Nr. 297 Drittes Blatt
Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Samstag. X Dezember 1931
Kommunale Tagessragen.
Die jüngste Notverordnung der Reichsregierung hat den schon seit langem in vielen Gewerben zutage getretenen Preisabbau in ein wesentlich beschleunigteres Tempo gebracht. Oluf manchen Wirtschaftsgebieten und in einer ganzen Reihe von Warengattungen dürfte es kaum noch etwas im Preis zu senken geben, dennoch sind noch Teilgebiete unserer Gesamtwirtschaft vorhanden, auf denen erhebliche Abstriche unter allen Llrnständen vorgenommen werden müssen, wenn nicht die ganze Preissenkungsaktion ein leeres Schlagwort bleiben und ihre einzige Auswirkung in der weiteren Einkommensminderung breitester Devölkerungsschichten finden soll. Zu den Gebieten, auf denen noch mit aller Scharfe abgebaut werden muh, gehört die Wirtschaft der öffentlichen Hand. Es ist ein bedauerliches Zeichen unserer Zeit, daß gerade die behördlichen Stellen, die dem Bürger Borbild des Handelns sein sollen, sich mit einer Hartnäckigkeit, die einer besseren Sache wert wäre, den Preisabbauaufgaben widersehen.
Erst vor einigen Tagen konnten wir selbst an Hand eines praktischen Beispiels feststellen, daß die Lenker des Staates, die immer „preisend mit viel schönen Reden" die Abbaunotwendigkeit betonen, in ihrem Revier die strikte Weisung gegeben haben, daß an den Gebühren keinerlei Aenderung nach unten vorgenommen werden dürfe, weil ja das Haushaltsdefizit des Staates eine Senkung der Einnahmeposten nicht zulasse. Das wenig rühmliche Beispiel von oben herab scheint leider auch bei den Kommunalverwaltungen Schule zu machen. Die S'ellungnahme des Borstandes des Deutschen Städtetages, über die wir am Donnerstag und gestern berichteten, ist nach dieser Richtung hin recht anfechtbar. Der Deutsche Städtetag als Spihenorganisation der Gemeinden über 25C00 Einwohnern fordert Finanzhilfe vom Reich als Boraussetzung für einen dann vielleicht möglichen Abbau der Tarife der kommunalen Wirtschaftsunternehmungen. Man merkt anscheinend in jenem Gremium gar nicht, wie sehr durch ein solches Verhalten die ganze Preissenkungsaktion und damit die Bestrebungen zur Wiederyerstellung einer leistungsstarken Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft und Besserung der F'nanzen in Reich, Ländern und Kommunen sabotiert werden.
Wir wissen natürlich, daß die Kommunen bisher mit Hilfe der Werltarife einen erheblichen Teil ih^es Finanzbedarfs decken müssen, weil direkte Steuerquellen für diesen Zweck seit der Umftellung unserer gesamten öffentlichen Finanz- Wirtschaft nicht mehr zur Verfügung stehen. Lind es ist uns natürlich auch durchaus bekannt, Latz ein Abbau an den kommunalen Wirtschaftstarifen gleichbedeutend ist mit einem geringeren Eeldzufluh von den Werken zur Stadtkasse. Durch die Bestimmungen der jüngsten Rotverordnung wertes aber auch die kommunalen Wirtschafts- betriebr sowohl durch Lohn- und Eehaltsabbau, wie durch Frachtenverringerung, Senkung der Rohmaterialpreise, Zinsfenkung usw. ansehnlich entlastet. Es muh bei dieser Senkung des gesamten Preisniveaus einfach als eine Selbst^ Verständlichkeit bezeichnet werden, dah es nunmehr auch nicht mehr länger bei den gegenwärtigen hohen Werktarifen bleiben kann. Der Abbau bei diesen Tarifen ist ein Stück Vorau s s e h u n g für das Gelingen ter allgemeine n Senkung des deutschen LInkost e n- saktors. Die Kommunalverwaltungen, die s.ch gegen die klaren logischen Schluhfolgerungen des allgemeinen Preisabbaues stemmen wollten, wur-
Wege zur Siedlung.
Von Pfarrer Kornmann-Laubach.
Die schwierige Lage Deutschlands hat dazu geführt, daß besonders in Ostdeutschland, und in man» chen Teilen Norddeutschlands landwirtsä-aftliche Güter in größerem Umfang zum Verlaus tarnen; man hat nun, seit Jahren schon, diese Güter a n - gekauft, aufgeteilt und für Siedler verwendet Wir denken dabei etwa an Mecklenburg, aber auch an Teile Schlesiens und besonders an Ostpreußen. Hier, in letzterem Lande, und in Schlesien kommen vor allen anderen auch national-politische Gründe in Frage, die ein Ausweichen vor dem ganzen Ernst dieser Frage: was wird dort aus dem unrentabel gewordenen Großgrundbesitz, unmöglich machen. Schon sind schwere Schädigungen für das deutsche Volkstum eingetreten; aber viel wird noch zu retten sein,, wenn an diesem Punkte auch die „Osthilfe" wahrmacht, was man von ihr erwartet.
Bisher ist es vielfach so gewesen, daß man bei dem, der für die Siedlung in Frage kam, neben landwirtschaftlichen Kenntnissen und einem gewissen Mut, der viel, sehr viel in Kauf zu nehmen bereit ist, weil er das Ziel: eigenes Heim auf eigener Scholle vor sich sieht, — daß man bei dem auch entsprechendes Kapital sehen wollte. Dabei kamen Beträge in Betracht — Beträge von ost weit über 5000 ÄM. —, die wir angesichts der jetzigen Lage der Bauernschaft weithin einfach für indiskutabel erklären müssen. Die ganze Sache war mit gewohnt deutscher Gründlichkeit aufgezogen, hat auch ihre Erfolge gezeitigt, ist aber an sich z u schwerfällig und zu „nobel" berechnet gewesen, als daß es Aussicht gehabt hätte, sich lange zu behaupten.
Jetzt, unter dem Druck der furchtbaren Wirt- schaftstrise, ist das Wort „A u f st i e g s i e d l u n g" aufgetaucht; ein Siedler kann jetzt etwa mit 2000 bis 3000 Mark anfangen, wenn er auf einer Siedlerstelle Fuß fassen will, um mit seiner Familie eine neue Existenz zu gründen. Dabei sind weitgehende Erleichterungen gewährt, so daß in so und so viel Fällen sich vielleicht darüber reden lassen wird. Aufs Große gesehen, wird auch das wohl noch keine „Lösung" sein; für wen sind heute solche Beträge noch erreichbar? Ich weiß wahrhaftig nicht, warum man eine solche Scheu davor empfindet, das Wort „P r i m i t i v - S i e d l u n g" zu gebrauchen. Die Not ist doch teilweise so elementar geworden, daß manchem, der siedeln will, gar nichts anderes übrig bleiben wird, als ganz einfach, wirklich „von unten" anzufanaen. Wer siedeln will, der muß wissen, daß er auf Jahre hinaus nicht auf Rosen gebettet ist, sondern in eiserner Selbstzucht und mannhafter Ent- sagungsbereitfchaft zu schaffen hat, um zum Ziele zu gelangen.
Leider ist es bei einer weltgeschichtlich bedeutsamen Gelegenheit: dem Abzug vieler Rußland-Deutschen, nicht gelungen, _ nennenswerte Scharen von geeigneten Siedlern für uns, in deutschem Mutterland, zu gewinnen. 2)afür_ war unser durchorganisierter, aber langsamer Behörden- Apparat nicht schnell und vor allem nicht beweglich
genug. Eine wertvolle Stunde, nie wüderkehrend, ist damit verpaßt worden. Amerika hat diese Scharen aufgenommen, — Leute, die wie selten sonst Menschen geeignet waren, uns Borbild und praktische Anleitung auf ihrem eigensten Gebiete: dem Ein- richten der Siedlungen, zu geben. — Man wird sich über den schweren Ernst des ganzen Fragenkomplexes am besten klar, wenn man sich erinnert, unter welchen Umständen diese Deutschen einst ihre Siedlungen im fremden Lande errichtet haben. Sie hatten ein Sprichwort, das viel Wahrheit in sich barg, und das lautete: „Der erste arbeitet sich tot, der zweite leidet Not, der dritte erst hat Brot!" Dieses Wort sollte sich heute der vor Augen stellen, der siedeln will — wenn er von gefährlichen Illusionen noch nicht völlig frei sein sollte, dann kann dieses Wort ihm den Dienst tun, daß ihm d i e Augen geöffnet werden — für die Wirklichkeit. Wer also siedeln will, der müßte eine Bereitschaft zum Letzten haben, etwa wie der Kämpfer, der vor dem Feind auf vorgeschobenem Posten steht.
Längst gibt es S i e d l e r s ch u l e n , die die theoretische und praktische Vorbildung systematisch erweitern; ihr Besuch erfordert etwa 20 Mark monatlich, ist alfo erschwinglich. Die großen Konfessionen haben ihre Aufgaben an diesem Punkte lange erkannt; so will etwa die Evangelische Siedler schule in Diestelow (Mecklenburg) das ihre auf diesem Gebiete beitragen. Auch Mädchen werden übrigens dort aufgenommen: bei der durchschnittlichen Einstellung gewisser Teile der heutigen Jugend (ohne daß wir damit in Bausch und Bogen schwarzseherisch über sie urteilen wollen) hat ja die Frage, woher die geeigneten Frauen für die Siedler kommen sollen, ihre besonderen Schwierigkeiten. — Auch auf die „Heimathilf e" i n Bethel, die keine Unterschiede der Konfession usw. kennt, darf hier wohl verwiesen werden. Desgleichen etwa auf die Siedlerberatungsstellen, z. B. bei dem Landesverein für Innere Mission in Darmstadt, und auf die entsprechenden Einrichtungen der Caritas und des Staates.
Die Hauptsache wäre an diesem Punkte: daß etwas geschieht! Und daß recht viele sich bereit finden, zu siedeln — aber möglichst wirklich nur solche, die wissen, welche Opfer das von ihnen erheischt —, solche, die sich nicht gleich von vornherein sagen: so schlimm wird es schon nicht werden! — Grundsätzlich steht ja eine schwere Frage im Hintergrund: läßt sich auch jetzt noch das uralte, deutsche Ziel festhalten, das des eigenen Heimes auf eigener Scholle? Noch glauben wir es! Noch hoffen wir es! Einmal muß doch wieder auch über deutschen Landen das Dunkel weichen, das sie jetzt, vielfach fo bedrückend, überlagert, — einmal muß Loch wieder die Sonne strahlend scheinen! Hoffentlich dann auch über recht vielen Siedlungen, die unter schweren Umständen errungen wurden! — Die Wege zu solcher Siedlung zu ebnen, sind Kundige gerne bereit.
den sich dem Vorwurf aussetzen, daß sie die Zeichen der Zeit nicht verstünden. Nie- mand wird bestreiten können, dah ter eherne Abbauzwang, den man auch von kommunalpolitischer Seite immer der Privatwirtschaft als unerläßlich hingestellt hat, in vollem Ausmaß auch für die Kommunalwirtschaft Gültigkeit hat. Je schneller und bereitwilliger die Kommunalverwaltungen von sich aus die praktische Ruhanwendung auf I ihrem eigensten Arbeitsgebiet ziehen, um so mehr
werden sie das volle Verständnis und die ungeteilte Zustimmung ihrer Bürgerschaft finden. Falls sie sich aber gegen diese unerläßliche Bedingung ablehnend verhalten, werden sie sich nicht beklagen dürfen, wenn ter Ruf nach dem Einschreiten des Reichskommissars für Preisüberwachung nicht eher verstummt, bis dann eben die selbstverständlichste Forderung der Zeit durch Diktat von oben erfüllt ist.
*
WessenKindbinich?
Roman von Fr. Lehne.
(Llrh.berschutz durch C. Ackermann, Romanzentrale Stuttgart.)
33 Fortsetzung. Nachdruck verboten
„Seit einigen Monaten! Ganz plötzlich ist mein Mann einem Herzschlag erlegen, nachdem ich nvch am Abend vorher die „Iphigenie" zu ferner Befriedigung gespielt hatte! Schwer, kaum zu ertragen war das Alleinsein für mich — ich war ja so ganz eingestellt auf meinen Mann und hatte nur für ihn und seine Wünsche gelebt!"
„Sie Daten doch Ihre Eltern, g ädige S:au —“ „Ich sprach vorhin von großen Opfern, Gräfin, die ich meinem Manne gebracht! Eins von den Opfern war, daß ich mich von meiner FamrUe habe trennen müssen, w*.e er es von ter seinen getan — ohne äußere Gründe! Er war sogar so weit gegangen, daß er seinen tönenden Ramen mit einem einfacheren vertauscht hatte —“
„Der richtige Aame Ihres verstorbenen Gatten muh wohl e^eheimnis bleiben?" fragte Graf Reinshagen, ter von Anfang an gefühlt hatte, dah dieser ausführlichen Erzählung eine ganz bestimmte Absicht zugrunde lag. Es quälte ihn unsagbar — darum lieber gleich Klarheit, als dieses zögernde langsame Tasten — unerträglich war es! Er vermochte kaum noch seine äußere Ruhe zu bewahren! Merkwürdig, dah seine Frau so unbewegt dasah — merkte sie noch nicht, um was es hier ging? Dah dieses ihr so interessant scheinende Lebensschicksal der Dame tief einschneidende Veränderungen in ihr Leben bringen konnte?
„Eigentlich ja, Graf — auch liegt mir nichts daran, damit zu pru len, weil mein Künstlername einen — ich darf wohl sagen — einen ebenso guten Klang hat, dah ich mich für mein ferneres Leben damit begnügen werde. Vielleicht hat es aber ein gewisses Interesse für Sie, wenn ich meinen richtigen Ramen nenne, da er ter gleiche ist, wie ihn die Herrschaften tragen! Ich bin eine Gräfin Reinshagen —"
„Rh —"
Mit diesem einen Wort war die ganze Sachlage geklärt — diese fremde Frau war die Gemahlin Alexanders von Reinshagen, des ursprünglichen Herrn des großen Besitzes!
Hanno stieß einen leisen Pfiff aus! Wehte der Wind daher? Wollte ihm diese schöne Frau etwa Reinshagen streitig machen? Leicht sollte sie es aber nicht haben!
Auch die Gräfin war sofort im Bilde. Kerzengerade richtete sie sich auf, und feindselig funkelten ihre Augen, als sie, leicht lachend, hinwarf, »das ist in der Tat sehr seltsam —“
„Das Leben spielt oft wunderliche Zufälle, Gräfin. Wenn es die Herrschaften interessiert, ein Bild meines verstorbenen Gatten zu sehen?" Angela nahm aus ihrem Handtäschchen ein Etui, das zwei Bilder enthielt. Sie deutete darauf — „eine Aufnahme Alexanders kurz vor unserer Hochzeit, und diese andere stammt aus seinem letzten Lebensjahre."
„Mein Bruder Alexander, ja —! Ich habe die Ehre, in Ihnen seine Gemahlin zu sehen?"
Angela neigte bejahend den Kopf.
„Sie sind die Frau Alexander Reinshagen, vor dem Gesetz und durch die Kirche mit ihm vermählt?" Eisig klang die Stimme der Gräfin, deren Liebenswürdigkeit sich in falte Ablehnung verwandelt hatte.
Die beiten Herren fühlten sich durch diese Frage, die sie als eine Entgleisung und ilnflug» heit empfanden, peinlich berührt.
„Vor dem Gesetz und durch die Kirche bin ich Alexander Reinshagen angetraut,_ Gräfin —" entgegnete Angela in tadelloser Höflichkeit, das Verletzende dieser Frage vollständig übergehend, „glauben Sie, Gräfin, dah ich ohne einen Schein des Rechtes gewagt hätte, Ihr Haus zu betreten?" Sie nahm aus der großen schwarzen Ledertasche einen gelben Briefumschlag, den sie auf den Tisch legte — „hier ist mein Trauschein und Sonstiges von Interesse und Wichtigkeit —! Töricht wäre es gewesen, wenn ich das, was ich mit den Herrschaften zu besprechen habe — nur auf gut Glück versucht hatte —"
„— und auf gut Deutsch, Gräfin — Sie wollen Ansprüche auf Reinshagen machen", nahm Hanno das Wort. Eine Erregung fieberte in ihm, der er nicht Herr zu werden vermochte. „Ich liebe keine großen Llrnschweife — sagen Sie gerade heraus, Gräfin, toarum Sie gekommen sind!"
„Sie werden es gleich hören, Graf Hanno! Doch in erster Linie möchte ich die Herrschaften darüber beruhigen, daß ich wahrhaftig nicht gekommen bin, irgendwelche Ansprüche zu machen. Für mich steht das moralische Recht viel höher als das gesetzliche! Ich weiß, dah ich gesetzlich das Recht hätte, Reinshagen für mich zu beanspruchen — auf Grund dieser Papiere hier — bitte, wollen Sie Einsicht nehmen? Moralisch aber wäre dieser Anspruch unhaltbar — verächtlich! Lind ich möchte nicht vor mir selbst erröten —“
Sie sah die Herren mit ihrem bezaubernden Lächeln an, und sie sah deren befreites Aufatmen nach dem anfänglichen Schreck.
„Wir verstehen Ihre großherzige Handlungsweise voll zu würdigen, Gräfin —"
Angela wehrte ab — „bitte, ich heiße Frau Graf, ich will keine Aenderung —“
„Es ist selbstverständlich, daß man diese Angelegenheit in unterer Weise ordnet, gnädige grau!“ sagte Hanno, „mir ist es nicht um den
materiellen Wert unseres Reinshagen zu tun, sondern darum, weil ich mir mein Leben ohne dieses Stück Land, auf dem ich geboren, mit dem ich verwachsen bin mit allen Fasern meines Seins, gar nicht denken kann! Ich will aber kein Geschenk, gnädige Frau, von solchem Wert — denn Königreiche verschenkt man nicht —“
„Ich bin anderer Ansicht als Sie, Graf Hanno!" lächelte Angela, „Königreiche kann man nur verschenken, weil sie nicht zu kaufen oder zu verkaufen sind! Ich verstehe Sie in Ihrem Empfinden vollkommen! Doch Sie sind ein wenig voreilig gewesen und haben mich auch nicht ausreten lassen, Graf Hanno, denn ganz umsonst kann ich Ihnen Reinshagen nicht überlassen — eine Bedingung muß ich schon stellen — oder sogar zwei! Die eine zu erfüllen, steht bei den Eltern — die andere, größere, bei Ihnen, Graf Hanno, wenn Sie für sich und Ihre Nachkommen unbestrittener Herr und Besitzer von Reinshagen bleiben wollen —"
„Ich bin nicht gewöhnt, Gräfin, daß man mir Bedingungen stellt!" rief Hanno in rasch erwachtem Unmut; sein heißes Blut kochte. Er hatte die Frau anscheinend doch zu hoch eingeschätzt; er ärgerte sich darüber. „Ich suche mir mein Recht von anderer Seite —"
„Warum so rasch, Graf Hanno? Sehen Sie doch aufmerksam diese Papiere nach! Mein Recht ist sonnenklar! Ich sage dies nicht, um darauf zu bestehen, sondern nur, um Sie davor zu bewahren, sich allerhand Illusionen hinzugebenI Die Herrschaften wissen ganz genau, daß Graf Alexander Reinshagen nur für seine Person verzichtet hatte, nicht aber für Frau und Kinder — denn der Gedanke an eine Heirat hatte ihm immer fern- gelegen, bis er mich fennengelemt —“
und nun sind Kinder da?" fragte Graf Hanno mit gepreßter Stimme.
Wenn das der Fall war, wäre bei Feindseligkeit alles verloren gewesen! Mit einer kinderlosen Frau dagegen hätte man sich doch leichter einigen können.
„Ja, Graf, eine Tochter! Lind wenn Graf Hanno diese Tochter heiratet, seine Kusine, die Komtesse Reinshagen, ihm also völlig ebenbürtig, verzichte ich für mich und meine Tochter feierlich noch in dieser Stunde auf alle meine Rechte, in die Graf Hanno dann für immer eintritt!"
Erregt sprang Hanno auf, dunkelrot im Gesicht.
„Was verlangen Sie von mir, Frau Tante! Ich treibe mit meiner Person keinen Schacher! Sollte es so weit kommen, pfeife ich auf ten ganzen Kram — aber nicht eher, bis ich alles versucht habe —1 Gutwillig gehe ich nicht aus meinem Reinshagen —“
aus Ihrem Reinshagen, Graf Hanno?" betonte Angela.
In den letzten Tagen hat es in den Kommunen wieder einmal eine Steuerüberraschung gegeben. Die Stadtverwaltungen ließen ihren Bürgern die Anforderungen jur Bürger st e uer zugehen. Diesmal ist in Gießen, wie auch in den meisten anderen Gemeinden, das Dreifache des Landessatzes als Dürgersteuec zu zahlen. Es handelt sich dabei um eine sehr beträchtliche Zahlungsverpflichtung. die besonoers in den Wochen des Preisabbaues und ter Gehalt;- und Lohnsenkungen peinlich in Erscheinung tritt. Dabei wird die Aufmerksamkeit auch mehr als bisher auf eine Tatsache hinaelenkt, von der die meisten Bürger bei der Einführung der Dürgersteuer durch Notverordnung der Reichsregierung nicht weiter Notiz genommen hatten: nämlich d i e Besteuerung der Ehefrau. Bei dem ursprünglichen ein. fachen Hundertsahe fiel der Steuerzuschlag von 50 Prozent auf die Ehefrau neben der Steuerleistung des Ehegatten bei vielen Steuerzahlern vielleicht nicht weiter ins Gewicht, weil man damals von der Vorausse^ung ausging, daß es sich um eine einmalige Sonderbesteuerung zugunsten der Kommunen für eine kurze Zeit hantele, um den Gemeinden aus der ärgsten Klemme zu helfen. Allerdings war auch damals schon — im Sommer vorigen Jahres — vom grundsätzlichen Standpunkt aus die steuerliche Inanspruchnahme der ein. kommenslosen Ehefrau bei diesem Produkt der Steuergesetzgebung eine Sache, die gegen jede Gerechtigkeit, gegen staats- und bevölkerungspolitische Vernunft, wie auch gegen den elementarsten Moralbegriff verstieß.
Die Lingeheucrlichle'.t dieser Steuer strafe auf die Ehe tritt natürlich bei der jetzigen Verdreifachung der Steuerlast besonders aufreizend in Erscheinung. Der Bürger fragt sich mit Recht, welche Gründe die für diese F.auen- steuer Verantwortlichen wohl ins Feld führen können. Wie die Sachlage jetzt ist, steht man vor der Tatsache, daß der Ehestand steuerlich bestraft wird, während ein Paar, das ohne Standesamt und Trauschein zusammenlebt, von dieser Steuerstrafe nicht erfaßt wird, weil ja bei einer sog. „teilten Ehe" die Frau nicht als Ehefrau im Sinne des Gesetzes anzufehen ist. Man steht weiter der Llngeheuerlichkeit gegenüber, daß durch diese Art ter Besteuerung geradezu ein Hindernis für die Eheschließung bereitet wird, beim ter LInverheiratete steht natürlich, trotz der Son- terbelaftung durch die Junqgesellensteuer, dem mit weit größeren Pflichten für die Volksgesamtheit belasteten Verheirateten ganz wesentlich besser gegenüber, da er eben nur für sich allein in Anspruch genommen wird. Vom ethischen und te- völkerungspolilischen Gesichtspunkt aus sind gegen diesen Zustand der Dinge sehr ernste Einwände zu erheben, die aber anscheinend bei den maßgebenden Stellen keine Beachtung gesunden haben. Wäre es anders, so würde man doch wohl nach dieser Richtung hin eine Reform der in ihrem * Grünte e an'en durcheus berechtig en Tür erstcuer vorgenommen haben, wie ja auch die überaus rohe Form der vorjährigen Steuererhebung hinsichtlich der Inanspruchnahme afer Personen über 20 Jahre ohne Rücksicht darauf, ob sie Einkommen hatten oder nicht, mittlerw ile beseitigt worden ist und jetzt immerhin eine Einkommensgrenze von 500 Mark pro Jahr geschaffen wurde.
An der jetzigen Dürgersteuer ist aber auch die Art der Staffelung der Steuersätze ernstlich zu beanstanden. Auch hier ist wieder zu sagen, daß der Sachverhalt, wie er im vorigen Jahre unter der Annahme einer einmaligen und kurz befristetenSondersteuer widerspruchslos Angenommen wurde, bei der jetzigen Verdreifachung der Steuersätze doch sehr empfindliche Auswirkungen auf die finanzielle ßei- stungskrast der Steuerzahler mit sich bringt, be-
„3a, aus meinem Reinshagen!" rief et ungestüm, „es gehört mir durch meiner Hände Arbeit. durch meine Fürsorge, durch meine Liebe! Wer ein Vagantenleben geführt hat, kann nicht ermessen, wie man mit seiner Scholle verwachsen ist — der kaust sich irgendwo an und fühlt dort sich ebenso wohl wie wo anders! Ich aber, ich kann nur hier gedeihen, wo ich Wurzel gefaßt habe —“
„— und wollen mir dennoch nicht ein wenig entgegenkommen, Graf Hanno? Ich bebaute es sehr
„Wie alt ist bie Tochter Alexanbets?“ fragte bie Gräfin.
„Zwanzig Iahte, Gräfin, ein seht gut erzogenes Mädchen, und, wie man sagt, eine Schönheit."
„Lind diese Tochter ist mit Ihnen immer auf Reisen gewesen?"
„Sie ist in Deutschland erzogen! Graf Hanno würde sicher seht glücklich mit der ihm bestimmten Braut werden —“
„Ich verzichte!" sagte Hanno kurz und kalt, „sparen Sie jedes Wort, gnädige Frau —“
„Ihrem energischen Widerstand nach zu urteilen, scheinen Sie bereits anderweitig gefesselt zu sein, Graf?"
„Sie haben recht, ich habe bereits gewählt; darum muß ich für jeden Vorschlag danken!"
„Aber, Hanno!" tief die Gräfin entsetzt, „du denkst doch nicht etwa an jene Ebba Lenz?"
„Ich habe nie aufgehört, an Ebba zu denken!" „Ich bitte dich, Hanno, diese Llnrnöglichkeit —“ „Nicht so unmöglich wie das, was man von mir verlangt! Ich liebe Ebba —"
Die Gräfin kannte ten Trotz ihres Sohnes. Vielleicht würde der aber vergehen, wenn er sich damit Reinshagen verscherzte. Lind der Vorschlag der Dame war wohl in Erwägung zu ziehen — mit einem Schlag wären alte Lin- annehmlichkeiten und Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt!
„Haben Sie ein Bild von der Tochter Alexanders?" fragte die Gräfin.
„Gewiß, Gräfin!"
Mit einem schwer deutbaren Lächeln überreichte ihr Angela eine Photographie, die sie aus dem Täschchen genommen.
„Nein — unmöglich — das — ist doch — ?“ murmelte die Gräfin, den Kopf schüttelnd. Aber ihre Augen trogen nicht — sie warf einen beinahe hilflosen Blick auf das ihr undurchdringliche Gesicht ihres Gastes.
„Erlaube, Mutter, ich habe ja wohl das erste Recht, das Bild der mir zugedachten Braut zu sehen —“ sagte Hanno ironisch, der Mutter doS Bild aus der Hand nehmend.
(Fortsetzung folgt)


