1-18. Juni.
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Sreitag, 19. Juni 1931
181. Jahrgang
Br. 141 Erstes Stall
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Dnid unö Derlag: Vrühl'fche Universitäts-Vach' nnö Stetnörnderet B. Lange tn Stehen. Schristlettung und Seschäst5ftelle: Zchulsirahe 7.
Englischer Ministerbesuch in Berlin am IT. Juli
Wichtige Besprechungen in London schon im Gange
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Reklameanzeigen von 70 mne Breite 35 Reichspfennig, Platzoorfchrist 20’„ mehr.
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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Or.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst DIumfchein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen
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London, 18. Juni. (IDIB.) Wie Reuter er- fähri, werden Premierminister Wacdonald und iluhenminister Henderson am 17. Juli zu ihrem Gegenbesuch in Berlin eintreffen.
Zwei Tage spater Stimson.
Berlin, 18. 3uni. (Sil.) Bach den bisherigen Dispositionen werden Macdonald und Henderson London voraussichtlich am 16. Juli verlassen, und am 17. Juli in Berlin eintreffen. Sie Iverden dann in Berlin vorn 17. bis 19. Juli einschließlich als Gäste der Reichsregierung weilen. Der amerikanische Schatzsekretär Mellon dürfte, entgegen anders.autenden Meldungen, sich von London aus erst an die Riviera begeben. Mellon wird also voraus! ichtlich keine ilnierredung mit den Berliner Stellen haben. Der amerikanische Staatssekretär Stimson wird in Berlin voraussichtlich erst am 2 1. Juli, also nach dem Besuche Macdonalds und Hendersons eintreffen, nachdem er vorher Paris und Rom besucht hat. Es wird bereits möglich sein, in den Besprechungen mit ihm die Ergebnisse der deutschen g l i s ch e n Aussprache zu verwerten. Cs erscheint besonders bemerkenswert, daß die Fühlungnahme mit den Vertretern der beiden Staaten bereits zu einem so frühen Zeitpunkt stattfindet, um so mehr als man in Berliner politischen Kreisen für
Ulitte August die Einleitung der Aktion der Reichsregierung in der Reparationsfrage erwao-et. In welcher Weife die diplomatischen Maßnahmen hinsichtlich anderer Staaten durchge- führt werden, steht bis jetzt noch nicht fest.
Das Echo in Berlin.
Berlin, 19. Juni. (ERB.) Die „D. A. Z." begrüßt die Nachricht, daß der Kanzlerbesuch in C^quers von den Herren Macdonald und Henderson schon am 1 7. I u l i in Berlin erwidert werden soll. Die Beschleunigung des Gegenbesuches erklärt sich, nach Ansicht des Blattes, aus der Zuspitzung der Tributfrage und der älnmöglichkcit für Deutschland (trotz heroischer Anstrengungen), seiner finanziellen Schwierigkeiten bald Herr zu werden, sofern es die unmoralischen und unerträglichen Kriegstribute weiter bezahlen muß.
Das Transfer-moralorium bringe uns keinerlei wesentliche Entlastung, außer in rein psychologischer Hinsicht. Ein großer konstruktiver und schöpferischer Plan zur Sanierung der Welt sei nötig, und das Britische Reich habe daran ein ebenso großes Interesse, wie die anderen
Industriestaaten.
Der einzige Wunscy, der sich an den Berliner Besuch der britischen Minister knüpfen lasse, sei der, daß sic sich persönlich von der Lage der Dinge in Deutschland überzeugen möchten, um daraus ihre Schlüsse zu ziehen. Cs sei jetzt kurz > vor 12, und wenn England, das für den -friedlichen Wiederaufbau Europas eintrete, das -Gebot der Stunde nicht erkenne, dann werde lich der überall vorhandene Pessimismus noch fteigern, und niemand könne das Ende absehen, i -Das Blatt vermutet, daß lebhafte Bemühungen unternommen werden, um auch eine deutsch- französische Aussprache herbeizuführen, ob- vohl ihr ncgativesCrgebnis von,vorn- I herein fest stehen dürfte
Biel nötiger sei ein Gespräch mit Rom.
Es müsse gehandelt werden, ehe es zu spät 1 lei, gehandelt deutscherseits durch den Beweis, daß uns zu tun fast nichts mehr übrig bleibe.
Die „Germania" schreibt: Der Besuch der hohen englischen Gäste wird im ganzen deutschen Volk mit dem Gefühl aufrichtiger Freundschaft begrüßt werden. Cs erübrigt sich, darauf hin- niweisen, daß dem englischen Besuch über das Gesellschaftliche hinaus auch eine nicht geringe politische Bedeutung zukommt.
Hoovers Schwenkung.
Die 'Bedeutung der Tatsache, daß Präsident Hoover g.eichzeitig zwei seiner wichtigsten amt- I .ichen Berater nach Europa schickt, verdient immer wieder unterstrichen zu werden. Bon Washing- i ivn aus ist gar nicht einmal versucht worden, die Lesart ausrechtzuerhalten, als ob es sich bei Herrn Mellon und bei Herrn Stimson «diglich um eine Vergnügungsreise handelt. Man spricht schon lange von einer Studienfahrt, die 'ich — bei der Wahl der beiden Persönlichkeiten eine Selbstverständlichkeit — nicht nur mit der Frage der Abrüstung, sondern auch mit einer praktischen Lösung des Schuldenproblems beschäftigen soll. Herr Mellon ist inzwischen in London eingetroffen. Herr Stimson wird am 21. Juli in 'Berlin eintreffen. Welch« Ziele er -im Auge hat, darüber sind wir im wesentlichen schon durch den Botschafter S a d e 11 unterrichtet, Hr bringt die große Lleberrafchung mit, daß die Bereinigten Staaten jetzt wenigstens theoretisch leteit sind, auch schon vor der Präsi- Lentenwahl unter ilmftänöen helfend in die europäische Finanzkatastrvphe ein- S u g r e i f e n. Vorläufig ist diese Bereitwilligkeit noch stark verklausuliert. In diplomatischen Kreisen wird aber doch damit gerechnet, daß
Herr Mellon nicht mit leeren Händen kommt, sondern einige Vorschläge mitbringt, die für den Augenblick Luft schaffen können. Es ist selbstverständlich. daß die Amerikaner nicht daran denken, die innere Verbindung zwischen der Abrüstung und den Kriegsschulden vollständig zu lösen, schon weil sie damit auf das starke Druckmittel gegenüber den Siegerstaaten verzichten würden. Amerika ist auch heute noch reich ge» nung, um das Wettrüsten selbst mit England bequem aushalten zu können. Aber der Amerikaner ist wieder nüchtern genug, um keinen Hehl daraus zu machen, daß er Rüstungsausgaben für unproduktiv hält, er denkt auch wieder sachlich genug, um sich auszurechnen, daß die großen wirtschaftlichen Reserven seines Landes, die im Rotfalle eine völlige Autarkie sicherstellen würden. ihm im entscheidenden Moment im Falle der Abrüstung — und vielleicht dann erst recht — einen Vorsprung vor den möglichen Gegnern eines künftigen Krieges sichern würden. Also hält das amtliche Amerika an seiner Forderung der Abrüstung fest und wird mit allen Mitteln einen erfolgreichen Ausgang der Abrüstungskonferenz zu erzwingen suchen. Hier ist Deutschland der wichtigste Bundesgenosse der Vereinigten Staaten. Wir haben ein Recht, zu verlangen, daß die Siegerstaaten ihre Rüstung nach dem deutschen Beispiel zurüdschrauben, und dürfen uns auf die nachhaltige Llnterstützung der Vereinigten Staaten verlassen. Das gibt uns diplomatisch auch auf dem finanziellen Kriegsschauplatz eine gewisse Rückendeckung, weil Herr Hoover es dann nicht gut darauf ankommen lassen kann, daß Deutschland als ernsthafter Verhandlungspartner während der Abrüstungskonferenz tilgen seiner Finanzschwierigkeiten ausfällt. Die 3kreinigten Staaten sind also ein Trumpf, den wir noch im Spiel haben, möglicherweise sogar der höchste Trumpf. Es handelt sich nur darum, ob wir das diplomatische Eeschid und die Rerven haben, um uns die Unterstützung dieses Bundesgenossen sofort bei der Regelung der Tributlasten zu sichern.
Mellons Besprechungen in London.
London, 18. Juni. (WTV.) Schahfekreiär Mellon hakle heule weitere Besprechungen mit TH a c- donald und Henderson. Die Unterredung dauerte eine Stunde. Ihr wohnte auch Montague Jl o r m a n bei. Obwohl man versichert, daß sie einen unoffiziellen Eharakter gehabt habe, glaubt man allgemein, daß Mellon die Reparativ-
Frankfurt a.TI., 18.Juni. (ERB.) lieber die Vorgeschichte bet unerwarteten Kredithilfe, die England für Oesterreich bereitgestellt hat, erfährt die „Frankfurter Zeitung' folgendes: Am 16. Juni fand ein Besuch des französischen Gesandten in Wien beim öfter» reichischen Außenminister statt. Der Gesandte überreichte ein Schriftstück, das die Pariser Bedingungen für die Beschaffung der Kre- di t h i l f e enthielt.
Um den Oesterreichern keine Zeit ;um Entwischen zu lassen, wurde ein Ultimatum gestellt: Antwort bis zum Abend. Das französische Schrist- slück forderte völlige Aufgabe der politischen und wirtschaftlichen Selbständigkeit Oesterreichs.
Im einzelnen dachten sich die Franzosen die Sache folgendermaßen: Oesterreich beantragt beim Völkerbund die Einsetzung einer Kommission zur Prüfung und Ordnung der österreichischen Verhältnisse-, Oesterreich verpflichtet sich, die Vorschläge dieser Kommission bedingungslos anzunehmen. Schließlich wurde die österreichische Regierung noch aufgefordert, nach Paris einen in säuberlichem Französisch entworfenen Brief zu schreiben, in dem sich Oesterreich „die Ehre gibt, seierlichst zu erklären, sich künftig jeglicher Kombination politischer und wirtschaftlicher Art zu enthalten, die den internationalen Status Oesierreichs verändern könnten". Auf diese Weise, so fährt die „Frankfurter Zeitung" fort, versuchte man, dem Patienten ein für allemal den hals herumzudrehen, politisch und wirtschaftlich. Das ist der Beitrag Frankreichs zum Thema Oesterreich, das ist die Forderung einer Regierung^ die sich nicht genug aufregen konnte, weil jener Wiener Pakt, der bie Zollunion ins Auge faßte, die Unabhängigkeit Oesterreichs gefährde!
Der österreichische Außenminister gab die einzig mögliche Antwort: Niemals!
Er dürfte wohl nicht verfehll haben, den übrigen Mächten, die sich für das Schicksal Oesterreichs interessieren, von diesem Ultimatum Kenntnis zu geben. Bevor irgend jemand sonst Zeit fand, auch nur ein Wort der Entrüstung zu sagen, schoß die Bank von England den Oesterreichern das Geld vor.
neu, die Kriegsschulden und die allgemeine finanzielle Lage besprach.
Englische preffekommentare.
Internationaler Boykott gegen Nutzland *?
London, 19. Juni. (WTD. Funkspruch.) Heber den Inhalt der beiden gestrigen Llnter- redungen Mellons mit Macdonald weih »Daily Telegraph" zu berichten, daß der Premierminister die augenblickliche Finanzlage Europas und die Wirkung dieser schwierigen Situation auf das Reparationsprv- blem eingehend auseinandergesetzt habe. Das Blatt fügt hinzu, Mellons Eindrücke würden zweifellos vervollständigt werden, wenn er bald in direkte Berührung mit Reichskanzler Dr. Brüning und anderen deutschen Staatsmännern käme. „Daily Telegraph" ist jedoch der Ansicht, daß es Mellon vielleicht Stimson überlassen werde, Berlin zu besuchen. Die beiden amerikanischen Minister würden dann wohl in der Lage fein, Präsident Hoover bestimmte Anregungen zur Erwägung der drei Fragen: Reparationen, Kriegsschulden und Kaufkraft des Goldes zu unterbreiten. Das Blatt setzt allerdings hinzu, daß man
in London keine großen Hoffnungen auf eine baldige Lösung des Reparationsproblems oder auf irgendeine unmittelbare amerikanische Initiative in dieser Richtung sehe.
Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Expreß" behauptet, Mellon sei nur bereit, eine Revision ber Schulben zu erörtern unter ber Voraussetzung, baß Großbritannien sich einem internationalen Boykott gegen bie Sowjetunion anschließt unb praktische Maßnahmen ergreift, um bie britischen Ausgaben für Rüstungszwecke herabzuset- 3 e n. Die USA. seien bestrebt, ihre Lanbwirtschast gegen bie Konkurrenz bes russischen Weizens unb anberer russischer Rohstoffe zu schützen, unb sie seien ber Ansicht, baß bies nur durch einen
internationalen Boykott gegen Rußland erreicht werden könne.
„News Chronicle" schreibt zu Mellons Besuch: Es wird immer klarer, daß bie Last ber Reparationen z u groß für Deutschlanb wirb unb unerträglich zu werben broht. Aber nur bie Vereinigten Staaten können bie Lage erleichtern. Wir hoffen, baß Mellons Besuch in Eng- lanb ihn von ber unzweifelhaften Tatsache überzeugt, baß bie Reparationszahlungen wirklich ber Schlüssel für bas Gesamtproblem ber finanziellen Rettung Europas finb.
Das Srebitarrangement ist nur vorläufig unb kurzfristig. Die Franzosen werben sich bemühen, sich in geeigneter Form unb mit unoeränbertem Zweck erneut bazwllchenzuschalten. Sollten sie auch fernerhin ihren Zweck nicht erreichen, so werben sie ver- mutlich versuchen,
ben Hebel an anderer Stelle anzusehen: an Deutschland.
Unb bies ist ber Grunb, warum es verkehrt wäre, biesen ganzen Vorgang nicht so hell zu beleuchten, wie es möglich ist. hier sieht man bie enormen Schwierigkeiten, bie uns s e l b st bei ben fommenben Derhanblungen über reparationspolitische Entlastung bevorstehen.
Genugtuung in England.
London, 18. Juni. (WTB.) »Die Bank von England rettet Oesterreich I" Dramatisch« mitternächtlich« Entscheidungen verhindern den finanziellen Zusammenbruch Oesterreichs!", unter diesen Tleberschriften verkündet „Rews Chronicle" die Gewährung eines britischen Kredits an Oesterreich, der in der gesamten Press« viel beachtet wird.
Die »M orning P o st" berichtet aus Paris, daß die Rachricht von dem Vorschuß der Dank von England an Oesterreich dort wie eine Bombe gewirkt habe. Man habe in Paris erwartet, daß über die Hälfte der Anleihe von französischer Seite aufgebracht und ausgegeben werden würde.
Der Quai d'Orsay habe sich bereits dazu beglückwünscht, dadurch eine Stellung gewonnen zu haben, die es Frankreich ermöglicht hätte, in der Frage der Zollunion zwischen Deutschland und Oesterreich obzusiegen.
Diese Aussichten seien jetzt zunichte gemacht, und es scheine, als ob Oesterreich durch die finanzielle Llnterstützung seitens der Dank von England in die Lage versetzt worden sei, eine vollkommen unabhängige Roll« in der europäischen Debatte zu spielen. Die Enttäuschung in den Kreisen der französischen Regierung sei groß, denn sie seh« jetzt, daß ihr der Preis von einer anderen Ration vor der Rase weggenommen worden sei- Aus Wien
Frankreichs Erprefferpolitik.
Ein lehrreicher Bericht über die Vorgeschichte der Kredithilfe für Oesterreich.
meldet die Morning Post, daß die Aktion der Dank von England dort nicht nur aus rein finanziellen Gründen begrüßt werde, denn diese Aktion befreie Oesterreich davon, dort Kredite zu suchen, wo, wie man annehme, ein Vorschuß abhängig gemacht worden wäre von einer Deschrän- kung der Aktionsfrecheit Oesterreichs in der Zoll- univnsfrage.
Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" schreibt: Was die Oesterreich von der französischen Regierung gestellten Dedin- g u n g e n für eine finanzielle ilnterftütjung betrifft, so würden diese
das Ende einer deutsch-österreichischen Zollunion bedeutet haben, denn nach diesen Bedingungen müsse Oesterreich 'endgültig den Gedanken jeder Zollunion oder einer anderen Wirtschaftsunion mit Deutschland aufgeben.
Oer Vorschuß wird solange erneuert...
London, 18. Juni. (TU.) Zu der Mitteilung, daß die Dank von England am Dienstagabend der Oesterreichischen Rationalbank einen Vorschuß von 150 Millionen österreichischen Schillingen zur Verfügung gestellt hat, wird von der englischen Presse ergänzend gemeldet, daß
ber Vorschuß so lange erneuert werde, bis die internationale Anleihe für Oesterreich zustande gekommen sei,
und dann aus den Einkünften dieser Anleihe zurückgezahlt werde. Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" warnt Oesterreich vor den Bedingungen der französischen Regierung für eine finanzielle Ilnterstützung durch die französischen Danken.
Frankreich demaskiert sich.
Finanzielle Hilfe nur unter Verzichten!
Paris, 18. Juni. (WTD.) Der Auhenpolitikee des „Journal“ beschäftigt sich mit den Möglichkeiten einer internationalen finanziellen Zusammenarbeit und schreibt: Die gegenwärtige Krise könne nur auf zweierlei Arten ihren Abschluß finden: Entweder durch eine wirklich« Stabilisierung, oder durch Zersetzung. Cs sei erwiesen, daß Oesterreich sich nur mit Hilfe der Clemente der europäischen Ordnung retten könne, deren Angelpunkt in Frankreich liege. Deutschland fordere eine Erleichterung seiner Lasten, die es nur von denselben Elementen der Ordnung erzielen könne.
Der Augenblick fei gekommen, klar auszusprechen: Die erste Bedingung für die Bewilligung ber Hilfe müsse der Verzicht auf alle Agitation sein, bie zur Schaffung der Mißstimmung beigetragen hätte (Agitation zwecks Revision ber Grenzen, Agitation zur Vermeidung der Reparationszahlungen).
Cs sei ein Glück, daß die Regierungskrise, die in London, in Berlin und in Paris drohte, beschworen werden konnte. Man habe auf diese Weise die unmittelbare Unordnung vermieden, aber genieß« nur einen Waffenstillstand. Man möge ihn ausnühen, um von Deutschland und von Oesterreich die unerläßlichen Garantien zu erhalten, ohne die der finanziell« Beistand nur eine Täuschung wäre.
ör. Ender verzichtet.
Wien, 18. Juni. (Sil.) Rach Fühlungnahme mit den Parteien hat Dr. E n de r am Abend dem Bundespräsidenten erklärt, daß er die B i l - düng eines neuen Kabinetts nicht übernehmen könne.
In den Verhandlungen war vom Rationalen Wirtschaftsblock die Vorlage eines festumrissenen Programms verlangt worden. Der Landbund verlangte eine Untersuchung der F.age der Kreditanstalt. Weiter forderte er Sanierung des Haushalts durch Ersparungen, statt durch Lastenerhöhung, Sicherung des handelspolitischen Schutzes ber Landwirtschaft und Fortsetzung der Zollunionspolitik. Die Sozialdemokraten haben die Darlegungen des Kanzlers lediglich zur Kenntnis genommen. Am Rachmittag wurde bekannt, daß sie erklärten, sie könnten auf die Vorschläge nicht eingehen. Da ohne die Sozialdemo- demokraten eine Zweidrittelmehrheit, die die außerordentlichen Vollmachten erfordern, nicht möglich ist, schien also schon dadurch das Programm Dr. Enders im wichtigsten Punkt gescheitert.
Einen gewissen Hinweis über die Richtung, m der di« Verhandlungen fortgeführt werden, bildete die Berufung des früheren christlich-sozialen Abgeordneten des Rationalrates Präsident Dr. Gürtlers zum Bundespräsidenten.
Besprechungen
beim Bundespräsidenten.
Wien, 19. Juni. (TTl.) Am Donnerstagabend empfing der Bundespräsident nach der Besprechung mit Dr. Gürtler eine Reihe von Politikern, darunter Dr. K i e n b e ck und Dr Seipel, Anschließend wurde nochmals ein Empfang Gürtlers angeseht. Auch die Vertreter der früheren Meh^heitsparteien, des Landbundes und der Grohdeutschen sind für abends zum Präsidenten eingeladen.


