führt. baß gerade durch die Maßnahmen des Staatskommissars auch denjenigen nicht gedient ist. die auf WohlfahrtSempfang angewiesen find. And so
erheben wir Protest nicht nur int eigenen Interesse. sondern im Interesse der Allgemeinheit und nicht zuletzt auch im Interesse derjenigen, denen die Früchte aus den rvohlfahrtseinrichtungen für die Zukunft entzogen werden.
Die bürgerlichen Fraktionen des Stadtrats und verschiedene wirtschaftliche Vereinigungen haben sowohl bei der Stadtverwaltung, wie auch bei dein Staatslommissar auf die Ungeheuerlichkeit dieser neuen Belastungen hingewiesen. Sie haben auch gebeten, ihnen Gelegenheit zu geben, mit dem Staatskommissar persönliche Rücksprache nehmen zu können. Der Staatskommissar hat aber, wie bekannt, eine solche Aussprache glatt
abgelehnt. Es kann deshalb hier nicht unsere Aufgabe sein, einen anderen Weg zur Aufbrin- gung des Fehlbetrags zu zeigen.
Dir verlangen, doh die hessische Regierung die Ernennung des Staatskommissars. Herrn Oberregierungsrats Haberkorn, sofort zurückzieht und seine Zwangsverfügungen mit sofortiger Wirkung aushebk. (Stürmische Zustimmung.)
Die Stadt Gießen wird, wie in den früheren Jahren, ihren Haushalt in Ordnung halten. Es besteht kein Grund, sie unter Geschäftsaufsicht zu stellen, und zwar unter eine Geschäftsaufsicht, deren Dertrauensperson Steuern diktiert, die nicht olle Einwohner der Stadt treffen und den Betroffenen die Fähigkeit, überhaupt noch Steuern zu zahlen, nehmen wird. Wir verlangen deshalb, daß der Staatslommissar in Gießen wieder abtritt. (Langanhaltender stürmischer Beifall.)
Zustimmungsemamligen.
Bäckerobermeister Loeber
als Sprecher des Ortsgewerbevereins und des Handwerks betonte eindringlich, daß das Handwerk unter dem Wirtschafts- und Steuerelend besonders schwer leide, da ja das Handwerk nicht nur von einer Steuer betroffen werde, sondern die Gesamtheit aller Steuern auf ihm laste. Was heute von der Steuergesetzgebung gegenüber dem Handwerk geschehe, sei nichts anderes als die stille Sozialisierung (Rufe: Sehr richtigI). Er wies dann weiter darauf hin, w'e stark bei dieser schwierigen Lage die Verschuldung des Handwerks zugenommen habe und wie außerordentlich schwierig es für den Handwerksmeister sei, für seine Existenz auch nur die bescheidensten Grundlagen zu schaffen und sicherzustellen. Wie trostlos es im Handwerk aussehe, gehe z. D. daraus hervor, daß im Dezember in einer.Sitzung bei der Handwerkskammen Darmstadt rund 720 Anterstühungsgesuche von alten hessischen Handwerksmeistern zwischen 60 und 80 Jahren vorgelegt wurden (Hört! Hört!) und daß diesen alten Handwerksveteranen wegen Mangels oft Mitteln leider nur ganz bescheidene Beihilfen bewilligt werden konnten. Da das Handwerk keine Altersversorgung habe, müsse es. wenn auch unter schweren Einschränkungen, schon in frühen (Jahren darauf sehen, daß es sich einen gewissen Rückhalt schaffe. Bei dieser Sachlage müsse von den öffentlichen Organen mehr als bisher dem Handwerk entgegengekommen werden. Reuerdings mache sich aber bei den Preisabbaubestrebungen in manchen Teilen der Bevölkerung eine Stimmung bemerkbar. die alles andere nur nicht handwerksfreundlich sei. So habe z. B. bei einer Sitzung im Gießener Kreisamt vor etlichen Tagen ein mittlerer Beamter der Stadt Gießen erklärt, wenn die Bäcker in Gießen nicht noch weiter mit dem Brotpreis heruntergehen würden, sehe sich die Beamtenschaft gezwungen, künftig ihr Brot von der Osthafenbäckerei in Frankfurt zu beziehen. (Lebhafte Pfuirufe!) ES sei wohl anzunehmen, daß nicht alle Beamten so wie dieser Herr dachten, aber sehr bedauerlich sei es, daß so etwas überhaupt ausgesprochen werden konnte. (Sehr richtig!) Dabei stehe fest, daß der Gießener Brotpreis der billigste in Hessen sei und erheblich unter dem Frankfurter Preis liege. 3m übrigen sei noch zu sagen, daß man dem Oberbürgermeister allein nicht die Schuld für die jetzige Finanzlage zuschieben könne. 3n den letzten (Jahren habe der Oberbürgermeister wiederholt davor gewarnt, allzuviele Projekte in Angriff zu nehmen, weil deren Zinsen und Tilgung natürlich Durch Steuern aufgebracht werden müßten. Entgegen diesem Rat sei ober wiederholt vom Stadtrat bo schlossen worden. Am Schlüsse seiner Darlegungen forderte der Redner in eindringlichen Wov-
-Die kleine Aicoletie.
Roman von Paul Hai».
25 Fortsetzung. Nachdruck verboten
Es war abgemacht, daß Professor Kinna, dessen Apathie sich um einiges gebessert hatte, Ende der Woche die Reise nach Genf an treten wollte. Man würde ein besonderes Kupee reservieren lassen. Ricolette und Frau Marthe sollten mit* fahren, ebenfalls die Pflegeschwester, die dann nach glücklich absolvierter Fahrt wieder zurück- kommen würde. 3m Sanatorium Legrel gab eS ja das geschickteste Pflegepersonal, das man sich denken konnte.
Rur 3acobus sollte als alter, getreuer Wächter im Schlosse zurückbleiben.
Wördehoff hatte Ricolette gesagt, daß er am Tage nach ihrer Abfahrt gleichfalls abreisen würde — nach Berlin.
Daran, daß auch er nun das Schloß verlassen würde, hatte sie gar nicht gedacht.
„Aber warum, Liebster?" hatte sie gefragt. „Du kannst doch bleiben — ja. du solltest bleiben — und warten — auf mich —“
„Kind — ich habe ja auch noch manches zu erledigen."
,.3a - ja."
.>3ch hätte sowieso bald abfahren müssen. Aber — ich komme ja wieder!"
Sie hatte die Arme um seinen Hals geschlungen. (Ihre Lippen flüsterten:
„3a — du kommst wieder, Liebster. And es soll wieder schön und froh auf unserem Schloßberg zugehen. Wenn ich mit Papa erst wieder zurück bin — du!"
And ihr Gesicht bekam einen leuchtenden Glanz.
„Du — wenn unsere Liebe blühen darf —. vor allen Menschen!" —
Es gab nun in diesen Tagen so mancherlei aus dem Schloß zu tun. Frau Marche hatte aus der Stadt ihre Helferinnen kommen lassen, um noch einmal vor der Abreise ein großes Reinemachen in allen Räumen zu veranstalten und dann alles für die unbestimmte Zeit ihrer Abwesenheit ..einzubalsamieren", wie sie sich ausdrückte. Listen wurden aufgestellt. Schränke und Kästen abgeschlossen, Teppiche zusammengerollt — in einem Wort: Es war Arbeit in Hülle und Fülle. So fiel es nicht weiter auf, wenn Wördehoff allein , wcgging und erst spät wiederkam. —
Dr. Romer versuchte hin und wieder, vom „Geschäftlichen" zu sprechen, vor allem von dem „Vergessenen Königreich", das uttbedingt im Winter zur Aufführung kommen müßte, und er hatte von Hvllmann Vollmacht bekommen, einen neuen, „verbesserten" Vertrag darüber mit Wördehoff durchzudrücken, der diesem eine hö*
ten auf, das Handwerk allseitig nach besten Kräften zu unterstützen, womit auch dem wohlverstandenen (Interesse der Gesamtheit gedient sei. Ferner forderte ec vom Landtag mehr Verständnis als bisher für die handwerklichen Forderungen. Mit der Stellungnahme des Hauptredners sei er namens des Ortsgewerbevereins einverstanden. (Stürmischer Beifall.)
Weißbindermeister LaunSpach als Vorsitzender des Hausbesitzervereins erklärte gleichfalls sein vollstes Einverständnis mit dem Referenten dieser Kundgebung. Die trostlose Lage des notleidenden Mittelstandes erfordere mehr als bisher die gebührende Beachtung der Oeffentlichkeit. 3m übrigen bezweifle er, daß die Steuererträge nach dem Diktat des Staatskom* missars wirklich in der erwarteten Höhe bei der Stadt eingehen würden. (Lebhafter Beifall.)
Syndikus von Eisenhari-Roihe sprach in Vertretung des plötzlich unpäßlich gewordenen, ursprünglich von der 3 n d u st r i e vorgesehenen Redners. Er schilderte die schwere Bedrängnis der 3ndustrie und ganz besonders der durch das rücksichtslose Steuerdiktat der Reichsregierung einstweilen $um Erliegen gekommenen Gießener Tabakindustrte, wies auf die dadurch hervorgerufene weitere Arbeitslosigkeit hin und hob hervor, daß die beschäftigungslosen Arbeitnehmer der Tabakindustrie jetzt für volle 2 (Jahre 75 Prozent ihres bisherigen Einkommens aus der Reichskasse als Schadenersatz bekämen. (Lebhaftes Hört! Hört!) Wo bleibe da die Wirtschaftlichkeit? Der Redner lehnte mit Entschiedenheit einen Verwaltungsbeamten als Wirtschafts- und Steuerdiktator ab und forderte, wenn wirklich ein Diktator für die Wirtschaft notwendig sei, daß dann wenigstens eine wirtschaftsverständige Persönlichkeit für diesen Posten genommen werde, denn wirtschaften und verwalten sei ein gewaltiger Anter- fchied. Auch die 3ndustrie stimme dem vorliegenden Protestschritt zu. (Starker Beifall.)
Kaufmann Zalkenstein
brachte als Vertreter des Vereins des Gießener Einzelhandels seine volle Zustimmung zu den Darlegungen des Referenten zum Ausdruck, dessen Vorschläge zu unterstützen seien. (Beifall.)
Kaufmann Ludwig Schmitt sprach namens des Edeka-Grohhandels sein Einverständnis mit dem Referenten aus, polemisierte dann gegen die starke Ausdehnung der Filialbetriebe von auswärtigen Geschäften und forderte vom Standpunkt der steuerlichen Gerechtigkeit aus schärfere steuerliche (Inanspruch- nahme der Filialbetriebe, ebenso verschärfte Aufsicht über die Beschäftigungsdauer 6er in diesen Betrieben tätigen Angestellten. (Beifall.)
hcre Beteiligung am Gewinn zusicherte als vorher, dafür aber der Direktion das Recht auf einige, „den (Ideengehalt natürlich nicht berührende, aber die rein theatralische Seite der Darstellung eventuell betreffende Aenderungen" zusprach. Der Passus war höchst vorsichtig formuliert und Dr. Römer sollte natürlich das Hauptgewicht auf die Anterstreichung der höheren Prozente legen.
Aber Römer konnte nicht „auspacken", wie er es gerne wollte. Wördehoff lachte ihn nur aus.
„3ch hab 3hnen doch gesagt — darüber reden wir in Berlin! Warten Sie bis Ende der Woche — dann reisen wir doch ab."
3a — auch diese Abreise stand nun fest. Rorma erklärte, sie hätte es sowieso hier nicht länger ausgehallen. —
Aber trotzdem es war etwas in ihrem Wesen, was Wördehoff noch immer ängstigte — um Ricolettes willen. Etwas Lauerndes, 3roni- sches, etwas manchmal Spottvolles in ihrem Blick flimmerte, wenn sie Wördehoff abends die Hand zum Abschied reichte und sagte:
„Grüß Fräulein Ricolette — hörst du? Es wundert mich, daß du sie nicht einmal mit- bringst. Ein kurzer Spaziergang täte ihr doch wohl auch gut.“
Dann sagte Wördehoff wohl:
„(Ihr steht nicht der Sinn nach leichter Unterhaltung, Norma", oder „fie ist viel zu scheu".
Aber Norma kam mit keinem Wort auf jene peinliche Aussprache zurück, die sie Im Frühjahr mit ihrem Gatten gehabt hatte und in deren Verlauf sie triumphierend äußerte: „3ch weiß, Nicolette Kinna liegt dir im Herzen, ihr Wesen hast du in deiner Dichtung geschildert — in der Gestalt der Helge."
And daß sie diesen ihren Verdacht jetzt vergessen zu haben schien, das war es, was Wördehoff so besorgt machte.
Er sehnte den Tag der Abreise förmlich herbei, um aus dieser Besorgnis herauszukommen, obwohl er ja auch den 2lbschied von Ricolette bedeutete.
Am Abend eines der letzten Tage vor der Abfahrt wurde ein Spaziergang nach einem der Naturdenkmäler in der Awgegend verabredet, das Norma gerne sehen wollte. Man tarn überein, sich nicht vor dem „Braunen Hirsch", sondern etwas außerhalb der Stadt bei einer Ruhebank zu treffen, von wo aus man einen reizvollen Ausblick hatte und die Norma zuweilen in den Vormittagsstunden aufsuchte.
„Du kommst immer so furchtbar pünktlich, Hubert", meinte sie lächelnd, „und eS ist dir gewiß peinlich, vor dem Gasthof warten zu müssen. Die Spießer hier sind ja auch so enttetzlich neugierig und stehen förmlich Spalier, wenn wir dann zu viert auf brechen, Also — abgemacht?"
Kaufmann ORuMf Aowack
sprach namens des Reichsverbandes des Deutschen Nahrungsmittelgrotzhan- d e l s und unterstrich die Ausführungen des Hauptredners in vollem Amfange. Auch dieser Redner forderte stärkere steuerliche Belastung der Filialgeschäfte von auswärtigen Großunternehmungen zum Schutze des heimischen Einzelhandels. Der Landtag müsse dafür die erforderlichen Grundlagen schaffen. (Beifall.)
Gastwirt Schmitz
als Vertreter der Gastwirteinnung Gießen und Amgegend gab gleichfalls seine volle Zustimmung und wandte sich gegen die Vorzugsstellung des Studentenheims, ferner übte er scharfe Krittk an der Getränkeverzehrsteuer, deren steuerliche Unterlagen er als völlig unzulänglich bezeichnete. Weiter nahm er gegen steuerliche Sonderauflagen auf das Gastwirts« gewerbe mit Nachdruck Stellung. (Beifall.)
Oie Entschließung:
Die am 21.3anuar 1931 im großen Saale des Cafe Leib versammelten Angehörigen sämtlicher Wirtschaftskreise der Stadt Gießen erheben mit aller Entschiedenheit gegen die Steueranordnungen des Staatskommifsars für Gießen, Herrn Oberregierungsrat Haberkorn in Darmstadt, vom 31.Dezember 1930 einmütigen und feierlichen Protest. Die durch die seitherige steuerliche Belastung bereits überbürdete Wirtschaft der Stadt Gießen sieht sich durch das einseitige Diktat in seiner Existenz bedroht.
Die Versammlung ist dabei auch der Auffassung, daß einerseits die Voraussetzungen für die Ernennung eines Staatskommissars nicht vorgelegen haben und daß anderseits der ernannte Staatskommissar seine ihm durch das Gesetz auferlegte besondere Verpflichtung, alle Ausgaben unter dem Gesichtspunkte der äußersten Sparsamkeit nachzuprüfen, nicht erfüllt hat.
Der bei einem städtischen Haushalt, der sich in Einnahmen und Ausgaben auf 7,75 Millionen Mark beläuft, Ende 1930 unvorhergesehen aufgetretene Fehlbetrag fällt nicht so erheblich ins Gewicht, daß die Voraussetzungen des § 1 Absatz 1 des Gesetzes vom 11. Dezember 1930 anerkannt werden können. Dieser Fehlbetrag hätte auf andere Weise ausgeglichen werden können, als durch die borgenommene einseitige Realste uer bei ast ung.
Die Versammlung verlangt deshalb, daß die Ernennung des Staatskommissars für Gießen
vom 30. Dezember 1930 zurückgenommen und die von diesem erlassenen Maßnahmen aufgehoben werden.
Sie weist dabei darauf hin, daß auch der Preußische Minister des 3nnem und der Preußische Minister der Finanzen durch einen am 23. Dezember 1930 bezüglich der Stadt Hannover gegebenen Erlaß den Standpunkt vertreten haben, daß ein etwaiger Fehlbetrag gegenüber dem Gesamtetat der Stadt erheblich ins Gewicht fallen mutz, ehe die Ernennung eines Staatskommissars gerechtfertigt ist, unb daß die für die Stadt Hannover eingesetzten Staatskommissare am 12. (Januar 1931, offenbar doch im - Einverständnis mit der Regierung, zurückgetreten finb.
Die Versammlung beschließt weiter, 82ß für den Fall der Ablehnung der beantragten Abberufung des Staatskommissars im 2Dege des vermal- tungsstreitverfahrens festgestellt werden soll, daß die Ernennung eines Staatskommissars für die Stadt Gießen im Gesetz vom 11. Dezember 1930 keine Stühe findet.
Einstimmige Annahme.
Der vorstehenden Entschließung wurde einmütig d u g e ft i m m t. Der Vorsitzende schloß mit Dankesworten an die bürgerlichen Stadtratsmitglieder für ihr verständnisvolles Eintreten zum Schuhe Der berechtigten 3ntereffen des Mittelstandes die Versammllmg.
Or. Ehrhard zum Oberbürgermeister von Mainz gewählt.
WSN. Mainz, 21.Jan. In der heutigen Sitzung des S t a d t r a t s wurde Bürgermeister Dr. Ehrhard mit 36 Stimmen zum Nach- folger des Oberbürgermeisters Dr. Külb gewählt. 27 Stimmen waren auf den Beigeordneten Dr. Kraus entfallen, fünf Stadträte hatten sich der Stimme enthalten. Die Gesamtbezüge des künftigen Oberbürgermeisters sind um 5000 Mark gekürzt worden und werden 22 160 Mk. jährlich betragen.
Der neue Oberbürgermeister der Stadt Mainz, Dr. Wilhelm Ehrhard, ist 1884 in Mainz geboren, wo er auch das Gymnasium besuchte und 1902 das Abiturientenexamen ablegte. Nachdem er seiner militärischen Dienstpflicht genügt hotte, besuchte er in die Universitäten Heidelberg, Berlin, München und Gießen. Nach Ablegung seines Assessorexamens ließ er sich 1910 als Anwalt in Mainz nieder, welche Tätigkeit er bis zum Kriege ausübte. Nach dem Weltkrieg kehrte er, geschmückt hüt dem Eisernen ftreuA 1. und 2. Klasse, mit seinen Truppen zurück und nahm seine Anwaltspraxis wieder auf, bis er als Beigeordneter in die Verwaltung der Stadt Mainz eintrat. In feinem neuen Wirkungskreis machte er sich besonders verdient um das Erziehungs- und Finanzwesen und um die Förderung des Bauwesens und des Wirtschaftslebens. Während des passiven Widerstandes stand er im
„Wie du wünschest, Norma. 3ch warte hier ebenso gern wie an der Bank. Llebrigens ist Dr. Römer ebenso „furchtbar" pünktlich wie Ich, ich werde also immerhin Gesellschaft haben."
Bamowski lächelte indigniert. Er ähnelte in puncto Pünktlichkeit entschieden Norma, denn seine Morgentoilette mit dem Gebrauch der verschiedensten Parfüms und Creams und Haarbürsten erforderte nicht viel weniger Zeit als die einer verwöhnten rmd sorgfältig angezogenen Frau.
„Also wir beide sind die schwarzen Schafe, Rolf", sagte Norma und nickte ihm vertraulich zu. „Wir wollen uns also morgen bemühen, die Herren der Pünktlichkeit zu verblüffen."
„Es wäre eine angenehme Lleberraschung — aber nimm dir nur nicht zuviel vor", entgegnete Wördehoff zweifelnd —
So ging man an diesem Abend mit einem Scherzwort auseinander.
Wördehoff ahnte nicht, daß der nächste Tag ihm eine Lleberraschung bringen würde, allerdings keine angenehme. Er war in der Tat am Morgen der erste, der sich bei der verabredeten Bank einfand. Cs war ihm nicht einmal unangenehm, daß er hier eine Weile allein sitzen konnte, um die stille Vormittagsstunde zu genießen.
Er dachte an Ricolette. Sie selbst hatte ihm wieder das Frühstücksbrot in die Tasche gesteckt und gesagt:
„Grüß mir unfern Wald, Liebster. Wie gern würde ich rnitkommen — aber es ist ja hier noch so viel zu tun. So kann ich ihn nur des Abends von unserem Garten aus sehen. Wie ich mich auf die Abende freue — du!"
3a — abends, wenn Wördehoff seine Verpflichtungen den unerwünschten Besuchern gegenüber erfüllt hatte, saßen sie wohl noch beide eine Weile draußen im Schloßgarten und ihre Seelen bauten Luftschlösser der Zukunft.
„Ricolette — du Liebe", flüsterte er. „Wie gerne würde ich dich auf deiner Reise begleiten. Aber es geht ja nicht — es darf nicht fein.“
Da tauchte Dr. Römer zwischen den Daumen auf.
„Guten Morgen, Wördehoff!"
Herzliches Händefchütteln.
„Ra — da haben wir's wieder: Wir können warten. Trotzdem es wirllich doch nicht mehr fo sehr früh ist. Rur gut, daß man das — vorher wußte!"
Er lachte belustigt.
„Es geht eben doch nicht anders. Ra — bitte, eine Zigarre gefällig ?"
„Danke — nicht am Vormittag, Doktor."
-Ach fo, richtig. Sie find ja hier fo eine Art Raturmensch geworden. Na ja — auch was teert. 3ch muh mein Kraut auch am Vormittag rauchen."
Dr. Römer machte eS sich auf der Dank bequem. Sie plauderten eine Weite von diesem und jenem,
Mittelpunkt des Abwehrkampfes gegen die Sevara- tiften. Das letzte Eingemeindungswerk ist feiner Initiative zu verdanken.
Zusammenschluß der Industrie- und Handelskammern S egen und Dillenburg.
WSN. Dillenburg, 21.3an. Auf GrunS übereinstimmender Beschlüsse ihrer Dollversamm- lungen haben die (Industrie- und Handelscam- mem Siegen und Dillenburg beim preußischen Minister für Handel und Gewerbe die Zusammenlegung ihrer Dezirke zu einer gemeinsamen Kammer beantragt, für die der Name „3n- dustrie-undHandelskammerSiegen- Olpe-Dillenburg" vorgesehen ist. Die Zusammenlegung soll auf Grund eines abgeschlossenen Vertrages mit Wirkung ab 1. April 1931 erfolgen. Der Sih der neuen Kammer wird Siegen sein. 3n Dillenburg bleibt eine Geschäftsstelle zur Erledigung der örtlichen Angelegenheiten im Namen der Gesamtkammer bestehen. Sämtliche Kammermitglteder werden in die gemeinsame Kammer übernommen. Die (Industrie- und Handelskammern Siegen und Dillenburg glauben, durch diese Maßnahme eine neue Kam- merorganifation mit größerer Stoßkraft in der Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu schaffen und einen bedeutungsvollen Schritt im Sinne der vielerorts angestrebten Reform der Verwaltungsorgane zu tim.
und die Zeit verging dabei. 3a, sie verging überraschend schnell.
Als Wördehoff nach der Llh- sah, stellte er fest, daß schon über eine halbe Stunde vergangen war.
„Nun dürfte es Zell werden, daß das Pärchen! auftaucht", meinte Dr. Römer. „Daß Darnowskh auch immer so lange trödelt, das gefällt mir an ihm nicht, trotzdem er sonst ein beachtenswerter Kerl ist."
„Hm — machte Wördehoff. „Deachtenswert? Mit seinem Monokel etwa? Oder feinem Parfümerieladen?"
Römer schüttelte lachend den Kopf.
„Mit feiner Kunst natürlich, meine ich. Er Eaiut wirllich was. Ein fabelhafter Schmiß in der Zeichnung — und eine Beherrschung der Farben» Wirllich — er kommt mächtig hoch. Er weih, was die Leute wollen — und so malt er eben. Mondän bis auf die Knochen —"
Wördehoff wiederholte nur fein „hm —“
„Daß er daneben ein Kavalier ist und ein bißchen eitel und feminin — na, irgendeine fatale* Eigenschaft hat ja jeder Künstler, ilnb seine ist doch nicht die schlimmste. 3m Gegenteil — Eleganz, wenn auch übertrieben, wirkt immer auf die Frauen —"
„Auf manche, lieber Doktor —14
„Na ja — er bleibt eben in seinem Milieu."
„Hübsches Wort", sagte Wordehoff ironisch. „3ch denke, ein Künstler — ein echter — mutz überall zu Hause sein, nicht bloß — in „seinem Milieu". Aber halt — kommt er da nicht an?“
Sie erkannten Barnowskys elegante, geschniegelte Gestalt aus dem Waldweg.
„Wirklich — und auch allein?" sagte Dr. Römer.
„Na — er wird zufrieden fein, daß er nicht der letzte ist. Wundert mich aber, daß er nicht fo lange gewartet hat, bis (Ihre Frau fertig war."
Darno wsky kam näher.
Sein typisches „schönes" Lächeln im Gesicht.
„Servus, meine Herren. Da bin ich! Ditte, meine Verspätung entschuldigen zu wollen. Aber — ja, wo ist denn Norma?"
Er sah sich ordentlich enttäuscht um.
„3a, das müssen Sie doch besser wissen als wir, mein Lieber", sagte Dr. Römer. „Sie kommen doch gerade aus dem Gasthof —“
„Na — das ist gut! 3a — allerdings, ich komme aus diesem komfortablen, mit allem Luxus der Neuzeit nicht eingerichteten „(Braunen Hirsch". (Ich toarte auf Norma Nelson. Lind da es mir — hm — ein bißchen lange dauerte, klopfte ich an ihrer Zimmertür an. Aber feiner antwortete. Da tauchte die Wirtin auf und sagte, daß die „Dame" schon bot längerer Zeit weggegangen sei. 3ch also sofort los — und da bin ich! And Norma — ist wirllich nicht hier?"
(Sortierung folgt)


