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Mittwoch. 18. Sebruar 1931

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. 41 Zweiter Blatt

Aus dem Reiche der Frau.

Oie Gesundheit -erHausfrau.

Son Dr.Zlse Szagunn-Äerlin.

Die Arbeit der Hausfrau ist an fkf> gefunb. Schon in der Abwechslung der 2lrbeitshaltung, durch die Vielgestaltigkeit der Tätigkeit ist fic körperlich und seelisch zuträglicher als bie me- chanische Teilarbeit der auherhäuSlrch erwerbs­tätigen Frau, besonders auch, da sie m^st mit innerer Desriedigung für die eigene Familie geschieht. Trohdem gibt eS zahlreiche Haus­frauen, die, oft ohne eigentlich krank zu fein. Leiden haben, die sie in ihrer Leistungsfähigkeit und Lebensfreude herabfetzen. Ich denke an Schwellungen der Deine, Krampfadern, Platt- süße, an Verlagerungen und Senkungen der in­neren Organe, an die allgemein überlastete, ner­vöse Hausfrau. Darum verlangt gerade die heu­tige Seit mit ihrer wirtschaftlichen Enge: mit ihrem Mangel an häuslicher Hilfe, mit ihren WohnungS- und ErziehungSschwierigkciten der Kinder ein Mehr an körperlicher und geistiger Leistung, dem nur die gesunde, leistungsfähige Hmisfrau gewachsen sein wird. HauSfrauenver- eine und Hausfrauenzeitungen haben in letzter Zett der Gesunderhaltung der Hausfrau ihre besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Ich er­innere an die Ausstellung des Berliner Haus- frouen-Vereins ,Hausfrau, hüte Dich", die durch die verschiedensten Städte deS Deichs gewandert ist, an die gemeinsame Arbeit von Hausfrau, Aerztin und Architektin auf diesem Gebiet, an die größtenteils erst im Ansang stehende wissenschaftliche Analyse der Hausfrauenarbeit. Ihre Ergebnisse, so wichtig sie sind, brauchen nicht abgewartet zu werden. Schon jetzt lassen sich wertvolle Fingerzeige gehen, die dazu die­nen können, Schäden bei der Ausführung häus­licher Arbeit vorzubeugen und diese Arbeit selbst zu einer gesunden, natürlichen Leibesübung zu gestalten.

SiMg« Beispiele sollen das zeigen.

Don größter Wichtigkeit ist zunächst die rich­tige Körperhaltung. Am anstrengendsten sind langes Stehen, besonders in gebückter Hal­tung. Dun lassen sich aber besonders viele Tä­tigkeiten, die bisher aus Gewohnheit im Stehen verrichtet wurden, kräftesparender im Sitzen er­ledigen: so Kartoffel schälen, Gemüse putzen, aber auch Geschirr spülen und bügeln. Man versuche nur einmal durch Absägen der Tisch­beine sich einen niedrigen Bügeltisch oder durch das Legen des Bügelbretts aus die etwas erhöhten Sitzflächen zweier gegeneinander gekehrter Stühle die richtige Höhe zu schaffen, und man wird sehen, welche Erleichterung das Bügeln im Sitzen bietet. Ucberhaupt ist die richtige Arbeitshöhe von großer Bedeutung. Der Waschkorb, beim Aushängen auf einen Tisch gestellt, statt aus den Fußboden, spart viel unnötiges Bücken. Das erhöhte Untergestell beim Da sch trog (meistens steht er zu niedrig) erleichtert das Waschen erheblich. Ein in der Höhe verstellbarer Küchen­stuhl vermag viele Möglichkeiten für eine rich­tige Arbeitshöhe zu geben.

Daß richtiges Gehen, richtiges Stehen (mit ausgesetztem äußeren Fuhrand und angespanntem Fußgewölbe), ja selbst richtiges Sitzen (nicht mit hohlem, sondern mit angelehntem Kreuz: nicht hart auf der Stuhlkante, sondern tief und fest auf dem Stuhl, ebenso wie richtiges Bücken, Heben und Tragen (nicht mit Bauch und Decken, sondern aus den Schultern heraus durch Mus­kelkraft) oft erst gelernt werden muh, will mancher Hausfrau nicht einleuchten.

In vielen Köpfen spukt noch die alte über­kommene Idee, daßeine gute Hausfrau" nie müßig sein darf, keine Zeit zum Ausruhn oder Kranksein habe. Die Folge ist die immer ge­hetzte, über ihre Kräfte arbeitende, nervöse Frau und Mutter. Die heutige Zeit dagegen verlangt die zielsichere, disziplinierte Hausfrau, die ihren Arbeitsplan so aufzustellen vermag, daß für sie ausreichend Zeit zum Ausruhn, auch während der Tagesarbeit bleibt, am besten nach

dem Mittagessen und in liegender Haltung. Auch eine genügende Dachtruhe ist zur Erhaltung der Dervenkraft nötig und einmalim Jahr ein längererUrlaub von der Wirtschaft" und, wenn es sein muß, auch von den Kindern. Dieser, zunächst so unaus ührbar scheinende Gedanke wird immer mehr als notwendig anerkannt, und dieMüttererholung" beginnt in die Praxis um gesetzt zu werden.

Erhält sich so die Hausfrau einen gesunden, straffen Körper und ein richtiges Gleichmaß der Seele, so wird sie auch den mannigfachen be­sonderen Anforderungen, die aus ihrer Frauen- natur erwachsen während der Periode, der Schwangerschaft, der Stil'züt und der Wechsel­jahre gerüstet gegenüberstehen.

Zu alledem aber braucht sie ebenso und manchmal sogar noch mehr aber auch ihr Mann eine innere Einstellung, die nicht in der nie rastenden, ewig abgerackerten, nervösen Haussrau die gute Hausfrau erkennt, sondern die mit vollem Bewußtsein einen neuen Typ heraus arbeitet: die gut disponierende, sich rationeller Arbeitsmetho­den und Werkzeuge bedienende, gesunde, körper­lich geschulte und geistig bewegliche Hausfrau der Zukunft und bald auch der Gegenwart.

Teppiche reinigen.

Die Farben auf stark abgelaufenen Teppichen wieder he rau szu heben, kennt die tüchtige Haus­frau verschiedene bewährte Mittel.

Ein besonders wirksames allerdings kost­spieliges Reinigungsmittel für einen Teppich, der sehr viel abgelaufen wird, ist reines Ter­pentin. Ein sauberes Tuch darin eingetaucht und kräftig auf dem Teppich verrieben, vermag die Farben wieder verblüffend her au szu ho len. Billiger und gleichfalls sehr gelobt ist die Deini- gung mit Sauerkraut. Einmal bei der ge­wöhnlichen allwöchentlichen Putzerei, bei welcher man die Teppiche nicht zum Klopfen aufheben möchte, verstreut man das rohe Kraut und ver­reibt es gründlich mit den Händen oder einer kleinen Bürste auf der ganzen Fläche. Ist das Kraut schwarz geworden, w kehrt man es mit dem Handbesen ab und wiederholt die Reinigung so lange, bis die Farben des Teppichs wieder frisches Aussehen erhalten.

Mehr gebräuchlich ist die Reinigung durch Teeblä11er, welche, mit einem Guß Essig I angefeuchtet, ebenso auf den Teppichen verrieben I werden wie das Sauerkraut. Für die tägliche | Reinigung genügt es dann, die Teppiche ent-

Das nervöse Schulkind.

Einzige Kinder als Sorgenkinder. - Ursachen, Erkennung und Behandlung der kindlichen Nervosität.

Von Or. meb. Gerhard Fresenius, Stabsschularzt in Berlin.

Die Nervosität im Schulalter ist keine Erfindung der Schule. Sie ist nicht einmal als Neuerschei­nung des Schulkindes zu bewerten. Das nervöse Schulkind war bestimmt schon vor dem Eintritt in die Schule nervös, nur wurde es nicht eher bemerkt.:

Das wird begreiflich, wenn man bedenkt, welch einschneidende Veränderungen in dem Leben des Kindes der Eintritt in die Schule mit sich bringt. Regelmäßige, an Zeit upd Stundenplan gebun­dene Lebensführung übt in jedem Falle, auch in der freundlichsten Schule, einen festen und zunächst ungewohnten Zwang aus. Die Ungebundenheit des Spielalters findet ein Ende. Der gelinde Zwang, der schließlich in jedem Schulsystem steckt, bedeutet auf alle Fälle eine stärkere Bean­spruchung deS Nervensystems. Allerdings eine Belastung, die in der Mehrzahl ohne weiteres gut ausgenommen und vertragen wird. Nur das nervöse Schulkind - es war ja schon vorher ner­vös verträgt diese Belastung nicht so gut.

Was sind denn das für nervöse Kinder? In der Regel sind es einzige Kinder. Die Tatsache, daß in Deutschland die Großstädte mit über­raschender Geschwindigkeit über das Zweikinder­system hinweg zum Einkindersystem übergehen ober bereits übergegangen sind, hat tiefere wirt­schaftliche Gründe. Sie darf aber nicht vergessen lassen, daß die Mehrzahl der einzigen Kinder Eigentümlichkeiten aufweisen, die eben nur dem einzigen Kinde gehören. Meistens sind es eben nervöse Erscheinungen. Das einzige Kind ist viel­fach nicht an den Umgang mit Altersgenossen gewöhnt. Erheblich besser weiß es mit Vater oder Mutter umzugehen. Cs ist entweder durch den Umgang mit den Eltern übermäßig verzogen, selbstsüchtig sogar, oder im Gegenteil verschüchtert und trotzig. Selbstverständlich gilt das nicht für alle einzigen Kinder. Doch vielfach ist es so, und die Nervosität des einzigen Kindes entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Fehlerziehung in der einen oder anderen Richtung. Entweder zu streng oder zu locker und nachgiebig. Jedenfalls fehlt der erzieherische Einfluß von Spielgefährten und Altersgenossen im Spielalter. Ein Manko, das noch in den ersten Jahren der Schulzeit durch einen gut geleiteten Kindergarten ausgeglichen werden kann, den das Kind in seiner freien Zeit es hat im ersten Schuljahr genug davon --

nebenher noch aufsuchen kann. Besser ist es na­türlich, wenn das einzige Kind schon vor der Schule in den Kindergarten kommt.

Doch wäre es falsch, anzunehmen, daß nur ein­zige Kinder nervös sein können. Manche Kinder reagieren von vornherein, vielleicht auf Grund, ererbter Anlagen ober ausgeprägter Nervosität der Eltern, die sich im Umgang den Kindern über­trägt, anders und lebhafter auf seelische Ein­flüsse. Für diese Kinder bedeutet die Schule mit ihrem mehr ober minder leichten Zwang, mit Schularbeiten und der Pflicht zur Konzentration während der Schulstunden, schon eine erhebliche, seelische Belastung. Ihre nervöse Konstitution äußert sich dabei gar nicht immer in rein ner­vösen Erscheinungen. Solche Kinder zeigen viel­mehr ein schlechtes Aussehen und mangelhafte körperliche Entwicklung. Sie sind blaß, haben we­nig Muskulatur und noch weniger Fettpolster. Die Schulterblätter stehen ab. Die Haltung ist schlaff. Der Rücken zeigt Neigung zu Rückgratverkrüm­mung. Diese Kinder sind entweder unter dem Durchschnitt klein, oder übertrieben in die Länge aufgeschossen, während das Körpergewicht zurück­geblieben ist.

Diese Erscheinungen brauchen durchaus nicht in den ersten Schuljahren aufzutreten. Manchmal treten sie erst im Zusammenhang mit der ge­schlechtlichen Entwicklung auf. Immer jedoch sind sie als nervöse Erscheinungen zu werten, auch wenn sie zunächst unter dem Bilde einer Blut­armut auftauchen. Die Klagen dieser Kinder lassen diese Tatsache schon leichter erkennen. Die Kinder klagen oft über Kopfschmerzen, Appetit­losigkeit, schlechten Schlaf. Herzklopfen, Er- brechen, Leibschmerzen, Schwindel und sogar Ohnmacht. Die Untersuchung ergibt keinen organischen Befund. Herz und Lunge sind ge­wöhnlich in Ordnung. Lediglich nervöse ®e- fäßerscheinungen in Form von lebhafter Herztätig­keit, schnellem Rot- und Dlahwerden sind nach­weisbar. Also auch das Anzeichen nervös ge­steigerter Nerveneinwirtung. Die Behandlung des nervösen Kindes ist von Fall zu Fall verschieden. Das Elternhaus und seine Einwirkung muh dabei berücksichtigt werden, etwaige Erziehungsfehler sind abzustellen.

weder mit der Handbürste abzukehren oder mit der Kehrmaschine ober dem Staubsauger zu reini­gen. Sind Mefc beiden Apparate nicht vorhanden, so entstaubt man die Teppiche ebenso gründlich, wenn man die täglich gebrauchte Bürste zweimal wöchentlich mit Salmiakwasser feuchtel.

Sehr irrig ist es. zu glauben, her Staubsauger ersetze alle übrige Reinigung der Teppiche voll­kommen. Die elektrische Maschine erleichtert ledig­lich die tägliche Hausarbeit, erspart der Haussrau das mühselige Knien zur Bürstenreinigung und das häusigere Aus nehm en vor allem größerer Teppiche. Klopft man jedoch nur einmal auf täglich gelaugte Polstermöbel, so wird man er­staunt fein, wieviel Staub uns doch noch immer entgegenkommt. Und wird daran erkennen, daß es durchaus nötig ist, die Teppiche, auf welchen man täglich lebt, zumindest dreimal im Jahr gründlich auszuklopfen.

Allerdings wird durch Klopfen und Bürsten allein dem Teppich ebensowenig der gesamte Staub entzogen, und hier vermag die elektrische Saugmaschine bann sehr dankenswert vervoll­ständigend einzugreifen.

Um Motten fernzuhalten, wird geraten, frisch gedrucktes Zeitungspapier jeweils unter die Teppiche zu legen. Doch ebenso wichtig ist frische Luft und Durchzug. Nur intensive Reini­gung. zumal das Klopfen in frischer Luft, kann die Mottenwürmer, die eigentlichen Schädlinge, vollständig beseitigen. Wohl empsiehlt man un­zählige chemische Mittel zur Mottenabwehr, das Beste aber ist Sauberkeit und Lüftung.

Kaum kann man genug betonen, welch gefähr­licher Krankheitsträger aller Staub ist. Und welch wichtige Dolle für die Gesundheit unserer Familie gerade das Entstauben und Deinhalten von Möbeln und Teppichen spielt. Eva.

$ür die Küche.

Gedämpfte Fifchkoteletten. Von ewjem Seefisch schneidet man fingerdicke Scheiben, zieht die Haut ab, spült die Stücke und salzt sie ein. Nach zwei Stunden läßt man in einem flachen Topfe etwas Fett schmelzen, streut feingewiegte Petersilie darüber und legt die Koteletten dar­auf. Diese bestreicht man mit ein wenig Fett, streut wieder Petersilie darüber, deckt sie zu und dämpst sie eine halbe Stunde lang.

Weihkvhlgemüse. Man nimmt der Per­sonenzahl entsprechend Weißkohl, der möglichst auch zarte, grüne Blätter hat, da das Gemüse schöner aussieht und schmackhafter ist. wenn es nicht nur von Heller Farbe ist. Die Kohlköpfe entblättert man, entfernt die dickeren Dippen, schneidet dke Blätter in halbhandgroße Stücke und überbrüht sie etwa 10 Minuten mit kochendem Wasser. Dann gießt man dicscks ab, preßt die Blätter mit dem Handballen etwas aus und schneidet sie nudelartig. Nun bereitet man aus bester Margarine, Mehl und feingeschnittener Zwiebel (zu einem mittleren Krautkopf nimmt man 50 Gramm Margarine, 50 Gramm Mehl) eine Helle Mehlschwitze, füllt sie mit Wasser oder Fleischbrühe sämig auf, würU mit Salz, Pfeffer, einer Prise Zucker, einem Löffel Essig und dämpft den Weißkohl langsam darin weich. Nach Belie­ben kann man auch ein wenig Kümmel und einige Löffel Sahne beigeben.

Pikante Heringstunke. (Kalt und warm zu gebrauchen.) Einige Löffel feinstes Salat- oder noch besser Olivenöl läßt man gut heiß werden, gibt ebensoviel Löfsel seines Mehl und eine kleine feingeschnittene Zwiebel hinein, schwitzt beides hellgelb und gießt so viel Wasser hinzu, daß man eine dickliche Tunke hat. Dieser gibt man ckie durch ein seines Sieb gestrichene Milch von zwei Heringen, ein verkleppertes Eigelb, zwei Eß­löffel Weinessig und eine Prise Zucker bei, läßt alles zusammen einmal aufkochen und stäubt zu­letzt eine Prise Pfeffer hinein. Feingehackte Peter­silie sollte nicht darin schien. An Stelle der. Heringsmilch kann man feingewiegte Sardellen verwenden.

Ruth Schaumann.

Dichterin und Bildhauerin.

Bon Elsa Dora Wolff

So sonderbar ist es um die geistige Grenzsperre in unserem deutschen Vaterland bestellt, daß eine künstlerische Erscheinung in dem von Berlin be­herrschten Norddeutschland fast unbekannt sein kann, die sich in der süddeutschen Welt mit dem Zentrum München unter Kennern des Echten auf dem Gebiete zweier Künste trotz ihrer Jugend schon einen Namen erworben hat. Der Grund ist klar: Duth Schaumann, die Dichterin, und Ruth Schaumann, die Bildhauerin, wurzelt ganz und gar in der Weltanschauung des Katholizis­mus: aber ihre Wurzeln bringen durch die ober­flächliche Schicht des rein Konfessionellen so tief in den Urgrund religiösen Lebens, daß keine Grenze vor dieser Kunst bestehen sollte. Die junge Künstlerin, die 1899 als Tochter eines im Welt­kriege gefallenen Offiziers in Hamburg geboren wurde, ihre Jugend tn Hagenau im Elsaß und in Uelzen verlebte und erst 1917 in München ihre Heimat fand, hat schon als Vierzehnjährige mit dichterischen Versuchen begonnen. Eine Samm­lung dieser frühen Gedichte ist unter dem Titel Sie Kathedrale" erschienen.Der Knospengrund" zeugt von dem Wachs tun: einer großen lyrischen Kraft und einer Gestal­tungsgabe, die ewig Altes in nie Dagewesenes, Neues zu wandeln vermag. Es geht nicht an, diese Gedichte mit einer literarischen Etikette zu versehen. Eie sind klassisch in der Geschlossenheit der Form, romantisch in ihrer fast mittelalter­lichen Glaubensinnigkeit und volksliedhaften Schlichtheit und dabei wieder urmodern durch die expressionistische Kraft ihrer Bilder. 3mPas­siv n a l" wächst aus dem lyrischen Empfinden plastisch lebendige Gestalt, und das Lied wird zur Ballade. Gleichzeitig wie ein Oratorium und ein Zyklus von Heiligenbildern und Statuen, grup­piert um die Lebens- und Leidensgeschichte Christi, mutet euren das schmale Bändchen an.

Nicht verwunderlich scheint bei dieser Art der Begabung die Wendung zur Plastik. 1918 trat

Ruth Schaumann ohne Vorbereitung in die Klasse von Joseph Wacker le in die Münchener Kunst- gewerbeschule. Aus derselben Gefühlstiefe und Richtung wie die Dichtungen gehen die Plastiken hervor, und festigen sich jene zu bildhafter Form, so lösen sich diese gleichsam in Musik und rhyth­mische Bewegung auf. Man mag vom Standpunkt des absoluten Plastikers manches gegen diese Madonnen und Heiligen, Engel und Kinder aus Holz, Terrakotta oder Broiue einzuwenden haben, wer das Wesen von Ruth Schaumanns Kunst er­faßt, muh erkennen: diese Figuren sind nicht ge­schaffen nach d iesem oder jenem Formprinzip: sie sind gewachsen aus einem Geist, der naiv und notwendig die ihm gemäße Form fand.

Es drängt sich hier unwillkürlich die <yrage auf: Welcher Entwicklung ist eine künstlerische Persönlichkeit fähig, deren Richtung so absolut festgelegt ist, die weder an Tiefe der Auffassung noch an Fähigkeit gewinnen kann, das Gewollte adäquat zum Ausdruck zu bringen? Wieviel von der Fülle der Welt, ihren Hohen und Untiefen kann Raum und Form finden in einer Künstler­seele, die so sanft eingebettet liegt in ihrem Gottesfrieden wie eine Waldkapelle im Tal- grunb? Und wunderbar! Ganz unvermutet finden wir bei Ruth Schaumann selbst die Antwort auf diese Frage, und zwar in demGespräch", in dem ein christlicher Künstler seinem Freunde, dem Weltkind, sein künstlerisches Credo offenbart. Nur was .H glaube, das.wird", antwortet er ihm auf die Vorstellung, warum er nie Hera oder Apoll, nie Aphrodite geschaffen habe. Aber diese christliche Kunst,Ding für Einfältige, Kirchen­mäuse oder Vermummte", deren engen Kreis das Weltkind bespöttelt, vermag sich zu weiten, um das Erleben eines vollerfüllten Menschendaseins in sich aufzunehmen. Christliche Kunst muß keine Kirnst der Einsamen sein. Ruth Schaumann ist keine Nonne. Sie ist Weib und Mutter. Ehe und Mütterlichkeit, beides wird Gegenstand ihrer Ge­staltung, aberAuch über diesen beiden ist Er, unsichtbar!" Und so wird es mit allem sein, was Ruch Schaumann, die Dichterin und Bildhauerin, der Welt noch zu geben hat:In allen Leibern, die ich schaffe, soll Er sein, so Er sich würdigt, hcrabzukommen in diese meine armen Hände".

Ob dies einzeitgemäßes Kunstprogramm" ist, i darüber werden die Meinungen geteilt bleiben, und es ist möglich, daß, wer das Erlebnis nicht verstehen kann, aus dem Ruth Schaumanns Werke geboren sind, auch mit ihrer Form nichts an­zufangen weih. Alle echte Kunst entspringt dem gleichen Geiste, und nichts Gröhes kann ent­stehen, was nicht irgendwie geschaffen wurde ad gloriam dei zum Ruhme Gottes.

Brief an einen Tischherrn.

Von Hedda Westenberger.

Sie kamen kurz ehe man sich zu Tisch setzte. Sic kannten Ihre Tischdame gar nicht. Sie wurden ihr vorgcstellt. verstanden den Namen nicht, waren nur beruhigt, daß Sie cs mit einer Frau und nicht mit einem jungen Mädchen zu tun hatten. Dann führten Sie sie brav zu Tisch.

Irgendeiner flüsterte Ihnen noch zu, der Mann dieser Frau stehe in Verbindung mit dem T-Konzern. Aber was nützte Ihnen das?

Sie mußten nun, aus heiterem Himmel, eine der überaus großen Tafelrunde angepaßte Unterhaltung heraufbefchwören und vorausfetzen, daß Ihre Nach­barin von den ersten Sätzen aus Ihrem Munde auf Ihre Person schließen würde. Und da so ein Diner sehr lange dauert, überdies Ihre Nachbarin eine sehr gut ausiehende, sogar hübsche Frau war, hatten Sie ein gewisses Interesse daran, zu gefallen. Ganz ab- gesehen davon, daß durchschnittlich jeder Mann immer und überall gefallen möchte.

Sie hätten nun nach dem Schema F anfangen können, wie tausend Männer anfangen: Sie hätten von Ihrem Auto reden und dabei erfahren können, daß Ihre Nachbarin siehe da k e i n Auto besaß. Sie hätten auch mit einem guten Witz sich einführen können. Aber gute Witze sind rar und werden auch von anderen nicht immer als solche empfunden. Viel­leicht wäre es auch bequem gewesen zu fragen, ob Gnädigste immer hier wohnen und wo" und hätten sich ausgiebig über die Vorteile dieser oder jener Gegend auslassen können. Aber nach allen diesen Ansätzen zur Unterhaltung hätte diese sogleich wieder gestockt, und noch beim Fisch hätte Ihre Nachbarin sich unsagbar gelangweilt.

Aber so fingen Sie nicht an! Vielmehr gaben sie sich mit der Unbeschwertheit und Neugier eines großen Jungen, studierten gemeinsam mit Ihrer Nachbarin die Speisekarte und sagten dazu, daß das, was sie da beide täten, aber durchaus nichtfein" sei. Damit brachten sie eine kleine Gemeinsamkeit zustande, Ihre Nachbarin lachte und gab die Parole aus, indem sie sagte:Also wollen wir beide getrost einmal unfein sein!'

Da hakten Sie ein. Was überhauptunfein" hieße! Nichts hieße das. Und Sie schütteten eine Flut von Beispielen vor Ihrer Nachbarin aus, die beweisen sollten, wie relativ solch ein Ausdruck sei. Und weil Sie Ihre Nachbarin zu Widerspruch reizen wollten, streuten Sie schlau ein paar blinkende Beispiele ein und der Kamps begann.

Ein köstlicher Kampf. Sie kamen vom Hundertsten ins Tausendste, Sie setzten bei Ihrer Nachbarin auf aller Gebieten große Kenntnisse und Orientierung voraus. Sie streiften Üagesfragen und griffen Pro­bleme an, sie bauten kühne Hypothesen und scheuten sich nicht, in eleganter Attacke auch gegen Ihre Tisch­dame persönlich vorzugehen. Ihre Tischdame aber war ganz bei der Sache, parierte amüsiert und voller Eifer, und ringsum begann man Ihnen beiden schon zuzuhören. Zuweilen versuchten andere Herren, Ihnen den Faden aus der Hand zu nehmen, aber das ließen Sie nicht zu. immer wieder wurde schließlich alles zum graziösen Florettgefecht zwischen Ihnen und Ihrer Nachbarin.

Sie haben sich tapfer geschlagen, mein Herr!

Zwar wußten Sie, als Sie von der Tafel auf* standen, noch immer nicht den Namen Ihrer Dame ganz genau, auch ob sie Auto führe, war Ihnen nicht klar, und daß ihr Mann entfernt mit Ihrem Schwa- Ser verwandt sei, hatten Sie auch nicht erfahren. nd nicht einmal ein Kompliment hatten Sie Ihrer Tischdame gemacht ... Aber was machte das aus! Sie durften mit der Gewähr aufstehen, Ihre Tisch- herrenpslicht glänzend gelöst zu haben.

Und Ihre Tischdame stand in dem Bewüßtsein auf, daß die Form Ihrer Unterhaltung das größte Korn- pliment gewesen ist, das ein Mann einer Frau über­haupt jemals machen kann.

Ich bin mit größtem Vergnügen

Ihre Tischdame. -