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Nr. 297 Zweites Blatt

Randnoten.

Ern Kapitalverbrechen, wie es ähnlich schwer und ruchlos seit Jahren in der Kriminal- geschichte nicht mehr zu verzeichnen war. hat mit der Verurteilung des Mörders Ern st Reins zum Tode nun seine Sühne gefunden. Ein 24jähriger, der zeitweilig wieder arbeitslos war. besten Familie zu Hause sich einen Fernsprecher hielt, der vor Gericht aus- sagte, das; er über drei Anzüge und einen Smo­king verfügte, einige Hundert Mark verliehen und einige Hundert Mark von einer Versicherungs­gesellschaft zu bekommen hatte, klügelt einen teuf­lischen Plan aus, in dem ein ergrauter Ge l d b r i e f t r ä g e r zugrunde gehen sollte. Es hat allerdings nicht an Versuchen ge­fehlt, diesen Kapitalverbrecher mit Hilfe der Psychoanalyse zu einem menschlich interessanten Problem zu machen, aber der Versuch mühte sich wohl um ein untaugliches Objekt. Der Fall des Maurers Ernst Reins ist nicht aus seiner sozialen Umgebung allein zu erklären, auch nicht durch Vererbung, eher schon durch eine Veranlagung, die mangels jeder ordentlichen Erziehung in ein Kapitalverbrechen umschlug. Vor einem Pots­damer Gericht hatte sich dieser Tage ebenfalls ein junger Mensch zu verantworten, weil er feige und h nterrücks nachts einen Kraftwagenführer erschossen hatte. Der Mörder Reins wollte schnell und mühelos zu Geldkommen, der Mörder des Kraftwagenführers ebenfalls. 3n beiden Fällen handelt es sich um junge Leute, dSren Entwicklungsjahre in die Inflationszeit sielen.

Erinnern wir uns, daß in der Vorkriegszeit junge Leute in dem Alter dieser Mörder ent­weder noch in der Zucht des Militärdienstes stan­den, oder aber diese gerade hinter sich hatten. Wenn schon erziehen von ziehen kommt, so ist klar, das; der Mangel an Zucht, dem die Heranwachsende Jugend seit der Staatsumwälzung aufgesetzt ist, alle seelischen und geistigen Bin- gungen und Hemmungen auflockern must. D i e allgemeine Wehrpflicht, die dem deut­schen Volke durch ein Jahrhundert so segens­reich bekommen ist, war nicht eine teuflische Er­findung des Militarismus, sondern ein C r - ziehungslnittel, dessen Kraft und Eigen­art von keinem anderen Volke und mit gleichem Erfolg nachgeahmt werden konnte. Wenn sich auch die allgemeine Wehrpflicht von heute auf morgen nicht wieder einführen läht, so ist es doch wohl möglich, einen bedingten Ersah durch die allgemeine Arbeitsdien st pflicht zu schaf­fen, die wenigstens das Heranwachsende Geschlecht von der Straste und ihren Versuchungen wegholt. Damit ist schon viel gewonnen, ganz abgesehen davon, dast die Arbeitsdienstpflicht für Jugend­liche toeber Arbeitsplätze freimacht, die dann den g lernten Arbeitern Vorbehalten bleiben müssen, die heute dazu verflucht sind, stempeln zu gehen.

Der Fall Ernst Reins ist nicht von der krimi­nellen Seite interessant, er ist vielmehr ein so­ziales Warnungszeichen, dessen Mist­achtung zu einer tödlichen Gefahr für Staat und Volk werden must. Der Staat, der nicht über die Macht und das Ansehen verfügt, um Verbrechen zu verhindern, erwirbt sich weder Furcht noch L'ebe. Der Ernst Reins war nicht ein verzwei- feitet Arbeitsloser, er gehörte vielmehr zu den asozialen Menschen, deren Rährboden politische mb wirtschaftliche Zustände und Verhältnisse sind, die mit dein Begriff der Freiheit und der sre-en S^lbsten^wicklung e'n verhängnisvolles Lbiel treiben. Wenn man sich nicht mehr um die £) b f e r eines Verbrechens kümmert, wenn see­lische Knochenerweichung nur den Ermordeten schuldig sein lästt, dann wird an den Grund­festen gerüttelt, die allein Staat und Volk sichern können.

Dreizehn Jabre sind nun Rhon verflogen, seit der Krieg zu Ende ging. Aber die Kriegs- ft im m u n g ist leider trotz aller Bemühungen der

Gießener Etaditheaier.

Sie WundeUampe "Die Puppenfee." 1.

Als diesjähriges Weihnachtsmärchen erschien aestern zum ersten Male im AbendspielpRn eine mrzlich in Heidelberg uraufgeführte Rovität: .Die Wund er lampe" in fünf Bildern (mit Musik) von Werner Schmidt, eine mörchen- halte Abwandlung des alten Motivs vom Kampfe des Lichtes mit der Finsternis.

Die Einwohner eines kleinen Dorfes sind dem . bösen Zauberer Pipifax tributpflichtig, sie weigern sich, die drückenden Abgaben fernerhin zu leisten und werden zur Strafe von Pipifax in Kälte und Finsternis verbannt. Da macht sich ein kleines ku- cagiertes Mädel auf den Weg. um vom Lichter- lonig die Wunderlampe zu holen und so das Dorf Dom Bannfluch Pipifaxens zu erlösen.

Zuerst kommt es auf dem weiten Weg zur Hasenfamilie im Wald und nimmt das älteste Hasenkind Bummelchen mit auf die große Reite: sie bestehen allerlei Fährüchkeiten, aber mit Hilfe der guten Lichtfee und ihrer Zauberrute kommen sie in den Palast des strahlenden Königs. Alles scheint nach Wunsch zu gehen, auch Knecht Rupp­recht erscheint mit feinem großen Sack da fährt Im letzten Augenblick mit Donnergepolter der lüftete Pipifax dazwischen und raubt die Wunder- lampe.

Anneliese und Bummele* n dringen mutig in die Unterwelt, in die Höhle des Zauberers ein, rauben den Schlafenden die Lampe und bringen sie im Triumph ins heimatliche Dorf, wo sich alles im Kubel über die Befreiung vom Zauberbann am Weihnachtsabend unter dem strahlenden Christ- daum zufammenfindet.

Dies ist, in großen Zügen, der Gang der Hand- lang. Die Aufführung stand unter der liebevoll ousmalenden und ausschmückenden Regie von «crl D 0 lck, der wie alle Jahre auch diesmal als guter Weihnachtsmann und väterlicher Freund der Kleinen das Spiel betreute. Die hübsche und märchenhafte Ausstattung besorgte Karl Löff­ler: er hat einen neuen bunten, mit allerlei Ge­lier belebten Vorhang gemalt und mit Phantasie die einzelnen Bilder entworfen, von denen wir besonders das idyllische Hasenhaus, den Lichter- palast und das grausliche Bergwerk der Zauber- h5hle hervorheben möchten. Die fchwungvo.le mib. silalische Leitung von Cuje und die geschickte

Samstag, ls". Dezember Mls

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Verständigung noch immer nichtgeschwun­den. Roch immer leben bei unseren Gegnern Tausende von Fanatikern des Hasses, die von einem Abbau der Kriegspsychose nichts wissen wollen. Wir müssen uns damit abfinden, haben uns auch damit abgefunden, weil wir wissen, daß vor dem Urteil der Geschichte keine von den Ver­leumdungen Bestand haben wird, mit denen wäh­rend des Krieges die Entrüstung gegen uns ge­schürt wurde. Aber überraschen muß doch, daß auch im Zeichen der christlichen Rächstenliebe ge­legentlich die Kriegshetze noch fortgesetzt wird, als wenn inzwischen gar nichts an Aufklärung geschehen wäre. Eine Spitzenleistung dieser Art finden wir in einem belgischen Jour­nal. Cs ist derAlmanach du Rosaire, das offizielle Organ des Dominikanerordens in Lüt­tich und der dominikanischen Mission in Belgisch- Kongo. In einer Darstellung der We ih- nachtsgefchichte bringen einzelne Skizzen die Verkündung", die Szene derHirten im Stall" und derFlucht nach Aegypten", in eine Land­schaft der Rormandie übertragen. Eine andere Szene zeigt denBethlehemitischen Kindermord". Auch hier sind die Gassen von Bethlehem die eines kleinen Dorfes in der Rormandie. Vorn auf der Straße liegt die Leiche eines kleinen Kin­des inmitten einer großen Blutlache, im Rücken steckt ein deutsches Bajpnett. lieber das Kind hinweg stürmen deutsche Soldaten, Feld­graue in Stahlhelm und Uniform, mit den Ge­wehrkolben zertrümmern sie die Haustüren, um den Kindermord fortzusehen. Dieses Bild trägt die Unterschrift: Die Soldaten des Herodes und die Menschenschlächter von 1914 ver­stehen ihr Handwerk gut! Jeder Kommentar ist überflüssig. Hierzu paßt die Abonnements­werbung des Verlages auf der gleichen Seite: Wünschen Sie monatlich eine angenehme und un­terhaltende illustrierte Zeitschrift? Dann abonnie­ren Sie denRosaire! Jawohl, eine angenehme und unterhaltende Zeitschrift. So recht dazu ge­eignet, bei allen Verhandlungen über Dölkerfrie- den und Verständigung zur Einleitung als Lek­türe betrachtet zu werden. So werden wir nie­mals weiterkommen. Der Geist fehlt, der rechte Geist des Friedens, der wahre Wille zum Frie­den! Damit die Weihnachtsbotschaft wahr werde: Und Friede auf Erden!"

In Spanien hat die Arbeit für die neue Verfassung einen bemerkenswerten Abschluß erreicht. Sie ist am 9. Dezember verkündet wor­den und hat in den drei Hauptfragen Kompro­mißlösungen gefunden. Das sind: die Eigen­tum s f r a g e namentlich in der Beziehung zur Agrarpolitik, die regionale Autonomie, namentlich in der Beziehung auf Katalonien, und die Beziehungen zur Kirche. Endgültig sind diese Lösungen kaum. Auch die Ruhe, die in bezug aus das Verhältnis zwischen Offizierskorps und neuer Regierung eingetreten ist. wird nicht ewig dauern. Dazu kommt die Erregung der Be­amten, über die ein nicht weniger als 50prozen- tiger Abbau für alle Aemter schematisch hinweg­gegangen ist. Daß man für nötig hielt, in feier­licher Erklärung den früheren König Alfons des Hochverrats für schuldig zu erklären und außerhalb des Gesetzes zu stellen, erklärt sich wohl aus der Rotwendigkeit, etwas zu finden, auf das eine gemeinsame Stimmung hingelenkt werden konnte. Don dieser feierlichen moralischen Ver­urteilung, die praktisch keine Bedeutung hat, ver­sprach man sich wohl auch eine besondere Wir­kung für die monarchistische Agitation im Lande. Aussichten auf eine baldige Wiederherstellung der Monarchie bestehen ja nicht. Die Verhältnisse sind auch hier viel zu tief aufgewühlt und um­gestürzt, als daß ein solcher Umschlag denkbar wäre.

Dafür gelang nun im ganzen die Verkündigung der Verfassung und die Wahl des Staats­präsidenten, der am 11. Dezember feierlich vereidigt wurde. Es ist Zamora. 1877 ge­boren, Advokat, aus der Provinz Cordoba, seit 1905 liberaler Abgeordneter, 1917 erstmalig Mi­

nister, 1922 Kriegsminister, zurückgetreten als Gegner der Diktatur, kurz bevor Primo de Rivera seinen Staatsstreich machte. Als Führer der re­publikanischen Richtung hat er im Gefängnis ge­sessen, Frühjahr 1931 wurde er Ministerpräsi­dent. Jetzt trat er an die Spitze der spanischen Republik als deren erster Staatspräsident. Er ist guter Jurist und glänzender Redner, gemä­ßigt, besonders gegenüber der lirchenfeindlichen Stimmung unter den Republikanern, und steht auf deren rechtem Flügel. Bei seiner Vereidi­gung war bezeichnend und wichtig nicht nur, daß sie von großem militärischem Gepränge umgeben war, sondern daß das Volk, das große militärische

Aufgebot begeistert bejubelte und jede Fahne grüßte.

So ist ein Einschnitt erreicht für eine demo­kratisch-parlamentarische Republik Spanien. In­dem man diese Worte nebeneinanderstellt, emp­findet man die gewaltigen Aufgaben, die die neue Regierung vor sich hat. Es wird noch eine ganze Weile dauern, ehe was uns ja die Hauptsache ist abzusehen ist, wie und an welche Stells dieser Staat, ein erheblicher Mittelstaat Euro­pas, mit großen überseeischen geistigen Verbin­dungen, wenn er sich konsolidiert, sich in den Zen- tralfragen der großen Politik Europas stellt.

Samora» Wahl

zum ersten Präsidenten der shanisthen Revublik.

5 s

W

M

Der neugewählte Präsident Alca.la Zamora (im Wagen links) begibt sich mit dem Kammer­präsidenten Basteir 0 zum Abgeordnetenhaus, wo die feierliche Vereidigung stattfand.

Tragödien des deutschen Idealismus.

Mörikes und Raabes Kinder in bitterster Rot. Deutsche Dichter in Dach­stuben, Lauben und Kellern. Verzweifelter Kamps um das tägliche Brot.

Bon Walter von Molo.

Walter von Molo ist nicht nur als Dich­ter einer unserer führenden Köpfe; auch als Freund und Helfer der lebenden Schriftsteller- Generation steht er an einer Stelle die ihm tiefen Einblick in die Lebensoerhältniffe des schaffenden deutschen Geistesmenschen ge­währt.

In der heutigen katastrophalen Verkennung der Bedeutung und Aufgabe des unabhängigen Geistes, des freien schaffenden Geistesmenschen liegt meines Erachtens das größte Unglück dieser ftrife, die schwerste Gefahr für die Zukunft.

Hat das geistige Deutschland in Zukunft noch eine Möglichkeit der Existenz? Kann sich der schöpferische Geistesmensch in Deutschland noch behaupten und entwickeln?

Ich möchte hier als Antwort auf diese Frage berichten von Erlebnissen, die man nicht mehr ver­

schweigen darf. Sie beschränken sich auf den Kreis der deutschen Literatur. Ihre Bedeutung aber geht weit über diesen Kreis hinaus, sie zeigen schlechthin das Verhältnis der deutschen Oeffentlichkeit zur freien geistigen Persönlichkeit.

Eine alte, sehr ärmlich gekleidete Frau kam vor einiger Zeit zu einer literarischen Hilfsorganisation und bat dort um Unterstützung. Mit wenigen, kar­gen Worten enthüllte sie ein erschütterndes Schicksal der bittersten Not. Es war die Tochter Eduard M ö r i k e s.

Eine andere Frau kam und klagte dasselbe Lied, die Tochter Wilhelm Raabes. Dje Tochter von Boden st edt und Julius Hart, ein^ Sohn Freiligraths, die Witwe von Friedrich Lienhard, von L a u t e n s a ck und Arno Holz, sie und zahllose andere Hinterbliebene großer Män­ner leiden bitterste Not. Sie wären glücklich, wenn

Tanzleitung B ä u l k e s unterstützten die Regie­arbeit vortrefflich.

Die große Schauspielerschar war mit Lust und Liebe bei der Sache. Die beiden weltreisenden Hauptpersonen Anneliese und Bumme'chen wur­den von Elisabeth W i e 1 a n d e r und Maria .Sachse sehr niedlich gegeben. Hub machte mit grimmigen Gebärden und gräßlichem Höllen­gelächter den unterwe'tlich-sinsteren Pipifax. Ihm gegenüber die strahlenden Geister des Lichts: Bea­trice Doering, die liebliche F:e, und Jan- sch eck als milder Lichterkönig in lauter Go'dund Silber. D 0 l ck selber war ein würdiger Bürger­meister inmitten der aufgeregten Handwerker: Bruck (Schneideri; Geiger (Müller), Michel (Schmied) Heck (Küfer). Edith Berger als drollige Hasenmutter, Fassott als gemütlicher Knecht Rupprecht und Kühne als zappliger Haushofmeister seien noch genannt.

Für freundlichen Beifall konnte sich zuletzt mit den Hauptdarstellern der Autor persönlich be­danken.

11.

Rach der Pause gab es als Weihnachtsbe­scherung auch für die großen LeuteDie Puppenfee" , pantomimisches Ballett in einem Akt von I. Haßreiter und Fr. G a u l mit der Musik von Josef Bayer. Die Wiederaufnahme dieses dankbaren Werkchens erwies sich als ein entschieden glücklicher Griff der Theaterleitung, und die gemeinschaftliche Arbeit des Regiekolle­giums tänzerische Gesamtleitung und Choreo­graphie: Ewald ulke; musikalische Leitung: Fritz Cuje, Spielleitung: Karl Heyser brachte eine sehr reizende und stimmungsvolle Aufführung'zustande. Löffler hatte einen ver­schwenderisch ausgestatteten, allerliebsten Puppen­laden aufgebaut, Kurt Huber einen Reigen ge­schmackvoller Kostüme aufgeboten; Herr Keim versah die bunte Szenerie mit aparten Deleuch- tungseffekten, die ja stets beim Ballett von be­sonderer Wichtigkeit sind.

Die Regie hätte den eigentümlichen Marionet­tenstil des stummen, nur auf Tanzrhythmus und Melodie auf gebauten Spiels sehr wirkungsvoll auf alle Figuren übertragen und erreichte stellenweise in der überwiegend auf Heiterkeit und gelöste Be­wegung eingestellten Pantomime eine an E. T. QL Hoffmanns groteske Einfälle erinnernde Phan­tastik.

Bäulkes Tanzeinrichtung gestaltete das im wesentlichen auf Wiener Walzerweisen ge­

stimmte Ballett mit vielen hübschen Einfällen äußerst abwechslungsreich. Es gab so viel zu sehen und zu hören, daß das Publikum von Anfang bis zu Ende in Atem gehalten wurde. Im Mittel­punkt des Balletts stand die Solopartie von Anni D ä u l k e, die den Puppenfeewalzer mit graziö­sem Temperament in technischer Vollendung vor­führte. Ewald D ä u l k e als Harald präsentierte sich in einem neuen, ebenso schwierigen wie drolli­gen Grotesktanz; Mia Schmidt in einem rassi­gen, spanischen Kastagnettentanz.

Allerliebst war eine resolute kleine Tirolerin (Erika Wenner) ; viel Spaß bereiteten auch die Mama-Puppe und die Puppe, die immer versagt. Es gab noch schrecklich viel zu sehen: zwei kleine Chinesen, eine Japanerin, zwei Trommler und vier Harlekine, zwölf Rosenkinder, zwei dicke Männer aus lauter Autoreifen, eine kleine Herde von Mickymäusen, Puppen, Ammen mit Wickelkindern und Babys. Zuletzt erschien die ganze Puppengesellschaft zur Parade, und der ver­wickelte und figurenreiche Aufmarsch klappte tadellos.

Im Laden walteten stumm und beflissen: der Spielwarenhändler Hub, der Commis Bruck und die beiden Boys I a n s ch e ck und P a e t s ch. Ein furchtbar steifes schottisches Ehepaar (W. Kühne und Maria Koch) erschien zu Besuch und langweilte sich ungerechtfertigterweise; hin­gegen brachte das muntere Dauernpärchen V 0 1 ck und Schubert-Jüngling von Anfang an Leben in die Puppenbude.

Die sehenswerte und in allen Teilen wohlgelun­gene Aufführung fand verdientermaßen starken Beifall. hth.

Kinderglück in der Kiste.

Bon Max Zunqniüel.

Es sind jetzt vier Jahre her, als sie starb. Eine junge, mädchenhafte Frau war sie noch, gerade drei Jahre verheiratet, als das Glück der Ehe plötzlich für immer durch ein Eisenbahnunglück zerschmettert wurde. Sie hatte ihre Mutter besucht, und auf der Heimfahrt geschah es.

Wie ein Beilschlag hatte den Mann ihr Tod ge­troffen. Er ging em Jahr wie eingemauert von kalter Einsamkeit umher. Dann zog die Tote mit einem seltsamen, traurigen Lächeln in seine Er­innerung. Als er fühlte, daß ihr Bild in seiner Er­innerung schwächer wurde, traf er ein Mädchen. Seit einem Jahre ist er nun wieder verheiratet.

Nun geschah es, daß die zweite Frau überall Um­schau hielt. In der Wohnung überall. Sie stieg sogar in den Keller und auf den Dachboden. Nicht aus Neugier. Sie wollte so etwas wie einen lieber« blick über ihr Hausfrauenreich gewinnen, wollte sich an die Dinge heranfühlen. Sie sah alles an, öffnete dort einen Kasten, hier einen Schrank, schob dort eine Lade und knüpfte hier den Bindfaden von einem Karton. Sie war unermüdlich darin.

Nun steht sie auf dem Dachboden vor einer ver­nagellen Kiste. Sie muß in die Wohnung laufen und eine Zange holen. Eine Kiste, die etwas Ge­heimnisvolles zu verbergen scheint.

Sie hebt den Deckel. Sie greift hinein faßt ein Etwas in Papier gewickelt und lost das Papier. Eine Puppe. Eine etwas altmodische Kinderpuppe. Und wieder eine Puppe und noch eine.

Jetzt muß sie sich wahrhaftig neben die Kiste setzen. Da sitzt sie nun, fünf Puppenkinder im Schoß. Wie sie sich zu den Puppen herniederbeugt, da ist's ihr, als ob die Puppengesichter um eine Liebkosung betteln. Sie nimmt eine nach der andern in den Arm, ordnet an den Kleidern herum, streicht ine Haare glatt und streichelt die zartgetönten Wangen. Sie lächelt zärtlich^dabei, als sie das tut. Sie ertappt sich, wie sie den Puppen kleine, dumme Schmeichel­worte zuflüstert.

Sie merkt nicht, wie dabei die Zeit vergeht. Sie ist vom Glück einer fremden, toten Kindheit ver­zaubert, wird von einem Stern angelächelt, der nicht ihr gehört, und der nun wieder in ihren Händen strahlend wird.

Da sitzt sie nun, zwischen Gerümpel und Dach­fensterlicht und ist wieder ein Schulmädchen ge­worden.

Nun legt sie die Puppen wieder vorsichtig, mit liebenden Händen, in die Kiste zurück.--Die

Puppen seiner ersten Frau. Und nagelt die Kiste zu wie ein Zwergenmärchenschiff. Nun ist es wieder mit sich allein, das Kinderglück in der Kiste.

Sie steigt, das Herz mit seltsamer Freude umfan­gen, die Bodentreppe hinunter. So, als ob sie etwas ganz Wundersames und Geheimnisvolles erlebt habe

Und geht den ganzen Tag, wie von Kinderliedern getragen, umher. Und behält das Geheimnis der grauen Kiste für sich.

Eines Tages steigt sie vielleicht wieder hinauf, unters Dach, wieder wird sie die Kiste öffnen, ganz feierlich und selig. Aber dann schließt sie die Kiste nie wieder. Sie steigt mit den Puppen im Arm die Treppe wieder hinunter und legt die Puppen aus einer längst verwehten Kindheit in die Spiel­hände ihres ersten Kindes.