Ausgabe 
18.7.1931
 
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llr. 166 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 18. Juli 1951

Oer schwarze Moniag.

Oie finanzpolitische Entwicklung der Woche.

Don Professor Dr. Moldenhauer, IHbX, ehem. ^eichsfinanzminisser.

Seit Montag dieser Woche hat der deutsche Geldmarkt, aber auch der internationale Ka­pitalmarkt eine Erschütterung erfahren, wie wir sie in der Welt feit dem großen Daring-Krach zu Anfang der neunziger Jahre deS vergange­nen Jahrhundert» nicht mehr erlebt haben. Er­schüttert fragt der deutsche Bürger, fragt aber auch die ganze Welt, wie nach der großang«- legten Hoover-Aktion dieser Zusammenbruch kom­men konnte. Der letzte Grund für diese Kata­strophe liegt darin, daß die deutsche Wirtschaft nach dem Kriege zu labil aufaebaut wor­den ist. Dem ausgebluteten Deutschland mutete man Jahr für Jahr große Tributzahlun­gen zu, die da» Kapital weiter absliehen liehen, und glaubte, diese» Dersahren dadurch finanzieren zu können, daß man Deutschland m größtem Umfang kurzfristige auslän­dische Kredite zur Verfügung stellte. Man hatte ein große», man darf ruhig sagen, z u große» Vertrauen in bi« Kraft der deutschen Wirtschaft. Man hatte ober auf der anderen Seile «in zu st a r k e » M i ß - trauest in diepolitischeGntwicklung. So half man nicht mit langfristigen Anleihen, sondern gewährte im großen nur kurzfristige Kredite, die man mit der entsprechenden Risiko- Prämi« auSstattcte. Wenn im letzten Wochen­bericht de» Instituts für Konjunkturforschung darauf hingewiefen wird, daß sich für eine solch« Verschuldung zahlreiche Parallelen in andern Ländern finden, so wird übersehen, daß die Kapitalarmut Deutschland» und seine politischeOhnmacht Gefahrenquellen waren, die die kurzfristige Verschuldung in Deutschland anders betrachten lassen. Ohne diese Ausland­gelder wäre die Expansion der öffentlichen Hand und der privaten Wirtschaft in Deutschland, die wir jetzt beklagen, kaum möglich gewesen. Das ganze Gebäude mußte in dem Augenblick zu­sammenbrechen. in dem bas Vertrauen des Aus­land» in das Gegenteil, umschlug und dieses Mißtrauen auch die Reihen der eigenen Bevöl­kerung erfaßte. Es ist ökonomisch unmöglich, eine Wirtschaft in so starkem Maße, wie es in Deutsch­land geschehen, auf kurzfristige Kredite aufzu­bauen und bann in ganz kurzer Zeit diese Basis zu zerstören.

Das Mißtrauen deS Auslands setzte nach den Septemberwahlen «in und führte au den ersten starken Dcvisenabzügen. Es trat dann vorübergehend eine Beruhigung ein. die einem erneuten Mißtrauen Platz machte, als man sah, daß die Weltwirtschaftskrise di« vom Frühjahr erhoffte Erholung in Deutschland nicht brach'« und der Augenblick immer näher kam, in dem Deutschland gezwungen sein würde, das Transscrmoralorium zu erklären. Zur Panik stei­gerte sich diese» Mißtrauen, als di« öster­reichische Kreditanstalt zusammenbrach unb im Ausland die Besorgnis entstand, daß ähnlich« Vorgänge auch in Deutschland möglich seien. Zu spar griff der Präsident Hoover «in. Vielleicht hätte diese» Eingreifen aber noch eine günstige Folge gehabt, wenn nicht durch die Politik Frankreichs die Durchführung des großen Plans um vierzehn Tage verzögert worden wäre, eine Zeitspanne, di« die Rervofität aufs äußerste steigerte und d«m Ausland zeigte, daß wieder Frankreich versuchen würde, die wirt­schaftlichen Fragen zu politischen Erpressungen zu benutzen. Es ist sicher leicht, nachher Kritick au üben: trotzdem darf nicht verschwiegen wer­den, daß man sich in den Kreisen der Reichs- regierung und auch der Reichsbank hätte sagen müssen, daß das Freijahr Hoovers im Ausland alS die Zahlungseinstellung Deutsch­land» betrachtet werden müßte, und deshalb Maßnahmen zu ttessen waren, die den deutschen Kredit schützten. In jenem Augenblick wäre es möglich gewesen, einen erheblich höheren Re- diskonkräiit als 100 Millionen Dollar ouszu- nehmen und damit ein« größer« Beruhigung zu schassen. Al» man damals erkannte, daß nicht nur da» Ausland seine Kredite zurückzog, son­

dern gleichzeittg auch die Kapitalflucht in Deutschland einsehte. hätte man sich nicht scheuen sollen, die Devisenbestimmungen zu erlaßen, viel­leicht noch in ahgeschwächter Form, die zu er­lassen man sich am 15. Juli genötigt iah. Das Zaudern von Regierung und Rcichsbank ist dem deutschen Volk sehr teuer zu stehen gekommen. Man glaubte, durch einen großen Aus­land k r« b i t die Schwierigkeiten bannen zu können. Aber da» Angebot der deutschen Wirt­schaft von 500 Millionen Mark HaftungSsumme blieb angesichts des politischen Widerstande» von Frankreich ohne jede Wirkung. Man hatte alleS aus di« Karte des ausländischen Kredits gesetzt. AlS dieser nicht kam. stand man der Lage un­vorbereitet gegenüber. Verschärft wurde die Si­tuation dadurch, daß derRordwolle-Kon- ze rn mit einer riesigen Schuldenlast zusammen- brach und in sein Schicksal bi« Danat - Dank mit verwickelte. Es ist wohl anzunchtnen. soweit man heute unterrichtet ist. bah bei ruhigen Verhältnissen bie Danat-Dank den Stoß übcr- wurden hätte. Es ist auch zuzugeben, daß die Gerüchte, die vor Monaten leis« auftauchten, bann sich immer mehr verdichteten, in den Kreisen der Danat-Dank eine gesteigerte Rervosität aus- gelöst haben, die schließlich durch den Abzug von saft einer Milliarde Einlagen zur Zahlungs­unfähigkeit der Dank führte. Aber cs ist wohl auch r.chtig. daß. wenn sich die Geldfrage krittsch gestaltet, der Zusammenbruch in der Regel zu­erst an der schwächsten Stelle erfolgt, und daS scheint doch im Aufbau des deutschen Dankwesens die Danat-Dank gewesen zu sein.

Als am Montagfrüh die Danat-Dank ihre Schalter schloß, wäre an sich nur für die Kunden der Dank eine bedrohliche Lage eingetreten, über deren schwere Folgen für die Wirtschaft kein Zweifel bestand. Daß aber in den folgenden Tagen unser Geldverkehr vollkommen zusammenbrach hängt mit zwei Ursachen zusammen. Durch die starken Devisenabzüge war die Reichsbank mit ihrem Gold- und Devisen­vorrat an der Grenze der Rotendek- k u n g angelangt. Der vermehrten Rachfrage nach Roten war sie infolgedessen nicht gewachsen. Diese vermehrte Rachfrage kam aber in dem Augen­blick, in dem sich nun der Bevölkerung, in der noch die Erinnerung an die Inflationlcble, eine Panik bemächtigte unb alle ängstlich geworde­nen Menschen versuchten, ihre Sparkassen- unb Bankguthaben so schnell wie möglich abzuheben. Ls ist so schwer, ber Bevölkerung klar zu machen, baß die Inflation entstand, weil das Reich dessen Ausgaben weit über bie Einnahmen hinausgingen, fortgesetzt bei der Reichs bank Geld aufnahm unb io z usähliche Kauf kraft schaffte. Das Ver­hältnis der um laufenden Roten zur Warenmenge wurde damit immer weiter zugunsten des Roten­umlaufs geändert mit der Wirkung, daß die Kauf­kraft der Banknoten von Tag zu Tag sank. Wir erleben im Augenblick das Entgegengesetzte: ein großer Teil der Bevölkerung legt die Bank­noten in den Strumpf und e n t z i eh t sie da­durch dem Verkehr, während auf der andern Seite die Devisen abgezogen toerben. Die Reichs bank, das Zentralnoteninstitut, das den Ro­tenumlauf regulieren soll, ist auf einmal nicht in der Lage, diese Funktion in genügendem Umfang zu erfüllen.

Welche Möglichkeiten boten sich? Man hat zu­nächst zwei Tage die Schalter der Danken und Sparkassen geschlossen. Auch die nachträgliche, wie erwähnt billige, Kritik darf nicht verschwcigen, daß man den Run am Montag hätte vvraussehen und die Dankfeiertage sofort hätte «inführen sollen. Dadurch wurde zunächst einmal die weitere Stö­rung des Rotenumlaufs verhindert, inöem man überhaupt diesen Umlauf für zwei Tage unter­band. Diese Frist benutzte man zu den weiteren Vorbereitungen. Man setzte langsam den Umlauf wieder in Gang, indem man zunächst die Auszah­lungen auf die Lohnzahlungen beschränkt unb fer­ner für dies« Woche den Zahlungsverkehr mit dem Auslanb aufhebt, im übrigen aber starke Ein­schränkungen im Devisenverkehr vomimmt. Auf ber andern Seite gibt man ber Reichsbank die Möch- lichkeit, den Notenumlauf zu vergrößern, indem sie von dem Recht ber Herabsetzung ber Deckungs­grenze Gebrauch macht. Die Erhöhung bes Diskontsatzes auf 10 Prozent gibt ber Reichsbank das Recht, bie Deckungsgrenze von 40

50 Buchhalter und fein Buch.

Ein Blick hinter die Schalter einer Großbank.

Von Hans Brückner.

Der folgcnbc De richt au» einer ber 'Ber­liner D-Danken wirb ben Leser in einer Zeit, wo sich alles um bie Gelbwirtschaft dreht, besonders interessieren.

»Herr Lehmann, an meiner Maschine ist der Hebel locker."

.Im Kasten find Schraubenzieher. Schrauben anziehen!"

.Herr Lehmann, die Walzen rutschen aus dem Lager."

.Muffen straffer fetzen, Herr Meyer!"

.Herr Lehmann, der Motor hat ausgesetzt.. .Herr Lehmann, ber Elektrvpostwagen ist stecken- geblieben ..." .Herr Lehmann, bie Lochmaschine schlägt nicht durch..Wie Kommandos erteilt Herr Lehmann seine Ratschläge nach rechts und link», unb wo mit Rat allein nicht gedient ist, packt er selbst zu. In einer Hand hat er den Engländer, in ber andern bie Oelkanne. 3eber Fehler wirb rasch und fachkundig behoben. Im Arbeitssaal pocht, hämmert unb klopft es, Motore surren unb brummen, bie Postwagen unter ber Decke rattern. Es ist ein großer Maschinenraum, in dem sich über fünfzig Mechaniker unb 3n- Snieure in ihren weißen Kitteln beschäfttgen.

n ber Spitze steht ber Oberingenieur, Herr Lehmann.

Merkwürdigerweise wirb Herr Lehmann nicht mit .Herr Oberingenieur" angerebet, fonbern meist .Herr Lehmann", unb bie Jüngeren nennen ihn mit Ehrfurcht .Herr Oberbuchhalter". Es ist sonderbar, baß ein Oberbuchhalter sich so aut auf ben Mechanismus einer Maschine ver­steht, und bah er überhaupt in dieser Eigenschaft bie Stelle eines Mechanikers einnimmt. Der Ein­geweihte hält es nicht für absonberlich. er lächelt nicht mehr barüber, es ist ihm alles selbstver- stänblich. Dieser große Maschinenraum mit bem Fabriklärm unb -getriebe ist fein industrielles Unternehmen, nicht einmal eine Werkstatt, es ist ganz einfach die Zentralbuchhaltung einer Berliner Großbank. Herr Leh­

mann, der Oberbuchhalter, ist hier der technische unb kaufmännische Leiter bieser wichtigsten Ab­teilung bes großen Gelbinstitutes.

Für das Publikum beginnt unb endet eine Großbank in den Schalterräumen. Dort gibt man sein Gelb ab unb holt welches, dort überreicht man Scheck und bekommt neue. Die eigentlich« Arbeit jedoch wird hinter ben Schalterräumen in ben großen Maschinensälen geleistet. Der 'Heu­ling, der zum ersten Male hier eintritt unb bis jetzt nur Kleinbetriebe gesehen hat, wirb staunen. Wo sinb bie Hauptbücher? Run, in dieser Duch- h altere! gibt e s überhaupt keine Bücher. Auch bie großen Pulte fehlen, über bie sich sonst die Kontoristen beugen und endlose Zahlenreihen in dicke Wälzer schreiben. Auch Schränke mit ben breiten Rücken ber Folianten sieht man nirgenbs. Es ist einfach komisch.

Fünfzig Buchhalter unb fein Buch. In ben anberen Räumen sinb genau so viel ober noch mehr Beamte. Auch hier weih kein einziger, was ein Kassenbuch ist ober eine Kladde. Sie sitzen vor ihren Maschinen unb Apparaten, kurbeln, brücken, tippen, ölen, schmieren, ziehen lockere Schrauben an, mit einem Wort: sie führen Bücher! Vom alten System sinb hier nur noch bie Zahlen unb bas Papier übrig geblieben. Aber nicht in ben Regalen in schönlinierten Dogen: alles liegt ba in Rollen unb sieht genau so aus, wie Zeitungspapier in ben Rotationsdruckräumen einer Druckerei. So seltsam es auch flingt, hier in diesem Großbetrieb ist bas Duch wieder zu seiner ursprünglichen Form zurückgekehrt: zu der Rolle. Die Bankbeamten, die hier bie Bücher führen, kommen einem vor wie die Schreiber der Pharaonc ober bie Dichter unb Gelehrten ber Antike, bie auch von ben zeitgenössischen Bild­hauern mit ber Rolle in ber Hand verewigt wurden. Jede Buchungsmaschine speit in kurzen Zeiträumen immer fünfzig Meter Hauptbuch aus ihrem metallenen Rachen, wenn man mit fünf bis sechs Kilometer fertig ist, was ungefähr einem Tagewerk entspricht, werben bie .Bücher" im .Bücherschrank' ausgestellt. Wieder ein komisches Stück Möbel. Ein Bücherschrank mit Rollen, bie aussehen wie Crepepapier beim Buchhändler. Wenn sich die Sache so weiter entwickelt, wirb bas schöne Wort Duch und seine Ableitungen bald

auf 32 Prozent herabzusehen. Man wird darin keine Bedenken erblicken löimen; die Deckung war vor dem Kriege nicht größer. Mit Recht hat man dagegen die Vorschläge, eine zweite Währung zu schaffen oder Rentenmarkscheine au»jugebcn, abgelehnt. well die Gefahr bestand, daß man zwi­schen beiden Zahlungsmitteln einen Unterschied ge- machl und da» schlechte Geld das gute verdrängt hätte.

Es bleibt abzuwarten, wie diese Maßnahmen sich auSwirken. Es hängt unendlich viel von der Selbstdisziplin der Bevölkerung ab, die große Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen muß. Es hängt aber auch sehr viel von dem Verhal­

ten de» Au-land» ab. Geht der Devisen­abzug in der Weis« weiter wie bisher, ohne daß auf der andern Seite Kredite zur Verfügung ge­stellt werden. Io muß auch der internationale Zah­lungsverkehr mit Deutschland mit ber Zeit in d.e schwierigste Lage geraten. Das hat nicht nur seine große Rückwirkung auf den deutschen Handel und damit auf die deutsche Wirtschaft, es trifft auf» schwerste auch da» A usland. Es bleibt die Hoffnung, daß schließlich die Vernunft siegt und die Erkenntnis, daß deutscher Zusammenbruch auch die schwersten Gefahren für das Ausland hervor­ruft, zu einer befriebiaenben Lösung der Krise auf dem Geldmarkt füyrt.

Stalins Antwort an Hoover.

Das neue Programm. Amerikas Alarmruf gegen den Iünfjahresplan findet in Moskau sein Echo.

Don unserem dl.-Derichterstatter.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Moskau, Juli 1931.

Das Versagen des Wirtschaftsprogramms ber Sowjets und bas Rachlassen der Tempi im letzten Jahr Zusammenbruch des Transports. Rückgang ber Kohlenförderung. Werkflucht der Arbeiter unb Mangel an allen Verbrauch »- gütem biefe Rebenerscheinungen des Fünf- jahres-Experiments haben bei ben führenden Leuten mit steigender Eindringlichkeit eine neue Erkenntnis zum Reifen gebracht: Der kommu­nistische Mensch, ber künstlich hochgezüchtete kollektive Mensch hat versagt.

Man kann ben Fünfjahresplan ansehen als ein bloßes Arbeitsprogramm für die verschiedenen Industriezweige, oder alS Finanzplan für In­vestitionen. Steuern unb Anleihen, ober alS Landesverteidigungsprogramm, das vom mili­tärischen Standpunkt aus eine starke Wirtschaft anstrebt immer aber will er gewaltige Ener­gien freimachen, überall fordert er eine gran­diose Ans pannung allerKräfte.Mehr Arbeit unb bessere Arbeit" war daS Schlagwort. Denn man sah ein, bah ber letzte Unterschied zwischen Rußland und bem Westen, volkswirt­schaftlich gesehen, bie Rückstänbigkeit in ben Ar­beitsmethoden, bie mangelhafte Produktivität der Arbeit war. Diese hängt aber von zwei Faktoren ab, bem mechanischen unb bem menschlichen. Mit ber Anschaffung von unzähligen Maschinen, bie allebem letzten Schrei ber Technik" ent­sprachen, glaubten bie leitenden Kommunisten ben Schlüssel für ben Enberfolg in ben Hänben zu Habers unb irrten sich in ber Bedeutung des menschlichen Faktors. Einmal sollte ber Arbeiter bi« Technik in kürzester Fristerlernen". Denn bie Zeit, in ber ebenAmerika unb Europa eingehvlt, ja überholt werden sollten", drängte. Man hatte nicht bie Muße, gründlichste Vor­arbeit für bie Heranbildung eine» tüchtigen Stammes von Technikern und Ingenieuren zu leisten. 3n rasendem Tempo mußte sich alles abwickeln. Und der russische Dauer, ber vom Holzpflug kam, versagte. Aber außerdem glaubten bie Sowjets, straflos bem Dolkskörper ungezählte Milliarben entziehen unb in die Wirt­schaft als Einlagen stecken zu können, ohne daß die Ernährung des Volkes davon beeinträchtigt wird. DieHungergrenze" war nach amt­licher Auffassung noch immer nicht erreicht aber auch der kollektive Mensch verzichtet« nicht auf das Sattsein und auf die Sicherung ber Privatexistenz. Zwei Jahre redete man anein­ander vorbei, bis bie Zahlen zu Stalin sprachen. Unb ba sah er bie Zeit zum Ein­greifen für gekommen.

Wit bem Mut, der Stalin schon am 3. März vorigen Jahres auszeichnet«, als er die über­stürzte Kollektivierung bremst«, hat er auch bie»- mal toieber unter dem Zwang ber Katastrophen- drohung ein biktatorisches Wort gesprochen. Es ist vielleicht das stärkste Eingeständnis ber eigenen Unfähigkeit, daß er sich gezwungen sieht, bie deklassiertenbürgerlichenElemente, die nahezu ausgerottet sind, um Hilfe anzugehen, bah er ihnen Amt und Würde verspricht, wenn

sie ihre Leistungen unb ihr Können bem Staat zur Verfügung stellen. Da bas bisherige Prin­zip ber Gleichmacherei in Arbeitsbewertung und Entlohnung aufgehoben unb bas der L« istung zum Dogma erhoben wirb, ist auf diesem Gebiet ein Ansatz zur Gesunbung erkennbar. Es fragt sich nur, wie lange bie Sinnesänderung anhält. Daß bie Maßnahme nur vorübergehend fein soll, daß Stalin unbedenllich bann toieber an bie Au Smerzung berfelben Leute gehen toirb, wenn sie ihre Schulbigkeit getan haben werben, ist nicht zu bezweifeln. Die Reustaffelung ber Löhne, bie feste Aussicht auf ein DorwärtS- tommen in materieller unb sonstiger Hinsicht, aber auch bie festere Bindung an bie Betriebe, bie Beseitigung ber bureaukratischenEntpersön­lichung ber Arbeit" und di« Wiederherstellung ber persönlichen Verantwortlichkeit ber Leiter, schließlich bie Beseitigung der von Mißerfolgen gefrönten Fünftagewoche teils sind dies bem Kapitalismus abgelauschte Methoden, teils neue Experimente, die ihre Verwendbarkeit noch zu beweisen haben toerben. DieSpezialisten­fresserei" hört auf, nicht mehrAnlernen der Technik", sondernHeranbildung einer Aristokratie der Technik" ist Trumpf, ber sakrosankte, schon stereotyp gewordenePlan" ist gegenüber demReuen Programm" zu- rückgetreten. DaS Ueberraschenbste aber bleibt bei bet Zitierung von Marx unb Lenin ber Hin­weis. daß Rußlanb vom Kommunismus noch weit entfernt sei, daß es vielmehr gelte, «inen lebensfähigen Sozialismus aufzu- richten.

Also eine neue Atempause, die von besonderer Bedeutung ist, zu der aber auch ein besonderer Zwang vorlag. Im Vollbesitz ber absoluten Macht wirb ber Diktator seine Maßnahmen mit bet ihm eigenen Rigorosität durchführen. Wie aber werben sie auf feinen Anhang wirken? Hunberttausenbe von Kommunisten glaubten an bieGleichheit aller vor bem Plan" wie an baS Evangelium, Millionen ber in Rußlanb so starken Armee bet ungelernten Arbeiter schwo­ren auf Stalin, weil er ihnen bie gleichen Lohn- unb Lebensbedingungen zugesichert hatte, tau­sende bewußter Führer waren auf die angewand­ten Methoden verpflichtet, und schon jetzt machen sich starke Zeichen einer Erschütterung bet Dertrauensgrunblage bemerkbar durch bieses neueUmlernen" des Führers. Er fordert aber vor allem zum Rachdenken heraus, wenn Woroschilow für dieses Entgegenkommen an die Rechtsv rientierung Stalin seine besten mili­tärischen Führet zurBesetzung ber wich­tigsten Wirtschaftsposten" anbietet. Militarisie­rung bet Wirtschaft?

Es macht immer mehr ben Eindruck, daß der sozialistische Ausbau zu einer Lawine geworden ist. bet gegenüber jedes Um lernen nur als Epi­sode angesehen werden farm. Die Frage, wer von den beiden bedeutendsten Faktoren im heutigen Svwjetrußland Diktatur und Wirtschaft bet Regierende und der Regierte ist, kann nicht mehr cinbeutig beantwortet werden. Aber wer weiß, ob nicht jene LeSart am zutreffendsten ist.

verschwinden müssen und feine Rolle wird die Rolle übernehmen.

Richt nur die Buchhalter bewältigen so ihr täg­liches Soll und Haben, auch die anderen Kon­toristen sind nur noch zu 40 v. H. Kaufleute und au 60 v. H. Techniker. Daß man in einer Groß­bank nicht mehr den Kopf dazu braucht, um zu abbieren, subtrahieren, multiplizieren und divi­dieren, und daß alles die Rechenmaschine macht, das weih heute schon fast jeder, aber daß audj die Kurse ber Börse nicht mehr abgehört und vom Telephon ins Stenogramm aufgenommen werden, das ist überraschend. Auch dafür hat man verläßliche Maschinen. Zwei junge Damen stehen vor einem Apparat, aus dem ein endloser Streifen herausquillt. Auf bAn Streifen sinb alle Kurse bes Tages fix unb fertig ausgestellt. Kurse auf bem laufenden Band. Die Kursmaschine beginnt ihre Tätigkeit in ber Mittagsstunde unb hört erst am späten Rachmittag toieber auf. Cs schwindelt einem, wenn man biefe Hunderttausende von Zahlen auch nur ansieht. Wie man mir aber erklärt, ist die Uebersicht außerordentlich klar, ein Kinderspiel, ein Vergnügen für den Fach­mann. Man gönnt es ihm.

Auf den eigentlichen Buchungsmaschinen wer­den Zahlen und Ziffern nur selten gedruckt. Man locht nur. Auf den Karten sind ja alle Zahlen und alle Möglichkeiten vorhanden, man muh nut wissen, wo und wie man zu lochen hat. Man stelle sich einen Buchhalter ober eine Buch­halterin vor, bie bas Hundertfache eines Straßen- bahnschaffners leisten. Der Schaffner hat auf seinem Schein höchstens vier Löcher zu machen, die Bankbeamten aber Hunderte unb alle noch an verschiebenen Stellen. Eine solche Duchkart« sieht am Enbe aus wie ein Salatsieb. Herr Lehmann nimmt einige in die Hand unb weih sofort, daß Hennemann & Co. sounbsoviel überwiesen haben, sounbsoviel Guthaben ba ist un£ bet unb ber Saldo verbleibt. Einem Laien würben die Karten so viel bedeuten wie bie auf 3iegelfteine ge­brannte Kei Ischristbibliothek bes Assurbanipal oder Hieroglyphen des Pharao Ramses.

Trotzdem muh man auch bei diesem System den Kopf an ber richtigen Stelle haben. Man barf sich nicht hundertprozentig auf die Maschine ver­lassen. Die maschinelle Buchführung ist zwar

sicherer und schneller als ber Mensch Sie ermög­licht, mit einem geringeren Personal täglich Hunderttausende von Buchungen zu erledigen, was bei manueller Arbeit ein Werk von Mo­naten wäre. Aber revibieten muh man am Enbe auch bas Sprichwort, bah Irren menschlich ist. Auch bie Maschine kann sich irren. Die Statistiker dieser Maschinenabteilung haben aus­gerechnet, daß sich bie Maschine hier in der industrialisierten Oberbuchhaltung täglich etwa 400mal irrt. Ratürlich sind diese Fehler imDer- hälknis zu denen bei manueller Arbeit sehr gering. Sie machen nur drei Promille ber Ge­samtbuchungen aus. Schließlich war eS ja doch nicht bie Maschine, bie den Fehler gemacht hat, sondern es waren bie bedienenden Hände. Das heißt die Menschenköpfe.

Auch der Bücherrevisor, der in diesen bewegten Zeiten hier sehr häufig zu tun hat, ist aus einer anderen Welt wie bie alten Revisoren mit ber Keilfeber hinter dem Ohr. Die Revisoren von heute haben sich bas Blättern gänzlich ab- gewöhnt. Man sucht nicht mehr nach Seite 480 ober Folio 11, man rollt 2,35 Meter zurück, 4.20 vor, dazu 23 Meter in der anderen Rolle unb am Enbe hat man so weit gerollt wie ber Weg vom Rathaus zum Bahnhof. Auch ein Vergnügen! Aber phantastisch schnell unb sauber wickelt es sich ab unb in kürzester Zeit hat ber Revisor eine Uebersicht unb kann sein Urteil abgeben. Gewih muh er auch ein tüchtiger Mechaniker fein. Er muh bie Fehler nicht nur bei ben Menschen, fonbern auch bei ben Maschinen herausfinden können. Wenn ein Maschinchen immer falsch locht oder statt einer Rull einen Renner schreibt, barm kann sich das zu einer Katastrophe auswirken. Rie toirb man einen solchen Fehler fest stellen können, wenn man nicht auch mit ber Maschine Bescheid weih. Wenn ber Buchhalter bann mit ber Arbeit fertig ist, zieht er sich feinen Kittel aus, wäscht die ölbeschmierten Hände mit Teer- reife unb Petroleum wie ein Fabrikarbeiter, geht zum Kontrollapparat unb läht vermerken, daß heute von neun bis fünf 21 324 Buchungen ausgeführt worden sind, sagt Herrn Lehmann Guten Abend unb bereitet sich auf ben nächsten Tag vor. wo er seine Höchstleitung noch steigern will.