Nr. 295 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhesien) Donnerstag, (7. Dezember (95l
Aus der Provinzialbauptstadt
Gießen, den 17. Dezember 1931.
Pflege der Hände im Winter.
Die Haut der Hände ist der Winterkälte in besonderem Mähe ausgesetzt und erfährt dadurch oft nicht unerhebliche Schädigungen. 3n der Kälte ziehen sich die Blutgefäße zunächst zusammen, und die Haut wird kalt. Aach kurzer Zeit tritt indessen eine Erweiterung der Blutgefäße ein, die Wärme erzeugt, aber die Schweihabsonderung hört auf, oder ist auf ein ganz geringes Maß herabgesetzt. 3m kalten Wind verdampft dieser wenige Schweih um so schneller, und die Haut wird trocken. Sie verliert dadurch ihre Geschmeidigkeit und reiht bei Bewegungen leicht ein. Dieser Vorgang wird noch beschleunigt, wenn man mit feuchten, nicht genügend abaetrock- neten Händen ins Freie geht. So entsteht das, was man „aufgesprungene Hände" nennt. Abgesehen davon, dah sie schmerzen und schlecht aus» sehen, besteht die Gefahr, dah durch Verunreinigungen auch Eiterungen mit all ihren, unter Umständen recht bösen Folgen entstehen.
Wie kann man sich dagegen schützen? Aehnlich wie unser Körper selbst verlangt auch die Haut eine gewisse pflegliche Behandlung und Abhärtung. Die Widerstandsfähigkeit der Haut wird nicht durch die übliche Verweichlichung erzielt. Im Winter die Hände nur in warmem Wasser zu waschen, ist falsch. Man nehme vielmehr kaltes, höchstens stubenwarmes Wasser zum Händewaschen, aber man sorge dafür, dah die Hand ordentlich abaetrocknet wird. Dazu eignet sich am besten ein Handtuch aus grobem Linnen, aus Flanell oder ein sogenanntes Frottierhandtuch. Selbstverständlich muß das zum Abtrocknen benutzte Handtuch stets trocken sein. Wenn irgend möglich, vermeide man kurz noch dem Händewaschen auf die Straße au gehen. Gegebenenfalls betupfe man die Haut nach dem Waschen mit etwas Kartoffelmehl, Puder oder dgl., das nach wenigen Minuten wieder mit trockenem Tuch abgewischt wird. Wer besonders empfindliche Hände hat, setze dem Waschwasser ein bis drei Eßlöffel Glyzerin zu und benutze lauwarmes Wasser. Reines Glyzerin ist schädlich.
Sehr wichtig ist es fernerhin, daß im Freien bequeme, am besten wollene Handschuye getragen werden. Lederhandschuhe sind im Winter weniger zu empfehlen, weil sie die Hautatmung erschweren. Wer zu enge, den Blutumlauf behindernde Handschuhe trägt, der darf sich über das Auftreten von Erfrierungen und Frostbeulen nicht wundern.
Dr. K.
Brüning
nicht für Llniversiiätsschließungen.
WTD. meldet amtlich: Trotz wiederholter Richtigstellung wird in weiten Kreisen immer wieder das Gerücht kolportiert, dah der Herr Reichskanzler sich für die Schließung von Universitäten, u. a. von Gießen und Rostock, einsehe. Demgegenüber muh erneut und aus das allerentschiedenste festgestellt werden, dah diese Gerüchte jeder Grundlage entbehren. Der Reichskanzler hat sich niemals in diesem, oder ähnlichem Sinne betätigt oder ausgesprochen.
Wie wir auf Anfrage an zuständiger Stelle der Universität Gießen noch erfahren, ist der Universität weder offiziell, noch inoffiziell auch nur das allergeringstebe- kannt über Aushebungs- ooer Zusammen-
Neue Geschichtsbücher.
— Propyläen-Weltgeschichte, hcr- ausgegeben von Walter Goetz, Vand VI: Das Zeitalter des Absolutismus, 1660 bis 1789. 3m P opylaen-V r ag, Vcr in. P e s: Halbleinen 34 Mark, Ganzleinen 38 Mark. (488) — Mit jedem neuerscheinenden Bande dieses von Walter Goetz planvoll angelegten und ziel- bewuht durchgeführten Werkes (von zehn Bänden liegen nunmehr sechs vor) wird der Grundgedanke, die Betonung der geistigen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge als Unterbau der politischen Entwicklung deutlicher. Die überragende Bedeutung der Persönlichkeit als treibendes Element der Geschichte kommt dabei nicht immer zu ihrem Recht. Richt allen Mitarbeitern ist die Verbindung beider Tendenzen so vollauf geglückt, wie Walter P l a h h o f f, der in dem vorliegenden Bande das Zeitalter Ludwigs XIV. zu schildern übernommen hat. Die Porträts des „Sonnenkönigs" und seines als Persönlichkeit und Staatsmann viel bedeutenderen Gegenspielers Wilhelms HL, des Oraniers auf dem britischen Thron, sind ihm ebenso ausgezeichnet gelungen, wie die klare und fesselnde Darstellung der britischen Staatsrechtslehre in jener für die Ausbildung des konstitutionellen und parlamentarischen Systems in England bedeutungsvollen Epoche (Hob- bes, Locke), die Entwicklung in Osteuropa zur Zeit Peters des Großen und des Schwedenkönigs Karls XII., cd:r d e Kriege Ludwigs XIV. und die Ausbildung des absoluten Königstums in Frankreich. Sehr instruktiv ist seine Schilderung der die französische Außenpolitik seit den Tagen Riche- lieus und Ludwigs XIV. bis zu Rapoleon und Poincarö beherrschenden Tendenzen und ihr Bedürfnis, machtpolitische Triebe nach Erweiterung und Sicherung der Ostgrenze mit Rechtsgründen moralisch zu untermauern. So geht eine ungebrochene Linie von den Reunionskammern und „Devolutionen" Ludwigs XIV. zum Versailler Vertrag Clämenceaus zu Poincares Ruhreinfall und zu dem Schrei n^ch dem „Recht auf Sicherheit und Wiedergutmachung" in unseren Tagen. — 3n erheblichem Abstande von Platzhoff folgt Schnabels Darstellung des 18. 3ahrhunderts in Europa. 3hm ist die oben erwähnte Synthese nicht gelungen. Besonders enttäuscht seine Schilderung der Schlesischen Kriege, die kaum das dürftigste Gerippe aufzeigt und auch den großen Gestalten dieser Zeit, Friedrich dem Großen und Maria Theresia, nicht gerecht wird. Friedrich dem Großen wird in schulmeisterlichem Tone angekreidet, daß er bei seinem politischen Handeln nicht großdeutschen Gedanken Raum gab, die erst ein Jahrhundert sbäter, nach der großen Zaesur der französischen Revolution/ reiften. Dabei wird nicht beachtet, dah der tatsächliche Zustand des Reichs, das schon seit Karl V. und mehr noch nach dem Dreihigiährigen Kriege unaufhaltsam dem Verfall zutrieb und nur mehr ein Anhängsel der habsburgischen Hausmacht war, jede andere. Politik als die auf eine Großmachtstettung Preu-
Boykoitdes Gießener Mehmarktes
Oie Viehhändler-Organisationen gegen die Stadtverwaltung.
Der Verwaltungsrat und Interessenausschuß des Gießener Viehmarktes bittet uns um die Aufnahme der nachstehenden Zeilen. D. Red.
In seiner letzten Sitzung hat der aus den Vertretern der einzelnen Viehhandels-Organi- | o t i o n e n bestehende Verwaltungsrat des Viehmarktes Gießen beschlossen, seinen Mitgliedern zu empfehlen, den Gießener Viehmarkt bis auf weiteres nicht mehr zu besuchen.
Die folgenden Ausführungen sollen dazu dienen, die Öffentlichkeit über die Gründe, die diesen Beschluß herbeiführten, aufzuklären:
Seit etwa einem Jahre bewegen sich die Vieh- preise auf einer absteigenden Linie, die seit Juli dieses Jahres katastrophale Formen angenommen* hat, so daß die Preise heute schon unter dem Vorkriegsstand sind. Man hätte meinen sollen, daß als logische Folgerung gleichzeitig eine Senkung der Gebühren und sonstigen Unkosten eingetreten wäre. Gerade das Gegenteil war jedoch der Fall, denn Gebühren usw. erfuhren in dieser Zeit eine wesentliche Erhöhung. Allgemein macht man zur Zeü für Abbau in jeder Hinsicht Propaganda. Vichhandel und Landwirtschaft müssen diese Bewegung zwangsläufig mitmachen: auf keinem Wirtschaftsgebiet hat der Preisabbau derartige Ausmaße angenommen, wie gerade hier, und nirgends entstanden größere Verluste, als in diesen Sparten. Aber eine Verringerung der Unkostenspanne, die sich zum überwiegenden Teil aus Gebühren und Frachten zusammengesetzt, ist nicht zu ermöglichen, weil die zuständigen Behörden sich einem Abbau der Gebühren usw. mit allenMitteln wider- setzen.
Eingeweihte Kreise, die wissen, wie oft die Geschäfte in letzter Zeit Verlustgeschäfte für den Viehhandel waren, werden die Erbitterung über das starre Verhalten der Behörden verstehen können. Daß das Verhalten der Behörde auch zu einer außerordentlichen Schädigung des einheimischen Gewerbes führt, ist eine Tatsache, die wir sehr bedauern, zumal wir uns als Angehörige des gewerblichen Mittelstandes in jeder Hinsicht schicksalsverbunden mit ihm fühlen.
Der hiesige Markt hat in den letzten Jahren einen eminenten Aufschwung zu verzeichnen. Hinsichtlich der Auftriebszahl dürfte er in diesem Jahr in Deutschland an zweiter Stelle rangieren, daneben ist aber die Besucherzahl, bedingt durch die besonderen Verhältnisse des hiesigen Marktes, die weitaus größte von sämtlichen großen deutschen Zuchtvieh
höfen. Man kann nicht sagen, daß der hiesige Markt durch besondere Bemühungen seitens der Stadtverwaltung zu so großer Bedeutung für den deutschen Viehumjchlag gekommen ist. Gießen verdankt dies in erster Linie dem Umstand, daß es geographisch genau im Zentrum der Ueberschuß- und Bedarfsge- biete Deutschlands liegt. Wenn man sieht, welche gewaltigen Anstrengungen andere Städte machen, um den Viehverkehr an ihren Platz zu leiten und welche Summen deshalb sowohl zu Propagandazwecken, als auch zur Verbesserung der Marktan- lagen ausgegeben werden, so muß man wirklich auch von der Stadt Gießen verlangen können, daß sie den mehr als bescheidenen Wünschen der hiesigen Marktbesucher Rechnung trägt. In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, daß Gießen von allen großen deutschen Viehmärkten die primitivsten Marktanlagen besitzt. Bei jeder Witterung müssen die Besucher mit ihrem Vieh stundenlang im Freien herumstehen; und man kann wirklich nicht umhin, festzustellen, daß die Anlagen des hiesigen Viehmarktes, der Bedeutung desselben entsprechend, vollkommen ungenügend sind. Man hat den Eindruck, als betrachte die Stadt Gießen den Viehmarkt als eine gut fließende Steuer- bzw. Einnahmequelle unter Verkennung dessen, daß es sich hierbei in erster Linie um eine werbende Anlage handelt. Man muß zu dieser Meinung kommen, wenn man sieht, wie die Stadt den Ermäß'gungsanträgen der Viehhändlerorganisationen entgegenkommt. Statt als Unternehmerin des Marktes mit'dem Gebührenabbau usw. vorbildl'ch voranzugehen, hat die Stadt die diesbezüglichen Eingaben des Viehhandels nicht nur sehr zögernd und ablehnend beantwortet, sondern sich sogar alle Antworten förmlich abpressen lassen. Es sei hierbei bemerkt, daß die Anträge des Diehhandels sich nicht etwa auf phantastische Projekte oder Summen beziehen, sondern daß es sich hierbei um berechtigte Wünsche bezüglich einer b e - f d) eibenen Senkung der Gebühren bzw. um dringend notwend i ^Verbesserungen an den Marktanlagen handelt, die beide ohne große Opfer durch die Stadt zu ermöglichen wären.
Da die Stadt Gießen den Anträgen des Vieh- handels in keiner Weise entgegengekommen ist. muß der Viehhandel die Verantwortung für die Ereignisse ablehnen. An der Stadtverwaltung liegt es nun, Erwägungen darüber anzustellen, welches für sie in Zukunft der richtigere und zweckmäßigere Weg ist.
legungspläne, bei denen unsere Landesuniversität in Betracht käme.
Gießener Wochenmarktpreise.
* G i e ß e n, 17. Dez. H:utie Wo^enmar.t.rreise: Butter 120 bis 150 Ps. lKochbuttcr von 110 Pf. an), Matte 25 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140, Wirsing 7 bis 8 (pro Zentner 4 bis 5 Mk.), Weißkraut 5 bis 6 (pro Zentner 3 bis 3,50 Mk.), Rotkraut 7 bis 8 (pro Zentner 4 bis 5 Mk.), gelbe Rüben 8 bis 10, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20, Tlnterkohlrabi 5 bis 6, Grünkohl 10 bis 12, Rosenkohl 15 bis 20,
Feldsalat 80 bis 100, Tomaten 50 bis 60,
Zwiebeln 10 bis 12, Meerrettich 35 bis 70,
ßens gerichtete ausschloh und daß Oesterreich schon durch seine Verbindung mit Böhmen, Ungarn und Oberitalien längst fein deutscher Staat mehr war. Das Ergebnis der schlesischen Kriege und die polnischen Teilungen verstärkten nur Tendenzen, die längst wirksam geworden waren. Ausführlich und fesselnd ist auch bei Schnabel die Darstellung der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung, wobei auch die heute häufig unterschätzte Bedeutung der Monarchen des aufgeklärten Absolutismus als Anreger und Förderer (Merkantilismus, Bauwesen, Bildung, Rechtspflege) unterstrichen wird. Ein besonders interessantes Kapitel ist dem Aufstieg des Bürgertums gewidmet. — Oskar Walzel, der Bonner Literarhistoriker, hat einen zwar kurzen, aber gedankenreichen und anregenden Abschnitt über die weltanschaulichen Wesenszüge der Aufklärung und ihre Rückstrahlung auf Dichtung und Kunst beigesteuert. — Richt ganz organisch ist der Zusammenhang mit den drei letzten Kapiteln, die die europäische Kolnnialpolitik seit der Entdeckung Amerikas und :e angelsächsische Staatenwelt schildern. Hier ^iauch gelegentliche Parallelen und Wiedevh^ltz'^ji nicht vermieden. Für Laien dürften abe;/ gerade diese Kapitel im allgemeinen Reulanh. erschließen. Wer weih etwas von der Ostindischsn Kompanie, die den Sundaarchipel, noch h-ute die Quelle von Hollands Reichtum, erschloß? Wer weih etwas von dem bedeutenden 3ohann Moritz von Rassau-Siegen, der für die Amsterdamer Kau'herrn die Küste Brasiliens eroberte und dessen Statthalterschaft in „Reuholland" die Glanzzeit Pernambucos bedeutete? Hermann W ä t j e n berichtet hierüber. Richt viel mehr ist im allgemeinen auch über die französische Kolonialarbeit in Kanada und Louisiana, in dem ungeheuren Raum von der Hudsonbai und dem St. Lorenzstrom bis hinunter zum Golf von Mexiko und der Mississipvimündung, bekannt. Hans P l i s ch k e verbreitet s'ch hierüber in einem interessanten Beitrag, der Westindien und die Gebiete des Stillen Ozeans (Australien) einschließt. Einen n~uen Höhepunkt erreicht der Band mit der abschließenden Arbeit Felix Salomons, des verstorbenen Leip-iger Historikers, dem wir u. a. eine ausgezeichnete ..Englische Geschichte" verdanken. Salomon schildert Entstehen und Entwicklung des britischen Kolonialreichs von der Tudorzeit bis zum Abfall der Bereinigten Staaten, eine glänzende Darstellung, die als Vorgeschichte des „Emvire" dem Verständnis der heutigen weltpolitischen Lage dient und schon deshalb unser besonderes Interesse beanspruchen darf. — Auch dieser Band ist vom Verlage wieder mit einer Fülle von Bildern, Faksimiles von Dokumenten und Briefen, Karikaturen, Planen und Entwürfen in aus- gez ichneter Wi?der"abe nach zci'g-nös'i'chm Verlagen verschwenderisch ausgestattet. Besonders schön z. D. ein Rotenblatt Bachs und die lln- abhängigkeitserfürung der Vereinigten Staaten im handschriftlichen Entwurf 3effersons.
Schwarzwurzeln 25 bis 35, Honig 40 bis 50, Kartoffeln 4 (pro Zentner 3 bis 3,50 Mk.), Aepfel 8 bis 10, Birnen 8 bis 10, Rüsse 35 bis 40, Dörrobst 30 bis 35, Enten 80 bis 100, Suppenhühner 70 bis 80, Gänse 70 bis 80, junge Hähne 80 bis 90 Pfennig pro Pfund; Tauben 50 bis 60, Eier 14 bis 15, Lauch 5 bis 10, Blumenkohl 20 bis 60, Rettich 10 bis 15, Endivien 8 bis 10, Oberkohlrabi 8 bis 10, Sellerie 10 bis 40 Pfennig pro Stück.
Bornotizen.
— Tageskalender für Donnerstag: Oberhessischer Kunflverein, Kü..st.erhilfe, Turmhaus am Drandplah, 15 bis 17 Mr. — Oberhesf.
— Wolfgang Goetz: Eine deutsche Geschichte. Verlag Ullstein, Berlin. Preis Ganzleinen 12 Mark mit 44 Abbildungen auf 32 Tafeln. — 409) — Eine deutsche Geschichte von den alten Germanen bis auf unsere Tage in einem Bande mag man mit einiger Skepsis aufschlagen. Aber das Buch von Wolfgang Goetz, den sein Gneisenau- Drarna bekannt gemacht hat, ist aufs Ganze gesehen eine angenehme Enttäuschung. Mit sprühendem Temperament, stark subjektiv, ohne Rücksicht auf überkommene Auffassungen läßt der Dichter in packendem, plastisch formendem Stil den Lauf der deutschen Geschichte wie einen reißenden Sturzbach sich über uns ergießen. Es ist bei dieser Art zu schreiben nicht verwunderlich, wenn einem manches nicht behagt, manches salopp und überspitzt, gesucht und gewollt pikant erscheint. Auch die einzelnen Partien des Buches sind Goetz sehr verschieden gut gelungen. Nicht einig gehen wir mit großen Teilen seiner Darstellung der mittelalterlichen Kaisergeschichte. Was da z. B. über die Jtalienpolitik Friedrich Rotbarts oder über die Persönlichkeit des anderen Staufers Friedrichs II. gesagt wird, scheint uns allzu trivial und an dem Kern der Probleme vorbeizugehen aber je mehr sich die Darstellung der neueren Zeit nähert, um so schlackenloser treten alle Vorzüge des Buches hervor. Die Gestalt Luthers, die feinsinnige Deutung Wallensteins als Symbol des deutschen Volkscharakters, die zugleich mutige wie klug begründete Ehrenrettung Friedrich Wilhelms I. und des preußischen Militarismus, die wohlabgewogene und doch warmherzige Darstellung Friedrichs des Großen, die sich gleich weit entfernt hält von kitschig-kritikloser Verhimmelung wie von ebenso moderner kleinlich-nörgelnder Besserwisserei, das sind ein paar Glanzpunkte des Buches, das man, obwohl es oft zum Widerspruch reizt, doch Seite j "r Seite bis zur Schilderung des Weltkriegs und der Not unserer Tage in einem Zuge lesen wird.
— Walther Reinhardt: George Washington. Die Geschichte einer Staaten- Gründung, Sozietäts-Verlag, Frankfurt a. M. Preis 7,50 Mk. (518) Es ist erstaunlich, dah das außerordentliche 3nteresse, das der amerikanische Kontinent und seine gewaltigste politische und wirtschaftliche Machtzusammenballung, die Vereinigten Staaten in der Alten Welt gefunden haben, sich bislang auf die Entstehungsgeschichte der USA. oder gar aus die der Llnabhängigkeitser- klärung vorangegangene Epoche der Entdeckung und Besiedelung durch Holländer, Briten, Franzosen und Spanier nicht erstreckte. Soviel nützliche und leider weit mehr oberflächliche und überflüssige Bücher über den phantastischen wirtschaftlichen Aufstieg Amerikas seit seiner Schiedsrichterrolle im Weltkrieg erschienen sind, so dünn gesät ist die auch für den interessierten Laien brauchbare Literatur über die früheren 3ahrhun- derte. Er war zumeist auf kurze Darstellungen angewiesen, die einzelne Epochen der amerikanischen Geschichte in Zusammenhang mit den Vorgängen in Europa behandelten. So ist es kaum glaublich, dah zwar über den großen Staatsmann des
Geschichtsverein. 20.15 älhr, Hörsaal 45 des Vorlesungsgebäudes der Tkniversität. Vortrag über „Luther und Meister Eckhart". — Oberhess. Gesellschaft sür Ratur- und Heilkunde, 20.15 Mr, Hörsaal des Forstinstituts Braugasse, Sitzung. — Lichtspielhaus. Bahnhofstraße: „Der Fall des Generalstabsoberst Redl". — Astoria-Lichtspiele, Seltersweg: „3m weißen Röhl."
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Morgen beginnt die 12. Vorstellung im Freitag-Abonnement bereits um 19.30 älhr. Zur Aufführung gelangt das diesjährige Weihnachtsmärchen „Die Wunderlampe" von Werner Schmidt, das vor einigen Tagen in Heidelberg seine erfolgreiche Uraufführung erlebte. Die Spielleitung dieser Märchenerstauf- sührung hat Karl Volck. Es dürfte wenige Weihnachtsmärchen geben, die in solchem Maße Kinder wie Erwachsene gleichmäßig in ihren Bann zu ziehen vermögen. Anschließend erfolgt in neuer Inszenierung und Ausstattung die Aufführung des Balletts „Die Puppenfee" von Gaul und Haßreiter und der Musik von Bayer. Auch dieses hübsche Tanzstück ist ganz aus dem Geiste und Sinn eines kindlichen Gemütes gestaltet und wird nicht nur den Kleinen, sondern auch den Großen Genuß bereiten. Spielleitung dieser Ausführung hat Karl He Yser. Kapellmeister Cuje hat die gesamte musikalische Leitung beider Stücke. Der choreographische Leiter Ewald B ä u l k e hat die Gesamteinstudierung sämtlicher in beiden Werken vorcommenden Tänze übernommen. Ende der Vorstellung gegen 22 Uhr.
Abg. Keder in Gießen vor Gericht.
* Gieß en, 16. Dez. Reichstagsabg. Gottfried Feder von der Rationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei stand heute vor dem Erweiterten Schöffengericht Gießen unter der Anklage, sich eines Vergehens gegen das Gesetz zum Schutz der Republik schuldig gemacht zu haben. Cs wurde ihm zur Last gelegt, in einer öffentlichen Versammlung in Schotten, in der er in der Hauptsache über Steuern gesprochen hatte, gesagt zu haben, die Republik sei ein organisiertes Ausplünderungsinstitut ^um Zweck der Steuereintreibung. Diese Vescyuldigung wurde durch eine Reihe von Zeugen bestätigt. Der Angeklagte bestritt dagegen die Aeußerung' in dieser Fassung und behauptete, etwa gesagt zu haben, der heutige Staat sei ein organisiertes Steuereintreibungsinstitut. Die Republik als solche habe er nicht angreifen wollen und nicht angegriffen, da es ihm nicht auf die Staatsform, sondern auf den Inhalt ankommP Das Gericht erachtete eine Beschimpfung der verfassungsmäßig festgestellten republikanischen Staatsform in objektiver Hinsicht nicht für gegeben und sprach den Angeklagten frei.
*• Die Dienst stunden des Theaterbureaus. Man schreibt uns: Es liegt Veranlassung vor, nochmals darauf hinauweisen, daß die Dienststunden des 3ntendanzbureaus (Eingang: Reuen Säue) werktäglich in der Zeit von 10-13 Mr und von 16-18 Mr sind.
** Winter im Vogelsberg. Der Winter hat im Vogelsberg, wenigstens so weit es den Schneefall betrifft, erst sehr sparsam Einzug gehalten. Die Schneedecke ist über 8 Zentimeter Höhe noch nicht hinausgekommen und außerdem verweht. Die Sportmöglichkeiten sind infolgedessen noch gering. Die Temperatur betrug heute morgen — 9 Grad. Das Wetter ist sehr llar.
** Offenhaltung der Friseur- uijib Metzgerläden am dritten Weihnachts.
Bürgerkrieges, Abraham Lincoln, in den letzten 3ahren einige gute Bücher in deutscher Sprache erschienen sind, aber des populärsten Amerikaners, George Washington, Oberbefehlshaber im äcknabhängigkeitsfeldzuge und erster Präsident der jungen USA., bis zu seinem 200. Geburtstage auf eine Biographie aus deutscher Feder warten mußte. (Wir sehen dabei von dem mehrbändigen Werk Walther Dloems ab, der die Gestalt Washingtons in einem lesenswerten Roman verwertet hat.) Walther Reinhardt, der sich dieser Aufgabe unterzogen hat, vereinigt eine außerordentliche Beherrschung des großen Quellenmaterials mit der Gabe anschaulid)er Darstellung. Ohne im Anekdotischen zu ertrinken oder bei der Schilderung der historischen Ereignisse sich in Einzelheiten zu verlieren, gibt er ein plastisches Bild der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Rordamerikas um die Mitte des 18. Jahrhunderts, in dessen Vordergrund dann die Persönlichkeit George Washingtons gerückt wird. Washington war kein Stratege von überdurchschnittlichem Rang, kein Redner von mitreißendem Feuer, kein Staatsmann von Überragenden, schöpferischen 3deen, kein Diplomat von außergewöhnlichem Geschick. Als Feldherr hat er viel Pech gehabt, im ersten Kongreß der Kolonien hat er nie eine Rolle gespielt, in der Pflege auswärtiger Beziehungen waren ihm andere überlegen, beim Aufbau des jungen Staatswesens traten ihm Franc- lin, Hamilton, Morris, Madison, 3efferson u. a. mindestens ebenbürtig zur Seite. Tlnd doch wurde Washington der Führer der dreizehn Kolonien im Kriege, der unumstrittene erste Präsident der jungen Republik im Frieden dank seiner geschlossenen, ausgeglichenen, aus weise Mäßigung abgestellten Persönlichkeit, und seines vermittelnden Charakters, dem Reid, Eifersucht, Mißgunst, Rachtragen sernlag, alles Eigenschaften, die sowohl zwischen den militärischen Führern des amerikanischen Heeres, wie zwischen den Politikern der in ihren 3nteressen divergierenden Kolonien eine bedauerlich große Rolle spielten. Ermißt man die kaum glaublichen Schwierigkeiten, die Washington bei der Ausstellung und dem Zusammenhalten seines Heeres zu überwinden hatte, überdenkt man ferner die einzigartigen geographischen und wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Feldzugesund gewinnt man schließlich einen Eindruck von den innerpolitischen Zuständen in den dreizehn, vom englischen Mutterlande sich loslösenden Kolonien von dem puritanisch-demokratischen Boston int Horden bis zum feudal-aristokratischen Virginia im Süden, eine jede anders in ihrem historischen Werdegang wie wirtschaftlichen Lebensbedingungen und Bedürfnissen, dann erst wird Washingtons staatsmännische Leistung, die nach glücklich beendetem Feldzug dem jungen, unabhängigen Staat eine Epoche ruhigen Aufbaus und Ausbaus verbürgte, uns ganz deutlich. Dies in großen markanten Linien für das breite interessierte deutsche Publikum herausgearbeitet zu haben, ist Reinhardts Verdienst.


