Nr. 271 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 19. November 1951
Oie Arbeitslosigkeit und Wege zu ihrer Linderung.
Arn Dienstag veranstaltete die 3ung- deutsche Bewegung (Iungdeutscher Orden und Bolksnationale Reichsvereinigung) im „Hotel Köhler" einen Staatsbürgerabend. Dor einer sehr zahlreichen Zuhörerschaft sprach der Leiter des Gießener Arbeitsamtes
Regierungörat Or. Bues
über das aktuelle und wichtige Thema: „Arbeitslosigkeit und Wege zu ihrer
L i n d e r u n g". Sn se.nem etwa einstündigen 1o> tiuge machte der Redner in großen Zügen mit den wichtigsten Gebieten dieses weitschichtigen F.agen- komplexcs und mit den dringendsten Schlußfolgerungen aus der Erkenntnis der Dinge bekannt. 11. a. wies er mit eingehender Begründung darauf hin, daß die Arbeitslosigkeit zu einem erheblichen Teile eine Auswirkung der Reparationszahlungen. der scharfen Rationalisierung und gesteigerten Technisierung unserer Wirtschaft ist, aber auch die Umschichtungen in der Weltwirtschaft durch den Aufbau nationaler Industrien in den fremden Ländern während der Kriegszeit, sowie Derschiebungen in der Rohstofferschließung für den deutschen Arbeitsmarkt verhängnisvoll in Erscheinung getreten sind. Daß unter diesem Hebel unserer Zeit Millionen von Menschen wirtschaftlich und moralisch ungeheuer schwer zu leiden haben, insbesondere auch die Jugendlichen in besorgniserregender Weise von diesem E'eno betroffen werden, bezeichnete der Redner als eine große Gefahr für die Weiterentwicklung unseres Dolkes und für den Staat, für den die Arbeitslosigkeit und ihre Bekämpfung das schwierigste Prob em überhaupt sei. Bei der Erörterung der bisher beschrittenen Wege zur Linderung der Arbeitslosigkeit kam der Dortragende zu dem Ergebnis, daß von Erfolgen dieser Maßnahmen leider nicht gesprochen werden könne. Die Sparmaßnahmen der ö f f e n t - lichenHand, so berechtigt sie vom Standpunkt der Finanzwirtschaft aus sein mögen, hätten doch für den Arbeitsmarkt keinerlei Erleichterung, vielmehr weitere Derschlechterung gebracht. Die Lohn- undPreissenikungen as weiteres Mittel der wirtschaftlichen Reformarbeit hätten zwar für den Export deutscher Erzeugnisse und deren Wettbewerbsfähigkeit mit dem Auslande günstig gewirkt, jedoch hätten die Einkommensminderungen zu einer ansehnlichen Schwächung der Kaufkraft weiter DecöikerungSschichten, damit zu Absatzstockungen auf dem Binnenmarkt und zu vermehrter Arbeitslosigkeit im Lande geführt. Eindringlich warnte der Redner vor den Folgen einer überspitzten Lohnpolitik, durch die nur noch eine weitere Einschränkung der Absatz- und Aröeitsmög'i'' iten im Innern eintreten werde. Einen b eiten Raum in dem. Dortrage nahm die Besprechung ver binnen- wirtschaftlichen Maßnahmen zur Linderung der Arbeitslosigkeit ein. Dabei beschäftigte sich der Vortragende aus- sührlich mit der Frage der inneren Kolonisation, wobei er sich unter um'angreicher Beweisführung für eine großzügige Sieb- lungspolitik sowohl auf den großen Landflächen Ostdeutschlands, wie auch für die K u l t i • vierung von Oedländereien und für die Durchführung von Randsiedlungen an der Peripherie der großen Städte aussprach. In diesem Zusammenhänge würdigte er die Bedeutung des freiwilligen Arbeitsdienstes, wie er von der Jungdeutschen Bewegung vertreten wird, mit starker Aufmunterung, da er in diesem Mittel ein beachtenswertes Instrument zur Linderung der Arbeitslosigkeit erblickt. Weiter empfahl der Redner mit eindringlichen Worten eine Belebung des Binnenmarktes durch freiwilligen Verzicht der Konsumentenschaft auf den Bezug solcher a u s-
ländischen Erzeugnisse, die durch inländische Produkte nicht nur voll und gleichwertig ersetzt werden können, sondern sogar an Qualität noch übertroffen werden und dazu den Vorteil bieten, daß durch ihren Verbrauch inländische Arbeitskräfte neue Schaffensmöglichkeit erhalten und das Geld im Lande bleibt. Selbstverständlich ist für den Redner, daß eine völlige Abschnürung vom Auslandmarkt für uns nicht in Betracht kommen kann, aber eine Beschränkung der Wareneinfuhr in dem dargelegten Sinne nicht nur wünschenswert, sondern sogar notwendig ist. Weiter beschäftigte sich der Vortragende mit den Auswirkungen der vielfach geforderten Herabsetzung der Arbeitszeit und mit den Beschränkungen in der Beschäftigung von Doppelverdienern. Er erklärte hierzu in eingehenden ziffermäßigen Darlegungen, daß auch auf diesem Wege wohl eine gewisse Entlastung des Arbeitsmartts eintreten könne, auf der andern Seite aber auch gewisse Nachteile in der Form von Kauflraftminderungen nicht verkannt werden dürften. Er betonte noch, daß die Beschäftigung polnischer Landarbeiter in D e u t s ch l a nd vom nächsten Jahre ab voraussichtlich gänzlich aufhören und dadurch deutschen Arbeitskräften Platz geschaffen werde, weiter wies er noch auf gewisse Entlastungen des Arbeitsmarktes durch die Arbeitsbeschaffungsprogramme der Reichsbahn und der Reichspost hin, um zum Schlüsse eine instruktive Uebersicht über den gegenwärtigen Stand der Arbeitslosigkeit, deren finanzielle Belastung für die Volksgesamtheit und über die Maßnahmen auf dem Gebiete der Notstandsarbeiten zu geben.
Eine bemerkenswerte Aussprache.
An den Dortrag, der mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde, schloß sich eine sehr rege Aussprache an. Zahlreiche Redner nahmen dabei zu den Darlegungen des Dortragenden Stellung und brachten darüber hinaus noch eine Reihe von Möglichkeiten zur Sprache, deren Inangriffnahme die Beschäftigung zahlreicher Arbeitskräfte gestatten würde. 11. a. kam dabei die Rede auf die L a h n k a n a l i s i e r u n g von Gießen bis Limburg und auf die vielfachen wirtschaftlichen Auswirkungen dieses Unternehmens auf die heimische Industrie, weiter beschäftigte man sich mit Kulturbauarbeiten in den Feldgemarkungen der nächsten Nachbarschaft, mit Randsiedlungsmöglichkeiten, Stra - henbauarbeiten und dergleichen, wobei in vielen Fällen der von der Jungdeutschen Bewegung ausgehende Plan eines umfangreichen freiwilligen Arbeitsdienstes praktische Gestalt annehmen könne.
Freiwilliger Arbeitsdienst im Kreise Wetzlar.
Von besonderem Interesse war in diesem Zusammenhang die Mitteilung von Studienrat Schmidt (Gießen) daß in wenigen Wochen bei Ehringshausen (Kreis Wetzlar) von Mitgliedern des Jungdeutschen Ordens ein bedeutsames Stück frei# willigen Arbeitsdienstes begonnen werde. Es handel! sich dabei um eine Regulierung d e s Wasserlaufs de-r Dill, durch die den bisherigen alljährlichen Ueberschwemmungen des Geländes bei Ehringshausen ein Ende bereitet werden soll. Bei diesem freiwilligen Arbeitsdienst sollen etwa 50 Mann je 20 Wochen lang damit beschäftigt werden, dem Lauf der Dill ein neues Bett zu graben und dieses so auszugestalten, daß künftig keine Wassernot in dieser Gegend mehr eintreten kann. Träger dieser Arbeit der Jungdeutschen ist die Gemeinde Ehringshausen, die Kosten des Projektes sind auf etwa 200 000 Mark veranschlagt,
der Bezirkssparkassen) der Fall ijt. Damit ändert sich i backa geboren; nichts an der Haftung der Gemeinden für | Tolstoj in Asta
Astapowo gestorben.
sie werden sich aber, da es sich um freiwilligen Arbeitsdienst handelt, voraussichtlich nicht so hoch belaufen.
tern, hat die Notverordnung vom 6. Oktober eine Reihe von weiteren Sicherungsbestimmungen gebracht. Von besonderer Bedeutung ist hierbei die Verleihung der eigenen Rechtspersönlichkeit an die Sparkassen. Bisher waren die Sparkassen unselbständige Einrichtungen der Gemeinden; nunmehr werden sie zu A n st a l t e n mit eigener Rechtspersönlichkeit umgestaltet, wie dies
Selbständige Sparkassen.
Die ungünstige Entwicklung, die die Finanzen einiger Gemeinden infolge der Arbeitslosigkeit genommen haben, hatte auch in Sparerkreisen teilweise Beunruhigung hervorgerufen. Man fürchtete vielfach, durch die finanzielle Notlage einer Kommune könne auch das Vermögen der zu ihrem Bezirk gehörenden Sparkasse beeinträchtigt werden. Diese Befürchtung war von jeher grundlos. Sparkassenvermögen war stets vom Vermögen der Gemeinde laut gesetzlicher und Satzungsoorschriften vollkommen getrennt. Ein eigenmächtiger Eingriff einer Finanzverwaltung in das Vermögen der Sparkasse ist ausgeschlossen. Um die Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Sparkassen von den Gemeinden aber noch zu unterstreichen und zu erwci-
die Sparkassen, die weiter bestehen bleibt; die Sparkassen erhalten lediglich im Rahmen der kommunalen Verwaltung eine größere Selbständigkeit, wie sie die wirtschaftliche Eigenart ihrer Einrichtung erfordert. Noch schärfer als bisher wird das Vermögen der Sparkasse von dem kommunalen Vermögen getrennt. Um eine stärkere Beteiligung auch der örtlichen Wirtschaft an der Verwaltung der Sparkassen zu ermöglichen, werden sachkundige Persönlichkeiten aus dem Wirtschaftsleben in den Vorstand berufen. Ferner ist die Kreditgewährung an die Kommunen stark begrenzt worden, so daß auch in dieser Richtung kein Anlaß zu Bedenken ober Kritik vorliegt.
Daten für Donnerstag IS November.
Sonnenaufgang 7.49 Uhr, Sonnenuntergang 16.31 Uhr; Mondaufgang 14.33 Uhr, Monduntergang 1.09 Uhr.
1828: Der Komponist Franz Schubert in Wien gestorben; — 1869: Eröffnung des Suezkanals.
Taten für F enaq, 20. November
Sonnenaufgang 7.50 Uhr, Sonnenuntergang 16.30 Uhr. — Mondaufgang 14.42 Uhr, Monduntergang
2.19 Uhr.
1602: der Physiker Otto von Guericke in Magdeburg geboren; — 1802: der Maler Wilhelm von t ui t F111 u H .. u . .. .............. Kügelgen in st. Petersburg geboren; — 1858: die
schon seit langem in Baden und Hessen (bezüglich | schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf in Marder Be^irkssvarkassen) der Fall ist. Damit ändert sich i backa geboren; — 1910: der Schriftsteller Graf Leo
„Götter"- Geschäfte bei der Favag.
Frankfurt a. M., 17. Nov. (WSN.) Die weitere Verhandlung gegen die Direktoren der verkrachten Frankfurter Allgemeinen Versicherungs-AG. (Favag) brachte heute wieder recht erbauliche Dinge zur Sprache. Dabei spielte eine besondere Rolle
die Vrüning-Anleihe.
Es handelt sich um eine Pfund-Anleihe der Sperrholz- und Fournierfabrik Brüning AG. in Potsdam über 125 000 englische Pfund. Zusammen mit dem Wiesbadener Bankhaus Andreae & Co. übernahm offiziell die Favag von dieser Anleihe 42 000 Pfund zu einem Kurs von 89 Prozent. Inoffiziell aber waren es wieder einmal die Herren Dumcke und Becker, die da ein gutes Geschäft witterten und unter dem Deckmantel der Favag für ihre eigene Tasche arbeiteten. Später wurde dann noch Sauerbrei) hinzugenommen, der heute bedauerte, sich in dieses Geschäft eingelassen zu haben, weil er sich, wie er heute erklärt, strafbar gemacht habe. Doch B e ck e r und D u m ck e, die als die großen Götter in der Versicherungsbranche angesehen wurden, verstanden es schnell, ihn mit der Argumentation: „das wird doch überall gemacht", umzustimmen. Auf jeden Fall wurden nach einiger Zeit die Obligationen an die Tochtergesellschaft der Favag, an die Frankfur - ter Lebens - Versicherung, verkauft, und zwar diesmal zu einem Kurs von 100 v. H. Der Gewinn der drei Favaaherren betrug die nette Summe von 6 1 8 0 5,04 Mark. Damit die Favag als eigentliche Geschäftsträgerin dabei nicht ganz leer ausging, überwies man ihr ganze 6 0 5 Mark auf das Kapitalertragkonto. Dumcke, Becker und Sauerbrei) aber konnten pro Kopf für die „Mühewaltung" 20 400 Mark quittieren. Um diesen Gewinn zu oertarnen, mußten wieder zahlreiche Umbuchungen herhalten, wobei Quittungen über nie stattgefundene Auszahlungen und Urkunden in dem geheimnisvollen Aktenschrank von Becker eine nicht ganz geklärte Rolle spielten.
Die Sache mit Wronker.
Die Frankfurter W r o n k e r AG. wollte die Geschäftsanteile einer belgischen Gesellschaft an dem Kaufhaus Hansa in Frankfurt und Zum Strauß in Nürnberg mit Hilfe der Dresdner
Bank erwerben. Da die Zustimmung der Zentraldirektion der Bank ausblieb, wandte man sich an die Favag, deren Generaldirektor D u m ck e im Aufsichksrat von Wronker saß. Selbstverständlich war die Favag bei den guten Gewinnaussichten, die sich dabei boten, bald gewonnen. Als dann auch die Dresdner Bank ihre Mithilfe zu- sagte, wurde das Geschäft versekt. Zum Schlüsse war die Wronker AG. im Besitze der beiden Kaufhäuser in Frankfurt und Nürnberg, während die Dresdner Bank und die Favag an Anschluß- und Avalprovi- fion rund 250 000 Mark Verdienst zu ihren Gunsten buchen konnten, zu denen bei der Favag noch 16 000 Mark Zinsgewinne hinzukamen. Zwar hatte die Favag für dieses Geschäft verantwortlich gezeichnet, doch die Gewinnsumme fiel mit je 4 7 6 5 1 Mark an Dumcke und Becker, während sich Sauerbrei) mit 31 767 Mark „begnügen mußte. Aber auch diesmal vergaß man die Favag nicht ganz. 11 000 Mark wurden zum Ausgleich einer Differenz auf dem Jnterimskonto und 10 00Ö Mark als Gratifikation für Angestellte, die lieber« stunden geleistet hatten, verwandt.
2Han wollte „nur“ eine Million.
Es spielte sich im Verlauf dieses Geschäfts ein Zwischenfall ab, der schlaglichtartig die geschäftliche Einstellung von Dumcke und Becker beleuchtet. Beide hatten ausgerechnet, daß die W r o n t e r AG. mit diesem Geschäft rund 6 Millionen Mark — nach Sauerbrei) waren es nur 4 Millionen — verdient hatte. Das war den „Faoag-Göt- tern" des Guten zuviel, solange sie nicht an diesem Segen beteiligt waren. Also ging Becker hin und verlangte von der Wronker AG. bescheiden, wie 'man war, „nur" eine Million Gratisaktien, in die sich die Favag zusammen mit der Dresdner Bank, die von dieser Forderung überhaupt nichts wußte, und einer Frankfurter Maklerfirma teilen wolle. Als man mit dieser Forderung bei Wronker auf keine Gegenliebe stieß, da legte Dumcke höchst entrüstet sein Amt als Aufsichtsratsmitglied nieder. Erstaunlich ist dabei, daß man nicht schon damals die „Usancen" der Favag-Direktion etwas genauer nachprüfte, zumal doch die Dresdner Bank beim Bekanntwerden dieser Forderung energisch von der Favag abrückte.
Die Verhandlung geht am Donnerstag weiter.
Gießener Gtadttheaier.
„Ist das nicht nett von Colette?"
Dieses musikalische Lustspiel in drei Akten von Max Vertuch — Gesangstexte von Kurt Schwabach, Musik von Willy Rosen — setzt die Linie fort, die mit „Meine Schwester und ich" begönnen und mit „ Frauen haben das gern...!" in dieser Spielzeit wiederaufgenommen wurde. Das Stück beruht auf einer sehr hübschen und wirksamen Fabel und weicht im Aufbau erfreulich vom üblichen Klischee ab.
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Ein junger Autor probiert feine Lustfpielideen, ehe er sie aufs Theater bringt, in der Wirklichkeit aus. Der Dr. Grifsonier z. B. lädt sich zwei junge Damen, Colette und Florence, in fein Häuschen am Meer, und löst das alte Dreiecksproblem mit der eulenspiegelhasten Pointe, daß er jeder von den beiden erklärt, die andere sei die richtige, das heißt: die rechtmäßige Gemahlin des Dichters. Die Frage, die dem Stück den Ramen gibt, ist in dieser Situation leicht zu beantworten. Ist das nicht nett von Colette, daß sie nicht eifersüchtig ist? Sie wird sich hüten. Dafür wird aber der Doktor eifersüchtig auf Colette, und wer weiß, wie das ausgegangen wäre,... wenn nicht am Ende des zweiten Aktes unvermutet Florences Gatte in das Idyll hereinplahte und auf diese Weise der ganze Schwindel rauskäme.
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Run wäre ja das Stück eigentlich vorzeitig zu Ende. Aber da der voEtor cin Dichter, jede der beiden Frauen Schauspielerin und das ganze Spiel nur eine Probe aufs Exempel war — hat er eine brillante Idee": jetzt wird das Idyll am Strand auf die Bühne gebracht, als Lustspiel und aus Leibeskräften probiert. Man schaut, wie 'bei Pirandello, in die finstersten Kulissen, man sieht den Theaterbetrieb gewissermaßen ab- geschminkt und von hinten... und erlebt zum werweißwievielten Male den immer neuen Reiz dieses Schwankens zwischen echtem und nach gemachtem Dühnenzauber, zwischen Realität und Illusion. *
Der dritte Akt ist hier eigentlich, was sehr selten vorkommt, ein Höhepunkt, und die lustige Fabel, die einem echt komödiantischen Instinkt entsprang, wird von einer spritzigen und pikanten Musik begleitet, wobei Geige und Saxophon abwechselnd frie Führung haben; ganz unaufdringlich be
gleitet übrigens, so daß der Text immer die Oberhand behält, gelegentlii) rezitaliüsch gelockert oder rhythmisch beschwingt wird in kleinen Tanzfiguren. Dazwischen gestreut: die Schlagertexte von Schwabach, die fast alle in einerverwegenen Fragestellung gipfeln: „Wie wär's mit uns beiden?", oder „Ich weiß nicht, was die Frauen an mir finden?", oder „Ist das nicht nett von Colette?", oder „Wer kann heut noch treu sein?" und so in dieser Tonart.
Es wurde sehr hübsch gespielt. Die Regie von Fassott knüpfte mit leichter und glücklicher Hand an die gute Lustspiel- und Sing- spiel-Tradition an; die ersten Akte ganz leicht, musikalisch beschwingt und tänzerisch bewegt; der dritte mit voller Entfaltung jenes großen, oft erprobten und immer wieder faszinierenden Kulissenapparates mit Probenbrtricb, Bühnenarbeitern, Stimmen aus dem Parkett, mit Beleuchtungswechsel und Souffleurkastenscherzen und der ganzen, schwer beschreibbaren Stimmung des unaufgeräumten, halbfertigen Theaters auf dem Theater, das den Leuten so gut gefällt und so viel Spaß macht. Die Partitur betreute mit Schwung W. Moehl am Kapellmeisterpult; cin apartes Bühnenbild hatte K. Löffler für die ersten beiden Akte entworfen, während er im letzten eine malerisch-echte Unordnung für den Probenbetrieb arrangierte. Herr K ei m sorgte für einen vielfach abgestuften Beleuchtungszauber; Herr E. Bä ulke machte sich mit gefälligen Tanzarrangements um die Aufführung verdient.
2lls Colette sah man Edith Berger, die Ujre Partie in den ersten Akten ganz spielerisch und obenhin behandelte, gesanglich mit leicht parodistischem Ton, um im letzten erst, sehr wirksam, den vollen theatralischen Glanz und Nuancen- reichtum dieser reizvollen Schauspieler-Rolle zu entfalten, die schließlich gewichtiger wird als man es im Lustspiel gemeinhin gewohnt ift. — Maria Sachse, sehr frisch und (auch in den Gesangspartien) angenehm gelöst, gab die sogenannte „gnädige Frau" Florence. — Zwischen beiden, als Gast, Willy Hartmann in der Rolle des Dr. Grifsonier, die er mit Humor und flüssiaer Konversation auf der mittleren Linie von Kabarett- und Bonvivant-Stil ausspielte.
Eine famose Sache für Hub war der Maurice Voulanger; er stattete ihn mit einer erstaun
lichen Beweglichkeit, einer schmetternden Lache und einer entwaffnenden Zungenfertigkeit aus; ein kleines Kabinettstück war das parodistische Dlu- menduett mit Frl. Sachse im Schlußakt. — Herr Hauer entwickelt immer entschiedener eine liebenswürdige Eignung für Lustspielfiguren wie diesen witzig und ganz trocken gegebenen Aristide Mcunier. — Fassott (als Roland) führte mit großer Natürlichkeit Regie. — Elisabeth Wielander als neckisches Dienstmädel Vally, die Herren Geiger und Wahlen in kleineren Aufgaben rundeten das Ensemble angenehm ab. -
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Die Neuerscheinung fand eine sehr freundliche Aufnahme mit viel Beifall und etlichen Wiederholungen. hth.
Oie wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschen Grönland-Expedition.
Die soeben zurückgekehrte Grönland-Expedition hat eine Fülle von Forschungsergebnissen und Beobachtungsmaterial mit nach Hause gebracht. Was bisher bekannt geworden ist, genügt allein schon, um eine völlige Umwälzung der bisherigen Anschauungen über Grönland herbeizuführen. Besonders interessant ist, was die beiden Meteorologen, Dr. Georgi und Dr. Holzapfel, berichten. Es stellte sich heraus, daß die Wetterverhältnisse über Grönland weit komplizierter liegen, als man bisher annahm. Besonders das berühmte Grönland» Hoch, dem die Meteorologen einen so großen Einfluß auf die mitteleuropäischen Wetterverhältnisse zuschreiben, ist wesentlich anders aufgebaut, als man bisher vermutete. Es reicht nicht nur bis 3 Kilometer Höhe, sondern bis 14 Kilometer und noch höher in die Atmosphäre hinauf. Ferner herrscht durchaus nicht das beständige klare Wetter, das man gewöhnlich im Sommer auf dem Inlandeis vorfand, sondern es wurden starke Tcmperaturschwankungen und viel Nebel und Bewölkung festgestellt. Bei der letzten großen Fahrt mit Propeller-Schlitten nach der Station „Eismitte" wurde gleichzeitig auch die letzte Eisdeckenmessung gemacht, die das sensationelle Ergebnis einer Eisbicke von 3000 Metern hatte. Jetzt ist aber fichergestellt, daß die Rieseninsel wie eine gewaltige eisgesüllte Schüssel geformt ist. Weitere wichtige Ergebnisse wird die Auswertung der Schweremessungen bringen. Die Expedi- tion hat als erste solche Schweremessungen im Inneren Grönlands vorgenommen. Es handelt sich dabei um die Frage, ob das durchschnittliche spezifische Ge
wicht der Festlandsscholle Grönlands geringer ober größer ist als das durchschnittliche spezifische Gewicht der Erdrinde. — Das gesamte Material der Expedition ist bis auf die schwertransportablen Karosserien der Propellerschlitten wieder zurückgebracht worden.
GchiffSrettung mit Alkoholschmuggel.
Die oUtzielle Beschlagnahme des amerikanischen Frachtschiffes „Arlhn" bringt eine Geschichte ans Licht, die nach der Aussage der Sachverständigen selbst in den an abenteuerlichen Geschehnissen reichen Annalen des amerikanischen Alkoholschmuggels einzigartig dasteht. Das Handelsschiff, das Zuckerladungen von Westindien nach den Vereinigten Staaten bringt, stieß im Februar dieses Jahres in der Nähe von Kap Hatteras auf das englische Schiff „John Man- ning“, das im Sinken war. Die Mannschaft des „Arlyn" erfüllte nur ihre Menschenpflicht, indem sie die vom Tode bedrohte Mannschaft des englischen Schiffes aufnahm. Aber sie tat noch ein Uebriges, indem sie auch die Ladung des „John Manning" rettete, die in 4000 Kästen mit Champagner, Whisky und anderem hochwertigen Alkohol im Gesamtwerte von 2 Millionen Mark bestand. Diese kostbare Ladung wurde unter dem Zucker verborgen, den das Schiff nach Neuyork bringen sollte. Die Verführung war zu groß, als daß man nicht versucht hätte, ein gutes Geschäft zu machen. 3m Neuyorker Hafen hatte das Schiff keine strenge Zolluntersuchung zu gewärtigen, da diese bereits zu Miami in Florida Dorgenommen worden war. Man beschloß also, über die Rettung strengstes Stillschweigen zu bewahren, und als das Schiff anlegte, verschwanden die geretteten Seeleute spurlos. 3n der nächsten Nacht erschienen Panzerkraftwagen am Hafen, die den Alkohol in Sicherheit brachten, und die Matrosen des „Arlyn" verdienten auf diese Weise bedeutend mehr als gewöhnlich. Aber es gab einige Unzufriedene, die man nur mit 20 Dollar abgespeist hatte, und diese schrieben geheimnisvolle Briefe an die Behörden, worauf man der Sache nachging und jetzt das Schiff mit Beschlag belegt hat. Man fand aber keinen von der Mannschaft mehr, die an jener so ertragreichen Reise teilgenommen hatten. Die Leute sind nicht nur wegen Alkvholschmuggels, sondern auch wegen Verletzung der Einwanderungsgesetz« angeklagt, da sie die englischen Matrosen an Land geschmuggelt haben.


