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Donnerstag, 22. Januar 1934

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. 18 Zweites Blatt

Protest der GießenerWirifchafi gegen das Steuerdiktat

Oer Hauptvorirag

heute noch intakt fei und Lasten auferlegen könne, gegenüber auf die vielen rade auch in den letzten

und er wies dem- Konkursverkäufe, ge- Monaten, hin. Wer

Ls müsse dagegen protestiert werden, daß mit einer solchen Leichtigkeit, wie der Staatsfom- missar getan, Steuern festgesetzt werden Die Wirtschaft stöhne und leide unter jeder weiteren Steuer, nicht etwa aus Mode, sondern weit sic von der Notwendigkeit überzeugt sei, dah bei der steuerlichen Belastung nun ein Schtuhstrich gezogen werden müsse.

Eine Mittelstands-Kundgebung, wie man sie in Gießen seit vielen wahren, ja vielleicht über­haupt noch nicht erlebt hat, fand gestern abend im Saale des Cafe Leib statt. Der große Saal, einschließlich der Galerie, war überfüllt: selbst bis in den Dorraum hinaus drängten sich Kopf an Kopf die Menschen. Den Anlaß zu dieser ge­waltigen Kundgebung bot der Ruf der wirtschaft­lichen Organisationen zum Protest gegen das Stcuerdiktatdes Staatskommis- fars für Gießen.

Als Leiter der Kundgebung hieß der stell­vertretende Vorsitzende des Vereins der Gießener Einzechändler

Kaufmann Winterhoff

im Auftrage der wirtschaftlichen Verbände die weit über tausend Besucher, insbesondere den Hauptredner Rechtsanwalt und Rotar Al­brecht, die Presse und die Vorstände der Wirt­schaftsverbände willkommen. Er wies dann auf den ernsten Anlaß zu dieser Kundgebung hin, von der ein entschiedener Protest gegen die, un­geheuerliche steuerliche Reubelastung durch das Steuerdiktat des Staatskommissars erwartet werde. Die ganze Wirtschaft habe in den letzten Jahren so außerordentlich viel an Steuern auf- gebürdet^ bekommen, daß sic heute nicht mehv wisse, wie weitere Lasten an Steuern aufzubrin­gen feien.

Hochschulnachnchten.

Am Lage der 60. Wiederkehr der Gründung des Deutschen Reiches hat die rechts- und staats- wissenschastliche Fakultät der Rheinischen Fried- rich-Wilhelms-älnivcrsität zu Bonn dem frü­heren langjährigen Chrfredakteur der Kölnischen Zeitung Ernst Posse zum Doktor derStaats- wissenschasten ehrenhalber ernannt.

Der Redner nahm dann gegen die abwegige Behauptung Stellung, daß die Wirtschaft auch ' man ihr ruhig neue

beiter schlagen einen Pfahl ein. Zehn Schritte nach beiden Seiten: Hier! Hier! Das Rechtes ist abgestcckt. Ein Grab also, sagt der General­direktor, Professor Moretti. Was ist darinnen?

Man legt ein Stück Gold, Bronze. Glas, einen Knochen, einen Tonscherbcn auf die rutenhaltende Faust und sofort erfolgt die Antwort: Knochen, Stein und Mosaik! Eine Stange wird über dem Fundort in die Erde gesteckt, die Rutengängerin, streift daran mit der Rute oder einem goldenen Ring langsam herab, bis sie plötzlichnichtweiter­kann", von einer unwiderstehlichen Kraft gehemmt. Der Zwischenraum bis zur Erde und der kri­tischen Stelle wird ausgemessen, die Erfahrung lehrt, daß eine Handspanne ungefähr zwei Meter Tiefe entspricht, die Zauberin die Bauern be­stehen nun einmal auf dieser Bezeichnung- gibt an: 3 Meter 50 Zentimeter, älnd auf 3,50 Meter Tiefe kommt ein etruskisches Grcck zum Vorschein.

Wir alle sind erschüttert. Unerklärlich! murmeln die Gelehrten.

Jetzt werde ich Ihnen die Freude machen", sagt Signorlna Domenica, die unbekümmert weitcrsucht,Fresken und Graffitten zu sehen!" Grafsitten heißt man die eigentümlichenKratz- malercien", wie man sie in Totenstätten nicht selten findet. Die Arbeiter sind wie besessen vor Schahgräbersucht. Bald k.ingt es hohl Capena steigt ans Licht. Die alte Etruskerstadt Capena!

Die Kunde fliegt nach Rom. Telegramme an Mussolini. Schon ist ein Zimmer des kleinen Rathauses von Leprignano mit Fundgegenständen vollgestopft, ilnö schon haben die Leprignanesen ihren Ort in taumelndem Stolz umgetauft: Ca- pena! Capena liest man an den Mauern, Straße nach Capena, Von Capena zum See! Unbegreif- lich, daß nicht einmal so etwas den alten Soracte rührt. Er schaut auf die aufgeregten Schüsseln herunter wie ein unbeteiligter Saurier.

pena liegt

Fahren Sie einmal die Flaminia oder die Tiberina hinaus, in der Richtung auf den Soracte zu dann geraten Sie bald in eine Landschaft, die noch nicht in eingezäuntc Hausbezirke auf- geteilt ist, in eine geographische, geometrische in eine radiogeotechnische Landschaft, die aussleyt wie ein Haufen riesiger Llrschüsseln. Das ist das Schöne an Rom. daß es in der Umgebung noch nicht so polizeilich geordnet zugeht, daß noch niemand daran gedacht hat, diese Rumpelkammer auszuräumcn, das ist der Reiz derreizlosen Campagna", der Oede und Steppe, daß hier noch was vorfallen kann, ohne daß es erst genehmigt werden muß. Diese Schüsseln von dreihundert Meter oder drei Kilometer Durchmesser liegen durch- und übereinander am Fuße des Einsiedler- berges, man spricht von einer Conca. wenn sie mit dem Boden aufsitzen, man sagt einfach Hügel, wenn sie umgestülpt sind, und die Straße lauft um alle Ränder herum, hinaus, himinter, wie es kommt. Manche Concen sind nut Reven gefüllt in anderen weiden Schafe, in den meisten begibt sich nur geologisch Interessantes: Erosionen, Eruptionen, Einstürze und so. Und als d.e Leprignanesen, die sich mit der kümmerlichen Schüsselkultur befassen, kürzlich, wie gesagt, aut- wachten, lag in einer ein See. QlUc ocen um Rom herum sind in erloschenen Kratern ent­standen dieser aber macht eine Ausnahme. Man weih keineswegs, wie er entstand, man weiß nur, daß er nicht vulkanischen Ursprungs isb. Ich habe ihn heute von einem Olivenhugel aus betrachtet, da lag er grün und friedlich da wie ein Weiher, nur Hatte er merkwürdig steile, mauersteile Ufer. Gestern war er blau, vorigen Sonntag gelb. Einen Bauern, der nicht daran glauben wollte, hat er mit einem einzigen Schnapp verschluckt. Seither ist es verboten, hier spazieren zu gehen. Die Regierung läßt die unheimliche Schussel durch Flugzeuge überwachen, und die Flugzeuge haben festgestellt, dah binnen wenigen Tagen soundso­viele Häuser in der Umgebung einsturzen werden. Man baut bereits neue. Der See benimmt sich inzwischen eigenartig. Zuwellen raucht er, das Wasser kocht, dann verschwindet er, wie er ge­kommen ist, und es stinkt schrecklich nach ochwefel. Rach ein paar Tagen ist er wieder da, großer ' Die Geologen schütteln den Kopt.

bisher bekannten Gesetze! Er setzt

den müssen. 3n diesem Entschluß muhten sie be- stärkt werden, nachdem der Staatskommissar auf die Vorstellungen, die die Stadtratsfraktion der Arbeitsgemeinschaft der Mitte und die etaöt- ratsfraktion der Wirtschaftlichen Vereinigung bei ihm erhoben hatten, ablehnend geantwortet bat.

Die Frage, ob die Anordnungen des Staats- kommisfars anfechtbar find, wird von feiten der Regierung natürlich verneint. Heute wird keine Faust im Sack gemacht, heute wird mit der Faust auf den Tisch geschlagen. (Lebhafte Zu­stimmung., Den Verantwortlichen muh deutlich klargemacht werden, daß der Gießener Bürger sich diese Anordnungen nicht gefallen läßt, weil diese furchtbaren Auslagen einfach nicht zu er­füllen sind. Es handelt sich hier nicht um eine parteipolitische Versammlung. Wir werden auch keinen Demonstrationszug vor das Stadthaus ver­anstalten. Dazu ist uns die Sache zu ernst. Aber sagen wollen wir denjenigen, die dieses Steuer­diktat heraufbeschworen haben, was sie angerich- tet haben, und versuchen wollen wir, dieses Steuer­diktat rückgängig zu machen. (Beifall.)

Der Redner wars dann folgende zwei Fragen auf:

1. Ist nach dem Gesetz vom 11. Dezember 1930 ber Ruf nach Ernennung eines Staatskom­missars für die Stadt überhaupt berechtigt gewesen und liegen die gesetzlichen Voraus­setzungen für die Ernennung eines Staats- kommiffars überhaupt vor?

2. hat der Staalskommlssar die Anordnungen getroffen, die im Interesse der Stadt liegen?

Die Geldverlegenheit der Stadt ist dadurch ent­standen, daß ihr wesentlich geringere Betrage an Reichssteueranteilen überwiesen worden sind, als sie bei Aufstellung des Haushaltsplanes und bei Anforderungen der ersten Rachtragsbewilligung annahm und annehmen konnte. Der Redner kam dann erneut kurz auf die Stadtratsberatungen im Rovember und Dezember zu sprechen und erklärte, man könne dem Stadtrat nicht vorwerfen, er habe nicht die Beschlüsse gefaßt, die nötig seien, um den Haushalt in Ordnung zu bringen; im Ro° eember habe er ja bewilligt, und im Dezember sei die Zeit viel zu knapp gewesen zu einer sorg- blüffung?Leprignano liegt nämlich dort, wo Ca°

samen Beratung. Der Redner üble dann Kritik an der Verwaltung und kam abschliehend zn dem Ergebnis, dah unsere Stadt nicht die Hilfe eines fremden Mannes nötig gehabt habe, um den Haushalt in Ordnung zu bringen, wenn man die Sache nicht übers Knie gebrochen hatte. (Leb­hafte Zustimmung.)

Dann sagte der Redner u. a. weiter^ Tatsache ist, daß mit dem Verzicht auf die Rückwirkung die Stadtverwaltung in den Verhandlungen vom Dezember an sich anerkannte, daß der Fehlbetrag von 127 000 Mark im Skeuerjahr 1930 nicht voll­ständig gedeckt zu werden brauche, und dah ein Teil des Fehlbetrages ruhig mit in das neue Steuerjahr genommen werden dürfe. Danach hat also auch die Stadtverwaltung schon in der Sitzung vom 27. Dezember auf dem Standpunkt gestanden, dah es durchaus nicht einer ordnungsmäßigen Haushaltsführung widerspricht, wenn ein Defizit mit in das neue Steuerjahr genommen wird. Es sind infolgedessen m. E. die Voraussetzungen des Art. 1, Abf. 1 des Gesetzes zur Sicherung der Haushaltsführung der Gemeinden vom 11. Dez. 1930 nicht gegeben. Das Rechnungsjahr läuft mit dem 31. März ab. Der Stadtrat hätte also noch drei Monate Zeit gehabt, Ausgaben- und Cin- nahmenkonto in Einklang zu bringen.

Es waren also die Erfordernisse des Gesetzes vom 11. Dezember 1930 überhaupt noch nicht erfüllt.

Es kann bei dem ganzen Vorgehen nur die Ab­sicht bestanden haben, die Senkung der Realsteuern für das Jahr 1931 illusorisch zu machen. (Rufe: Sehr richtig!)

Rachdem aber der Antrag auf Ernennung eines Staatskommisfars gestellt war, hätte man doch Wohl erwarten dürfen, daß auch in Darmstadt erst geprüft worden wäre, ob denn überhaupt die gesetzlichen Voraussetzungen für die Ernen­nung eines solchen gegeben sind.

Aber das Ministerium in Darmstadt hat noch nie so schnell gearbeitet wie hier. (Stürmischer Beifall.) Der vom Stadtrat im Frühsommer 1930 beschlossene Haushaltsplan hat ein Vierteljahr in Darmstadt im Ministerium bis zur Genehmigung gelegen, und damals waren Stadtverwaltung und Stadtrat einig. 3m Dezember ist aber alles in acht Stunden gemacht worden. Sodann übte der Redner unter Zustimmung der Versammlung scharfe Kritik an dem Innenminister Leuschner, für dessen Verhalten in dieser Sache es nur die Erklärung gebe, daß er unter dem schweren Drucke von Parteifreunden gehandelt habe, die auch im Gießener Stadtrat zu finden seien. Dann sagte der Redner weiter:

Ich komme zu dem Ergebnis, daß der Ruf nach dem Slaatskommissar verfrüht und die Ernen­nung desselben durch den Minister des Innern durch die Bestimmungen des Gesetzes vom 11. Dezember 1930 nicht berechtigt war.

Lind nun sehen wir uns das Steuerbiltat selbst an. Getroffen ist in erster Linie der Grund­besitz Kein Mensch hat ein Interesse daran, eige­nes Geld in fein Haus zu stecken. Das berebefte Zeugnis hierfür legt der Zustand ab, in dem sich ein großer Teil der Häuser befindet. Es läßt sich auch gar nicht der Steuersatz von einer Stadt mit demjenigen einer anderen Stadt vergleichen, da in der einen Stadt Gebühren und Abgaben, z. B. Kanalgebühren, überhaupt nicht erhoben werden, also mit in den Steuersatz hineingerechnet werden, während in der anderen Stadt besondere Zubußen verlangt werden. Der Redner besprach bann die auch im Stadtrat vom 27. Dezember v. 3. gezo­gene Parallele zwischen Gießen und Mainz, die er ziffernmäßig erläuterte. Weiter sagte er dann unter anderem:

Auf die Bauplätze ist die Grundsteuer von 27 Ps. auf 35 Pf. pro 100 Mk. Steuerwert erhöht worden. Dabei wird gar keine Rücksicht daraus genommen, dah diese Bauplätze in der heutigen

JRed)fcantt>a(f und Notar Albrecht gab in der Einleitung zu seinem etwa P/Jtün- digen Vortrage eine Liebersicht über die Etat­beratungen im Frühsommer v. 3. und erkannte dabei mit Dank an. dah die bürgerliche Stadt- ratsm^rheit damals den Haushaltsplan aus- geglichen hat,1 ohne die Steuern zu erhöhen. Er wies bann auf den Verlauf ber Stadtratsbera­tungen vom Roveniber v. 3. hin, als cs sich um die Deckung eines Rachtragskredits von 130 000 Mark handelte, und auf die Beratungen vom Dezember über die Deckung eines weiteren Defi­zits von 127 000 Mk., das namentlich durch die unvorhersehbare Steigerung der Wohlfahrts- lasten und durch die wesentlich geringere ilebcr- weisung von Reichssteuern, sowie durch Aus­fälle von Holz- und Grasgeld entstanden sei. 3n diesem Zusammenhänge besprach er auch die von der Stadtverwaltung zur Deckung des Fehlbetrags dem Stadtrat vorgelegten und in unseren Spalten mehrfach berichteten Anträge. Weiter sagte er dann u. a.:

Man darf es doch als geradezu unerhört be­zeichnen, daß Gesälle und Abgaben für ein 3ahr bestimmt werden, wenn Vi dieses 3 a h re s schon vorüber sind, also Kauf­leute, Gewerbetreibende, Handwerker, Fabriken, Grundbesitzer und freie Berufe nicht mehr in der Lage sind, diese neuen Lasten in ihrem eigenen Haushalt mit ztz berücksichtigen.

Tie Folge der Ablehnung der Vorschläge der Stadtverwaltung und der Vermittelungsvor­schläge war, dah der Minister _ des 3nnern einen Staatskommissar für die Stadt Gießen ernannte, und dah dieser Staatskommissar Ober- regierungSrat Haberkorn aus Darmstadt, ter Stadt Gießen noch vor Iahresschluh ein Steuerdiktat beschert hat, das nut Recht in ber gesamten Bürgerschaft bie lebhafteste Ent- rüftung hervorgerusen hat. Ortsgewerbeverein, Kaufmännischer Verein, Haus- und Grund- besitzerverein, Verein der Einzelhandel:, die In­dustrie ber Stadt Gießen, Edeka-Großhandel, Reichsverbanb des Deutschen Rahrungsmittel- Großhandels, vertreten deshalb den Stand­punkt, daß dieser Widerspruch und die Entrüstung in einer Protestkundgebung zusammengesaht wer-

Was geht am Soracte vor?

Don Dr. Gustav W. Gberlein, Rom.

R o m, im 3anuar.

Bisher hatte ber Soracte, ber wie ein etwas groß geratener kahlschuppiger unb nut einem Riesenrückenkamm ausgerüsteter Saurier eauam in der Campagna steht, nur sozusagen literarische Bebeutung. Unb auch bie beschränkte sich auf Die Rassisch .Gebildeten. Der Soracte gilt als Der schönste Berg, als bas Muster, bas 3beal eines 'Berges, aber in den Reisebüchern wirb er kaum erwähnt, kein Aussichtsturm steht auf feinem brontosaurierhaften Schädel, die Eisenbahn weicht dem Ungeheuer in weitem Bogen aus und Die Straßen hören bei seinem Auftauchen vor Schrecken auf. Schau einer zu, wie er weitcrkommt.

Das alles wird sich nun ändern. Rom ist in Hellem Aufruhr. Es begibt sich was vor den

Wir hatten schon immer Grund zu der Ver­mutung dah die alten Etrusker, die rechtmäßigen Herren des Landes, nicht so furchtsam waren wie die Straßen, bie Eisenbahnen und die Romer. Eie hatten den Mut, sich innerhalb der Saurier- pranken anzusiedeln, unb « macht dem wols aefäuateir Geschlecht keine Ehre, daß es nach llcbertoältigung des seltsamen Dolkes das vor Rom faß dessen Herkunft wir nicht kennen unb dessen Schrift zu enträtseln bie Lehrten sich nod) heute vergeblich abrackern, bah es nach ban billigen Siege einer erbnicfenben älcbemc^ sogar die Spuren bes Feindes vernichtete. Derart vernichtete, derart auslöschte, bah wir bis zu dieser Stunde nicht wissen, wo Capena lag, mächtige Stadt, die große Gegenspielerin zur Hauptstadt der Welt. Versunken unb verschollen

Richt wissen wie sagte ich? ^in, mcht w u h t e n muh es heißen. 3cßt aber ein paar Wochen kam eine Zauberin...

Aber id) will der Reihe nach erzählen es stürmt so vieles augenblicklich auf die gutm Qui- riten ein, wir wollen unser Herz fest in b H

Zeit keine Verwendung finden können, und bah bie Packt nicht einmal für bie zu zahlende Steuer ausreicht.

Es ist wohl allgemein bekannt, dah vor Demi Kriege wohlhabende Leute, die gute ©teuer* zahl er ber Stadt waren, heute weiter mch» besitzen als ihr Haus, auf dem sie früher keine Schulben hatten. Trotzdem werben sie heute zur Sondersteucr herangezogen.Siete, Leute leben heute von den geringen äleberschüfsen aus ber Miete. Jetzt steuert ihnen aber ber HtaatSkom- missar noch den letzten Rest hinweg, unb macht! sie damit zu WohlsahrtSempfängern.

Die kritische Lage der 3ndustrie ist allgemein bekannt. Für die Zigarrensabrilen gibt c# in der nächsten Zeit gar keine Absatzmöglichkeit, Dor größte Teil der Fabriken wird infolgedessen auch nicht mehr vor dem 1. April denDetlPeb aufnehmen, jedenfalls nicht vcr diesem^ Termin: zu einem nennenswerten Absatz der Fabrikaler kommen. Trotzdem meint der Slaatskommissar, daß die Zigc.rrenindiistrie die erhöhte Steuer^ unb zwar rückwirkend, bezahlen soll.

Wie schwer die Eisenindustrie zu känipfen hat, brauche ich nicht näher auseinanderzusetzen. toenrt ich daran erinnere, daß im Laufe des vorigen Jahres das größte Werk unserer Stadt ben Konkurs zu erklären gezwungen war.

Den Einzelhanbel belastet man mit der Er­höhung ber Steuern, verlangt aber gleichzeitig von ihm, dah er die Preise senkt. D^äei hat bet Einzelhandel auch noch die Konkurrenz, der in steuerlicher Beziehung besonders begünstigten Konsumvereine zu ertragen, die keine Körper­schaftssteuer, also keine Einkommensteuer zu bezahlen haben, und auch vielen Konsumvereinen die Gewerbesteuer zum größten Telle erlassen worden ist. Dazu hat der Einzel­handel auch noch die Konkurrenz der Filialen zu ertragen, deren Hauptgeschäfte außerhalb^ Gießens liegen, und die dadurch in fteuerlidjcn Beziehung sehr viel günstiger stehen, als er.

Das Gastwirtsgewerbe ist im 3ahre 1930 mit der Reichsbiersteuer und der Mineralwasser­steuer bedacht worben. Es wirb selbstverstänblich auch von ber Tabak- und Branntweinsteuer- erhöhung getroffen. Run würbe ihm auch noch die Getränkesteuer auferlegt. Wenn man sich hiervon größere Einnahmen verspricht, so wirb das ein Trugschluß sein. Die Getränkesteuer wirb zur Folge haben, daß ber Llmsatz unb bannt auch das Steueraufkommen geringer wird. Das Gastwirtsgewcrbe hat früher dem Staat einen Reingewinn von 7 Millionen eingebracht. Heute steht es vor dem Ruin. 70 000 Angestellte liegen auf ber Straße.

Die Entwicklung ber Gesamtwirtschaft hat es mit fid) gebracht, bah bic wirtschaftliche Lage ber Handwerks- unb Gewerbebetriebe sich der­artig verschlechtert hat, baß Abbaumahnahmen in ausgedehntestem Maße getroffen werben muß­ten. Die steuerliche Belastung ber Handwerks­betriebe ist derart, baß ungefähr 80 Proz. von ihnen mit ihren steuerlichen Verpflichtungen im Rückstand sind. Es steht fest, dah es geradezu zur Regel geworden ist, dah die Handwerker unb Gewerbetreibenben um Fristgewährung bei ber Steuerbehörde nachsuchen. Die Zwangsbeitreibun­gen seitens ber Steuerbehörben unb ber Träger der sozialen Versicherungen mehren sich in er­schreckendem Umfang. Unb ba sollen diese Be­triebe noch mit weiteren steuerlichen Erhöhungen und auch noch für vergangene Zeiten heran- gezogen werden. Das Finanzamt wird noch einige Beamte anstcllen müssen, um die Stundungs- gesuche bearbeiten zu können. Der Staatskom- missar bewegt sich im Kreis: Er will neue Mittel schaffen durch Belastungen, die einerseits zur Folge haben, daß bic Aufwenbungen für Wohlfahrtsunterstühungen noch gröbere werden, anderseits aber auch dazu führen, dah die Lei­stungsfähigkeit an diesen Zuwendungen geringer wird. Dadurch ist glejchzeillg der Rachweis gc-

biefc Verfallserscheinungen mit klarem Blick und mit dem Willen zur Objektivität sehe, müsse zu- gestehen, dah es ber Wirtschaft durchaus nicht besser gehe als ben anberen .deutschen Volks­schichten. Die Männer der Wirtschaft seien be­reit, den schweren Wirtschaftskampf weiterzu­kämpfen. aber eines mühten sie sich ausbitten: Wenn sie schon keine wohlwollende Behandlung erfaHren. so mühte diese doch wenigstens an­ständig sein. (Lebhafte Zustimmung.) Der Redner forderte von den politischen Parteien und von allen im öffentlichen Leben stehenden Personen, dah sie baldigst die Rotwendigkeit der Stärkung der Wirtschaft erkennen möch­ten. (Lebhafter Beifall.)

Schwefel ab. Es riecht der Finanzminister in Rom machte bei dieser Meldung einen Luftsprung nach Petroleum. Einige Wissenschafllcr glau­ben sogar, daß gerade die unterirdisch zusammen­geballten Petroleumgase ben Einsturz der Erd­rinde unb bic Bildung des Sees verursachten. Man hat eine in ben seltsamsten Metallfarben schillernde Höhle entdeckt, die sofort Grotta degh Splendori getauft wurde...

Unb bann kam die Zauberin. Sie he,ht Domenica Mataloni unb hat ihre Kunst von einem alten Rutengänger. Aber das Wasser reizte sie schon nach 24 Stunden nur noch mäßig, ihre Wünschelrute schlug weit verheißungsvoller, mas­siver aus. Wir befinden uns hier, so sagte Si- gnorina Mataloni schlicht, in einer eminent archäo­logischen Gegend. Der Podesta wird aufmerksam, gibt ihr Arbeiter an die Hand. Sie legen eine antike Straße aus weißem Marmor bloß, sie fördern ein Tor aus Marmor zutage...

Unb es geschieht bas Wunder: der General- bircktor des römischen Thermenmuseums unb ber Ausgrabungen in der Provinz pocht nicht auf bie Gesetze der Schulwiffenschaft, er zuckt nicht malltiös mit den Mundwinkeln, sondern macht sich auf und nimmt die Rutengängerin in aller Form m» ebenbürtige Mitarbeiterin in seine Dienste. Die neugebildete GesellschaftRadiogeotechnik" ist be­geistert übet diesen neuen Geist in einem so trockenen Fach, sie erklärt, dah sie unter _ Ab­lehnung aller verschwommenen 3been unb über­sinnlichen Erscheinungen von der Brauchbarkeit der Rutengängerin überzeugt sei und es sich zur Ausgabe mache, auf diesem Wege dem Vaterland alle Rohstoffe, die ihm fehlen, zu erschliehen. Archäologie. Hydrologie. Bergbau, Vollswlrt- schastler. Vulkanologen, 3ngenieurc reichen sich die Hand: ans Werk'.

Der Tag der amtlichen Probe kommt. Die Mit­arbeit und Kontrolle prominenter Persönlichkeiten schlicht jeden Schwindel aus. Begleitet von einer Schar tatendurstiger Arbeiter, die nicht Hölle und nicht See fürchten, machen sich bie Entbecker auf den Weg. Weit bleiben die Automobile zurück. Es ist kalt, aber alles fiebert vor Erwartung, cignorina Domenica sieht ganz vernünstig aus, mittelgroß, fest und gesund, Entschlossenheit unter der Baskenmütze. Sie bricht einen OeIzweig, einen silbernen Olivenzweig, im Handumdrehen ist die Gabel fertig. Ein paar Schritte, ein biychen Zick­zack, ba zuckt sie schon zusammen: Hier! Die Ar-

^Ellws Morgens wachten die Leprignanesen auf SluUTÄX »iÄe Aach ein p