Nr. 245 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, 20. Oktober 1931
Herr Laval beehrt sich...
Der Besuch des französischen Ministerpräsidenten in den Vereinigten Staaten. Eine Zweck-Visite, nicht ein Höflichkeitsbesuch. - Die Amerikaner und Frankreich. 3m Hintergrund droht der Kongreß.
Von unserem A. G. A.-Korrespondenten.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) N e u y 0 r k, Oktober 1931.
Als der Präsident der Vereinigten Staaten im Juni mit seinem Feierjahrsplan hervortrat und Paris seine Zustimmung so lange vorenthielt, bis Deutschland inmitten der zweiten Krise stand, schlug die amerikanische Presse der sonst so heißgeliebten Marianne gegenüber einen Ton an, der auch den dickfelligsten Geldsackbesitzern an der Seine auf die Nieren gegangen sein muß. Das amerikanische Volk, als Ganzes genommen, hat einen gewaltigen Respekt vor seinem Präsidenten. Nicht so sehr vor dem jeweiligen Inhaber des Amtes, sondern vor dem .Amte selbst, dem eine Macht innewohnt wie kaum einem zweiten auf Erden. In diese Ehrfurcht teilen sich die landläufigen Demokraten mit den dito Republikanern, und man geht kaum zu weit, wenn man behauptet, daß das Gros der Bevölkerung auch in an sich belanglosen Aeußerungen des Landesoberhauptes so etwas wie gottbegnadete Weisheit erblicken zu können glaubt. Bei der absolut ungeteilten Zustimmung, die Herrn Hoovers Moratoriums-Vorschlag hier fand, die Einmütigkeit, mit der man ihm zujubelte, bot sich der Oeffentlichkeit ein ganz triftiger Grund, seinem Unmute über Frankreichs Halsstarrigkeit Luft zu machen. Die traditionelle Franzosenfreundlichkeit bekam einen Riß, und daß Paris sich den Abrüstungsideen der nordamerikanischen Regierung gegenüber so urige- bärdig zeigte, trug natürlich auch nicht gerade zur Beschwichtigung der Gemüter bei. Als dritter Stoß kam die brüske Behandlung, die man an der Seine Grandis Anregung eines Rüstungs-Feierjahres zuteil werden ließ.
Die Berichterstatter der Pariser Presse scheuen hohe Kabelpreise keineswegs, wenn es sich darum handelt, die Leser ihrer Blätter über das, was man gemeinhin öffentliche Meinung nennt, zu unterrichten. Ihre Kabel, ergänzt durch briefliche Auszüge aus amerikanischen Zeitungen, scheinen nachgerade am Quai d'Orsay einen solchen Grad von Besorgnis hervorgerufen zu haben, daß Herr Laval sich entschlossen hat, dem Beispiele seines Kollegen Macdonald zu folgen und sich mit Herrn Hoover in der Wald- eivs->mkeit des Äapidan-Bergbaches auf einen gestürzten Daumriesen zu sehen, um in trauter Zw.e,prache den schlechten Eindruck zu „berichtigen", den Frankreichs Bereitelung eines Erfolges der Londoner Abrüstungs-Konferenz, seine Halsstarrigkeit gegenüber dem Kriegsschulden- und Kriegstribut-Moratorium und gegenüber Grandis Borschlag hier gemacht haben.
Natürlich hat Englands Abkehr von der goldenen Unterlage für seine Währung Herrn Laval einen weiteren Grund für die Beschleunigung seiner Amerikafahrt gegeben. Die Bereinigten Staaten und Frankreich haben als Besitzer einer starken Mehrheit des Welt-Goldbestandes ein großes gemeinsames Interesse daran, die Ausbreitung dieses Geldfiebers, das Umsichgreifen dieser Goldflucht, das sich noch mehr als jetzt schon ausdehnen wird, wenn England nicht über kurz oder lang zum Goldstandard zurückkehrt, zu verhüten. Und wahrscheinlich wird auch die Silberfrage in den Bereich der Erörterungen einbezogen werden. Bor allem aber wird der französische Premier die ganze Macht seiner Ueberredungskunst dazu einsehen, um in dem Leiter der amerikanischen Regierungsgeschäfte einen Freund für sein Land zu gewinnen.
Das dürfte keine leichte Aufgabe sein. Wenn man in einem so stramm republikanisch-regierungstreuen Blatte, wie die „New Porter Eve- ning Post" es ist, liest, daß „Herr Laval hier beträchtliche Irritation finden wird, die er zu beschwichtigen haben wird", und weiter „der Präsident (Hoover) hat seit der Zeit, als er im Kriege mit den Franzosen zu tun hatte, herzlich
wenig Liebe für sie übrig gehabt: seine Erfahrungen mit ihnen auf der Londoner Abrüstungs- Konferenz und bei den seitherigen Unterhandlungen über Abrüstung waren keineswegs angenehm. Außerdem hat man sich anläßlich der Starrköpfigkeit Frankreichs im Zusammenhang mit den jüngsten Moratoriums-Verhandlungen hier mächtig geärgert. Die Regierung macht die Saumseligkeit der Franzosen im Eingehen auf das Moratorium für die zweite deutsche Krise verantwortlich" ... wenn man ähnliches in ungezählten anderen Zeitungen ausgesprochen findet, so darf man wohl sagen, daß Herr Hoover dem französischen Premier seine Arme nicht so weit öffnen wird, wie seinerzeit dem englischen.
Das amerikanische Volk erblickt heute in der grande Nation ein Volk, das kein Verständnis dafür hat, welche Gefahren in den Geldverlegenheiten und der Möglichkeit daraus resultierender innerer Unruhen seiner Nachbarländer für Frankreich selber liegen. Man hört diese Ansicht nicht nur bei außenpolitischen Kannegießern, man hört sie von Männern wie Senator B 0 r a h, man hört sie in Washington, wo immer Leute zusammenkommen, die die Vorgänge in anderen Weltteilen aufmerksam verfolgen. Das scheint man in Paris zu wissen: man scheint einzusehen, daß der nachbarliche Brand sich ausdehnen mag, und darum kommt Herr Laval nach den Vereinigten Staaten. Herr Laval wird sich bemühen, Präsident Hoover über die ungünstige Ausnahme, die seine „die Lebensinteressen Frankreichs so gründlich außer acht lassenden plötzlichen Entschlüsse" in Frankreich gefunden haben, aufzuklären. Er wird ihn vielleicht sogar höflichst ersuchen, in Zukunft den so empfindsamen Parisern solche Ueberraschungen nach Möglichkeit zu ersparen. Er wird dem Präsidenten klarzumachen versuchen, warum Frankreich, wie es behauptet, sich nicht in der Lage sieht, Herrn Hoover auf den für Paris so „riskanten" Pfaden der Abrüstung zu folgen. Er wird höchstwahrscheinlich versuchen, ein Entgegenkommen in dieser heiklen Angelegenheit gegen die Zusicherung einzutauschen, daß die Vereinigten Staaten geneigt wären, sich, wenn auch nur in der Form eines Gentlemens Agreement, hinter Frankreich zu stellen pnd sein Verlangen nach dem berühmten „konsultativen" Abkommen zu unterstützen. Er wird mit dem Präsidenten einen Ausflug in das neblige Gebiet der Kriegsschulden unternehmen, wird über die Verlängerung des Feierjahres mit ihm sprechen, wird ihm über die Ergebnisse Kes Berliner Besuches, die Fortschritte der Annäherung Frankreichs und Deutschlands berichten, an denen die Vereinigten Staaten zweifelsohne das größte Interesse haben, kurz, er wird alles aufbieten, um die Wolken zu verscheuchen, die jetzt die Aussicht vom Washingtoner Kapitol nach dem Eifelturm so bedenklich trüben.
Natürlich wird Herr Laval sich ausgiebigst interviewen lassen und wird auch vor das Rundfunk-Mikrophon treten, um dem geehrten Publikum Artigkeiten in französischer Tunke zukommen zu lassen. Das ist ganz selbstverständlich, und der französische Botschafter wäre den zehnten Teil seines Gehaltes nicht wert, wenn er diese Große Chance zu einem Appell an die „große Schwesternation" ungenützt vorübergehen ließe. Wir sind gespannt darauf, welchen Erfolg Herr Laval mit seinem Debüt erzielen wird. Aber, was immer er auch in Washington erreichen mag, so hat er letzten Endes die Rechnung ohne den Wirt gemacht, wenn es ihm nicht gelingt, eine Mehrheit der Mitglieder beider Häuser des Kongresses für sich und sein Land zu gewinnen. Hnd da liegt der Hase im Pfeffer, denn die politische Konstellation in der
Der größte Erfinder unterer Seit
Zum Tode Thomas A. Edisons.
Von Richard Tlieburg.
Als vor einigen Wochen Charlie Edison, der Sohn des großen Erfinders, in London eintraf, mußte er sich natürlich sofort über feinen Vater äußern. Er beschrieb, wie der vierundachtzigjährige Mann noch immer seinen Experimenten lebt und wie er Schlaf und Mahlzeiten vergißt, wenn ein technisches Problem ihn beschäftigt. „Mein Vater arbeitet auch am Tage meist bei elektrischem Licht", sagte er, „und merkt infolgedessen nicht, wie der Tag sich in die Nacht verwandelt. Hm nicht gestört zu werden, läßt er bei besonders wichtigen Versuchen alle Hhren an den Wänden stillstehen. Aus seinem Arbeitstisch liegen stets ein paar Zwiebacke und einige Tafeln Schokolade: das genügt ihm, falls er hungrig wird. Mein Vater behauptet, daß alle großen Entdeckungen zu 99 Prozent dem menschlichen Fleiß und nur zu einem Prozent dem Genie des Erfinders zu danken seien."
Edisons Genie bleibt dennoch unbestritten. Es hat mehr Menschen gegeben, die Tag und Nacht im Laboratorium verbracht haben, ohne deshalb den Phonographen oder die Kohlenfadenlampe zu erfinden, ohne den Fernsprecher zu verbessern und einen Einfluß auf die Entwicklung der Technik au^jüben, wie dies vor Edison noch keinem Menschen gelungen ist. Etwa 2000 Patente hat Edison in Amerika eintragen lassen, in feiner besten Zeit etwa alle 10 bis 11 Tage ein Patent. Und es waren keine kleinen Erfindungen, die er sich schützen lief). Er war der erste Mensch, der sich im Hauptberuf als Erfinder bezeichnen konnte. Hatte er die Lösung eines Problems gefunden, so verlor für ihn damit jenes ganze technische Gebiet, zu dem dieses Problem gehörte, an Bedeutung, und er ging zu einem neuen Kreis von Ausgaben über.
Dieser universale Kopf, der die Naturwissenschaften beherrschte wie kaum ein Mensch vor und nach ihm, hat auf der Schule nichts gelernt, keine Universität besucht und keine Vorlesungen gehört. Er war Autodidakt. Am 11. Februar 1847 wurde Thomas Alva Edison als Sohn eines kleinen Ge
treidehändlers, der aus politischen Gründen aus Kanada geflohen war, in Milan im Staate Ohio geboren. In der Schule hielt man ihn für völlig unbegabt. Die Mutter unterrichtete ihn deshalb zu Hause, aber auch dieser Unterricht war ihm nicht lange vergönnt. Mit 12 Jahren mußte er sich selbst ernähren, als Zeitungsjunge, der im Gepäckwagen der Eisenbahn mitfuhr und auf jeder Station Zeitungen verkaufte. Im Gepäckwagen legte er sich seine eigene Handdruckerei an und druckte nun, sein eigener Unternehmer, auf eigene Faust eine kleine Zeitung in 200 bis 300 Exemplaren. Da veröffentlichte er Nachrichten etwa folgender Art: „John Robinson, Vorsteher der Gepäckabteilung der Station Iames Creel, ist gestern auf dem Bahnhof gestürzt und hat sich das Bein verletzt. Alle Gepäckmeister sind trostlos." Das wurde auf den Stationen gern gekauft und war ein sicheres Geschäft. Aber in demselben Gepäckwagen richtete sich der junge Edison auch ein kleines chemisches Laboratorium ein, um während der Fahrt zu experimentieren. Durch einen unglücklichen Zufall zerbrach einmal eine Phosphorflasche, es entstand ein kleiner Brand, der leicht gelöscht werden konnte, aber zur Folge hatte, daß der junge Chemiker samt seinen Flaschen und Apparaten unsanft an die Luft befördert wurde. Dabei soll sich ein Schaffner so grob benommen haben, daß Edison sich das Ohrenleiden zuzog, das schließlich zum völligen Verlust seines Gehörs geführt hat.
Berühmte Aerzte sollen später Edison vorgeschlagen haben, ihn durch eine leichte Operation von seiner Taubheit zu heilen. Aber er lehnte ab. Nach Jeiner Ansicht hatte er gerade der Taubheit titele Erfolge zu verdanken, denn sie schützte ihn vor Ablenkung durch allerlei Geräusche und bewahrte ihn auch vor nutzlosen Unterhaltungen, die ihn nur vom Laboratorium ferngehalten hätten. Sein Leben galt nicht dem Vergnügen, sondern dem Experiment, der Erfindung. Nachdem man ihn aus dem Gepäckwagen herausgeworfen hatte, richtete er sich ein kleines Laboratorium in der Dachkammer des väterlichen Hauses ein und studierte ein paar Elementarbücher über Telegraphie. Schließlich erhielt er eine Anstellung als Telegraphenbeamter bei einer nordamerikanischen Eisenbahn. Die Apparate, mit denen er täglich zu arbeiten hatte, erschienen ihm sehr unvollkommen, und er verbesserte sie
gesetzgebenden Körperschaft der Vereinigten Staaten, die im Dezember zusammentritt, unterscheidet sich ganz wesentlich von der des letzten Kongresses. Es wird Herrn Hoover nicht leicht sein, sein Regierungsprogramm durchzubringen: die Herren Gesetzgeber — namentlich die aus dem Westen des Landes — sind nicht in der Stimmung, alle Pläne des Präsidenten ohne weiteres gutzuheißen, und auch die Vertreter der Industriestaaten des Ostens haben allerlei auf der Pfanne, was nicht auf dem Programm der Administration steht und nicht hineinpaßt. Es brauchen sich nur ein paar ergrimmte Republikaner der demokratischen Opposition anzuschließen, und das Repräsentantenhaus wird arbeitsunfähig sein. Für seine Organisierung, die Wahl eines
Vorsitzers (Sprechers), die Ernennung der Ausschüsse usw. stehen bis zu dem Tage, an dem die nächsten Kriegsschuldenzahlungen fällig sind, nur fünf Tage zur Verfügung, vorher muß das Feierjahr bestätigt werden, wenn es Gesetzeskraft und Gültigkeit erlangen soll.
Herr Laval ist kein Träumer, er gibt sich also Wohl auch in bezug auf seinen amerikanischen Besuch keinen allzu großen Erwartungen hin. Darin scheint er in Paris — und wahrscheinlich auch hier — viele Gesinnungsgenossen zu haben. Die Zweifler in Paris fragen, was er überhaupt mit seiner Visite zu erreichen hoffe, und sie machen sich aus eine Enttäuschung gefaßt, falls der Premier nicht mit einer greifbaren Errungenschaft nach Hause kommt.
Finnisches Tagebuch.
Von unserem O.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, tierboten.
Im Land der 40 000 Seen! Tatsächlich: Vier- zigtausend. 40 000 Seen — aber wieviel Inseln? Nun: Weißt du, wieviel Sternlein stehen ...?! Aber wieviel Finnen gibt es? Die Statistik sagt: 3,5 Millionen, davon zirka 340 000 in der Hauptstadt Helsingfors. Aber der erste „Finne", den ich um Auskunft fragte — einen Eishändler mit dem beruhigenden Schild: „Man spricht deutsch!" — konnte weder finnisch sprechen noch Auskunft erteilen: „Ich bin Se nämlich ooch aus Deitschland". Nur eine Stunde später, auf dem Bahnhof, wurden wir Augenzeuge, wie sich zwei Weiße Studentenmützen — unter denen blondes und braunes Haar hervorlugte — von einem jungen Manne unter allerlei Scherzworten verabschiedeten. Aber die Verständigung war etwas erschwert, man mußte dolmetschen, und als der Zug abgefahren war, fragten die kleinen finnländischen Studentinnen in verzweifeltem Staunen: „Wird in Deutschland das Deutsch anders ausgesprochen, als wir es auf der Schule lernen?“ Der erste Abend in der fremden Hauptstadt schloß mit der überraschenden Feststellung ab, daß dort fast mehr Sachsen als Einheimische leben....
Dafür schien es keine Frauen in Finnland zu geben. ^Tatsächlich nicht! Straßenbahnschaffnerinnen und Verkäuferinnen sah man, freundliche Servier- und Zimmermädchen und Liftführerinnen, und hie und da ein paar ferienfleihige Studentinnen. Aber Frauen außerhalb ihres Berufes, die gibt es im Sommer schon gar nicht in Helsingfors, und sonst — auch erst nach 4 Hhr nachmittags! Denn die finnische Frau arbeitet genau s0 toic der Mann, und fast in denselben Berufen. Als hohe Beamtin — und als Straßenarbeiterin, als Handlangerin beim Bau. Auch d i e Ehefrau bleibt berufstätig in diesem Land der altgewohnten Frauenemanzipation. So arbeitet beispielsweise die Gattin des Schuhkorps-Kommandanten als Zahnärztin, und die Frau eines Stabsoffiziers führt ein bekanntes Cafs — und niemand, außer den fremden Touristen, findet etwas Ungewöhnliches dabei. Meine anfängliche Verwunderung über das gänzliche Fehlen der Damenwelt erhielt ihre Erklärung im Innern, im Norden des Landes. Da traf ich dann die Frauen — in der Bahn, in den Touristenheimen, auf den Dampfern. Sie waren blond, braun und nett, diese finnischen Frauen. Gedrungenen Wuchses — aber weder „mongolisch" noch viel weniger — „emanzipiert" ...!
Finnland im Sommer versinkt geradezu in einem Kult der „Sonnenanbetung“. Denn diese Sonne scheint nur drei Monate im Iahr: fünf Monate liegt Nebel — und der Rest wird vom Winter beherrscht. Kein Wunder, daß die Einheimischen in der Zeit der taghellen Nächte nur vier bis fünf Stunden schlafen. Sie haben dazu ja genug Gelegenheit in der langen Winternacht, Hnb sie müssen an Sonnenlicht Vorrat aufspeichern in diesen drei Monaten für das übrige Jahr. So hat denn ganz Finnland drei Monate Ferien im Sommer, die
Schulen und Universitäten — die Angestellten, die Beamten und die selbständigen Geschäftsleute. Wer nicht reist, hat irgendwo Verwandte auf dem Lande, auf den Schären. Cs seht eine wahre Völkerwanderung ein — meist der Mitternachtssonne entgegen, und in der Stadt bleiben nur die wenigen, diR nötig sind, um das Wirtschaftsleben in Gang zu halten. Aber auch diese „Benachteiligten“ würden beispielsweise von dem Berliner glühend beneidet: Hm 10 Hhr beginnt ihr Dureaudienst im Sommer — um 16 Hhr ist er zu Ende. Zeit noch genug — vorher und nachher — zu einem Schärenausflug, zum Baden, zum Liegen in der Sonne. Drei Monate ist eine kurze Zeit: schnell ist der Herbst da, die kalte, finstere Hebergangszeit mit ihrem Nebel und Regen. So wird es auch dem Deutschen begreiflich, daß dieser Sommer in Finnland weniger zu ernster Arbeit benutzt wird, und daß der Finnländer ebenso wie der fremde Tourist — der ja nur in dieser Zeit in das Land kommt — Sonne und Wald genießt: dreiviertel Jahr Arbeit liegt vor ihm und dreiviertel Jahr Dunkelheit. Der Fremde muß das vor allem berücksichtigen — wenn er nicht zu falschen Schlüssen über Land und Leute kommen will!
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Die Armut an Menschen und Ansiedlungen in diesem riesenweiten Land — man denke sich die Einwohnerschaft Hamburgs aus ein Gebiet des jetzigen Deutschen Reiches verteilt! — bringt es mit sich, daß außerhalb der einmaligen Reisesaison die Eisenbahnen geringen Verkehr auf weisen. Aus der Straßenbahn in Helsingfors, so hat man ausgerechnet, fahren fünfmal soviel Menschen wie auf dem gesamten finnländischen Eisenbahnnetz. Man hat jetzt die Karelische Dahn durch das Moorland bis zum Bottnischen Meerbusen, nach Oulu, verlängert und ihr dort den Anschluß an die westliche Nord» Süd-Strecke von Lappland nach Helsingfors geschaffen. Der Boden ist weich — so hat man sich beschränken müssen, an Stelle eines fest- gegründeten Bahndammes Sand aufzuschütten. Deshalb fährt dort der O-Zug — viel bestaunt als das einmalige Ereignis des Tages — als Personenzug, gezogen von einem winzigen Loko- motivchen, das — wie überhaupt im ganzen Norden — mit Holz gefeuert wird. Diesem Zwecke dienen an bestimmten Bahnhöfen große Stapel ?:efchnittenen Holzes, die auf Rampen bereit» iegen und dann von Männern mit Handschuhen an den Händen in eifriger Arbeit auf den Tender verladen werden. Dann rückt das Zügele vor — und nun kommt das Nahrungsbedürfnis der Menschen an die Reihe, Speisewagen gibt es nur im Süden — dort, wo eine größere Kohlen» Lokomotive mit erhöhter Geschwindigkeit ihre Fracht durch das dichter besiedelte und weniger waldreiche Land führt. Der „Turisti", das Kursbuch, verzeichnet deshalb alle zwei bis drei Stunden einen längeren Haltepunkt mit einem Pokal oder mit einem gekreuzten Eßbesteck. — je nachdem es sich um eine Kaffee- oder um eine Frühstücksstation handelt.
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deshalb. Es gelang ihm, zwei und sogar vier Telegramme gleichzeitig durch einen einzigen Draht zu senden, ohne daß die Depeschen einander störten. Er war 17 Jahre alt, als er sein Doppels!) st em der Telegraphie erfand, und 22 Jahre, als er den automatischen Telegraphen konstruierte, der selbst auf größte Entfernungen 3000 Worte in der Minute beförderte. Die freie Zeit, die er nach seinem Dienst erübrigen konnte, verbrachte er in seinem kleinen Privatlaboratorium. Als es ihm eines Tages gelang, durch eine seiner kleinen Verbesserungen ein Eisenbahnunglück zu verhüten, wurde eine große Telegraphengesellschaft auf ihn aufmerksam. Er wurde angestellt und arbeitete für diese Gesellschaft eine Reihe von Patenten aus. Als der Direktor, General Lefferts, ihn eines Tages fragte, wieviel er für seine Erfindungen verlange, fürchtete er sich, die ihm ungeheuer erscheinende Summe von 5000 Dollar zu nennen. Deshalb sagte er: „Bitte, machen Sie mir ein Angebot." — „W a s sagen Sie zu 40 000 Dollar?" fragte ihn der General. Als er nun glückstrahlend mit seinem Scheck über 40 000 Dollar zur Bank kam, wußte er nicht, daß er seinen Namen auf das Papier schreiben muhte und da er infolge seiner Taubheit nicht verstand, was der Kassierer von ihm verlangte, nahm er an, daß die Bank den Scheck nicht einlösen wolle und er also betrogen sei.
Mit den 40 000 Dollar eröffnete Edison in Neu- hork eine Werkstätte, in der er für fremde Rechnung Apparate baute. Aber die fremden Aufträge störten ihn bei seiner eigentlichen Erfinder-Arbeit. So zog er nach Mcnlo Park, wo er in aller Stille feinen Experimenten leben konnte. Zu jener Zeit sprachen die Zeitungen von ihm schon als von dem „Zauberer von Menlo Park“ und dem „jungen Mann, der mit seinen Fußtapfen den Weg zum Patentamt warmgetreten hat". Bei der Beschäftigung mit telegraphischen Apparaten war ihm der Gedanke gekommen, ob man nicht die menschliche Stimme einfangen, gewissermaßen konservieren und nach langer Zeit wieder hervorholen könne. Er erfand den Phonographen. Diese Erfindung erregte gewaltiges Aufsehen — aber Edison arbeitete längst an anderen Dingen. Die Elektrizität schien ihm eine Hnzahl unausgeschöpfter Möglichkeiten zu bieten. Er vervoll
kommnete den Fernsprecher und schuf die Glühlampe. Es ist richtig, daß schon 25 Jahre vor Edison der Deutsche Heinrich Göbel elektrische Glühlampen mit Kohlenfäden angefertigt und öffentlich gezeigt hatte. Dennoch darf Edisons Verdienst um die Erfindung der Kohlenfadenlampe im Jahre 1879 nicht „in den Schatten gestellt" werden. Planmäßig untersuchte Edison alle Stoffe, die ihm erreichbar waren, um einen geeigneten Glühfaden zu finden. Dreizehn Monate arbeitete er wie ein Besessener an dieser Erfindung. Zuerst versuchte er es mit feinen Metalldrähten aus Platin, Iridium, Silicium, Bor und anderen Stoffen, dann wollte er verkohlte Papierstreifen in einem luftleer gepumpten Behälter zum Glühen bringen. Er mischte Ruß und Teer, er verbrannte Baumwottzwirn, bis er endlich unter 300 Bambusarten jene herausfand, die sich zur Herstellung von Kohlenfaden eignete.
Die Glühlampe war da, aber es fehlte der fortlaufende Strom, um sic zu unterhalten. Edison kuppelte eine Dampfmaschine mit einer Dynamomaschine und errichtete das erste Elektrizitätswerk, das am 4. September 1882 in Neuyork in Betrieb genommen wurde. Emil Rathenau und Siegmund Bergmann lernten bei ihm. Als sie nach Deutschland zurückkehrten, gründete Rathenau die Deutsche Edison-Gesellschaft, aus der die AEG. entstanden ist, und Bergmann die Bergmann-Elektrizitätswerke AG. in Berlin. Neun Qahre verwendete Edison daraus, eine große elektromagnetische Erzaufbereitungs - Anlage in Amerika zu schassen. Sein ganzes Vermögen setzte er ein — und als das Werk vollendet war, wurden in den Bergen von Minnesota besonders ergiebige Erze gefunden, die nahezu zum halben Preis angeboten werden konnten. Das Vermögen war verloren, ungeheure Schulden lasteten auf Edisons Schultern, aber er verlor den Mut nicht und erwarb mit großen Zementfabriken, bic er nun errichtete, ein neues, noch größeres Vermögen. Im Jahre 1889 brachte er den ersten Kinoaufnahmeapparat heraus, und auch später hat er sich um die Verbesserung des Kine- matographen verdient gemacht- Er ist der fruchtbarste Erfinder, den unsere in dieser Beziehung verwohnte Zeit gesehen hat. Die Menschheit wird ihm immer zu Dank verpflichtet sein.


