mitentscheidend und mitverant­wortlich sür die Gestattung ihres volksschul- wescns eingeschaltet. Für den Staat handelt es sich bei der Betreuung der einzelnen Schul­gemeinden darum, für alle ein möglichst hohes oder gleiches Maß von Schulaufwand zu ge­währleisten. Soweit über dieses gleiche Maß hinaus in einer Gemeinde zur Befriedigung weiterer Bedürfnisse ein Schulaufwand wün­schenswert ist. muß es zunächst Ausgabe der Ge­meinden sein, die notwendigen kosten zu tragen.

Die Reuregelung bringt im Durchschnitt den ©eme'inben an persönlichen Schulkosten eine Be­lastung von 5 Prozent, der Staat hat auch künftig 95 Prozent zu tragen. Mit Anerkennung kann festgestellt werden, daß fast alle Gemeinden mit Mehrstellen die Mehrkosten für die Erhal­tung dieses verbesserten Schulstandes und die Beibehaltung der Mehrstellen auf sich neh­men wollen. M.t der Tlebergangsregelung der nur halben Beitrage für die Mehrstellen sowie mit der Bereitstellung eines Härte-Ausgleichs- stockes von 120 000 Mark glaubt die Regierung auch alles getan zu haben, was an Erleichterun­gen bei der Einführung der Reuregelung ge­schehen konnte. Die rechtliche Stellung der Lehr­kräfte, der staatliche Charakter der Volksschule bleibt unverändert. Bei den Berufsschulen und Gewerbeschulen ist zu beachten, daß sie in den nächsten Jahren infolge des Ge- burlenrückganges mit einer stark vermin­derten Schülerzahl rechnen können. Auch die Einsparungen an den Gewerbeschulen in Bü­dingen und Michelstadt sind nur damit zu er­klären. Im übrigen wird darauf verwiesen, daß die gewerblichen Kurse in beiden Bezirken weiter­geführt werden.

Oie mittlere ZReife.

Die Einsparungen auf dem Gebiete des höhe­ren Schulwesens können in den nächsten Jahren um deswillen zu bedenklichen Erscheinungen füh­ren, weil der Lehrkörper dieser Schulen heute schon stark überaltert ist. Die Inhabersehung von 61 Stellen wird die Ein­

stellung jüngerer Lehrkräfte auf Jahre hinaiis empfindlich stören und d i e Lieberalterung noch verschärfen. Für den Etat der höheren Schulen wird sich daraus die eigentümliche Erscheinung ergeben, daß die Aufwendungen in den nächsten Jahren voraus­sichtlich nicht absinken werden, obwohl die Zahl der Lehrkräfte beträchtlich zurückgeht. Viel- fach wird zum Zwecke der Eindämmung des Zustroms zu den höheren Schulen die Auf­hebung der kleineren Schulen, ins­besondere der nichtstaatlichen Realschulen, gefor­dert. Eine solche Maßnahme müßte sich zu einer recht schweren Benachteiligung der rein ländlichen Bezirke auswir'en nur hier sind solche Schulen verbanden und kann des­halb nicht befürwortet werden. *

Als teilweise Auswirkung der derzeitigen Wirt­schaftskrise hat das Berechtigungswesen eine Verteilung der Jugend über die verschiedenen Zweige des Bildungswesens veranlaßt, die in starkem Mißverhältnis zum Vorbildungsbedürf­nis wie auch zur Aufnahmefähigkeit in Ver­waltung und Wirtschaft steht. Bei den höheren Schulen, insbesondere jedoch bei den Hochschulen, herrscht zur Zeit ein Andrang, für den Ver­waltung und Wirtschaft nicht entfernt die not­wendigen Berufs- und Arbeitsmöglichketten geben können. In langwierigen Beratungen und Verhandlungen mit allen dafür in Frage kom­menden Körperschaften, insbesondere auch mit Kreisen aus Wirtschaft und Verwaltung, sind von den Anterrichtsverwaltungen die Möglich­keiten der Abhilfe für diese bedenklichen Erschei­nungen durchgeprüft worden.

Die höhere Schule ist hierbei vor allem mit Bestimmungen über eine Verbesserung und Ver­schärfung der Schülerauslese voran» gcgangen. Von einiger Bedeutung für den Schul­aufbau sind die erst in den letzten Tagen end­gültig zum Abschluß gekommenen Vereinba­rungen der deutschen Länder Über die mittlere Reife. Das Zeugnis der mitt­leren Reife soll den Dildungs- und Reifegrad bestätigen, der für den Eintritt in Berufe oder Derufslausbahnen der mittleren Stufe notwendig ist. Die mittlere Reife kann nicht nur an den höheren Schulen, sondern auch an den Mittelschu­len, den gehobenen Volksschulen und den Fach­schulen erworben werden. Mit der Vereinbarung werden somit für den Zugang zu den mittleren Berufen die gehobenen Volksschulen und die Fachschulen gleichwertig neben die hohen Schulen gesetzt. Man darf erwarten, daß damit der An­drang zu den höheren Schulen etwas einge- dämmt werden kann. Cs ist notwendig, daß die Wirtschaftskreise, die an den Fach- und gehobenen Volksschulen erworbene mittlere Reife ebenfalls als gleichwertig bei der Einstellung des Rachwuchses anerkennen, und ich richte das dringende Ersuchen an Staats- und Ge­meindeverwaltungen sowie an die Wirtschafts- kreise, den deutschen Unterrichtsministerien ihre Mitarbeit bei der Bekämpfung der übersteigerten Derechtigungsforderungen und den daraus her­rührenden Mißständen zu leihen.

Oie Betreuung der jugendlichen Erwerbslosen.

Die außerordentliche Wirtschaftsnot mit der riesigen Schar von Erwerbslosen, besonders auch von jugendlichen Erwerbslosen, hat dem Kultus­ministerium eine neue Aufgabe zuwachsen lassen, das ist die geistige Betreuung der Er­werbslosen. Soweit auf dem Gebiete des reinen Schulwesens hierzu Maßnahmen erwogen werden ich erwähne die Frage der Verlän­gerung der Schulpflicht bis zum 15. Le­bensjahre sind generelle Entscheidungen nicht ergangen, da neben mancherlei Vorzügen auch für weite Volkskreise recht unbequeme Folgen aus der Verlängerung der Schulpflicht entstehen kön­nen. Mit Anerkennung darf festgestellt werden, daß manche Gemeinden von den jugendlichen Erwerbslosen in vorhandenen Fachklassen Auf­nahme und volle Beschulung geboten haben. Mit großem Erfolge ist die geistige Betreuung der Er­werbslosen auf dem vielseitigen Gebiete der Ju­gendpflege und freien Volksbildung in Angriff genommen worden. Rach zuverlässiger Schätzung sind während dieses Winters in Hessen etwa 15 000, vor erlern jugendliche arbeitslose Men­schen, in runo 350 Kursen und sonstigen Der- .anstaltungen erfaßt worden.

Oie Politisierung der Jugend.

Don der Regierung werden mit Aufmerksam­keit die Vorgänge verfolgt, wie sie sich zur Zeit in der politischen Betätigung von Schülern zeigen. Was die Schüler und die politische. Propaganda in den Schulen betrifft, kann festgestellt werden, daß besonders ernst zu nehmende Mißstände in den hessischen Schulen nicht zutagegelreten sind. Ernster liegen die Dinge bei der politischen ^Betätigung der Studentenschaft. Hier setzen plan­mäßig ganz reaktionäre und rückschrittliche Kräfte ein, um die Studentenschaft gegen den republi­

kanischen Staat und die Demokratie einzunehmen. Aber auch hier muß man sich hüten vor Ver­allgemeinerungen. Wenn man allerdings sein Urteil stützen wollte auf manche wüste und un­verantwortliche Artikel in Studenten­zeitungen oder auf unüberlegte tönende Re­solutionen, dann könnte man an der aka­demischen deutschen Jugend verzweifeln. Wenn man ferner die gesamte Studentenschaft beur­teilen wollte nach der Kritiklosigkeit. mit der sie oft der leichtherzigsten politischen Phrase zum Op er.It, dann würde das Verdikt ebenfalls ein sehr ungünstiges sein. Aber man sollte nicht jede politische Bekundung der Studentenschaft allzu tragisch nehmen. Allerdings hat der Staat die Au gäbe, bei allem Verständnis für die Men­talität der Jugend Ausschreitungen zu verhindern. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß auch in der Studentenschaft größere Einsicht und ileberlegung eintreten wird. Deshalb glaube ich den vielfach geäußerten Forderungen auf Beseitigung der studentischen Selbstverwal ung zu­nächst wenigstens nicht entsprechen zu sollen. Ich beabsichtige, aus den verschiedensten dafür beru'enen Kreisen einen Ausschuß einzusetzen mit der Aufgabe, Satzungen für einen Stu­dentenausschuß auszuarbeiten, die Aus­wüchse, wie sie bisher sich zeigen konnten, unter­binden, andererseits jedoch auch die Selbstverwal­tung der Studentenschaft sicherstellen.

Oie Zusammenlegung der pädagogischen Institute.

Gegenstand lebhaftester Erörterung war in letzter Zeit die Frage der Zusammenlegung der beiden Pädagogischen Institute. Ich kann es gelten lassen, daß die Stadt Darm­stadt wirtschaftlichen Schaden befürchtet, wenn das Darmstadter Pädagogische Institutz aufgehoben wird. Man darf aber nicht übersehen, daß die Zahl der Studierenden an der Technischen Hochschule allein vom vorletzten zum letzten Semester um einige

hundert zugenommen hat, ohne daß die Allgemeinheit überhaupt viel Notiz davon genom­men hätte. Dazu kommt, daß Darmstadt mehr wie jede andere hessische Stadt der Sitz zahlreicher Behörden und Insti - tute ist, und daß Mainz, die größte Stadt des Landes, bisher kein zentrales Bildungsinstitut be­sitzt wie Darmstadt oder Gießen. Sehr überrascht war ich anfangs, als konfessionelle Mo­mente gegen die Zusammenlegung vorgebracht wurden. Sie dürfen überzeugt sein, daß in meinem Ministerium alles sorgsam vermieden wird, was das Verhältnis der Konfessionen stören könnte. Ich würde niemals eine Zusammenlegung der Institute fördern, wenn ich dadurch wirklich die evangelische Konfession zugunsten der katholischen benachteiligt sähe. Vom hessischen Lehrerverein wird der Ein­wand erhoben, es könnte durch die Zusammenlegung der beiden an die Technische Schule angeschlossenen Institute in Mainz der Charakter der Hoch­schulbildung gefährdet werden. Gegen­stand meiner besonders ernsten Sorge bleibt nach wie vor die Erhaltung des Charakters der Hoch­schulbildung für die Lehrer. Diese Forderung der Lehrerschaft ist aus innerster Ueberzeugung auch meine eigenste. Ich wage aber zu behaupten, daß der kommende Zustand in gar nichts dem seitherigen nachsteht, wenn man nicht an Äußerlichkeiten haf­ten bleiben will. Das Pädagogische Institut in Mainz «bleibt nach wie vor mit der Technischen Hochschule verbunden. Die Errichtung eines Pä­dagogischen Instituts an der Universität Gießen ist von mir ebenfalls in Aussicht genom­men, läßt sich aber zur Zeit aus vorwiegend finan- ziellen Gründen noch nicht ermöglichen. Ein von mir demnächst zu berufender Ausschuß wird die Frage zu überprüfen haben, in welcher Weise die Auslese der Studierenden außer durch Zeugnisse unter Berücksichtigung etwaiger musika­lischer Vorbildung, sozialer Verhältnisse und Be­heimatung der Kandidaten ergänzt und etwaige Härten beseitigt werden können.

Die Stellung -er Parteien.

Abg. Or. Leuchigens (Ldb.) bezeichnet die heutige Schulsituation als bas Produkt der Fehlleitungen der letzten zwölf Jahre. D'.e Zahl der höheren Beamten ist ge- genüi er der Vorkriegszeit verdreifacht, während die Arbeitszunahme von zwei Beamten bewältigt werden könnte. Durch die Losreihung der Volksschule von den Gemeinden wurde ihr Lebensnerv getötet. Wir müssen das Derech- tigungsunwesen beseitigen und als Basis die Volksschule annehmen. In Hessen hat man seiner'eit die bewährte Mittel­schule beseitigt und nun verteidigt der Staatspräsident diemittlere Reife", die ein in­haltloses Schlagwort ist. Preußen war so ein­sichtig. diesen bewährten Schultyp beizubehalten. D:r Zustrom zu den höheren Schulen ist eine Folge der falschen und überspannten Schul­politik. Wenn die Regierung die politische Be­tätigung der Jugend ärgert, dann erntet sie die Früchte ihrer Politik. Mit dem Staats­bürgerunterricht und politischen Hin­weisen wurden die Schüler auf Volitik und Parteipolitik gestoßen. Die Kulturmis­sion der Lehrerschaft im Lande ist durch die halbe" akademische Bildung der Volksschullehrer untergraben worden. Rotwendig ist die metho­dische seminaristische Lehrerausbil­dung. Jetzt stammen 60 Prozent der Lehrer­studenten aus der Stadt und deren näherer Umgebung, und dieseStadtbuben" haben d i e Fühlung mit dem Land und demVolk verloren. Die Aufbauschulen müssen zu päda­gogischen Instituten umgewandelt wirden.

Abg. Winter (3 ):

Das Schulwesen in Hessen hat Ruhe drin­gend nötig. Für die Annahme der Klassenziffer ist eine Zurückverlegung des Stichtages ange­bracht. Jetzt haben wir in Mainz Klassenziffern bis zu 55 Schülern. Angesichts der Iunglehror- not halte ich die Teil stellen als im ile&er- gangsstadium für vertretbar, doch müssen diese Teilstellen allmählich beseitigt werden. Bedauer­lich ist die Kürzung der Anwärter­bezüge. Zu berechtigten Klagen führt die Ver­gütung für die Erteilung des Fortbildungsschul­unterrichtes auf dem Lande. Wenn ein Päda­gogisches Institut in Gießen einmal kommen sollte, dann darf der hochschulmähige Charakter des Mainzer Instituts nicht benachteiligt werden. Die Gottentfremdung unserer Schuljugend ist trostlos. Schädlich sehen wir die modernen Klei­dersitten und Dadegewohnheiten an. Die Lehre von der Selbstverantwortlichkeit des Menschen hat zu dem rücksichtslosen Wirtschaftsegvismus geführt.

Abg. Or. Keller (OVp ) bedauert, daß es ein schöner Traum blieb, seit 1919 den alten Machtstaat durch denKultur"- Staat ersetzen zu wollen. Allerdings hat man

einen glänzenden Anlauf genommen. Inzwischen mußte man einen Pflock nach dem an­deren zurück st ecken, viel weiter als wir es vor fünf Jahren für erträglich gehalten haben. Wir, die wir die mustergültige Volksschule vor dem Kriege schufen, wachen darüber, daß in der Rotzeit das erhalten bleibt, was erhalten werden kann. Wir folgen den Einsparungen der Regie­rung mit äußerstem Widerstreben. Das vom neuen Staat ausgebaute Derechtigungswesen hängt zusammen mit dem äleberangebot von jungen Menschen. Wenig praktische Bedeutung messen wir den Ländervereinbarungen über -die ..mittlere Reife" zu. Daß der Referent für das gewerbliche Fortbildungsschulwcsen ab­gebaut werden soll, ist ein - Schlag gegen das Kleingewerbe und die Wirtschaft. Riemals mehr als heute war die Simultanschule auf christlicher Grundlage notwendig. Es geht nicht an, konfessionelle Zwergschulen zu er­halten und simultane Klassen mit übergroßer Be­legung daneben zu führen. Je weniger Po- litik in der Schule, um so besser. Die Linke ist selbst daran schuld, wenn in den höheren Schulen Rechtspolitik beliebt ist.

Abg. Or. Axt (Mp.)

lehnt die Zusammenlegung der Pädagogischen Institute nach Mainz ab. Es ist verhängnisvoll, wenn die Regierung gegen die Widersprüche der gesamten evangelischen Bevölkerung und des von Friedensliebe erfüllten Landeskirchenamtes diese Maßnahmen durchführen will. Wir unterstreichen die ZentrumsforderungJedem das Seine!".

Abg. Or. Werner (NS.)

verlangt, daß der gegenwärtige Zustand der Pädagogischen Institute aufrecht erhalten bleibe. Wenn die Regierungsparteien dauernd von der Rotwendigkeit zum Sparen sprechen und gleich­zeitig von der Errichtung eines Pädagogischen Institutes in Gießen und der vollen aka­demische'. Ausbildung der Volks­schullehrer reden, dann müssen wir vor den Folgen einer solchen Politik auf das Ernsteste warnen. Stets und ständig Horen wir, daß an der höheren Schule erneut abg ebaut wer­den muß, trotzdem man sie schon v iermal zurAdergelassen hat. An sich gehört Poli­tik nicht in die Schule. Wenn man aber Verbote erläßt, dann muß man gleichmäßig und unparteiisch vorgehen. -Wir fordern, daß die sogenannten Bürgerschulen auf dem Land erhal ten bleiben. Schwere Mißstände haben sich durch das Pensionärunwesen herausgebildet und wir wünschen, daß die Re­gierung nicht zuläßt, daß Schulleiter oder Lehrer noch ungezählte Pensionäre ihrer Schule bei sich aufnehmen. (Sehr richtig.)

Mittwoch: Beginn der Spezialdebatte zum Kul- tusetat.