Nr. 6? Zweites Blatt
«Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)
Zreitag, 20. März 1931
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 20. März 1931.
Ein Gießener Mozart-Konzert vor 65 Zähren.
Aus unfcrem Leserkreise wird uns geschrieben: Qün 26. Januar 1866 fand hier im Saale des Gasthauses Leib unter Leitung des Kapellmeisters Adolf Hecker ein Mozart-Konzert statt, das als Feier zum HO. Geburtstage des Komponisten gedacht war. In dem „Gießener Morgenblatt", das nicht lange bestanden hat, wurde damals berichtet, daß es ein solenner Abend gewesen sei und daß der Beifall sich stellenweise zur Begeisterung gestaltet habe. Wie man damals über Richard Wagner dachte, zeigt eine Bemerkung in dem genannten Blatte, die folgenden Wortlaut hat. „Hebrigens zeigte der besprochene Festabend, welche Wunder der .käme Mozart übt. und wir sind noch weit entfernt, eine oft genannte Wagnersche „Zukunftsmusik ougu- rieren zu können, so sehr auch in der Wagner- schen Musikdemokratie stellenweise unser Ohr und Herz entzückt werden und so überraschend und sesselnd auch das vorwiegende, fast schon aus- ichließliche „harmonische Moment" in dessen Opern an uns herantreten mag."
" Todesfälle in G i e-ß e n. Es verstorben In Gießen in der Zeit vom 1. bis 15. März: 2. Heimlich Semmler, 2 Jahr:, An der Kläranlage 94. 3. Robert Marth, ohne Beruf,
84 2ülhre, Löwengossc 5. 5. Dorothea Kienh, geb. Sand, 70 Jahre, Karl-Dogt-Strahe 19; Luise Weil, geb. Bahlcke. 35 Jahre. Schottstraße 3; Susanne Jung, Büglerin, 75 Jahre, Weidengasse 18; Marie Reiber. Telegrophenbetriebs- assistentin, 43 Jahre. Westanlage 62. 6. Marie Schäfer, geb. Kröck. Witwe. 76 Jahre, Schisfenberger Weg 37. 7. Ruth Wagner. 5 Tage, Seltcrsweg 89. 8. Marie Hofmann, geb. Metz.. 70 Jahre, Marburger Straße 60; Henriette Wißner, geb. Bogt, Witwe. 80 Jahre, Landmann- st ruße 5. 9. Franziska Heß. Geschäftsinhaberin, 55 Jahre. Löwengasse 22. 10. Rosemarie Meier- höfer. 4 Monate. Schlachthosstrahe 2; Emanuel Rosenbaum, Kausmonn. 76 Jahre, Reustadt 55. 12. Johann Hanisch. Kutscher, 54 Jahre, Licher Straße 57. 14. Wilhelm Hagemann, Lagerverwalter i. R.. 77 Jahre, Asterweg 32. 15. Jean Lappo-Danilevsky, Professor der Mathematik, 34 Jahre, Marburger Straße 14.
** Heiterer Abend Emil Kühne. Der .Kaufmännische Verein und der Ortsgcwerbeverein. beschlossen ihre diesjährige Wintervortragsreihe in überaus glücklicher Form. Der durch seine früheren Gastspiele in Gießen hinlänglich bekannte Bortragskünstler Emil Kühne (Berlin), war verpflichtet und unterhielt am Montagabend die Mitglieder und Freunde der veranstaltenden Vereine auf das denkbar angenehmste. Die Aula war bis auf den letzten Platz beseht und gespannt harrten die Besucher der Dinge, die da kommen sollten. Der Gast, der schon mit Beifall begrüßt wurde, enttäuschte seine Zuhörer denn auch nicht. Bereits mit seiner Begrüßung, dem Vorspruch aus des unsterblichen Wilhelm Busch „Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter" verschaffte er sich die Sympathie aller Anwesenden. Die frische, unbekümmerte, dabei mimisch lebhaft unterstützte Art des Vortrags entfesselte anhaltenden Beifall. Richt weniger eindrucksvoll gestaltete sich die Wiedergabe einer Tragikomödie von Hans Brennert „Die Goethebüste", deren fall)» rischen Gehalt der Vortragende ganz besonders herauszuarbeiten verstand, ohne den Zug der Menschlichkeit zu unterdrücken, der dieser Skizze zu eigen war. „Die Verliebten", die kleine Hu
moreske eines österreichischen Dichters, ein Ausschnitt aus dem Buch „Der Regenbogen" von Hans Frank, der sich mit der Eitelkeit des niederdeutschen Dichters Claus Groth befaßte und dabei feinste Saiten berührte, sowie ein überaus originelles Gedicht des Berliners Hans Brennert von dem alten Droschkenkutscher und feiner „fiskalischen Rochtigall" hielten die Zuhörer in Bann und bester Stimmung. Rach einer Pause erschien der Vortragskünstler mit der Gitarre, sang das Lied vom schwarzbraunen Zimmergesellen, das Lied vom Christian, ein lustiges Soldatenlied und beschloß schließlich, nach einer Beigabe, zu der er sich verstehen mußte, den Abend mit je einer Groteske von Palm und Zetterström. In angeregter Stimmung verließ wohl jeder der Zuhörer das Haus. Den veranstaltenden Vereinen muß man sür diesen Llbend heiterer Kunst Dank wissen.
"Bund „Haus und Schul e". Der Bund „Haus und Schule" veranstaltete am Freitag im Johannessaal einen Rezitations- und Liederabend. Pianist Hahn und stud. theoL Volz (Violine) eröffneten den Abend mit der Händel- schen E-Sur-(5onatc für Violine und Klavier. Frau Mendelssohn-Bartholdy rezitierte in vollendeter Form eine Anzahl Balladen, von denen „Margaret" (Frieda Schanz), „Gottes Gnade" (B. v. Münchhausen), und „Die alte Ahr" (Schulz) besonderen Eindruck machten. Eine Phantasie von Mozart und ein Teil der ^-Dur-Sonate für Violine und Klavier ebenfalls von Mozart, sowie die Rhapsodie Rr. 11 von Liszt, für Klavier beschlossen die gelungene Veranstaltung. Die musikalischen Darbietungen, die nicht nur im künstlerischen Sinne verständnisvoll, sondern auch technisch sehr gut wiedergegeben wurden, sanden verdienten Beifall.
" Familienabend der Lukasge- m e i n d c. Am Sonntagabend sprach im Gemeindeverein der Lukasgemeinde Reichsbahnamtmann Dörr über „Luthers Reisen durch Ober- hessen". Der Redner, der sich in eingehenden Studien mit diesem Gegenstand beschästigt hat, gab ein anschauliches Bild der Wege, auf denen Luther durch das damalige Hessen kam. Auf der Reise zum Reichstag nach Worms hat der Reformator, von Hersfeld her, die Stadt Alsfeld berührt. Dort wurde ihm ein feierlicher Empfang bereitet. Heber die weitere Reise durch Hessen ist nichts Rähcres bekannt. Es ist sehr zweifelhaft, ob Luther in Grünberg und in Butzbach gerastet hat. Auf der Rückreise übernachtete er in Friedberg und wiederum in Alsfeld, wo er abermals feierlich empfangen wurde. Der Reichsherold Kaspar Sturm, der Luther nach Worms geleitete, war aus Friedberg und ist in seiner Heimat auch gestorben. Eine alte Chronik meldet, daß Luther und Melanchthon Ende September 1529 auf der Reise zum Marburger Religionsgespräch durch Gießen gekommen und hier feierlich begrüßt worden seien. Es ist sogar behauptet worden, Luther habe in einem Gasthaus in der Marktstraße übernachtet. Wie viele Angaben alter Chroniken, kann auch diese der geschichtlichen Forschung nicht standhalten. Reichsbahnamtmann Dörr legte dar, daß Luther auf dieser Reise gar nicht durch das heutige Hessen gekommen ist, sondern sein Weg nach Marburg führte über Spieskappel, Spangenberg und Kirchhain. Die Ausführungen des Redners begegneten allgemeinem Interesse. Vor und nach dem Vortrag fang Fräulein Martha Peter, von ihrer Gesanglehrerin Frau Heermann begleitet, einige Lieder von Schumann und Schubert. Die © cf angtror träge zeugten von guter Schulung und bester stimmlicher Veranlagung.
” Konzert in der Hautklinik. Die Kapelle des hiesigen Bataillons erfreute am
Mittwochvormittag die Patienten und Angestellten der Hautklinik mit einem Promenadenkonzert, das von den Zuhörern sehr dankbar ausgenommen wurde. Ein sorgfältig ausgewähltes Programm kam unter der Stabführung von Obcmufihneifter Löber schneidig zum Vortrag.
"DeutscheStaaatspartei, Ortsgruppe Gießen. Man berichtet uns: Am vergangenen Freitag sand im „Hessischen Hof eine gut besuchte Mitgliederversammlung der Deutschen Staatspartei statt, in der Oberstudiendirektor Dr. Weiner (Os enbach a. M ) über „Arbe tslosigk-it undWf t- schastskrise" sprach. Der Redner ging zuna^st aus die Gründe ein, die zu der heutigen Depression in der Weltwirtschaft geführt haben. Er widerlegte die Meinung derer, die glauben, die heutige schlechte Wirtschaftslage auf eine einzige Hrfache zurückführen zu können, mit dem Hinweis darauf, daß Völker der allerverschiedensten Wirtschaftssysteme in gleicher Weise unter ihr leiden. Richtig sei vielmehr, daß diese Lag: nur durch das Zusammenwirken verschiedener Ursachen entstanden sei. Er hob hierunter besonders die ungleiche Gold- Dcrteilung. vor allem aber die Tatsache hervor, daß über die Hälfte der Menschheit, nämlich die Bevölkerung Indiens, Rußlands und Chinas fast völlig als Käufer ausscheidet. Was nun die deutsche, durch die Reparationen besonders verschärfte Krise betrifft, so komme bei uns noch das mangelnde Vertrauen hinzu, das das Ausland durch seine Zurückhaltung vor Investitionen, das Inland durch die Kapitalflucht zeigte. Beide Momente hätten durch den Ausgang der Reichstagswahl eine ungeheure Verschärfung erfahren. Der Referent ging dann auf die Mittel ein, die einer Regierung zur Milderung der Arbeitslosigkeit zur Verfügung ständen. Das erste fei überall ein Arbeitsbeschaffungsprogramm gewesen. Dies Mittel müsse jedoch versagen, wo es sich nicht um die Heberbrückung einer kurzen, akuten Krise handelt, sondern um eine Depression von dem Ausmaße, wie wir sie heute erleben müssen. Ebenso sei die sogenannte Arbeitsdienstpflicht wie alle anderen Subventionspläne abzulchnen. Denn sie entziehen der Wirtschaft notwendig auf der einen «Seite die Mittel die sie auf der anderen Seite einsetzen. Auch der Arbeitszeitverkürzung, die in letzter Zeit von vielen gefordert wird, maß er nur geringe Bedeutung zu. da sie nur in einem Teil der Betriebe durchführbar fei. So bleibe nichts übrig, als durch neue Hereinnahme von Anleihekapital einerseits, Senkung der Löhne und der Preise anderseits die Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig zu machen. Dieses Ziel dürfe auch nicht durch eine übersteigerte Agrarzollpolitik, die sich auf längere Zeit ja finanziell nicht halten könne, gefährdet werden. An das Referat schloß sich eine Aussprache an, in der vor allem Maßnahmen gefordert wurden, um Mißbräuche der Arbeitslosenversicherung zu verhüten.
Tagung der mittleren post- und Telegraphen-Beamten.
Man schreibt uns: Der Reichsbund der mittleren Post- und Telegraphen beamten, Bezirksgruppe Darmstadt (Sitz Mainz) hielt am 15.März 1931 in Bensheim im Weinhaus „Mühlum" seine Jahreshauptversammlung unter Leitung des Postsekretärs a. D. H. W e i g a n d t aus Mainz ab. Die Tagung war aus allen Teilen des Oberpostdirektionsbezirks Darmstadt und darüber hinaus gut besucht. Rach Behandlung organisatorischer Fragen hielt der Vertreter des Bundesvorstands, Oeneralfefretär Schäfer (Berlin), einen Vortrag über die „Wirtschaftliche Lage Deutschlands und ihre Einwirkung auf die Beamtenschaft". Es wurde besonders betont, daß die allgemeine Wirtschaftslage nicht behoben werden könne durch einen unsozialen Be
Kreuzweg der Liebe.
Vornan von Paul Grobem.
Hrheberrechtsschuh: Romandienst „Digo", Berlin W 30.
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Wie ein zerschmetternder Schlag fuhr es in Wigands Seele. Der Assessor trat zu ihm und nahm seinen Arm.
„Fassen Sie sich, Wigand", mahnte er leise. „Vielleicht wird's doch nicht so schlimm."
Aber Jörg hörte die Worte nicht. Immerfort starrte er nur auf das starre, fahle Antlitz da, aus dem plötzlich das jugendfrohe Blühen, das sorglose Lachen so fürchterlich gewichen, das mit einem Male so falt und streng aussah wie das eines Sterbenden. „Ich Hab s ja nicht gewollt!' Jnlmer wieder nur hörte er das Wort aus seinem Innern schreien, wie eine Abbitte an den Hn- glucklichen da, der ihn doch nicht mehr hören konnte. Ihm war s, als müsse er hin stürzen und seine Hand packen, daß er doch noch einmal wenigstens die Augen auftat und ihm einen Blick der Vergebung schenkte.
Wigands Füße taten schon einen Schritt vorwärts, aber da fühlte er sich mit Gewalt beiseite gezogen.
„Kommen Sie; Sie können hier doch nicht helfen". und wie willenlos lieh sich Wigand von seinem Begleiter'hinwegführen.
4. Kapitel.
Schon eine Stunde fast wartete Wigand auf der Straße auf den Arzt, der zur Drenckfchen Wohnung hinaufgegangen war, nach dem Verwundeten zu sehen. Wie Ewigkeiten verrannen die Minuten hier unten für den Wartenden, der in fieberhafter Erregung und Hngeduld die wenigen Häuser entlang bis zur nächsten ti/dc schritt und wieder zurück; sollte doch der Bescheid des Arztes ihm selber Kie Entscheidung über sein ferneres Leben bringen. Denn das stand klar vor Wigands Seele: Erlag Drenck wirklich feiner Wunde, wie zu befürchten stand, so war sein Glück, seine ganze Existenz vernichtet. Hrfula würde ihm nie den Tod des Vetters verzeihen können. Hnd wollte sie es selbst, er hätte es nicht vermocht: das furchtbare Bild des Toten wäre für immer zwischen sie beide getreten.
Das halte sich Wigand in einem fort gesagt, gestern und die ganze Rächt hindurch, diese endlose, martervolle Rächt, die er in den Kleidern zugebracht hatte, ruhelos in feinem Zimmer auf und ab wandernd. Wie unzählige Male hatte sein brennender, übermächtiger Blick das Zifferblatt der Hhr gesucht, ob denn der Morgen noch immer
nicht kommen wollte, die Stunde, wo er wieder zum Arzt hineilen und, wie schon gestern abend noch spät, sich erkundigen konnte, wie es um den schwer Leidenden Rand.
Roch am gestrigen Rachmittag war an dem Verwundeten ein operativer Eingriff gemacht worden, und davon, wie er die Rächt überstehen würde, sollte sein Schicksal abhängen, so hatte der berühmte Chirurg sich nachher zu dem behandelnden Kollegen geäußert. Run waren sie beide oben bei dem Kranken, und schon eine volle Stunde lang. War es ein schlimmes Zeichen, oder gab es Hoffnung? Angstgefoltert legte sich Wigand immer wieder die Frage vor.
Da endlich, wie er wieder einmal umdrehte und von der Ecke nach dem Drenckfchen Hause hinschritt, sah er die beiden Herren auf die Straße treten. Roch eine kurze Hnterhaltung am Wagen- schlag, dann fuhr das Auto mit dem Geheimrat davon, und Wigand konnte auf den Arzt zueilen.
„Run?"
Ein Menschenschicksal hing von der erwartungzitternden Frage ab.
Der Doktor reichte ihm die Hand, mit festem Druck: „Gut! — Er wird durchkommen nach menschlichem Ermessen. — Freilich wird er wohl einen kleinen Knacks für immer weghaben."
Rur das erste, erlösende Wort hatte Wigand in sich ausgenommen, in seine mit jedem Rerv lauschende Seele, und wie ein Jubel, ein frommer, inbrünstiger Dank quoll es nun darin empor.
Stumm umklammerte er des Doktors Rechte mit seinen Händen, als ob er sie zerbrechen wollte.
„Ra, na — man nicht zu wild!" lächelte gutmütig der andere. „Hebrigens, Sie können sich wirklich gratulieren — ich hätt's bis vor einer Stunde selbst nicht geglaubt. Ra, nun denken Sie aber gefälligst auch ein bißchen an sich selbst. Mann Gottes, Sie sehen ja wie ein Ges-enst aus. Jetzt schnell ein Glas alten Portwein und dann ins Bett — hören Cie? Hnd nun Gott besohlen!"
Roch ein Händeschütteln und auch der andere stieg in seinen Wagen und fuhr davon.
Mit schnellen «Schritten eilte Wigand seiner Wohnung zu. Ihm war zumute wie einem, der, zum 2oDc verurteilt, in letzter Minute noch das Bcgnadigungsschreibcm erhalten hat: Ein kurzes, innerliches Aufjauchzen des ganzen Menschen, dann aber ein ohnmächtiges Zusammenbrechen — die Folge der unnatürlichen Rervenüberspan- nung der letzten, qualvollen Tage. So ging es jetzt auch ihm. Er fühlte fich plötzlich so matt, daß er hätte umsinken mögen, ein unendliches Ruhe- bedürsnis überkam ihn. Ach, jetzt ein paar Stunden tiefen, erquickenden Schlafes und dann mit frischer Kraft, ein Reugeborener, hinein ins Leben!
Ein Reugeborener. Ja, wahrhaftig, das würde er fein! — Er fühlte es instinktiv, während er nun mit heftigen Schritten, im letzten Aufraffen seiner Kräfte, nach Hause eilt-^ schnell zur Ruhe
zu kommen. Die inneren und äußeren Erlebnisse der letzten zwei Tage hatten einen tiefgreifenden, umgeftaltenben Eindruck auf ihn gemacht. Die vorschnelle Leidenschaftlichkeit seines Empfindens, das hartnäckige Verharren bei der vorgefaßten Meinung, sie waren ihm in schärfster Beleuchtung als verhängnisvolle Fehler seines Wesens klar- gelegt worden, und er war sich sicher: nun würde er mit aller Energie dagegen ankämpfen und siegen.
Wie anders stellten sich ihm jetzt, wenn er zurückdachte, die Dinge dar, die zu der Katastrophe geführt hatten. Freilich: auch Hrfula war ja nicht frei von Schuld, aber sie war doch erst durch ihn zu ihrem Trotz gereizt worden. Es hätte alles nicht zu kommen brauchen, wenn er milder und ruhiger gewesen wäre.
Eine tiefe Reue befiel ihn, wenn er nun an Hr- sula dachte, was er ihr alles für Aufregungen und Schrecken bereitet hatte. Am liebsten wäre er ja gleich zu ihr geeilt und hätte sie inständigst um Verzeihung gebeten, ihr fest feine innere Wandlung gelobt. Aber er wollte ihr nicht so verstört und niedergebrochen gegenübertreten und auch ihr noch etwas Zeit gönnen, sich wieder von all dem Furchtbaren zu erholen. Doch heute nachmittag, da wollte er zu ihr gehen und alles ins Reine bringen. Hnd der Gedanke daran gab ihm schon jetzt eine beruhigende, tröstliche Zuversicht.
So kam Wigand nach Hause zurück. Er fand seine Wohnung leer. Die Aufwärterin, die nur während der Sprechstunden dort anwesend war, hatte sie bereits wieder verlassen. Hm so besser, so konnte er ganz ungestört ein paar Stunden aus- ruhcn. Don einem tiefinneren Bedürfnis nach erquickendem Schlummer gelockt, ging Wigand in sein Schlafzimmer, sich auf die Chaiselongue zu werfen; aber wie er, das Fenster zu schließen, am Leuchtertischchen, neben dem Ruhebett vorbeikam, fiel sein Blick auf einen Brief — die Aufschrift trug Hrfula» Handzüge. Daneben lag ein Zettel von feiner Aufwärterin mit einer Bleistiftnotiz: Dieser Brief wäre heute morgen mit der ersten Post, gleich nach seinem Fortgehen, angekommen. Dann folgten noch ein paar Rainen von Patienten, die dagewesen waren.
Eilig, in höchster Spannung, griff Wigand zu Hrsulas Brief: Was würde fi: ihm sagen? Doch wie er das Kuvert aufreiben wollte, fühlte er plötzlich etwas Hartes, Rundes. — Mein Gott! — Ein jäher Schrecken ließ ihm plötzlich das Herz stocken. Das war doch nicht etwa? — ungestüm zerfetzte er den Hmfchlag — da blinkte es plötzlich golden auf und fiel zur Erde: ein Heller, rnetall- net Klang, ein elastisches, nochmaliges Aufschlagen und leises Rollen auf dem Fußboden, bis es still ward — sein Ring, den er Hrfula an den Finger gesteckt halte.
Die Knie versagten Jörg plötzlich den Dienst. Er lieh sich auf die Chaiselongue sinken und faß
soldungsabbau, insbesondere bei den mittleren und unteren Beamtengruppen. Die Kaufkraft wurde durcb den Besoldungsabbau gerade bei diesen Schichten katastrophal geschwächt und gerade der Mittelstand - die Kausmannschast — schwer geschädigt. Es sei immer noch zu hoffen, daß die Reichsregierung diesen Fehlgriff einsehe und zum mindesten eine Staffelung eintreten lasse. Besonders sei es die Assistentenklasse, die sowieso eine zu geringe Bewertung für Leistung und Verantwortung in der Desoldungsordnung habe und schwer unter dem Abbau der Besoldung leide. Der Vortrag sand reichen Beifall. In den Entschließungen wurden Die dringendsten Forderungen zusammengefaßt und an Die maßgebenden Stellen geleitet. Organisatorisch geht das Ziel dahin, die mittleren Beamten aller Verwaltungen zu einer Arbeitsgemeinschaft zu- sammenzufchließen.
Ter Bezirksvorlihende, Postsekretär a. D. W e i - ganDt, hielt sodann einen Vortrag über Die „Personalresorm bei Der Deutschen Reichspost" unter Hervorhebung Der Eniwickelungsgeschichte Der heutigen Assistenten- imD Sekretärklasse, besonders über Deren Mängel, Die ihr heute in bezug auf Die Besoldung anhaften. SoDann Der» abschiedete er sich in seiner Eigenschaft als Be- zirksvorsitzenDer; nachdem er 25 Jahre Dieses Amtes gewaltet hat. tritt er infolge Pensionierung zurück. Für seine Tätigkeit wurde ihm herzlicher Dank zuteil. Als Rachfolger wurde Postassistent Schmieder in Gießen gewählt und damit Der Sih der Dezirksgruppe nach Gießen verlegt.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
£ Wieseck, 20. März. Der Gemein berat beschäftigte fich gestern abend erneut mit Der Einführung Der Bier- oDer Der Bürger st euer. Im allgemeinen war man sich klar Darüber, Daß eine längere Aussprache nicht mehr notwenDig sei, und so wurde nach einstimmiger Meinung Die Bürger ft euer oorerft z u r ü ck g e st e l l t. Die Bier ft euer wurde abermals abgelehnt, und zwar mit 8 gegen 4 Stimmen. Bei der Beratung des Voranschlags soll erneut Stellung Dazu genommen werden. Ein Antrag zur Instandsetzung Der Kontrolluhren für die Nachtpolizei sand Annahme. Ebenso soll für die Anbringung einer weiteren Richtlampe Angebot eingeholt werden.
gck.'G r o ß e n - B u f e ck, 17. März. Heute fand eine S ch 1 u ß f e i c r für die zur Entlassung kommenden Mädchen Der hiesigen Fortbildungsschule statt. Cingeladen waren die Eltern und «Schulvorstände der beteiligten Gemeinden Alten- Buseck Großcn-Buseck, Oppenrod. Rödgen und Trohe. Rektor I n d c r t h a l wies in seiner Begrüßungsansprache daraus hin, Daß sich Die Mäd- chenfortbildungsschule im hiesigen Bezirk leicht und rasch eingebürgert habe, da es die Leiterin, die Hauswirtschaftslehrerin Kath. Schneider, von vornherein verstanden habe, den Hnterrichtsstosf den ländlichen Bedürfnissen geschickt anzupassen. Am kommenden 1. April stehe Frau Schneider 25 Jahre im Dienste der hiesigen Gemeind: und habe durch unermüdlichen Eifer sich die ungeteilte Wertschätzung von Eltern und «Schülerinnen erworben. In einer theoretischen Prüfung legten Die Schülerinnen Zeugnis von ihrem Wißen über Kochen, Einkauf, Gesundheitslehre und erste Hilfe bei Hnglücksfällen ab. Mit Kaffee und schön verziertem Gebäck boten sie Proben ihres praktischen Könnens. Die Lehrerin richtete beachtenswerte Worte des Abschieds an Die zur Entlassung Kommenden. In größeren und kleineren theatralischen Szenen zeigten die Schülerinnen, welche Tugenden tüchtige Hausfrauen und vertrauenswürdige Hausangestellte besitzen sollen. Aufrichtige Worte
so einige Augenblicke starr und unbeweglich, einen stechenden, starken Schmerz in der Brust. Dann hob er langsam den Brief empor und las:
»Jörg:
Es ist aus — es muß aus fein mit uns!
In Der Minute, wo sie uns heute vormittag den unseligen, armen Fred blutüberströmt, von deiner Hand hingestreckt. ins Haus trugen, schrie es auf in mir: ,Es ist aus! Du kannst Die Hand, an der Menschenblut klebt, nie wieder berühren. — Abscheu, Entsetzen würden dich toten!'
Hnd jetzt abends, wo ich alles noch einmal überdenke, was ich Hunderte von Malen an diesem fürchterlichen Tage durchgedacht habe bis zum Wahnsinnigwerden, jetzt steht mir dieselbe Gewißheit klar vor der «Seele, nur noch viel deut' licher und schärfer als bisher: Es ist ans — es muß aus sein!
Ich kann mich nicht mehr an Deiner «Seite denken, Jörg. Ein Grauen schüttelt mich bei dem Gedanken: Du, der Du das vermochtest — ein blühendes, hoffnungsvolles Menschenleben mit kalter Hand hinzuopfern Deiner grundlosen, lächerlichen Eifersucht, Deinem brutalen Jähzorn — nein und tausendmal nein!
Ich vermag es nicht! Alles, was einst Warmes und Zartes in mir war für Dich — Du selber hast es zertreten, vernichtet, wie den Hügeligen da, der, zwei Zimmer weiter von mir, mit dem Tode ringt. Mit ihm hast du mich getroffen, die ich ja Die eigentlich .Schuldige' war, derentwegen Der Hnglüdfclig: unschuldig geopfert wurde. Run Du kannst zufrieden mit Deiner Rache sein!
Ich muß, wenn ich versuche, mich in Deins Seele zu versehen — soweit mir das jetzt noch möglich — mir sagen, daß Du selber ja auch wohl nichts anderes wünschen wirst, als was nun geschieht, daß unsere Wege sich wieder trennen. Ein Mädchen, das — nach Deiner Auffassung — Dir schon als Verlobte Veranlassung zu solch furchtbarer Tat bot, wird Dir schwerlich noch länger begehrenswert zur Frau erscheinen.
So ist es für beide das beste, wenn ich Dir hiermit Dein Jawort zurückgebe und den Ring, Der es bekräftigen sollte. Bitte, mach keinen Versuch, mich oder Papa zu sprechen oder mich sonstwie umzustimmen. Was ich Dir hier schreibe, ist mein fester, unerschütterlicher Entschluß. Rimm wenigstens noch so viel Rücksicht auf mich, daß Du mir Die Ruhe gönnst — uns allen hier. Die wir einen Sterbenden in unserem Hause haben.
Möge Gott Dir vergeben, was Du an Fred und uns getan hast — ich vermag es in dieser «Stunde nicht! Hrfula."
(Fortsetzung folgt.) v


