Nr. 90 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 18. April 193|
preag — Lleberlandwerk
Seit einigen Tagen wird die Aufmerksamkeit der Bevölkerung Oberhessens in steigendem Mähe durch die zum 1. Juli angekündigte Stilllegung der Hefrag in Wölfersheim in Anspruch genommen. Durch diese Betriebseinstellung worden, wie aus unseren bisherigen Berichten schon'bekannt ist, etwa 1300 Angestellte und Arbeiter von Arbeitslosigkeit bedroht. Für die betroffenen Personen, aber auch für die oberhessische Gesamtwirtschaft bedeutet die Ber- wi>rklichung der angekündigten Maßnahme einen schweren Rückschlag im Kampfe ums Dasein, für das Unternehmen selbst eine empfindliche Einbuße im Produktionsprozeß. Dah eine solche Perspektive nicht nur die unmittelbar betroffenen Kreise, sondern auch die Allgemeinheit der Provinz lebhaft bewegt, ist selbstverständlich, und so ist es denn auch begreiflich, dah allenthalben die Frage rege erörtert wird, ob diese Dtill- legungs ab sicht wirklich ausreichend begründet ist und ob es nicht Mittel und Wege gibt, ihre Verwirklichung doch noch zu verhüten.
Bei der Ankündigung der Stillegungsabsicht wurde zur Begründung auf die katastrophalen Preisstürze am Teer- und Benzinmarkt infolge des Dumpings der Russen, des Kampfes der grohen Beirzinkvnzerne und der reichen Erdölvorkommen in der Lüneburger Heide hingewiefen. Durch diese Umstände, so wurde erklärt, sei der Preis für das Wölfersheimer Teerprodukt bis Ende 1930 um drei Fünftel gegenüber den Erlösen von 1929 gefallen. Das Ergebnis dieser Preisentwicklung sind zweifellos erhebliche Einnahmeminderungen bei dem Werk, deren ziffern- mähiges Ausmaß zuverlässig bisher nicht bekannt ist, die sich aber nach einem Bericht, den wir in unserer Rr. 87 vom 15. April veröffentlichten, auf einen jährlichen Million envevlust belaufen sollen. Selbstverständlich ist diese wirtschaftliche Abwärtsentwicklung sehr ernst zu bewerten, und man wird sich auch bemühen müssen, daraus Schlußfolgerungen in der Richtung von wirtschaftlichen Erleichterungen für das Unter- nehmen zu suchen. Mittlerweile ist aber auch durchgesickert, dah die ungünstigeren Preisverhältnisse auf dem Teer- und Benzinmarkt nicht allein bestimmend gewesen sind für das Vorgehen der Inhaberin des Wölfersheimer Betriebs, der Preag (Preuhen-Elektra-A.-G.). Ein^ mitbestimmende Rolle spielen für die Preag vielmehr wirtschaftliche Machtbestrebun- g e n, die darauf abzielen, nach dem Erwerb des Wölfersheimer Schwelkraftbetriebs Hessen-Frankfurt A.°G. (Hefrag) von der Stadt Frankfurt und dem Hessischen Staate nun auch als Abrundung das der Provinz Oberhessen gehörende Ueberlandwerk in Friedberg dem Konzern der Preag anzugliedern.
Um die Clektrizitätswirtschaft in Oberhessen auf eine Grundlage zu stellen, bei der innerster Linie das Gemeinschaftsinteresse der gesamten Provinzbevölkerung bestimmend sein sollte, hat die Provinz Oberhessen bekanntlich vor dem Kriege das Ueberlandwerk in Friedberg geschaffen, das bis jetzt einen Kostenaufwand von rund 17 Millionen Mark verursachte. Aus Grund eines Vertrages mit dem Hessischen Staate erfolgte die Stromlieferung an das Ueberlandwerk von Wölfersheim aus. Als der Besitz des Wölfersheimer Betriebes vom Hessischen Staate und der Stadt Frankfurt auf die Preußen Elektra A. -G. (Prea g) überging, wurde dieser aus» dru^.ich die Verpflichtung auferlegt, der Provinz Oberhessen für die weitere Stromversor- ?ung der Bevölkerung einen loyalen Strom- ieferungsvertrag anzubieten. Erst nach langen Verhandlungen kam man im März 1931
Kreuzweg der Liebe.
Vornan von Paul Grobem
Urheberrechtsschuh: Romandienst .Digo", Berlin W 30.
23. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Ursula schloß die Augen. Mit einem wohligen Gefühl schmiegte sie sich .in die weiche Decke, die er so vorsorglich um sie gebreitet hatte. Wie tat das wohl, so zu ruhen, im Bewußtsein, sich diese Ruhe ehrlich verdient zu haben! Run schlafen — einen tiefen, erquickenden Schlummer ein paar Stunden lang, um nachher wieder frisch zu sein, zu neuer, froher Pflichterfüllung!
Aber der Schlaf kam nicht. Wohl war sie körperlich matt, aber die Gedanken waren noch wach. Das zog unaufhörlich an ihr vorüber — all die Eindrücke dieser acht Tage, die sie nun in der Klinik hier weilte, täglich, fast stündlich an Wigands Seite — die letzten drei Rächte nahezu ununterbrochen allein mit ihm in dem schweigenden, schlummernden Hause. Sie beide allein wach, beseelt von derselben Sorge und demselben Bestreben, in treuer, guter Kameradschaft hat kämpfend mit der heimtückischen Krankheit, die drohend ihre Finger nach der blühenden jungen Frau und Mutter ausgestreckt hatte.
Wie schön das gewesen war, dieses treue Zu- sammenhalten, dieses stumme Sichverstehen und Handinhandarbeiten! Ein Blick hatte oft nur für sie genügt, sich zu verständigen. Wie stolz war sie darauf gewesen, wenn sie seine Wünsche schnell erraten und ihm die nötige Handreichung schon gemacht hatte, ehe er noch ein Wort gesagt hatte.
Und in dieser Zeit hatte sie ihn erst so recht kennen gelernt. In seiner ernsten, selbstsicheren Ruhe, die ettvas so Tröstliches in sich barg. Man gewann mit dem Augenblick, wo er ins Zimmer trat, ein solches Vertrauen: Run ist der Helfer da, nun wird bald alles besser werden. Und seine gütige, herzliche Art! Die Patienten schwärmten alle für ihn; jede hatte das Gefühl, dah^ er ihrem Falle ein ganz besonderes Interesse" entgegentrüge. Wirklich, er war der geborene Arzt. Es mußte ordentlich eine Freude sein, sich von ihm behandeln zu lassen.
Wie war Beate von Rommertz zu beneiden, daß sie immer mit ihm zusammen fern durftet Wenn sie doch immer an ihrer Stelle fein könnte, so wie jetzt die zwei Wochen der Vertretung! Ein Seufzer hob Ursulas Brust. Das wäre etwas anderes, als das Arbeiten mit wildfremden, ihr vielleicht unsympathischen Aerzten im Diakonissenhaus, wo sie nun in kürzester Frist eintreten sollte!
zu einer Einigung. Schon im Laufe dieser Verhandlungen traten Absichten der Prcag zutage dahingehend das Lieberlandwerk der Provinz in den Besitz der Preag zu bekommen. Diese Absichten verdichteten sich, nachdem die Verlust- Wirtschaft der Hefrag in Erscheinung getreten war, zu einer Forderung auf Erwerb, mindestens aber zur Einräumung eines maßgeblichen Einflusses auf die Detriebsführung des lieber* landwerks. Als Begründung für dieses Verlangen wies die Preag, die in Wölfersheim etwa 30 Millionen Mark investiert hat, auf einen Verlust von etwa 2 Millionen Mark an dem Wölfersheimer Betrieb hin, den sie durch Hinzu- nahme des Ueberlandwerks ausgleichen wolle. Der Provinzialausschuß Oberhessen versagte, da die Provinz an der Hefrag oder der Preag in keiner Art beteiligt ist, diesem Verlangen seine Zustimmung, und nun kam die Leitung der Preag mit dem Entschluß heraus, den Wölfersheimer Betrieb wegen mangelnder Rentabilität st illzu legen. Wenn es richtig sein sollte, daß — wie verlautet — im Aufsichtsrat der Hefrag mit einer Ausnahme sämtliche Vertreter Hessens für die Stillegung des Werkes gestimmt hätten, so müßte dies sehr merkwü.dig berühren. Die Leitung der Hefrag gab dann zu erkennen, daß die Stilllegung des Wölfersheimer Betriebs verhütet werden könne, wenn die Provinz Oberhessen, das lleberlandwerk in Friedberg an die Preag abtrete, jedoch erklärte man sich bei der Preag nicht bereit zur Uebernahme einer unbedingten Gewähr dafür, dah Wölfersheim auch weiterhin in Betrieb gehalten werde, wenn das Ueberlandwerk an die Preag übergehe. Man strebt also bei der Preag l e - diglich d ie Besitzergreifung des lleberlandwerks an und will sich hinsichtlich des Werkes Wölfersheim in keiner Weise bindenden Verpflichtungen unterwerfen. Als Gegenleistung für das bis auf rund 8,5 Millionen Mark bereits abgeschriebene, dabei aber in bestem Betriebs* zustande befindliche und wirtschaftlich ausgezeichnet arbeitende lleberlandwerk erklärte sich die Preag bereit, der Provinz Ober Hessen für 5 Millionen Mark Preuhen-Elektra-Aktien zu überlassen, jedoch der Provinz Oberhessen> nichts von ihrer Anleiheschuld für das Ueberlandwe.k abzunehmen. Hiernach würde also die Provinz für das lleberlandwerk ein Aktienpaket der Preag erhalten, das natürlich allen Kursschwankungen ausgesetzt ist, sie würde aber auch weiter mit den Schuld- vervflichtungen für das Ueberlandwerk belastet bleiben. Die Preag stellte, einer Anregung aus Aufsichtsratskreisen folgend, der Provinz ferner eine jährliche Zahlung von 300 000 Mark in Aussicht. Man muh hierbei aber beachten, daß das Ueberlandwerk der Provinz seither schon alljährlich einen erheblich höheren wirtschaftlichen Ruhen eintrug. Wenn man hiernach das Ergebnis eines solchen Desihwechsels betrachtet, muh man doch wohl sagen, daß die Preag ein sehr gutes Geschäft machen würde, die Provinz Oberhessen aber schlecht dabei weg käme.
Runmehr ist die Frage zu prüfen: Wie hat sich die Provinz zu der geplanten Stillegung des Werkes Wölfersheim und zu der von 6er Preag erstrebten Angliederung des lleberlandwerks Oberhessen an ihren Konzern zu stellen? Es ist selbstverständlich, daß einen verantwortungsbewußten Menschen das Geschick der 1300 Angestell- -ten und Arbeiter der HSfrag, die jetzt von der Arbeitslosigkeit bedroht werden, nicht gleichgültig lassen kann. Jedermann wird vielmehr die Forderung unterstützen müssen, daß von den maßgebenden Personen und Behörden mit allem Rachdruck nach Mitteln und Wegen gesucht wer-
Wieder seufzte Ursula, diesmal aber schwer und bang. Zum ersten Male sah sie das Leben, das ihr bevorstand, in seiner unverhüllten, tiefernsten Gestalt, und ein Bangen schlich an ihr hoch. . ,
22. Kapitel.
„In Gottes Namen! Führen Sie die Kleinen heute zu der Mutter."
Wigand stand mit Ursula, bei dem Morgenbesuch feiner Patienten begriffen, vor der Tür zu dem Zimmer, wo die beiden Kinderchen der jungen Frau die letzten achte Tage untergebracht waren.
„O, die Freude!" Selber erregt vor froher Erwartung öifnete Ursula rasch die Tür, und langsam folgte ihr Wigand nach. Auch er hatte die niedlichen, kleinen Mädchen, seine Patientenbabys, in sein Herz geschlossen.
„Tante Ursel — süße Tante Ursel!"
Jauchzend hingen die Kleinen an ihrer getreuen Pflegerin, vergeblich bemüht, mit den Aermchcn an ihr emporzulangen.
Im nächsten Augenblick kniete Ursula nieder und preßte die'beiden Lockenköpfchen rechts und links an sich, die sich zärtlich an sie schmiegten.
„Wir haben schon solche Sehnsucht nach dir gehabt!" gestand, sie umarmend, das ältere Mädchen und wollte sie gar nicht wieder los- lassen.
„Wirklich, mein Liebling?" Glücklich erwiderte Ursula die zärtliche Liebkosung. Daß ihr ihre Hingabe an die kleinen Geschöpfchen nun so reich gelohnt wurde! War es nicht doch ein schöner Beruf, den sie sich erwählen wollte?
Wigand betrachtete, auf der Fensterbank sitzend, mit warmen Blicken die anmutende Gruppe vor sich. Ursula hatte, seitdem sie in der Klinik war, ihr schwarzes Gewand mit der freundlichen, lichten Schwester-Tracht vertausch!; viel jugendlicher sah sie darin aus, namentlich wenn wie jetzt ihre Wangen vor Freude rosig blühten. So lieb, noch so mädchenhaft, und doch war etwas unbewußt Mütterliches in ihrem Wesen, während sie sich mit den Kleinen abgab. Wie glücklich könnte der Mann sein, der sie sein eigen nennen dürfte!
Ein Schatten flog über Wigands Antlitz, und er versank in schwermütiges ©innen.
„Run hört aber mal, Ruth und Evchen!" verschaffte sich Ursula endlich vor lauter Zärtlichkeiten energisch Gehör. „Eine große, große Reuigkeit — eine Riesenfreude: Ihr dürft heute wieder zu eurer Mittti."
„Zu Muttchen?" Ein freudiger Schrei entfuhr beiden Kinderkehlen zugleich, und los lösten sich die Aermchen Von Ursulas Hals.
Diese stand auf und nickte: „Ja, Herzchen, und gleich! Der gute Onkel Doktor erlaubt'»“, sie sah einen Augenblick lächelnd zu Wigand
den muß, die der Stillegung der Hefrag entgegenzuwirken geeignet sind. Einen Hinweis in dieser Richtung kann man wohl in den von uns in Rr. 85 vom 13. April berichteten erfolgreichen Versuchen der Gasgewinnung aus Braunkohle erblicken, die in jüngster Zeit von der Draunkohlen-Gas--GmbH. auf dem Gelände des Kasseler Gaswerks abgeschlossen wurden. Liegt es nicht nahe, die Wölfersheimer Braunkohle nach entsprechenden Aenderungen der Betriebscinrichtungen ebenfalls dem Prozeß der Gasgewinnung zuzuführen, dadurch die Fortführung des Betriebes zu ermöglichen und gleich* zeittg fördernd auf die Lösung der Gasfernversorgungsprojekte der Ruhrgas°AG. und der Hekoga (Hefsische kommunale Gasfernversorgung) einzuwirken? Wir sind keine Fachleute auf dem Gebiete der Gasgewinnung, aber von sachlich berufener Seite hörten wir, daß die Vergasung der Wölfersheimer Braunkohle und die Vermischung dieses Gases mit Steinkohlengas nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen sei. Hier dürfte wohl schon eine Möglichkeit zur Fortführung des Wölfersheimer Betriebes vorhanden sein, die einer sofortigen und eingehenden Prüfung wert wäre. Vielleicht würden der Preag, deren Aktien ja zum weit überwiegenden Teile in der Hand des preußischen Staates und anderer öffentlich- rechtlicher Stellen sind, zinsverbilligte Mittel aus staatlichen Kassen, oder von der Arbeitslosenversicherung für eine solche Umstellung zur Verfügung gestellt werden können. Ferner ist die Frage auf- zu werf en, ob der Wölfersheimer Betrieb nicht zu kostspielig aufgezogen ist. Von einem Konzern von der Größe der Preag, dessen Leitung sich auch der Verpflichtungen gegenüber der Gesamt- Wirtschaft und der Bevölkerung bewußt sein muß, darf man doch Wohl erwarten, daß nicht kurzerhand nach Expansionsgesichtspunkten vor* aegangen wird, sondern daß auch U m st el - lungs - und Ersahmöc^lichkeiten ernstlich geprüft werden. Wir möchten daher annehmen, daß die oberste Leitung der Preag noch einmal sehr eindringlich mit sich selbst zu Rate geht und Prüft, ob nicht doch noch der Verzicht auf die Stillegung leichter zu verantworten ist, als das Gegenteil.
Wenn man den Fragenkomplex vom Standpunkt des Gemeinschaftsinteresses der gesamten Provinzbevölkerung aus betrachtet, wird man sagen müssen, daß die Preisgabe des Ueberlandwerks seitens der Provinz schwerwiegendste Folgen befürchten ließe. Die Provinz hat bisher unter der maßgeblichen Bestimmung durch die Provinzialtagsabgeordneten und Provinzialausschußmitglieder eine Elektri- zitätsversorgungs- und -Preispolitik betrieben, die bei aller Fürsorge für ein wirtschaftliches Funktionieren des Werkes doch entscheidend unter den Gesichtswinkel des Allgemeininteresses gestellt war. Wenn auch einige Male im Provinzialtag Oberhessen Klagen über gewisse Tarifgestaltungen beim Ueberlandwerkbetrieb zur Sprache gebracht wurden, so stand doch das ernstliche Bestreben, den gerechtfertigten Ansprüchen der Bevölkerung Genüge zu leisten, niemals in Zweifel. Ohne der Leitung der Preag zu nahe treten zu wollen, möchten wir der Anficht Ausdruck geben, daß bei ihr die gleichen Gesichtspunkte wie bei der gegen» wärtigen Inhaberin des Ueberlandwerks, der Provinz Oberhessen, Wohl kaum Geltung haben werden. Cs liegt in der Ratur der Dinge, daß die Preisbildung bei Konzernen unter ganz anderen Maßstäben erfolgt, als bei gemeinwirtschaftlichen Unternehmungen. Vielleicht würbe, wenn das Ueberlandwerk in die Hände der Preag käme, für einige Zeit eine etwas günstigere Gestaltung der Tarife Platz greifen,-bis das Gießener Elektrizitätswerk mit seinem Versorgungsnetz in der nordwestlichen Ecke Ober
hinüber, der sich nun gleichfalls zu einem Lächeln zwang. „Also kommt!"
Ein Helles Aufjubeln, und, jedes eine Hand Ursulas ergreifend, drängten die Kinder diese zur Tür, zum Zimmer ihrer Mutter hin, aus dem sie eine volle Woche verbannt gewesen waren.
Ursula und Wigand blieben einige Minuten in der offenen Tür stehen und sahen selber bewegt, dem Glück des Wiedersehens zu. Cs war doch ein erhebendes Gefühl für sie, sich sagen zu dürfen, dah sie sich mit ihrem Bemühen einen Anteil an diesem Glück verdient hatten. Ein Blick tiefster Dankbarkeit aus den Augen der jungen Mutter traf denn auch über die Köpfchen ihrer Lieblinge hinweg den Arzt und die aufopfernde Pflegerin.
„Run ist's genug, Kinderchen." Mit freundlichem Mahnen ging Wigand zum Bett und suchte die Kleinen sanft von der Mutter loszulösen. „Eure Mama ist noch schwach, und ihr dürft sie nicht länger au reger..*
Aber das war nun ein Jammer, schier ebenso groß, wie eben noch die Seligkeit. Die Kleinen hatten gemeint, nun würde gleich wieder alles sein wie früher, nun würden sie wieder ganz bei ihrer so lang entbehrten Mutti bleiben dürfen.
Ursula kam Wigand zu Hilfe, der sich, in diesem Falle einmal ratlos, nach ihr umgesehen hatte. Sanft zog sie die Kleinen vom Bette fort und führte sie wieder in ihr Zimmer. Aber alles Zureden Ursulas, alle Zärtlichkeiten blieben fruchtlos; die Kinder wollten nichts von ihr hören, und alle Liebe, die sie in den mühevollen Tagen an sie verschwendet hatte, war vergessen — wie fortgeweht von dem starken, natürlichen Gefühl, das die Kleinen am Herzen der Mutter überkommen hatte.
Ursula mußte schließlich ihre Bemühungen aufgeben. Ihre Zeit erlaubte ihr auch nicht, diese fruchtlosen Versuche fortzusetzen. Sie klingelte daher eine Wärterin herbei, ließ diese bei den Mädchen und ging von ihnen. Cs gab ihr aber einen Stich ins Herz, als die Kinder sie ruhig gehen ließen. Sie vermißten sie also wirklich nicht — sie war ihnen nichts geworden in all diesen Tagen, bloß zum Zeitvertreib war sie ihnen gut gewesen.' Rur Mutterschaft erwarb wirklich ein Anrecht an solche jungen Herzen.
Der kleine Vorfall warf einen Schatten in Ursulas Seele. Gedanken tauchten wieder auf, die so manchmal schon in grauen Stunden sie gequält hatten: Was würde dereinst die Ausbeute ihres Lebens sein, wenn sie einmal am Schluß auf alles zurückblicken würde? Ein Dasein voll Mühen und Plagen für andere, doch ohne tieferen Dank und ohne sichtbaren Erfolg. Einsam würde sie ihren Pfad ziehen, und keine kostbare Frucht würde ihr reifen. Sie würde keine Liebe säen, also auch keine ernten können.
Hessens durch sog. Kampfpreise auch in das Revier der Preag bi:.eilige trieben wäre, eine Entwicklung, die für die Stadt Gießen und ihre kommunale Finanzwirtschaft von einschneidendster Bedeutung werden würde. Sobald aber dieser Entwicklungsprozeß sein Ende erreicht und dadurch der Preag» Besihstand seine Abrundung in unserem Wirt» schaftsbcrirk gesunden hätte, könnte leicht eine Preisdiktatur auf Grund der Monopolstellung der Preag eintreten. Uebrigens muh man auch an die Konsequenzen denken, die andere Betriebe in Oberhefsen — beispielsweise Damag- Meguin in Butzbach — aus einer Stellungnahme der Provinz im Sinne der Preag-Destrebungen ziehen würden. Dann könnten leicht gänzlich unhaltbare Zustände herauskommen. Das sind eminente Gefahren, die heute schon greifbar naheliegen. Dazu kommen aber noch weitere Schattenseiten, die beim Uebcrgang des Ueberlandwerks an die Preag die Geschicke unserer engeren Heimat berühren dürften. Kommunalpolitik wird bekanntlich nicht nur von heute auf morgen orientiert, ebensowenig wirtschaftspolitische Maßnahmen. In all diesen Fällen wird die Entwicklung der Dinge auf weite Sicht hin in Rechnung gestellt. Wenn man die Frage „Preag — Ueberlandwerk' unter den gleichen Gesichtspunkt bringt, wird man nicht umhin können, auch die Möglichkeit eines späteren Aufgehens Hessens in einem größeren Staatswesen mit in Betracht zu ziehen. Tritt aber jetzt schon durch Preisgabe bedeutsamer Unternehmungen der Allgemeinheit gewissermaßen ein wirtschaftlicher Ausverkauf ein, wie will man dann später bei einer staatlichen Neuorientierung Rechte für Hessen geltend machen und die Gegenseite zu bestimmten unerläßlichen Verpflichtungen bringen? Wer mit leeren Händen in eine solche Neuregelung hineingeht, darf sich nicht tountern, wenn man ihn dann nicht als allzu bedeutsam ansieht und ihn dementsprechend auch bei der Abmessung von Rechten und Pflichten behandelt. Richt ohne starke Bedenken ist ferner die Tatsache, dah hier jetzt schon dem weit stärkeren Preuhen von dem wirtschaftlich schwächeren Hessen eminente Werte zugeführt werden sollen, ohne auf der anderen Seite entsprechende preußische Ver fkichtungen zugunsten der hessischen Wirtschaft zu begrüntem
Wir haben im Rahmen dieser Betrachtung nur die wichtigsten Gesichtspunkte ter Frage hervorgeh oben. Es ist unverkennbar, daß die eine Seite der Angelegenheit genau so ernst und folgenschwer sich darstellt, wie die andere Seite. Es darf aber bei ter Entscheidung über den Gesamtkomplex dieser Frage nicht von Augenblickserwä- gungen unter Preisgabe aller Zukunftschancen ausgegangen werden. Beherrschend muß im Vor- tergrunte der Gesichtspunkt bleiben, dah das G e* samtinteresse der Provinz nicht in lebensgefährdender Weise berührt werten darf durch die Entscheidung über einen Einzelteil ter oberhessischen Wirtschaft. Danach möge der P ro - v i n z i a 11 a g, ohne dessen Entscheidung diese Frage nicht zu Erledigen ist, seine Stellungnahme orientieren.
Eine Stimme ans Darmstadt
Das „Darmstädter Tageblatt" schreibt in seiner Rr. 106 vom 17. April:
„Wie wir hören, sollen erneut Verhandlungen wegen Muckauss des Ueberlandwcrkes Oberhessen stattfinden. Wenn auch die Schwere der Entscheidung für Oberhesfen nicht geleugnet werden kann, so muß doch erwartet werden, daß der Provinzialausschuß ein evtl. Angebot 6er Preußenelektra, die Stillegung ter Wölfersheimer Werke Hinauszuschiei en, eingehend darauf prüft, welche Garantien für Dauer und Umfang des Weiter-
Die erwächst nur aus dem Boden ter Familie, der Ehe, an der Seite e.nes Mannes und aus dem Kreise geliebter Kinder! Ihr war durch harten Schicksalsschluß solch Glück verwehrt; ihr Los war Mühe ohne den Segen.
Vor solchen Gedanken flohen weitweg die lichten Zukunftshoffnungen, die manchmal in diesen acht Tagen hier sich unwillkürlich eingestellt hatten. Cs war ja alles Selbstbetrug, törichtes Wähnen gewesen — es tat not, daß sie wieder mit nüchternen Augen ihr Leben ansah, so wie es in Wirklichkeit war und sein würde. Und aus solchen schweren Empfindungen heraus drängte sich ihr immer mehr der Entschluß auf, den entscheidenden Schritt nunmehr zu tun, der ihrem Leben die engen, aber festen Schranken zog, die sie vor allem Schwanken bewahrten — ihren so lange geplanten Eintritt in ein Dia» kvnissenhaus nun zu vollziehen. Dann hätte ja alles törichte Wähnen und Sehnen ein Ende!
Wigand saß in seinem Ordinationszimmer, damit beschä tigt, das Krankenjournal nachzutragen, als Ursula bei ihm eintrat, um ihm die Fiebertabellen, deren er dazu bedurfte, wie gewohnt zu bringen. Mit einem Wort 6es Dankes nahm er ihr, ganz bei seiner Arbeit, die Formulare ab und wollte weiterschreiben. E was überrascht sah er daher auf, als Ursula an seinem Schreibtisch stehen blieb.
„Bitte — ist noch irgend etwas?" fragte er, und, sie nun anblickend, gewahrte er ihre ernste, entschlossene Miene.
„Ich wollte nur fragen, wie lange Fräulein von Rommdrh noch zu bleiben gedenkt. Meine Dienste sind vielleicht schon in kürzester Frist nicht mehr frei.“
„Wieso denn?" Ueberrascht erhob sich Wigand vom Sessel.
„Ich will den Plan, von dem Sie ja schon wissen, endlich ausführen; ich will —"
„Ins Diakonissenhaus Eintreten?" Mit einem leisen Erschrecken (ragte es Wigand.
Sie nickte nur ernst. Einige Augenblicke schwieg auch er. Das durfte ja nicht geschehen; 6iesen unglücklichen Gedanken mußte er ihr ausreden.
„Gewiß, Sie sprachen ja schon von diesem Vorhaben. Aber, offen gestanden, ich habe immer gehofft, Sie würden sich das noch anders überlegen.“
Urufula machte eine feste entschlossene Gebärde.
„Was treibt Sie denn zu diesem unglücklichen Gedanken?"
„Ernste Gründe, die in langen Jahren wohl erwogen sind." Schwer fielen die Worte von ihren Lippen.
„Ich zweifle nicht daran, aber ich fürchte — ich empfinde es mit aller Bestimmcheit — Sie find das Opfer einer Selbsttäuschung, Sie werden hinterher die Dinge ganz anders ansehen, als sie Ihnen jetzt erscheinen." (Fortsetzung folgt.)


