Aus Der Pnwinzialbaupistavt
Gießen, den 18.März 1931.
Hausputz im menschlichen Körper.
Von Or. med. Curt Kayser.
Seit alterSher fühlt die Menschheit mit dem Einzug des Frühjahrs das Bedürfnis, nicht nur in Hans und Hof. sondern auch im eigenen Körper ein Großreinemachen zu veranstalten. Gleich unserer Wohnung tut dies unserem Körper auch eneiÜ sehr nötig. Wie haben tmr ihn doch im Winter, teils aus eigenem Verschulden, teils aus zwingender Notwendigkeit, mißhandelt. Wie wenige nur haben Wintersport getrieben, wie viele aber träge in der Stube am warmen Ofen gehockt! Dieser und jener hat auch bei festlicher Gelegenheit vielleicht seinem Magen Außer- gewöhnliches zugemutet. Diele Hausfrauen haben aus Mangel an Obst und frischem Gemüse zu übermäßiger Fleischkost ihre Zuflucht genommen und so die Ernährung der ihr anvertrauten Familie mehr oder minder einseitig gestaltet Kein Wunder, wenn sich fetzt das alles rächt und wenn wir daher zur Fruhjahrszeit von allerlei Unbehagen, von Kopfschmerzen, Muiug- feit, Reizbarkeit usw. geplagt werden. Darum haben wir mit Recht den Wunsch, zur Fruhjahrs- zeit all' die Schlacken, die unzweckmäßige Ernährung im Körper oufgehäuft hat. loszuwerden, und all' die Schäden, die vernunftwidrige Lebensweise verursacht hat. auszubessern, nut einem Wort: auch unser Körper verlangt nach einer gründlichen Reinigung.
Diese findet seit vielen Jahrhunderten ihren Ausdruck in den sogenannten „Frühjahrskuren". Man ließ zur Ader, man setzte Schröpfköpfe, man verabreichte Mittel zur Blutreinigung. Wer kennt sie nicht, die unzähligen Blutreinigungs- tees! Schade nur, daß die ganze Vorstellung vom „unreinen" Blut, mindestens in diesem Sinne, völlig falsch ist. Es gibt kein „unreines Blut", also kann es auch nicht gereinigt wer en. T oh- dem aber haben die verschiedenen Kuren auch ihr Gutes. Sie bewirken nämlich fast stets eine gewisse Anregung des Stofswechsels und vor allem der Darmtätigkeit. __
Wichtiger als alle diese Mittel und Mittelchen ist dagegen die Umstellung unserer Ernährung, die das Wesen der eigentlichen Frühjahrskur aus- macht. Darum sollte eine vernünftige Frühjahrs- fur vor allem darin bestehen, der täglichen Kost sobald und soviel als möglich frisches Gemüse und frisches Obst zuzuführen. Sobald es das Wetter irgend gestattet, suche man durch Spaziergänge und Wanderungen den Körper zu erfrischen und Licht, Luft und Sonne überall Zutritt zu gewähren.
Eine in diesem Sinne geleitete Frühfahrsrur wird dem Ziele einer Ertüchtigung unseres Körpers und einer Heilung von den Schäden des Winters weit eher nahekommen, als die Verwendung künstlicher Mittel und Medikamente. Hessische Haussammlung für Goethes
Gebur erstatte.
Am 22. März — der 99. Wiederkehr von Goethes Todestag — wird durch den Rundfunk in ganz Deutschland zu einer öffentlichen Sammlung aufgerufen, die den Ramen „DeutscheVolks- spcnde für Goethes Geb u r t s st ä t te" trägt. Reichspräsident von Hindenburg hat die Ehrenschirmherrschaft übernommen. Die Sammlung ist in allen deutschen Ländern zugelassen. Sie untersteht in Hessen der Aufsicht des Ministers für Kultus unb Dildungswesen. Reben einem Ehrenausschuh ist für die Durchführung der Sammlung aus Vertretern der verschiedenen Stände noch ein geschäftssührender Ausschuß gebildet worden. Die Mitglieder dieses Ausschusses sind sich bewußt, daß die Unsicherheit der wirtschaftlichen Verhältnisse ein schweres Hemmnis für die Sammlung bildet: sie hoffen aber, daß trotzdem in weiten Schichten der Bevölkerung anerkannt wird, daß es eine Ehrenpflicht des deutschen Volkes ist. übers 3ahr des Dichters an seinem hundertsten Todestag in würdiger Weise zu gedenken. Geburtshaus und Sammlungen sollen bis dahin zusammengefaßt sein zum Frankfurter Goethe-Museum als Rationaldenkmal des deutschen Geistes. Der hessische Minister des Innern hat eine allgemeine H a u s - sammlung genehmigt. Mit der Erhebung der Spenden werden in den einzelnen Gemeinden die Schulen betraut.
Vornotizen.
— Tageskalender für Mittwoch: Stadttheater: „Feurio". 20 bis 22.30 Uhr. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: »Er oder 3ch". —
— Aus dem Stad 11h e a t er b ureau wird uns geschrieben: Heute, 20 Uhr, „Feurio!", Lustspiel von Bernhard Blume. Spielleitung Pctcr Fassott. — Am Sonntag, 22. März, kommen die Weiutraubs-Syncopators nach Gießen! Das deutsche 3azzorchester Weintraubs-Synco- pators, eines der prominentesten Berliner Tanz- vrchester, das durch seine musikalische Bühnen- schau und Mitwirkung in den Tonfilmen „Liebes- walzer", „Der blaue Engel" u. a., sowie durch seine Schallplatten Weltruf erlangt hat, ist von der Intendanz des Dtadttheaters Gießen in Gemeinschaft mit dem Goethe-Bund für ein zweimaliges Gastspiel verpflichtet worden. Die Qllor- genfeier, in Verbindung mit dem Goethebund. beginnt 11.30 Uhr bei Morgenfeierpreisen. 18.30 Uhr als Fremdenvorstellung bei kleinen Abend- Preisen. Die Künsller warten morgens mit einem auserwählten Programm auf und bringen abends ein vollständig neues Programm.
— Schiilervorspiel. Zum Besten der Anstalt Bethel gelangt am Samstag, 21. März, 20 Uhr, ein Schülervorspiel von Amalie Holzapfel im Sing» saal des Realgymnasiums zur Aufführung. Frl. Hanna Stellner und Herr Helmut Bayersdorf haben sich zur musikalischen Ausgestaltung des Abends zur Verfügung gestellt. (Siehe heutige Anzeige)
*• Unruhige Nachtstunden gab es in der verflossenen Nacht im Anschluß an eine nationalsozialistische Versammlung, die gestern abend im Cafe Leib stattgefunden hatte. Während die Versammlung dank ausreichender Siche- rungsmaßnahmen einen geordneten Verlaus nahm, sammelten sich in den Straßen zwischen dem (Safe Leib und dem Marktvlatz allerlei politische Gegner der Nationalsozialisten an. Als nach Versammlungsschluh die uniformierten Na- tionalsoziallsten zum „Postkeller" zurückkehrten, drängten ihre politischen Gegner so stark heran, daß die Polizeimannschast zur Verhütung von ernsten Konflikten sich zum Einschreiten gezwungen sah. Eine Anzahl allzueifriger Schreier konnte von der Polizei nur unter Anwendung des
Gununiknüppels zur gesetzlichen Ordnung zurück- geführt werden: eine Prozedur, die in der Wagengasse vor dem „Postkeller" und schließlich noch einmal im Seltersweg zur Anwendung gebracht werden mußte. Abgesehen von diesen jeiben Vorfällen wurde die öffentliche Ordnung nicht gestört, da die Polizei jederzeit die Lage beherrschte.
*• Wüste Ausschreitungen ließ sich ge- tern gegen Abend der in der Katharinengasse 11 wohnhafte Milchhändler Gabriel Mortaigne zu Schulden kommen. Der Mann war vor einiger Zeit wegen Wilddieberei zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt worden, von der er nach Verbüßung eines Teils unter gleichzeitiger (Einräumung einer Bewährungsfrist beurlaubt worden war. Diese Vergünstigung, die er als französischer Staatsangehöriger, der die Rückkehr nach seinem Vaterland zu scheuen hat, besonders hätte schätzen müssen, dankte er den deutschen Behörden gestern sehr übel. In seiner Wohnung mißhandelte er seine Frau und Kinder in schwerster Weise, die Wohnungseinrichtung schlug er kurz und klein und warf die Brocken durch das Fenster auf die Straßenpassanten herab. Als er sich damit noch nicht genug getan hatte, be-
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gönn er die Wohnung in Brand zu stecken, nachdem er vorher die Wohnungstür verbarrikadiert hatte. Die zu Hilfe hcrbeiaerufene Polizei mußte sich, da der Weg durch die Tür versperrt war, den Zutritt zu der Wohnung durch das Fenster erzwinaen. Hierbei wurde ein Polizeibeamter von dem Rasenden mit Faustschlägen attackiert, ferner wurde dem Beamten das Seitengewehr aus der Scheide gerissen, dem Wüterich aber gleich wieder abgenommen. Dann war cs nur unter erheblicher Straft» artftrengung möglich, den Wütenden zu überfälligen und zu fesseln. Trotzdem gelang es ihm, noch auf dem Wege zum Polizeigefängnis einen Dolch in der Länge eines kurzen Seitengewehrs hervor- zuziehen und nach den Straßenpassanten zu werfen; zum Glück wurde dadurch aber kein Unheil angerichtet. Durch sein Toben hatte sich dieser „angenehme Gast" unserer Stadt eine Reihe stärkerer Verletzungen beigebracht, die aber nicht hinderten, ihn auf dem Polizeiamt hinter Schloß und Riegel zu verwahren. Heute wird er dem Gericht vorgeführt, das nun wahrscheinlich den verständlichen Beschluß fassen wird, ihn zunächst zur Verbüßung seiner Reststrafe aus der Wilddiebsaffäre in Gewahrsam zu behalten. Mittlerweile dürfte voraussichtlich ein Ausweisungsverfahren gegen ihn in Gang kommen, da er die deutsche Gastfreundschaft in ungebührlichster Weise mißbraucht hat.
' Vogelsberger Höhen-Club. Die Ortsgruppe Gießen des Vogelsberger Höhen- Clubs vereinigte am Samstagabend ihre zahlreichen Mitglieder unb Freunde zum diesjährigen Stiftungs- und Auszeichnungs'est im Cafe Leib. Die Musikkapelle Weller bestritt den musikalischen Teil der Veranstaltung. Paul Nieren vom Stadttheater wirkte als Ansager und entledigte sich mit viel Geschick seiner Aufgabe, Damen und Herren des Clubs stellten sich für die verschiedenen Darbietungen zur Verfügung. Der Vorsitzende. Steuerinspektor Klemmrath, begrüßte die zahlreichen Besucher, wies auf den höheren Sinn des Clubs hin, der darin bestehe, durch das Wandern den Sinn und die Liebe zur Heimat zu wccken und zu festigen und dadurch der Liebe zum Vaterland die Grundlage zu geben. Mit dem Wunsche, die Mitglieder möchten sich auch in Zukunft recht eifrig an den Wanderungen beteiligen und mit einem kräftigen „Frisch-Auf" schloß er seine kurzen gehaltvollen Worte. 3m weiteren Verlaufe des Abends wurden eine Reihe von Mllgliedern für ihre eifrige Beteiligung an den Wanderungen des Clubs mit besonderen Nadeln ausgezeichnet. Die Nadel 25 erhielten (die Ziffer in Klammern bedeutet die Anzahl der Wanderungen): Chrisllan Geldbach (31), Gretel Lemp (27). Nadel 50: Karoline Betz (51), Anni Bergen (52), Helene Bergen (50). Anna Malko- mesius (50). Nadel 75: Anton Betz (81). Alfred Betz (89). Georg Frihsch (83). Adolf Pfaff (80). Nadel 100: Karl ®rüget (109), Curt Oppenheimer (108), Emst Petri (100). Nadel 125: Heinrich Kraft (125), Karl Gustav Schmidt (130), Fritz Schwab (132). Nadel 150: Ad. Schneidmüller (153). Nadel 175: Cd. Rademaker (180), Karl Stroh (175). Nadel 275: Carl Faber (284), Christian Georg (280). Das Programm des Abends brachte eine Fülle der verschiedensten Darbietungen. Herr Curt Richter (Tenor) sang einige Dollslieder sowie zwei Schlagerkompositionen und fand damit den stärksten Beifall. Paul Nieren rezitierte ernste Gedichte von Löns uni) Seibel und fesselte damit die Auf- merksamkell der Zuhörer. Ein Dauerntanz, von acht VHC.-Schwestern aufgeführt, mußte wiederholt werden, da er ganz besonders gut gefiel, unter dem Titel „VHC.-Pinselers Schlußrast" wurden die markantesten Wander-Erlebnisse in .humorvoller Form und unter dem verständnisinnigen Lächeln der eingeweihten Zuhörer zum Vortrag gebracht. Schließlich gelangte noch ein Sketch und ein lustiges kleines Theaterstück zur Aufführung, die beide verdienten Beifall fanden. Der Abend verlief in harmonischer Geselligkeit.
Srieffaften der Redaktion.
G. A. 6. B. Wir veröffentlichen feine Kreuzworträtsel im redaktionellen Teil unserer Zeitung. Biele Zeitschriften, Magazine, Illustrierte Zeitschriften, auch Tageszeitungen sind u. U. ständige Abnehmer.
6. St., weitershain. Professor Dr. Blecher: „Einführung in die heimische Vorgeschichte" und „Walo, der Pfohlbauer" (ein Kulturbild aus der heimischen Vorgeschichte für die Jugend und chre Freunde), beide Bücher erschienen im Verlag Bindernagel zu Friedberg. — Der Gießener Lesehalle-Verein (Bücherei, Neuen Bäue, Gießen) verleiht Bücher gegen Bürg- schäft auch nach auswärts.
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