Nr. 296 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Freitag. 18. Dezember 193(
Oer Weihnachts-boom in England.
Don unserem W
(Aachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) London, Mitte Dez. 1931.
Die meisten Engländer bilden sich ein, ihre Art, Weihnachten zu feiern, sei typisch englisch, wie denn das meiste, was hierzulande eine Reihe von Jahren üblich ist, zu einer typisch englischen Sache wird, obschon das gar nicht der Fall ist. Denn die englische Weihnachtsfeier, besonders der Christboum, ist ein Importartikel aus Deutschland, und ob Santa Klaus, der englische Knecht Ruprecht oder der heilige Nikolaus, nicht ebenfalls mit den hannoverschen Königen auf diese Insel spaziert ist, weih man auch nicht so genau. Auf alle Fälle, das Weihnachtsgeschäft in London hat große Aehnlichkeitcn mit dem deutschen. Die großen Kaufhäuser machen Reklame, das Weihnachtsgeschäft ist ein feststehender Degriff. Cs herrscht Hochsaison in Geschenkartikeln, Hochsaison in Fressalien, Hochsaison in Spielzeug: in den Warenhäusern, wo es hier immer brechend voll ist, ist es heute zum älmkommen, wobei man bekanntlich nicht weiter kommt. Lind hier herrschen immer noch — aber wie lange noch? — deutsche Waren vor. Spielzeug, Geschenkartikel, die billige Konfektion für Damen, das stammt großenteils vom „Kontinent", um das Wort Germany zu vermeiden.
Aengstliche Gemüter waren diesmal sehr besorgt. Das Pfund, das Pfund! Es wird ein böses Fest, es wird ein teures Fest, das diesjährige „X m a s“ oder Weihnachtsfest. Besonders Menschen, die vom Festlande zugereist kommen, sehen Las englische Publikum schon in den Anfängen der beginnenden Inflation: Hamsterei und steigende Preise, Flucht in die Sachwerte, und was der schönen Dinge mehr sind. Aber wie ist es in Wahrheit? GenaudasGegen- t e i l.
Weihnachten 1931 wird das billig sie „X m a s“ seit Menschengedenken. Staunend bemerkt das die Llnschuld vom Festlande, ja, die Preise fallen sogar, wo das Pfund fällt. Es ist eiye verkehrte Well hier an der Themse. Wandern wir also durch die Stadt, durch das Kaushausvicrtel in Oxford-Street, Regentstreet, gehen wir nach Kensington zu Harrods, zu Barkers, oder durch die City. Rein, nirgendwoist Panik, nirgendwo ist Preiserhöhung. Die Preise liegen, fast ausnahmslos, unter dem Dorjahrsstande, und vor allem die Lebensmittelpreise. Hier einige Beispiele. Speck kostet heute 3,5 Pence pro Pfund weniger als im Dorjahr. Fleisch und Wurstwaren 1—2 Pence weniger. Das 4-Pfund- Brot 1 Penh, englische Butter 6 Pence, Pork- Schinken 6 Pence, Tee 3 Pence, Käse 3 Pence pro Pfund weniger als im Dorjahre. Rosinen, Korinthen, kandierte Dinge stehen ebenfalls niedriger im Preise. Ein englischer Peny hat einenWert von8 Pfennig Kaufkraft, auch wenn ihn die Börse nur mit etwa 5 Pfennig international notiert. Selbst dann sind diese Preise nicht unerheblich gefallen.
. Bazare und Warenhäuser kündigen allenthalben Preissenkungen an. Ein Pelz statt 19 Pfund nur 6 Pfund! Eine Fuchsboa statt 5 Pfund nur 1 Pfund, Kinderbücher halbe Preise. Goldene Armbanduhr statt 65 Schilling nur 37,50 Schilling, das Dutzend reinleinene Herrentaschentücher in einem teuren Geschäft der Regentstreet 5,11 Schilling, ein pelzgefütterter Damenmantel mit Pelzkragen (echt) 4 Pfund. Das Pelzfutter Eichhorn. Ein Pelzmantel mit Opossumkragen 3 Guineen — 63 Schilling. Erstaunt rechnet man die Preise in Gold um, z. B. den eben genannten Pelzfuttermantel zu 3 Guineen zum Kurse von 14 Mark, das ergibt einen Eolvmarkpreis von etwa 45 Mark. Billig, nicht wahr?
Wo liegt des Rätfeis Lösung? Sind die Leutchen hier nicht ganz bei Sinnen? Hat man das Rechnen verlernt? Cs ist alles nicht so, erstaunlich wie man denkt. Da stand neulich eine Sta-
.-Derichterstatter.
tistik in einem Sonntagsblatt. Ab und zu sind Statistiken sehr interessant, und diese ist es denn auch. Wo, fragte das Blatt, kaufenwirdenn ein? Zum Beispiel Lebensmittel, Und da ergibt sich denn folgende aufschlußreiche Rechnung: bei einer Einfuhr von Lebensmitteln in Höhe von 475 000 000 Pfund oder, zu pari, von 9,5 Milliarden Mark stammen 261000 000 Pfund oder 5,2 Milliarden aus Ländern mit Sterlingwährung, der Rest aus Goldstandardländern. ©o_ kommt denn das Wunder zustande, fallende Währung und fallende Preise. Trotzdem sitzt so mancher Eity-Kaufherr mit sorgendurchfurchter Stirn vor seinem Dankbuch. „Wenn", seufzt er, indem er seine Gedanken wie havarierte Schiffe auf dem Zahlenmeer kreuzen läßt, „wenn das bloß alles stimmt." Buchmäßig sieht ja alles ganz schön aus. Hat die Rechnung aber nicht doch ein Loch. Denn wenn der größte Konsument auf dem Weltmärkte weniger zahlen kann, dann stürzt auch das Preisgebirge zusammen. Enthusiasten sehen in England schon wieder die kommerzielle Weltmacht erstehen.
Inzwischen überlegt sich der City-Kaufherr, ob es nicht doch ein guter Dorschlag ist, den Knecht Ruprecht zu standardisieren, den eine Zeitung neulich machte. 1,76 Meter Größe, weißer Bart, 1 Meter lang, weiße Perücke, Pelzmütze, das ist der genormte Ruprecht, das Gesicht muß rundlich und freundlich sein. Linser Cithmann hat's. Er geht, holt seinen Wagen aus der Grohgarage und stürzt sich im Tempo einer Schnecke mit Ilchias durch die City, den „Strand" zur Oxford Street. Dort steht das Riesenwarenhaus von Selfridge. Da ist alles zu haben. Herr Selfridge hat neulich gesagt, so ein Käuferandrang sei noch nie dagewesen. Lind sein Konkurrent erklärte, Weihnachten wird ein Bombenerfolg. Ein Dritter: Es wird diesmal ein richtiger „X m a s boom“, was aber nicht mit „Weihnachtsbaum" zu übersetzen ist, sondern das Riesenausmaß des Geschäfts charakterisiert. Der Cityherr wird sich umfehen und die Bestandteile zu seiner Ausrüstung als genormter Ruprecht einkaufen. Billy, sein Aeltester, wird sich zwar nicht täuschen lassen, aber die Kleinen ganz gewiß...
Oberheffen.
Stadirats-Gltzung in Buhbach.
pb. Butzbach, 16. Dezember. In der heutigen Sitzung des S t a d t r a t s wurden zunächst die Rechnungen der Stadt Butzbach, des Elektrizi- täts- und Wasserwerks, sowie des Armenfonds für Rj. 1930 mit den Berwaltungsrechenfchaftsberichten geprüft. Anlaß zu Beanstandungen ergaben sich nicht. Die Rechnungen wurden genehmigt.
Weiter beschloß der Stadtrat, die endgültige Gewerbe st euer für das Rj. 1931 in den Fällen, in denen inzwischen eine wesentliche Minderung der Veranlagungswerte eingetreten ist, an f A n - trag zu ermäßigen.
Die Hundesteuer wurde ab 1. 1. 1932 wie folgt festgesetzt: für den ersten Hund 12, für den zweiten 30 und für den dritten und jeden weiteren Hund 48 Mark.
Bon der sozialdemokratischen Fraktion wurde die Gewährung einer Winterbeihilfe für Wohl- fahrtsunterstützungcempfänger, Krisenfürsorgeemp- fänger und Sozialrentner beantragt. Der Finanzausschuß hat beschlossen, dem Stadtrat die Bewilligung einer Beihilfe in Höhe der vorjährigen Sätze vorzuschlagen. Empfänger von Ar- beitslosen-Untcrstützung sollen grundsätzlich nur in besonderen Ausnahmefällen nach individueller Prüfung bei besonderer Notlage durch eine Kommission berücksichtigt werden können. Der Stadtrat beschloß demgemäß und setzte folgende Beihllfen fest: an Ledige und Alleinstehende 10 Mark, an Verheiratete
ohne Kinder 15 Mark, an Verheiratete bis zu drei Kindern 20 Mark, mit drei und mehr Kindern 25 bis 30 Mark. Falls vom Land höhere Sätze tatsächlich zur Auszahlung gelangen sollten, kommen diese Sätze zur Anwendung, bzw. es werden die hier bewilligten Sätze auf die staatlichen Beihilfesätze angerechnet.
Ein weiterer Antrag derselben Fraktion, für E r • werbslose Siedlungsland, und zwar den großen Exerzierplatz, zur Verfügung zu stellen, wurde zunächst einer Kommission überwiesen, die den Platz auf seine Brauchbarkeit als Siedlungsland prüfen soll.
Am Schluß der Tagesordnung machte der Bürgermeister davon Mitteilung, daß die A u f h e b u n g des hiesigen Finanzamts endgültig sei. Gestern sei beim Chef des Landesfinanzamts nochmals eine Besprechung gewesen, bei der verschiedene Wünsche wegen Abhaltung von Sprechtagen, Einrichtung einer Kassenstelle für Ein- und Auszahlungen, Aufschieben der Aufhebung bis Herbst 1932, Vertretung Butzbachs in den einzelnen Steuerkom- miffionen, sowie wegen Zuteilung der Orte Gam- bach, Kirchgöns und Pohlgöns anstatt nach Gießen nach Friedberg vorgebracht wurden.
Weiter teilte der Bürgermeister noch mit, daß die Bestätigung seiner Wahl zum Bürgermeister von Gronau nunmehr unterwegs sei und er Mitte Januar 1932 hier ausscheiden werde.
Stadtvorstand in Lauterbach.
& Lauterbach, 17. Dez. In der jüngsten Stadtvorstandssitzung wurden die Rechnung der Stadt und die des Elektrizitätswerkes sür das Rj. 1530 vorgelragen, geprü t und genehmigt. Bei der Betriebs- und Dermögensrechnung der Stadt verbleibt ein ansehnlicher Rcchnungsrest: ebenso bei der Rechnung des Elektrizitätswerkes.
Aach einer Anordnung des Ministers des Innern fällt sür das Rj. 1931 das seitherige System des zweimaligen Steuerausschlages fort. Die Gemeinden, Kreise und Provinzen haben für dieses Rechnungsjahr auch ihre Gewerbe- steuersofort als endgültig nach den Desteuerungsgrundsätzen des Dorjahres zu erheben. Da sich die Wirtschaftskrise erheblich verschlechtert und der Hessische Industrie- und Handelslammer- tag ausdrücklich darauf hingewiesen hat, daß in der Mehrzahl der Falle der Gewerbeertrag des Wirtschaftsjahres 1530 zum Teil erheblich geringer war als im Dorjahr, und demgemäß die endgültige Besteuerung nach den Besteuerungsgrundlagen von 1930 eine unbillige Härte bedeuten würde, ist man in einer Besprechung aller interessierter Körperschaften zu der Auffassung gekommen, daß im Rj. 1931 von den Gemeinden und Gemeindeverbänden auf Antrag ein entsprechender Gewerbe st euernachlah gewährt werden soll, wenn nachgewicsen wird, daß das Gewerbekapital oder der alsdann festgestellte Gewerbeertrag sich gegenüber dem zuletzt fest gestellten Gewerbekapital oder -Ertrag wesentlich, mindestens um 20 Prozent vermindert hat. Der Stadtvorstand schloß sich dieser Auffassung an.
Für alle Unterstützungsempfänger bewilligte der Stadlvorstand e'.ne besondere Winterbeihilfe. Cs soll jeder noch drei Zentner Briketts erhalten, die'enigen aber, die schon ausreichend für Brennmaterial gc'orat haben, erhalten Gutscheine über 3 Mark für Lebensmittel.
Um dllS Finanzamt Homberg.
-er. Homberg, 17. Dez. Der Stadtverwaltung ging vom hesjischen Finanzminister die Mitteilung zu, daß — wie von uns gestern schon kurz berichtet. D. Red. — das hiesige Finanzamt aus Ersparnisgründen aufgehoben werde. Ein bestimmter Tug ist noch nicht angegeben, vermutlich tritt am Schluß des Rechnungsjahres 1930/31 eine Aenderung ein. Daß die Aufhebung dieses Amtes eine schwere Schädigung der Einwohner der Stadt (Kaufleute, Gewerbetreibende, Landwirte) und der ganzen 11m- gegend bedeutet, ist klar. Don der Stadtverwaltung wird alles versucht, um das Finanzamt zu erhalten. In diesem Zusammenhänge sei er
ALBERT H. RAUSCH
Unterwegs
X. Glaub ine.
— Und Sie wollen mich wirklich nicht ein bißchen nach Haus begleiten? sagte das ganz entzückende kleine Mädchen zu mir, mit dem ich m.ch vor einem Schaufenster der Rue de Rivoli nachts um ein Uhr zufällig getroffen hatte ...
— Nein, mein Kind. Das will ich wirklich nicht, so gern ich es auch möchte.
— Ja, aber warum denn nicht? Gefalle ich Ihnen nicht? Finden Sie mich denn nicht ein bißchen hübsch („ein bißchen" war ihr Lieblingswort)?
— Ich finde Sie ganz reizend. Ich finde Sie so graziös und so hübsc6 wie ich seit langer Zeit kein kleines Fräulein in Paris gesehen habe ...
— Ist das ehrlich?
— Aber warum sollte ich es Ihnen denn sagen, wenn es nicht ehrlich gemeint wäre?
— Um mir Spaß zu machen ...
— Machen denn Lügen Spaß?
— Uns Frauen immer! Das wissen Sie doch ganz genau o gut wie ich ... Sie sind wohl verheiratet?
— Nein. Zum Glück der ^e habe ich es nicht gebracht. Werde ich es ach nicht bringen.
— Warum nicht?
— Gott — weil ich keine Lust zu diesem Glück habe ...
— Sie sind ein kluger Mann ...
— Warum?
— Weil Sie sich nicht drankriegen lassen ... Wir wollen die Männer doch alle drankriegen ...
— Sie auch?
— Und «Die! .
— Wissen Sie denn schon, wen Sie heiraten möchten?
— Möchten ist gut! Die ich heiraten möchte, möchten mich nicht heiraten ... Aber mal wird ja ein anständiger Mensch mich heiraten ...
— Was sind Sie denn?
— Fabrikarbeiterin.
— Wo?
— In der Strumpffabrik von Orosmangin ... Wissen Sie? Sie kennen doch die Strümpfe Gros- mangln? Haben Sie sicher schon Ihren Freundinnen
gekauft ... Gute, haltbare Ware ... Solid ... Aber jetzt habe ich Ferien — und deswegen finden Sie ntich auch so spät noch hier ... Wissen Sie, ich gehe gern nachts in Paris spazieren.
— Genau wie ich!
— Ach, Sie auch? Das finde ich ja zu nett, daß Sie denselben Geschmack haben wie ich ... Man kann sich so schön die Läden betrachten^ es ist so kein Gerase von Autos, man kann die Straßen überqueren wie man will, die Luft ist nicht so staubig ad), und manchmal trifft man doch einen netten Mann ... Neulich habe ich einen Schweden getroffen, einen jungen Waldocsitzer, hat er mir er- zcih.t ... So etwas Bezauberndes können Sie sich gar nicht vorstellen! Zähne hatte dieser Junge, na, Zähne, sage ich Ihnen! Es hat einem leid getan, daß man nicht ein Pfirsich war ... Immer trifft man diese netten Ausländer gerade dann, wenn Sie abreifen müssen ... Ich habe ihn an den Nordbahnhof gebracht. Er kommt im Herbst wieder. Er muß aus sehr vermögendem Hause sein. Er wohnt ganz im Norden in einer großen Einsamkeit Sagen Sie, wo gehen Sie denn eigentlich hin?
— Nach Hause ... Ich wohne drüben, auf der andern Seite ...
— Ach, ich ja auch. Dann können wir ein Stück zusammen gehen, wenn es Ihnen recht ist.
— Aber gerne.
— Und wo kommen Sie jetzt her? Oder ist es unverschämt, so neugierig zu sein?
— Ganz und gar nicht. Ick) komme aus dem Thäätre Figalle. Ein Freund von mir ist Schauspieler. Nach der Ausführung haben wir noch ein wenig zusammen gesessen — und dann bin ich zu Fuß hierher gegangen ... Uebrigens, wie heißen Sie eigentlich?
— Claudius.
— Wirklich?
— Auf mein Wort! Claudine ist mein richtiger Taufname. Und mein Familienname ist Renaudel. Aber mit dem berühmten Abgeordneten bin ich nicht verwandt. Wenn Sie meine Adresse wollen ...
Wir waren gerade vor dem Cate ä la Manille in der Rue du Bae angekommen, das erst um zwei Uhr schließt.
— Wie wäre es? fragte ich. Wollen wir noch einen Kaffee trinken?
— Oh, mit dem größten Vergnügen ...
Wir setzten uns auf eine der Strohbänke, die vor dem Hause standen.
— Wollen Sie einen Likör zum Kaffee?
— O nein. Tausend Dank. Ich trinke sehr wenig Liköre.
— Wollen Sie Wein?
— Nein, nein! Sie sind zu liebenswürdig! Ein Kaffee ist mir gerade recht ...
— Aber eine Brioche oder einen Croissant nehmen Sie, oder eine Gaufretle Plouvier?
— Am liebsten eine Brioche.
— Und eine Zigarette?
— Die ganz bestimmt. O Gott, haben Sie gute Zigaretten ... Echte Türken ... Sind die nicht furchtbar teuer? Nein? Herrlich! Es geht doch nichts über eine gute Zigarette ... Kann ich Sie denn einmal wiedersehen?
— Mit dem größten Vergnügen! Geben Sie mir Ihre Adresse. Ich schreibe Ihnen dieser Tage. Wir gehen einmal aus zusammen. Wo Sie hin wollen ... Ins Theater oder ins Kino oder ins Empire.
— Bestimmt?
— Ganz bestimmt ... Ich halte Versprechen, die ich gebe ... Wo ich keine halten will, gebe ich keine ...
Sie schrieb die Abreffe auf, puderte sich, sah mich an und lachte.
— Ich muß jetzt schlafen gehen, sagte ich. Und Sie sind mir nicht böse, daß ich nicht mit Ihnen komme? Und ich habe Sie nicht um Ihre Zett betrogen?
— Wie können Sie fo etwas sagen! Es ist ja fast beleidigend! Es war doch reizend, mit Ihnen zusammen ein Stück Weges zu gehen und so nett zu plaudern ...
Was würdest du gesagt haben, Mädchen von Berlin?
Oer Passagier als Postpaket.
William M. Riddins, ein bekannter Londoner Ingenieur, wurde dieser Tage dringend telegraphisch nach Rhodesien in Südafrika berufen, wo er die Aufsicht über einen wichtigen Brückenbau übernehmen sollte. Das Telegramm legte ihm nahe, sofort und auf dem schnellsten Wege ohne Rücksicht auf die dadurch entstehenden Kosten abzureisen.
Das schnellste Verkehrsmittel ist heute das Flugzeug. Zu seinem Schrecken jedoch erfuhr Riddins, daß die von England nach Rhodesien verkehrende englische Fluglinie statutengemäß nur Fracht, aber keine Passagiere befördert. Der moderne Mensch inuß sich zu helfen wissen, und kurz entschlossen gab sich Mister Riddins selbst
wähnt, daß schon im Iahre 1867 eine gleiche Beiordnung der Grohh. Hess. Regierung hie« eintraf, daß Großh. Rentamt auszulösen. Damals sandte der Gemeinderat ein umfangreiches Dtttgesuch nach Darmstadt, das Rentamt hier zu belassen: auch bat er gleichzeitig das Kreis- aiiit Alsfeld um energische Unterstützung dieser Angelegenheit. Der Erfolg blieb damals nicht aus.
Landkreis (tziesjcn.
al. 211 [ e n b o r f (Lahn), 16. Dez. In unserer Gemeinde leben zur Zeit sieben alte Leute, die zusammen bas stattliche Atter von insgesamt 5 7 5 Jahren haben. Der Mühlenbesitzer Jakob Hahn ber Zweite feiert am 20. Dezember feinen 80. Geburtstag, ber Attveleran Heinrich H ä u f e r 1. würbe am 26. November 85 Jahre alt (er ist ber einzige Attveleran in ber Geineinbe), Anton Volk II. Wwe. würbe am 28. September ebenfalls 85 Jahre, Johannes Heeg III. Wwe. konnte am 6. Mörz ihren 82. Geburtstag unb Johannes Binz II., Abam S ch m i b t unb Marie Weis Wwe. konnten ihren 81. Geburtstag feiern. — Eine Haussammlung zum Besten ber Gei - ftestranfen in Hessen, bie von ben Schulkindern in unserer Gemeinde durchgeführt wurde, ergab ben Betrag von 28,60 Mark.
LJ Rodheim a. d. Horloff, 16. Dez. Der Männergesangverein „Sängerkranz" hielt dieser Tage seine Generalversammlung ab. Der 1. Dorsitzende L. Decker erstattete den Iahresbericht, in dem er u. a. auf die Erfolge des Chores hinwies. Die vom Vereins- rechner, Herrn. Nagel, vorgetragene Rechnungsablage wies an Einnahmen 438 Mk., an Ausgaben 385,28 Mk. und einen Ueberschuß von 52,72 Mk. aus. Neuausgenommen wurden drei Mitglieder. Der Derein zählt insgesamt 33 Sänger und 34 passive Mitglieder. Dem Rechner und dem Dorstand wurde Entlastung erteilt. In Berücksichtigung der allgemeinen Wirtschaftslage wurde auf Antrag des Dorstandes der Mitgliederbeitrag für das Iahr von 1,20 OHL auf 1 Mk. ermäßigt. Es wurde weiter beschlossen, zu der bevorstehenden Vertreterversammlung des Horloff-Wettertal-Sängerbundes einen Antrag auf Herabsetzung der Dundes- b e i t r ä g e zu stellen. Zustimmung fand außerdem die Anregung, Mitte Februar eine W o h l - tätigkeitsveranstaltung abzuhalten. 3m Schlußwort gab der Dorsitzende seiner Feeude über den Eintritt einer größeren Anzahl jugendlicher Sänger in den Derein Ausdruck.
Kreis Büdingen.
4= Ortenberg, 16. Dez. Am Sonntag fand im Hirzelschen Saale unter starker Beteiligung ber Bevölkerung von Ortenberg unb Umgebung eine A b • oentsfeier als Wohltätigkeitsoeranstal t u n g statt. Der Evangelische Mädchenbunb, unter Leitung I. D. Prinzessin Ern st Heinrich zu Stolberg - Roßla, sang mehrstimmig einige Lieber unb brachte bie Bilder „Abventslichter", „Frau Sorge im beutschen ßanb", „Vor ber Krippe zu Bethlehem" und „St. Nikolaus" zur Vorführung. Verschönt wurde ber Abenb burch bie Konzertstücke bes Salonorchesters 1930 unter Leitung bes Herrn Kautz unb durch bie Mitwirkung bes Männerquar- tetts mit bem bewährten Dirigenten Herrn Funk. Nach Dankesworten S. D. bes Prinzen Ernst Heinrich zu Stolberg unb bes Pfarrers Letzin g schloß bie erhebenbe Feier. Der Reinerlös mit 400 Mark würbe ber Kleinkinberfchule unb ber Krankenschwesterstation zugewiefen.
äkreis Schotten.
D Laubach, 16. Dez. Die Diehzählung in unserer Stadt hatte folgendes Ergebnis: 74 Pferde, Rindvieh über 2 Iahren 275, unter zwei Jahren 225; 485 Schweine, 178 Schafe, 194 Ziegen; Federvieh zusammen 2825 Stück; Bienenstöcke 26 Stück. Hausschlachtungen wurden in der Zeit vom 1. September bis 33. November d. I. insgesamt 19 vorgenommen. — Die Ortsgruppe der Hassiajugend veranstaltete am Sonntag im Saale des „Schühenhoses" einen gutbesuchten Werbeabcnd. Nach der Begrüßungsansprache des Dezirksobmannes, Forstsekreiär T r ö l l e r, wurde
als Flugpaket auf. Er bezahlte auch nach dem bestehenden Frachttarif, und zwar sieben Pence auf das erste und sechs Pence für jedes weitere Pfund seines Lebendgewichtes. Glücklicherweise ist Riddins ein kleiner, leichter Mensck), so daß sein „Porto" nicht allzu hoch war. und um zu sparen, fuhr er sogar mit fast leeren Taschen und nur mit dem allcrnotwcndigsten Gepäck. Das große Gepäck läßt er sich auf dem üblichen Land- und Seewege nachschicken.
Die ganze Reise kostet ihn so nur 200 Pfund Sterling, und in sieben Tagen war er an seinem afrikanischen Reiseziel angelangt ...
Zeitschriften.
— Im Dezemberheft des „Kunstworts" (Derlag G. D. W. Callwey, München) findet man u. a. Hermann Hesses nachdenklichen „Brief an einen jungen Dichter"; er sagt in knappen Sätzen kostbare Wahrheiten über den Dichterberuf und über den innerlichen und äußeren Wert dichterischer Betätigung aus. Zwei Weihnachtsgeschichten von Antoon Thiry bekunden die Urwüchsigkeit und Tiefe dieses flämischen Dichters, eines Jugendfreundes von Felix Timmermans. Ein Bild des deutfchen Wefens der Philofophie Hegels entwirft Erick Brock. Karl Knappes eigenartige bildnerifche Kunst illustriert ein Beitrag Coitiieb Schwimmers in Derbindung mit acht Abbildungen. Eine Weih- nachtsbüchcrfchau von Paul Alverdes wird dem Lefer willkommen fein, ebenso die Abhandlung über „Nordische Dichter" von Fritz Endres und einige andere literarische Ratschläge, auch ein ausführlicher kritischer Bericht über Aufgaben flafii« scher Klaviermuitt. Am Eingang des Heftes steht ein schönes Kunstblatt „Ruhe auf der Flucht" von Adriaen Isenbrant.
— „Berliner Monatshefte" (Schriftleitung: Dr. h. c. Alfred von Wegerer), Jahrgang 9, Nr. 12, Dezemberheft (Quaderverlag, Berlin NW. 6), Preis bes Heftes 1,50 Mark. — Unter bem Titel ,„Die belgische Neutralität unb ber Schliesfensche Felbzug?plan " behanbett Graf Max Moittgelas bie Bewcggrünbe, bie Deutfchlanb veranlaßten, im August 1914 in Belgien einzurücken. An Hanb bes vorliegenden Materials zeigt der Verfasser ferner, daß sowohl England wie Frankreich zeitweilig für ben Kriegsfall entschlossen waren, zur Durchführung ihrer Aufmarschplane bie belgische Neutralität nicht zu beachten. Montgelas spricht daher ben Regierungen beiber ßänber bas Recht ab, Deutschland in dieser Beziehung besonders anzuklagen.


