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Samstag, 21. Zebruar 1931

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. 44 Zweites Blatt

Außenpolitische Umschau.

Spanien. 3 ldicn. Revision und Kriegsschuld

Don Dr. Otto Hoetzsch, o. o. proi. der Geschichte an der Unmerfifdi Berlin.

Die grr,tze Erschütterung Europas, die der Weltkrieg gebracht hat?- Hai nun, wie es scheint, endgültig auch Spanien erreicht. Es war dem Kriege durch eine kluge Politik des Königs fern- gehalten und es erschien noch vor wenigen Jahren dem Besucher wie eine glückliche Insel, der man anmerkte, daß sie den Krieg auch nicht einmal indirekt gespürt hatte. Ruh.g und in Ordnung war ja dos Land glejchwohl nicht. Das Ver­sagen der parlamentarischen Par­teien, die mit der Verfassung von 1876 nichts mehr anzufangen wühlen, hatte zu dem Staats­streich Primo de R. veras 1923 ge'ührt, einer Militärdiktatur, die auch nichts schas en und reformieren, die bereits vorhandmen Schwierig­keiten des Landes (Dauern chaft, Grohstad Prole­tariat, namentlich in "Barcelona, Katalanische Frage) nicht, lösen konnte. Seit dem Slurz Primo de Riveras litt das Land an einer noch stärkeren schleichenden inneren Krise, war der König, an sich gewiß sehr geschickt und klug, waren -feine Generäle rallos.

Aus dieser Ratlosigkeit wußte man schließlich keinen anderen Weg als eben doch wieder zu­rück zum Parlament und zur Ver­fassung zu streben. D e Wahlen wurden für den I.März angeseht und haben die Krise ins Rollen gebracht, die sich nun immer gefähr­licher entfaltet. An der Erklärung der Liberalen und Sozialisten, die Wahlen sabotieren zu wollen, scheiterte dos Experiment, der Ersatz-D k ator Ge­neral Derenguer trat zurück. Der König ver­suchte nun, im alten parlamentarischen Stil auch die Au-druck0weise in diesen Verhandlungen mit Politikern und Parteien ist die gleiche eine Ordnung herzustellen. Cs geht in dieser Krise um Thron und Dynastie. Auch wenn sie im Augenblick wieder durch eine ver­schleierte Militärdiktatur überwunden würde, ist noch nichts erreicht. Fähiger, die drängenden Re­formen des Landes durchzusühren. würde eine Militärdiktatur nicht, also die Monarchie in dem Lande auch nicht sicherer. Ob die Kraft, die Fähigkeit und die Männer in dem soeben ge­bildeten Kabinett ausreichen werden, das Land aus der Verwirrung herauszuführen, auf den Weg eines konstituierenden Parla­ments, das eine neue Verfassung zu schassen hätte, steht iwch dahin und ist wohl zweifelhaft.

Wir täu'chen uns nicht, wenn wir sagen, daß die Ereignisse dieses entsch.idenden Februars in Spanien, im Unterschied zu früheren Bcdrohun- gen und Erschütterungen der Königsgewalt, ihre Dauer und Stärke gewonnen haben durch die Weltwirtschaftskrise. Es ist das Un­heimliche an dieser Wirtschaftskrise, daß sie lang­sam aber mit Sicherheit auch scheinbar ganz am Rande liegende Länder erreicht. Direkt hatte Spanien mit dem Krieg nichts zu tun. Mit Kriegsschulden, Reparationen und dergleichen Er­schwernissen ist es nicht bedrückt. Es ist durchaus noch nicht ein hochkapitalistisches Land. Und trotzdem spürt jeder Spanier an der Unsicher­heit seiner Währung, daß man mit der Welt- wirtschast zusammenhängt und unter der Welt­wirtschaftskrise leidet, deren schlimme Folgen für das eigene Land die Militärdiktatur nicht hat beseitigen können. Ohne Zweifel ist doch Primo de Rivera daran gescheitert, daß er nicht ver­mochte, die Peseta zu stabilisieren! Da aber der wirtschaftliche Zustand Spaniens noch nicht hochkapitalistisch, also vom Standpunkt des Kapi­talismus aus unreif ist, andererseits aber Groß­

industrie und Arbeiterproletariat, daher Sozialis­mus und Kommunismus im Lande vorhanden sind, rüttelt eine so begründete Krise, wenn sie einmal zum Ausbruch kommt, ungeheuer stark an Staat und Wirtschaft. Die Erziehung zum Staate aber ist zu schwach, weil auf der einen Seite der Radikalismus schon lange seine wesentliche Aufgabe in der Gegenerschait gegen die Monarchie sah und auf der anderen diemonarchistischenRichtungen keine Fähigkeit zur Reform bewiesen haben, die militärischen Kreise aber, die Offiziere. durch Poliftsieren. durch eine unheilvollen Verbindung von Militär und Politik verdorben worden sind. Wie nun auch Spanien durch diese Krise hin­durchkomme- auf eine absehbare Zeit bleibt es dabei, daß dieser Staat von 20 Millionen Ein­wohnern, der zugleich Mutterland von 100 Mil­lionen spanisch sprechenden Menschen ist, in der großen Politik Europas, vor allem Westeuropas, im Dreieck England-Frankreich-Italien nichts bedeutet und daß er daher auch für Erwägungen deutscher Außenpolitik etwa Arbeit mit Spa­nien im Völkerbunde und dergleichen schlechter­dings nicht in Frage kommt.

Wir streifen heute das Ergebnis der 3n- dienkonferenz nur unter dem merkwürdigen Gesichtspunkte, der jetzt gerade so wie voriges Jahr nach dem Ende der Londoner Flotten- konserenz deutlich wird: ist doch kein Zweifel, daß im ganzen Macdonald und fein Kabinett in dieser schwierigen Frage geschickt gearbei.et haben und daß ein Erfolg da ist. Man ist heraus aus dem unfruch.baren Streit, ob überbau >' eine Reform, eine Aenderung der Beziehungen In­diens zum Reich nötig seien. Die Parteien finden immer mehr eine gemeinsame Linie und in Delhi sprechen schon der Vizekönig und Gandhi mit­einander in vollem Emst über das, was ge­schehen kann. Roch ist der Zustand eines Do­minion nicht hergestellt und von Unabhängigkeit ist schon gar nicht zu reden. Auch sind die Be­schlüsse der Konferenz nur Empsehlungen, die außerdem für ganz tie greifende Fragen, wie das Verhältnis von 'Mehammedanern und Hin­dus, überhaupt keinen Weg weisen. Aber man kann nicht bestreiten, daß die Ergebnisse sonst konstruktiv vorwärts führen, indem sie ent­schlossen die Idee einer indischen Föde- r a t i o n aus Britisch-Indien und den indischen Fürstenstaaten in den Mittelpunkt stellen und indem sie entschlossen versuchen, den Gedanken der Beteiligung des Volkes an den Staatsgeschicken durch Parlament, verantwortliche Minister usw. in diese höchst komplizierten und Europa fremden Verhältnisse hereinzufuhren.

Alles das ist bedeutsam und wieder einmal ein Zeichen der großen staatsmännischen und staatsbildenden Fähigkeit der Angelsachsen. Aber wie beim Londoner Flottenpakt: einen Vorteil, eine Stützung hat davon das Kabinett Mac­donald nicht! Man sieht: außenpolitische Erfolge werden hingenommen, aber bedeuten für die Stellung eines Kabinetts wenig, das davon ab­hängt, ob es der Krise in Politik und Wirt­schaft. die im Innern da ist, begegnen kann. Für Indien aber ist das Kernproblem mit diesen Verfassungssrogen überhaupt noch kaum berührt. Damit meinen wir nicht die Indien eigentüm­lichen nationalen, religiösen und sozialen Pro­bleme. sondern wiederum die Tatsache, daß ein an sich schon leidender und kranker Wirt­schaftskörper noch dazu erbarmungslos auch von der Weltwirtschaftskrise berührt ist: Ent­wertung des Silbers, Sturz der Rohstoff preise, schlechte Lage einer Industrie, die seit dreißig Jahren entwickelt ist, Wirtschafts legensah zu England usw. Der Weg zum selbständigen, mo­dem-kapitalistischen Wirtschafts örper ist für In­dien mit furchtbaren Leiden verbunden, aber er ist beschritten. Ein Zurück von ihm

gibt eg nicht mehr, und so wird das eigentliche Problem Indien seine Lösung auch nur finden, wenn überhaupt die Uebcrtoiitbung der Welt­wirtschaftskrise gelingt.

AuS den Reichstagsverhandlungen ist zweierlei für die Außenpolitik als richtung­gebend und bestimmend hervorzuheben. Ohnedre Rechte und die Kommunisten Hot die Reichstags- mehrheit (weit über die Hälfte der Abgeord­neten überhaupt) alle radilalen Anregungen in Sachen Voungplan und Völkerbund abgelehnt, aber die Aufforderung an die Regierung be­schlossen, .b.l.migi st in Verhandlungen über eine Revision des Boungplans mit den Mächten einzutreten und alle dafür nötigen innenpolitischen Maßnahmen zu treffen. So vorsichtig das g faßt ist. es legt die Regierung fest. Sie war frei über das Wann und Wie: in bezug auf das Daß war sie Über­haupt nicht frei. Jetzt ist sie auch in bezug auf das Wann doch immerhin festgelegt: ,B a ldm ö g lich st" steht da, dahinter zurück- zugehen, dafür ist Im ganzen Reichstag nicht ein Einziger!

Die andere Entschließung gibt der Kriegs­schulddebatte auch eine bestimmte Linie: auf die Einsetzung einer internationalen, neu­tralen, unparteiischen Kommission von Sachver­

ständigen. Die Regierung wird ersucht, die da­für nötigen Schritte zu tun. Damit ist gesagt, daß die Ausgabe, die Schuldfrage mit dem be­stimmten Ziel ihrer Lösung aufzuwerfen, nicht mehr ins Unbestimmte verschoben werden kann. Auch darüber besteht eine Meinun Socrichieden- heit im deutschen Volke kaum. Schwieriger wird freilich das Problem, wenn man an seine Aus­führung gebt Roch ist die geschichtliche For­schung nicht so weit abgeschlossen, daß auch nur in großen Zügen die Voraussetzungen für ein einheitliches Votum bereits da wären. Es fehlen auch trotz der ungeheueren Masse des Materials noch Akten: die russischen, die in Vorbereitung sind, und die fränkischen, die bis zu den entscheidenden Monaten noch einen langen Weg vor sich haben, den schnell zu­rückzulegen man in Frankreich offenbar nicht gewillt ist. Aber wenn auch die praktische Aus­führung des Reichstag, b.schlusses nicht ein ach ist, angefaßt werden muß die Ausgabe gleichfalls. Denn genau wie in der Rsparations rage ist auch in der Kriegsschuldfrage zwischen Anre­gung und Ausführung eine sehr weite Spanne, und die Vorbereitung ist schwierig er und ver­wickelter, als es der öffentlichen Meinung er- scheinen mag. Gerade deshalb aber muß sie, je eher um so besser, in Angriff genommen werden!

Die NelreuiW der jugendlichen Erwerbslosen.

Don Dr. Hertha (5 etnering.

In der jüngsten Etatsrede des Ministers für DolkSwohlfahrc im preußischen Landtag hat die "Betreuung der jugendlichen Erwerbslosen einen Lr.i.cn Raum eingenommen, denn für die ge­samte Jugendpflege ist die Sorge um die aro>eits- losen Burschen und Mädchen seit langer Zeit die größte und dringlich st e Aufgabe. Indessen sind die mannigfachen Maßnahmen, die für diese Jugend ergri fen worden sind, in ihren Zusammenhängen einer breiteren Oef.entlichkeit kaum bekannt geworden.

Während man sich bi« zum Herbst vorigen Jahres meist mit einzelnen verhältnismäßig kurz­fristigen Veranstaltungen begnügte, die nur einem kleinen Teil der erwerbslosen Jugend zugute kommen Konnten, gilt jetzt die Parole einer planmäßigen und umfassenden Leistung, durch die sämtliche Burschen und Mädchen ohne Ar­beit in Stadt und Land wenigstens mit irgend­einer Form der speziellen Erwerbslosenpflege erreicht werden sollen. Damit wächst unsere Aus­gabe ins Riesengroße. Ihr Umfang ist nicht ohne weiteres feststellbar. Am 15. Juli 1930 wur­den im Bereich der A rbeitslosenversicherung 231 485 Hauptunterstützungsempfänger unter 21 Jahren gezählt, von diesen waren 47 456 noch nicht 18 Jahre alt. Dazu kommen die 1416- jährigen, die von der Erwerbslosen Unterstützung ausgeschlossen sind. Aber auch zahlreiche junge Menschen, die über 16 Jahre alt sind, können heute den Unterstühungsanspruch nicht erwer­ben, weil die trostlose Lage des Arbeitsmarkts ihnen die Gelegenheit zu einer Beschäftigung von mindestens 52 Wochen innerhalb zweier Jahre versagt.

Bekanntlich ist die Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen, die eben ausgelernt haben, besonders groß. De Jugendlichen ohne Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung werden entweder von ihren Eltern mit durchgefüttert oder sie fal­len, wo das nicht mehr möglich ist, der kommu­nalen Wohlfahrtspflege anheim, und sind bei den Wohlfahrtsämtern zu ermitteln. Bisweilen sind sie dem Arbeitsnachweis oder der Derufsbera- tungsstelle bekannt. Viele aber fragen dort gar nicht mehr nach, weil Arbeit für sie nicht zu er­

warten ist. Und da die Erwerbslosen von 14 bis 17. zumal die weiblichen, nicht überall beruf«- schulpflichtig und B.ru «schulen noch nicht in alten Orten vorhanden sind, so bilden auch diese Anstalten keineswegs ein lückenloses Retz, um die arbeitslosen Jugendlichen wenigstens bis zum 17. Jahre restlos zu erfassen. Der Um arg der Erwerbslosigkeit unter der Jugend kann daher nur geschäht werden. So wird beispiels­weise angenommen, daß die Zahl der erwerbs­losen Burschen und Mädchen unter 21 Jahren allein in der Rheinprovinz bereits im Juli 1930 etwa 60 000 betragen hat.

Die Aufgabe, die es zu lösen gilt, ist z u ?le i ch pädagogischen und wirtschaft- ichen Charakters. Cs kommt daraus an, durch allerlei künstliche Maßnahmen Arbeits- Willigkeit bei jungen Menschen anzucrziehen oder zu erhalten, die mit dem naturgegebenen Lehr­meister hierzu, der schlichten Alltagsaröeit. über­haupt nicht in Berührung kommen. Pflicht- bewuhtsein und Verantwortungs­gefühl sol.en in einer Jugend geweckt werden, der die einfachste Plicht zur Ordnung und Pünktlichkeit in der Arbeit vom Leben nicht auf­erlegt wird und die die Verantwortung gegen­über einem Werkstück nicht erlebt. Dazu kommt der körperliche Verfall dieser oft genug schlecht ernährten und abgerissenen Burschen und Mäd­chen, dem man in einzelnen Fällen durch Er­holungskuren begegnet Gegen die tiefe Mut­losigkeit und Bedrücktheit gerade der guten Cle­mente unter ihnen ist ebenso anzukämpfen wie gegen die Verwahrlosung der unbotmäßigen. Es kommt, wie ein Praktiker sagt, darauf an, den Ton der Gültigkeit einmal wieder in das Leben dieser jungen Erwerbslosen hineinzubrin­gen, denen ihre Ueberflüssigkeit täglich und wö­chentlich und monatlich von neuem bescheinigt wurde". Da gibt es für die stellungslose Tochter böse Wor.e in der Familie, wir hören von Jun­gen. die nicht einmal nachts ein Dach über bene Kopf haben, von Schlafburschen, die nicht wissen, wo sie sich tagsüber Herumdrücken sollen. Und nicht nur an den Stempelstellen wird für Moskau gearbeitet. Die gewaltige Arbeitslosigkeit unter

Gießener Gtaötthearer.

Molitzre:Der Mi anthrop".

(Bearbeitung von Walter Bäuerle.)

7Ernstlich beschaue man den, Mi­santhrop und frage sich, ob jemals ein Dichter sein Inneres vollkommner « und liebenswürdiger dargestellt habe ..."

Goethe.

Was man zu sehen bekommt stammt nur be­dingt und nur teilweise von Moliere: es han­delt sich hier um eine von Oberspielleiter Walter Bäuerle besorgte freie Büljnenbearbeitung. die grundsätzliche und einschneidende Verän­derungen mit dem alten Text vornimmt unb stellenweise zu einer originalen Reuschöpfung gelangt.

Wir »erben auf die Einzelheiten noch zu spre­chen kommen: das äußer.ich auffallendste Kenn­zeichen der hier zugrunde liegenden Fassung ist das moderne Kostüm ... für das Schau­spiel aus dem Jahre 1666.

Wir haben uns in unseren Besprechungen seit langem bewußt für die Erneuerung und Auf­lockerung des traditionellen KlassikerstilS auf der Bühne eingesetzt: nicht um irgendeiner modernen Richtung" zu dienen, sondern aus der Erkennt- rns heraus, wie notwendig es sei, das vielfach in Schablonen erstarrte und verstaubte Gut klas­sischer Dramatik dem zeitgenössischen Theater­besucher in einer Form zu vermitteln welche den zeitlos-unveräußerlichen Inhalt alter Werte chre Aktualität also (wenn man den "Begriff nicht pressen will) möglichst deutlich und un- mißverstäirdlich erkennbar werden läßt.

Die radikalste Folgerung solcher Bemühungen ist die, daß man ein klassisches Drama im Ge­wände unserer Zeit spielen läßt. Derartige Ver­suche haben, als sie zuerst bei uns gemacht wurden, ziemliches Aussehen erregt und leiden­schaftliche Diskussionen für und wider entfes­selt. Man muß natürlich Unterschiede machen. Wenn man etwa dieRäuber" als bolsche­wistisches Zeitstück frisiert, dann wird der Sinn be« Schauspiels gröblich mißverstanden oder be­wußt gefälscht, der wehrlose Schiller vergewal­tigt, das Gegenteil von dem erreicht, was einer Modernisierung gelingen soll.

Spielt man, in London oder Berlin, den Hamlet"" im Frack, dann kann dies eine flüch­tige Sensation für snobistische Premiörentiger oder eine Ueberrumpelung des arglosen Burgers bedeuten, der seine heiligsten Guter bedroht es kann aber auch al« die entschiedenste

Probe auf« Exempel angesehen werden: wie es denn in Wiri.ichleit mit den Ewigkeitswerten und der unverlierb>aren Zeitlosigkeit der Klas­siker bestellt sei.

Solche Aufführungen werden stets Versuche bleiben, über deren Berechtigung man von Fall zu Fall entscheiden muß: meist wird man sie als das handgreiflichste Mittel werten, einem sprö­den Publikum sinnfällig zu demonstrieren, was es im Text des W.rles nicht findet und dem Programmheft des Dramaturgen ober der Be­sprechung des Kritikers nicht glaubt. Der in­telligente, selbständig empfindende Theatcr- befutfrer wird gemeinhin auch ohne so grobe Hilfen wissen, ob ihm ein Klassiker heute noch etwas zu sagen hat oder nicht.

Bei Moliere, insbesondere beimMisan­throp", liegt der Fall eckvas kompliziert. Läßt man den Text in der alten Form ohne Kom­mentar auf sich wirken, so wird man es nicht ganz leicht haben, durch das Gestrüpp der uns wesens remden. unnatürlich anmutenden und red­seligen Alexandriner zum eigentlichen Kern des Schauspiels vorzudringen.

H er scheint also das Experiment nahezuliegen: doch muß man sich darüber klar fein, daß es mit dem modernen Kostüm allein noch nidji getan ist. Der Bearbeiter hat eine doppelte Aufgabe zu lösen: zu zeigen, was das Drama für den Dichter und zu ferner Zeit bedeutete ... und wie es. darüber hinaus, auch für uns, nach mehr als einem Dierteljahrtausend, noch lebendig ist.

Zweierlei also ist darzustellen mit dieser comedie sans contedie, dieser Komödie mit dem tragischen Akzent: ihr Einmaliges und ihr Ewiges, ihr Historisches und ihr Gegenwärtiges. Anzudeuten ist das Gesellschaftsstück, das Sitten- aemälde, das Kulturbild aus dem uns sehr fern- liegenden 17. Jahrhundert in Frankreich. (Dies allein wäre wenig: dramatischer Anschauungs­unterricht, der eine Aufführung kaum lohnte.)

Aber mehr: es ist kein Zufall, daß der Ko­mödiant Moliöre im Stück des Dichters Moliere die Hauptrolle spielte, den Alcest, ... während seine Gemahlin Armande die von Alcest geliebte Gclimene gab. Er spielte also hier sich selbst, und man hat längst empfunden, daß der Misanthrop" nicht nur eines seiner bedeutend­sten, sondern auch sein persönlichstes Werke war.Bruchstück einer großen Konfession". Bekenntnis seiner Liebe und feiner Leiden, seiner Ehewirren und seiner Eifersucht, ferner Kämpfe gegen die Welt, seiner Feindschaften, seines HasjeS und seiner Sehnsüchte. Dies wird be­

sonders klar, wenn man den Gegenspieler Phi- f lint in das Selbstporträt einbezieht, als die andere Hälfte seines Wesens: man hat früh darauf hingewiesen mit dem Vergleich, daß Alcest und Philint erst den wahren Moliöre ausmachten, wie der ganze Goethe in Antonio und Tasso zugleich enthalten sei.

Endlich: die Fabel Auflehnung und vergeb­licher Kamps eines idealistischen Helden, eines Weltverbesserers, der zum Menschenhasser und Weltflüchtling wird, gegen eine unzulängliche Wirklichkeit ist allerdings nicht an ihre Ent- stehungszeit gebunden: hier soll sich die dauernde Gültigkeit des alten Stückes erweisen.

Um) dies ist der tiefere Sinn einer auf den ersten Blick verblüffenden Umkostümierung: der innere Kem der lebendigen Welt bleibt unange­tastet im Wandel der Zeiten: das menschliche Herz ist in ein paar Jahrhunderten nicht anders geworden. Der Alcest von 1666 würde sich in unteren Tagen nur einem äußerlich umgeformten und veränderten Bilde der Welt gegenüber finden.

Der "Bearbeiter empfand richtig: die Anpassung an die Gegenwart darf nicht im Kostümlichen stecken bleiben; auch nicht im äußeren Dar­stellungsstil, in der Auflockerung des spröden Vcr-maßes. in Streichungen ober Umstellungen, in der Zusammenlegung der fünf Alle in drei. Vielmehr mußte darin ist die Bearbeitung schöpferisch übet das übliche Maß hinaus eine Umschichtung der alten Inhalte vorgenommen werden, sofern sie uns heute fremd geworden sind und nichts mehr bedeuten: hier war Reues, Eigenes, unserer <,eit Angehörendes an die Stelle zu sehen. In diesem Sinne ist Bäuerles Be­arbeitung als eine selbständige und gelungene Leistung anzuerkennen.

Ein Beispiel für die glückliche Umschichtung we­sentlicher Clemente: wie die Satire auf die ästhe­tischen Salons im pariserischen Barock die wir heute kaum noch verstehen, zu einem sehr amü­santen Seitenhieb aus den modernen Citeratur- betrieb und die zettgenössifche Klüngelwirtschaft entwickelt wurde.

Verblüftend ferner, wie nahe, wie gegenwärtig, wie aktuell die Salonfzenen in dieser freien und zwanglosen Wiedergabe auf uns wirken.

Und ebenso überraschend entspricht der Schrei Zurück zur Ratur!, mit dem das alte Stück das Rousseausche Evangelium vorwegnehmend befteiend ausklingt, den mancherlei, kaum noch zu überhörenden Stimmen im jüngsten Schrifttum, die aus der modernen Ueberzivilisation und Stadt- futtur den Weg ins Freie suchen.

Die Ausführung unter Bäuerles Regie war im ganzen außerordentlich anregend, im einzelnen gepflegtes und geschmackvolles Theater. Die nicht bewältigte (und vielleicht überhaupt kaum zu lö­sende) Schwierigkeit tag darin, daß von Molibr» doch trotz aller Schonung zu wenig übrig, jedenfalls zu wenig spürbar blieb. Jean Dap- tifte Poquelin würde vermutlich gestaunt haben; wenn er hätte zusehen dürfen. Das typisch Fran­zösische, das für die damalige Literatur über­raschend Reue, vor allem das biographisch Wich­tige, das Moliöresche Bekenntnis und Selbstpor- trät ging verloren oder konnte nur geahnt werden.

Der zweite Tell der oben angedeuteten Doppel­aufgabe gelang erstaunlich. Man spielte eine mo­derne Gesellschafts- und Intrigenkomödie, welch« die Aktualität des alten Kems prägnant erwies und auch die tragischen Untertone wahrte, die daS Stück von jeher ausgezeichnet haben. Freilich war die leise Inkongmenz zwischen dem klassischen Versmaß und der neuzeitlichen Szenerie nicht zu überhören, obwohl man sie durch einen möglichst loderen, ungezwungenen Sprechton zu verwischen suchte Das aparte Bühnenbild von L o s s l e t entsprach dem Gesamtstil der Inszenierung voll­kommen.

Bäuerles Alcest war ganz sicher und über­legen gesehen und gesprochen: er blieb ste'S innerhalb der vom Dichter feftgelegten Grund­linien des Charakters und wirkte doch mit einer zwanglosen Ratürlichkeit wie ein Mensch unserer eigenen Zeit; und nicht einmal, worauf es hier ankam, wie ein zu spät geborener Sonderling. ... nur wie einer, der die Mächte seines Jahr­hunderts hellsichtig erkennt, an ihnen leidet und sich gegen sie wehrt.

Als Celimene war, wie wir hören, "Beatrice Doering in allerletzter Stunde eingesprungen; eine sehr anständige Leistung, wie sie in bet ganz kurzen Zeit mit dieser schwierigen, in vielen Halbtönen schillernden Rolle fertig wurde. Mit richtigem Gefühl, ruhig, gelassen und weltmännisch gab Hauer die bewußt einge­führte Kontrastftgur des Philint. Höchst witzig und liebevoll ausgearbeitet spielte We­se n e r den in einen schauderhaft modernen Lite­raten verwandelten Oronte. Elegant, knapp, scharf umrissen: Maria Koch als Arsinoe. Hilde Schwend (Eliante) hat leider nicht viel zu spielen. Zingel, Bruck, Schelcher ergänzten das Ensemble.

Ein interessanter Abend. CS gab viel Bei­fall. Schade, daß der Besuch so schwach war; man sollte sich diese lehrreiche und schenswertv Aufführung nicht entgehen lassen. bth.