Samstag, 18. AprilMl
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Nr. 90 Zweites Blatt
polyphems Gastgeschenk.
Don Or. paul Rohrbach.
Ms Odysseus, der Dielgewandte, auf seinen Irrfahrten zur Insel der Zyklopen gekommen war, geriet er mit einer Anzahl Gefährten in die Höhle PolYPh-ms, des menschenfressenden Diesen. Als der Zyklop schon sechs der Ge- führten des Odysseus verzehrt hatte, gelang es diesem, das Ungeheuer mit Wem trunken zu machen und in der Trunkenheit verriet ihm Polh- phem höhnisch, welch ein Geschenk er ihm zu- gedacht hätte: Dich will ich zuletztverspeisen, die anderen vorher, das soll dem Gastgeschenk sein! .
Diese Geschichte konnte etwa auch ein Dowzet- machthaber einem deutschen Odysseus erzählen, gesetzt, ein Rausch hätte ihm die Zunge gelost. Uebrigens tut es der andere Mund des Bolschewismus, die Männer, die nicht der Sowjet- Diplomatie, sondern der dritten kommunistischen Internationale gehören, oft genug auch ohne Rausch. Die Komintern hat noch nie eine Ausnahme für Deutschland gemacht, wenn sie ihre Proklamationen gegen die bürgerlichen Staaten und die bürgerliche Gesellschaft, für die Weltrevolution und Diktatur des Proletariats zum Besten gab, und seit der letzten Verschärfung des Stalin-Kurses hat auch die bisher sestgehaltene oberflächliche Derschleie- rung der inneren Identität von Komintern und Politbureau, die Verschiedenheit der Funktionäre, grosten Teils aufgehort.
Dieselben Leute in Moskau, die von den „freundschaftlichen Beziehungen" zwischen Deutschland und Sowjetruhland sprechen, haben Deutschland in ihrem Herzen genau so auf der Pro- skriptionsliste, wie alle übrigen für die Weltrevolution bestimmten Länder. Indem sie über Kredite und Kreditbedingungen, Bestellungen und Exporte verhandeln, ist es doch das letzte Ziel ihrer Politik, irgend einmal alle diese Rücksichtnahmen auf dje „Ungunst der Zeiten", wie die Kurie sagt, fallen zu lassen und den blutigen bolschewistischen Terror über dasselbe Land und dieselben Männer hereinbrechen zu lassen, mit denen sie sich jetzt um Verträge bemühen. Vielleicht zwinkern sie ihnen dann in einem Anflug von sarkastischer Offenheit zu: Dafür, daß ihr so nett mit uns wart, fressen wir jetzt euch als die letzten!
Der Chef der russischen Wirtschaftsorganisation kommt nach Berlin, um die definitiven Abmachungen über den neuen Kreditvertrag zu treffen, und bei einem der gröhten deutschen Wirtschaftskonzerne, der Interessengemeinschaft der Farbenindustrie (I.-G.-Farben) in Höchst, wird eine Spionage aufgedeckt, die zugunsten Moskaus geschieht, von Moskau bezahlt und von deutschen Kommunisten für Moskau durchgeführt wird. Die kommunistische Partei in Deutschland ruft mit klaren Worten, in Rede mid Schrift, zur blutigen Revolution auf. Sie ist eine von Moskau ausgehaltene Organisation. Man streiche ihr die Mittel, die sie aus Moskau bezieht, und sie schrumpft zusammen, wie eine Ballonhülle, die ihr Gas verloren hat. Auch in andern Ländern sind die Kommunisten Stipendiaten von Moskau, aber in anderen Ländern bedeuten sie entweder wenig im Verhältnis zu Deutschland, oder sie sind verboten, und wo sie bei dem Versuch einer Aktion gefaßt werden, wird aufs rücksichtsloseste mit ihnen verfahren. Daß sie in Deutschland eine Partei mit einer parlamentarischen Vertretung von etwa einem Achtel sämtlicher Reichstagssitze sind, daß ihre Voten bei jeder Abstimmung ins Gewicht fallen, daß sie eine starke Presse und heimliche Waffenlager besitzen, dazu in der „Rotfront" ein für den Tag der Revolution schlagkräftig gedrilltes Korps, das alles kommt ihnen und kommt uns — von Moskau! Rur unter unseren deutschen Verhältnissen ist ein Kommunismus von solchem Massengewicht und einer so durchgearbeiteten Organisation möglich — wenn sich eine Stelle findet, die da zahlt, was das alles kostet. Diese Stelle ist Moskau,
dasselbe Moskau, dem die deutsche Wirtschaft, nach vertraulichen aber glaubwürdigen Informationen, bereits fürmehr als eineMil- liard e Mark Kredite gewährt hat, und das jetzt weitere dreihundert Millionen, mit einer Ausfallgarantie aus öffentlichen Mitteln, bekommen soll.
In Moskau wie im deutschen kommunistischen Lager macht man den lächerlichen Versuch, zu bestreiten, daß eine Sowjetbehörde Auftraggeber für die Höchster Werkspionage gewesen ist. Es lohnt nicht, bei diesen Ableugnungen zu verweilen. Es lohnt auch nicht, von der Gewährung der neuen Kredite an Sowjetruhland abzuraten, denn sie sind beschlossene Sache. Die Russen verlangen aber jetzt noch mehr, als die Kredite. Eie drohen, ihre Bereitwilligkeit zur „Annahme" der deutschen Kedite zu revidieren, wenn nicht dafür gesorgt würde, daß bei näherer Untersuchung der Spionageangelegenheit die amtlichen Sowjetstellen möglichst außer Spiel bleiben. Sie haben bekanntlich noch eine andere Methode zu drohen, wenn es ihnen scheint, als ob irgendwie eine Loslösung Deutschlands von der Der- pslichtung, auf Anruf als politischer Tanzpartner für Moskau zu funktionieren, in Frage käme. Dann drohen sie, un£ damit zu kompromittieren, daß wir uns auf gewissen Gebieten mit ihnen in Verabredungen entgegen den Tendenzen des Versailler Diktats eingelassen hät
ten. Auch das ist lächerlich. Abmachungen mit Moskau, mit denen man im Ernst Eindruck machen könnte, bestehen nicht. Sie haben auch nie bestanden, und was der eine oder andere deutsche Illusionspolitiker an praktischen Harmlosigkeiten in Verbindung mit Moskau geträumt oder versucht hat, ist der Entente längst bis in8 Letzte bekannt. Vor diesem Kinderschreck braucht sich also niemand bei uns zu fürchten.
Wir sind nicht einmal der Meinung, daß man mit den Sowjetrussen keine Geschäfte machen soll. Auch bei der jetzigen Ausfallbürgschaft für 70 Prozent von dreihundert Millionen Mark ist für uns die praktische Hauptfrage nur diese, ob den: deutschen Steuerzcchler die eventuelle Bezahlung der Bürgschaft höher zu stehen käme, oder die Arbeitslosenunterstützung, die, nach den Angaben der Interessierten bei Ausführung der Bestellung erspart würde. Was wir verlangen, ist nur dies: Man soll den Russen das Vogel- Strauß-Spiel gegenüber den gefährlichen Blutrünstigkeiten des deutschen Kommunismus mit deutlichen, und weim es sein muß, mit groben Worten kündigen, und man soll bei jeder Verhandlung mit Rußland den Sinn der Ueber- schrift, vom Gastgeschenk des Polyphem, beherzigen. Wem sie zu klassisch vorkommt, der kann sie sich ja in eine populärere Redensart übersetzen: Den Letzten beißen die Hunde!
Ohne uns im einzelnen mit den Ausführungen des bekannten Sozialpolitikers zu identifizieren, geben wir ihnen Raum, weil sie für das aktuelle Problem der Siedlung besondere Anregungen bringen.
Ueber das Gesamtthema „Arbeitslosigkeit und Siedlung" veranstaltet die Vereinigung „Deutsches Archiv für Siedlungswesen" vom 25. bis 23. März in der Technischen Hochschule zu Char- lottenburg eine wissenschaftliche Lehrgangstagung, die besondere Beachtung verdient, weil die Mil- lionen-Siedlung das einzige Mittel darstellt, durch das wir die gegenwärtige ungeheure Arbeitslosennot wirklich „überwinden" können; und weil in der Tagung nicht nur die landwirtschaftliche Vollsiedlung, sondern auch die nebenberufliche Siedlung und das Kleingartenwesen in ihrer Bedeutung für das Arbeitslosenproblem behandelt werden sollen. Gerade diese letzte wird noch viel zu wenig gewürdigt. Mit dem Kleingarten rühren wir an das Riesengebiet der Hauswirts chaft, das für die Ueberwin- dung der Arbeitslosigkeit höchst bedeutsam, aber leider allseitig unterschätzt ist.
Um das Entscheidende vorweg zu nehmen: Es gibt zwei große Derufsgruppen, bei denen niemals „Arbeitsmangel", das heißt Mangel an nützlicher Beschäftigung herrscht und herrschen farm. Das sind die Dauern und die Hausfrauen. Iede kleinere Landwirtschaft ist mit einem kleineren Haushalte unlöslich verbunden, die Dauernwirtschaft ist vielfach nichts anderes als eine erweiterte Hauswirtschaft, die über den eigenen Bedarf hinaus auch für den Markt produziert. Iede Hauswirtschaft sollte mit etwas „Landwirtschaft" verbunden fein, das heißt mit Garten und Möglichkeit zu Kleintierzucht. Dann wäre die Rot der Arbeitslosigkeit nur halb so groß, als sie jetzt ist.
Denn zum mindesten fehlte das schlimmste: der erzwungene Müßiggang; das vergebliche Sichanbieten zur Arbeit und Zurückgewiesenwerden; das niederdrückende Gefühl des zwecklosen Daseins; die gefährliche Muhe des verärgerten, vergrämten Richtstuens. Im Haushalte und in der Landwirtschaft ist immer Arbeit. Hier braucht man nie müßig zu gehen. Denn je mehr man arbeitet, desto besser ist die Versorgung der Familie.
Um die Bedeutung dieser Tatsache zu würdigen, muß man sich vor Augen halten, daß die sogenannte Arbeitslosigkeit nicht ein Mangel an nützlicher Tätigkeit, sondern nur einMan- gel an Gelegenheit ist, mit bestimmter Berufsarbeit Geld zu verdienen. Es ist nur ein Fehler in der Marktorganisation, daß die arbeitsfähigen Menschen nicht von anderen beschäftigt werden können, weil diese keinen gewinnreichen Absatz für die erzeugten Produkte sehen. Die „Arbeitslosigkeit" ist verschwunden, sobald wir den Menschen Ge- legenljeit geben, für sich selbst zu arbeiten. Die weitaus beste Gelegenheit dazu ist aber die durch Landwirtschaft erweiterte Hauswirtschaft, also die Kleinsiedlung.
Der Einwand liegt nahe, daß damit nur Beschäftigung, aber kein „Verdienst" gegeben wird, und daß auch die Siedler nicht ohne Geldeinnahmen existieren können. Das ist richtig, aber es bedeutet nur eine Einschränkung, nicht ein Auslöschen der Wahrheit, daß Siedlung das beste Mittel gegen die Arbeitslosigkeit sei. Denn die Siedlung leistet zwei ungemein wichtige Aufgaben:
Unsere durch die Kriegsfolgen in Verwirrung gebrachte Wirtschaft vermag auf dem herkömmlichen Wege des Marktaustausches nicht die Gesamtheit unserer Bevölkerung zu unterhalten, weder zu beschäftigen noch zu ernähren. Also müssen wir trachten, einen möglichst großen Teil der Menschen aus der Marktwirtschaft in die Eigenwirtschaft, aus der Arbeit für Geld in d i e Selbstversorgung hineinzubringen. In welchem Maße das nicht nur durch Landwirtschaft, sondern auch durch Haushalt geschieht, davon haben nur wenige einen richtigen Eindruck. Wir haben uns ja leider daran gewöhnt, als „wirtschaftlichen Wert" nur das zu schätzen, was gegen Geld veräußert oder sonst mit Geld bezahlt wird. Wir übersehen dabei, welche ungeheure Menge von volkswirtschaftlich nützlicher und nötiger Arbeit noch heute in den 15 Millionen Haushaltungen geleistet wird. Der Wert der Hausfrauenarbeit übersteigt noch weit den Wert der Frauenarbeit in irgendeinem Erwerbszweige; nicht nur sittlich und kulturell, sondern auch wirtschaftlich. Alle Köche und Köchinnen der Gasthäuser verschwinden vor dem Millionenheere der Hausfrauen, und die Millionen Mütter, die
Arbeitslosigkeit und Siedlung
Von Dr. Heinz poithoff.
Baby in der Zeitlupe.
Von Dorothea Hofer-Dernburg.
Man kann nicht ewig den Mund aufsperren und saugen, man kann nicht einig nur mit Gebrüll seine Unzufriedenheit über die Einrichtungen der Welt ausdrücken, in die man hineinversetzt worden ist, ohne das geringste davon zu begreifen.
Es kommen andere Augenblicke, besonders in der Dämmerstunde, wenn dieses sanfte Licht sich über das Bettchen breitet und wie eine Katze zu schnurren beginnt, wenn die Fliegen im Zimmer sieghafter fingen und die Zärtlichkeit des Abends draußen die Blumen aufweckt, daß sie in Kaskaden von Duft überströmen, wenn die Grillen anheben, die erste Kühle vom Balkon weht und die weißen Gardinen schwingen macht, — jene Augenblicke, in denen all das Graue, Leise und Wesenlose sich in der Welt ausbreitet und Baby zwischen Wachen und Traum wie eine Welle von Behagen überflutet.
Da beginnt es mit dieser Dämmerkahe zu schnurren, kleine Laute zu bilden, die an seinem Gaumen entlangrollen, ihn feucht und ziemlich kitzeln und wie Blasen in die Stille über ihm steigen. „Orö orö vro ..." Baby läßt es an- und abschwellen, es berauscht sich manisch an seiner Erfindung, an der Süße des Gefühls, das es so vollständig ausdrückt. Seine Händchen rudern durch die Luft seiner Stimme nach, und die Fliegen summen, und die Zikaden sägen entzückt im Gras, und die Blumen sind berauscht vom Abend, und Baby singt mit seinen ersten zitternden Lauten im Chor der Erde und des Sommers. —
„Orö orö orö."
Glückliches Kind.
Um Baby herum ist es immer still. Eine sanfte, gesättigte Luft, die von der Weiße der Gardinen, von Licht, von Kinderpuder, weichen Schwämmchen und Watte — von blinkerndem Dadewasser mit Sonnenkringeln, von allem Hellen und Zärtlichen in der Wett gleichsam schwingt.
Sein Körbchen steht mitten im Raum. Es ist Babys Trauminsel. Im Halbdämmer seiner Vorhänge liegt es, reglos, nur mit den Augen lebend — stundenlang.
Manchmal mit kleinen weichen Kehllauten spielend und mit kleinen Fingern — manchmal leise
schnalzend in offenbaren Erinnerungen schwelgend — manchmal süß vor sich hingurrend, wie nur im frühesten Frühling kleine Hühner tun — manchmal mit verächtlichem, trostlosem und schluchzendem Geschrei alles Stille und Milde um sich zerreißend.
Wenn Baby aber Schritte hört, so spitzt es sichtbarlich Rase und Ohren. Seine Händchen, rosig an den Spitzen der aufwärts gebogenen Finger, rosig an den zauberkleinen Knöcheln, wunderbar winzig und unglaubwürdig zart, fahren in der Luft herum — etwas richtungslos und unberechenbar. Dann landen sie beide zugleich, unsanft hineingestopft vor dem Mund — der einzigen Stelle, die man Tag und Rächt seit dem ersten Schrei gefunden hat und findet.
Etwas-tief Befriedigendes wird sich nun begeben. — Babys Augen sternen ihm entgegen.
Die Mutter kommt. Sie hebt das Deckbettchen auf, und in diesem Augenblick schauen sie sich an. Beide mit einem unbewußten Blick voll tiefer Schelmerei — einem Blick, der aufgehoben bleibt im Herren, um erst viel später einmal dort gefunden und begriffen zu werden. Und das . Lächeln gleitet von Babys Augen über seine Rasenwurzel zu den zarten Mundwinkeln.
Da liegt es, ihr kleines Blümchen, ihr rosa Korallenzweiglein, immer noch tief wurzelnd im Unbewußten, im Warmbeet, hilflos, mit wunderbar geöffneten Augen, die weit über fein groteskes Windeldilemma hinausschauen, zwei stille Sterne aus dem Rebel einer winzigen und gewichtigen Wett, die da und vollendet ist.
Eingepackt, postfertig. — Sendung an das Leben mit all feinen Umhüllungen und Umschnürungen.
Große Hände greifen nach ihm; Blicke fnw über ihm — ein lächelnder Mund — alles nah genug zum Hineinfahreir Baby aber bleibt still und saugt an seinem Fäustchen, die Arme fest an die Brust gepreßt. .
Dann liegt es auf dem Wickeltisch und wird ausgepackt. Cs wird gesäubert — es läßt sich hin und her wenden an den geringelten und gereckten Beinchen — es läßt sich zubereiten, wie ein kleines Huhn für die Pfanne. Es wird mit Fett bestrichen, mit Pudermehl bestreut und paniert. Man legt es auf den Bauch, während es aus dem runden Speckkragen an feinem Hals etwas unselig in die Höhe starrt und feine Fäustchen verliert. Man wendet es wieder — man verpackt es neu — und immer ist es still und ge
duldig — immer sternen feine Augen weit weg über die trostlose Unwürdigkeit seiner Situation.
Dann aber, wenn Baby den geschickten Händen entgangen und liegengelassen ist in seinem so erfreulichen Zustande — dann meldet sich mit unbeschreiblicher Gier die Sehnsucht nach dem großen Wunderbaren, und mit einem einzigen Schrei stürzt es sich in das wild gebrüllte Verlangen nach den Segnungen der Erde.
Es dauert ein Weilchen, — ein kleines Weilchen —. Für Baby eine Ewigkeit.
Es brüllt. Dunkelrot im Gesicht, die Augen verkniffen, verschwunden — nichts, als ein riesengroßer Mund — Symbol des Wachstums — aufgerissen wie eine hungernde Blume — alles rosig bis tief in den Gaumen — mit schlagender Zunge, mit den weichen Blättern der Kieferränder hinter denen der Lippen — ein winziger — ein riesengroßer Rachen, bereit, die Wett zu verschlingen und verzweifett — verzweifelt!
Dann kommen die Hände wieder. Baby fühll sich aufgehoben, getragen — nicht mehr verlassen und verhungernd.
Roch schluchzend und bebend, sucht es so schnell wie möglich sein Gebrüll zu vergessen, um sein kleines gieriges Maul für den Sinn des Daseins gebrauchsfertig zu machen.
Und schnapp! — Wie ein Fisch seinen ganzen winzigen Körper vorschnellend — mit einer rasenden Energie, stürzt es sich an der Mutter Brust.
Stille.
Die Flasche bekommt einen Stoß. Ein weißer Bettzipfel schlingt sich gewandt um ein winziges Händchen — bildet eine Höhle über einer winzigen, nubisch platten Tiernase, die sich mit jedem Atemzug erwärmt. Ein Daumen drückt sich wohlig an den Kiefer.
Und dann beginnt es:
„Algalgal--ga-1 gal gat gal — — alla-
galalgal" — — unermüdlich, unerbittlich rhythmisch, es ist Babys indianischer Schlafgesang. Es klingt hervor hinter den weißen Gardinen, klingt rührend und eine Spur unheimlich, eine Spur komisch. Allgalgat gal—gal gal gal ... „Es schwillt an aus zartestem pianissimo in ein torte furioso — es bittet, es beschwört, es schmilzt und wirbt: „gal gal gal gal! Komm süßer Schlaf, — komm Schläfchen, reizendes kleines Dchlase- schläfchen ... willst du nicht? ... gar nicht? Al gal gal! — Ich werde böse! Furchtbar böse werde
ihre Kinder aufziehen, leisten unendlich mehl als alle bezahlten Pflegerinnen und Erzieherinnen. In den 15 Millionen Haushaltungen toirb mit Zubereitung der Speisen, mit Pflege der Kleides und der Möbel, mit Wartung der Kinder usw. eine Wirtschaftsarbeit geleistet, deren Jahreswert in die Milliarden geht. Aber noch unendlich viel mehr nützliche Arbeit könnte dort geleistet werden. Wenn alle erwerbstätigen Frauen ihre Arbeitsplätze den stellenlosen Männern über* ließen unb in den Haushalt zurückkehrten; wenn die Zahl der Hausgehilfinnen sich verdreifachte, und wenn Millionen erwerbsloser Männer sich intensiver Hausarbeit widmeten, es würde noch immer kein Mangel an Beschäftigung feüu otc fänden alle ein überreiches Feld nützlicher Tätigkeit. Um so mehr, wenn der Haushalt mit ©arten oder Feld, mit Gemüsebau oder Kleintierzucht verbunden wäre.
Damit würde auch eine dauernde Gesundung unserer Wirtschaft angebahnt. ES ist ein großer Irrtum, zu glauben, die fünf Millionen Arbeitsloser seien nur die Folge einet „Krise" und würden mit besserer Konjunktur wieder verschwinden. Rein, sie find die Folge tiefgehender struktureller Verschiebungen. Es sind heute mindestens fünf Millionen Menschen mehr auf dem „Markte" als vor dem Kriege. Diese fünf Millionen, die früher im Auslande oder Soldaten, Rentner oder Haustöchter und Mütter waren, und die nun alle auf dem Markte Geld verdienen wollen, wird unsere Wirtschaft in absehbarer Zeit nicht beschäftigen können. Auch bei guter Konjunktur nicht. Und wenn wir nicht mindestens eine Million von ihnen wieder in die Landwirtschaft, in die Selbstversorgung bringen, werden wir nach zehn Iahren auch noch unter der heutigen Rot seufzen
Schließlich ein letztes, womit wir an die schwierigste Sette der Arbeitslosenversicherung rühren: die hauswirtschaftliche Arbeit ist die einzige, die der Arbeitslose leisten darf, ohne seinen Unterstütz ungsanspruch zu gefährden. So widersinnig es klingt, daß der Unterstützte zum Müßiggänge gezwungen wird, daß jede nützliche Tätigkett mit Kürzung und Entzug der Rente bestraft wird, fo unvermeidlich ist das. Denn wenn es anders wäre, wenn die Unterstützung auch neben_ Arbeitstätigkeit bezogen werden könnte, so würden wir bald nur noch Erwerbslose und keine Ror- malarbeiter mehr haben. Die Lösung des Pro- blemes wird durch nichts so erschwert, wie durch die allgemeine Reigung zum Mißbrauche der Einrichtungen. Man kann nicht erwarten, daß die Massen der Arbeitnehmer und der Rotleidenden wesentlich verständiger und anständiger sind, als die führenden Kreise von Bildung und Besitz. Und diese geben kein gutes Beispiel! Deswegen Wachen die Versicherungsbehörden darüber, daß der Unterstützte nicht arbeitet. Unterstützungsempfänger, die ohne Bezahlung am Dau einer Siedlungskirche mithalfen, oder die einem Verwandten aus Gefälligkeit die Zimmerdecken weißten, sind in ihren Renten gekürzt worden. In diesen beiden Fällen halte ich das Vorgehen nicht für unbedingt richtig. Aber im allgemeinen ist die „Schwarzarbeit" der Stempelbrüder verwerflich. Was sollen aber die Leute tun, die monatelang, vielfach jahrelang ohne Erwerbsarbeit bleiben? Gebt ihnen Gelegenheit, in einem eigenen Heime, das mehr ist als Schlafstelle und Ch- gelegenhett, in Garten und Feld für sich und die Ihrigen etwas Nützliches zu schaffen. Wenn sie dann auch weiter Unterstützung beziehen muffen, sie kosten der Wirtfchaft nicht halb so viel wie früher ,.. und fühlen sich nicht halb so elend mehr!
Doppelt eindringlich wird das, wenn der Siebenstundentag oder die Fünftagewoche sich durchsetzen oder wenn in noch stärkerem Maße als bisher die Arbeitsstreckung zur Vermeidung von Entlassungen eingeführt wird. Wir können in fünf Tagen vielleicht mehr produzieren, als sich verkaufen läßt. Aber daß ein Volk dadurch reicher würde, daß es weniger arbeitet, ist ein Irrtum. Je mehr wir den Industriearbeitern» den Fabriktag kürzen, desto mehr müsien wir
ich, wütend! Al gal gal zum Kuckuck! — Wirst du hören! Al gal gal gal gal!"
Es geht über in einen Taumel wilder De- schwerdeform, es steigert sich zu rasender Ekstase, es sinkt unmerklich zuerst, immer deutlicher nun, herab zu einem fünften Säuseln. Es verebbt, stirbt hin, verträumt sich wunderbar, sinkt in das letzte Lallen: „ — al — gal — gat — al glitt"
Ein seufzender Atemzug.
Cs schläft.
Instanzenweg.
Zu Händen des Herrn Direktors kommt ein Schriftstück, mit einem Fettfleck besudelt. Mit begründeter Cnttüstung läßt der Herr Direktor das Schriftstück zurückgehen. Richt ohne vorher den Fettfleck mit Tinte zu umrahmen und mit der Randbemerkung zu versehen:
„Wer hat den Fettfleck verschuldet?"
Den eifrigen Bemühungen desBureauvorsteherS gelingt es festzustellen, daß der Angestellte Müller der „Sünder" war. Er brachte daher die Bemerkung an: „Müller ist der Schuldige."
Der Herr Direktor versieht daraufhin das Schriftstück mit der Verfügung: „Müller soll sich schämen."
Run erreichte das Schreiben den Angestellten Müller. Und am dritten Tage wieder den Herrn Direktor mit der Schlußnotiz:
„Geschämt, Müller." (Lust. Bl.1
Zeitschriften.
— Die Arbeitslosigkeit ist auch in Amerika daS wichtigste Problem der Gegenwart, und es ist interessant, zu hören, tote die Reue Welt an die Lösung dieser Frage herangeht. Georg C. Lann schildert in einem Artikel in der Rümmer 4491 der Illustrierten Zeitung (Verlag I. I. Weber, Leipzig) die Lage der amerikanischen Arbeitslosen. — Ein Aufsatz aus der Feder von Dr. W. Schweisheimer beschäftigt sich mit dem Einfluß des Wetters auf den menschlichen Organismus und auf seine geistigen und seelischen Funktionen. — Anläßlich des 150. Geburtstages des großen Architekten und Malers Karl Friedrich Schinkel, dessen Werke jetzt in dem neuen Schinkel-Museum in Berlin untergebracht sind, wird in der vorliegenden Rümmer eine Anzahl seiner Werke gezeigt.


