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Nr. 16 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gber^effen)
Dienstag, 20. Januar 1951
Aus Oer Pn>Din$talbaupfftaOt
® i eß en, den 20.3anuar 1931.
Zur Nachahmung empfohlen!
Die Geschäftsstelle der Städtischen Not- Hilfe 1 930, Gartenstraße 2, Zimmer Nr.9 lErdgeschoß), teilt uns mit:
Täglich gehen uns von Gießener Geschäften und Privathaushaltungen Kleider- und Wäschespenden zu. die alsbald besonders bedürftigen Personen und Familien zugeteilt werden. Auch Geldspenden fließen jetzt wieder reichlicher: so sind z. B. von einem Gießener Kaffeekränzchen allein 120 Nlk. aufgebracht und der Städtischen Nothilfe 1930 zur Verfügung gestellt worden. Besonders hervorzuheben ist auch die Spende eines Gießener Bäckermeisters in Form der Zuwendung von 75 Laib Brot zum Besten der Nothilse, sowie die Zuwendung einer hiesigen Kohlenhandelssirma, die der Städt. Nothilfe 1930 Gutscheine über den kostenlosen Bezug von 100 Zentner Briketts zur Verteilung an Bedürftige zur Verfügung stellte.
Möge diese soziale Gesinnung für die Not unserer Mitbürger bald entsprechende Nachahmung in allen Kreisen der Gießener Einwohnerschaft finden.
Geistliche Abendmusik der Markusgemeinde.
Für die Geistliche Abendmusik der Markusgemeinde am Sonntagabend in der Stadtkirche war ein reines Stilprogramm ausgestellt worden. Inhaltlich obgestimmt auf die gegenwärtige Cpi- phanienzeit war bei Auswahl des musikalischen Stoffes auf Meister der Bachzeit (17. und 18. Jahrhundert), der Blütezeit unserer evangelischen Kirchenmusik, gegriffen worden. Durch die Mitwirkung des Kammermusikorchestcrs der Gießener Volkshochschule war es möglich, die Gemeinde mit guter kirchlicher Instrumentalmusik zu erbauen. Dieses Orchester pflegt insbesondere die herrliche, unverderbte, in einfachen, strengen Formen auf- geßatite Musik jener großen Kunstepoche. Es ist eine Gemeinschaft von Musikfreunden, die in ernsten Hebungsstunden unter sachkundiger Füh- rung sich das musikalische Gut zur eigenen Seelen- bildung erarbeiten, um es dann einer andächtig lauschenden Zuhörerschaft zu interpretieren. Trotz schwerer Berufsarbeit stellt Musiklehrer Franz Dauer jr. seine vorzüglichen Eigenschaften als Musikpädagoge in uneigennützigster Weise zur Verfügung. Wo er an diesem Abend wirkte, sei cs als führender Geiger, sei es als Solist, zeigten sich seine Führerqualitäten und sein hohes praktisches Können. Eine für Franz Dauer typische Art, die ifjn als Kirchenmusiker gewissermaßen prädestiniert, soll nicht unerwähnt bleiben: kein sinnlich vibrierender, schluchzender Geigenton, wie man ihn bei weltlichen Veranstaltungen so häufig hört, sondern eine dem weihevollen Kirchenraum und der schlichten Kraft des Gotteswortes angepaßte einfache, edle und keusche Tongebung! — Auch bei den übrigen Instrumentalsolisten: Frl. Kehrmann und Helm. Eger (Flöte), Helm. Daversdorf (Solo-Violine) und Heinz Eger (Cello) begegneten wir einer beachtenswerten Stufe technischen Äönnend und liebevoller Hingabe an die Kunst.
Man kann — obwohl das Kammerorchester unseres Wissens erst feit einigen Jahren besteht — bereits von einer guten Tradition sprechen, und zwar hinsichtlich ber Gediegenheit seines Programms (Dach: Suite in kl-Moll und 4. Dran- denburgisches Konzert—Corelli: Conzerto grosso), wie auch seines Mitgliederbestandes. Wir denken hier an Frau Elfriede Fischer, deren herrliche Cembalobegleitung die Werke hebt und trägt und von deren uneigennütziger, verständnisvoller Persönlichkeit auf die Disziplinierung des Or
chesters ein ausgezeichneter Einfluß ausgeht.
Leider mußten für die vokalen Einlagen iTele- mannsche »Epiphanienkantate" und Schühscher „Name Jesu"), die in so typischer Weise gerade den Epiphaniencharakter getroffen hatten, infolge eines Trauerfalles in der Familie der Gesangssolistin Ersatz geschaffen werden. Frl. Hanna Kellner (Gießen), die freundlich hilfsbereit eintrat, sang mit tonreiner, edler, natürlicher Stimmgebung unb musikalischer Sicherheit die Dachsche Reformationskantate »Gott ist unser Sonn und Schild", von Helm. D a y er s d o r f auf der Violine feinfinnig und sicher begleitet. Die offenbar in guter Schule und Pflege befindliche Altstimme berechtigt zu guten Hoffnungen. Einen trefflicheren Einblick in Me Liedkomposition des 17. Jahrhunderts erhielten wir durch die von H. S i m o n gesungene Arie von Adam Krieger »Nun sich der Tag geenbet la Der a s rechenbe, volle Bariton ließ mit inniger Hingabe bieses schlichtfromme Abenblied der andächtigen Gemeinde als eignes Gebet offenbar werden. Nicht mit Hnrccht wird Krieger als der „Schubert des 17. Jahrhunderts" bezeichnet. Das Charakteristische der Kompositionsform seines Strophenliedes ist die Verbindung des vokalen und des darauffolgenden instrumentalen Teils. Diese Orchesternachspiele (Ritornells genannt) nach jeder Strophe muten in ihrer Prägnanz und Geschlossenheit an wie instrumentale Ergänzungen und Hnterftrei* chungen des vorausgegangenen vokalen Teils.
Musikalisch eingeleitet und beschlossen wurde die Feierstunde durch Bachsches Orgelspiel und Choralgesang der Gemeinde, wohl vorbereitet und geführt durch die bellen, klangvollen Stimmen unserer Knabenchorschule und Orchester- und Orgelbegleitung.
Die Leitung der Chorschule unb das Orgelspiel lag in den sicheren Händen des Stadlkirchorga- nisten H. S i m o n, der durch sein feines Spiel sich wieder bewährte als ein freudiger Diener des königlichen Instruments. Mit dem ernsten Wunsch, der Gemeinde in solchen Veranstaltungen mit dem Besten aus dem reichen Schah unserer kirchlichen Kunst zu dienen, hatte er auch das Programm mit großem Verständnis und musikalischem Geschmack zusammengestellt und die ganze mühevolle Vorbereitung gerne übernommen Ihm und allen Mitwirk enden gebührt herzlicher Dank für diese eindrucksvolle Abendfeier, die im Stillgebet und Segen als wirkliche Andach tsstunde ausklang.
•• Gesellschaft für Grd - und Völkerkunde. In der Neuen Aula der HniDerfität sprach am Donnerstagabend Pfarrer D. Dr. Alfred Kaufmann über „Mein Leben auf Palästinas alter Erde". In fesselnder Weise schilderte der Redner zunächst die geographische Lage des Landes, bann die Lanbschaft in ihrer ®egcn- sählichkeit des fruchtbaren Tieflanbes, besMittel-' und Hochgebirges und die Auswirkung dessen auf den Charakter der Bevölkerung. Nicht weniger interessant waren die Ausführungen über die metereologischen Verhältnisse, die durch die Lage des Landes im Bereich der gemäßigten und der heißen Zone ihren Stempel aufgedrückt erhalten. Der Landschaft ist dadurch eine herbe Schönheit eigen, die der Redner ebenso fein, wie eindrucksvoll wiederzugeben wußte. Sodann zog am geistigen Auge der aufmerksamen Zuhörer die Geschichte Palästinas vorüber, in deren Lauf ber Jahrtausende, so führte der Redner u. a. aus, die Geschichte der Juden nur als eine Episode zu betrachten sei, nachdem vorher die Aegypter, die Babylonier, die Phönizier und Assyrer, die Byzantiner, Perser und Griechen, die Römer und Türken Gewalt über Land und Volk Palästinas hatten. Schließlich sprach der Vortragende über das Palästina der Gegenwart. Das Land sei von etwa 70 Prozent Mohamme-
Die kleine Aicolelle.
Vornan von Paul Hain
23 Fortsetzung Nachdruck verboten
Wördehoff atmete auf. Also — zum „Braunen Hirsch'" wollten sie. Gott sei Dank, daß er sie so zufällig gesehen hatte. Wenn Nicolette — ach, nicht zum ausdenken war das! Nun — konnte er hier den Kampf aufnehmen! Ins Schloß durfte Norma auf keinen Fall!
Aber bas — konnte er ihr ja leicht verbieten, da der Professor schwer krank war.
Ah — diese Heberraschung!
Eine ileberrafcßung — für ihn? Eine Laune nur? Wie Norma so viele hatte? Oder — hatte sie irgendwelches Mißtrauen? 11 nb warum mußte sie ihre Trabanten mitbringen? Nun ja — sie war bas so gewohnt. Sie mußte immer Staffage um sich haben!
Jetzt hatten bic drei den ..Braunen Hirsch" erreicht. Ter Wirt, ber rundliche Peter Leisetritt, ftant) in ber Tür und machte seine devote Verbeugung. Alle verschwanden im Innern des Hauses. —
Wördehoff machte kehrt und ging den Schloßberg wieder hinauf. Jetzt — konnte er nicht mehr in den Wald wandern. Er hatte es nicht mehr nötig, jenen Brief zu formulieren.
Gedankenvoll schritt er über den Schloßhof, dem Garten zu. Aus dem Hause tönte Nicolettes helle Stimme:
„Schon wieder da?"
Ihr Gesicht, voll von glücklicher Freude, erschien an einem Fenster.
„Ich seh mich in den Garten — da ist es schöner —"
Sie winkte ihm mit der Hand zu unb legte sie bann an die Lippen — in schwärmerischer Zärtlichkeit —.
Lange faß Wördehofs im Garten, unten am Bach.
Es war ihm Dar, er mußte der „ Heber - raschung" zuvorkommen. Er mußte selbst — in den „Braunen Hirsch" gehen, bevor Norma ihn hier aufsuchen konnte.
Jetzt würbe sie sich wohl noch von der Herreise erholen — sich vom Reisestaub säubern — vielleicht Speise zu sich nehmen — aber gegen Abend würde sie kommen. Mit — ihren Trabanten!
Ein neuer Gedanke huschte durch sein Hirn.
Dr. Römer war ja dabei — ber Besuch konnte also auch geschäfllicher Art sein. Der Sommer ging allgemach zur Neige — die neue Thea ter- saison nahte — vielleicht, baß man ihn nun wegen seines Stückes „bearbeiten“ wollte, dessen Aufführung er im Frühjahr verboten hatte.
Möglich, baß es so war!
Ach — wie fern lagen ihm diese Dinge jetzt. Das Stück?
Das vergessene Königreich, das er hier gefunden halle, konnte ihm niemand nehmen, niemand umgestalten! —
Es war einige ©halben später, als er durch die Hinterpforte des Gartens hinaus um den Schloßberg herumging, dem „Braunen Hirsch" zu. Die Muskeln gestrafft, aufrecht in Gang unb Haltung, voll Klarheit und ileberlegung.
Vor dem Gasthof, an einem der Tische faßen Dr. Römer und Barnowsky. Norma fehlte.
Wördehoff trat überraschend zu ihnen.
„Guten Abend, meine Herren", sagte er ruhig: „Das nenne ich ein kurioses Wiedersehen!"
Die beiden Herren sprangen auf.
„Alle Wetter, Wördehoff", rief Dr. Römer aus. „Wenn man vom Teufel spricht, ist er nicht weit", lachte er belustigt. „Wir waren draus und dran, zu Ihnen zu kommen — wir warteten nur noch auf Ihre Gattin —“
Herzliches Händeschütteln Barnowsky, der sich ein Monokel zugelegt halle, obwohl feine Augen es nicht gebrauchten, ließ fast erschrocken bas Glas aus der Augenhöhle fallen.
Wörbehoff lächelte amüsiert.
„Ich sah Sie nämlich am Nachmittag ankommen, meine Herren —"
„Ah — und da —"
„Sie wollten doch sicher erst ein bißchen verschnaufen. Da zog ich es vor, nicht gleich in Er- fcheinung zu treten —“
„Hm — und Ihre Gattin dachte sich die lieber» raschung so wundervoll", warf Barnowsky ein. „Daher hatte sie Ihnen auch ihre Ankunft nicht gemeldet. Es ging alles in Heimlichkeit vor sich
„Bitte — nehmen Sie doch Platz, meine Herren", sagte Wörbehoff unb setzte sich an ben Tisch, „ja — das ist fo eine Sache mit ben Heberraschungen. Ich hatte die Absicht, selbst zu Norma zu fahren. Sie ist mir zuvor- gekommen —“
„Ah — Sie wollten selbst —“
Dr. Römer schmunzelte.
„Ihr Erholungsbebürfnis ist allo vorbei, wie?" „Gott — vorbei? So nicht. Aber —“
Da erschien Norma in der Tür. Ein Sommerkleid, das in seiner künstlerischen Extravaganz ein Meisterstück war, hing wie ein Traum um fie Ihr Gesicht, leicht gepudert, war Wördehoff zugewandt. Sie konnte die große Heberraschung, die sein unerwarteter Anblick hier vor dein Gasthaus in ihr auslöste, nicht Derbergen. Er beobachtete genau ihr Mienenspiel. Aus ber Heberraschung wurde etwas wie verhaltener Unmut, aus dem Unmut eine betonte, allzu betonte Geste der Freude.
„Hubert! —" Eie eilte an den Tisch.
dauern, 20 Prozent Juden und 10 Prozent Christen (aller Sekten) bewohnt und befinde sich zur Zeit in einer von den Engländern, den Deutschen unb ben Zionisten getragenen Periode des wirtschaftlichen Aufstiegs, ber es mit sich brachte, daß das Land, welches sich vor zwei Jahrzehnten noch in biblischem Zustande befand, nun mit allen technischen Hilfsmitteln des Abend- lanbeS der Wirtschaft der Gegenwart und der Zukunft dienstbar gemacht wird. In Verbindung mit diesen Ausführungen schilderte der Redner u. a. die Bewegung der Zionisten, die Palästina den Juden zurückgewinnen will und daran mit großer Energie arbeitet Er ging auch auf die Konflikte ein, die zwischen Arabern und Juden, zwischen Juden und Engländern um die Besitzergreifung des Landes entbrannt sind. Den Abschluß des Vortrages bildete eine Serie von Lichtbildern, die der Vortragende im Laufe seines langjährigen Aufenthaltes in Palästina aufgenommen hatte.
•• Deutsch nativnalerHandlungsge- hilfen-Verband. Im Rahmen des Winter- bildungsplancs oeranftaUcte die Ortsgruppe Gießen im Deutschnationalen Haublungsgehilsen-Der- band einen Vortragsabend über die Arbeitslosenversicherung. Regierungsrat Dr. B u e s , Leiter des Gießener Arbeitsamts, behandelte als Redner zunächst die Hrsachen der heutigen Arbeitslosigkeit. Diese führte der Redner auf ben verminderten Lebensraum nach dem Dersail'er Vertrag, den Zuzug Deutscher aus den entrissenen Gebieten und den Raub unserer Kolonien zurück Die Inflation unb bic allgemeine Verarmung unseres Volkes nach bem Kriege habe außerbem viele Menschen gezwungen, einen Erwerb zu suchen, bie sonst von ihren Ersparnissen gelebt hätten. Nach diesen allgemeinen Ausführungen gab er einen Daren Heberblick über die einzelnen Entwicklungsstufen der Arbeitslosenfürsorge, bic bis zur Schaffung bes heute geltenden Arbeits- losenversicherungsgesehes führte. Nachdem ber Rebner einen Heberblick über ben Aufbau und die Zusammensetzung ber Verwaltungsorgane gegeben halle, ging er auf bie Leistungen der Versicherung selbst ein. Besonders interessant unb lehrreich würben die Ausführungen dadurch, daß Dr. B u e s an Hand von Fällen aus der Praxis des Gießener Arbeitsamts wichtige Fragen für die Angestellten berührte und erläuterte.
•* Katholisch-deutscher Frauenbund. Am Sonntagabend hielt im. Katholischen Vereinshaus nach einer kurzen Begrüßung durch Frau Dr. Wilhelmi, der 2. Vorsitzenden des Katholisch-deutschen Frauenvereins, Frau Dr. med. Piyen einen Vortrag über bic körperliche und seelische Erziehung des Kindes. Die Rednerin gab in gedrängtester Form einen Heberblick über die wesentlichsten Erfordernisse der Erziehung des Kindes, betonte, daß mit der Erziehung des Kindes zur Ordnung und Selbstbeherrschung bereits im frühesten Säuglingsalter begonnen und damit verhindert werden könne, daß sich ber Säugling zum Mittelpunkt der Familie ausschwingt. Klav formulierte Winke über bas Verhalten ber Erwachsenen zu der körperlichen Entwicklung des Säuglings, über die Art der Förderung der guten Eigenschaften unb ber Hnterbrüdung ber schlechten im Kinde, Warnungen vor Heberschreitungen in bezug auf frühzeitige, allzu starke geistige Beanspruchung auf Drängen zum Essen, auf allzu starte Belastung des Körpers durch Sport ober Gymnastik, Warnung vor Bevorzugung anderen Kindern gegenüber, wertvolle Anregungen zu natürlicher Erziehung, knappe Ratschläge und noch manches andere brachte ber Vortrag. Sehr sorgfältig ging die Rednerin auf die Behandlung des Kindes während des schulpflichtigen Alters und schließlich toätjrenb der kritischen Zeit ber Pupertät ein, und sie wußte auch hier aus einem
Er reichte ihr die Hand, zog ihre Finger an die Lippen.
„Ich danke dir für deinen Besuch, Norma. Warum hast du denn vorher nicht geschrieben?"
„Aber ich wollte dich doch überraschen. Hnb — hast du denn selber geschrieben? In Berlin erfuhr ich erst deine Adresse. Da machten wir uns alle drei auf die Strümpfe — unb da sind wir!"
Ihr Schauspielerinnenlachen Dang hell und der Klangschönheit bewußt.
Sie legte leicht ben Arm um seine Schultern, es war, als ob sie ihm ben Mund bieten wollte. Aber dabei fing Wördehoff einen Blick von ihr auf, ber Dr. Römer unb Barnowsky streifte unb vielleicht bebeu e.i mochte: Seht ihr, so fange ich ihn toieber ein! Ich bin allmächtig.
Wördehoff nickte ihr leicht zu unb sagte schnell:
„Ja — ich habe mich hier wirklich so wohlgefühlt, baß ich an nichts anderes dachte als —“
„Als an dich! Kann ich mir denken. Nun, wir haben uns auch gottvoll amüsiert, wie Rolf?"
Sie blickte Barnowsky an, der wieder fein Monokel eingeklemmt hatte.
„Rolf?" dachte Wördehoff. Also fie sind schon gut Freund miteinander geworden. Nun ja — unter Künstlern soll das so sein.
„Ausgezeichnet — ganz ausgezeichnet", rief jener begeistert aus. „Gott — wie war das herrlich —"
Wördehoff riß sich zusammen.
„Hnd nun wollt ihr hier wohl noch so eine Art Nachkur machen?"
„Na — so ungefähr. Viel los ist ja hier nicht", lachte Norma. „Unb dann — lieber Gott, man hat doch auch allerlei mit dir zu besprechen. Du ließest ja nichts von dir hören Hollmann wär' beinahe auch mitgekommen — aber schließlich ließ ihn seine neue Freundin nicht los. Dafür kam dann unser lieber Römer mit —“
..Also — geschäftlich?" fragte Wördehoff fo obenhin.
„So ein bißchen, Hubert", sagte Norma, „aber das hat ja Zeit. Vorläufig bin ich furchtbar neugierig auf das Schloß da oben, weißt du? Ich hörte, baß da der Professor Kinna haust mit seinem holdseligen Töchterlein. Das ist ja nun wirklich was ganz Apattes. Wie bist du bloß dahingeraten?"
„Durch Zufall, Norma —“
„Ah — durch Zufall?" fragte fie mit blinzelnden Augen „Durch Zufall in den Hörschelberg — na ja.“
„Hörschelberg ist gut“, spendete Barnowsky Beifall.
„Unsinn ist das", sagte Wördehoff.
„Also — da werden wir mal bem guten Professor einen Besuch abftatten, Hubert. So ein altes Ritterschloß — das muß man gesehen haben Wir wollten nämlich gerade hinaufsteigen
reichen Wissen Darc Wege zu weisen Der Vortrag gipfelte in der Forderung der Erziehung des Knaben zum tatkräftigen Wanne und des Mädchens zur bestimmungsbcwußten Frau, in jedem Falle aber zum nützlichen Mitgliede ber menschlichen Gesellschaft. Der Vorttag wurde mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, nicht zuletzt deshalb, weil hier die Kinderärztin als be^ rufenc Kraft daS Wort ergriffen hatte.
Oberbeffen.
Landkreis Gictzen.
8 Alten-Bufeck, 19. Jan. Am Samstagabend hielt der Gesangverein ®e r mail i a seine ordentliche Generalversammlung ab. Vorsitzender Nicolai erstattete zunächst den Geschäftsbericht, aus dem hervorging, daß der Mit- gliebcrftanb im verflossenen Jahre eine weiter« Zunahme erfahren hat. 'Dem Kassenbericht deS Rechners war zu entnehmen, daß die finanziell« Lage des Vereins nach wie vor günstig ist. Nach einem Bericht des Vorsitzenden über die letzte Be- zirkskonserenz wurde dem Gesamtvorftand für fein« Tätigkeit ber Dank des Vereins zum Ausbruck gebracht unb Entlastung erteilt. Eine Neuwahl des Vorstandes wurde nicht Dorgenommen, sondern dec seitherige Vorstand und übrigen Funktionäre beS Vereins ersucht, ihre Aeinter beizubehalten. Schließlich wurde noch beschlossen, die im Juni stattfindenden Stiftungsfeste der Gesangverein« in Watzenborn-Steinberg unb Lollar zu besuchen.
: Beuern, 19. Jan. Seit Ansang Dezember vorigen Jahres ist unser Ort in die Ve rkraf - tung der P o st einbezogen worden. 'Vor dec Aenderung wurde bic Post vom Kraftverkehr Beuern mo raens und abends am Bahnhof Großcn-Buseck abgebolt und auch ßinbeförbert. Diese Art ber Postbeförderung hatte sich gut bewährt. Die neue Art ber Postbeförderung mit Postauto direkt von Gießen, um 7 Hhr unb um 18 Hhr, bringt leider keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung. Ein Brief z. B. am Freitagnachmittag in Frankfurt zur Post gegeben, erreichte ben Empfänger erst am Sonntag. Aehn- lich verhält es sich mit den meisten anderen Postsendungen. Man ist allgemein über die verschlechterte Postzuführung wenig erbaut unb würde cS sehr begrüßen, wenn wieder zu ber früheren Ard ber Postbeförderung übergegangen würbe.
s. Beuern, 18. Jan. Durch die D a f c l e t Mission wurde in unserer Kirche ent Film vvrgeführt, der Land und Leute der Insel B o r - n c o in prachtvollen Aufnahmen zeigte. Packend waren auch bie Schilderungen, die dazu gegeben wurden. Eine Kollekte für die Baseler MissionS- gesellschaft ergab den schonen Betrag von 65.50 Mark.
Holzversteigerungs - Termine.
Mittwoch, den 21. Januar.
Versteigerer: Forstamt Eichelsborf. Versteige« rungsort: Gastwirtschaft „Zum Steinernen Haus" zu Rainrob. 10.30 Uhr.
Versteigerer: Stabt Gießen. Versteiaerungsortt Zusammenkunft Fernewalb, Kreuzung Pfarrschneise« Hauptschneise. 9.30 Uhr.
Jtinfrermarff in Gießen.
Aus bem heutigen Rindvieh- (Nutzvieh-) Markt in Gießen standen 1089 Stück Großvieh und 185 Stück Kälber zum Verkauf. Es kosteten Milchkuh« ober hochtragenbe Kühe 1. Qualität 525 bis 575, 2. Qualität 400 bis 450, 3. Qualität 250 bis 350, Schlachtkühe 125 bis 200, Rinder, */,- bis J, <jährig 150 bis 270, 3/<- bis 2jährig 300 bis 500 Mark. Kälber 45 bis 55 Pf. je Pfund Lebendgewicht. Ausgesuchte Tiere erbrachte Preise über Notiz. Marktverlaus schleppend, Hebcrftanb, Schlachtei.h schwer verkäuflich.
und —", sie lachte ein bißchen verschmitzt —, „sehen, womit sich der brave Hubert Wördehoff im Hörschelberg beschäftigt —“
„Ja, ich hörte schon", antwortete dieser ruhig. „Aber ein Besuch wird wohl nicht angängig fein."
„Wie?"
Mit einemmal stand da eine kleine Falte in Normas Stirn.
„Warum nicht?"
„Weil der Professor todkrank ist. Er liegt seit Wochen schwer am Nervenfieber darnieder. Man muß mit dem Schlimmsten rechnen —"
„Ist — das wahr?"
..Aber Norma, man treibt doch feinen Hnfinn mit solchen Dingen —“ Sie senkte die Ciber.
„Nun ja — ich bin auch nur so erschrocken gewesen. Du hast mich mißverstanden. So schlimm ist es mit ihm? Aber — daS Schloß ist doch groß —“
„Gewiß. Der Arzt hat indessen jeden Besuch streng verboten. Man läuft da oben auf Katzenfohlen herum. Hnd — du kannst dir denken — auch das Fräulein Nicolette ist nicht in dec Stimmung, Besuch zu empfangen —“
„Ah — ja, ich begreife. Allerdings — wenn es so steht, bann ist eZ also nichts mit der Schloßbesichtigung. Die arme Nicolette —“
„Aber ich schlage vor, einen hübschen Spaziergang zu machen. Es ist ein so schöner Abend — unb bie Herrschaften wollen doch ein bißchen von der Hmgegend sehen."
„Hnd ob wir das wollen", sagte Dr. Romer, sich umblickend. „Hübsch romantisch sieht es ja hier aus. Hnd ruhig — ruhig! Ihre Nerven müssen sich wunderbar erholt haben, Wördehoff."
„O ja. Aber bitte — gehen wir dort entlang in den Wald. Da sind bequeme Wege. Ich werde Ihnen erzählen, wie es mit Kinna so geworden ist. Ein interessantes Künstler- und Menschenschicksal
Sie schritten über die Brücke hinweg, dem Wald zu. Norma ging mit Barnowsky voran, dec chren Schal trug unb ihr ben Arm reichte. Dr. Römer und Wördehoff folgten.
Peter Leisettttt stand in ber Haustür und sah ihnen mit krummem Buckel nach. Seine dicke Rille schnupperte noch nach dem Parfüm, das Normas Kleider zurückgelassen hatten, und feine Augen weideten sich an ihrer eleganten Erfchei- nung. Dis ihn seine bessere Ehehälfte gelinde auf die Schuller klopfte, daß er erschrocken zusammenfuhr und mit liebevollem Nachdruck meinte:
„Sieh einer bloß an, wie ein Mensch gleich in eine Frauensperson verschossen ist. Der dicke Peter! Nee — die Trauben sind denn doch ’n bißchen zu hoch für dich, du — du alter Casanova!“
(Fortsetzung folgt)


