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Nr. 65 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch, (8. März 1931

Aus Oberschlesiens Notzeit.

Erinnerungen an die Abstimmungskämpfe im März 1921. Von einem, der sie miterlebte.

«Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Kattowih, März 1931.

Mit Blut ist Oberschlesiens Geschichte ter Nach­kriegszeit geschrieben. M i t Blut u n b T r a - n e n. Die Mahnahmen, die die haßerfüllten Feinde Deutschlands ersonnen hatten, angeblich um Oberschlesien eine glückliche Zukunft zu sichern und seiner Bevölkerung höchste Gerechtig­keit widerfahren zu lassen, diese Maßnahmen erwiesen sich nur zu bald als die Ursachen namen- losen Elends und Unglücks, als die Ursachen einer Not, wie sie dieses Land noch nie erlebt hatte. Die v b e r s ch l e s i s ch e Abstimmung, deren Iahrestag sich nun zum zehntenmal jährt, sollte nach den Worten des Vorsitzenden der Interalliierten Kommission für Oberschlesien, des französischen Generals Le Rond, eine ,.Aera der Freiheit und Gerechtigkeit" anleiten. Sie wurde aber in Wirklichkeit Ursache und Be - ginneinerZeitdertiefstenErniedri- flu n g> Brudermord und Verrat. Terror und brutale Gewalt. Hunger und Verzweiflung, Recht- losigkeit uird Knechtschaft, das waren in Wahrheit die Marksteine, die den Leidensweg des ober­schlesischen Volkes in jener Zeit bezeichnen.

Als ich in den Septembertagen des Jahres 1920 zur Uebernahme einer politischen Propa­gandastelle nach Kattowih reifte und gezwungen war. die willkürlich inmitten deutschen Landes errichtete Grenze zu überschreiten, da bereits be­gann ich zu ahnen, wie dieseAera der Freiheit und Gerechtigkeit" für das arme Oberschlesien aussehen würde. Mit allen nur erdenklichen Mitteln suchten die französischen Pah- und Zoll­beamten jedem Nicht-Polen schon beim Be­treten des Abstimmungsgebietes Schwierigkeiten zu bereiten und ihn feindselige Stimmung fühlen zu lassen. Mit den schikanöse­sten Bestimmungen und ihrer peinlichsten Durch­führung. mit Blicken. Worten und Gesten wurde schon vom ersten Augenblick an bei jedem an­kommenden Deutschen ein Gefühl der Unsicherheit, des Kontrolliertseins hervorgerufen, ein Gefühl des Benachteiligtseins, dort, wo man von Nechts wegen zu Hause hätte sein sollen. Eine solche Atmosphäre des kalten Terrors aber brauchte ja Polen und sein französischer Helfer, um seine Propaganda wirksam werden zu lassen und um die Voraussetzungen zu schaffen für eine im polnischen und damit auch französischen Sinne günstige Abstimmung.

Dieses fortgesetzte Argwöhnen, dieses ständige Beobachtet-, von unzähligen Spähern Dersolgt- Setn begleitete einen dann auf Schritt und Tritt. Zuweilen sich zu handgreiflichen feindlichen Aktio­nen verdichtend. So geschah es mir, daß ich, als ich eines Nachts aus meinem Kattowitzer Bureau heimkehrte, an meiner Haustür ein Bündel von zehn Handgranaten sand, deren Abzüge mit der Türklinke so ver­bunden waren, daß ich beim Oeffnen des Haus­tores die ganze Ladung hätte zur Entzündung bringen müssen. Nur dem Amstande, dah ich durch ähnliche Erlebnisse gewitzigt, mit einer Taschenlampe vorher den Hauseingang genau abgeleuchtet hatte, dankte ich es, daß der An­schlag seine Wirkung verfehlte.

Ein anderes Mal krachte, als ich wieder des Nachts auf dem Heimweg begriffen war, dicht vor meinem Hause ein Gewehrschuh. Eine Kugel flog sirrend über meinem Kopf... Weit und breit kein Mensch zu sehen.....Die

schwarze Hand!" Sie lastete auf einem jeden einzelnen, der hier in dieser Zeit deutscher Gesinnung .verdächtig' war. Sie griff nach einem jeden, der es wagte, für sein Vaterland, für seine Heimat einzutreten. And das alles unter dem Schuhe der französischen Desahungstruppen, die auf jede nur erdenkliche Weise den polnischen 'Agenten m die Hand arbeiteten und ihnen regel­recht Zutreiberdienste leisteten.

DaS deutsche Anhalt im Kreise Pleh wurde von polnischen Mordbrennern eines Nachts

überfallen und an allen Ecken an« gezündet. Die auS den brennenden Häusern flüchtenden Einwohner aber aus dem Hinterhalt beschossen. In Kattowih, Tarnowih. Myslo- wih und anderen Städten sprengten polnische Banditen die an die preußische Zeit erinnernden Denkmäler in die Lust. In einsam gelegenen Dörfern wurden deutsche Gendarmen, deutsche Lehrer und Gemeindebeamtcn meist feige aus dem Hinterhalt überfallen, mißhandelt, blutig geschlagen, verschleppt, oft sogar ermordet. Heber dieses Treiben aber bereitete der Franzose Le Nond, der Verkünder der ..Aera der Freiheit und Gerechtigkeit", seine schützende Hand.

Sv kam der 20. März 1921, der Qlbftim- mungs tag heran. Von den einen herbei- gesehnt als der Tag, der endlich dieser uner­träglichen Zeit ein Ende bereiten sollte, von den anderen gefürchtet als der Tag, der aller Voraussicht nach noch einen besonderen An­sturm der haßerfüllten Gegner bringen werde. And in der Tat, an jenem Tage erreichte der polnische Terror ein bisher nicht gekanntes Aus­maß. Am Abstimmungstage selbst verzeichneten die deutschen Behörden nicht weniger als ein» tausendvierhundertsünsundvierzig Fälle von Ter­ror gegenüber abstimmenden Deutschen! Schon in den Mittagsstunden des 20. März trafen in Kattowih und anderen Städten in langen Zügen auf Leiterwagen, auf Stroh gebettet, die Ver­wundeten ein. Die Opfer des polnischen Terrors. Mit höhnischem Grinsen, mit gleichmütigem Achselzucken sahen die französischen Soldaten und Offiziere diese Elendszüge an sich vorbeiziehen, die hier und da laut werdenden Verwünschungen und Flüche mit tauben Ohren überhörend.

And trotzdem: fast zwei Drittel der o b e r s ch l e s i s ch e n Bevölkerung hatte sich zur deutschen Heimat bekannt; hatte bewiesen, daß auch blutigster Terror und roheste Gewalt ein Volk nicht zwingen können, seine Heimat zu verleugnen. Der Abstimmungs-

* Gießen, 17. März. 1931.

Der Gießener Stadtrat sah sich in seiner heu­tigen Sitzung vor die schwere Aufgabe gestellt, neue Einnahmequellen für den Vor­anschlag 1931 32 zu erschließen. Das Stadt­rats-Kollegium befand sich dabei sicherlich in kei­ner erfreulichen oder beneidenswerten Lage, son­dern es stand unter dem harten Drucke unabweis­barer Notwendigkeiten, d e bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen besonders empfind­lich verspürt werden. Bei den Vorlagen handelte es sich um die Beibehaltung der durch den Staats­kommissar diktierten Getränkeverzehr- fteucr, um die erhöhte Bier st euer, eine Wassergelderhöhung und schließlich noch eine Heraufsetzung der Müllabfuhr­gebühren. Ein harter Kampf entstand bei dem Ringen um die Getränk everzehrsteuer, die von der Linken und einem Teil der Fraktion der Wir schaftlichen D rein gung abgelehnt wurde, während die Fraktion der Arbeitsgemeinschaft der Mitte und der größere Teil der Wirtschaftlichen Vereinigung dieser Steuer zwar nicht mit frohem Herzen, aber doch mit weitschauendem Blick für die schwerwiegenden Folgen der Ablehnung neues Diktat des Staatskommissars! zustimmten. Die Auseinandersetzung um diese Steuer gestaltete sich sogar so kritisch, daß der Oberbürgermeister, im Gegensatz zum 27. Dezember v. I., sich veranlaßt sah. ernst mahnende Worte an das Haus zu richten, das schließlich sogar seine Beratungen unterbrach, um erneute Besprechungen

tag des 20.März 1921 war ein deutscher Sieg cd tag geworden! Nur: um die Früchte dieses Sieges sollte, wie schon so oft, Deutschland auch diesesmal betrogen werden.

Es war am Morgen des 3. Mai 1921, Schüsse hallten durch die Straßen der Städte und Dörfer. Bewaffnete Aufständische neben re­gulären polnischen Truppen ISoldaten der Haller-Armee, die Deutschland selber aus eigene Kosten von Frankreich nach Polen hatte besördern müssen) hielten Einzug in die Ortschaf­ten des Abstimmungsgebietes, älnb wiederum zo­gen endlose Züge Verwundeter durch die Straßen der Städte. Mit noch nie erlebter Grausamkeit verfolgten die nunmehr bewaffneten Polen einen jeden, der auch nur von ferne deutscher Gesinnung verdächtig war. von dem man vermuten konnte, daß er am Abstimmungstage für Deutschland ge­stimmt hatte. And bann kam derStellungs­krieg". Während draußen auf dem flachen Lande unter den Augen der französischen Desatzungstrup- pen der polnische Terror wütete, saßen in den Städten die Bewohner wie in einer bela­gerten Festung. Aeberall an den Straßen, die zur Stadt führten, lagerten polnische Aus- ständischen-Regimenter, gut bewaffnet und ausge­rüstet. mit Geschützen und Minenwersern versehen. Die französischen Besatzungstruppen freilich sahen von diesem Treiben nichts...

In ödem Gleichmaß ging ein Tag nach dem an­deren dahin. Nur hier und da wurde die Ein­tönigkeit derGefangenschaft" unterbrochen durch eine neue Niedertracht der fremden Bedrücker. Da schießt ein polnischer Insurgentzum Spaß", nur um sein Gewehr auszuprobieren", mitten in eine von Spaziergängern belebte Straße hinein. Ein Schrei, getroffen stürzt ein junges Mädchen zu Boden. Brustschuß. Tot... Von drüben bringt höhnisches Gelächter.

In Kattowih. Aus der Terrasse eines Kaffee­hauses sitzen dichtgedrängt die nach Luft, nach Sonne und Freiheit lechzenden Menschen. Drüben, jenseits einer großen Wiese die polnische Posten­kette. Da kracht ein Schuß. And rasch hinterein­ander, drei, vier. fünf, sechs weitere Schüsse... Die Kugeln pfeifen über die Köpfe der Kaffee­hausgäste hinweg. Fensterscheiben flirren zu Bo­den. Angstschreie erfüllen die Luft. And in rasen­der Hast stürzen Männer, Frauen und Kinder davon... Das aber war ja gerade der Zweck diesesFeuerüberfalls", der sich einige Tage spä-

der Fraktionen zu ermöglichen. Gegen eine starke Minderheit wurde dann die Getränkesteuer genehmigt. Wer die Lage der Dinge mit kühl abwägendem Verstände prüft, wird zu dem Er­gebnis kommen, daß bei aller Gegnerschaft, zu der auch wir uns bekennen, unter den gegenwärtigen Zwangszuständen die Annahme der Verwaltungs­vorlage von zwei liebeln - nämlich Zustimmung des Hauses, oder Diktat des Staatskommisfars mit war. Es konnte keinen Augenblick zweifelhaft sein, daß bei einem Nein des Stadtrates wiederum die Steuervormundschaft des Staatskommissars auch für das neue Rechnungsjahr hinsichtlich der Getränkesteuer in Kraft gesetzt worden wäre. Die bisherigen Erfahrungen mit diesem staatlichen Zwang genügen aber vollkommen, um alles zu versuchen, einer Wiederholung weit aus dem Wege zu gehen. Daß sich bei der Getränkeft euer eine Mehrheit für diesen Standpunkt fand wir hätten dabei auch die Zustimmung der Sozial­demokratie gewünscht, die sich nicht so entschieden auf ihre mehr formellen Bedenken hätte ver­steifen fallen, nachdem klar geworden war, daß bei der Verwaltung Absichten im Sinne der von der Sozialdemokratie geforderten schärferen Kon­trolle bestehen, ist mit Befriedigung zu ver­merken. da hierdurch gute Realpolitik zur Tat geworden ist. Bei der Bier st euer verlief die ganze Sache glatt, da für diese Steuer bindende Vorschriften der Reichsgesehgebung bestehen, denen sich natürlich der Stadtrat nicht entziehen konnte. Auch die Wassergelderhöhung

ter immer mit dem gleichen Ergebnis, wieder­holt, und immer wieder. Nur Her ausfor­dern und Quälen, nur diesen verhaßten Deutschen die Macht zeigen...

Als in der Sommerhitze der Iunitage neben der quälenden Angew.ßhcit über das Schick­sal der Heimat auch der Hunger die gefan­gene Stadt zu peinigen beginnt, da sperren die Polen in dem außerhalb der Stadt Kattowih gelegenen Wasserwerk auch die Wasserzu - fuhr ab. Aus dem Platz vor dem Theater stehen nun in langen Reihen die Einwohner, um von einem Brunnen, aus dem die Feuerwehr das letzte Grundwasser, eine trübe braune Lake, pumpt, wenigstens einige Trovsen des unentbehrlichen Naß zu holen. Daneben aber machen sich mit gleichmütigen Mienen sranzösische 5o.baten breit. Hohn auf den Gesichtern. Es sind ja nur Deutsche!

Des Nachts aber, wenn die Gepeinigten den Schlaf suchen, des Nachts tönt mit kurzen Unter­brechungen von allen Seiten Gewehrfeuer. Da­zwischen Einschläge von Minen und Granaten, die die Polen plan.os über die Stadt, über die Häuser hinweg ins Land hinausschicken. Ohne Zweck und Ziel. Nur um zu zerstören. Es sind ja nur Deutsche!

And dann kam Oberschlesiens Schick­sals sprach! Die Zerreißung. Da haben auf der Straße, als Extrablätter das Derditt von Paris verkündeten, Frauen und Männer ge­weint! Da haben Männer und Frauen mit ohn­mächtigem Zorn die Faust geballt wider die. fremden Bedrücker, die statt ..Freiheit und Ge­rechtigkeit" Knechtschaft und Rechtlosigkeit brach­ten ...

Zehn Iahre sind seitdem ins Land ge­gangen. Wer zurücklehrt an die Stätte jener Tragödie, sieht, daß Oberschlesien blutet, zer­rissen und zerfchlagen. aus tausend Wunden. 3n dem geraubten Teil des Landes wird die deutsche Bevölkerung geknebelt und geknechtet. Aeberall, diesseits und jenseits der Grenze, glimmt unter der Decke scheinbarer Beruhigung das Feuer der Leidenschaft, der Feindschaft, des Hasses weiter ... Sv begeht Oberschlesien das Gedenken an die zehnte Wiederkehr des Abstimmungstages. And in weiteren zehn Iah- ren ...?

von dem Dorkriegspreis von 25 Pf. auf 30 Pf. war keinen Augenblick gefährdet und wurde an­gesichts der zwingenden Finanzlage der Stadt als unausweichlich angenommen.

Wenn auch die Bürgerschaft über diese neue Belastung sicherlich nicht erfreut sein wird, so muh sie sich aber doch sagen, daß der neue Haushaltsplan im wohlverstandenen Interesse der Bürgergesamtheit ausreichend fundiert fein muß, wenn nicht das Ganze notleiden soll.

Sihmigsberichi.

Anwesend Oberbürgermeister Dr. Keller, Bür­germeister Dr. Seid, die Beigeordneten Dr. chamm und Iustizrat Dr. Rosenberg, sowie 36 Mitglieder des Stadtrats.

Weitere 40000311t. für Fürsorqearbciten.

Auf Antrag des Finanzausschusses wird nach Begründung durch Bürgermeister Dr. Seid und nach kurzer Aussprache ein weiterer Kredit von 40000 Mark für Fürsorgearbei- ten mit Wirkung ab 1. April bewilligt. Der Kredit geht je zur Halste zu Lasten der Dermögensrechnung und des Wohlfahrtsetats. Bei diesen Fürsorge­arbeiten werden Wohlfahrtserwerbslose mit 32 Stunden Arbeitszeit in der Woche beschäftigt.

Getränkesteuer und Viersteuer.

Der Finanzausschuß beantragt, die Getränke- ft euer mit dem gleichen Satz wie bisher

Gieuerbeschlüffe im Gießener Giadirai.

Bei der Geiränkesteuer am Siaaiskommiffar vorbei. Biersteuer. - Wassergelderhöhung.

Gießener Giaditheater.

Klabund:X Y Z".

Das ist ein Nebenwerk des frühverstorbenen Dichters Klabund, ein Spielchen, eine Spie­lerei, eine dünnblütige Improvisation, ein schmäch­tiger Einfall.

Das alte ABC der Liebe oder der merk­würdigen Hache, die sich Liebe nennt auf dem Theater und in der Literatur wird hier furio- serweise von rückwärts aufgesagt.

Die Szenerie wird von geflissentlich anonymen Figuren bewegt, wodurch der Stegreifstil dieses Stückes besonders deutlich gemacht wird. Die Fi­guren können beliebig hin und her geschoben und miteinander vertauscht werden; man hat es, wie man bald gewahr wird, hier nicht mit Menschen von Fleisch und Blut zu tun. sondern mit Mario­netten, die an unsichtoaren Schnüren gelenkt und von einer krausen und ganz unernsten Phantasie bewegt werden.

Figuren wie au8 der Spielzeugschachtel eines großen Kindes; X Y Z: Dann Frau Mann. Die Gleichung mit den drei Anbekannten ist überraschend schnell gelöst. Die höhere Mathe­matik der Liebe, des menschlichen Gefühls, der erotischen Beziehungen bleibt, wie man sieht, immer auf die gleichen schlichten Formeln ange­wiesen. Die Literatur jedenfalls ist, von etlichen Sonderfällen abgesehen, bis auf weiteres über die ewig wiederholte Dreieckskonstruktion nicht hin- ausgelangt.

Versucht man die blasse Formel wenigstens durch den Schatten eines menschlichen Amrisses zu be­leben, so ergibt sich das folgende Bild: die Kom­tesse Y verliebt sich in ten jungen Herrn X, wel­cher sich unter dem Namen eines Grafen Z an die junge Dame Y herangemacht hat.

Verliebt, verlobt, verheiratet. Graf Z taucht bei dem jungen Paar, als Diener verkleidet, auf: um X als Hochstapler zu entlarven. Dame Y ver­

liebt sich prompt in Z, der mit X die Kleidung tauscht. Der Herr verwandelt sich in den Diener und umgekehrt.

Die zweiteEhe" ist jedoch nicht minder lang­weilig als die erste. Das Stegreifspiel überschlägt sich in die Groteske: Y wird auch mit Z nicht glücklich und kehrt reumütig zu ihrer ersten Liebe zurück. X und Z nehmen die Sache nicht tragisch: sie ziehen, um alte sozialen Hemmungen abzu­legen, die Röcke aus und trinken ganz friedlich Brüderschaft mit einer Pulle Sekt. X. Y, Z er­scheinen zuletzt selbdritt an der Rampe, erklären ihr windiges Spielchen für eine freundliche Illu­strierung alltäglicher menschlicher Beziehungen und erkundigen sich höflich, wie dies dem ver- ehrlichen Publiko gefallen habe.

Wir wagen es nicht zu entscheiden und be­dauern. daß über solchesSpiel zu dreien" beim besten Willen nicht mehr zu berichten ist.

Diel ist dem Dichter Klabund für seine anonyme Szenerie nicht eingefallen. Allzu blutlos wirken die drei dürftigen Akte, welche mit Mühe den Abend füllen. Kein dramatischer Nerv treibt die Handlung vor. Kein Hauch von der blühenden, glühenden, bilderreichen Wortkunst des Lyrikers Klabund beseelt das trockene Geplauder in der blassen farblosen Sprache des Alltags, wo selten ein Witz aufbliht und allzu häufig ein Kalauer herhalten muh.

Die Inszenierung des Dramaturgen Dr. Rit­ter begann im Kammerspielltil, versuchte später die unbestreitbaren Längen des Buches mit mun­terer Betriebsamkeit zu Überbrüden (was nur stellenweise gelang) und endete mit einer durch musikalische Stimmungsmalerei angenehm gemil­derten Grotesk im Schlußakt. Das ergab eine nicht gerade einheitliche Aufführung; aber wir gestehen, daß es schwierig ist, ein besseres Regie­programm für dieses Stück vorzuschlagen.

Die Witspielenden mühten sich redlich um wenig dankbare Aufgaben. Loni Leutholf (als Komteß) pendelte mit einer hier durchaus an­

gebrachten Anbekümmertheit zwischen den beiden Partnern hin und her; doch sprach sie stellen­weise zu hastig und nicht immer verständlich.

Die Herren Wesener und Hauer waren nach besten Kräften bestrebt, ihren schemenhaftem und blassen Rollen ein wenig persönlichen An­strich und natürliche Farbe zu geben.

Das Publikum beantwortete die abschließende Frage mit mildem Applaus. hth.

Wie schnell? Wie lange? Wie groß?

Die Vorstellungen, die der Durchschnittsmensch von den einzelnen Größenordnungen besitzt, ist außerordentlich fehlerhaft. Das zeigt sich immer wieder bei Zeugenvernehmungen vor Gericht, bei denen die Angaben über eine bestimmte ver­flossene Zeit, über die Größe oder Höhe eines Gegenstandes oft sehr weit auseinanderliegen. Tei einem Kriminalprozeß, der dieser Tage in England verhandelt wurde, drehte sich alles um eine bestimmte Zeitangabe. Ein Zeuge, der be­sonders sichere Erklärungen abgab, wurde von dem Richter gefragt, wie lange denn zwei Mi­nuten seien. Bereits nach fieben Sekunden er­klärte er, die zwei Minuten seien vorüber, und damit war seine Glaubwürdigkeit stark erschüt­tert. Dieselbe Angenauigkeit der Angaben findet sich immer wieder bei der Verhandlung über Autounglücke. Cs ist überaus schwierig, zu sagen, wie schnell ein Fahrzeug sich fortbewegt. Der eine erklärt, der Wagen sei mit 70 Kilometer Geschwindigkeit gefahren; der andere behauptet, er habe 50 Kilometer in der Stunde zurück­gelegt, und dann find es vielleicht nur 40 Kilo­meter gewesen, denn in den weitaus meisten Fällen wird die Geschwindigkeit überschätzt. Noch viel schwerer ist es, sich über die Schnelligkeit zu äußern, mit der das Wasser in einen Fluß strömt. Prüfungen dieser Art, die ein Psycho­loge kürzlich vornahm, ergaben, daß die Schätzun­gen zwilchen 18 und dO Kilometer in der Stunde lagen, wahrend tatsächlich die Schnelligkeit, mit der sich das Wasser des betreffenden Flusses fortbewegte, nur 11 Kilometer in der Stunde betrug. Interessant ist es auch, im ReptilienhanS

des Zoo aufzupafsen, welche Schätzungen die Besucher von der Länge der großen Schlangen machen. Vier Leute unter fünf werden sicher behaupten, daß eine dreieinhalb Meter lange Riesenschlange mindestens eine Länge von sechs Meter habe. Ebensoviele F:hler werden gemacht, wenn es sich darum handelt, die Länge einer Straße abzuschähen; die Länge einer solchen Strecke wird im Gegensatz zu anderen Taxierun­gen fast regelmäßig unterschätzt. Wenn man sich dagegen über die Breite eines Flusses äußern soll, so werden fast regelmäßig übertriebene An­gaben gemacht. Nur wenige Menschen haben eine ungefähre Vorstellung von der Größe oder der Höhe eines Raums. Sie Höhe eines Zim­mers wird fast immer bedeutend übertaxiert und bei einem zweieinhalb Meter hohen Raum lauten die Antworten gewöhnlich auf drei Meter und noch mehr. Dasselbe ist bei Bodenerhebungen und Bäumen der Fall. Eine solche Schätzung läßt sich annähernd richtig nur auf Grund sehr großer Erfahrungen machen oder wenn dem Auge ein sicherer Maßstab geboten wird.

Hochschulnachrichten.

Für die Wiederbesctzung des durch das Ab­leben von Prof. Peham an der Wiener Ani- versität erledigten Lehrstuhls für Gebuit > llfe und Gynäkologie verbunden mit der Leitung der ersten Frauenklinik ist an erster Stelle Professor Dr. G. QL Wagner an der Aniversität Berlin vor- geschlagen worden. Der Hafenbaudirektor in Bremerhaven und Pr-vatdrznt für das Lehrfach Wirtschaftliche Durchführung von Wasserbauten" an der Technischen Hochschule in Hannover, Baurat Dr.-Ing Arnold Agatz, ist als ordent­licher Professor an die Technische Hochschule in Berlin berufen worden und hat bereits seine Ernennung erhalten. Zum ordentlichen Pro­fessor für Materialprüfung, Werkstoffkunde und Elastizitätslehre an der Technischen Hochschule in Stuttgart und zum Vorstand der Material­prüfungsanstalt ist Dr.-Ing. Erich Siedel vom KaiserÄsilhelm-Institut für Eisenforschung in Düsseldorf berufen worden.