Ausgabe 
20.11.1931
 
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Ur. 272 Zweites Blatt

8reitag, 20. November M

Stetzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

geht das ganz leicht) und die Arbeitslosenfrage ist gelöst. Die Frauenorganisationen widersprechen lei­denschaftlich. Ein großer Teil dieser Frauen sind Familienerhalter und auch die übrigen arbeiten nicht zum Vergnügen. Die Presse ist voll von leiden­schaftlichen Zuschriften. Alle haben recht, auf dem Wege der Beschränkung der Frauenarbeit sind im besten Falle nur magere Resultate zu er­hoffen. Aber alle haben auch unrecht, denn sie schla­gen eine andere Patentlösung vor: die Auswei­sung der ausländischen Arbeiter. Auch das läßt sich in der Theorie ganz leicht durch­führen und man kommt zu ganz beachtlichen Zah­len. Aber in der Praxis nützt es der stellenlosen Stenotl)pislin wenig, wenn der italienische Straßen­arbeiter ausgewiesen wird. Soziale Probleme lösen sich eben nicht wie Rechenexempel. Und mit jedem ausländischen Arbeiter, der geht, geht auch ein Ver­braucher .

Inzwischen wurde die koloniale A u s st e l - lung so ziemlich sang- und klanglos geschlossen. Die Paläste aus Mörtel und Pappe verschwinden und mit ihnen auch manche Hoffnungen Die Wirt­schaftslage der Kolonien wird nicht besser, sie brin­gen keine Hilfe und erschweren nur noch die Krise.

Krieg aus der ,,Insel der Schönheit".

Frankreichs Kampf gegen die Banditen auf Korsika.

Von unserem ^-Berichterstatter.

pariser Brief.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Paris, November 1931.

Die Banditen von Korsika ... Endlich fand man einen neuen Gesprächsstoff. Es war Zeit. Für die Gangster von Chikago interessiert sich keiner mehr. Korsika ist näher. Die Spalten der Sensationsblät­ter füllen sich-, man erwartet ungeduldig die letzten Meldungen von dem Krieg auf derInsel der Schönheit". Denn es ist ein regelrechter Krieg mit Panzerautos, Maschinengewehren, Kriegsschiffen, d>e die Küsten überwachen und Kriegsberichterstattern mit dreifarbigem Armband.

Die Gefühle, mit denen die öffentliche Meinung die großzügigen Operationen zur Besetzung der In­sel und die Verhängung des Ausnahmezustandes begleitet, sind allerdings geteilt. Im allgemeinen ist man in Frankreich zwar in Dingen der Justiz wenig sentimental. Die Pariser Geschworenen mit ihrer Nachsicht für diecrimes passionnels" ge­hören auf ein anderes Blatt. Mit der Verbrecher­welt hat man weniger Mitleid als irgend- w o Der unheimliche Ruf der französischen Strüf- lingskolonien kann das bekräftigen. Aber die Ban­diten in Korsika sind nun mal in der Mehrzahl keine ganz gewöhnlichen Verbrecher. Für sie spricht das wildromantische Milieu, eine blutige Tradition und ein unbestimmtes Etwas, das die Dinge in Korsika in einem anderen Lichte erscheinen läßt. Die fried­lichen Inselbewohner, die von den Banditen erpreßt und hingemordet werden, haben aber kein Verständ­nis für Romantik. Nichtsdestoweniger gibt es in Paris sehr viele Korsen, die in der ganzen Aktion eine lächerliche Uebertreibung erblicken. Und die Pariser, die authentischen Pariser, sprechen mit einem kleinen Lächeln vor der ganzen Ge­schichte, denn zu allem, was auf Korsika geschieht, gehört neben ungeheuer viel Romantik auch ein Schuß Lächerlichkeit.

Die Korsen haben immer darunter zu leiden. Dabei bilden sie in Frankreich ein unentbehrliches Element. Ihre Rolle in der Verwaltung ist außer­ordentlich groß. Man glaubt im Auslande, Frank­reich verwalte Korsika. In Wirklichkeit ist es eher umgekehrt. Die Korsen verwalten Frank­reich. Man findet sie in allen Aemtern, und sie tragen die Uniform besonders gern. Es ist schwer, sich das offizielle Frankreich ohne Korsen vorzu­stellen. Umgekehrt: Korsika ohne Franzosen das ginge schon eher. Die Italiener tun das auch ganz gerne ... Es ist also zu verstehen, wenn nicht alle Korsen die Besetzung ihrer schönen Insel gerne sehen. Das bedeutet aber nicht, daß sie nicht ihre Banditen, die übrigens zum Teil vom Festlande stammen, loswerden wollen. Diebandite d'hon- neur existieren mehr in den Romanen. Die Ban­diten der Realität schrecken vor Meuchelmord und Erpressung keineswegs zurück. Die berühmte kor­sische Wildnis, diemaquis", gewährt ihnen Unter­schlupf. Leider auch die arme Bevölkerung einiger Dörfer, denn die Banditen sind großzügig mit dem Geldc der anderen. Und in diesem Punkte mischt sich eine komplizierte soziale Frage in die Räubergeschichte. Dem Korsen fällt es schwer, einen Verfolgten auszuliefern, die Familien halten in einem unglaublichen Maße zusammen, die Moral­begriffe sind vielfach anders als auf dem Festlande. Die Blutrache erscheint nicht unbedingt als verwerf­liche Sünde, der dafür Verfolgte kann auf Nachsicht rechnen. Es war nur)limm, daß die Dinge sich soweit entwickeln mußten, daß der blühende Frem­denverkehr ruiniert wurde und einige Banditen die Wahlen beeinflußten und Obrigkeit spielten. Es mußte eingegriffen werden, und zwar mit großer Kraftentfaltung. Harten sind dabei nicht zu vermeiden, Massenverhaftungen sind not­wendig. Denn die Maquis ist groß und die Leute gehen dort alle mit Flinten umher. Sie können schließlich ja keine Aktenmappen in der Wildnis brauchen. Aber es ist darum schwer zu unter­

scheiden, wer zu den Banditen gehört und wer ihnen nur aus Angst vor Rache gehorchte. Denn sich zu widersetzen wagt keiner.

Einen Vorteil haben die Räubergeschichten von Korsika: Sie lenken die Aufmerksamkeit von ande­ren Dingen für einen Augenblick ab. Es gibt nach der Statistik der Gewerkschaften. eine halbe Million von Arbeitslosen in Frank­reich und anderthalb Millionen Kurzarbeiter. Die Sorge wird immer drückender. Man sucht, wie in allen solchen Fällen, nach Patentlösungen. Die eine glaubte der große Arzt, der Akademiker Richet ge­funden zu haben. Abschaffung oder Ein­schränkung der Frauenarbeit. Es soll in Frankreich über achteinhalb Millionen erwerbs­tätiger Frauen geben. Sie sollen in die Fami­lie zurückgeführt werden (auf dem Papier

Wirtschaft.

SchultheiS-pahenhofer-AG.

In der gestrigen Sitzung des 2l u f s i ch t s - rates der Schult heis-Pahenhofer Drauerei-AG. erstattete der Delegierte des Aufsichtsrates Dr. S ch i f f e r e r Bericht über die bisher getroffenen Maßnahmen, die Geschäfts­lage und die finanziellen Verhältnisse der Gesell­schaft. Danach hat der Prüfungsausschuß unter dem Vorsitz des Staatssekretärs Dr. P o p i h seine Prüfung weitgehend gefördert, jedoch noch nicht abgeschlossen. Der Absatz der Schultheis-Pahen- hofer Vrauerei°AG. zeigt eine normale Entwick­lung. Die Abhebung von Depositen ist wesentlich zurückgegangen. Die Klärung der Verhältnisse ist soweit erfolgt, daß die Bilanz per 31. August 1931 aufgestellt werden kann. Die Bilanz wird eine bereinigte Bilanz sein und auf diese Weise eine zuverlässige Grundlage für die Gesundung und den Wiederaufbau der Gesellschaft bilden. Cs ist ein Finanz- und Zahlungsplan für die Zeit vom 1. Dezember 1931 bis 31. August 1933 entworfen. Auf Grund dieses Zahlungsplanes kann bereits im laufenden Geschäftsjahr eine beträchtliche Schuldentilgung einsetzen, die im Jahre 1932/33 im verstärkten Maße fortgesetzt werden kann. Die Generaldirektoren Dr. Sobernheim, Funke und K u h l m a h stellten dem Aufsichts­rat mit Rücksicht auf die gegen sie eingeleitete gerichtliche Voruntersuchung ihre Aemter zur Ver- siigung. Der Aufsichtsrat hat die Herren ersucht, in ihren Aemtern zu bleiben, um einen unge­störten Fortgang des Geschäftsbetriebes zu ge­währleisten.

* D ie Zinsverbilligung für Kre­dite auf Ger st e und Hafer verlän­gert. Die Zinsverbilligung für die zu Gerste- und Haferankäufen von getreideverarbeitenden Fabrikbetrieben in Anspruch genommenen Wech­selkredite ist bis zum 20. Dezember 1931 ver­längert worden. Voraussetzung der Zinsverbil­ligung ist, daß die zugrunde liegenden Käufe bis zum 20. Dezember 1931 abgeschlossen und erfüllt sind. 3n der Deutschen Rentenbank-Kreditanstalt einzureichenden Anträgen bedarf es der Angabe, ob eine Verarbeitung zu menschlichen Ernäh­rungszwecken erfolgen wird. In gleicher Weise ist die Zinsverbilligung von Bevorschussungen auf abgeschlossene Gerste- oder Haferlieferuags- vertrüge verlängert worden. Die Wechsel müssen bis zum 20. Dezember 1931 diskontiert sein.

* Zahlungsein st ellung der Ber­liner Bank für Handel und Grundbe­sitz AG. Die Berliner Bank für Handel und Grundbesitz AG., Berlin (Kapital 2 000 000 Mk.) hat gestern ihre Schalter geschlossen. Die Reichs­regierung hat die erforderlichen Maßnahmen er­griffen, um eine ruhige Abwickelung der Bank zu

gewährleisten. Es ist beabsichtigt, die Abwicke­lung durch die Dresdner Bank vornehmen zu las­sen. Die Reichsregierung wird zu diesem Zweck I der Dresdner Bank eine Summe zur Berfügung stellen, um mit ihrer Hilfe eine Vereinbarung mit den Kreditoren der Dank über die Art der Ab­wickelung herbeizuführen. Die Zahlungseinstel­lung ist nach Mitteilung des Reichsbankkommis­sars hauptsächlich auf nicht einwandfreie Hand­lungsweise des Vorstandes der Gesellschaft zu­rückzuführen. ' Es sind bereits die erforderlichen Schritte bei der Staatsanwaltschaft veranlaßt worden. Die Unregelmäßigkeiten bestehen darin, daß in der Bilanz vom 13. Dezember 1930 Debi­toren in laufender Rechnung mit 62 Mill. Mk. ausgewiefen wurden, während tatsächlich in dieser Position auch Beteiligungen und Grundstücke ent­halten waren. Außerdem sind Zinseingänge ver­bucht worden, ohne daß die entsprechenden Zah­lungen wirklich geleistet worden sind. Die Bank befindet sich bere ts seit längerer Zeit in Schwie­rigkeiten, die sich beionders zu den Hauszinssteuer­terminen bemerkbar machten. Da nach den An­gaben des alleinigen Borstandes Willy Seiffert, der gleichzeitig Hauptaktionär ist, jedoch nur eine Illiquidität vorlag, hat das Reich bereits 3 Mil­lionen Mk. über die Dresdner Bank gegen Sicher­heit zur Verfügung gestellt. Eine weitere Stützungsaktion durch das Reich ist jedoch nicht mehr möglich, weil sich inzwischen herausgestellt hat, daß ein beträchtlicher Passivsaldo besteht.

* Reue Aufträge für d ie Siemens- Schuck ertwerkö. Die Siemens-Schuckertwerke haben für die Societa Electrica Razionale Mi­lano vier Großgleichrichter für eine Gleichspan­nung von 3500 Volt in Auftrag erhalten. Die Gleichrichter sind für zwei Unterwerke der Heber» landbahn ModenaCavezzo in der Rähe von Bologna bestimmt. Für das Laboratorium der Gesellschaft für drahtlose Telegraphie, Tele­funken G. m. b. H., haben die Siemens-Schuckert­werke eine Großgleichrichteranlage für eine Gleichspannung von 28 000 Volt zu liefern; die Anlage ist umschaltbar für eine Gleichspannung von 14 000 Volt.

Oie Devisenmärkte ruhig.

An den internationalen Devisen­märkten eröffnete das englische Pfund gestern vormittag vollkommen unverändert zu vorgestern, nämlich mit 3,7710 gegen den Dollar. Gegen mittag schwächte es sich aber wieder leicht ab und ging auf 3,7(60 zurück. Gegen Paris war es mit 96,25, gegen Zürich mit 19,40, gegen Amsterdam mit 9,40 und gegen die Reichsmark mit 15,90 etwas leichter. Der Dollar war un­verändert, die Reichsmark behauptete sich; in Amsterdam notierte sie 59,15, in Zürich 122,20, in Paris nannte man sie mit 607 etwas fester.

Zwischen Tod und Leben.

. Don Mox Mohr

Mohrs VolksstückKalteisergeist" wird am Montag im Stadttheater von der Thoma- Bühne aufgeführt werden.

Längst eh die Hilfe aus dem Tal kam, hatte er sie gefunden. Sie lag unterhalb der <ochispitze, drei Meter unterhalb, zwischen zwei harschtigen Platten zerdrückt, wie unter einem kleinen eingesturzten Tor. Den Fußspuren nach waren sie auf ihrer Suche schon öfters an dieser Stelle oorbeigekommen. Aber die beiden mörderischen Platten hatten sich in ihrem Oberteil so fest ineinandergeschoben, daß man es für einen einzigen massiven Block halten mußte.

Ohne große Mühe ließ sich der Leichnam srei- leqen. Die Platten ließen sich nach den Seiten schie­ben wie zwei Grustdeckel. Sie rutschten ab und zer­bröckelten. Da lag sie, in einer freien kleinen Grube, und er setzte sich daneben in den Schnee, dicht da­neben Sie war schon kalt, ganz kalt. Weg, ab­gewandt, weit weg. Der Hals war blutig oer- jdjrammt, das Gesicht war rein und unbeick-adigt. Offenbar war es die Wirbelsäule gewesen, das Kreuz, der Nacken, dort hatte es sie zerbrochen. Von den Brettern war wenig mehr zu sehn. Nur an dem einen Fuß hing noch ein kleines Stück, die zerfetzte Bindung, das zersplittere Hickoryholz. Dw Hose und dic Jacke waren nur wenig zerrissen. Das Gesicht sckien zu lächeln, ein kleines Babylachen, weithin. Fanny Purgasser, unter den Toten noch jung, je­doch bereits sehr abgewandt von den Lebenden. Er begann zu meinen. Er brauchte sich nicht mehr vor ihr zu schämen, auch wenn sie noch jung war unter den Toten. Er brauchte sich nicht zu verhalten, auch wenn sie erst so wenig eingewöhnt war in ihren Tod, daß sie's noch fühlte. Er weinte ja nicht um sie... Im Gegenteil es war, was sie betraf, em tiefes Glucks- qef'ühl bei' alledem zu spüren. Er hätte nie vermocht, sie so stark zu besitzen und in sich zu bergen wie er s jetzt vermochte. Sie war ihm weniger verloren jetzt als ehedem. Jetzt war sie ihm erst ganz gewonnen. Jedoch er weinte.Hallo? Herr Glenn? Eine feste, helle Männerstimme rief von oben.

Er sprang auf, wischte sich die Tränen ab, strich mit einem letzten Streicheln über das Gesicht der Toten, dann riß er sich zusammen und rief mit fester

Stimme, grab so fest wie die Stimme des Rufers: Hier, hier, gefunden." Drei Minuten später waren sie da, der Planer und der Doktor Ragaz. Ragaz sprang zuerst in die kleine Grube, danach der Planer. Beide waren rot wie Krebse, triefend vam Schweiß, schwer bepackt mit dem alpinen Handwerkszeug. Tat?" fragte Ragaz. Er trat hin und beugte sich darüber.Oh, das tun mir leid." Er drehte mit einem festen Griff den Leichnam um und betastete den Rücken mit ein paar schnellem kundigen Griffen. Dann stellte er wieder die alte Lage her und legte den einen Arm, der abgeglitten war, sanft auf die Brust zurück.Das Rückgrat, im Nacken, sie war sofort tot, sie hat nichts gespürt, ein schneller Tod das, was wir uns alle wünschen." Er sprach ohne jede Erregung.

Besten Dank, daß Sie so schnell gekommen sind, Doktor Ragaz", sagte Glenn.Aber ich bitte Siel" Er kletterte aus der Grube heraus und schaute von einem hohen Block herab über das Feld. Der Planer starrte mit einem oorwurfsvollen Blick auf die Tote. Glenn .stand ganz teilnahmslos neben ihm. Sie schwiegen eine kleine Weile. Schließlich sagte der Planer:Schad' um das schöne Frauenzimmer", und wandte sich und stieg zu Doktor Ragaz, der den Gang der Lawine und die Schispuren, die in die Mulde zogen, zu studieren schien.Der Herr Glenn ist Zeuge", sagte er, als er neben Ragaz stand, ,ich wollte droben fahren. Herr Doktor Ragaz, ich weiß genau so gut wie Sie, daß wir unter den Felsen hätten queren müssen. Aber wenn die Dame unter allen Umständen hier herübergewollt hat! Der Herr Glenn ist mein Zeuge, daß ich sie hab' abhalten wollen, daß ich die Verantwortung abgelehnt hab', daß sie alle zwei auf eigene Verantwortung hier gegangen sind"

Ach was", unterbrach ihn Ragaz grob,ich glaub es Ihnen ja, Herr Planer, ich glaub' Ihnen alles, ich sag' ja kein Wort." Der Ploner warf auf einer breiten Scholle feinen Packen und sein Gerät ab und hockte sich nieder. Er begann in seinem Rucksack zu kramen.Haben Sie schon etwas gegessen, Herr Glenn?" rief er nach einiger Zeit in die Grube hin­unter.Nein, ich habe keinen Appetit", rief Glenn zurück,besten Dank." Er hatte gemerkt, daß Doktor Ragaz unzufrieden mit dem Führer war und sprach jetzt auch in trotzigem Ton mit ihm.Essen Sie nur, essen Sie sich nur voll."Nein, das ist verkehrt , I sagte Ragaz und stieg von seinem Black herunter. 1 Sie müssen etwas essen, Herr Glenn, da hat der

Papa Planer vollkommen recht." Der Planer war über diese Zustimmung sehr erfreut.

Der Herr Glenn hat seit dem Kaffee im Pürsch- haus nichts mehr im Bauch, Herr Doktor. Er kommt uns ja ganz von der Kraft, wenn er jetzt nichts ißt. Hier ist Käse und Brot, Herr Glenn, und eine halbe Flasche Wein ist auch noch da."Los, folgen Sie ihm", sagte Ragaz zu Glenn.Er hat ganz recht. Wenn jemand tot ist, muß etwas gegessen werden, das ist so auf der Welt." Er ging mit gutem Beispiel voran und setzte sich zu dem Führer auf die Scholle und ließ sich zu essen geben. Brot und Butter und Käse, danach Wein. Er selbst hatte einen kleinen Roll­schinken in der Tasche und bot dem andern davon an. Essen Sie, greifen Sie zu, Herr Glenn, hier ist noch ein Schluck Wein, Lis ist das beste zum Anfang, dann rutscht es besser hinunter."

Glenn nahm die Flasche und trank sie aus. Dann begann er mit Appetit zu essen. Die Sonne war noch hoch, der Schnee strahlte noch den Rest der Mittags­glut in die Lüfte zurück. Sie aßen schweigend den Vorratsbeutel des Planer leer. Ragaz ergänzte das Mahl mit feinem Taschenproviant. Es tzad Roll­schinken und Sardinen, Butterbrot und Käse, zwi­schendurch einen Schluck aus der kleinen zerbeulten Aluminiumflasche, die swon im Tian-Schan und in Labrador gewesen war, halb Tee, halb Enzian. Die Butterbrote, die der Poner schmierte, waren vier Handbreit groß. Sein Schwarzbrotlaib war gerade am weitesten Umfang angelangt und durfte offenbar, einem geheimen alpinen Gesetz zufolge, nicht anders geschnitten werden als ums ganze Rund herum. Dann rauchten sie ein paar Zigaretten. Dann gingen sie daran, die Leiche zu bergen.

Zeitschriften.

Philosophie und Lebe n" Ijg, von Professor Dr. August Messer, Verlag Felix Mei­ner, Leipzig. VII. Jahrgang 1931. Viertels. 3 Hefte 2 Mark, Einzelheft 0,80 Mark. Das Novemberhest bringt den Schlußteil des Aufsatzes über die Freiheit des menschlichen Wollens von dem Hallenser Privat- dozenten Dr. Hans Reiner, der dem so viel erörterten Problem neue Seiten abgewinnt. Ein weiterer Auf­satz entwickelt die Grundgedanken der Kritik, die Leonard Nelson an der Demokratie und dem Marxis­mus geübt hat. Aus dem Nachlaß von Paula Messer- Platz stammt die SkizzeTätige Liebe". In der

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Reichspräsident v. Hindenburg beim Verlassen der Dreifaltigkeitskirche in Berlin, wo er an dem Bußtags-Gottesdienst teilgenommen hatte.

Die dänische Krone, zu deren Schuh eine Gesetzes- Vorlage im dänischen Reichstag angenommen wurde, tendierte schwächer, während sich die an­deren Rorddevisen ziemlich behaupteten. Von den südamerikanischen Devisen war Buenos eine Kleinigkeit schwächer, während Rio unverändert blieb.

Am Rachmittag war das Geschäft außer­ordentlich ruhig, die Veränderungen in den einzelnen Devisen waren nur gering. Das Pfund hat sich nach vorübergehender leichter Befestigung wieder auf 3,7690 abgeschwächt, gegen den Gulden schloß es mit 9,3675, gegen Zürich mit 19,36, gegen Paris mit 96,19 und gegen die Reichsmark mit 15,8250. Der Dollar konnte einen kleinen Gewinn am Rachmittag ebenfalls nicht aufrecht erhalten. Die Reichsmark war behauptet, in Amsterdam schloß sie mit 59,15 und in Zürich mit 122,05- Die Rorddevisen waren knapp gehalten, die südamerikanischen Devisen waren vollkommen unverändert. Madrid ten­dierte etwas leichter.

Auslandbörsen schwach.

Die Londoner Börse war gestern aus­gesprochen schwach, es ergaben fid) bis zum Schluß weitere Kursrückgänge. Die Berufsspekulation schritt allgemein zu Realisationen. Britische Staatspapiere schlossen etwas stetiger, doch waren deutsche Bonds erneut abgeschwächt.

An der Pariser Börse waren die Kurse im Verlaufe mehrfachen Schwankungen unter­worfen, doch schloß der Markt unter Vortags­basis.

Die Amsterdamer Börse blieb auch im Verlaufe schwach und schloß bei geringen ilm- "sähen zu den niedrigsten Tageskursen.

An der Wiener Börse war die Grund­stimmung zwar nicht unfreundlich, doch ergaben sich eher kleine Kursrückgänge.

Die Reuyorkcr Börse eröffnete bei leb­haften Umsätzen in schwächerer Tendenz.

Fest in Frankfurt.

Frankfurt a. M., 19. Rov. 3m heutigen telephonischen Freiverkehr war die Tendenz am Aktienmarkt trotz der schwachen Ausland­börsen und der unklaren politischen Situation überraschend fest. Irgendwelche Motive waren hierfür von keiner Seite zu hören, so daß die Kurserhöhungen wohl in der Hauptsache aus das fast vollständige Fehlen von Angebot zurück­zuführen waren. Vom Auslande kommt aus den bekannten Gründen kein Material an den Markt,

Aussprache" wird vor allem die Erörterung des Kriegsproblems (im Anschluß an das Juli- und Oktoberheft) fortgeführt.

Oie Fahrt durch das Silber-Meer.

Eine ungewöhnliche Erscheinung von märchen­hafter Schönheit, die kürzlich beobachtet wurde, wird von den Passagieren des Dampfers der OrientgcsellschaftOrsova" geschildert, die jetzt in Sydney in Australien angelangt sind. Kurz nach Sonnenuntergang erhielt das Meer plötzlich eine milchweiße und leuchtende Färbung. Eine Stunde lang war nur ein schwaches Leuchten zu bemerken, aber in der Zeit zwischen 8 Uhr und 11 Uhr abends verwandelte sich die ganze Wasserfläche um das Schiff, soweit das Auge reichte, in einen strahlenden Silberglanz, der immer Heller wurde, bis das Meer schließlich vollkommen weiß erschien. Dunkle Wolken, die sich am Horizont auftürmten, bildeten einen merkwürdigen Gegensatz zu dem leicht gewellten silbrigen Wasser. Gelegentlich tauchten dichte Massen von Gewächsen der Mee­restiefe an der Oberfläche auf und verbreiteten so­fort einen phosphoreszierenden Schimmer, der immer stärker wurde, bis das Ganze weiß leuch­tete. Dann hatte man den Eindruck, als wenn das Schiff an silbernen Inseln auf einem leuch­tenden Meer vorbeifuhr.Es war ein so mär­chenhafter Anblick, daß wir ihn nie vergessen wer­den", erklärten die Reisenden.Die seltsame Schönheit dieser geheimnisvollen Lichtfülle hielt uns so magisch in ihrem Bann, daß keiner den Blick abwenden konnte. Erst als der Mond er­schien, erhielt das Meer wieder sein gewöhnliches Aussehen, und wir erwachten wie aus einem Traum." Die Schifssoffiziere ließen Boote herab und schöpften Proben des Meerwassers, das bei näherer Betrachtung ganz normal erschien. Spä­ter ersuhr man, daß von einem indischen Obser­vatorium zu der Zeit, als dic Erscheinung vor sich ging, ein Erdbeben verzeichnet wurde. 'Die Ge­lehrten in Sydney, die das Wasser untersucht ha­ben, glauben, daß das Phosphoreszieren durch winzige Meer-Tierchen hervorgerufen wurde, die unter gewissen Umständen leuchten. Wahrschein­lich hat das Erdbeben zu diesem Schauspiel bei­getragen, indem es riesige Massen von Seetang vom Meeresboden losriß. Als diese die Ober­fläche erreichten, begannen sie zu leuchten.