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Nr. 246 Erstes Matt

M. Jahrgang

Mittwoch, 21. Moder Ml

Erschein! laglich,außer Sonntags und Feiertags. Beilagen:

Die Illustrierte

Gießener Familienblatter Heimat im Bild Die Scholle.

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2.20 Reichsmark und 30 Reichspsennig für Träger­lohn, auch bei Richter- scheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt.

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Giesjener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesfen

Druck und Verlag: vrühl'sche UniverfitätL-vuch und Zteindruckerei B. Saitgc in Sietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstratze 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re­klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig. Platzvorschrift 20 X mehr.

Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton vr.H.THyriot,' für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Gießen.

Randnoten.

Trotz der Weltkrise und der außerordentlich an­gespannten politischen Lage, die alle Lander Euro­pas in Aufregung hält, ist ein Mann, der weder etwas mit Politik, noch etwas mit der Weltkrise oder dem Arbeitslosensystem zu tun hat, in den Vordergrund des allgemeinen Interesses getreten. Sylvester Matuschka Jüterbog Via Torbagy Wien! So lauten jetzt die Tleberschrif- ten in den großen Zeitungen. Beinahe wie ein Wunder mutete es an, als man zuerst die zag­hafte Andeutung von den Wiener Polizeistellen hörte, daß es ihnen gelungen sei endlich den Cisen- bahnmarder von Europa zu fassen. Tag für Tag wurden Verhöre angestellt, bis schließlich eine klare Spur herausgeschält war, die einwandfrei zu dem Beweis führte, daß der 39 Jahre alte ehemalige ungarische Offizier Sylvester Matuschka einzig und allein für die Täterschaft in Frage käme. Von Wien aus wurde an alle an der Auf­klärung der Attentate interessierten Mächte ein ausführlicher Bericht gefunkt, worauf jedes Land seine gewiegtesten Kriminalisten nach der Donau­stadt entsandte, damit dort mit vereinten Kräften das Verhör des Attentäters vorgenommen werden konnte.

So mühselig, wie die Polizei auf die Spur des endlich verhafteten Ungarn gekommen ist, so müh­selig gestaltete sich jetzt auch die Tlntersuchung gegen den Mann, der monatelang ganz Europa in Aufregung und Tlnsicherheit versetzte. Die Po­lizei hat noch kein klares Bild, ob sie es hier mit einem Geisteskranken zu tun hat, oder mit einem Menschen, der auf jeden Fall Sensation machen wollte, um mit allen Mitteln in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu treten. Obwohl der Verhaftete weih, daß es bei ihm um Tod und Leben geht, benimmt er sich bei den Verhören, die von den geschicktesten Kriminalisten geführt werden, äußerst ruhig und gewandt, um sich auf keinen Fall irgendeine Blöße zu geben. Aber nichtsdestoweniger ist es den Hntersuchungsbeam- ten nach und nach doch gelungen, den Verhafteten in die Enge zu treiben.

Was die Kriminalbeamten sich von den scharfen Verhören versprachen, ist eingetroffen: Matuschka hat nach einem Aervcnzusammenbruch alle Atten­tate, die in letzter Zeit in Europa verübt wurden, eingestanden. Der Attentäter hat als Schluß­wort endlich festgestellt, daß er als alleini­ger Täter für die ganzen Verbrechen zu be­trachten ist, da er keinerlei Helfershelfer benö­tigte. Die Zusammenhänge, die kurz nach den Attentaten auf ein politisches Komplott hindeuteten, sind bisher nicht nachzuweisen, Matuschka ist ein ziemlich einsamer und unpoliti­scher Mann, oder er hat diese Rolle wenigstens gespielt. Auch finanzielle Gründe können bei sei­nen Attentaten nicht mitgespielt haben, da er immerhin ausreichend mit seiner Familie hätte leben können. Der endlich überführte Attentäter wird aller Wahrscheinlichkeit nach vor einem un­garischen Gericht für alle Straftaten, die er in den verschiedenen Staaten begangen hat, abgeurteilt werden.

Es hat eine gute Weile gedauert, bis der V ö l - kerbundsrat sich dazu durchgerungen hat, die Vereinigten Staaten zur Teilnahme an den Verhandlungen um die Beilegung des o st asiatischen Konfliktes einzuladen. Man wird in diesem Entschluß nicht gerade ein Zeichen für die Stärke des Völkerbundes, wohl aber einen sehr geschickten Schachzug zu erblicken haben, denn ohne Zweifel sind die Aussichten für eine friedliche Beilegung des Konfliktes dadurch wesentlich gestiegen. Driand hat gewandt den starken Einfluß, der von den militärischen und vor allem maritimen Machtmitteln Amerikas ausgeht, der Arbeit des Rates nutzbar gemacht. Richt ohne Grund hat sich Japan mit außerordentlicher Hartnäckigkeit gegen die Hinzuziehung eines ame­rikanischen Vertreters g e st r ä u b t. Daß es feinen Protest auf die grundsätzliche verfassungsrechtliche Seite des Problems aostellte, kann nicht ver­schleiern, wie wenig entzückt Tokio davon ist, die Vereinigten Staaten so weitgehend in dieser An­gelegenheit engagiert zu sehen. Sowohl in den geheimen nächtlichen Beratungen wie in der öffent­lichen Sitzung ist es zu sehr lebhaften Debatten ge­kommen. Alle Versuche Briands und Lord Readings, die Japaner umzustimmen, blieben erfolglos.

Wenn Deutschland für die japanische An­regung, ein Juristenkomitee mit der Prü,ung der Frage zu beschäftigen, stimmte, so geschah dies wohl zunächst aus der Erwägung heraus, eine für allemal Klarheit über Die Möglichkeit der Hinzuziehung fremder Mächte zu den Ratssitzun­gen zu schaffen. Dann aber wollte Mutius sicher­lich den Eindruck der u* vermeidlichen Riederlage bei der Abstimmung für die Japaner nicht gar zu niederschmetternd werden lassen. Für den deutschen Handel im Fernen Osten bedeutet an­gesichts Der sonstigen verworrenen Verhältnisse Die Machtstellung Der Tokioer Regierung einen nicht zu unterschätzenDen Sicherheitsfaktor, und wir haben alle Veranlassung, uns die freundschaftliche Gesinnung der Japaner zu erhalten.

Mit der nun vollzogenen Einladung an die Ver­einigten Staaten ist ein Präzedenzfall geschaffen, der für die Zukunft erhebliche Bedeutung hat. Es ist sehr bezeichnend, daß Polen und Jugoslawien Erklärungen zu Protokoll gegeben haben, in denen betont wird, daß sie ihre Entscheidung nicht als für alle Zeit bindend ansehen. Sie wollen damit offensichtlich verhindern, daß etwa in einem europäischen Streitfall ohne weiteres Die Vereinigten Staaten toieDer hinzugezogen werden.

Oie Gemeinden fordern finanzielle Entlastung.

Oie zugesagte Reichshilfe illusorisch. - Organisatorische Reform der Arbeitslosenfürsorqe.

Berlin, 20. Okt. (ERB.) Die Arbeitsgemein­schaft der kommunalen Spitzenverbände hielt eine Besprechung über die kommunale Finanzlage ab. Der Präsident des Deutschen Städtetages Dr. Situiert ging aus von dem ungeheuren Fehl­betrag der Gemeinden und Gemeindeverbände nach der Zahlungskrise im Juli d. I., den man für das Rechnungsjahr 1931/32 auf 800 Mil­lionen Mark berechnet habe. Die Gemeinden haben auf dem Weg der Selbsthilfe eine rück­sichtslose Drosselung aller Ausgaben eingeleitet und allen Gebieten kommunaler Arbeit schwerste Opfer auferlegt. Die Reichsregierung hat einen Betrag von 170 Millionen für die Gemeinden bereitgestellt, die mit Den früher gegebenen 60 Millionen eine wesentliche Entlastung herbeifüh­ren sollten.

Ls stellt sich aber jetzt heraus, daß die von der Reichsregierung beabsichtigte Hilfe keineswegs eingetreten ist. Denn die Reichsregierung hat eine Reihe eigener Maßnahmen be­schlossen oder durch andere Organe durchführen lassen, die die Gemeinden aufs neue schwer belasten und die Reichshilfe illu­sorisch machen.

Diese Belastungen werden auf folgenden Gebieten gesehen: In der durch Die Arbeitslosenversiche­rungsanstalt eingeführten Kürzung Der Hn - terstützungsbauer, durch die den Gemein­den eine Reubelastung von rund 30 Millionen Mark auferlegt wird, in der Möglichkeit für die Länder, die Landesbeihilfen zurück­zunehmen, wodurch den Gemeinden eine Mehr­ausgabe von mindestens 70 Millionen Mark er­wächst, im weiteren Ansteigen der Wohl­fahrtserwerbslosen, das voraussichtlich 40 Millionen Mark erfordert, im Rückgang der Gemeindeeinnahmen aus Heber- weisungs - und eigen en Steuern, der nach dem heutigen Stand der Dinge allein für die Heberweisungssteuern 140 Millionen Mark betragen dürfte, und in der Richtbefolgung des vorgeschlagenen Lei ftflTrg^'a bbaues in der sogenannten gehobenen Für­sorge, durch Die Die Gemeinden mit der erwar­teten Ersparnis von etwa 25 Millionen Mark in diesem Winterhalbjahr nicht rechnen können.

Insgesamt werden die Gemeinden durch die jetzigen Maßnahmen der Reichsregierung um die wirtschastsentwicklung mit rund 2 0 5 Mil­lionen Mark mehr belastet. Diese Summe deckt sich fast ganz mit der Reichshilse. Die Gemeinden und Gemeindeverbände er­warten auf das bestimmteste die zugesagte Ent­lastung ihrer Finanzen, die nur vom Reich aus geschehen kann.

Es wird dem Reich nichts anderes übrig bleiben, als auch seinerseits alle Kräfte auf die Er­nährung der Arbeitslosen zu konzen­trieren und Aufgaben, die in diesem Starten nicht unbedingt notwendig sind, abubauen. Außer­dem wird das Reich organisatorische Re­formen in der Arbeitslosenfürsorge durchführen müssen. Die von den Gemeinden und Gemeindeverbänden immer wieder geforderte Zusammenlegung der Krisenfürsorge und Der Wohlfahrtserwerbslosenfürsorge zu einer einheitlichen Reichsarbeitslosenfürsorge würde die Verwaltung wesentlich vereinfachen und nen­nenswerte Ersparnisse erzielen.

Der geschäftsführende Präsident des Reichs­städtebundes Dr. H a e k e l wies darauf hin, daß die bereitgestellten Reichsmittel für öie kreis­angehörigen Gemeinden überhaupt keine Entlastung bedeuteten. Der Ausfall Der Reichshilfe sei für Die große Zahl Der kreis­angehörigen Städte mit industriellem Charak­ter aber unerträglich. Auch Die übrigen kreis­angehörigen StäDte seien außerstande, den

vollen Lastenanteil der Krisenunterstühung aus eigenen Einnahmen aufzubringen, weil letztere sich in einem katastrophalen Rückgang befänden. Der Präsident des Deut­schen Landgemeindetages Dr. G e r e d e, M. d. R., wies darauf hin, daß die Rotlage der Land-' gemeinden noch wesentlich dadurch verschärft würde, daß die Steuerkraft ganz be­sonders auf dem Lande in den letzten» Jahren in einem erschreckenden Maße zurückgegangen sei. Das Hinzutreten der unerträglich gesteigerten neuen zwangsläufigen Erwerbslosenlasten müsse eine Finanzkata­strophe der Landgemeinden herbeiführen, wenn nicht schleunigst mit durchgreifenden Maßnahmen des Reiches eine wesentliche Erleichterung ge­schaffen würde.

Besserung der Reichsfinanzen.

Berlin, 21. Okl. (TH.) Die Befürchtungen, die Reichsfinanzminister Dietrich vor kurzem öffent­lich über die Entwicklung der Ein« nahmen des Reiches geäußert hat, sind wie dievossische Zeitung" erfährt durch die neuesten Berichte der Finanzämter an das Reichsfinanzmini- stcrium nicht bestätigt worden. Die Eingänge aus den Steuern, Zöllen und Verbrauchsabgaben seien in der zweiten Woche des Oktober erheblich besser gewesen, als in der ersten. Wenn diese Ent­wicklung anhalte, könne angenommen werden, daß der neue Voranschlag der vor Erlaß der letzten Notverordnung aufgestellt worden sei, ein­gehalten werde.

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Der Lübecker Tuberkuloseprozeß.

Oie fehlende Kontrolle durch Tierversuche. Oie Aussage des Angeklagten Professor Klotz.

Lübeck, 20. Oft. (WTB.) Im Tuber kulose- Prozeß kam ein Schreiben Des schwedischen Reichsgesundheitsamtes zur Sprache, in Dem auf Wunsch Des Gerichtes mitgeteilt tourDe, Daß Die Abgabe Der Impfstoffe in Schwe- Den Durch ständige Tierver s uche kon­trolliert wird. Der Vorsitzende fragte Dr. Deycke, weshalb solche Versuche nicht auch in Lübeck gemacht worden wären und ob nicht dadurch der Fehlschlag vielleicht sich hätte früher feststellen lassen. Dr. Deycke erwidert, man hätte damals annehmen müssen, daß es sich um ein durchaus erprobtes Verfahren handelt. Das Gutachten des Reichsgesundheitsamts sagt, daß in dem zur Hntersuchung eingesandten Material humane Bazillen gefunden worden sind. Prof. Deycke erklärt, daß es sich nach seiner Ansicht bei den in dem Material gef i nbenen sogenannten humanen Bazillen um zurückgeschla­gene bovine (Rinds-)Bazillen handele. Das Gericht begann dann mit der Vernehmung des Angeklagten Prof. Dr. Klotz, der erklärt, er habe als wissenschaftlicher Berater an den Vor­besprechungen über das Calmette-Verfahren teil» genommen. Dr. Klotz betonte, daß er damals fest von der Hnschädlichkeit des BCG. überzeugt gewesen sei. Allerdings habe er in der Sitzung des Gesundheitsrates keinen Zwei­

fel Darüber gelassen, Daß Der R uh en Der BCG.-Fütterung noch nicht bewiesen unD daher problematisch sei. Die Fütterung sei nicht auf seine Veranlassung geschehen. Er wisse auch nicht, ob die Mütter der Kinder mit der Fütterung einverstanden gewesen feien. Die Aerzte seien damals der Ansicht gewesen, die Kinder müßten von der Mutter getrennt werden. Es sei ihm bekannt geworden, daß die Schwe­stern im Krankenhaus sich darüber unterhielten, die mit BCG. gefütterten Kinder kämen gar nicht recht vorwärts. Er habe sofort das Befinden der Säuglinge nachgeprüft, habe aber keine wesentlichen Merkmale feststellen können, die auf einen Fehlschlag hätten schließen lassen. Prof. Klotz berichtete dann, wie allmählich e i n Kind nach dem andern von den Aerzten selbst ins Krankenhaus eingeliefert worden sei, die bei Den Erkrankungen vor einem Rätsel gestanden hätten. Schlag auf Schlag sei Dann Fütterungstuberkulose fest ge­stellt worden. Rach den Sektionen, die Prof. Dr. Deycke ausführte, und bei denen er zugegen war, hätte er lange Zeit mit Prof. Deycke be­raten. Man sei übereingekommen, zunächst daS Deycke-Muchsche Artigene auszugeben, um keine Beunruhigung in der Oeffentlichkeit hervorzu­rufen.

$ranfreithiDünft6feineni)erflärtfen@i(6er6eitepaö Oie Vorbedingung für eine Herabsetzung der Rüstungen. Vorfühler für die Besprechungen in Washington.

Paris, 20.Okl. (WTB.) Agentur havas funkt von Bord derJsle de France" eine offenbar be­einflußte Meldung, in der es heißt: hinsichtlich des S i ch e r h e i t s - und Abrüstungsproblems ist Frankreich bereit, weitere Rüstungsher­absetzungen vorzunehmen, wenn im Austausch dafürpräzise Verpflichtungen für gegenseitige Hilfeleistung im Falle eines Angriffs" eingegangen werden. Rach dieser Richtung scheint sich ein Fortschritt in der Auf­fassung der amerikanischen fireife anzubahnen, die jetzt geneigt sind, den Brian d-fiellogg-Pakt durch einen fionsultativpakt z u ver­stärken. Doch muß man fragen, ob Washington darüber hinaus sich binden und grundsätzlich wenig­stens auf rein finanzielle und wirtschaftliche Maß­

nahmen beschränkte Sanktionen gegen den Angreifer übernehmen möchte. Jedenfalls wird Ministerpräsident Laval sich bemühen, nicht de» geringsten Bruchteil der nationalen Sicherheit ju opfern, da die endgültige Ent­scheidung über jede Initiative, die von der franzö­sischen Delegation auf der Abrüstungskonferenz eoen- luell ergriffen werden könnte, dem aus den fiam- merneuwahlen von 1932 hervorgehenden Parlament überlassen bleiben muß.

Ministerpräsident Laval soll zu verstehen gegeben haben, daß er bereit sei, dem Präsidenten hvovev aus halbem Wege e n l g e n ; u k o m m e n. wenn er die Zusage amerikanischer Zusammenarbeit erhalten könnte, die vom französischen Standpunkt aus eine Einschränkung der Rüstungs-

Washington selbst wird wenig Steigung haben, sich weitgehend in fremde Angelegenheiten einzu­mischen oderdurch eine Hintertür" dem Völker­bund beizutreten. Wenn es in dem Mandschurei- Konflikt seine sonst geübte Zurückhaltung aufgab, so geschah dies ohne Frage in erster Linie deshalb, weil in Ostas en sehr starkeamerikanische Interessen auf dem Spiel stehen. Richt nur im Rahmen des Völkerbundes, sondern viel­leicht mehr noch durch inoffizielle Verhandlungen versucht Amerika, eine bald ge Wiede.Herstellung des Friedens im Fernen Osten herbeizuführen. Es wird auch jetzt nicht leicht sein, einen Ausweg zu finden, der sowohl für Tokio wie für Sianting gangbar ist. Für den Völkerbund kann es sich nicht darum handeln, eine Klärung der Schuld­frage herbeizuführen, oder eine endgültige Lösung der Mandschurei-Frage zu erreichen. Gent kann voll zufrieden sein, wenn es gelingt die atuten Gegensätze soweit zu mildern, daß beide Länder wieder zu erträglichen Beziehungen zurückkehren.

Die junge spanische Republik hat ihre erste schwere Ärife erlebt: Der Ministerpräsident Za­mora hat demissioniert zusammen mit dem Innenminister M a u r a und hat damit den Ra­dikalen das Feld allein überlassen. Das war eine, man möchte fast sagen, zwangsläufige Entwicklung. Einige Male ist es noch mühsam gelungen, den Konflikt auszugleichen, über der Frage aber welche Stellung der Staat zur Kirche

einnebfnen sollte, ist es zum Bruch gekom­men. Die übergroße Mehrheit Der Rationalver­sammlung hat Den Begriff Der Staatsreligion ab­gelehnt, Den Kulturetat aufgehoben Die Je­suiten ausgewiesen unD ihr Eigentum beschlagnahmt. Das ist e ne offene Kri g'er.lärung an Die auch heute noch in Spanien sehr mächtige Kirche. Zamora, der selbst gläubiger Katholik ist, hat sich alle Mühe gegeben. Den Beschluß zu ver­hindern, schon aus Dem Gefühl heraus, weil er sich sagen mußte, Daß Damit Der Bogen Der Ent­wicklung überspannt war. Aber er hat es erlebt, daß selbst seine Popularität nicht groß genug war, um Der Radikalisierung Halt zu gebieten. Er hat die Fäden aus Der Hand verloren, und die Welle geht nun über ihn hinweg.

Die Republik Spanien, die zunächst in ihrer staatlichen Grundeinstellung zwischen dem Bürger­tum und der Sozialdemokratie stand, rutscht mit großer Geschwindigkeit nach links ab, sie steht heute bereits zwischen Der Sozialdemokratie und dem Kommunismus; und wenn nicht alle An­zeichen trügen, wird sie damit nicht Halt machen. Die Gefahr ist drohend, daß sich in Spanien vor­übergehend ein neuer Sowjetstaat nach russischem Muster bildet; der sich dort allerdings nicht halten kann, weil die Voraussetzungen, die in Rußland vielleicht noch vorhanden sind, dazu fehlen. Dafür ist es aber unvermeidlich, daß der Weg, den Spanien jetzt geht, zur völligen Aus­lösung führt.

Es geht dem Lande wirtschaftlich nicht gut, das war ja Der eigentliche Anlaß Der Revolution. Daran hat sich inzwischen nichts gebessert. Der Hmsturz hat die politischen Gegensätze verschärft, die nationalen Gegensätze waren vorübergehend schon so groß, daß eine territoriale Absplitterung nur mit Mühe vermieden wurde. Wenn in dieses Pulverfaß der religiöse Fanatismus hineinfällt. Dann ist eine Explosion von unübersehbaren Folgen eigentlich ganz unvermeidlich. Denn die Kirche wird ihre Riederlage nicht ohne weiteres hinneh­men. Sie hat Möglichkeiten der Abwehr genug, ohne ihr Zutun wird aus dem flachen Lande die Absage an die Religion als Herausforderung betrachtet und mit einem Kleinkrieg beantwortet werden, der schließlich den Kampf aller gegen alle einleitet. Man hat das Kabinett Zamora ver­glichen mit Den Versuchen, Die Kerenski machte, um Die russische Revolution vor Dec Anarchie zu bewahren. Kerenski ist Daran geschei­tert, Zamora ist Den gleichen Weg gegangen; wäh- renD es nur in Deutschland gelang, den Wagen auf der abschüssigen Bahn noch zum Stehen zu bringen, weil in Deutschland die Abwehrmittel stärker waren und auch die nationale Disziplin automatisch einsehte. Es ist fraglich, ob Spanien noch Reserven hat, die hier angewandt werden können. Alle Anzeichen sprechen jedenfalls da­für, daß Der Bürgerkrieg zum Ausbrechen kom­men muß.